KriSU-Workshop “Mapping Solidarische Ökonomie”, Fr., 15.1., 16.00, Hotel Karolinenhof

Weitere Infos hier

Thesen zur Kritischen & Solidarischen Universität (KriSU)

Funktion der Universität

Die bestehende Form der Universität hat vier wesentliche Funktionen: sie qualifiziert Arbeitskräfte für Kapital und Staat; produziert Ideologien, das heißt Lehren von der Naturgegebenheit der kapitalistischen Verhältnisse; organisiert Forschung zum Zwecke der Steigerung der Profitabilität der Wirtschaft; und vermittelt ganz allgemein die Illusion der “Beherrschbarkeit”. Kritische Erkenntnis ist dabei in gewissem Ausmaß notwendig.

Erstens bildet sie den Pool an kreativen Ideen, die zuerst einmal relativ unbefangen entwickelt werden müssen, bevor eine verwertungs- und staatskonforme Selektion im Dienste der Wettbewerbsfähigkeit einsetzen kann. Nicht zuletzt sind kritische Studierende flexibler und ideenreicher als Lernstoffpauker_innen und also brauchbarer für die Verwertung.

Zweitens stabilisiert der bewusst eingeräumte Platz kritischer Erkenntnis das Objekt der Kritik: die kapitalistische Gesellschaft. Das Spiel der Meinungen hat nämlich ebenso wie die parlamentarische Demokratie eine wichtige Funktion. Das geistige Glasperlenspiel suggeriert und ersetzt eine Wahlfreiheit, die materiell nicht besteht. Dabei lebt die innere Dynamik der bürgerlichen Wissenschaft von ihrem Widerspruch, die Möglichkeit einer absoluten Erkenntnis (wie immer auch Popperianisch relativiert) vorauszusetzen und darauf hinzuzielen, und dabei doch nur ständig wechselnde Paradigmen, Theorien, Thesen und Theoreme zu produzieren – verkleidet in einer projektiv erzeugten, von Aristoteles bis zur Quantenphysik reichenden Scheinkontinuität “fortschreitenden Wissens”. (Dieser Widerspruch zeigt sich in den Geistes- ebenso wie in der Naturwissenschaften, macht sich in letzteren jedoch aufgrund ihrer technischen Anwendbarkeit nach dem Motto “was funktioniert ist wahr” weniger bemerkbar.) Bürgerliche Wissenschaft ist entgegen ihrem eigenen Anspruch für immer Stückwerk – ohne dass sie dies je wirklich auf die gesellschaftliche Basis jeder Erkenntnis und damit auf deren historische Bedingtheit und Veränderbarkeit beziehen dürfte.

(Die Debatte um den Konstruktivismus ist hier nur gestreift. In Hinblick auf das marxistische Dogma, eine absolute Erkenntnis von Gesellschaft sei möglich und für deren Transformation erfordert, sei als These festgehalten: Die ökonomische Wissenschaft als Systematisierung und Ausdifferenzierung der in der bürgerlichen Gesellschaft herrschenden Alltagsvorstellungen ist nicht durch eine “positive Wissenschaft des Kapitals” von links zu ersetzen, sondern kann nur radikal destruiert werden. Das heißt, sie ist auf historisch bestimmte menschliche Beziehungen zurückzuführen und damit ihrer “reellen Scheingegenständlichkeit” zu entkleiden. Damit ist keine “objektive Theorie der Gesellschaft” impliziert, sondern es wird die “reelle Scheinobjektivität” des Systems der ökonomischen Wissenschaft verständlich gemacht und im selben Schritt zerstört – Darstellung des Systems als seine Kritik.)

Form der Theorie

Zusammengefasst gilt für die Universität: Alles ist erlaubt – nur nicht, dass sich an Kapitalverwertung, Staatsmacht und Marktbeziehung etwas ändert. Der wesentliche Punkt, an dem Wissensproduktion mit der herrschenden Form von Universität bricht, liegt deshalb in der praktischen Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse.

Theorie im herkömmlichen Sinn setzt ein von ihr getrenntes Objekt voraus. Sozialwissenschaft als Theorie der Gesellschaft muss Gesellschaft als einen ihr äußerlichen Gegenstand betrachten. Sie hat sich um die Möglichkeit der radikalen Veränderung von Gesellschaft damit bereits gebracht. Naturwissenschaft als “reine” Theorie der Natur muss Natur als einen ihr äußerlichen Gegenstand betrachten. Sie hat sich um die Möglichkeit der Reflexion ihrer Vorannahmen, gesellschaftlichen Bedingtheit und bewussten Entfaltung damit bereits gebracht.

(Damit ist nicht gesagt, dass es Natur nicht gibt – sie ist das Widerständige, das in unseren Konstruktionen nicht aufgeht. Auf die Debatte über den Unterschied zwischen Geistes- und Naturwissenschaften gehe ich hier nicht ein. Thesenhaft auf den Punkt gebracht wäre die emanzipative Funktion der Geisteswissenschaft zum Großteil in der Destruktion zu suchen, die Annahmen und Bedingungskonstellationen von Wissensproduktion und ihres Inhalts freilegt; Naturwissenschaft ist dagegen konstruktiv. Destruktion und Konstruktion wären zu synthetisieren, um reflexive Wissenschaft zu ermöglichen. Die Frage der Disziplinierung der Wissenschaften und der faktisch auf dem Niveau der Phrase verbleibenden Inter- und Transdisziplinarität sei hier nur als Stichwort einer weiteren notwendigen Debatte in den Raum gestellt.)

Die Universität und ihre Subjekte

Studierende beginnen zum größten Teil und in aller Regel ein Studium, um sozial aufzusteigen oder die soziale Position ihrer Familie zu reproduzieren. Der Arbeitsmarkt erfordert eine Ausbildung, und die Universität bietet eine solche ja durchaus. Ihr zusätzlicher sozialer Nutzen und ihre Daseinsberechtigung als Institution liegen jedoch in der Verteilung symbolischen Kapitals. Die Lehrenden qualifizieren die Studierenden zum größten Teil und in aller Regel in diesem Sinn. Die Akkumulation symbolischen Kapitals zum Zwecke sozialer Unterscheidbarkeit auf einer Leiter der Herrschaft und des Kommandos hat zur Voraussetzung, dass der Zugang zur Universität beschränkt ist und Diplome knapp sind. Daher der Wildwuchs an Studiengängen, daher die „künstliche“ Verengung des Studienzugangs.

