Der autoritäre Charakter im gesellschaftlichen Kontext

A. Exner

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Die Literatur zum Autoritarismus ist seit den 1990er Jahren deutlich angewachsen (Roiser/Willig 2002). Einerseits hat sich die psychologische Forschung dazu intensiviert. Andererseits sind Indikatoren das Autoritarismus Bestandteil einiger politikwissenschaftlicher Studien zum Aufstieg rechtsradikaler Parteien. Die vorliegende Arbeit verortet sich an der Schnittstelle zwischen diesen Forschungssträngen. Die Leitfrage richtet sich auf das Verhältnis zwischen autoritärem Charakter und gesellschaftlichem Kontext: Wie wird dieses theoretisiert und empirisch untersucht? Der Schwerpunkt liegt auf der Rekonstruktion der wenig bekannten Theorien des autoritären Charakters bei Wilhelm Reich und Erich Fromm. Es folgt ein Gang durch die kontemporäre Forschung. Aus Platzgründen werden Untersuchungen zur Sozialisation ausgeklammert, dafür wird die Frage nach der genetischen Bedingtheit politischer Ideologien näher diskutiert. Der Wissensstand zu rechtsradikalen Parteien wird skizziert bevor eine integrative Forschungsperspektive umrissen wird. Continue reading

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Neu-Erscheinung: “Umkämpftes Grün”

Umkämpftes GrünIm Verlag Transcript ist soeben das Buch “Umkämpftes Grün. Zwischen neoliberaler Stadtentwicklung und Stadtgestaltung von unten” erschienen, das Sarah Kumnig, Marit Rosol und Andrea*s Exner herausgeben. Es ist aus unserer Konferenz zu Green Urban Commons in Wien 2016 entstanden.

Aus dem Klappentext:

Urbane Gärten sind aus vielen Städten nicht mehr wegzudenken. Gemeinschaftlicher Gemüseanbau wird dabei oft als rebellischer Akt der Stadtgestaltung von unten verstanden. Gleichzeitig taucht »urban gardening« immer häufiger in Stadtentwicklungsplänen und Werbebroschüren auf.

Die Beiträger_innen des Bandes liefern eine kritische Analyse grüner urbaner Aktivitäten und ihrer umkämpften und widersprüchlichen Rolle in aktuellen Prozessen der Neoliberalisierung des Städtischen.

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Unser Beitrag zu urbaner Landwirtschaft in Wien für den Sammelband “Gesellschaft im Wandel”

https://greenurbancommons.files.wordpress.com/2017/02/cover-sammelband.jpgDer Sammelband “Gesellschaft im Wandel”, herausgegeben von Judith Fritz und Nino Tomaschek, enthält einen Beitrag der Green Urban Commons Forschungsgruppe mit dem Titel “Stadtentwicklung, urbane Landwirtschaft und zivilgesellschaftlich gestalteter Grünraum in Wien”.

Gesellschaft im Wandel Gesellschaftliche, wirtschaftliche und ökologische Perspektiven von Judith Fritz, Nino Tomaschek (Hrsg.),University – Society – Industry, Band 5, 2016, 264 Seiten, br., mit einigen Abbildungen, Buch: 34,90 €, ISBN 978-3-8309-3465-3, E-Book: 30,99€, ISBN 978-3-8309-8465-8

 

 

Aus der Einleitung des Beitrags:

Der Diskurs über die Stadtentwicklung in Wien wird vom Wachstum der Stadt geprägt. Dieses gilt als nicht beeinflussbare, d.h. vorgegebene Entwicklung, die zudem positiv sei, aber auch große Herausforderungen impliziere. Auf diese Leitvorstellung werden fast alle Ziele der Stadtentwicklung hin ausgerichtet, wie unter anderem der 2014 vom Wiener Gemeinderat beschlossene Stadtentwicklungsplan illustriert (MA 18, 2014a).

