Wozu Bildung? Nicht zur Tagesordnung übergehen!

[via kärnöl]

Von Andreas Exner

Dieser Beitrag soll der erste in einer Reihe von Reflexionen zur Weiterentwicklung der Bildungsarbeit des ÖIE Kärnten und verwandter Initiativen sein. Der Artikel versteht sich als Weiterführung eines kollektiven Suchprozesses. Ergänzende Beiträge sind ebenso erwünscht wie Kritik und sollen auf www.kaernoel.at veröffentlicht werden. Zusendungen unter exner@buendnisfuereinewelt.at

In einem nicht veröffentlichten Manuskript zu einer Selbstreflexion stellt Walther Schütz – treibende Kraft und inhaltliches Zentrum der Österreichischen Interessensgemeinschaft für emanzipatorische und entwicklungspolitische Bildung (ÖIE) – gegen Ende seines Lebens eine grundlegende Frage zum Sinn von Bildung. Dieser Text hat mich beeindruckt, nicht nur wegen der erschreckend nüchternen Einschätzung der gegenwärtigen Verhältnisse, sondern auch aufgrund der für mich überraschend skeptischen Diagnose einer „Bildungsresistenz“ derjenigen, die wir mit unserer Bildungsarbeit eigentlich ansprechen wollen.

Der Jahreswechsel ist nicht nur traditionell eine Zeit der Selbstreflexion, und war dies auch für Walther immer. Es geht nach dem Wechsel in das Jahr 2013 auch um die Frage, wohin sich der ÖIE bewegen soll. Die Welt- und Lokallage verändert sich dramatisch, doch kann Walther nicht mehr darauf reagieren. Ich möchte Walthers Text daher zum Anlass nehmen, einige Gedanken zum Sinn von Bildung und zur Ausrichtung des ÖIE zu entwickeln und diese zur Diskussion stellen.

Diagnose „Bildungsresistenz“

Besagter Text ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert. Er bezeugt zum Einen den Glauben an den Menschen, den Glauben daran, dass wir auch in unserer fast zwangsweisen Borniertheit noch ansprechbar sind für kritisches Denken, für das Argument, dass wir verstehen können und uns selbst hinterfragen. Ebenso aber benennt er unerschrocken die große Krise, in der sich nicht nur die Weltgesellschaft insgesamt befindet, sondern die auch wir hier in Kärnten erfahren. Während in Griechenland die Strukturanpassung nach den Vorgaben der Troika kalkulierte Todesopfer fordert, ist es in Österreich nicht so weit gekommen; noch nicht jedenfalls. Dennoch ist diese Krise auch bei uns spürbar, in den Köpfen und Herzen der Menschen, als eine Verhärtung. Und das ist zugleich eine Krise des bisherigen Ansatzes der „Bildungsarbeit“, wenn damit die Hoffnung verbunden ist, durch „Bildung“ wesentliche Veränderungen zu bewirken. Man muss sagen, dies ist nicht gelungen, nicht nur in Kärnten.

Dieser Diagnose ist auch nicht wirklich dadurch zu entgehen, dass man Bildung und Politik zu trennen sucht und die Verantwortung für Veränderungen der Politik zuschiebt (zumal der staatlichen). Denn wenn das Ziel der Bildung eben eine Verbesserung von Verhältnissen ist, dann muss sich das wohl oder übel in irgendeiner Form auch als Verbesserung niederschlagen, ansonsten ist das Ziel verfehlt.

Walther stellt in seiner Reflexion zwar fest, dass „Bildung“ gegen den Zug der Zeit weiterhin möglich sei, auch gegen einen anwachsenden Rassismus und das zunehmende Gefühl der Ohnmacht angesichts der Krise. Doch andererseits konstatiert er ein „Bildungsversagen“. Er spricht von einer weitgehenden „Resistenz“ seiner Zeitgenossinnen und -genossen gegenüber einem Hinterfragen des kapitalistischen Entwicklungsmodells, das die Vielfachkrise verursacht: „Diese weitgehende Resistenz ist die Herausforderung, der sich Globales Lernen stellen muss. Sie verweist auf einen harten Kern im Entwicklungsmodell, der zum Thema gemacht werden muss und über den man nicht in positivistischer Manier einfach hinwegsehend so ohne weiteres zur Tagesordnung übergehen kann.“

In diesem Satz steckt Einiges. Ich lasse einmal die Frage nach dem Sinn Globalen Lernens Außen vor. Sie soll zum Thema späterer Überlegungen werden. Die von Walther konstatierte „Resistenz“ verweist seiner Meinung nach auf etwas anderes, auf den „harten Kern“ eines „Entwicklungsmodells“. Dabei, so meint er, handelt es sich nicht um etwas Messbares, leicht Zugängliches, also im erkenntnistheoretischen Sinn positivistisch Erfassbares. Es geht also nicht einfach um bessere Institutionen und Konzepte oder mehr Technik. Er mahnt dazu, bei dieser Resistenz zu verweilen, denn, so meint er, sie verweise auf genau das, was zum Thema gemacht werden müsse, damit emanzipatorische Entwicklungsdebatten überhaupt noch Sinn machen.

Tun wir das also.

Bildung, kritische Bildung und kritische Ent-Bildung

Bildung hat viele Konnotationen, von der Heranbildung des Menschen, seiner Erziehung, bis hin zur Vorbereitung auf die Lohnabhängigkeit: auf dass man sich ihr füge und darin reüssiere; soweit das eben geht. Letzteres dominiert immer mehr ihr Verständnis. Diejenigen, die Bildung verteidigen, charakterisieren diese Ausrichtung auf den Arbeitsmarkt zumeist als Ausbildung. Ihr gehe etwas ab, was Bildung eben ausmache, stehe ihr vielleicht sogar entgegen.

Die Anhängerschaft der Bildung ist nicht einheitlich. Ich möchte an dieser Stelle drei Stränge unterscheiden: erstens einen romantisch-konservativen, der kaum mehr existiert; er will die Erbauung am Wahren, Schönen und Guten gegen den nicht gar so schönen Kapitalismus aufrecht erhalten; ob er diese Erbauung allen zukommen lassen will, ist schon weniger eindeutig. Zweitens einen sozialdemokratischen, der insgeheim dem historischen Bildungsbürgertum nacheifert und es für einen Fortschritt hält, wenn alle Welt Goethe kennt, Tacitus oder Linné. Diese Strömung bestimmt immer noch große Teile der Lehrerschaft und des Universitätspersonals, wenngleich sie sich gegen die gesteigerten Effizienznormen von Staat und Markt kaum mehr zu behaupten weiß. Daraus speiste sich etwa ein bedeutender Teil der Resonanz der Studierendenproteste 2009.

Die dritte Strömung kommt dem ÖIE am nächsten: ein emanzipatorischer Begriff von Bildung. Er will nicht aller Welt die Namen der angeblich Großen lehren, und auch das Bürgertum ist ihr keine Referenz. Dennoch entnimmt sie ihm den Bildungsbegriff. Womit füllt sie ihn? Zuerst einmal mit Paolo Freire. Er gilt als wichtigster Bezugspunkt einer so genannten kritischen Bildung. Dabei sei an dieser Stelle dahingestellt, wie Freire selbst Bildung verstanden hat. Ich möchte den Fokus vielmehr auf die kritische Bildungsarbeit im Sinn dessen legen, wie sie in Österreich betrieben wird.

Kritische Bildung will kritische Inhalte vermitteln, also klassisch aufklären, die Menschen aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit führen. Sie will allerdings auch die damit gesetzte Trennung zwischen den Führenden und den Geführten tendenziell aufheben, will zum eigenen Fragen und Hinterfragen ermutigen. Sie ist also auch ein Prozess der gemeinsamen Selbstreflexion.

Kritische Bildung ist, so verstanden, nicht deckungsgleich mit dem Globalen Lernen, das seit einigen Jahren das vorherrschende Verständnis entwicklungspolitisch relevanter Bildung bezeichnet. Mit der kritischen Bildung teilt das Globale Lernen den Versuch, spezifische Inhalte zu vermitteln, in der Art eines Unterrichtsfachs „Globalisierung“. Diese Inhalte sind, hier nur nebenbei bemerkt, in der Praxis nicht gerade kritisch. Das ist auch kein Zufall. Denn anstelle der Kritik tritt in der vorherrschenden Konzeption Globalen Lernens die Empathie, die implizit als Gegenpol zur Kritik erscheint. Man solle den Menschen demnach Mitgefühl lehren, eine Perspektive der „Einen Welt“ nahebringen, die das Modell der drei Welten – Erste Welt, Zweite Welt, Dritte Welt – transzendiert. Das Globale Lernen wirkt in dieser Konzeption wie eine Brille, die man den Menschen aufsetzen kann – und schon sehen sie die Welt mit neuen Augen. Diese Brille sind spezifische Unterrichtsmaterialien, aber auch die heute nicht zuletzt im neoliberalen Unternehmen üblichen Methoden der Projektarbeit oder für die Gruppendynamik von Managern und die Psychotherapie entwickelte Ansätze wie das Rollenspiel.