Diese ihre Funktion erfüllt die Universität jedoch nicht reibungslos. Es gibt in ihr zum Einen ein überkommenes „Bildungsideal“, das sich der Verwertbarkeit oberflächlich verweigert und von einem altbürgerlichen Standpunkt des „noblen Luxus der reinen Erkenntnis und des Wissens um seiner selbst willen“ argumentiert. Zum Anderen aber Studierende, die sich für ihre Verwertung nicht oder nicht ausschließlich interessieren und stattdessen Erkenntnis, Kritik und inspirierende Erfahrungen suchen. Diese beiden Momente geraten mit den neoliberalen Reformen, die „Bologna“ symbolisiert, in Widerspruch.

Ursprung und Grenze der Revolte

Die Fortführung der neoliberalen Reformen und die Weltkrise des Kapitals bilden den zweifachen Hintergrund der aktuellen Uniproteste: der eine gut sichtbar, der andere verdeckt. Einerseits fühlen viele Studierende ihre Verwertbarkeit bedroht, durch Selektion, Arbeitsüberlastung und zunehmende bürokratische Hürden. Andererseits wird untergründig spürbar, dass die Weltkrise des Kapitals den Arbeitsmarkt verengt und (noch) viele Studierende (mehr) in die Armut drängen wird.

Jene, die den Betrieb der Universität grundsätzlich kritisch sehen und nolens volens zwar eine Ausbildung absolvieren, dies aber im ständigen Widerspruch zum Wunsch nach einem besseren Leben ohne Verwertungszwang, gab es schon immer. Ihre Aktion entzündete den Unmut. Der aber hatte zum Gutteil ganz andere Ursprünge als den Wunsch nach Freiheit.

Ende und Perspektive der Revolte

Die Perspektive der Revolte beginnt dort, wo ihre unmittelbare und vorherrschende Motivation, Verwertbarkeit zu sichern und den Verwertungsdruck für die Zeit des Studiums zu sistieren, endet. Mehr als einen Anstoß dazu konnte sie nicht geben.

Eine Perspektive entsteht, wo die Form der Theorie und ihr institutioneller Körper: die Universität – praktisch in Frage gestellt werden. Dies geschieht theoretisch, indem die Universität und das dort produzierte Wissen analysiert werden als eine Methode ihrer Auflösung und seiner Kritik. (Die Aufnahme der für eine nicht-kapitalistische Produktions- und Lebensweise brauchbaren Wissensbestände und deren Fortentwicklung eingeschlossen.) Die Theorie wendet sich gegen sich selbst. Zugleich geschieht dies praktisch, indem die Auszubildenden ihre Reproduktion vom Arbeitsmarkt zu entkoppeln beginnen. Beide Momente müssen ineinandergreifen.

Solidarische Ökonomie der Bildung

Eine Solidarische Ökonomie ist Praxis gegen den Kapitalismus und für eine Alternative. Ihr Kernmoment ist Selbstverwaltung, ihre Organisationsweise ist die egalitäre Kooperation. Partziell und mehr noch perspektivisch bietet sie die Möglichkeit, Gemeingüter herzustellen, die ohne Marktzwang zur Verteilung kommen. Je mehr Gemeingüter, desto besser für die Solidarische Ökonomie – je umfangreicher und tiefer entwickelt die Solidarische Ökonomie, desto mehr Gemeingüter produziert sie.

Die Produktion von Wissen, das dem Aufbau der Solidarischen Ökonomie von Nutzen ist, muss sich vom Wissen um die Produktivkraftsteigerung der Arbeit unter der Herrschaft des Kapitals unterscheiden. Es muss sich auch von den Lehren der Gesellschaft als Objekt und ihrer Verhältnisse als Naturgegebenheit unterscheiden. Es muss sich von der Naturwissenschaft in ihrer reflexionslosen Form vermeintlich apersonaler, ungesellschaftlicher, absoluter Objektivität abheben. Kurzum: Es geht um eine Verschränkung der Produktion von Wissen mit der Produktion einer anderen Gesellschaft, jenseits von Herrschaft über Mensch und Natur, Ausschluss und Unterdrückung, jenseits von Markt, Staat und Kapital.

Infos zum Projekt “Kritische & Solidarische Universität – KriSU” hier.

Neu: “Jenseits von Humboldt” – Kritik & Perspektive – Plattform “Massenuni”

Die Plattform “Massenuni” – ein lockerer Diskussionszusammenhang anti-kapitalistischer Initiativen, Redaktionen und Einzelpersonen – hat soeben die Broschüre “Jenseits von Humboldt. Von der Kritik der Universität zur globalen Solidarischen Ökonomie des Wissens” herausgegeben.

Ausgangspunkt der Veröffentlichung war der Workshop “Vom Uniprotest zur Solidarischen Ökonomie der Bildung” im besetzten Audimax der Universität Wien. Die Broschüre dokumentiert die Workshop-Inputs, liefert Hintergrundanalysen zu Wissensgesellschaft, Kapitalismus und Solidarische Ökonomie und veröffentlicht Texte der universitären Protestbewegung 2009.

Hier gibts die Broschüre zum Download.

Bestellung zum Selbstkostenpreis unter anderem bei redaktion*ÄT*streifzuege.at möglich

“Klima in der Krise” – Radikale Gewerkschaftsbroschüre – AUGE/UG
Andreas Exner | 14. Dezember 2009 | 19:17 | Alle Einträge, Klimawandel | No comments

Angesichts der hoffnungslosen Klimapolitik von NGOs und Staat ist es von entscheidender Bedeutung, die Kapitalismusfrage erneut und vehement zu stellen. Die vorliegende Broschüre der AUGE/UG (Autor_innen: A.Exner, E.Eigenbauer, U.Stein, M.Koza) tut dies.

Zuerst wird der Zusammenhang zwischen Kapitalismus – dem System von Lohnarbeit, Markt und Staat – und der ökologischen Krise leicht verständlich skizziert. In den folgenden Abschnitten werden erste Schritte eines Lösungswegs umrissen. Die Broschüre versteht sich als ein erster Diskussionsinput jenseits des Diskurses von “Nachhaltigkeit” und “Win-Win-Situationen” aus gewerkschaftlicher Sicht.

