Was ist oder soll sein Solidarische Ökonomie?

Die Art in der sich der Diskurs der Solidarischen Ökonomie im Moment strukturiert, hat einen großen Vorteil: er ist relativ leicht anschlussfähig an traditionelle Formen gemeinschaftlichen Produzierens. Die Schnittmenge zwischen dem, was die allermeisten unter Solidarischer Ökonomie verstehen und dem üblichen Begriff der Genossenschaft ist groß.

Wer die beiden Sammelbände zur Solidarischen Ökonomie, die im VSA-Verlag erschienen sind, studiert, sieht allerdings rasch, dass die Solidarische Ökonomie mehr umfassen soll als die traditionelle Genossenschaft. Darüber hinaus vereint sie durchaus widersprüchliche, zumindestens aber ausgesprochen heterogene Ansätze in sich. Sie enthält in dieser Sicht Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften, Umsonstläden, Tauschkreise, Fair Trade, sozial orientierte Betriebe und so fort (siehe: Solidarische Ökonomie: Reader des Wissenschaftlichen Beirats von Attac, 2006; Solidarische Ökonomie im globalisierten Kapitalismus, 2008).

Der Nachteil des Begriffs ist daher, dass sich die Konturen der notwendigen Alternative zur kapitalistischen Produktionsweise verwischen. “Revolution oder Raiffeisen. Fragen zur Solidarischen Ökonomie” hat das anlässlich des ersten deutschsprachigen Kongresses zur Solidarischen Ökonomie in Berlin 2006 so argumentiert.

Wie sind Vorteile und Nachteile nun, fast zwei Jahre nach dem gelungenen Start der Debatte um ein neues Leitbild gesellschaftlicher Produktion, zu gewichten? Ich möchte diese Frage nicht ausführlich diskutieren, sondern nenne Euch gleich meine persönliche Antwort: Tatsächlich überwiegt für mich der Vorteil einer Breite des Begriffs.

Er lässt Platz für produktive Kontroversen und wiegt damit stärker als der Nachteil, wie ich meine. Dies vor dem Hintergrund, dass die Solidarische Ökonomie als Praxis und Diskurs zwar Zulauf erfährt, doch insgesamt gesehen natürlich noch alles andere als wirkmächtig geworden ist. Allzu restriktive Standpunkte kann sich eine ernsthafte Bewegung in Richtung befreiender gesellschaftlicher Praxis schlicht nicht leisten. Wie überhaupt der Standpunkt nicht selten ein fragwürdiger Ort der Intervention in Prozesse ist.

Dennoch ist es gut, die Anforderungen an eine Solidarische Ökonomie zu schärfen, die sich stellen, wenn man die kapitalistische Produktionsweise überwinden will. Damit wird auch der kontroverse Charakter der Debatte, den ich wichtig finde, gewahrt. Jede Idee, jeder Zugang, der und dem die Debattierenden einen Platz gewähren, ist auch eine Option für die Zukunft; erweitert den Fundus an Blickwinkeln und die Möglichkeiten der praktischen und geistigen Vernetzung; diese selbst ist ein notwendiges Ingrediens jeder Alternative, die dem Kapitalismus dagegen halten und Terrain gewinnen will.

Nur so auch – und hier bin ich beim eigentlichen Anliegen dieses Eintrags – ist eine klare, theoretisch nachvollziehbare Unterscheidung möglich zu Formen des Produzierens und Verteilens, die nicht in der Lage sind, die bestehende Produktionsweise substanziell zu überschreiten.

Zweifellos der zentrale Punkt.

Die Frage läuft klarerweise darauf hinaus, welche Merkmale für die kapitalistische Produktionsweise konstitutiv sind. Nachdem es sich hier um einen Weblog handelt und nicht um eine Lebenswerk, beschränke ich mich auf ein paar kurze Punkte. Im Anschluss an Marx lässt sich ein Basismerkmal Nummer 1 benennen: die Vermittlung der gesellschaftlichen Produktion durch den Wert. Das heißt, die Elementarform des Produkts im Kapitalismus ist die Ware. Ware ist ein Produkt, das gegen Geld getauscht und mit einer Summe Geldes – seinem Preis – als abstrakter Wert gleich gesetzt wird.

