„Zerschlagt die Universität“ – Studierendenproteste radikalisieren

Jede Generation von Studierenden hat ihre Besetzung.

Soweit ist daran nichts Besonderes. Eher ist das schon der übliche Gang der Dinge. Auch der Autor dieser Zeilen hat seine Streiks, Demos, Besetzungen und so weiter durchgemacht. Andere Leute, die mehr an Lebensjahren zählen, haben noch mehr Streiks, Demos, Besetzungen und so weiter hinter sich und ihr Urteil ist nicht weniger nüchtern.

Irgendetwas wird also falsch gemacht, nicht richtig begriffen, sodass jede Generation in die selbe Sackgasse läuft.

Wenn ich mich erinnere, mit welcher Einstellung und mit welchem Bild der Auseinandersetzungen im Zuge der ersten neoliberalen „Reformen“ der Universitäten in Österreich in den 1990er Jahren ich an den Protesten teilnahm, dann fällt mir auf, dass mir damals jeder Bezug zu einer übergreifenden gesellschaftlichen Wirklichkeit fehlte. Mir fehlte auch jede Idee von der umfassenden Dynamik der kapitalistischen Angriffe auf soziale Freiräume, die wir damals – ohne ein adäquates Bewusstsein davon – in der Tat und sehr konkret bekämpften. Und mir fehlte vor allem eine Perspektive.

Ich denke, ich war zur Zeit „meiner“ Studierendenproteste in der Mitte der 1990er Jahre nicht weniger intelligent oder aufmerksam und interessiert als meine Kolleginnen und Kollegen. Dennoch hatte ich von Kapitalismuskritik nichts vernommen, auch nicht danach gefragt oder sie geäußert und ein Verständnis der übergreifenden Zusammenhänge – so muss ich heute sagen – war bei mir ebensowenig ausgeprägt.

Das, so bin ich überzeugt, ging den meisten von uns so.

Und deshalb, so bin ich ebenfalls überzeugt, ist es kein Wunder, dass unsere Proteste nichts bewirkt haben, was ihre offenkundigen Ziele angeht. Im Gegenteil, die Ökonomisierung der Bildung und die Zurichtung der Studierenden zur Intelligenz des Kapitals einerseits, und zur billigen, perspektivlos prekarisierten Wissensarbeit andererseits, die ging munter weiter. Immerhin: ich und viele andere machten Erfahrungen des Widerstands, Erfahrung des kleinen Ausbruchs aus Verhältnissen, die von Konkurrenz, Isolation und dem Ausgeliefertsein an die gesellschaftlichen Zwänge geprägt waren. Ein kleiner Erfolg, fürwahr, aber viel zu wenig.

Die einzige Studierendenbewegung, die etwas real verändert hat, waren die 1968er. In ihrem Gefolge kamen ein paar Marxistinnen und Marxisten zu Professuren, auch der Feminismus erfuhr einen universitären Aufschwung. Mitunter wurde die studentische Partizipation eingeführt bzw. ausgeweitet. Doch diese durchaus bescheidenen Erfolge der 1968er waren einer Bewegung zu verdanken, die weit mehr als eine Studierendenbewegung war. Und sie war weit radikaler als Studierende heute sind, die die Hörsäle besetzen, weil ihnen „finanzielle Hürden in den Weg gelegt werden“. Im Grunde beklagen sie, wenn so argumentiert wird, dass sie nicht die Mittel bekommen, um sich für den Kapitalismus wirklich fit zu machen.

Sicherlich, es gibt auch kleine Gruppen von Studierenden, die deutlich machen, dass es um grundsätzlichen Protest gegen das Zwangsregime des Kapitals, der Verzweckung der Bildung, gegen Zerstörung von Freiräumen, der Funktionalisierung von Intellekt und Kreativität geht. Und es äußert sich auch eine Lust an der Revolte, eine Lust daran, das Zwangssystem in kleinen Facetten und Momenten bloß zu stellen. Darauf zu scheißen, wenn entsetzte Uni-Bürokraten beklagen, „wieviel Geld“ an einem Tag Besetzung verloren geht. Wirklich darauf zu scheißen.

Denn: Kein Tag kostet Geld. Jeder Tag gehört uns. Jeder Tag, an dem eine Rechnung angestellt wird, wieviel er „kostet“ ist ein verlorener Tag, ein Tag, der nicht mehr aufgeholt werden kann, denn das Leben ist begrenzt. Wer noch nicht völlig tot ist, wird nicht rechnen, was ihm und ihr das Leben kostet, sondern das System der Kosten, der allgemeinen Beziehung von Kauf und Verkauf über den Haufen werfen. Und eine Alternative des guten Lebens ohne Stress und Zwang mit aufbauen helfen. Ansatzpunkte gibt es inzwischen dafür genug.