Im Folgenden das Inhaltsverzeichnis und der Link zum Download.

Klima in der Krise
Broschüre, 32 Seiten

Der Klimawandel ist längst bedrohende Gewissheit geworden. Das Versprechen, über scheinbar grenzenloses Wachstum Wohlstand für alle schaffen zu können ist spektakulär gescheitert – ökonomisch und ökologisch. Es braucht einen grundlegenden Umbau unseres Wirtschaftssystems nach ökologischen Kriterien. Mit dieser Broschüre wollen wir aus alternativ-gewerkschaftlicher Sicht einen Beitrag zur Klimadebatte leisten.

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Wachstumsspirale in den Klimawandel

Wachstum des Kapitals = Wachstum des Umweltproblems
Weniger ist Mehr: Wirtschaftsdemokratie statt Wachstumszwang
Solidarische Ökonomie für Umverteilung und Ökologie

„Grüner“ Systemwechsel: Wann, wenn nicht jetzt?

Konjunkturpakete – Klimaschutz lässt auf sich warten
„Grüne“ Investitionen bringen’s – gerade auch in Österreich
Und die Gewerkschaften?
Ökologisch und sozial umsteuern – Jetzt!

Der Arbeitsplatz: ein Handlungsfeld für die Klimapolitik

Veränderungen sozial und demokratisch gestalten
Klimaschutz im Betrieb
Gewerkschaftliche Bildungsarbeit – Klimaschutz und Klimawandel müssen Thema werden!
ArbeitnehmerInnen- und Informationsrechte stärken

Literatur und Links

Fraktion UG im ÖGB
Fraktion AUGE/UG in der AK

Zu bestellen unter auge[at]ug-oegb.at (gegen Versandkosten)

Unterstützt die “Kritische & Solidarische Universität” (KriSU)!

Die “Kritische & Solidarische Universität” (KriSU) braucht Unterstützung. Alle Informationen hier. Online-Petition hier. Der Prozess der Organisierung braucht Ressourcen, Leute, Ideen. Mail an krisu*ÄT*riseup.net. Danke.

Für eine kritische und solidarische Universität!

In Bälde eröffnet in Wien ein aus den Uni-Protesten hervorgehendes Projekt seine Pforten: Die kritische und solidarische Universität (krisU). Erste Informationen dazu finden sich hier.

Eine andere Uni braucht andere Räume. Verdichtete Selbstverwaltung als Knotenpunkt sozialer Transformation

Die Uniproteste kamen erst mit der Besetzung von Hörsälen in ganz Österreich so richtig in die Gänge. Das ist kein Zufall. Räume weisen soziale Positionen zu, sie artikulieren Machtverhältnisse und verkörpern Machtgefälle. Die Kirche ist nur für Gläubige, das Parlament nur für Mandatar_innen, die Luxusschuppen nur für die mit viel Geld, die Betriebe nur für die Arbeitsplatzbesetzer_innen, die Räume der Chefs und der Rektoren nur für die mit den Insignien der Macht. Die Kirche, das Parlament, die Luxusschuppen, Betriebe, Chefetagen zwingen Menschen in Positionen der Unterordnung, der Asymmetrie, schließen aus und kerkern ein.

Das wollen sich viele nicht mehr gefallen lassen und verhalten sich anders. Sie ermächtigen sich selbst. Die von der Macht okkupierten Räume zu besetzen und sie eigensinnig zu nutzen ist ein zweifacher Schritt: symbolische Gegenwehr und konkrete Aneignung als Mittel und Versammlungsort einer Menge, die neue Wege gehen will.

Kommunikation ist der Bezug von Menschen aufeinander in Ort und Zeit. Kommunikation braucht Räume. Der Raum des Virtuellen ist ein spezifischer Raum, der dem Bezug vereinzelter Einzelner entspricht. Sie finden darin zueinander, aber doch nur singulär. Die Komplexität der konkreten Orte, ihrer Gänge, der sozialen Rhythmen, der vielen Blicke, Stimme, Ohren einer versammelten, in sich gegliederten Menge kehrt der virtuelle Raum der ortlosen Kommunikation hinter den Bildschirm. Facebook und Twitter waren weder die Ermöglicher der Proteste noch reichen sie aus oder sind in der Lage, die Proteste organisatorisch weiterzuführen.

Eine andere Universität, die solidarisch und kritisch sein will, sich letztlich in die Bewegung auflöst, die eine andere Gesellschaft macht, braucht eine andere Struktur ihrer Orte. Es geht darum, Kommerz und Staatlichkeit zurückzudrängen. Die Disziplinierung des Wissens muss aufgehoben werden. Der universitär-industrielle Komplex von public-private-partnerships, kapitaler Forschung und Ideologieproduktion ist aufzulösen. Eine “andere Universität” macht sich selbst überflüssig. Sie sortiert Kompetenzen und Ressourcen neu. Was brauchbar ist, wird anders einsetzt und davon ausgehend ein neues Wissen für eine neue Gesellschaft entwickelt. Es ist kaum vorstellbar, dass eine solche Bewegung allein in der Raummatrix der Universität Fuß fassen kann, sich auszubreiten und zu entfalten vermag. Physische Räume, die für das spezifische Projekt einer “Solidarischen und Kritischen Universität” nutzbar sind, sind nötig.

Freilich ist die Frage autonomisierter Räume nicht zum Fetisch zu erheben. Der Raum ist keine Kapsel, die von der Gesellschaft abschotten soll oder kann. Er ist vielmehr Knotenpunkt von Aktivitäten, die außerhalb seiner Wände entstehen, sich in ihm sammeln, neu gruppieren und verändern, und schließlich über ihn erneut hinausführen. Die Protestdynamik an den Unis droht deshalb zu erstarren, wenn sie an der Besetzung als „Besetzung“ festhält. Der Dreh- und Angelpunkt ihrer Potenzen ist nicht der Raum als solcher, nicht die Besetzung selbst, sondern die Aktivität, die Räume fortschreitend besetzt und neu ausrichtet. Die sozialen Prozesse der Veränderung der Gesellschaft hin zu einer solidarischen Lebens- und Produktionsweise brauchen neue Räume. Diese Räume gilt es anzueignen, in Nutzung zu nehmen, den Mächten der Zerstörung zu entwenden um etwas Besseres, etwas Entscheidendes damit zu beginnen. Sie werden von selbstverwalteten Aktivitäten durchzogen.