Im Kapitalismus erfährt nicht nur der Umkreis jener Produkte, die zu Waren werden, einen bis dahin ungekannten Radius. Es wird auch die menschliche Arbeitskraft so behandelt, als wäre sie eine Ware. Das ist das Basismerkmal Nummer 2. Beide Merkmale hängen eng zusammen. Nur in einer Gesellschaft der Lohnarbeit wird gesellschaftliche Produktion zur Warenproduktion. Und nur in einer Warengesellschaft erhält menschliche Tätigkeit als Regelfall der gesellschaftlich anerkannten Produktion die Form einer Ware.

Eine Produktionsweise, die gesellschaftliche Produktion in privater Form organisiert, ist notwendig instabil, widersprüchlich, selbstzerstörerisch, von Konflikten, Spaltungen und einer umfassenden Konkurrenz durchzogen. Relative Stabilität in Abwesenheit direkter, personaler Herrschaft kann der Kapitalismus daher nur dadurch gewinnen, dass sich Herrschaft abspaltet und der Gesellschaft in Form eines Staates gegenübertritt. Damit ist auch eine Trennung zwischen Politik und Ökonomie gesetzt. (Man wird bemerken, dass sich so betrachtet von einer “alternativen Ökonomie” gar nicht reden lässt; die Alternative wäre vielmehr, die “Ökonomie” als abgespaltene, abstraktifizierte Sphäre aufzugeben; der Einfachheit halber wird man in der Debatte über diesen Punkt hinweggehen.)

Das Basismerkmal Nummer 3 ist daher die Existenz einer separaten, von der Ökonomie abgespaltenen Sphäre der Politik, die die Form eines Zwangsapparates annimmt. Dieser Apparat hält die kapitalistische Produktionsweise durch eine Mischung aus Konsens und Gewalt zusammen.

Zusammengefasst charakterisieren die unsolidarische, kapitalistische Ökonomie damit:

1. Allgemeiner Äquivalententausch (Tausch von Wertgleichem – Ware/Geld)

2. Lohnarbeit (Tausch zwischen Besitzern von Produktionsmitteln und solchen von Arbeitskraft – Kapital/Arbeit)

3. Staat (Trennung zwischen Ökonomie/Politik)

Ziehen wir aus dieser kurzen Skizze einen Schluss. Was bedeutet es für die Solidarische Ökonomie, wenn das, was sie überwinden will, durch allgemeinen Äquivalententausch, Lohnarbeit und Staat zu charakterisieren ist? Es würde heißen:

1. Beitragen statt Tauschen (Peer Economy, siehe Christian Siefkes)

2. a. Selbstverwaltung der Produktionsmittel (Commons, Gemeingüter)

2. b. unbedingte soziale Anerkennung (Grundauskommen)

3. Einheit von Ökonomie und Politik (partizipative Planung, direkte Kommunikation)

Das Ziel also ist, gesellschaftliche Vernetzung zu entwickeln, die sich vom Tausch von Wertgleichem emanzipiert. Sie muss darauf beruhen, dass wir einander bedingungslos als Menschen anerkennen. Das ist nur möglich, wenn weder Geld noch Arbeit dafür notwendig sind, sich den üblichen Lebensstandard zu sichern.

Die Skizze sollte kurz und klar sein. Damit auch wirklich klar ist, wohin die Solidarische Ökonomie gehen muss, damit sie als eine Alternative zum Kapitalismus überhaupt denkbar ist. Im Anschluss daran stellt sich die Frage – und die ist mit Sicherheit (noch) viel spannender – wie wir von hier nach dort gelangen; und wie wir die konkreten, vorhandenen Praxisformen in eine Richtung entwickeln können, die den Kapitalismus und seine scheinbaren Naturgesetzen abstreift.