Eine kritische Analyse des Globalen Lernens soll hier nun nicht weiter Thema sein. Mich interessiert an dieser Stelle vor allem die Entwicklung kritischer Bildung, wie sie der ÖIE betrieben hat, und der Walther ein „Versagen“ attestiert, ein Scheitern an der „Resistenz“ der von ihr Addressierten.

Wenn man den Begriff kritischer Bildung bei Walther betrachtet, stellt man freilich fest, dass er die klassische Fassung kritischer Bildung bereits überschritten hat. Bei ihm ging es nicht mehr wesentlich um das Vermitteln spezifischer Inhalte über die „große weite Welt“. Dies, so hält er zutreffend fest, leisten bereits die Massenmedien.

Sicherlich besteht ein Mangel an bestimmten Informationen, die von den Massenmedien nicht verbreitet werden, man denke an Solidarische Ökonomien. Doch der Mangel an Informationen kann schwerlich der Grund für die Verschärfung sozialer und ökologischer Problemlagen, für das Andauern des Scheiterns von „Entwicklung“ im Weltmaßstab sein. Von dieser Einsicht aus ist es nicht mehr weit zu dem Punkt, an dem, so getraue ich mir zu sagen, Walther steht. Dort nämlich, alles zu hinterfragen, was der Kapitalismus uns an scheinbaren Selbstverständlichkeiten vorsetzt, in uns hineinpflanzt, aus uns heraus lockt: die Konkurrenz, den Markt, den Staat, die Arbeit, die Orientierung am Mehr und am Immer-Besser.

Das ist nicht mehr ganz kritische Bildung, denn hier soll nichts mehr gebildet werden, sondern eher eine Ent-Bildung stattfinden. Es ist aber auch nicht Globales Lernen in dem heute vorherrschenden Sinn – freilich kann man es auf diese Weise deuten, und das hat Walther auch getan.

Dieses Hinterfragen jedoch, stellt Walther fest, führt nicht weit. Diejenigen, die hinterfragen sollen, fühlen sich selbst hinterfragt. Und das wollen sie nicht. Sie lassen es bleiben, erweisen sich als „resistent“. Ihr Abwehrmechanismus lautet Ignoranz, Desinteresse, Apathie, Kopfschütteln.

Der harte Kern der „Bildungsresistenz“

Worauf verweist diese Resistenz, was ist der „harte Kern“?

Ich wage die Behauptung, dass es sich nicht um einen bewussten Glaubenssatz handelt, nicht um eine bewusste Entscheidung, sondern um etwas, das tiefer geht. Es handelt sich um eine Prägung. Wenn ein Mensch zur Welt kommt sind seine erste Umwelt die Eltern, die Familie. Für lange Zeit nimmt er fast alles, was diese Umwelt ihm vermittelt, für selbstverständlich. Das von selbst Verständliche bildet sich überhaupt erst in dieser Phase der intensiven Sozialisation. Viele Menschen teilen Zeit ihres Lebens bewusst die Werthaltungen und Ansichten ihrer Eltern oder ihrer Familie ohne sie je anders als für selbstverständlich angesehen zu haben. Sie kommen gar nicht auf die Idee, das wesentlich zu hinterfragen. So stark wirkt Prägung.

Es liegt auch nahe, die Anfälligkeit für Herrschaft schon in der Sozialisation in der Familie zu verorten. Das kindliche Erleben der Ungleichheit zwischen ihm und den Eltern kann sich verfestigen, wenn diese Ungleichheit sich als eine Kommandogewalt der Eltern darstellt, sich im aufoktroyiert.

Noch stärker wirkt diese Prägung auf der emotionellen Ebene, das heißt in Hinblick auf das Beziehungslernen. Wir alle wissen, dass ein Verhalten oder ein emotionales Muster, nur weil man selbst es „abstellen“ will, noch lange nicht sich „abstellen“ lässt. Noch mehr als politische Ansichten sinkt das Beziehungslernen in uns ein. Dabei geht es freilich nicht nur um die Familie, die man vielleicht in dieser Hinsicht sogar etwas überschätzt, wenn man psychoanalytisch denkt. Es geht auch um die Schule, die Medien, die Universität und das so genannte Arbeitsleben. Sie alle sozialisieren, bestrafen Abweichungen, manchmal subtil, das andere Mal weniger, und belohnen Konformität.

Was kritische Bildung oder das, was Walther dabei im Sinn hatte, anzielt, ist ein Hinterfragen tiefer Prägungen. Und wenn man sich den Einfluss der Familie auf einen Menschen vor Augen hält, wird klar, wie schwierig das Hinterfragen gesellschaftlicher Selbstverständlichkeiten ist. Wenn nur wenige Menschen je ihre eigenen Familienverhältnisse aus der Distanz betrachten können oder wollen, um wieviel schwieriger muss dies in Hinblick auf die Gesellschaft sein. Kritisches Denken bedeutet aber genau dies: etwas aus der Distanz betrachten und erwägen können, vor allem aber den Herrschenden und den herrschenden Zwängen distanziert zu begegnen, ja, sie anzugreifen.

Soweit wir selbst diese Zwänge reproduzieren und Herrschaft aktiv oder passiv unterstützen, greift diese Kritik auch uns selbst an, entfernt uns von uns selbst, und das kann schmerzen. Das erklärt einen Teil der „Resistenz“ vieler gegenüber kritischer Bildung oder besser: kritischer Ent-Bildung.

Aber ist das schon die ganze Erklärung? Teilt eine kritische Ent-Bildung in dem Sinn, den Walther ihr meinem Eindruck nach gegeben hat, nicht immer noch die Annahme der klassischen Aufklärungsideologie, wonach diese Gesellschaft ein wesentlich von Vernunft bestimmter Zusammenhang ist oder sein sollte? Walther hat dies immer wieder kritisiert. Das ist also nicht der Fall. Doch setzt kritische Ent-Bildung immer noch voraus, dass gesellschaftliche Akteure oder Einzelpersonen wesentlich von Vernunft gesteuert handeln – und denken. Das muss sie vorausetzen, wenn sie über Argumente ansprechen und durch Argumente ein Hinterfragen inspirieren will.

Und hier liegt ein Problem. Wenn die emotionale, aber auch die kognitive Prägung so tief reicht, dass sie einer „Bildungsresistenz“ gleich kommt, dann denken auch Einzelpersonen augenscheinlich nicht unbedingt oder nicht nur auf der Ebene von Vernunft oder der Vorstellung, die sich die philosophische Aufklärung davon macht, die noch den Kern der kritischen Bildung konstituiert.

„Bildungsresistenz“ und Fetischcharakter

Wie also ist dieser „Resistenz“ zu begegnen? Soll man nach der „Bildung“ und der „kritischen Bildung“ auch noch die „kritische Ent-Bildung“ über Bord werfen oder das, was man mit Walther als „Globales Lernen“ neu, nämlich kritisch interpretieren kann? Die Frage reicht bis an die Wurzeln unseres Bildungsauftrags, wie man sieht. Und hier setzt das im besten Sinne radikale Denken an, nämlich an den Wurzeln (lat. radix = Wurzel), und führt, so scheint mir, das fort, was Walther seit jeher betrieb und ihn zur eingangs zitierten Feststellung brachte.

Die Frage nach der möglichen Rolle von Bildung auf der einen und einer möglichen Antwort auf die konstatierte „Bildungsresistenz“ auf der anderen Seite stehen in einem engen Zusammenhang. Diesem  Zusammenhang kann man sich nur annähern, wenn man sich die Frage vorlegt, in welchem Verhältnis die Produktion von Reflexionen über diese Gesellschaft, darunter Bildung und kritisches Denken, mit der materiellen und immateriellen Produktion überhaupt steht; vereinfacht gesagt: was Ideologie oder Kritik mit den Produktionsverhältnissen zu tun haben.