Sie erst machen einen Raum lebendig, öffnen ihn der Gesellschaft, machen die Universität zur Massenuniversität der Massenintelligenz, ermöglichen den Abbau unnötiger Hierarchien, die Vermischung und Differenzierung der Ideen, die Selbstorganisation der Alternative zur Barbarei. Eine andere Universität braucht andere Räume, nicht weil sie erneut Ausschluss schaffen will, sondern weil Aktivitäten, die sich selbst verwalten und zu einer solidarischen Lebens- und Produktionsweise gegen Kapital und Staat finden wollen, sich auch im physischen Raum begegnen, befruchten, gliedern, zerteilen und neu zusammenfügen, synthetisieren müssen: in Gesprächen face to face, in Arbeitsgruppen, Tanzaufführungen, Musikdarbietungen, Improvisationen aller Art, Kunstwerken von einem Tag auf den anderen, Forschungen, in denen sich Forschende und Beforschte ineinander verlieren und neu erfinden, in einem komplexen Geflecht sozialen Lebens, worin eine vielfältige Nachbarschaft und Überlagerung von Tätigkeiten sich wechselseitig stärkt.

Der Macht der Zerstörung ist Terrain streitig zu machen, es sind ihr Ressourcen zu entwenden. Kritik, die nicht praktisch wird, bekräftigt die Macht des Bestehenden, bleibt ein verlorener Kontrapunkt in der Kakaphonie der Herrschaft selbst. Die selbstverwalteten Aktivitäten müssen sich Räume aneignen, sie durchströmen, neu nutzen – um sich zu organisieren, für ein kommunes Leben hier und jetzt.

Unsichtbare Intelligenz – Buchankündigung

Was bislang kaum ein Mensch für möglich hielt, es ist tatsächlich eingetreten: ausgerechnet im verschlafenen Österreich hat eine internationale Welle von Studentenprotesten gegen die Verwandlung von Wissenschaft und Universität in einen totalen Sub-Markt begonnen. Die Forderungen, die die Studenten erheben klingen so utopisch und unerfüllbar, dass selbst wohlmeinende Kommentatoren Zweifel an ihrer Wirkung haben. “Bildung statt Ausbildung” und “Selbstbestimmtes Studium” stellen sich diametral gegen das neue Zeitregime der marktkonformen Akademikerproduktion. Politiker und Öffentlichkeit verlassen sich auf die heilsame Kraft des Zwangs zur Anpassung, dem auch diese Studentengeneration letztlich unterliegen wird.

In dieser Situation kommt ein Büchlein zur rechten Zeit, das sich mit der lange vernachlässigten theoretischen Dimension der Kritik am Wissenschafts- und Meinungsbetrieb, an der unheiligen Allianz von pluralistischer Beliebigkeit und gedankenlosem Nachplappern populärer Gedanken beschäftigt. “Unsichtbare Intelligenz” war der Titel einer Konferenz im letzten Jahr in der neuen Galerie in Graz, initiiert von Peter Weibel und Franz Nahrada, bei der es um jene unangepasste Strömung des Denkens gehen sollte, der es mehr auf die Stimmigkeit und Integrität des Gedachten ankommt als auf akademische und öffentliche Anerkennung.

“Der vernünftige Mensch passt sich der Welt an; der unvernünftige besteht auf dem Versuch, die Welt sich anzupassen. Deshalb hängt aller Fortschritt vom unvernünftigen Menschen ab” sagte George Bernard Shaw, und diese gern zitierte Aussage könnte als Motto über dem Buch stehen. “Unsichtbare Intelligenz” ist eine Anthologie von QuerdenkerInnen, die sich mehr oder weniger erfolgreich ihr eigenes Biotop geschaffen haben, von Öffentlichkeit und Medien nicht beachtet und im unaufhörlichen Strom des Tagesgeplärres totgeschwiegen. Es gibt Einblicke in radikal andere Befunde und Forschungsprogramme, die der neoliberale Wahn und die Diktatur der Konkurrenz an die Wand gedrückt hat. Es will einen Beitrag leisten zur Wiedergewinnung einer Theoriekultur, in der wir die Fülle ungelöster Aufgaben des Denkens für eine Welt “sinnlicher Vernunft” (Robert Kurz) zu erkennen und denen Anerkennung zu geben vermögen, die sie lösen.

Es ist aber noch mehr damit beabsichtigt: das Buch ist auch ein Versuch ein Heilmittel gegen die fatale Selbstisolierung von Intellektuellen zu finden, mit denen sich kritische Theorie wider besseres Wissen ihrer Wirkmächtigleit und Diesseitigkeit beraubte. Exemplarisch wird gezeigt, wie sehr das Zulassen von visionären Dimensionen und das Kombinieren mit praktischer Intervention überhaupt erst jenes Feld erzeugt, das der Theorie selbst ihr Leben gibt. Theorie, die ihren Anspruch auf Wahrheit und ihre Kopplung mit einem normativen Lebensentwurf aufgibt, landet nicht nur in dogmatischer Skepsis, wie der Buchbeitrag von Christian Christiansen am Beispiel des Pluralismus in der Wissenschaft zeigt, sie leistet auch einem Pluralismus der Dogmen und einer zunehmend pandemischen Unfähigkeit der gesamten Gesellschaft zu rationellem Diskurs Voschub, was in einer Zeit akkumulierter Krisenpotentiale fatale Folgen hat.

Dem hält das Buch entgegen, dass Theorie, Vision und Praxis neue Potentiale der wechselseitigen Bezugnahme haben und anscheinend gerade im Begriff sind, einander wiederzufinden.