Das Wachstum der Stadt wird in Wien als ein gesellschaftliches Allgemeininteresse konstruiert. Wachstum wird zum einen als ein Sachzwang dargestellt, zum anderen als ein Zeichen für eine erfolgreiche Stadtentwicklung. So werden grundlegende Fragen der Stadtentwicklung Auseinandersetzungen um die politische Gestaltung von Stadt entzogen. Dem gegenüber geht unser Artikel der Frage nach, wie dieses vermeintliche Allgemeininteresse gesellschaftlich konstruiert wurde bzw. wird und unter welchen politischen und ökonomischen Bedingungen sich das Wachstum der Stadt ergibt.

In den gegenwärtigen Strategien zur Entwicklung der Stadt Wien spielen ökologische Aspekte eine prominente Rolle. Diese werden als Teil einer „ökologischen Modernisierung“ gedacht und ordnen sich tendenziell den Wachstums- und Entwicklungsimperativen unter. Konflikte werden darin kaum beleuchtet sowie Macht und Herrschaft nicht offen reflektiert.

Im Rahmen des vom Wiener Wissenschafts- und Technologiefonds (WWTF) von 2013 bis 2016 geförderten Forschungsprojekts „Green Urban Commons“, das am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien angesiedelt ist, haben wir vor allem zivilgesellschaftlich gestalteten Grünraum in Wien untersucht, der verschiedene Formen von gemeinschaftlichem Gärtnern, kollektive Landwirtschaftsprojekte, Selbsterntefelder und die Begrünung von Baumscheiben umfasst. In diesem Artikel wollen wir den Kontext dieser Initiativen analysieren. Dabei werden wir insbesondere die Widersprüchlichkeit und Umkämpftheit von Stadtentwicklung sowie den Einfluss von Macht und Herrschaft darstellen.

Der Sammelband vereint eine Reihe spannender Beiträge von an der Universität Wien forschenden Menschen. Hier eine Kurzbeschreibung von der Website des Verlags Waxmann:

Gesellschaften wandeln sich – in sozialer, politischer wie ökonomischer Hinsicht. Es besteht kein Zweifel daran, dass sich diese Wandlungsprozesse in den vergangenen Jahrzehnten beschleunigt und tiefgreifende Veränderungen mit sich gebracht haben. Schlagworte wie Individualisierung, Globalisierung oder digitale Revolution stellen das gesellschaftliche Miteinander vor große Herausforderungen, bieten jedoch zugleich Potenzial für die Weiterentwicklung von Gesellschaften. Lebensstile werden vielfältiger, Bildungschancen gerechter und die Altersspanne jener Personen, die aktiv im beruflichen oder zivilgesellschaftlichen Leben stehen, größer. Zugleich sind stagnierendes Wirtschaftswachstum, Klimawandel und wachsende soziale Polarisierung brisante Problemlagen, zu deren Bewältigung wirksame Maßnahmen gefunden werden müssen. Der fünfte Band der Reihe „University – Society – Industry“ beleuchtet diese Wandlungsprozesse in 17 Beiträgen aus interdisziplinären Blickwinkeln und gibt Denkanstöße, um sich den Veränderungen zu stellen.

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Vortrag: Wie zukunftsfähig ist die Energiewende – 14.12., Klagenfurt

Wie zukunftsfähig ist die Energiewende? Grenzen der Erneuerbaren Energien

Vortrag und Diskussion mit Andreas Exner und Werner Zittel

Zeit: Mittwoch, 14. Dezember um 19:00
Ort: Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, Hörsaal 8, Mensagebäude, Obergeschoß, Universitätsstraße 90