Einigen wird die klassische Kontroverse bekannt sein, die sich um diese Frage rankt. Während die idealistische Philosophie davon ausgeht, dass Ideen die Welt bestimmen und verändern, behauptet die materialistische Philosophie das Gegenteil. Eine ins Usurpatorische getriebene Biologie meint, dass unsere Ideen nur Ausdrücke chemischer Prozesse sind, die in der Evolution entstanden sind. Ein traditioneller Marxismus dagegen sieht die materiellen Verhältnisse einer Gesellschaft als Wurzel der Ideen dieser Gesellschaft über sich selbst an. Während die usurpatorische Biologie gesellschaftlicher Gestaltung grundsätzlich skeptisch gegenüberstehen muss, ist der klassische Marxismus in dieser Frage zwiegespalten. Eine objektivistische Tendenz versteht Befreiung als notwendiges Resultat eines naturgesetzlich ablaufenden gesellschaftlichen Entwicklungsprozesses. Die Anhängerschaft dieser historisch dominierenden Ansicht ist heute mangels Erfolgen stark geschrumpft. Eine subjektivistische Tendenz versteht Befreiung im Gegenteil als Resultat des Klassenkampfes oder, wenn man Klassenkampf ökonomistisch engführt und daher von sozialen Bewegungen unterscheiden will, als Ergebnis von sozialen Kämpfen im Allgemeinen. Das Monopol einer an sozialen Kämpfen desinteressierten „Weltverbesserung“ bleibt dagegen auch heute noch die Vorstellung, man könne die Welt allein oder vor allem über die Veränderung von Ideen ändern. Dies wird auch von einigen linken Strömungen vertreten, die sich als besonders radikal einschätzen.

In der Praxis werden heute Objektivismus und Subjektivismus nur mehr selten in Reinform hochgehalten, und auch bei Marx finden sich beide Aspekte in seinem Werk. Tatsächlich erfassen beide Positionen nur je einen Teil der Realität und sollten sich daher ergänzen. Soziale Bewegungen und auch die Interventionen kritischer Bildung finden unter Bedingungen statt, die sie nicht selbst geschaffen haben, das ist die objektive Seite. Die subjektive Komponente besteht in dem willentlichen Handeln von Akteuren, der Bildung von Strategien und der mehr oder weniger geschickten Intervention.

Schwieriger ist die Frage zu beantworten, welche Bedeutung die Ideenproduktion für gesellschaftliche Veränderungen hat. Auch hier kommt man mit einer Synthese der klassischen Gegenpole der Realität wahrscheinlich am nächsten. Ideen und materielles Handeln stehen in einem wechselseitigen Bedingungsverhältnis und es gibt wohl kein gutes Argument, der einen Ebene vor der anderen den Vorzug zu geben. Die Zustimmung zu Herrschaftsverhältnissen, etwa zur Lohnarbeit, ist ein entscheidender Faktor für ihre Aufrechterhaltung als materielle Praxis. Dass Menschen tagein, tagaus „in die Arbeit gehen“ oder eben „aufs Arbeitsamt“ im Fall von Arbeitslosigkeit, ist nicht allein dem materiellen Zwang geschuldet, in einer Gesellschaft des Privateigentums sich denen zu verkaufen, die über die Produktionsmittel verfügen, also den Unternehmern und Kapitalisten. Sie könnten genauso gut rebellieren, sie könnten, wie etwa ein großer Teil der Native Americans in den USA, im Extremfall sogar den Tod im Kampf der tödlichen Entfremdung vorziehen.

Dass dies nicht geschieht, hat seinen Grund in der tiefen Prägung, die auch die „Bildungsresistenz“ begründet. Menschen, die täglich „in die Arbeit“ gehen und schon von Kindesbeinen an darauf trainiert werden das zu tun, was andere sagen, werden auch nur selten auf die Idee kommen, dies für etwas Eigenartiges oder gar Kritikwürdiges zu halten. Die Lohnabhängigkeit macht in dieser Hinsicht möglicherweise sogar „bildungsresistenter“ als andere Herrschaftsverhältnisse, weil sie den Menschen als eine freiwillig eingegangene Beziehung erscheint. In Normalzeiten hält sich der Staat mit dem Einsatz physischer Gewalt zur Sicherung des Privateigentums im Hintergrund. Es gleicht daher einem Naturgesetz, sich an die Eigentümer der Produktionsmittel zu verkaufen. Wie ein Fetisch, der scheinbar Regen bringt, ist die Maschine des Unternehmers scheinbar Kapital und die Lebenszeit scheinbar eine Ware, die zu ihrem „gerechten Preis“ verkauft werden kann.

Diese „Bildungsresistenz“ erklärt sich, mit anderen Worten, aus dem spezifischen „Fetischcharakter“ der Kategorien, der Grundbegriffe und Grundverhältnisse des Kapitalismus, wie Marx analysierte.

Wie ist der „Bildungsresistenz“ beizukommen?

Es ist also keineswegs eine leichte Sache, Ideen zu verändern. Ein solcher Ansatz sieht sich mit den harten Grenzen von Diskursen konfrontiert, die wiederum die Grundbausteine des Kapitalismus mit sich führen. Nach dem Niedergang der marxistischen Strömungen der 1970er Jahre erlebte die so genannte postmoderne Philosophie ihren Aufschwung. Dabei rückten vor allem jene Ansätze in den Vordergrund, die Veränderung überhaupt nur mehr auf der Ebene von Diskursen ansiedeln wollten.

Auch diese Extremposition wirkt heute eher schon veraltet. Auf alle Fälle entspricht sie nicht der Realität, dass nämlich auch Diskurse sich keineswegs beliebig verändern lassen, weder von den Herrschenden, noch von den Beherrschten. Wenngleich Diskursen also eine Trägheit innewohnt, sind sie doch nicht unbeweglich, sondern verändern sich und reagieren auf Interventionen. Diese Interventionen können diskursiv sein oder aber materielle Aktionen, zum Beispiel Straßenproteste.

Für die Formierung von Diskursen spielen unter anderem NGOs eine Rolle. Es ist nicht allzu weit hergeholt, dass auch die kritische Ent-Bildung einen gewissen Einfluss auf Diskurse haben kann. Die Kritik an herkömmlichen, auch heute noch dominierenden Vorstellungen von „Entwicklung“ etwa war ein Element, das den Nachhaltigkeitsdiskurs beeinflusst hat. Der verband ja bekanntlich die früher getrennten Themenstränge Umwelt und Entwicklung, und das wiederum war nicht zuletzt auch ein Reflex auf die Solidaritätsgruppen im Norden und die Kämpfe im Süden. Auch die Wachstumskritik der 1970er Jahre fand Eingang in den Nachhaltigkeitsdiskurs, und zwar in der Forderung nach einer Veränderung der Qualität von Wachstum.

Man sieht also, dass radikale Kritik diskursiv etwas bewirken kann, und es ist klar, dass ein Diskurs wie jener der Nachhaltigkeit deutliche materielle Auswirkungen hat, sei es durch internationale Regelwerke wie die Klimarahmen- und die Biodiversitätskonvention, sei es durch Konzepte wie die Effizienzsteigerung oder von einer green economy, die sich um die Idee eines „grünen Wachstums“ rankt. Diskursive Veränderungen sind materiell wirksam.

Man sieht an diesem Beispiel freilich ebenso, dass herrschende Diskurse Ansätze kritischer Ent-Bildung in einer Weise aufnehmen, die ihren Stachel nehmen kann. Der Nachhaltigkeitsdiskurs hat dazu geführt, dass radikale Diskurse von der Bildfläche verschwanden. Die meisten NGOs und auch andere, nicht so gut organisierte Gruppen, begannen sich positiv auf Nachhaltigkeit zu beziehen.

Noch etwas zeigt dieses Beispiel allerdings. Der Nachhaltigkeitsdiskurs, der mit dem Bericht der Kommission für Umwelt und Entwicklung der UNO 1987 begründet worden ist, war nicht eine Idee rationaler Überlegung und gutwilliger Diplomatie. Diese beiden Komponenten spielten wohl eine Rolle, aber sie waren keineswegs die letzte Ursache oder das treibende Motiv. Der Bericht „Unsere gemeinsame Zukunft“, der die Nachhaltigkeit auf die Agenda vieler Akteure, vor allem auch der NGOs, setzte, war vom Motiv getrieben, die unruhigen gesellschaftlichen Verhältnisse der 1980er Jahre zu stabilisieren. Der Neoliberalismus war erst im Aufstieg begriffen, der Süden in der Schuldenkrise und als Folge der damals einsetzenden Strukturanpassungsprogramme in einen Prozess der Verelendung eingetreten. Die Position der USA war nach dem Debakel des Vietnamkriegs noch nicht zweifelsfrei wiederhergestellt. „Unsere gemeinsame Zukunft“ spiegelte daher die Sorge der herrschenden Klassen im Norden um gesellschaftliche Stabilität wieder.

