The Rise of China and the Demise of the Capitalist World-Economy“, so lautet der Titel von Minqi Li’s Erstlingswerk, das im November 2008 bei Pluto Press erschienen ist. Nicht, dass Li ein Unbekannter wäre. Hat der aus China stammende Ökonom, der eine Assistenzprofessur an der University of Utah bekleidet, doch bereits in Science & Society, zuletzt auch im Sammelband “Coming to terms with Nature”, Socialist Register, publiziert.

Li vereint zwei Qualitäten, die einzeln häufig, in Kombination jedoch selten sind: einen marxistischen Zugriff auf Gesellschaft und ein breites ökologisches Wissen.

Und er wagt, was – bis dato – selten jemand tut: das Ende des Kapitalismus denken.

Die Art, wie Li sein Argument entwickelt, beeindruckt durch theoretische Klarheit und quantitative Präzision. Wie ein Architekt fügt Li einen Baustein neben den anderen. In Summe ergibt das einen Gedankenbau, von dem aus man weit in unsere Zukunft blickt.

Li’s Art zu schreiben besticht durch seine Nüchternheit. Die für das herrschende Bewusstsein nachgerade ungeheuerliche Aussage, wonach die scheinbar endlose Akkumulation des Kapitals sich im Verlauf der kommenden Jahrzehnte in ihr Gegenteil verkehren wird, kommt ihm – trotz der in mancher Hinsicht durchaus katastrophischen Entwicklung – ohne den katastrophischen Tonfall über die Tasten, der einen Gutteil der ökologischen Literatur in diesen Dingen charakterisiert.

Dennoch ist das Buch alles andere als unpersönlich.

In my case, soon after the failure of the 1989 “democratic movement”, I reflected upon this failure and tried to understand the underlying causes. I became a leftist, a socialist, a Marxist, and eventually, a Marxist-Leninist-Maoist. A year later, I gave a political speech on the campus of Beijing University, which cost me two years of imprisonment. However, there were two advantages concerning incarceration. For the first time in my life, I had the opportunity to live with people from various underprivileged social strata. This experience was of immeasurable value. Secondly, in prison, I had ample time to read, a privilege I have not been able to enjoy since then. I read Marx’s three volumes of Capital three times, in addition to many other classical writings …

Li wendet sich ab vom neoliberalen Denken, das seine Studienzeit am Economic Management Department der Universität Beijing vor den Unruhen von 1989 geprägt hatte und wird Marxist.

A person who grows up in a materially privileged environment, like myself, does not naturally tend to unterstand and appreciate the interests of the working class.

Die Niederschlagung der Unruhen und seine Inhaftierung markieren für Li nicht nur einen biografischen, sondern auch einen intellektuellen Richtungswechsel.

2001 lernt Li die Wallersteinsche Theorie des kapitalistischen Weltsystems kennen. Bald darauf nähert er sich der Frage, wie man den Aufstieg Chinas mit der These vom Niedergang des kapitalistischen Weltsystems, die Wallerstein aufstellt, ins Verhältnis setzen muss. Seine Konklusio:

I argued that China’s economic rise would in fact greatly destabilize the capitalist world-economy in various ways and contribute to its final demise.

Und aus dieser Kernthese ergibt sich die Struktur des Buches.

Im ersten Teil rollt Li im Schnellschritt die chinesische Geschichte auf, um Chinas industriellen Aufstieg in die Hegemoniezyklen einordnen zu können, die das Weltsystem seit seinem Beginn vor rund 500 Jahren bestimmen. Li argumentiert, dass China ein wesentliches Moment der neoliberalen Epoche war. Ohne China wäre das US-Zahlungsbilanzdefizit nicht denkbar gewesen; und ohne dieses Defizit nicht die neoliberale globale Ökonomie. Die Instabilität dieses schuldenbasierten Regimes muss in den Abstieg der USA einmünden. Die Frage freilich ist, ob China die USA nach dem Muster bisheriger hegemonialer Transitionen beerben können oder nicht.