Inhalt:
Die Energiewende ist seit einigen Jahren in aller Munde. Debatten um Erneuerbare Energien suggerieren meist deren unbegrenzte Verfügbarkeit.
Wesentliche Bausteine für nachhaltige Energie-Versorgungsstrukturen sind metallische Rohstoffe. Dies gilt nicht nur für die zentralen Technologien der  Energiewende, wie Windkraft, Fotovoltaik, Energiespeicher, Beleuchtungstechnologien, die Elektromobilität u.a.  – Metalle stellen auch eine unverzichtbare Basis für die modernen Informations- und Kommunikationstechnologien dar.
Die Quellen von metallischen Rohstoffen, der Bergbau und die Wiedergewinnung von Metallen aus vorhandenen Beständen, unterliegen sozialen, politischen, ökologischen und geologischen Begrenzungen. Dazu kommt, dass Metalle zum überwiegenden Teil im globalen Norden verbraucht werden.
Fragen auf die im Vortrag u.a. eingegangen wird:
Was geschieht, sollte es bei bestimmten, wichtigen Rohstoffen zu Verfügbarkeitsproblemen kommen?
Wird dadurch die Entwicklung im globalen Süden grundsätzlich begrenzt?
Welche neuen Regulierungen wären zu überlegen, um allen Menschen und Ländern einen gerechten Zugang zu Metallen zu ermöglichen, ohne die moderne Technologien nicht denkbar sind? Und sind solche Regulierungsformen in einer kapitalistischen Wirtschaft möglich?”

Referenten:
Andreas Exner, Mag.rer.nat.; Ökologe, Arbeitsschwerpunkte: Landnutzung, Solidarische Ökonomie, Degrowth, Green urban Commons
Veröffentlichungen: zuletzt: Solidarische Ökonomie & Commons Intro (mit Brigitte Kratzwald), Wien: Mandelbaum Verlag, 2012,

Werner Zittel, Dr.rer.nat.; Ludwig-Bölkow-Systemtechnik,Ottobrunn, Arbeitsschwerpunkte: Verfügbarkeitsanalysen von Energieträgern und metallischen Rohstoffen, Energieszenarien, kommunale Energiekonzepte und Analysen und energiewirtschaftliche Querschnittsthemen
Veröffentlichungen: zuletzt, Fracking: Energiewunder oder Umweltsünde?  Ökonom 2016
http://www.lbst.de/index.html

Kritische Metalle in der Großen Transformation, Hrsg. Andreas Exner, Martin Held, Klaus, Springer Spektrum Berlin Heidelberg 2016
http://www.social-innovation.org/?p=5322

Veranstalter/innen: Katholische Hochschulgemeinde Klagenfurt, OeIE–Kaernten / Buendnis für Eine Welt

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Die Stadt frisst ihre Äcker – Beitrag im Presse-Spectrum

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Peter A. Krobath, Sarah Kumnig und Andrea*s Exner haben in der aktuellen Beilage “Spectrum” der Tageszeitung “Die Presse” einen Artikel zur Situation der städtischen Landwirtschaft und des urbanen Gartenbaus in Wien veröffentlicht.

Link zum Artikel hier.

Einleitung:

Wir brauchen städtische Landwirtschaft für Nahversorgung wie für ökologische Ziele. Doch die Produktion von Gemüse wird in Wien zunehmend durch eine PR-Produktion von Gemüsegartenbildern abgelöst. Über Urban Gardening, Donaufeld, Haschahof – und darüber, was das eine mit den anderen zu tun hat.

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Demonetize: Geld ist das Problem!

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Auf dem Degrowth-Portal gibt es eine interessante Serie von Beiträgen unter dem dem Titel »Degrowth in Bewegung(en)«. Vertreter_innen aus 32 sozialen Bewegungen wurden zu Beiträgen eingeladen. Die Initiator_innen schreiben:

Degrowth ist nicht nur ein neues Label für eine Diskussion über Alternativen oder eine akademische Debatte, sondern auch eine im Entstehen begriffene soziale Bewegung. Trotz vieler Überschneidungen mit anderen sozialen Bewegungen gibt es sowohl bei diesen als auch in Degrowth-Kreisen noch viel Unkenntnis über die jeweils anderen. Hier bietet sich viel Raum für gegenseitiges Lernen.