Der Ansatz der Nachhaltigkeit war gerade deshalb wirksam, weil er Kritik am Kapitalismus bewusst aufnahm, ihr allerdings mit der Antwort konterte, dass es gerade des Ausbaus von kapitalistischen Mechanismen bedarf, um der ökologischen und sozialen Krise beizukommen. So gelang es ihm, radikalen Protest stillzustellen und ein neues Herrschaftsprojekt zu legitimieren. Dessen problematische Konsequenzen sind nicht nur an dem fortschreitenden Klimawandel, am Artensterben und an Peak Oil zu sehen, sondern auch an den Effekten der Agrofuelproduktion in Gestalt von „Land Grabbing“ und der immer weiter fortschreitenden Vermarktung der Natur, etwa in Form von Emissionslizenzen.

Welchen Schluss kann man daraus ziehen?

Wenn wir von der „Bildungsresistenz“ sprechen und Abschied nehmen von dem aufgeklärten Bild der Vernunft, die unser Handeln steuert, dann verweist uns das Beispiel der Nachhaltigkeit darauf, welche Faktoren, anders als die Vernunft, tatsächlich die wesentlichen Triebkräfte für die Veränderung von Diskursen sind. Welche Triebkräfte können das sein? Wie schon angedeutet, spielt der soziale Protest eine große Rolle für das Anstoßen diskursiver Veränderungen.

Der Nachhaltigkeitsdiskurs ist dafür nur ein Beispiel, und nicht einmal das beste. Harry Cleaver beschreibt in der lesenswerten Einleitung des nun auf Deutsch übersetzten Meilensteins „Das Kapital politisch lesen“ (Mandelbaum-Verlag, 2012) die Etablierung von kritischen Menschen im akademischen System der USA im Verlauf der 1970er Jahre, darunter einige Marxisten in hohen Positionen, was er als Auswirkung der heftigen sozialen Kämpfe der 1960er und 1970er Jahre deutet. Einerseits erfassten diese Kämpfe auch das akademische System selbst, und damit vermittelt die Ausbildung der Lehrerschaft im Schulsystem. Andererseits waren die „organischen Intellektuellen“ (Antonio Gramsci) von Staat und Kapital, also die Verbündeten der herrschenden Klassen an kritischem Wissen interessiert, um besser der Kritik entgegnen zu können, aber auch um die offenkundiger werdenden Schwächen etwa der herkömmlichen Ansätze der Krisenerklärung auszubügeln. All das verschaffte kritischem Denken und kritischer Bildung Freiräume. Man kann vermuten, dass diese Freiräume, die sich in ähnlicher Weise in Deutschland oder Österreich in den 1970er Jahren auftaten, soziale Bewegungen im zweiten Schritt ihrerseits unterstützten.

Man hat seither jedoch gesehen, wie Professuren wieder umgepolt werden, an die Stelle von Marxistinnen treten wieder Neoklassiker, anstelle von Staatskritik angepasste Governance-Forschung und so fort. Die Trägheit des akademischen Systems, das Anstellungsverhältnisse aufrecht erhält auch wenn sich die gesellschaftliche Konjunktur verändert, überlebt das Abflauen von Bewegungen.

Auch in dem Beispiel von Harry Cleaver zeigt sich der soziale Protest, also gerade nicht die Vernunft oder eine kritische Bildungstätigkeit als eine wichtige Triebfeder von Diskursen und zur Schaffung von Freiräumen kritischer Bildung oder sogar von Ent-Bildung.

Die Ent-Bindung „rebellischer Subjektivität“

Wenn der soziale Protest eigentlich an der Wurzel von Kritikfähigkeit steht, und also auch der Empfänglichkeit für kritische Ent-Bildung, was bedeutet das? Abgesehen von der erneuten Einsicht in die Grenzen des eigenen Handelns, die freilich so und so offenkundig sind, könnte sich daraus die These ableiten, dass die eigentliche Bedeutung einer Organisation kritischer Ent-Bildung in diskursiven Interventionen besteht. Das ist ein Unterschied zu einem noch klassisch verstandenen kritischen Bilden von Menschen im Sinn eines Vermittelns kritischer Inhalte. Das ist auch ein Unterschied zu einer Hinführung zu abstrakter Kritikfähigkeit. Denn Kritik bedeutet Distanzierung, eine abstrakt verstandene Kritikfähigkeit, die alles Beliebige hinterfragen will und kann, wäre eine allgemeine Fähigkeit zur Distanzierung von was auch immer. Emanzipatorische Kritikfähigkeit zielt jedoch darauf, Herrschaft zu kritisieren und sich von Herrschaftsverhältnissen zu distanzieren.

Diese Fähigkeit geht nicht unbedingt, vielleicht überhaupt nie wesentlich vom Denken aus, und auch nicht von vernünftigen Überlegungen. Sie wurzelt vielmehr in einer bestimmten Charakterstruktur und in einer emotionalen Befindlichkeit. Die wird zwar auch von Überlegungen beeinflusst, und sicherlich von Worten und Diskursen, lässt sich aber darauf nicht reduzieren. Ulrich Brand hat dies einmal die Notwendigkeit der „rebellischen Subjektivität“ genannt, das heißt einer Haltung, die eine umfassende Widerständigkeit verkörpert und einfach nach Befreiung streben muss, weil dies ihr innerstes Anliegen ist, nicht ein Ausfluss abstrakter Überlegungen und Erwägungen.

Rebellische Subjektivität wird zwar hergestellt, aber man kann sie nicht von Außen herstellen und auch nicht vermitteln. Bildung hat hier eigentlich nichts mehr zu suchen, sie hat ihren Gegenstand verloren, den form- und bildbaren Menschen. Rebellische Subjektivität ist auch durch kritische Bildung nicht zu erreichen. Die führt bestenfalls zu kritischen AkademikerInnen. Eine kritische Ent-Bildung kommt ihr näher, aber sie hat kein Substrat, keinen Anknüpfungspunkt in den Herzen der Menschen, und daher auch nicht in den Köpfen, wenn die rebellische Subjektivität fehlt. Kritische Ent-Bildung kann diese nicht erzeugen. Jemand, der keinen bewussten Widerwillen gegen die Arbeit empfindet, ist für Arbeitskritik bestenfalls als akademische Gedankenübung empfänglich. Niemals wird daraus ein praktisch relevantes Engagement gegen die Lohnarbeit und für Solidarische Ökonomien.

Man könnte hier eher eine kritische Ent-Bindung für sinnvoll halten. Vielleicht hat „Bildung“ in ihrem schon nicht mehr der eigentlichen Bildung zugehörigen Sinn eine Funktion, wenn sie die Zustimmung zu den herrschenden Verhältnissen lockern kann, indem sie Zweifel streut. Zweifler sind unbeliebt, besonders in Diktaturen, weshalb man sie dort auch ebenso verfolgt wie die offene Kritik. Kritische Ent-Bildung ist eigentlich das artikulierte Verweigern ideologischer Gefolgschaft. Durch das eigene Beispiel und die Intervention in Diskurse trägt man diesen Zweifel weiter, macht ihn öffentlich.

Möglicherweise hat sogar die kritische „organische Intellektuelle“ im Sinne Antonio Gramscis hier noch eine Funktion. Eine der bemerkenswerteren Passagen in seinen „Gefängnisheften“ scheint mir die Beschreibung des Mechanismus der Überzeugung zu sein und der Rolle von Intellektuellen darin. Gramsci stellt fest, dass Intellektuelle vor allem die Funktion erfüllen, kohärente Sichtweisen der Welt oder bestimmter Thematiken zu entwickeln. Leserinnen oder Zuhörer können in den seltensten Fällen genau das wiedergeben, was eine Intellektuelle oder ein Intellektueller argumentiert. Doch genügt es unter bestimmten Voraussetzungen, eine solche Kohärenz zumindest nachvollzogen zu haben, um die Basis für den Glauben daran zu erzeugen. Um diese Basis ringen gesellschaftliche Akteure, wenn sie Diskurse zu beeinflussen suchen. Gleichwohl ist selbst Gramsci an dieser Stelle skeptisch, was den Stellenwert von rationaler Überlegung und logischer Kohärenz angeht, wie er vermerkt.

Wahrscheinlich hat auch kritische Ent-Bildung, ja sogar noch die klassische kritische Bildung als ein Vermitteln emanzipatorischer Inhalte bei aller gebotenen Vorsicht solcher Einschätzungen eine gewisse Berechtigung. In einer Zeit, wo es zwar viele Beispiele solidarischer Ökonomien und von Commons gibt, die aber in den Massenmedien fast tot geschwiegen und auch im akademischen System kaum rezipiert werden, ist die Ausarbeitung solcher alternativer Handlungsweisen zu einer möglichen gesellschaftlichen Perspektive dringlich wichtig.

