Eine Alternative zur Geldwirtschaft ist nötig

Zweck kapitalistischer Produktion ist der Profit. Geld wird investiert, um Arbeitskraft und Produktionsmittel zu kaufen. Der Verkauf der damit produzierten Waren ergibt einen Profit, der sich in Unternehmergewinn, Dividende, Zins und Rente aufspaltet. Gesamtgesellschaftlich gesehen ist seine Quelle unbezahlte Mehrarbeitszeit, jene Zeit also, die über die für den Lebensunterhalt der Arbeitenden notwendige Arbeitszeit hinausgeht.

Der Kapitalismus ist die einzige Produktionsweise, in der sich die Menschen primär als Geld- und Warenbesitzende gegenübertreten. Geldwirtschaft und Kapitalismus sind Synonyme. Die Geldwirtschaft ist Folge einer Gesellschaftsform, in der Menschen nicht direkt und gleichberechtigt darüber kommunizieren, was sie brauchen und herstellen wollen.

Kapitalistische Produktionsweise bedeutet Produktion für einen gesellschaftlichen Bedarf. Diese erfolgt jedoch in privater Form. Der Widerspruch zwischen gesellschaftlichem Charakter der Produktion und fehlender Absprache der Produzierenden löst sich im Geld. Unser sozialer Zusammenhang trennt sich von uns und erscheint als fremde Macht, als Geld. Wir projizieren ihn in unsere Produkte, die deshalb als „Sachzwang“ auf uns zurückwirken.

Drang und Zwang zum Wachstum

Das Geld verkörpert abstrakten Wert. Es ist ein „allgemeiner Reichtum“, das heißt, es kann alles aneignen; andererseits kann sich etwas nur aneignen, wer über Geld verfügt. Geld ist deshalb das wichtigste Produkt jeder Tätigkeit in einer Geldwirtschaft, mehr Geld ist besser als weniger Geld oder bloße Kostendeckung.

Weil sich Geld im Ganzen betrachtet nur durch Warenproduktion vermehrt, geht Kapitalakkumulation immer mit wachsendem Verbrauch von Stoffen und Energien einher. Wachstumsdrang und -zwang resultieren dabei aus den Eigenschaften des Geldes selbst:

Erstens ist der Wert, der sich im Geld darstellt, völlig abstrakt; er befriedigt kein konkretes, sinnliches Bedürfnis. Mit 100 Euro 100 Euro zu machen ist deshalb sinnlos. An sich selbst findet das Geld jedoch keine Schranke. Mit 100 Euro kann man 1.000 Euro machen usw.

Zweitens stehen Menschen, die sich über das Geld in Beziehung setzen, in Konkurrenz zueinander. Wer sein Einkommen oder seinen Profit nicht maximiert, hat ein höheres Risiko, vom Markt zu verschwinden. Die Konkurrenz erzwingt also die Kapitalakkumulation.

Dieser Zwang ist auch die Basis für den Wachstumspakt zwischen Kapital und Arbeit. Denn nur rentable Betriebe schaffen Arbeitsplätze und Einkommen. Auch der Staat sichert und fördert das Kapitalwachstum, weil seine Steuereinnahmen und Legitimität davon abhängen. Aus diesem Grund ist der Staat Teil des ökologischen Problems und nicht Teil der Lösung.

Langfristige Wachstumszyklen

Langfristig betrachtet wechseln im Kapitalismus materielle und finanzielle Expansionsphasen miteinander ab (Arrighi 1994). Während einer materiellen Expansionsbewegung wie nach dem Zweiten Weltkrieg wird Profit vor allem in der Warenproduktion lukriert. Mit der Zeit erschöpfen sich die Möglichkeiten, die akkumulierte Masse von Profit auf diesem Weg weiter mit derselben Rate zu vermehren. Es existiert dann ein Übermaß an Kapital im Verhältnis zu den Möglichkeiten der rentablen Reinvestition. Ende der 1960er Jahre zeigte sich diese Überakkumulation in weltweit sinkenden Profitraten.

Solche materielle Expansionsphasen finden immer unter der Hegemonie einer Weltmacht statt – in der Phase nach dem Zweiten Weltkrieg waren das die USA. Die Hegemonialmacht reguliert das kapitalistische Welt-System und generiert eine relative internationale Stabilität. An den Grenzen der materiellen Expansion bauten alle bisherigen Hegemonialmächte eine finanzielle Vormacht auf, so auch die USA seit den 1970er Jahren.