NAHRADA, Franz (Hg.)
Unsichtbare Intelligenz
Kritik, Vision und Umsetzung – Bausteine einer neuen Theoriekultur
224 Seiten Format 12 x 18
17.80 € | 26.90 Chf
ISBN: 978385476-312-3
lieferbar an alle Buchhandlungen über:
Mandelbaum Verlag: http://www.mandelbaum.de/books/761/7296

Es gibt zur weiteren Evolution des Projektes ein eigenes Social Network: http://unsichtbareintelligenz.mixxt.at/

Von Bologna nach Wien
Andreas Exner | 19. November 2009 | 13:07 | Alle Einträge, Uniproteste | No comments

von Michi Alex, Kim Schlosser und Mark Ostman

Wien vor vier Wochen. Eine unsichere Stimme sagt: »Die Akademie der Bildenden Künste ist besetzt.« Niemand bewegt sich. Sie sagt es noch einmal, überzeugter: »Ihr müsst hineingehen!« Zwei Tage später, neun Uhr morgens. Rund 150 Personen treffen sich vor dem Wissenschaftsministerium. Innerhalb dessen Mauern soll an diesem Tag eine der österreichischen Manifestationen des Bologna-Prozesses unterzeichnet werden. Drei Männer verhandeln über die Leistungsvereinbarung der Akademie – ein Vertrag zwischen Rektorat und Ministerium, der das Budget und die inhaltliche Zielsetzung der Uni betrifft. Außen lehnen Studentinnen und Studenten Leitern an die Mauern, um einen Blick durch die Fenster zu werfen, um Transparenz herzustellen.

Gleichzeitig gibt es im Vorraum eines Hörsaals der Universität Wien eine vorsichtige Sitzblockade. Die Gruppe vom Ministerium und die von der Sitzblockade treffen sich schließlich zu einem Pro­testzug. Sie ziehen durch die Hörsäle mehrerer Standorte der Universität Wien. Um zwölf Uhr ist eine Demonstration in einem Park nahe der Universität angesetzt. Die Menschenansammlung dort wirkt zunächst ziemlich verloren. Langsam setzt sie sich in Bewegung, tritt ein in das Hauptgebäude der Universität, sammelt sich im Innenhof. Dort, umringt von der männlichen Ahnengalerie der patriarchalen Wissenschaft, reckt die einzige weibliche Statue die Faust in die Höhe. Der Faust folgend spaziert der Zug ins Audimax. Rund 2 000 Leute versammeln sich. Eine Stimme fragt: »Wollen wir diesen Hörsaal jetzt besetzen?« – Es gibt nur fünf Gegenstimmen.

Auslöser für die Besetzung der Akademie der bildenden Künste war unter anderem die Diskussion um die Umstellung weiterer Studiengänge auf eine zweistufige Ausbildungsschiene mit Bachelor und Master. Die Bachelor-Master-Struktur verschult das Studium durch Regelstudienzeiten, minimiert die Wahlfreiheit und normiert die Studieninhalte, was den Raum für kritische Refle­xion drastisch reduziert. Ihr Rahmen ist der so genannte Bologna-Prozess der EU.

Der Bologna-Prozess ist ein bildungspolitisches Projekt, das sich an den Zielen der Wettbewerbsfähigkeit und des »Aufbaus von Humankapital« im Sinne der »Beschäftigungsfähigkeit« orientiert. Er wird auf nationaler Ebene umgesetzt, ord­net sich jedoch in eine weltweite Dynamik ein, die Wissen und Bildung in Waren transformiert. Ihre Stoßrichtung ist die Disziplinierung der Studierenden, die Verzweckung des Studiums, die Sortierung der Lehrinhalte nach ihrer Verwertbarkeit für das Kapital und der Funktionalität für den Staat. Sie zielt darauf, Wissen zu kommodifizieren und seine Herstellung den kapitalistischen Effizienzkriterien zu unterwerfen.

Nicht nur die Produktion des Wissens, auch die Produktion der Ware Arbeitskraft für die Kommandohöhen der globalen Akkumulation und ih­re Standorte soll ohne ökonomische Verluste an Zeit und Kosten vonstatten gehen. Dem dient die Einführung von Rankings zwischen den Universitäten und die fortschreitende Trennung von For­schung und Lehre.

Freilich, die Universität ist nur ein Teil der Apparaturen der Wissensproduktion und der Sub­jektformierung im Postfordismus. Und der universitär-industrielle Komplex, der von Drittmitteln und Public-Private-Partnerships lebt, ist längst Realität. Dennoch bildet die Universität bisher zu­mindest partiell noch ein Refugium eines überkommenen »Bildungsideals«, welches die Kenntnisse des Latein der Kenntnis der kapitalistischen Betriebswirtschaft gleichstellt. Noch weist sie Spu­ren der Kreativität und Selbstbestimmung auf, die der Verdichtung der Zeit letzte Grenzen setzen. Sie will man schleifen. Die Studierenden üben Protest und Widerstand.

Die Ziele von Bologna prägen die Bildungspolitik auch in Österreich. So beruft sich das österreichische Universitätsgesetz (UG), das 2002 von der FPÖ-ÖVP-Regierung eingeführt wurde und im Sommer 2009 novelliert worden ist, in vielen Elementen auf den Bologna-Prozess. Mit dem UG wurde 2002 ein ganzes Bündel von Maßnahmen eingeführt, das die Universitäten in Konkurrenz zueinander setzt, die Bildungswege vereinheitlichen soll, die Curricula strafft und Wissen wie eine Ware behandelt: homogenisiert und zergliedert in ECTS-Punkte (European Credit Transfer and Accumulation System), welche eine abstrakte »Lernleistung«, die für eine Lehrveranstaltung auf­gewendet werden muss, quantifizieren sollen. Auf Biegen und Brechen wird im Bildungssystem der Markt simuliert und das konkrete Wissen in eine Zwangsform »Leistung« gepresst.

Auch institutionell brachte das UG 2002 einige Änderungen. Besondere strategische Bedeutung hat dabei der Universitätsrat. Er ist ein externes Kontrollorgan, das zur Hälfte vom Ministerium besetzt wird, und hat die Funktion eines Aufsichts­rats. Das Rektorat und insbesondere der Rektor selbst erfahren eine extreme Bündelung von Entscheidungsgewalt, bei gleichzeitiger Schwächung des Senats, dem einzigen demokratisch gewählten Gremium. Das Mitspracherecht der Studierenden ebenso wie das des Mittelbaus werden geschwächt. Zudem wurden Studiengebühren eingeführt.