Wie steht Degrowth im Verhältnis zu anderen sozialen Bewegungen? Was kann die Degrowth-Bewegung von diesen lernen? Und was können andere soziale Bewegungen wiederum voneinander sowie von Degrowth-Ideen und -Praktiken lernen? Welche gegenseitigen Anregungen aber auch welche Spannungen gibt es? Und wo könnten Bündnisse möglich sein?

In einer vierteiligen Serie rebloggen wir hier den Text der Ad-hoc-Gruppe der offenen E-Mail-Liste demonetize.it, der die Perspektive der Demonetarisierung beschreibt. Zu der Ad-hoc-Gruppe gehören Andrea*s Exner, Justin Morgan, Franz Nahrada, Anitra Nelson und Christian Siefkes. Der Gesamttext kann als PDF bei Degrowth heruntergeladen werden. Die folgenden Links werden aktiv, sobald die Artikel online gehen:

  1. Demonetize: Die Kernidee
  2. Demonetize: Die Bewegung
  3. Demonetize: Das Verhältnis zu Degrowth
  4. Demonetize: Anregungen und Ausblick

Links

> Acts of Sharing (englisch)
> Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
> Demonetize it!
>Die Gesellschaft nach dem Geld – Eröffnung eines Dialogs:
> EXIT! – Krise und Kritik der Warengesellschaft
> Geldlos (Österreich)
> Krisis – Kritik der Warengesellschaft
> Mundraub – Plattform für heimisches Obst im öffentlichen Raum
> Streifzüge – Magazinierte Transformationslust
> World Socialist Movement

Verwendete und weiterführende Literatur

Nelson, Anitra 2011. Money versus Socialism. In: Life Without Money: Building Fair and Sustainable Economies. Nelson, Anitra; Timmerman, Frans. London: Pluto Press. 23-44.

Nelson, Anitra; Timmerman, Frans 2011. Life Without Money. London: Pluto Press.

Exner, Andreas 2014. Degrowth and Demonetization: On the Limits of a Non-Capitalist Market Economy. Capitalism Nature Socialism 25(3): 9-27.

Research and Destroy 2009. Communiqué from an Absent Future: On the Terminus of Student Life. Zugriff: 22. Juni 2016.

Vaughan, Genevieve 1997. For-Giving: A Feminist Criticism of Exchange. Austin: Plain View Press.

The Invisible Committee 2008. The Coming Insurrection. Zugriff: 22.06.2016.

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Crowdfunding Clip: “Wir brauchen ein bedingungsloses Grundeinkommen”

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Wir wollen einen Film machen (deutsch und englisch), der die Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens erklärt. In dieser Idee steckt die umfassende Vision einer Gesellschaft, in der es den Individuen als TrägerInnen der Menschenrechte möglich ist, nein zu jeder Zumutung zu sagen, der sie sich nicht freiwillig stellen wollen.

Um diesen Vorschlag gibt es gesellschaftlichen Streit, weil diejenigen, die mehr Macht, Einfluss und Durchsetzungsmöglichkeiten haben als andere, nicht begeistert sind von einem Vorschlag, der es allen ermöglicht, sich Macht und Einfluss zu entziehen und sich auf ihre eigenen Bedürfnisse zu besinnen.

Der Film wird erklären, warum die Idee eines Grundeinkommens gerecht ist und wie sie umgesetzt werden soll. Das Grundeinkommen ist kein Wolkenkuckucksheim, das in der Phantasie an die Stelle von als unzulänglich und repressiv erlebten Sozialsystemen treten könnte, es ist auch nicht der magische deus ex machina, der alle Probleme löst, sondern ein Vorschlag, der Kraft und Richtung gibt beim Eingreifen in die täglichen sozialpolitischen Auseinandersetzungen.

Der Film soll bis September fertig sein, weil dann die 9. internatioale Woche des Grundeinkommens http://www.woche-des-grundeinkommens.eu/ stattfindet, in der er eingesetzt werden soll.