Dies alles ist aber nicht viel mehr als nichts, wenn sich keine rebellische Subjektivität entwickelt. Wenn das Engagement für Emanzipation von zwei Flügeln getragen wird, dem Willen und der Hoffnung, dann gehört dies wohl am ehesten zu dieser letzteren Komponente. Wo keine spontanen Bewegungen rebellischer Subjektivität entstehen, kann man sie auch nicht massenhaft erzeugen. Doch sollte man die Flinte nicht ganz ins Korn werfen. Kritische Bildung, kritische Ent-Bildung und die Ent-Bindung rebellischer Tendenzen können dennoch eine gewisse Rolle spielen.

Die französischen Situationisten hatten eine gewisse Auslöserfunktion für die Unruhen des Pariser Mai 1968, und die Agitation der – sehr kleinen und bedrängten – Kommunistischen Partei der USA spielte eine gewisse Rolle in der Verstärkung der allerdings großteils spontanen Arbeiterproteste in den 1930er Jahren. Die diskursiven Interventionen der mexikanischen Zapatistas waren nicht nur innerhalb Mexikos, sondern auch international für die Entstehung der Globalisierungskritik von großer Bedeutung. Allerdings illustriert gerade dieses Beispiel auch, dass die rebellische Subjektivität entscheidend ist, das heißt die Militanz. Bei den Zapatistas nahm diese Militanz die Form eines bewaffneten Aufstands an. Dafür spielten interessanterweise Bildungsaktivitäten der katholischen Kirche in der Region eine inspirierende und ermöglichende Rolle.

Oft wird die Agitation der marxistischen Studierenden an den Fabrikstoren in Deutschland oder Österreich als beinahe lächerliches Beispiel für die Aussichtslosigkeit solcher Bemühungen genommen. Dabei ist soviel richtig, dass diese Agitation hierzulande kaum etwas bewirkt hat. In anderen Ländern, namentlich etwa im Italien der 1970er Jahre, trifft dies jedoch nicht gleichermaßen zu. Freilich war dort auch die soziale Trennung zwischen Studierenden und ArbeiterInnen geringer.

Doch ist die klassische Agitation mittels Flugblättern keineswegs die einzige und wohl auch nicht notwendigerweise die beste Form zur Ent-Bindung „rebellischer Subjektivität“. Ganz allgemein ist eher das Verweigern ideologischer Gefolgschaft, die Irritation, die Absage an die Identifikation mit den Grundkategorien des Kapitalismus, ein möglicher Beitrag zu einer solchen Ent-Bindung. Dabei geht es nicht notwendigerweise um die „Überzeugung“, an deren Scheitern dann unbedingt ein „Scheitern“ überhaupt zu ersehen wäre. Es geht vor allem einmal um öffentlich sichtbare Diskursintervention.

Ein weiterer möglicher Beitrag ist die unterstützende Begleitung konkreter sozialer Kämpfe, überhaupt einmal ihres Aufweises, denn sie werden im Allgemeinen von den Medien gern ignoriert. Die US-Soziologen Frances Fox Piven und Richard Cloward gingen in ihrer Studie zu den Erfolgsfaktoren sozialer Bewegungen armer Menschen sogar so weit, die Hauptfunktion bewusster BewegungsaktivistInnen in der Eskalation sozialer Auseinandersetzungen zu sehen. Abgesehen von den konkreten Beispielen, die sie analysieren, kann eine solche Strategie verschiedene Formen annehmen. Eine, die dem Ansatz kritischer Ent-Bildung nahesteht, ist der Fokus auf das Leiden an dieser Gesellschaft der Konkurrenz, der Unterordnung, der Normierung, Überwachung und Vermarktung. Der offene Blick auf das, was nicht in diese Gesellschaft passt, und sich daher als Leiden an ihr äußert, ist ein Beitrag zu einer solchen Eskalation, oder anders gesagt: zur Ent-Bindung „rebellischer Subjektivität“.

Diese Gedanken sind ein Versuch, denn unser Wissen über das, was den Kapitalismus überwinden und damit den Anspruch noch der klassischen kritischen Bildung einlösen könnte, ist begrenzt. Doch wäre dies immerhin ein erster Versuch, der „Bildungsresistenz“, die zu analysieren uns Walther am Ende seines Lebens zum Auftrag gemacht hat, etwas näher auf die Spur zu kommen.

Vielleicht macht es Sinn, dieser Spur zu folgen und sich damit von der „Tagesordnung“ zu entfernen.

 

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Stadtrat Ludwig räumt Weg frei für den „Donaublock“ – und vertreibt SoliLa!

[via SoliLa!]

Presseaussendung Räumung:

Stadtrat Ludwig räumt Weg frei für den „Donaublock“

Trotz Räumung der Landbesetzung: SoliLa! (Solidarisch Landwirtschaften!) wächst weiter.

Heute kurz vor 8 Uhr wurde die Landbesetzung im Donaufeld am Drygalskiweg 49 geräumt.

„Wir wurden zwar von unserem Land geräumt, aber SoliLa! wird weiter wachsen“, so eine SoliLa! Aktivistin.

Am 4.Mai hat die Initiative SoliLa! begonnen, auf der Brachfläche Gemüse anzubauen. Der fruchtbare Boden ist von Verbauung bedroht, Eigentümerin ist der Wohnfonds Wien.

„Hier soll fruchtbares Land, das über Jahrzehnte von kleinen Gärtnereien bewirtschaftet wurde, verbaut werden. Der Aufbau einer bedürfnisorientierten und solidarischen Stadtlandwirtschaft ist unser Gegenentwurf zur derzeitigen Stadtentwicklung“, so eine landlose Gärtnerin.

„Wir wollen leistbares und gesundes Gemüse für alle! Als Teil der Bewegung für Ernährungssouveränität fordern wir den Zugang zu Land insbesondere für junge Menschen, um eine zukunftsfähige, lokale Lebensmittelproduktion aufzubauen.“ so eine SoliLa! Gärtnerin weiter.

Von Anfang an versuchte SoliLa! aktiv mit dem zuständigen Stadtrat Ludwig sowie dem Wohnfonds konstruktive Gespräche über die Zukunft der Fläche zu führen. „Beim ersten Besuch wurde die Feuerwehr gerufen, beim zweiten der Wachdienst und heute räumt uns die Polizei – soviel zur Gesprächsbereitschaft der Stadt. Wir als SoliLa! sind empört darüber, wie die Stadt mit jungen Initiativen umgeht und unser aller Zukunft verbaut.“ so ein SoliLa! Aktivist.

Die friedlichen SoliLa-Aktivist_innen wurde von rund 40 Polizist_innen geräumt. Die über 1.000 eingepflanzten Jungpflanzen konnten gerettet werden. Die Stadt hat die Fläche durch einen hohen Bauzaun und mit privaten Unsicherheitskräften wieder als Brache für Bauland „gesichert“.

„Unsere Stadt gehört uns allen! Derzeit bestimmen wenige „Expert_innen“ und Eliten über die Zukunft der Stadt. Wir fordern wirkliche Demokratie in der Stadtentwicklung und nehmen Stadtgestaltung selbst in die Hand um Alternativen aufzubauen. Wir lassen uns von der Räumung nicht unterkriegen! Die Unterstützung für unsere Anliegen wächst weiter“, so der Aktivist weiter.

“Wenn die Stadt weiterhin emanzipatorischen Projekten wie SoliLa! nicht ermöglicht, Neues zu erproben, wird sie in der sozialen und ökologischen Mehrfachkrise, auf die wir zusteuern, ohne lebensfähige Antworten dastehen.” so ein Unterstützer und Aktivist

 

Diese und viele weitere Unterstützer_innenstimmen siehe:

http://solila.blogsport.eu/unterstutzungserklarung/unterstutzer_innenstimmen/

Unterstützungserklärung unterzeichnen:

https://www.openpetition.de/petition/online/solidarisch-landwirtschaften-solila-bleibt

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Pressekonferenz: Landgrabbing auch in Wien? Wohnfonds droht SoliLa! mit Räumung des besetzten Stück Lands

Pressekonferenz zu Landkonflikten, Versiegelung landwirtschaftlicher Flächen und Widerstand in Europa und Wien

Pressekonferenz. Ort: Drygalskiweg 49, 1210 Wien, Zeit: Freitag 10. Mai, 9:30 Uhr

Seit 4. Mai bewirtschaftet SoliLa! ein brachliegendes Stück Land im Donaufeld. Die Besetzung ist akut von Räumung bedroht. Der Wohnfonds als Eigentümer will die Fläche morgen, Freitag räumen lassen. Continue reading

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Land gehört niemandem und daher allen

[via kärnöl]

von Andreas Exner

Schrift für die Erde

Nichts ist so eng mit unserer Existenz als menschliche Wesen verbunden wie das Land, von dem wir leben. Wir gründen mit Fleisch und Seele vollständig in der Erde, die wir bewohnen. Von ihr kommen wir, zu ihr gehen wir zurück. Diese Wahrheit verkehrt der Kapitalismus in ein Erpressungsmittel sondergleichen. Die blutige Abtrennung der Bäuerinnen und Bauern von ihrem Land ist die Geburt des Arbeitsmarkts. Lohnsklaverei und Bodenraub gehören zusammen wie Privateigentum und Geld.