Zwar wurden die Studiengebühren vor einem Jahr wieder weitgehend abgeschafft. Doch handelt es sich bei der jetzigen Regelung um einen wei­teren Fall diskriminierender Gesetzgebung: Sie gilt nämlich ausschließlich für EU-Bürgerinnen und EU-Bürger, und auch das nur während der Regelstudienzeit. Zudem hat der Bundesminister für Wissenschaft und Forschung mehrfach – auch während der Proteste – deutlich gemacht, dass Studiengebühren wieder eingeführt werden sollen. Der Weg dorthin wäre seit der Gesetzesnovelle 2009 ziemlich kurz: In einem Nebensatz des UG findet sich der Hinweis, dass sich die Höhe der Studiengebühren für Nicht-EU-Bürger an den tatsächlichen Kosten eines Studiums orientieren könnte. Das UG hat also auf subtile Weise schon die Voraussetzungen dafür geschaffen, nicht nur die Studiengebühren wiedereinzuführen, sondern auch die Studienplätze nach betriebswirtschaftlichen Kriterien zu bewirtschaften.

Die Proteste in diesem Herbst fielen nicht vom Himmel. Und sie lassen sich nicht auf eine simple Reaktion auf den Bologna-Prozess reduzieren. Sie sind vielmehr Teil einer langen Geschichte ver­schiedener Gruppierungen und politischer Szenen, die sich mit der Frage kritisch auseinandersetzten, was es überhaupt bedeutet, in dieser Gesellschaft zu studieren. Ebenso resultieren sie aus der Untersuchung der ökonomischen, sozialen und politischen Bedingungen am Arbeitsplatz und der Kritik von Hierarchien – innerhalb der Universitäten, aber auch in anderen Bereichen des Bildungssystems. Was wird überhaupt als Bildung bzw. Wissen anerkannt und weshalb? Welche Ausbeutungsketten durchziehen die Universität? In welchem Verhältnis stehen Studierende und so­ziale Bewegungen? All diese Fragen standen am Anfang des Protests.

Beginn der Besetzung der Akademie der Bilden­den Künste war der 20. Oktober. Inzwischen ist ein Teil der Euphorie verflogen, nicht nur an der Akademie, sondern auch in den anderen Besetzungs-Communities an den österreichischen Universitäten. Zweifelsohne brachten die ersten Wochen der Proteste viele Erfolge: solidarisches Handeln zwi­schen Lehrenden und Studierenden, kons­truk­tive Plena ohne Führungsstrukturen, kol­lek­tive Re­präsentation, feministische Strukturen und Forderungen, die Sexismus angreifen. Wenn nun immer mehr Aktivistinnen und Aktivisten wegbleiben, Differenzierungen in den einzelnen Ar­beits­gruppen sichtbar werden, Konflikte aufkommen, oder wenn versucht wird, alte Hie­rar­chien wiederherzustellen, dann stellen sich neue Fragen: Welche Basis liegt der Basisdemokratie zu­grunde? Wie spiegeln sich gesellschaftliche Strukturen in der Selbstorganisation der Studierenden wider?

Medien und Politikerinnen und Politiker tun sich schwer mit den Protestierenden, die keine Zen­trale haben und keine Führer. Die Logik der Macht bekommt sie nicht zu fassen, solange sich Parteistrukturen fernhalten und die »Österreichische Hochschüler/innenschaft« nur eine begleitende Rolle ohne Führungsanspruch übernimmt. Gleichwohl haben die Protestierenden eine Reihe konkreter und auch radikaler Forderungen formu­liert, die universitätsinterne Probleme ebenso betreffen wie gesamtgesellschaftliche. Die Forderungen nach einer Demokratisierung der Universitäten, einer umfassenden Anti-Diskriminierung in allen Bildungseinrichtungen, der Abschaf­fung von Ausbeutung und der Freiheit von Forschung und Bildung – um nur einige zu nennen – lassen sich systemimmanent gar nicht erfüllen. So weisen sie über die bestehende Gesellschaft und die sozialen Normierungen hinaus. Und so sind sie auch nicht so einfach zu vereinnahmen.

So ist die Reaktion der Öffentlichkeit auf die Pro­tes­te durchaus zweischneidig. Für viele ist der Pro­test bloß ein Warnsignal, dass die Qualifizierung der Ware Arbeitskraft für den Kampf der Standorte zu wünschen übrig lässt – mehr Geld für mehr Wettbewerbsfähigkeit und »Chancengleichheit«, lautet die Konklusion. Diese Sorge dürf­te nicht zuletzt einen Hintergrund vieler Solidaritäts­adres­sen bilden, die entsprechend ambivalent sind.

Warum also ist ausgerechnet in Österreich gerade so viel los? Das ist aus österreichischer Sicht schwer zu beantworten. Noch rätselhafter freilich ist, dass ausgerechnet in einem Land wie Deutsch­land, in dem die Studiengebühren jährlich steigen, in dem die Umsetzungen des Bologna-Prozesses mindestens so desaströs sind wie in Österreich und wo die Polizei im Unterschied zu hiesigen Gepflogenheiten ohne große Diskussion in Universitäten gerufen wird, um Studierende hinauszuräumen, weshalb also in diesem Deutschlands nicht mehr los ist.

aus: Jungle World

Peak Protest? Zur Perspektive der Bewegungen an den Unis
Andreas Exner | 17. November 2009 | 21:34 | Alle Einträge, Uniproteste | No comments

Verflogen ist die Euphorie. Ernüchterung macht sich breit. Wer bis dato die überzogene Erwartung kurzfristiger Erfolge hatte – nun ist es nicht mehr zu übersehen: Die Leute in den Hörsälen werden weniger – auch wenn die Facebook-Gruppe “Audimax” weiter angewachsen ist; die Politik reagiert in keiner Weise konstruktiv – auch wenn die Proteste dem Thema “Bildung” enormes Gehör verschaffen konnten; die Probleme an den Unis werden auf absehbare Zeit bestehen bleiben – selbst wenn es mehr Geld vom Ministerium gibt (ja vielleicht gerade dann); die Welle der Solidarisierung blieb vielfach im Paradigma des Kapitals, in Slogans wie “Ausbildung für mehr Wettbewerbsfähigkeit” und “Bildung ist unsere wichtigste Investition in die Zukunft” befangen – wenngleich ihre Breite in der Tat erstaunlich ist.

Zeit, um ein Resümee zu ziehen.

