In unserem Buch “Die Grenzen des Kapitalismus” behaupten wir, dass die Verknappung von Fossilenergie innerhalb der Marktgesellschaft nicht automatisch zu einem schnelleren Ausbau von Erneuerbaren Energien führen wird. Im Gegenteil: Der Rückgang der Verfügbarkeit von Erdöl, Erdgas oder Kohle dürfte mit einer heftigen ökonomischen Krise verbunden sein, während der die Profite sinken und damit weniger Geld zur Re-Investition und damit auch zum Aufbau eines erneuerbaren Energiesystems zur Verfügung steht:

Alles, was wir für einen ökologischen Umbau in herkömmlicher Vorstellung brauchen, um den Sprung in das post-fossile Zeitalter zu schaffen – finanzielle Mittel, gewinnträchtige Investitionen, staatliche Förderungen, soziale Stabilität, genügend nichterneuerbare Ressourcen – wird möglicherweise nicht ausreichend verfügbar sein.

Klarer noch: [...] es spricht einiges dafür, dass es an den nötigen Geldüberschüssen (Gewinn, Kredit) mangeln wird, um Rohstoffe, Energie und Arbeitskraft so zu verteilen und Infrastrukturen so zu nutzen, dass ein ökologischer Umbau im nötigen Ausmaß möglich wird.” (S.93)

Bereits bei der gegenwärtigen Krise dürfte die mangelnde Erdölförderung in den Jahren zuvor eine wichtige Rolle gespielt haben, wenn sie auch nicht darauf reduziert werden darf. Bereits ab dem Jahr 2005 stagnierte die globale Erdölproduktion, während die Ökonomie weiter starke Wachstumsraten aufwies. Die Folge davon waren stark steigende Ölpreise, was die Industrie aber auch die Konsumenten traf: Im Jahr 1998 gab ein US-amerikanischer Konsument durchschnittlich etwas über 1% für Treibstoffe aus. Bis Anfang 2008 erhöhte sich dieser Anteil auf knapp 6% und allein in den darauf folgenden sechs Monaten auf das bisherige Maximum von 8%. Es liegt auf der Hand, dass damit ein erheblicher Anteil der Lohneinkommen nicht mehr für die übrigen Konsumgüter und zur Bezahlung von Krediten zur Verfügung stand. Auch ins Bild passt, dass es kein Konsumgut so stark traf wie das Automobil. Bereits ab November 2007, also deutlich vor Ausbruch der Subprime-Krise, brach der Automarkt in nie zuvor gesehener Weise ein. Wie gesagt soll damit nicht gesagt werden, dass die jetzige ökonomische Krise vollständig durch die Verknappung des Erdöls erklärt werden kann. Letztere war aber ein wesentlicher Auslöser für erstere.

Wenn wir global Peak Oil – den Punkt maximaler Erdölförderung – gerade erreicht haben, wie immer mehr Erdölgeologen behaupten, dann ist zu befürchten, dass dieses selbe Spiel beim nächsten Wirtschaftsaufschwung, wann immer der kommen mag, wieder von Vorne beginnt: Die Wirtschaft wächst, die Produktion von Erdöl stagniert oder sinkt sogar, die Erdölpreise steigen, der Konsum geht zurück und die Ökonomie stürzt in die nächste Krise. Für die zukünftige gesellschaftliche Dynamik ist es deshalb eine entscheidende Frage, wie schnell der Aufbau der Alternativen zu den Fossilen, also der erneuerbaren Energien, in dieser Situation vonstatten gehen wird.

Wie die anderen Autoren des Buches befürchte ich, dass eine Wirtschaftskrise den Ausbau von Erneuerbaren eher hemmt als fördert. Die jetzige Wirtschaftskrise gibt uns Gelegenheit, die Empirie dazu zu betrachten. Anfang des Jahres, als ich diesbezüglich recherchierte, waren dazu recht widersprüchliche Angaben zu finden. Vor allem von Seite der PV- und Windkraft-Lobby war immer wieder die Behauptung zu lesen, die Krise treffe die Erneuerbaren nicht. Doch es gab bereits Hinweise – und es liegt ja eigentlich auf der Hand – dass dem nicht so ist bzw. sein wird.

Im April aber gab das UNEP (United Nations Environment Program) Zahlen zu den Neuinvestitionen in Erneuerbare Energien heraus. Sie zeigen, dass diese Investitionen im Jahr 2008 gegenüber dem Vorjahr zwar weiter gewachsen sind (um 5% zwischen 2007 und 2008), jedoch deutlich weniger als in den Jahren zuvor (um 59% zwischen 2006 und 2007). Bei vierteljährlicher Betrachtung wird dann deutlich, dass die Investionen in neue Anlagen ab dem vierten Viertel 2008, also mit Ausbruch der Rezession in Europa, deutlich einbrechen, eine schnelle Erholung ist nicht in Sicht. Wohlgemerkt heißt das nicht, dass die Kapazitäten zur Erzeugung erneuerbarer Energie nicht mehr wachsen. Es heißt aber, dass die ökonomische Krise den Umbau des Energiesystems im Vergleich zu einer Phase der Prosperität verlangsamt, während dem “System des Wachstums” durch die Versiegung der fossilen Quellen die Zeit davonläuft. Gegenwärtig werden erst 1% der globalen Primärenergie durch “neue Erneuerbare” (Erneuerbare exkl. Großwasserkraft) gedeckt.

Bislang ist nicht abschätzbar, wie stark der Rückgang des Wachstums der Erneuerbaren sein wird. Belegt ist damit aber grundsätzlich, dass im gegenwärtigen System die Verknappung des Erdöls den Aufbau eben jener Technologien hemmt, die das Erdöl als Energiequelle ersetzen könnten.