Der Film wir zusammen mit Pudelskern produziert, die auf solche Projekte spezialisiert ist http://pudels-kern.net/ Er wird ca. 210 Sekunden lang sein, in Deutsch und Englisch produziert und für beide Versionen 7000 Euro kosten. Die AG selbst bringt davon 3000 Euro auf, 2000 Euro pro Sprachversion fehlen uns und dazu kannst du beitragen.

Auch eine Facebookseite gibt es dazu
https://www.facebook.com/bgefueralle/

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Werner Rätz: Rezension von “Kritische Metalle in der Großen Transformation”

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Der Autor und globalisierungskritische Aktivist Werner Rätz, der sich unter anderem mit der Frage von Wachstum und Ökologie sowie dem Nord-Süd-Verhältnis befasst, hat eine Rezension unserer Neuerscheinung “Kritische Metalle in der Großen Transformation” veröffentlicht, die hier im Volltext wiedergegeben wird.

Andreas Exner, Martin Held, Klaus Kümmerer (Hrsg.)
Kritische Metalle in der Großen Transformation
Springer Spektrum Berlin Heidelberg 2016
342 Seiten, 39,90 Euro
ISBN 978-3-662-44838-0
ISBN 978-3-662-44839-7 (eBook)

Die Energiewende ist seit einigen Jahren, in Deutschland zumindest, in aller Munde. Nicht mehr nur Grüne, Alternative und Ökos diskutieren darüber, sie ist längst Mainstream bis weit in die Stromkonzerne hinein. Dass sie, soll man das Reden darüber denn ernst nehmen können, einige Voraussetzungen hat, die meist nicht angesprochen werden, ist im kritischen Teil der Öffentlichkeit ebenfalls seit langem bekannt.

Das hier zu besprechende Buch beleuchtet eine der entscheidendsten dieser Voraussetzungen umfassend und von allen Seiten. Es geht darum, dass auch eine Energieversorgung, die komplett aus Erneuerbaren bestehen würde, auf eine materielle Infrastruktur angewiesen ist. Dieses „materiell“ ist durchaus wörtlich zu verstehen, es bedarf der Verfügbarkeit sehr bestimmter Materialien in bestimmter Qualität und bestimmter Menge. Das Wort „kritisch“ aus dem Buchtitel übersetzt Jörg Schindler im letzten Beitrag so: „Die Stoffwende ist eine notwendige Voraussetzung für eine Energiewende.“ (S. 330) „Kritisch“ wären somit diejenigen Metalle, die für eine Stoffwende je nach Betrachtung unverzichtbar, schwer zugänglich oder objektiv knapp sind.

In 16 Artikeln diskutieren insgesamt 27 Autorinnen und Autoren das Thema gründlich und von sehr unterschiedlichen Gesichtspunkten her. Sie alle sind kritische Geister, aber offenkundig war das Kriterium, nach dem die SchreiberInnen ausgewählt wurden, ein fachliches und kein politisches. Das Politik- und Gesellschaftsverständnis in manchen Texten löst bei einem gestandenen Linken wie mir ein leichtes Fremdeln aus, aber in Bezug auf die Ernsthaftigkeit, mit der der jeweiligen Frage nachgegangen wird, sind sie für mich als fachlichen Laien alle überzeugend.

Dennoch ist das Buch kein unpolitisches. Auch das deutet wiederum schon der Titel an, indem er von der „Großen Transformation“ spricht. Dabei handelt es sich um eine Einschätzung und ein Konzept gleichzeitig. Es geht einerseits darum, dass die notwendigen Metalle für die Energiewende physisch vorhanden und tatsächlich nutzbar sein müssen. Das hat objektive Grenzen in vielerlei Hinsicht. Wie viel Vorräte gibt es jeweils in der Erdkruste? Wie sind die Förderbedingungen? Wie funktioniert das Recycling, technologisch-grundsätzlich und tatsächlich? Diese Fragen werden sowohl allgemein wie für einzelne Metalle beispielhaft auch im Detail diskutiert und dargestellt.