Finanzielle Ansprüche in Form von Besitztiteln auf Profite und Steuerflüsse übersteigen im Verlauf der finanziellen Expansionsphase die Investitionen in der Warenproduktion immer mehr. Die finanziellen Ansprüche laufen dem Umfang der Profitmasse, die der Warenproduktion in absehbarer Zeit entspringen kann, immer weiter voraus. Werden diese Ansprüche aus Angst vor Verlusten einmal geltend gemacht, wird schlagend, dass die reelle Masse an Profit sie nicht befriedigen kann. Es kommt zur Krise.

In dieser Situation befinden wir uns jetzt. Die USA haben seit den 1980ern quasi auf Pump gelebt. Das ermöglichte nicht zuletzt Europa und Südostasien, ihre Waren abzusetzen. Dieser Wachstumsmotor war jedoch fast ausschließlich schuldenfinanziert. Seit 2007 werden die angehäuften finanziellen Ansprüche vermehrt geltend gemacht und die Sicherheiten für Kredite brechen weg. Da die Profitmasse, die der Ausbeutung von Arbeitskraft entstammt, nicht für alle Ansprüche darauf reicht, setzt eine massive Kapitalvernichtung ein.

Die ökologische Krise des Kapitals

Zugleich entfaltet sich ein ökologischer Krisenstrang, der aus der bereits sichtbaren Verknappung fossiler und metallischer Ressourcen resultiert. Mit zunehmender Verknappung von Ressourcen steigt der Kapital- und Arbeitsaufwand, um sie zu fördern, zu reinigen, zu transportieren und zu verarbeiten. Weniger die absolute Verfügbarkeit, das heißt z. B. die Gesamtmenge Erdöl, die weltweit gefördert werden kann, ist hier das Problem. Entscheidender ist der Punkt, ab dem die Fördermenge pro Jahr unaufhaltsam sinkt und der Energie- und Arbeitsaufwand für die Gewinnung einer bestimmten Energiemenge steigt, der Nettoenergieertrag also sinkt. Bei Erdöl ist dieser Peak Oil genannte Punkt vielleicht schon erreicht, bei Erdgas und Kohle ist er um 2025 zu erwarten (www.energiekrise.de).

Gesamtgesellschaftlich gilt nach Peak Oil: Der Arbeitsaufwand für die Herstellung der Produktionsmittel und den Lebensstandard der Lohnabhängigen steigt. Die Kapitalkosten steigen, die für den geltenden warenförmigen Lebensstandard nötige Arbeitszeit nimmt zu, der Anteil der Mehrarbeit fällt. Masse und Rate des Profits gehen zurück, was die Akkumulation verlangsamt. Arbeitslosigkeit und Verelendung sind die Folge.

Drei Krisentendenzen sind somit absehbar (Exner et Lauk 2008):

Erstens wird das Kapital versuchen, den warenförmigen Lebensstandard der Lohnabhängigen abzusenken. Je weniger sie für sich produzieren, desto mehr Arbeitszeit kann in Form von Profit abgeschöpft werden.

Zweitens wird die Ressourcenverknappung relativ wettbewerbsschwache Kapitalien nicht nur entwerten, sondern dauerhaft vom Markt entfernen. Da sich die Knappheit fortschreitend intensiviert, solange der Konsum nicht auf Null zurückgeht, wird diese „Bereinigung“ vielleicht zu kurzen Mikrobooms, aber nicht zu einem neuen großen Aufschwung führen.

Drittens wird schlagend, dass der Übergang zu einem erneuerbaren Energie- und Stoffsystem auf absehbare Zeit selbst auf nicht-erneuerbare Ressourcen angewiesen ist. Ab einem gewissen Punkt der Erschöpfung von Ressourcen ist es physisch unmöglich, ein auch nur annähernd so hohes Konsumniveau wie heute auf erneuerbarer Basis zu erreichen. Die dafür nötigen nicht-erneuerbaren Ressourcen sind verbrannt oder stecken in Infrastrukturen fest.

„Green New Deal“: eine gefährliche Illusion

Die Idee des „Green New Deal“ ist deshalb naiv. Ökologisch gesehen ist er nicht akzeptabel, weil die erste Aufgabe einer ökologischen Transition darin bestehen muss, einen großen Teil der Weltwirtschaft ersatzlos still zu legen. Die aktuelle Kapitalvernichtung müsste also noch beschleunigt erfolgen ohne dass ein erneuter Nettokapitalaufbau sie kompensiert. Politisch gesehen ist ein solcher „Deal“ nicht akzeptabel, weil er Ressourcen für den Ökoumbau zugunsten des globalen Nordens monopolisieren muss.