Wer die aktuellen Bewegungen an den österreichischen Unis mit jenen von 1996 und 1987 vergleicht, erkennt viele Gemeinsamkeiten. Die traditionellen Elemente der Proteste sind tatsächlich nur ein schwacher Abklatsch früherer Bewegungen, etwa im Vergleich mit den Bildungsstreiks des Jahres 1987, wo es tatsächlich einen “Schulterschluss” mit den von der Krise der Verstaatlichten gebeutelten ArbeiterInnen gab und nicht nur das Audimax besetzt worden ist, sondern sich ein Streik entwickelte, der sogar über die Unis hinausgriff. Auch die Selbstorganisation und die spontane Aktionsform der Protestierenden ist keinesfalls historisch neu. Die Breitenmeinung, Facebook, Twitter & Co. hätten in dieser Hinsicht eine neue Qualität gebracht, ist falsch. Blickt man in die Geschichte sozialer Bewegungen, so sieht man immer wieder Phasen ausufernder Selbstorganisation, und die ist nicht auf das Internet angewiesen, Stichwort 1968.

Dennoch haben die aktuellen Proteste eine neue Qualität; eine, die ermutigt. Drei Punkte unterscheiden sie von früheren Bewegungen in Österreich und stellen sie in eine entfernte Reihe mit den Ereignissen von 1968.

Erstens. Die spontane Selbstorganisation ist eine im wahrsten Sinn uralte Fähigkeit der Menschen. Der Kapitalismus kann sie nicht beseitigen, macht sie sich vielmehr zum Teil zunutze. In Phasen gesellschaftlichen Aufbruchs und in Krisen treten diese Fähigkeiten daher relativ rasch zutage. Unter günstigen Bedingungen können sie sich selbst strukturieren und eine basisdemokratische, konsensorientierte Form annehmen, die sich auf Dauer stellt. In der Emphase des “Individuums”, die man in den Kreisen der Beteiligten in diesem Zusammenhang immer wieder hört, ist weniger das bürgerliche Subjekt zivilgesellschaftlicher Träume, sondern vielmehr ein “anarchistischer”, auf Selbstbestimmung bedachter Zug sehr vieler Engagierter zu erkennen.

Das Neue in der gegenwärtigen Dynamik ist also nicht in der Selbstorganisation zu sehen. Es liegt vielmehr im Umstand, dass Parteistrukturen keine Rolle in den Protesten spielen. Bis jetzt ist auch keinerlei parteiliche Vereinnahmung gelungen. Die Interessensvertretung der Studierenden, die Österreichische Hochschüler_innenschaft hält sich im Hintergrund. Sie begleitet die Proteste und unterstützt sie im besten Sinne, ohne dass sie bisher einen Führungsanspruch oder ein Verhandlungsmandat geltend macht.

Zweitens. Anders als frühere Proteste ordnen sich die aktuellen Bewegungen in eine internationale Dynamik ein. Nicht nur wurden sie über feine aber entscheidende Informations- und Wahrnehmungskanäle von anderen sozialen Kämpfen im Bildungssektor inspiriert. Sie üben auch selbst Inspiration auf andere Studierende aus. Der Anstoß, den die Wiener Besetzungen für Deutschland gaben, ist bekannt.

Drittens. Die Proteste von 1987 und 1996 waren rein defensiv. Die Position dieser Bewegungen war deshalb äußerst schwach. Ab dem Zeitpunkt, als die Luft des ersten Unmuts draußen war, fielen die Bewegungen daher wie Schaum in sich zusammen. Dies gilt übrigens auch für die Demonstrationen gegen die FPÖ-ÖVP-Regierung im Jahr 2000. Das ist inzwischen anders. Die Arbeitsgruppen, die Studierende gleich nach Beginn der Besetzungen bildeten, sind nicht zu Unrecht bis in die mediale Wahrnehmung vorgedrungen. Neben organisatorischen Belangen entwickeln manche von ihnen eine radikale Kritik von “System und Bildung”, greifen Forderungen wie die nach einem bedingungslosen Grundeinkommen auf und beginnen ganz allgemein so etwas wie ein Denken in Perspektiven zu entfalten.

Das schützt nicht zuletzt vor naiven Hoffnungen auf raschen Erfolg.

Am Wochenende standen sowohl in Graz als auch in Wien Tage der Reflexion am Programm. Die Stimmung der Debatten war über weite Strecken nüchtern, mitunter etwas pessimistisch. Vereinzelt und im Widerspruch dazu wurde auf die Verbreiterung der Uni-Proteste durch Bewegungen in Deutschland, der Schweiz, den USA etc. verwiesen. In manch einem Moment kam sogar so etwas wie erneute Euphorie darob auf. Im Großen und Ganzen aber scheinen sich die Engagierten keine übertriebenen Erwartungen zu machen. So meinte eine ÖH-Aktivistin in Graz auf die Frage nach der Perspektive sinngemäß: viele Leute haben sich in den Protesten politisiert, es sind interessante Erfahrungen gemacht worden; nun gälte es, die Universität in Kleinarbeit und vielen Schritten in Richtung von mehr Freiraum zu verändern.

Die Einschätzung, dass der Weg auch für kleine Verbesserungen lang sein wird, ist zweifelsohne richtig. Allerdings wird zumeist kurzschlüssig davon ausgegangen, dass damit auch eine Absage an radikale Kritik verbunden sei. Die Frage “Reform oder Revolution” steht schnell im Raum, und die Antwort ist von vorneherein klar: was man hier mache, sei Reformismus – und meint implizit: kein Ansatzpunkt für eine andere Gesellschaft.

Das stimmt jedoch nur mit Vorbehalt. Es ist bezeichnend für die Notwendigkeit, die Reflexion über die eigenen Bewegungen zu vertiefen, dass etwa die erstaunlichen, überwiegend von Respekt und Achtsamkeit geprägten Umgangsweisen der Beteiligten miteinander, die Strukturen der Organisation und Reproduktion (Volxküche etc.) nicht als das bewusst erkannt werden, was sie sind: ein Komplex von Beziehungsweisen, welcher der herrschenden Struktur des Zusammenlebens sichtbar entgegensteht. Die Beteiligten thematisieren die ungewöhnliche (und ungewöhnlich angenehme) Beziehungsweise, die sich über alle – oft bedeutenden inhaltlichen Unterschiede hinweg – etabliert hat, selbst bei vielen Gelegenheiten. Dass sie ihr Potenzial dennoch nicht im selben Maß erkennen wie es ihnen für ihr Engagement charakteristisch erscheint oder dieses Potenzial jedenfals nicht als ein solches auch diskutieren, ist ein Defizit. Die ÖH-Aktivistin in der Grazer Reflexionsdebatte “Wie weiter?” beschrieb es in etwa so: dass man aufeinander aufpasst, zum Beispiel jemandem, der zuviel getrunken hat oder einer, die sich schlecht fühlt, rät, sich auszuruhen, heimzugehen; das könne man schon – sie stockte bei diesem Wort, als führte sie es zum ersten Mal im Mund oder als schiene es ihr in diesem Fall zu pathetisch – “solidarisch” nennen.