Klaus Kümmerer erläutert die „Grundkategorien zum Verständnis der Verfügbarkeit metallischer Rohstoffe“, nämlich „Konzentration, Funktionalität und Dissipation“ (S. 53-86) Themenfremde LeserInnen mögen sich unter den ersten beiden Begriffen etwas vorstellen können, Dissipation dürfte den meisten von ihnen fremd sein und auch mein Rechtschreibprogramm kennt es nicht und markiert es als Fehler. Dabei handelt es sich um einen entscheidenden Vorgang und sein völliges Fehlen in der öffentlichen Debatte weist auf eine zentrale politische Leerstelle. Es geht darum, dass ein Teil der in einem Produkt verwandten Metalle mit dem Gebrauch des Produkts endgültig aus der möglichen Nutzung verschwindet. Dies würde auch dann geschehen, wenn alles Recyclebare tatsächlich wiedergewonnen würde, weil die Art der Verwendung in Legierungen, Abnutzung beim Fungieren des Produkts und Verluste bei der Entsorgung zur kontinuierlichen Verringerung der Mengen führen. In einigen weiteren Artikeln wird dieses Phänomen genau untersucht und für einzelne Stoffe dargestellt. In Bezug auf die Metalle kann es keine umfassende Kreislaufwirtschaft geben. Eine Stoffentropie, also der Verlust von Material, ist unvermeidlich und muss in die Konzeption der „Großen Transformation“ einbezogen werden. Martin Held und Armin Reller: „Die Nutzung von Metallen ist dann nachhaltig, wenn die Metalle im Stoffkreislauf bleiben; denn sie werden ja nicht verbraucht, sondern gebraucht. In der technischen Realität kann diese Grundforderung praktisch nie vollständig erfüllt werden.“ (S. 130)

Welche Anforderungen an eine nachhaltige Politik sich aus diesen Bedingungen ergeben und welche Politiken gegenwärtig tatsächlich diesbezüglich betrieben werden, wird in einer weiteren Serie von Artikeln untersucht. Insbesondere die Frage nach alternativen geopolitischen Möglichkeiten (Lutz Mez und Beehroz Abdolvand S. 141-160) ist dabei bedeutsam, sind doch Versuche der Rohstoffsicherung, nicht zuletzt militärischer Art, eine Konstante aktueller Machtentfaltung. Dennoch wird mir immer absolut rätselhaft bleiben, wie der „globale Norden“ „staatliche Initiativen“ entfalten kann (S.141), wenn der Begriff doch genau darauf hinweist, dass Reichtum („Norden“) und Armut („Süden“) eben nicht nach Ländern und Regionen verteilt sind, sondern nach Klassen und Bevölkerungsgruppen, Armut also auch im Norden und Reichtum auch im Süden, deshalb eben global, vorkommen.

Ein Dritter Teil beschäftigt sich mit „Technologiemetalle(n), Produkte(n) und Märkte(n)“. Bedarf und Knappheiten werden ebenso erörtert wie der aktuelle Stand bezüglich Recyclingmöglichkeiten. Interessant ist der Artikel über das Beispiel „Fairphone“ (Joshena Dießenbacher und Armin Reller S. 269-292), zeigt er doch nicht nur die Möglichkeiten, sondern sehr deutlich auch die Begrenztheiten des Versuchs, in einer auf fossiler Energie beruhenden kapitalistischen Ökonomie nachhaltige Hightechprodukte herzustellen. „Zum aktuellen Zeitpunkt ist eine Bewertung der Fairphone-Anstrengungen in Richtung Fairness und Nachhaltigkeit weder möglich noch sinnvoll…So setzt allein der Name Fairphone, der aus dem Kontext einer Kampagne stammt, das Unternehmen einem sehr hohen Erwartungsdruck aus. ‚Für ein wirklich faires Gerät müsste man die ganze Welt verändern‘, sagt Bas van Abel (der Gründer der Firma Fairphone – WR) zu Recht.“ (S. 287)