Während die einen die himmelschreiende Zumutung dieses Systems nicht einmal mehr zu erkennen vermögen, so sehr gleichen sie dem Hinzurichtenden in Kafkas Parabel, den er mit einem Hund vergleicht, der aufs bloße Pfeifen hört, so sehr nehmen die anderen ihren Mut zusammen. Sie besetzen Land, nehmen ihre Lebensbasis in Anspruch, weil sie sich ihrer Wurzeln bewusst werden.

Sie nehmen nicht hin, dass Land für sinnlose Bauvorhaben versiegelt wird. Sie stehen auf gegen die Unterjochung des Menschen unter vermeintliche Sachzwänge. Sie eignen sich wieder an, was unseren Vorfahren in hunderten von Jahren entwunden worden ist: Daseinsmächtigkeit, die Fähigkeit sich selbst gemeinsam und in Solidarität zu reproduzieren. Dazu gehört an der ersten Stelle die Bearbeitung des Bodens und die Pflege der Pflanzen, die ihm entwachsen und die uns nähren.

Das ist das Evangelium des Kommunismus, der in der irdischen Existenz die Kommunion vollzieht.

Die Landbesetzung der SoliLa in Wien zeigt erneut, mit welch zerstörender Borniertheit, vor Dummheit strotzender Arroganz es das kommune, also das ganz gewöhnliche Leben im Gegensatz zu sich zu tun hat. Nicht das System verhindert die Befreiung der Äcker aus dem Griff der Kapitalverwertung und dem asphaltdichten Luftabschluss. Es ist das persönliche Arrangement mit dem System, das diese Befreiung verhindert und damit Mensch um Mensch in immer weitere Katastrophen treibt.

Wir sind das System? Nein, das System sind nicht wir. Das System ist die Zustimmung zu Privateigentum und Kapital, zu Staatsmacht, Image, leeren Worten. Das System sind jene, die zustimmen. Die sind das System, die uns Widerstand und Hoffnung austreiben wollen, diejenigen, auf die wir in der Konfrontation treffen. Das System sind die Angepassten, die auf das Image achten, die den leeren Worten huldigen, die alles glauben oder nichts.

Das System lässt sich nicht überreden, auch nicht überzeugen. Keine List der Geschichte wird die Immanenten des Systems auf unsere Seite ziehen, fallweiser Seitenwechsel nicht ausgeschlossen.

Die Argumentation ist nicht das Feld der Auseinandersetzung. Die Keime der Alternativen werden im Feld gesät, nicht in intellektuellen Retorten generiert. Intervention ist Agitation.

Erstens. Das Privateigentum ist nirgends und niemals zu respektieren. Den Gesetzen seiner Vertreter zu gehorchen ist eine Erfordernis des Selbstschutzes, eine taktische Haltung angesichts der Diktatur.

Zweitens. Dies gilt zuerst und vor allem für das Land. Die Erde wurde von uns nicht geschaffen. Die Erde hat uns geschaffen. Die Erde kann uns nicht gehören. Daher gehört sie niemandem. Und daher gehört sie allen, allen gleichermaßen, ohne Ansehung von Geschlecht, Herkunft, Alter, Meinung, Tun oder Lassen.

Drittens. Eine Bewegung zur Überwindung des Systems, also zur Überwindung derjenigen, die es durchsetzen, aufrechterhalten oder gutheißen, ist eine Bewegung zur Aneignung von Land.

Viertens. Das Verhältnis einer Gesellschaft zum Land ist Ausdruck ihres Verhältnisses zur Natur überhaupt und damit zu sich selbst, denn Natur und Kultur sind nur zwei Seiten eines Lebens.

Fünftens. Staatliche Autoritäten sind nicht. Vor allem nicht zu respektieren. Sie verdienen nichts. Sind nicht legitimiert über unsere Ressourcen zu entscheiden und als Zumutung zu denunzieren.

Sechstens. Alles für Alle. Gemeingüter überall.

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Solidarische Landwirtschaft bleibt! (SoliLa!) bleibt! Bitte Petition rasch unterzeichnen

[via Bodenfreikauf]

Mai 7, 2013 von Bodenfreikauf

DSCI00102-768x1024Bodenfreikauf ist unter anderem ein politisch inspirierter Ansatz. Die Initiative “Bodenfreikauf” will ein Beispiel geben, dass Gemeinschaftsgüter eine machbare Alternative zum Bodenmarkt sind. Doch vielen fehlt es an Geld und der Weg des Freikaufens ist grundsätzlich begrenzt (siehe dazu den Artikel “Wem gehört der Acker?“). Bodenfreikauf ist daher ein politisch auch nur begrenzt wirksamer und sinnvoller Ansatz.

Die Besetzung von brachen oder von Großgrundeigentümern bewirtschafteten Flächen ist die zweite Alternative (zur dritten Option siehe “Wem gehört der Acker?“).

In Wien ist 2012 eine spannende Initiative namens “Solidarische Landwirtschaft” (SoliLa) entstanden. Nachdem die Universität für Bodenkultur (BOKU) sie brutal von der von der BOKU nicht mehr genutzten Fläche in Jedlersdorf durch den eigenen (Un)Sicherheitsdienst vertrieben hat, ist SoliLa nach wie vor auf Flächensuche.

Nun hat SoliLa erneut eine brache Ackerfläche, die unnötigerweise für Wohnungen verbaut werden soll, im Wiener Stadtteil Donaufeld besetzt und zu bewirtschaften begonnen. (Es gibt ausreichend Wohnraum, allerdings haben die Menschen, die ihn brauchen, mangels Zahlungsfähigkeit keinen Zugang)

Diesmal will die Stadt Wien SoliLa vertreiben, jene Stadt, die zugleich großmundig “Gemeinschaftsgärten” mit Lappalien fördert und sich ein grünes Mäntelchen umhängen will.

Dagegen müssen wir uns wehren. Die Initiative “Bodenfreikauf” unterstützt daher die Petition der SoliLa: Alternative Landwirtschaft gegen Flächenversiegelung, autoritäre Stadtentwicklung und Supermärkte!

Bitte unterschreibt rasch! Gegen die drohende Räumung durch eine unverantwortliche Stadtregierung, die kein Zeichen der Zeit erkennt, weder Peak Oil noch Peak Soil!

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Solidarisch Landwirtschaften! (SoliLa!) bleibt!

Unterstützungserklärung unterzeichnen: https://www.openpetition.de/petition/online/solidarisch-landwirtschaften-solila-bleibt

Seit 4. Mai besetzen ca. 100 Landlose, Studierende und Aktivist*innen einen Hektar brach liegendes, fruchtbares Land im Donaufeld, Drygalskiweg 49, Wien Floridsdorf, um eine Solidarische Landwirtschaft aufzubauen. Diese als Bausperrgebiet gewidmete Fläche befindet sich im Eigentum des Wiener Wohnfonds und ist als fruchtbares und ehemals landwirtschaftlich genutztes Land massiv von Verbauung bedroht.

Wir unterstützen SoliLa!, in ihrem Einsatz für Ernährungssouveränität und eine alternative Stadtgestaltung, sowie die Forderung nach leistbarem, würdigem Wohnen für alle, ohne fruchtbare Böden zu versiegeln.
Wir sind gegen eine Räumung der besetzten Fläche.

Begründung:

Wir kritisieren

1) die Versiegelung von landwirtschaftlichen Flächen und fruchtbaren Böden

- In Wien gingen zwischen 1999 und 2010 bereits 20 % der landwirtschaftlichen Flächen verloren.
- Täglich gehen in Österreich 20 Hektar landwirtschaftliche Fläche unwiederbringlich als Bau- und Verkehrsflächen verloren.
- Es ist absurd, in Zeiten der Vielfachkrise, sowie von „peak oil“ und „peak soil“ fruchtbares Land immer weiter zu verbauen und spekulativen Interessen zuzuführen.

2) Höfesterben und Landkonzentration

- Die Zahl der Bäuer*innenhöfe in Wien verringerte sich zwischen 1995 und 2010 drastisch von rund 1.200 auf etwa 550 Höfe. Bei den aufgegebenen Höfen handelt es sich zum großen Teil um kleine und mittlere Betriebe: 68% der Höfe hatten weniger als 5 Hektar Fläche
- Diese Dynamik zeigt sich derzeit europaweit: 3 % der landwirtschaftlichen Betriebe in der EU kontrollieren rund 50% der landwirtschaftlichen Flächen. Eine ähnliche Landkonzentration findet sich auf den Philippinen oder in Kolumbien.
Diese Entwicklungen verschärfen sich immer weiter.