Während das erstere viele hoffen oder fürchten – jedenfalls erwarten – vertritt Li die andere Position. “China’s internal social transformation and ascendancy in the world-system threaten to undermine the stability of the semi-periphery and therefore the entire three-layered structure” – will heißen: das kapitalistische Weltsystem kann nur existieren, wenn eine mittlere Schicht der Semiperipherie das Zentrum von den sozialen Spannungen und Ansprüchen der Peripherie abschirmt. “The middle stratum is both exploiter and exploited. By providing the middle stratum with the access to a portion of the surplus product, the ruling elites buy off the potential political leadership of the exploited majority.” Mit dem Wechsel Chinas in die Kategorie der “well-to-do semiperiphery” würden, so Li, die globalen Machtverhältnisse massiv verändert – zum Nachteil des Zentrums, das nun einen immer größeren Teil des globalen Surplus mit der drastisch gewachsenen oberen Hälfte des mittleren Stratums teilen muss, und zu Ungunsten der Stabilität des Weltsystems, da die addierten Ansprüche von Zentrum und erweiterter Semiperipherie immer schwerer auf der Peripherie lasten. Auch in einem “downward conversion scenario”, wonach Chinas industrieller Aufstieg die “well-to-do semiperiphery” unter Konkurrenzdruck und zum ökonomischen Abstieg bringt, wäre der Effekt destabilisierend, “as the core states at the top face potentially unified resistance and rebellion from the periphery and poor semi periphery”.  Der relativ “beste Fall” vom Standpunkt des kapitalistischen Weltsystems aus wäre so gesehen ein ökonomischer Abstieg Chinas (dann allerdings – möchte ich ergänzen – wäre zugleich die grundsätzliche Chance auf eine neue hegemoniale Macht auf mittlere Sicht zerstört; sieht man von den ökologischen Grenzen der Akkumulation an dieser Stelle einmal ab).

Li hält daher im Anschluss an Wallerstein fest, dass das Weltsystem durch seine inneren Tendenzen über die Grenzen seiner Selbstregulationsfähigkeit hinausgetrieben wird, mit anderen Worten: “that the existing world-system is approaching its terminal crisis”. Das Weltsystem hängt von billigen Löhnen, niedrigen Steuern und geringen Umweltkosten ab. Alle drei Parameter zeigen jedoch eine steigende Tendenz. Der Profit verringert sich, und die Akkumulation lässt nach.

Bisher konnten Akkumulationskrisen durch den Übergang der Hegemonie auf eine jeweils mächtigere Herrschaftsstruktur, geeignet die wachsende Komplexität des Systems zu regulieren – vom genoesisch-spanischen Machtkomplex auf Holland, anschließend auf das englische Empire, und von dort auf die USA – gelöst werden.

However, with the decline of the US hegemony, none of the other major powers (including China) has a credible chance to replace the US and become the next hegemony. To the extent that the existing world-system has exhausted its ability to renew and restructure itself through the construction of a new hegemonic power, it has reached its own historical limit.

Zuletzt geht Li ausführlich auf die ökologischen Grenzen der Akkumulation des Kapitals ein. Dabei fokussiert er vor allem auf die Erschöpfung der fossilen Ressourcen und den Klimawandel. Kritisch diskutiert er die Potenziale erneuerbarer Energien. Der Aufstieg Chinas zu einer neuen Hegemonialmacht sei, so Li, nicht zuletzt aus ökologischen Gründen unmöglich.

Alles in allem ergibt sich das Bild eines gesellschaftlichen Systems, das erstens in Hinblick auf seine natürlichen Produktionsgrundlagen, zweitens aber auf der Ebene seiner hegemonialen Struktur in seine Endkrise eingetreten ist. Li gelingt es, ökologische Fragestellungen in seine Betrachtung wirklich zu integrieren. Das zeigt nicht nur seine Kenntnis der Materie, sondern nicht zuletzt auch die politische Schlussfolgerung, die er zieht:

First of all, humanity must work for the overthrow of the global capitalist system as soon as possible. From the point of view of avoiding humanity’s total self-destruction, even feudalism is better than capitalism, and certainly some form of socialism would be preferred. Failing that, as is argued in this book, the capitalist world-economy will fall apart due to its own laws of motion probably no later than the mid-twenty-first century. However, by that time, too much time would have been lost to prevent global catastrophes. There will probably be socialist governments throughout the world by the mid-twenty-first century. But the task for the future socialist governments will no longer be about preventing the catastrophes but trying to survive them as they are taking place.