Ich höre schon den Aufschrei mancher: aber bitte nicht so radikal; doch nicht so aggressiv; kann Kritik denn nicht konstruktiv sein; der Wettbewerbszwang, dem kann doch niemand entfliehen; und ich höre schon die bange Frage, ob unsereins denn gar keine Verantwortung mehr kenne – für das Wirtschaftswachstum, die Zukunft unserer Kinder, die Jugendlichen, die Wissenschaft, den Forschungsstandort, die Arbeitsplätze, für Österreich… oder wer weiß was sonst noch alles.

Nein, unsereins kennt keinerlei Verantwortung für ein System, das so rasch wie möglich überwunden werden muss. Jene, die Verantwortung für das System und seine Disziplin einfordern, sind längst bar jeder menschlichen Verantwortung. Sie tun so, als hätte business as usual irgendeinen Sinn, irgendeine Perspektive. Sie mögen ihre kläglichen Pfründe, miesen Pöstchen und Posten, ihre armseligen Karriereleitern, ihre entsetzliche Bornierung, elende Selbstzurichtung und himmelschreiende Indolenz darin gut aufgehoben wissen. Argument erwächst daraus keines.

Da halten wir es lieber mit dem Philosophen und Theoretiker André Gorz, der zur Zeit der 1968er die Kritik auf den Punkt gebracht hat:

„Die Universität kann nicht funktionieren, also muss man verhindern, dass sie funktioniert, damit diese Funktionsunfähigkeit ans Tageslicht kommt. Keine irgendwie geartete Reform kann diese Institution lebensfähig machen; also muss man die Reformen bekämpfen, sowohl hinsichtlich ihrer Auswirkungen als auch ihrer Ziele und zwar nicht weil sie gefährlich, sondern weil sie illusorisch sind. Die Krise der Universität reicht (wie wir zeigen werden) über den Hochschulbereich hinaus und umfasst in ihrer Gesamtheit die gesellschaftliche und technische Arbeitsteilung; also muss diese Krise zum Ausbruch kommen. Man kann darüber diskutieren, wie und auf welche Weise diese Krise herbeizuführen ist. Es gibt gute und weniger gute Möglichkeiten. Allerdings ist Diskussion und Kritik nur dann sinnvoll, wenn sie von denen kommt, die eingesehen haben, dass der Reformismus unbedingt abzulehnen ist und zwar als Ganzes.“

Um nicht einen sinnlosen Kampf ohne Perspektive zu führen, der sich auch diesmal wieder abzeichnet, ist eine Lektüre von Gorz Text aus dem Jahr 1970 nach wie vor ebenso dringlich wie erhellend. Abrufbar hier.

Ebenso lesenswert ist der Schlüsseltext des Pariser Mai 1968, der „Über das Elend im Studentenmilieu“ handelt.

Damit kein Missverständnis entsteht: Ich solidarisiere mich voll und ganz mit den Forderungen der Studierenden. Nur wird ihre Wirkung äußerst eingeschränkt bleiben, solange sie die Fehler der früheren Generationen wiederholen. Eine Bewegung, die die Zustände an den Universitäten wirklich ändert, und zwar im Sinne der Befreiung, muss sich mit anderen sozialen Bewegungen zusammenschließen und gegen die kapitalistische Produktionsweise, ihre zerstörerischen und völlig sinnlosen Zwänge, die Konkurrenz, die Machthierarchien, die Abtötung der Leidenschaften, den Staat und seine Parteien kämpfen.

Infos zu den Protesten: Unibrennt

Workshop „Zerschlagt die Universität“.

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8 Responses to „Zerschlagt die Universität“ – Studierendenproteste radikalisieren

  1. Danke, für diesen sehr interessanten Beitrag!

  2. estela says:

    Hi,

    bin erstaunt wie sehr du es auf dem punkt bringst. meine solidarität mit der aktuellen “bewegung” in der uni wien (und anderen) war und ist begleitet von dem gedanke: endlich passiert etwas. aber auch den bewusstsein: sie werden vom system eingeholt. die berichterstattung zur gestrigen demo ist ein graus. und deswegen bin ich erstaunt. weil ich gespürt habe etwas in der sache hat noch nicht diesen hauch von unausweichliche veränderung, den korn von radikaler (weil auf nicht wiederkehrenden umständen hinarbeitend)wiederstand. richtige veränderung bedeutet – sehe ich wie du – die veränderung des systems. sind sie bereit alle konsequenzen die keine numerus cluasus mit sich bringen zu tragen? weit drüber hinaus als nur während des studiums? in ihren berufsleben hinein? und ich gebe dir nochmals recht: es bedarf eine radikale veränderung und die radikalisierung der schritte dorthin ist mehr als die besetzung einer aula magna.
    anderseits bin ich erstaunt wie schnell nach eine kleinlaute aussage der regierung sich diesen “widerstand” gezeigt hat. vor 5 Jahren hätten sie alles geschluckt. ich staune über ihren mut. und ich hoffe sie lassen sich nicht in ihren widerstand instutionalisieren… ich hoffe sie widerstehen der versuchung vom system in ihren widerstand getragen zu werden.
    der stein bewegt sich. aber er muss rollen.

  3. Als einer der seinerzeit eben auch in die Auseinandersetzungen um die Uni und Wissenschaft involviert war /StrV Soziologie in den siebziger Jahren/ und den diese Erfahrungen zu jahrelangen Recherchen um die beste Form der nachhaltigen Etablierung von konsequenter Kritik bewegt haben, habe ich den “Realitätsschock” der Auflösung des studentischen Millieus (in jeder individuellen Lebensgeschichte kommt dieser Zeitpunkt) besonders bitter erfahren. Auch die 68er und die Generation nach ihnen haben nicht das bewirkt was sie bewirken wollten, ihnen wäre die Perspektive auf ein paar Lehrstühle seltsam vorgekommen. Damals haben wir uns eine Zeitlang wirklich ernsthaft und doch offensichtlich nicht ernsthaft genug mit der Frage solidarischer Lebensformen auseinandergesetzt, mit der realen Perspektive – auch individuell/ lebensgeschichtlich – etwas anderes zu werden als ein “Kopflanger”. Das Gute an unserem Protest damals war vielleicht die Tatsache dass wir eben schon davon ausgehen konnten, dass die Hochschulreform nichts anderes bewirkt hatte als eine verfeinerte Hierarchie der Berufe und eine Effektivierung im Sinn der Anpassung von Nachfrage und Angebot. Damals wurden die Studien und Absolventen zweigeteilt, heute gibts eine feinere Dreiteilung. Warum sollte der Staat denen, die auf die oberen Posten in der Hierarchie der Berufe drängen, nicht ein paar Härten mehr zumuten können? Als ich dann in den Achzigern in die USA reiste und Unis wie Stanford besuchte, war ich voll geschockt: denn tatsächlich waren die Elendsquartiere die sich bei uns Universitäten nennen kaum mit diesem Reichtum an Möglichkeiten vergleichbar und auch für den Zweck eines halbwegs ökonomischen Durchkommens eher dysfunktional geworden.

    Der Widerspruch wird tatsächlich immer härter, die industrielle Produktion von akademisch gebildeter Arbeitskraft erfordert einerseits steigende Mittel, auf der anderen Seite setzt die Reflexion auf die Quelle dieser Mittel dem auch immer wieder Grenzen. Diese sind systemimmanent nicht zu lösen.

    Mir fällt aber gleichzeitig auf, dass sich im Schulwesen enorme Innovationen abspielen, egal ob Waldorf, Motessori oder Dalton, während das Hochschulwesen immer noch an einem Drall zur Verschulung arbeitet.

    Gorz hatte 1968 nicht vollkommen recht, und er hätte auch heute nicht vollkommen recht, wenn er einfach zur Zerschlagung der Uni aufrufen würde, wenn er nicht zwischendurch gesehen hätte dass es tatsächlich Mittel und Wege gibt, Nischen zu besetzen und soziale Innovationen herbeizuführen die einen neuen sozioökonomischen Inhalt mit sich bringen.

    Man nehme als Beispiel die TU Delft, die sich am Mobilitätskonzept von Jacco Lammers beteiligt (http://www.cmmn.org). Man nehme Anna Dubeux und ihre “Incubadores” für solidarische Ökonomie in Brasilien, (die Du Andreas für den Kongress organisiert hast). Es gibt tausend Wege die Uni mit Keimformen einer neuen Gesellschaft zu verbinden. Und das ist die einzige Antwort auf die Misere. Du weißt es viel besser, warum sagst und forderst Du es nicht?

  4. Andreas Exner says:

    Danke für Eure Beiträge.

    Zum letzten: die Zerschlagung der Universität bezieht sich auf die institutionalisierte Wissensproduktion, wie sie die bürgerliche Gesellschaft institutionalisiert hat. Ich sehe durchaus Potenziale, die Kompetenzen und Ressourcen der Universitäten gegen ihre Betreiber und Verwalter zu wenden.