Was andererseits neben der notwendigen physischen Verfügbarkeit der Metalle für die „Große Transformation“ erforderlich ist, ihre politische Dimension also, entfalten Andreas Exner, Christian Lauk und Werner Zittel (S. 295-316). Indem sie die Große Transformation als umfassendes, langfristiges Konzept darstellen, lösen sie auch das Rätsel um den Anspruch auf, der sich im Großbuchstaben des Adjektivs ausdrückt. Dabei gehen sie „nicht von der Annahme ‚Eine Welt‘ aus, sondern nehmen die vielfältigen Spaltungen und sozialen Ungleichheiten in den Blick, gerade auch, was die unmittelbaren, höchst ungleich verteilten Konsequenzen von Grenzen der Metallversorgung und die ebenso ungleich in Erscheinung tretenden Herausforderungen der kombinierten Stoff- und Energiewende betrifft. ‚Eine Welt‘ ist erst zu schaffen.“ (S. 295) Aus der im Buch vorgelegten Analyse leiten sie „Regulierungserfordernisse ab“, die sie „in der Perspektive einer globalen Rohstoffgleichheit im Hinblick auf Metalle (kursiv im Original – WR) zusammenfassen wollen.
Diese Perspektive umfasst vier Aspekte:
1. die Absenkung der Metallextraktion aus sozialen und ökologischen Gründen
2. die Koordination von Metallströmen
3. die schrittweise Aufhebung historischer Ungleichheiten der Festlegung von Metallen in Beständen sowie
4. die Erhöhung der Extraktionseinnahmen der Armen an der Peripherie.“ (S. 302f)
Nach einem Blick auf gegen die unbegrenzte Extraktion von Metallen gerichtete gegenwärtige und zu erwartende „soziale Kämpfe und ihre Rolle in der Veränderung wirtschaftlicher und staatlicher Strukturen“ (S. 304) stellen sie fest: „Es ist offensichtlich, dass ein (fast) ausschließliches Recyclierungssystem zur Gewinnung von Metallen kein Wachstum des gesamtgesellschaftlich verfügbaren Bestandes mehr erlaubt. Metalle, die physisch investiert werden sollen, weil sie für neue Verwendungen gebraucht werden, müssen dann zuerst einer anderen Verwendung oder dem Abfall entzogen werden.“ (S. 307) Man kann die Dramatik dieses Satzes gar nicht genug betonen. Energiewende wird ohne völlig neue Verteilung des stofflichen Reichtums auf der Welt nicht möglich sein, nichts anderes heißt das.

Das Buch arbeitet diese Schlussfolgerung detailliert und nachvollziehbar heraus. Es schlägt dabei nie schrille Töne an, sondern argumentiert sachlich, genau und fachkompetent. Einige seiner Texte eignen sich zum immer wieder Nachschlagen von fachlichen Details, haben aber alle auch eine Funktion in der politischen Argumentation des Ganzen. Alle regen an zum Weiterlesen an anderer Stelle, sie sind eine Aufforderung zum Eingreifen in die politischen Geschehnisse und dort eine wichtige Argumentationsgrundlage.

 

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Große Empfehlung: Crossroads-Festival 2016: 1.-10.4.2016, Graz

[via]

CROSSROADS

Festival für Dokumentarfilm und Diskurs

1.-10.4 2016

FORUM STADTPARK, Graz

Vor dem Hintergrund der sich verschärfenden sozial-ökologischen Krise lädt
das Forum Stadtpark mit der fünften Ausgabe des Crossroads Festivals
erneut zur Auseinandersetzung mit entscheidenden Entwicklungen der
Gegenwart ein. Neben aktuellen Krisenfolgen macht die Auswahl prämierter
Dokumentarfilme vor allem Menschen, Initiativen und Bewegungen sichtbar,
die sich für gesellschaftliche Alternativen und ein gutes Leben für Alle
einsetzen. Mit beeindruckenden Bildern werden inspirierende Geschichten
erzählt, die Handlungsmöglichkeiten aufzeigen und zum Aktivwerden
ermutigen.