3) Spekulation und Delogierungen in Wien

- Die aktuelle Studie von Immobilien.net spricht für sich selbst: „Die Nachfrage nach unbebauten Grundstücken ist alleine seit Beginn 2011 um knapp ein Viertel gestiegen. (…). Der Trend zur “Grünen Wiese” als Spekulationsobjekt hat auch die Preise stark ansteigen lassen. Österreichweit verteuerten sich Grundstücke in den vergangenen fünf Jahren im Durchschnitt um knapp 22 Prozent auf 105 Euro pro Quadratmeter.“
- In Wien stehen derzeit 80.000 Wohnungen, 30 % der Büroflächen leer, nicht zuletzt bedingt durch Immobilienspekulation.
- Zugleich wurden allein im Jahr 2012 rund 2.600 Haushalte zwangsgeräumt. Etwa 1.000 Fälle davon betrafen Gemeindebauwohnungen.

4) Die elitäre und exklusive Stadtentwicklung im Interesse von Wenigen bei gleichzeitigem Ausschluss der Betroffenen. Wenige finanzkräftige Akteure, „Experten“ und Eliten bestimmen derzeit über zentrale demokratische Fragen, welche die Zukunft unserer Stadt festlegen. Den aktuell und zukünftig Betroffenen wird jegliches Mitspracherecht genommen.

5) Dass gleichzeitig der Zugriff auf enorme Flächen in anderen Ländern steigt (zB Landgrabbing, Spekulation, aber auch für die Aufrechterhaltung nicht nachhaltiger Lebensweisen). Auf diesen Flächen werden zB Nahrungsmittel, Futtermittel, Agrartreibstoffe und Ressourcen für Wien produziert bzw. abgebaut. Das verschärft globale Land- und Ressourcenkonflikte immer weiter.

Alle diese Entwicklungen stehen in einem Zusammenhang und veranschaulichen deutlich die Krise des aktuellen Entwicklungsmodells, welches die akuelle Vielfachkrise (Ernährung, Klima, Finanz, Energie, …) immer weiter vertieft.

Deshalb treten wir ein,
- das besetzte Land für eine landwirtschaftliche Nutzung zu erhalten bzw. wieder aufzunehmen.
- eine selbstbestimmte, solidarische, bedürfnisorientierte und lokale Landwirtschaft aufzubauen, über die Menschen mit gesunden und ökologisch nachhaltigen Lebensmitteln versorgt werden können. Denn dies ist eine wichtige Antwort auf die ökologische und soziale Krise.
- dafür, dass Land als öffentliches Gut behandelt wird. Land ist keine Ware, es braucht eine nachhaltige, demokratische Nutzung. Von besonderer Bedeutung ist weiters die Erleichterung des Zugang zu Land für jene die es bewirtschaften (wollen), insbesondere für junge Menschen, die über wenig finanzielle Ressourcen verfügen.
- einen Ort zu schaffen, der den Austausch und die Weitergabe von Wissen ermöglicht und der allen Menschen offen steht, die sich aktiv an diesem Projekt auf Augenhöhe beteiligen wollen.
- für das Menschenrecht auf Zugang zu leistbarem und würdigem Wohnen für alle und eine Wohnpolitik, die nicht auf Kosten der fruchtbarsten Böden geht.
- für eine demokratische und emanzipatorische Stadtgestaltung und -entwicklung. Gerade in der Krise der Demokratie brauchen wir freie, selbstbestimmte und solidarische Räume, in denen Demokratie neu gelebt werden kann und Menschen auf Augenhöhe zusammenleben und -arbeiten können.
- weil dieses Projekt gerade in Wien eine wichtige und zukunftsweisende Form der Landnutzung ist. Land ist Gemeingut und die sozial und ökologisch nachhaltige Bewirtschaftung ist eine zentrale Zukunftsperspektive. Dafür braucht es eine gesellschaftliche Wende, für die Projekte wie SoliLa einen wichtigen Beitrag leisten.
- weil es emanzipatorische und kreative Ansätze in Bildung, Forschung und Lehre, sowie im politischen und sozialen Zusammenleben und im Verhältnis zur Natur braucht.
- Für das Recht auf Stadt und für Ernährungssouveränität!
- gemeinsam mit vielen anderen emanzipatorischen Kräften für eine Gesellschaft ohne Unterdrückung und Ausbeutung zu ermöglichen.

Im Namen aller Unterzeichner.

Wien, 07.05.2013 (aktiv bis 06.11.2013)

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Akute Räumungsgefahr der Landbesetzung – der Wohnfonds Wien droht SoliLa!

[PR-Aussendung via SoliLa]

Wien Floridsdorf: In den letzten Tagen wurde auf dem besetzten Stück Land am Drygalskiweg 49 begonnen, eine solidarische Landwirtschaft aufzubauen. Viele interessierte Nachbar_innen kamen bereits auf die Fläche und brachten Jungpflanzen mit.

Jetzt droht der Wohnfonds mit einer Räumung der Initiative SoliLa! binnen 24 Stunden.

Konstruktive Gesprächsversuche wurden von Seiten des Wohnfonds Wien abgeblockt. Obwohl die Brachfläche derzeit noch unter Bausperre steht, weigert sich der Wohnfonds eine Zwischennutzung der Initiative SoliLa! in Betracht zu ziehen. Eine Verhandlung über die Nutzung der Fläche wird somit verunmöglicht.

“Für mich ist es eine Schande, dass die Stadt Wien junge Menschen bei ihrem Vorhaben an die gärtnerische Tradition im Donaufeld anzuknüpfen, nicht unterstützt “, so eine Nachbarin. Immer mehr Beete entstehen und es gibt regen Austausch zwischen Anrainer_innen und Jungbäuer_innen. Beim sonntäglichen “Nachbar_innen-Cafe” wurde über die Situation im Donaufeld diskutiert.

Trotz großem Interesse und der Unterstützung vieler Nachbar_innen unterbindet der Wohnfonds den Versuch einer ökologischen, solidarischen, partizipativen Stadtgestaltung von Unten. “Diese engagierten jungen Menschen beleben und bewirtschaften diese Brachfläche um eine gute Ernährung für alle möglich zu machen. Zugang zu gesunder Nahrung ist ein Grundrecht und wird hier aktiv umgesetzt” erklärt ein Nachbar.

SoliLa! setzt sich dafür ein, Stadtgestaltung selbst in die Hand zu nehmen.

Die Räumung des Projekts wäre ein Zeichen dafür, dass die Zukunft unserer Stadt weiterhin über die Köpfe der Menschen hinweg verplant wird. SoliLa! fordert echte Partizipationsmöglichkeiten im Stadtplanungsprozess und die Erhaltung von fruchtbaren Böden und Landwirtschaft in Wien.

Das Presse- und Infotelefon ist unter folgender Nummer zu erreichen: 0681/811 900 65

web: 17april.blogsport.eu

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Land denen, die es bewirtschaften (wollen)

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[Foto via Stadtfrucht Wien]

[PR-Aussendung via http://17april.blogsport.eu/]

Recht auf Stadt- für eine demokratische Stadtgestaltung

Wien: Studierende, Aktivist*innen und Landlose beginnen mit dem Aufbau einer solidarischen Stadtlandwirtschaft und nehmen Stadtplanung selbst in die Hand.

Seit Samstag, den 4. Mai, besetzen ca. 100 Landlose, Studierende und Aktivist*innen eine Brachfläche im Donaufeld, Wien Floridsdorf, die dem Wohnfonds Wien gehört.

„Hier soll fruchtbares Land, das über Jahrzehnte von kleinen Gärtnereien bewirtschaftet wurde, verbaut werden. Der Aufbau einer lokalen solidarischen Landwirtschaft ist unser Gegenentwurf zur derzeitigen Stadtplanung“, so Jana, landlose Gärtnerin.

Die von den Besetzer*innen gegründete Initiative „Solidarisch Landwirtschaften!“, kurz SoliLa!, kritisiert, dass es gerade in Zeiten von „peak oil“ und „peak soil“ absurd ist, fruchtbares Land immer weiter zu verbauen. Die Landwirtschaft in Wien, wie auch in ländlichen Gebieten, ist zunehmend von zwei Tendenzen betroffen: die Versiegelung von landwirtschaftlichen Flächen sowie Höfesterben und Landkonzentration.