    Dazu ist aber eine radikale Infragestellung, letztlich eine Zerschlagung der Universität als bürgerliche Institution, will heißen: als Zurichtungsanstalt von Arbeitskräften, vonnöten.

    In dem Sinn hat Gorz wohl immer noch recht.

    Mir scheint die Erfahrung auch zu zeigen, dass Keimformen eines solchen radikalen Backgrounds, einer radikalen, will heißen: tiefreichenden Dynamik bedürfen, um überhaupt irgendwie Fuß fassen zu können, dort nämlich wo es den Eliten weh tut und das System trifft, also real verändert, also dort, wo viele seiner Ressourcen gebunden sind.

    Die Universität, da kann man glaub ich Gorz durchaus paraphrasieren, ist in der Krise, weil diese Gesellschaft in der Krise ist. Sie hat für die Masse der Studierenden keine Funktion mehr, jedenfalls dann nicht, wenn man einigermaßen menschliche Maßstäbe an ihr “Funktionieren” anlegt – wer will mitten in der Bewegung, die an das Ende des Kapitalismus im Lauf der nächsten Jahrzehnte führen wird, und in massenhaftes Elend in Bälde, solange Gegenwehr und Alternativen ausbleiben, noch ernsthaft diesen Bologna- und Scheinesammelschwachsinn mitmachen?

    Die Studierenden merken wohl zum guten Teil, dass das Versprechen der Uni auf einen halbwegs ruhigen Arbeitsplatz ins Wanken geraten ist. Sie fühlen sich allein gelassen, ausgehungert, und deshalb protestieren sie. Sie spüren, dass Anpassung nur wenigen weiterhilft, und dass die Hoffnung, durch Duckmäusertum Erfolg zu haben, für die meisten Illusion bleiben muss und Lebenskraft zerstört. Das ist verständlich und soweit gut. Aber ihr Protest bleibt kurzsichtig, ambivalent, isoliert, kraftlos, solange er keine GESELLSCHAFTLICHE Perspektive aufmacht.

    Diese Arbeitsplätze, die viele von ihnen – nicht ganz unberechtigt – wollen, die sind Scheiße. Zum guten Teil jedenfalls. Nicht zuletzt, weil viele in einer post-kapitalistischen Gesellschaft sinnlos werden. Und vor allem, weil viele schon jetzt sinnlos sind und sogar schädlich.

    Wohin also mit der Uni?

    Diese Institution als Institution – als eine verknöcherte soziale Form – zu zerschlagen, scheint mir ein guter Anfangspunkt, um ihre Ressourcen zu befreien und für alle verfügbar zu machen, vor allem aber für etwas anderes als Kapitalismus und die dafür zuzurichtenden Biografien.

    Wenn Du so willst: für Keimformen einer anderen Gesellschaft.

  5. estela says:

    spannend, spannend!

    einer von euch ist mir zu schnell (das post-kapitalistische), der andere zu langsam (die Uni mit Keimformen).
    Alles auf einmal wird das hier nicht ändern und wenn sie ja nicht den Schritt Richtung mehr als sich selber (sprich, das uni-leben) wird nicht viel passieren, was in ein paar Jahren nicht wieder weggenommen werden kann (erstaunlich wieviele von diesen “Forderungen” schon mal Errungenschaften waren!).
    Nur auf Uniebene anders zu erschaffen ist mir auch zu wenig, ehrlich gesagt. Diese Menschen gestalten die Zukunft (mit anderen die nicht auf der Uni sind) – sie müssen für mehr stehen als nur die Institution und die eigene Bildung!!! Und damit auch mehr verändern können…

    Ich finde es toll, wie es sich entwickelt. aber, so wie die mexikanische institutionalisierte Revolition, müssen sie sich davor schützen, vom System geschluckt zu werden. Das was nun vom Staat probiert wird ist im Rahmen eines umfassenden Verständnis die Keime so nah an sich zu ziehen, dass nach Außen kein Unterschied mehr macht… das wäre schade, da viele der Studenten sich offensichtlich viel Mühe geben Richtung vollständige Veränderung…

  6. Helmut Leitner says:

    Franz hat mich auf diese Diskussion hingewiesen und ich kann nicht umhin mich zu äußern.