Der „Green New Deal“ will im Sinne einer Ökologisierung Effizienzsteigerung und Erneuerbare forcieren ohne den Kapitalismus anzugreifen. Doch ist die Effizienzsteigerung dem Kapital inhärent, weil sie Kosten reduziert. Kostenersparnis aber vermehrt die investiven Mittel für eine Produktionsausweitung, weshalb Effizienz im Kapitalismus ineffektiv ist.

Der Umstieg auf erneuerbare Energie- und Stoffsysteme benötigt große Flächen (Agrofuels, Nawaros); seltene Metalle für Speichertechnologien und große Backup-Kapazitäten (Solar- und Windkraft); ganz allgemein viele Ressourcen, die sich in den hohen Kapitalkosten der erneuerbaren Technologien niederschlagen. Die Kapitalkosten steigen noch, wenn nicht-erneuerbare Vorleistungen sich verteuern. Selbst wenn ein solcher Umbau gelingt, so würde er der Kapitalakkumulation kaum mehr Spielraum lassen. Keinesfalls aber deckt er einen so hohen Ressourcenbedarf wie vor der Krise (Exner et al. 2008, Li 2008).

Freizeit-Genuss statt Sinnlos-Produktion

Eine Alternative muss vor allem anderen erlauben, einen großen Teil der Produktion ersatzlos stillzulegen und diesen Zugewinn an freier Zeit als einen Freiheitsgewinn für alle verfügbar zu machen. Die erste Voraussetzung dafür ist, die soziale Anerkennung vom Besitz eines Arbeitsplatzes zu entkoppeln. Zugleich muss der Wohlstand vom Kapital entbunden werden, indem möglichst alle Güter und Dienste öffentlich und frei zugänglich werden. Ein tragfähiger Wohlstand erfordert auch, die Verselbstständigung des Konsums aufzuheben, indem die Produzierenden ihre Produktion selbst verwalten und damit auch ihren Konsum.

Die Trennung zwischen Politik und Ökonomie ist eine Kernstruktur des Kapitalismus. Sie wird überwunden, wenn funktionell gestaffelte und egalitär ausgestaltete Gremien bewusster Entscheidungsfindung und Stoffwechsel-Steuerung den verselbstständigten Charakter der Ökonomie ebenso wie die Politik ersetzen. Dieser Prozess muss zugleich im und gegen den Staat verlaufen. Je stärker wir Ökonomie und Politik, Arbeit und Freizeit, Produktion und Konsum in seinem Verlauf integrieren, desto mehr wird der Kapitalismus zur Vergangenheit (Exner et al. 2008, Trainer 2007, www.keimform.de).

Manuskript für den Sammelband “Kapitalismus am Ende”, VSA-Verlag, basierend auf einem Input beim Kapitalismus-Kongress von Attac-Deutschland, Berlin, 6.-8. März 2009.

Literatur

Arrighi, G. (1994): The Long Twentieth Century. Money, Power, and the Origins of Our Times. Verso.

Exner, A.; Lauk, C. (2008): Die ökologische Krise des Kapitals. Streifzüge 44.

Exner, A.; Lauk, C.; Kulterer, K. (2008): Die Grenzen des Kapitalismus. Wie wir am Wachstum scheitern. Ueberreuter.

Li, Minqi (2008): The Rise of China and the Demise of the Capitalist World-Economy. Pluto Press.

Trainer, Ted (2007): Renewable Energy Cannot Sustain a Consumer Society. Springer. Kurzfassungen hier.

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2 Responses to Eine Alternative zur Geldwirtschaft ist nötig

  1. Manfred Giger says:

    Die Lösung und Alternative für das heutige System Geldwirtschaft oder Kapitalismus
    heisst:
    VENUS PROJECT

    JEDER einzelne stellt seine Arbeits-Leistung in den Dienst der Allgemeinheit, somit wird das Zahlungsmittel Geld überflüssig.
    Und jeder kann von den selben Ressourcen, die wir brauchen, ohne Zahlung leben…

  2. Manfred Giger says:

    Ein Film zur Aufklärung des Venus Projects findet Ihr bei YouTube unter dem selben Namen.
    Detaillierte Erklärung unter YouTube : Zeitgeist

    Venus Project = Ressourcen basierte Wirtschaft, alle Menschen profitieren jeden Tag und im gleichen Masse voneinander.
    Keiner ist Besser und keiner ist Minderwertiger
    Fazit: Alte Muster aufzugeben und das neue Leben in Harmonie mit der Gesellschaft zu beginnen.

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