Problematisch scheint mir, dass Li offenbar ein Weiterbestehen des Staates voraussetzt. Auch bleibt sein Bild der sozialistischen Alternative vage, was damit zu tun hat, dass Li zwar im Unterschied zu Wallerstein einen marxistischen Ansatz verfolgt, diesen jedoch in traditioneller Weise ohne Bezug auf eine Kritik des Werts versteht. In einem online verfügbaren Text mit dem Titel “Capitalism with Zero Profit Rate?” geht Li allerdings etwas näher auf seine Sicht der Alternative zum Kapitalismus ein und meint – ich würde zustimmen – dass eine nicht-monetäre (nicht-wertförmige) Vermittlungsweise an sich gut denkbar ist; siehe Fußnote 23 a. a. O.:

Of course, the planning may be centralized or decentralized (with local communities being the planners) and the planning process may be democratic, undemocratic, or bureaucratic but subject to some democratic checks. It can be debated wether market relations should continue to play an insignificant [recte: a significant, A.E.] role in the economy. I personally do not consider market relations indispensable for delivering high quality of life in the post-capitalist society.

Ausgesprochen heikel ist die Bevölkerungsdebatte, auf die Li an manchen Stellen Bezug nimmt. Wenngleich es offenkundiger Unsinn wäre, zu behaupten, die Anzahl der Erdbewohnenden spiele für die Möglichkeit ihres auskömmlichen Lebens keine Rolle, so scheint mir die Annahme, eine drastische Reduktion der Bevölkerungszahl sei vonnöten, ebenso problematisch (wie in “Ressourcenkrise als Formationsbruch” skizziert) – die eventuelle Notwendigkeit, die Frage nach der “Bevölkerungszahl” überhaupt zu verneinen, stelle ich an diesem Punkt einmal in den Raum. Li jedenfalls stützt sich unkritisch, wie ich denke, auf Quellen, die davon ausgehen, dass die Weltbevölkerung dramatisch sinken muss, um unter veränderten natürlichen Bedingungen einen annehmbaren Lebensstandard gewährleisten zu können.

Die Generallinie der Argumentation von Li beeinträchtigen diese Einwände freilich nicht. Und so ist ihm – mit Ausnahme der Hoffnung auf eine “Welt-Regierung” – darin beizupflichten:

If the catastrophic consequences from climate change cannot be prevented, all of humanity will have to struggle for survival. However, if the struggle for survival would unleash our best intellectual and moral potentials, then humanity, under a socialist world-government, may survive the crisis in a relatively orderly manner while preserving the most important accomplishments of the capitalist civilization, not least the achievements of modern science and technology.

Li hält es sogar für möglich, dass in einer Zukunft nach der Bewältigung der schlimmsten Folgen der Umweltkrise die Arbeitsproduktivität wieder steigen könnte, womöglich über das Niveau des Kapitalismus – freilich auf völlig veränderter gesellschaftlicher Grundlage und in anderer Gestalt.

In that event, humanity will be in a position to resume the great historical march to the realm of freedom.

Li’s hervorragende Untersuchung ist thematisch weitgespannt und reich an ungewöhnlichen Einsichten. Gesondert erwähnen möchte ich hier nur, dass Li die Theorie der systemischen Akkumulationszyklen mit weit zurückreichenden Zeitreihen der Profitraten und -quoten, der Zinsraten und anderen Schlüsselparametern des kapitalistischen Weltsystems quantitativ präzisiert.

Meines Erachtens bestätigt Li mit “The Rise of China and the Demise of the Capitalist World-Economy” zentrale Schlussfolgerungen unseres Buches “Die Grenzen des Kapitalismus”. Die Parallelen, die meiner Meinung nach zwischen seinem Ansatz und dem unseren bestehen, erklären sich aus dem – bis dato ausgesprochen seltenen – Versuch, die Auswirkungen einer veränderten Ressourcenbasis auf die Akkumulation mithilfe eines marxistischen theoretischen Zugangs zu analysieren und zusammen mit den langfristigen ökonomischen und politischen Tendenzen des kapitalistischen Weltsystems zu betrachten. Kein Wunder, dass Li sich ebenfalls stark am Ansatz von Wallerstein und Arrighi orientiert, der eine solche Zusammenschau ermöglicht.

Nicht nur Minqi Li, sondern allen in sozialen Bewegungen und darauf bezogenen Debatten Engagierten ist eine breite Rezeption des Buches zu wünschen.