    Wenn Andreas Exner ein Zitat von André Gorz bringt:

    „Die Universität kann nicht funktionieren, also muss man verhindern, dass sie funktioniert, damit diese Funktionsunfähigkeit ans Tageslicht kommt. Keine irgendwie geartete Reform kann diese Institution lebensfähig machen; also muss man die Reformen bekämpfen, sowohl hinsichtlich ihrer Auswirkungen als auch ihrer Ziele und zwar nicht weil sie gefährlich, sondern weil sie illusorisch sind.”

    dann macht dies ein Denkmuster deutlich, das widerkehrt. Es wird dem Umsturz das Wort geredet, weil das System nicht mehr lernfähig bzw. entwicklungsfähig sei. Wenn dies aus einer systemischen Einsicht käme, wär es ja ok, aber diese Aussage kommt aus einer weltanschaulichen Setzung. Eine Verbesserung der Universität wäre nicht möglich, weil … ja weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Punkt.

    Der Mensch ist Teil der Natur und tut gut von ihr zu lernen. Das “Lernen von der Natur” ist vielleicht die zentrale Leitidee echter Wissenschaftlichkeit. Und die Natur ist primär und zuallererst evolutiv, d. h. in kleinen Schritten Verbesserungen schaffend. Ja, es gibt Systembrüche, Umstürze, Katastrophen, die revolutionsähnliche Verhältnisse schaffen, aber das sind seltene Phänomene, gemessen an der Allgegenwart der Evolutionsprozesse. Ich sage: “Wer Hirn hat setzt auf Evolution”.

    Wenn die heutigen Studenten ihre Verhältnisse verändern wollen, dann können sie das ohne weiteres, sie müssen es nur wirklich durchsetzen wollen. Sie sind die Zukunft und überleben im schlimmsten Fall ihre Opponenten. Aber viel wirksamer wäre natürlich eine Überlegenheit des Ideen und eine Überlegenheit der Vorstellungen in Form praktikabler Ideen für ihr persönliches Leben und die Gesellschaft. Besseres zu denken als den alten Schrott.

    Aber das wird einem nicht geschenkt. Es gibt kein Verfahren, keinen Protest, schon gar kein revolutionäres Verfahren, das eigenständiges Denken und gute konkrete Ideen ersetzt. Programmatisches kritisch-marxistisches Denken ist ein Placebo, das suggeriert, dass das Problem gelöst wäre, aber die eigentlichen Probleme werden gar nicht angerührt, sondern verdrängt.

    Die erfolgversprechende Vorgangsweise wäre schrittweise. Die Studenten mögen eine Prioritäten-Liste ihrer Forderungen machen. Nach ausgiebiger Diskussion möge die Top-Priorität bestimmt werden. Beispielsweise “Die totale Abschaffung der Studiengebühren in den Verfassungsrang zu heben”. In der Folge wird alles blockiert und jede studentische Kooperation verweigert, bis dieser erste Punkt durchgesetzt ist.

    Dann geht man an den nächsten sinnvollen Schritt.

  7. Andreas Exner says:

    @estela: die Frage der richtigen Geschwindigkeit ist in der Tat eine, die sich der Bewegung stellt. Allerdings gibt es keine Möglichkeit, diese zu regeln oder gar zu steuern – das ist uns beiden klar. In den Foren kam witzigerweise manchmal ein Beitrag, wo gesagt wurde: man darf die Leute nicht überfordern, es darf nicht so schnell gehen. Dieser Wunsch ist seltsam. Er entspricht einer Art von Kontrollwunsch.

    Was aber offen bleibt und nur einer kollektiven Diskussion entspringen kann, ist die temporäre Antwort auf die Frage, wie sich Perspektive und Aktualität vermitteln lassen, wie also die Proteste ihr eigenes Ende in anderen Formen, hineingetragen in die Gesellschaft, überdauern; mehr noch: sich daran weiter entwickeln und anwachsen.

  8. estela says:

    @andreas,

    wieder einmal: ich sehe es wie du.
    nur, ich denke diese “angst” vor überforderung auch die angst ist unter dem rad der veränderung umzukommen. leute die selber nicht schritt halten können (auch im kopf) tendieren eben zu versuchen zügel zu finden und diese ziehen zu wollen…

    perspektive und aktualität werden sowieso zwei verschiedenen geschwindigkeiten haben und somit auch die form wie sie sich weiter entwickeln und anwachsen. wie man anderen die angst der mitgestaltung, des mitdenkens und der veränderung nehmen kann weiß ich nicht so genau. bisher bin ich der meinung am wichtigsten ist es vorzumachen, sprich selber die angst nicht zu haben und mitgestaltung anzustreben. dann wäre mir die geschwindigkeit kein thema mehr, weil dann würden wir alle mitziehen… aber bis dahin…

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