Täglich gehen in Österreich 20 Hektar landwirtschaftliche Fläche unwiederbringlich als Bau- und Verkehrsflächen verloren. Für Wien wird das an dem Verlust von 20% der landwirtschaftlichen Flächen zwischen 1999 und 2010 sichtbar. Die Zahl der Bäuer_innenhöfe in Wien verringerte sich zwischen 1995 und 2010 drastisch von rund 1.200 auf etwa 550 Höfe. Bei den geschlossenen Höfen handelt es sich zum großen Teil um kleine und mittlere Betriebe: 68% der Höfe hatte weniger als 5 Hektar Fläche.

Europaweit zeigt sich die gleiche Tendenz. Eine kürzlich veröffentlichte Studie dokumentiert, dass lediglich 3 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe in der EU rund 50% der landwirtschaftlichen Flächen kontrollieren. Diese Landkonzentration wird durch das System der Agrarsubventionen je nach Fläche letztendlich durch staatliche Gelder gefördert und vorangetrieben.

Auch die Wiener Landwirtschaft wird immer weiter Richtung Profitmaximierung gedrängt, in welcher nur noch die wettbewerbsfähigsten Betriebe erhalten werden sollen. Dies wird im agrarstrukturellen Entwicklungsplan festgeschrieben. Während große zusammenhängende landwirtschaftliche Flächen an den Rändern der Stadt für die landwirtschaftliche Nutzung geschützt werden sollen, sind kleinere und nicht zusammenhängende Flächen in zentralerer Lage als Pufferzone für Bauvorhaben vorgesehen. Damit wird letztendlich die Versiegelung von fruchtbaren Böden wie im Donaufeld vorangetrieben. Dieser Entwicklung stellt sich SoliLa! entgegen und zeigt eine Alternative auf.

WOHNPOLITIK OHNE FRUCHTBARE BÖDEN ZU VERSIEGELN

Die Eigentümerin der Fläche ist der Wohnfonds Wien, ehemals „Flächenbereitstellungsfond“. Seine Aufgabe ist es, Flächen anzukaufen um sie für Wohnbauträger bereit zu stellen. Seit 2004 baut die Stadt Wien selbst keine Gemeindewohnungen mehr. Stattdessen wurde zu einer Politik der Subventionierung von Wohnbauträgern übergegangen.

„Die Besetzung richtet sich nicht gegen leistbares Wohnen. Ganz im Gegenteil wollen wir die Frage stellen, wie leistbares Wohnen für alle möglich sein kann ohne dabei fruchtbare Böden zu versiegeln. Der steigende Bedarf an Wohnraum steht einem Leerstand von bis zu 80.000 Wohnungen sowie weiteren tausenden Büros gegenüber“, meint Markus, BOKU-Student und Recht auf Stadt-Aktivist.

Parallel zur Spekulation mit Leerstand finden jährlich tausende Delogierungen in Wien statt. Rund 2.600 Haushalte wurden allein im Jahr 2012 zwangsgeräumt. Etwa 1.000 Fälle davon betrafen Gemeindebauwohnungen. „Von einer sozialen Wohnpolitik kann somit nicht mehr gesprochen werden“, so eine Aktivistin.

Profitorientierte Wohnungspolitik hat nicht nur erzwungenen Leerstand zur Folge, sondern auch die Versiegelung landwirtschaftlicher Fläche für immer weitere Bauvorhaben. Aus diesem Grund fordert SoliLa! als Teil des Netzwerks „Recht auf Stadt“ nicht nur Zugang zu Land für jene die es bewirtschaften (wollen), sondern auch Zugang zu leistbarem Wohnraum für alle.

„Es braucht demokratische Entscheidungsstrukturen über Stadtplanung. Nachbar*innen und Initiativen wurden in die Stadtentwicklungspläne fürs Donaufeld bisher nicht einbezogen“, so eine Nachbarin.

Die Initiative SoliLa! möchte das besetzte Land als landwirtschaftliche Fläche erhalten und eine bedürfnisorientierte, kleinstrukturierte, nachhaltige Lebensmittelproduktion umsetzen. Die vielen beteiligten Menschen arbeiten seit dem 4.Mai gemeinsam an der nachhaltigen Kultivierung des Bodens und laden Nachbar*innen und Interessierte herzlich dazu ein, mitzuwirken.

Für Recht auf Stadt und Ernährungssouveränität!

Nähere Informationen:

Info- und Pressetelefon: 0681/ 811 900 65
Web: 17april.blogsport.eu
Email: schwarzerettich@riseup.net

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Hate Supermarkt, love Foodsouvereignity! Wien: Aufruf zur kollektiven Landbesetzung am Sa 4.Mai!

[via http://17april.blogsport.eu/]

Treffpunkt für die Rad-Demo zur Fläche: 11 Uhr im Sigmund-Freud Park, 1090 Wien

SoliLa* wird in dieser Saison den 4.Mai zu ihrem Tag des kleinbäuerlichen Widerstands machen und sich aktiv Zugang zu Land verschaffen.

Wir wollen ein gemeinschaftlich‐nachbarschaftliches Projekt aufbauen, indem begonnen wird, eine alternative Produktions‐ und Lebensweise zu verwirklichen. Wir wollen uns der Marktlogik entziehen und mit dem angebauten Gemüse Projekte, Freiräume und Menschen unterstützen, denen eine leistbare, gesunde und lokale Ernährung bislang erschwert wird ‐ hate Supermarkt, love Foodsouvereignity!

Der Zugang zu Land wird uns als selbstorganisiertes Projekt immer noch durch Kapitalinteressen, Landspekulation und eine elitäre Stadtgestaltung verunmöglicht. Wir sehen SoliLa im Kontext der Kämpfe um Recht auf Stadt, sowie im Kontext von Ernährungssouveränität als Teil eines dringend notwendigen Gegenentwurfs.

Kommt zahlreich und bringt Werkzeug, eure Freund_innen, Kinder, Saatgut, Lebensmittel, Workshops, Diskussionen und eigene Ideen zur Gestaltung des kollektiv belebten Stück Lands!

Aktuelle Infos auf: 17april.blogsport.eu

Resistance is fertile!
Solidarisch landwirtschaften und leben jetzt!

* SoliLa (Solidarisch Landwirtschaften) ist seit der Räumung ihrer Fläche in Jedlersdorf im April 2012 landlos. SoliLa steht aber weiterhin für die Aneigung der Lebensmittelproduktion, bedürfnissorientiert, lokal, antikapitalistisch.

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Gutes Leben im post-fossilen Zeitalter: Die strategische Bedeutung sozialer Gleichheit

von Andreas Exner, Lukas Kranzl

erschienen in: Elias Bierdel, Maximilian Lakitsch (Hg.):  Wege aus der Krise. Ideen und Konzepte für Morgen. Reihe: Dialog, Bd. 63, 2013; 216 S., 9.80 EUR, br., ISBN 978-3-643-50466-1

Wind-, Wasser- und Solarenergie allein sind aufgrund verschiedener Einschränkungen nicht geeignet, den gegenwärtigen Energieverbrauch zu decken. Energie wird nämlich immer in der jeweils passenden Form, an dem richtigen Ort und zu einer bestimmten Zeit benötigt. Der Transport und die Speicherung von Energie werden damit zunehmend wichtiger. Gleichzeitig stellen diese beiden notwendigen Schritte in der Praxis substanzielle Restriktionen dar. Biomasse hat hier gewisse Vorteile, da sie gespeicherte und damit auch transportable Sonnenenergie ist. Biomasse liefert bereits einen Großteil der globalen erneuerbaren Energie (Birol 2010). Einen substanziellen Teil des derzeitigen Energie- und Ressourcenhungers über biogene Rohstoffe zu decken, würde allerdings Nutzungskonkurrenzen verschärfen, die sich heute bereits im weltweiten Land Grabbing zeigen (Haberl et al. 2007, Exner et al. 2011) Continue reading

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Rassismus schädigt die Gesundheit schleichend

[via solidarisch g'sund]

von Andreas Exner

Dass Rassismus tötet ist eine ebenso schreckliche wie einfache Wahrheit. Verantwortlich sind das Grenzregime der EU, die Polizeigewalt in Österreich und anderen EU-Ländern, der faschistische Mob von Deutschland bis Griechenland, ausbeuterische Arbeitsverhältnisse.

Weniger bekannt ist: Rassismus wirkt neben diesen akuten Folgen noch wie ein schleichendes Gift. Rassismus schädigt die Gesundheit auch auf langsame, fortdauernde Art. Dass Migrantinnen und Migranten nicht-weißer Hautfarbe, aber auch nicht-weiße Inländer etwa in Großbritannien oder den USA einen schlechteren Gesundheitszustand und eine höhere Sterberate aufweisen als Weiße, ist gut dokumentiert. Continue reading

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