Zum Abschluss daher noch drei Kriterien, die meiner Meinung nach eine Solidarische Ökonomie erfüllen muss. Sie benennen sozusagen eine Nagelprobe für diese Zielbestimmung und für alle Bewegungen, die sich auf den Weg dorthin machen wollen:

1. Sind jene, die nicht den anerkannten Kriterien von Leistung oder Beitragen entsprechen, deutlich schlechter gestellt als andere, die diesen Kriterien gut entsprechen?

2. Kann man schädliche Produktionen ersatzlos still legen, ohne damit eine Krise zu provozieren?

3. Gibt es eine Klasse von Entscheidern?

Das Problem der Kluft zwischen Status quo und Ziel einer Solidarischen Ökonomie ist auf der Ebene einzelner Betriebe und anderer Zusammenhänge fürs erste wahrscheinlich dadurch in den Griff bekommen, dass man mit Minimalkriterien und einem Idealtypus arbeitet, wie das etwa Clarita Müller-Plantenberg, Alexandra Stenzel und andere in Nordhessen tun.

Freilich, dass Solidarische Betriebe noch keine Solidarische Ökonomie ergeben, ist vielen in der Debatte klar.

Für die Kartierung der Solidarökonomie in Nordhessen war das nicht zuletzt einer der ausgesprochenen Ausgangspunkte der Bemühung um eine Erhebung des Status quo. Doch wie man sich dieser Aufgabenstellung über solche notwendigen ersten Schritte wie etwa eine Bestandserhebung Solidarischer Zusammenhänge hinaus weiter nähern kann, scheint mir derzeit noch ein wirkliches Problem.

Der Begriff der Solidarischen Produktionsketten und -netze weist wahrscheinlich in die richtige Richtung. Was Paul Singer davon aus Brasilien berichtete, inspiriert. Wie man die Notwendigkeit solcher Komplexitäts- und Qualitätssprünge in der Solidarischen Ökonomie stärker ins Bewusstsein rückt und wie man dies mit Kämpfen in den kapitalistischen Unternehmen organisch verbindet, um das Management zu enteignen und den gesellschaftlichen Energie- und Stoff-Fluss aus den Formen der Geldökonomie effektiv und auf breiter Front zu befreien, ist eine Herausforderung, die immer stärker auf Lösungen und Erfolge drängen wird.

Vielleicht macht es Sinn, das, was man zur Solidarischen Ökonomie gemeinhin zählt, daraufhin zu befragen, wo es Momente gibt, die gleichwertigen Tausch überschreiten, Lohnarbeit überwinden und Produktion, Verteilung und Genuss zur Angelegenheit unserer selbstbestimmten Entscheidung machen.

Das Hier-und-Jetzt jedenfalls muss, so denke ich, im innersten Fokus jeder Bemühung sein. Die Spannung zu einer möglichen Zukunft, die den Anspruch auf eine gesellschaftliche Alternative klar und deutlich formuliert, schafft jedoch die nötige Richtungsbestimmung, Abgrenzung und Dynamik.

Alle Einträge, Solidarische ÖkonomiePermalink

One Response to Was ist oder soll sein Solidarische Ökonomie?

  1. Markus says:

    Für den deutschsprachigen Raum und insbesondere Wien sehe ich als die nächsten Schritte

    - eine lokale Verdichtung, etwa in Stadtteilen oder um bestimmte Kleinstädte

    - die Einbeziehung der allgemeinen Bevölkerung auf dieser Ebene

    Wesentliche Mittel dafür müssten sein

    - regionale Kartografien

    - detaillierte Analyse der Alltagspraktiken und Bedürfnisse

    - lokale Beteiligungsveranstaltungen

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>