In der Tat.

Der Erfolg der Proteste liegt also kaum in “realpolitischen” Optionen. Vielmehr zeigt sich in ihnen eine neue Radikalität, die entwicklungsfähig ist. Sie bieten Ansatzpunkte für eine Reflexion darüber, was menschliche Beziehung im Kapitalismus ist, wie sich die Erfahrungen der Protestierenden davon in einigen Momenten unterscheiden, und wie man diese Momente erweitern und tragfähiger machen kann.

Die Proteste fielen keineswegs vom Himmel. Ihnen voraus ging die weitverzweigte Arbeit kleiner Gruppen und dem öffentlichen Auge verborgener Zusammenhänge. Sie übten Kritik am Bildungssystem und stellten es in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext. Allein dieser Umstand zeigt bereits, dass die Hoffnung, durch Minimalismus und eine Engführung der Inhalte der Proteste größeren Erfolg zu erzielen, nicht nur eitel ist, sondern eine Illusion.

Die Bewegungen in Österreich nahmen bekanntlich von der Akademie der Bildenden Künste ihren Ausgang. Gerade dort aber ist eine radikale Kritik zuhaus, die vielen anderen Zusammenhängen bis dato fehlt. Die Besetzungsaktion der Aktivist_innen der Akademie, welche die Protestlawine lostrat, stand also in einem weiten Kontext. Sie griff auf eine Vielfalt an kritischen Debatten und Erfahrungen zurück, wie es in einem Statement der Aktiven auch explizit benannt worden ist. Sie ist das Ergebnis langfristigen Bemühens. Dass die Aktion der Akademie eine derartige Kettenreaktion auslösen würde, hat wohl kaum jemand der Beteiligten erwartet. Vielleicht war das Milieu dafür durch das stumme gesellschaftliche Krisengefühl bereitet, vielleicht noch verschärft durch spontanen Unmut über schlechte Studienbedingungen. Auf jeden Fall war es hoch entzündlich für den Funken, den die Akademie-Aktivist_innen schlugen.

Die Bewegungen sind also – und darin liegt vielleicht ein weiterer Unterschied zu früheren Protesten – bereits das Ergebnis längerfristiger Politisierung, einer unbeirrten Arbeit im kleinen Rahmen. Nicht zuletzt aus diesem Grund eröffnen sich mit ihnen auch interessantere Perspektiven als üblich.

Mit dem Abflauen der Dynamik stellt sich nun freilich jene Frage, die auch das Thema für die samstägliche Debatte in Graz abgab: “Wie weiter?”

Zwei Aspekte einer möglichen Antwort liegen auf der Hand: Einerseits wird die organisatorische und infrastrukturelle Frage virulent, wie man die Strukturen und Erfahrungen von Basisdemokratie und kollektiver Selbstentfaltung fortführen kann, ist die Besetzung der Hörsäle einmal beendet. Zum Anderen drängt die inhaltliche Radikalisierung der Proteste erneut in den Vordergrund – radikale Kritik stand am Anfang der Bewegungen, und radikale Kritik ist ihre Perspektive. Dort wo sich eine solche Kritik mit dem Bewusstsein organisch verbindet, dass die Aussichten für Studierende und Nicht-Studierende alles andere als rosig sind, solange eine Alternative zum Kapitalismus auf die lange Bank geschoben wird, kann sie die Protestdynamik vielleicht in anderer Form aufrecht erhalten. Als punktuellen Eingriff nämlich in verschiedene Bereiche des gesellschaftlichen Betriebs, der mit jedem Monat mehr in Richtung einer barbarischen Selbstzerstörung driftet. Auf jeden Fall wären die Bewegungen dann nicht umsonst gewesen, keine Eintagsfliege im Lauf des Kapitals, sondern hätten sich als der dringend nötige Aufbruch einer Menge erwiesen, die ein Neuland der Beziehung jenseits von Kapital und Staat aufsucht.

Während der erste, organisatorisch-infrastrukturelle Aspekt in die Frage nach permanenten Räumen mündet, erfordert der zweite, inhaltliche Aspekt zuvorderst einmal Vernetzung emanzipativ orientierter Initiativen, die es in erstaunlicher Anzahl gibt, voneinander aber bis dato noch kaum wussten. Mit dem Workshop “Vom Uniprotest zu einer Solidarischen Ökonomie der Bildung” ist ebenso wie mit anderen, vergleichbaren Treffen der letzten Tage ein erster Schritt dahin getan.

Ein konkretes Ergebnis ist die Plattform “Massenuni” mit dem Untertitel “Von der Kritik der Universität zur Solidarischen Ökonomie der Bildung”, auf der sich eine radikale Kritik des Bildungssystems vernetzt und damit besser sichtbar wird; ein anderes ist die Gruppe “Solidarische Ökonomie der Universität” im Social Network SOLCOM, das sich mit der Debatte um Solidarische Ökonomie und Gemeingüter befasst.

Die Proteste verschwinden vom Medienschirm. Die Hörsaalbesetzungen mögen in zwei Wochen enden oder in zwei Monaten oder dreien. Das Gespräch mit Minister Hahn wird kein Ergebnis bringen. Die Mehrheit der an den Protesten Beteiligten wird ihr Engagement niederlegen. Sie wird weiter dem Weg folgen, der ihr vorgezeichnet ist, konzentriert auf bedruckte Scheine und auf der Suche nach dem kapitalen Glück. Viele andere aber sind da mit neuen Ideen, sind auf den Geschmack gekommen, etwas ganz Anderes zu versuchen und das, was sie bereits dazu entwickelt haben, zu erweitern.

Es gilt die Proteste nach Möglichkeit in neuer Form, als eine Verbindung aus radikaler Kritik und alternativer Praxis gemeinsam zu vertiefen.

Ein Versuch ist gemacht.


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