Filmgespräche im Anschluss an die Screenings ermöglichen es, persönlich
mit Filmemacher_innen und Protagonist_innen ins Gespräch zu kommen und die
in den Filmen behandelten Themen zu diskutieren. Zusätzliche
Diskursformate mit kritischen Denker_innen und Aktivist_innen
vervollständigen das Programm und laden zur Partizipation ein. Diese kann
im Rahmen verschiedener Workshops und Vernetzungstreffen weiter vertieft
werden. Interessierte können Gleichgesinnte kennenlernen und den nächsten
Schritt zum gemeinsamen Handeln machen.

Themenschwerpunkte:
- Solidarische Landwirtschaft & Ernährungssouveränität (2.-3.4.)
- Kapitalismus > Krise > Gegenstrategien (4.4.)
- Feminism in Action (5.4.)
- Mensch-Tier-Beziehungen (6.4.)
- Refugee Realities (7.4.)
- System Change, not Climate Change (8.-10.4.)

Die Filmauswahl:
http://crossroads-festival.org/de/programm/filme2016

Die Programmübersicht:
http://crossroads-festival.org/de/programm/uebersicht2016

Alle weiteren Infos und Updates:
http://crossroads-festival.org

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NEU: Kritische Metalle in der Großen Transformation

Eine Neu-Erscheinung unsererseits:

Kritische Metalle in der Großen Transformation
Hg.: Exner,  Held, Kümmerer
Springer-Verlag.

http://www.springer.com/de/book/9783662448380

Abstract

Das Buch weitet den Blick über die kurzfristige Verfügbarkeit von kritischen Metallen auf die grundlegende Frage: Kritisch für wen? Die Autoren nehmen alle Akteure in den Blick und behandeln geologische, chemische, technische, ökonomische und soziale Aspekte wie auch Fragen des Recyclings und verbinden diese. Auch auf Fragen nach dem guten Leben und des Bergbaus aus der Sicht von Ländern des Südens, Fragen der Ressourcenpolitik und -gerechtigkeit gehen sie ein. Ein weiteres Thema sind das UN-Tiefseebergbauregime und dessen Perspektiven, wie sich zukünftig unkonventionell Erz aus der Tiefsee gewinnen lässt.

Kritische Metalle werden in den übergreifenden Zusammenhang der anstehenden Großen Transformation eingeordnet. Das Buch beleuchtet insbesondere die grundlegende Bedeutung der stofflichen Voraussetzungen der Energiewende und die energetischen Voraussetzungen der Stoffwende wie auch der Digitalisierung. Damit lässt sich zeigen, dass nicht nur seltene Erden kritisch sind, sondern ebenso Industriemetalle wie etwa Kupfer.

Ressourcenpolitik zielt unter anderem auf Sicherung der Primärversorgung mit Technologiemetallen, auf Ressourceneffizienz, Recycling und Substitution kritischer Stoffe. Trotz erster Erfolge ist die Dynamik in Richtung einer zunehmenden Dissipation wertvoller kritischer Metalle ungebrochen. Nötig ist eine rasche Umsteuerung mit dem Ziel, kritische Metalle nicht länger im großen Stil zu verbrauchen, sondern sie klug zu gebrauchen.

Hier der Produktflyer.

Siehe auch unsere jüngsten Veröffentlichungen zum Themenkreis in Energy Policy und Antipode:

Measuring regional resilience towards fossil fuel supply constraints. Adaptability and vulnerability
in socio-ecological Transformations-the case of Austria.

Exner et al.
Energy Policy

http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0301421515302445

Sold Futures? The Global Availability of Metals and Economic Growth at the Peripheries: Distribution and Regulation in a Degrowth Perspective
Exner et al.
Antipode

http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/anti.12107/abstract

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