Niko Paech: Gute Teilkritik, fragwürdige Analyse, schlechte Alternative

Welt ohne Geld statt heimattreuer Illusionen

In der  Wachstumsdebatte sticht er hervor: Niko Paech. Seine Wachstumskritik konzentriert sich vor allem auf die ökologische Seite. Da ist sie gut. Die Probleme beginnen bei den vermeintlichen Alternativen. Die sollen den Markt fortschreiben. Dabei ist der die eigentliche Wachstumsursache – und nicht die Arbeitsteilung, wie Paech meint. Er setzt zudem wie der Neoliberalismus auf die Unternehmer und moralisiert die Konsumfrage. Eine Kritik mit Sympathie im ersten Drittel.

von Andreas Exner

Dabei nehme ich Niko Paechs Beitrag im neuen VSA-Sammelband “Ausgewachsen! Ökologische Gerechtigkeit. Soziale Rechte. Gutes Leben.” (Rätz et al., 2011) zur Vorlage [1].

Auf Niko Paechs zutreffende Kritik des Mythos der Entkoppelung zwischen Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch gehe ich nicht weiter ein, weil hier der gute Teil seiner Wachstumskritik liegt, das heißt solange es um technisch-ökologische Aspekte geht. Ihn zeichnet auch ein waches Verständnis der Funktionsweise etablierter Akteure im Diskurs der Nachhaltigkeit, oder seit Neuestem des Postwachstums aus. So bemerkt Paech:

Nun wenden sich die Vertreter/innen der neuen Wachstumskritik mit erfrischender Eindeutigkeit gegen den Entkopplungsmythos. Aber ziehen sie auch die notwendigen Konsequenzen in Form einer Aufgabe landläufiger Wohlstandsversprechungen? Es wird spannend zu beobachten sein, welche Richtung der wachstumsskeptische Zug, auf den derzeit Teile der Nachhaltigkeitsszene – zumindest dem Lippenbekenntnis nach – eiligst aufspringen, am Ende nimmt. Denn das Kunststück, eine konsistente Postwachstumsökonomie zu fordern, ohne das geneigte Publikum mit unbequemen Wahrheiten zu überfordern, entspräche einer Quadratur des Kreises. Nicht nur deshalb spricht vieles dafür, dass dem Gros der neuen Wachstumskritiker lediglich eine Art Entkopplungs-Update vorschwebt.

Das steht durchaus zu vermuten. Allerdings liegen die “unbequemen Wahrheiten”, die Paech gern verbreiten möchte, ganz woanders. Nicht in der Zurückschraubung der Arbeitsteilung und im Verzicht, sondern, im Gegenteil, in der Ausweitung der Kooperation und in einem Zugewinn an Lebensqualität. Diese Wahrheiten sind freilich nur deshalb unangenehm, weil sie der Befehlsgewalt des Kapitals und dem System der Geldwirtschaft entgegen stehen. Das Kapital kommandiert in Gestalt des Managements die Tätigen und, wenn diese ihren Arbeitsplatz verlieren, in Gestalt des Staates und seiner Arbeitsagenturen. Das System der Geldwirtschaft, dem wir uns unterwerfen, weil wir nicht über die Produktionsmittel verfügen, koppelt eine fragliche Lebensqualität an Warenkonsum. Aber schauen wir uns das einmal näher an.

Wachstumsursachen: eine, zwei, drei, viele?

Zu Anfang dieses Beitrags, der seine Position umreißt, stellt Paech zweierlei fest:

Solange die Hoffnung, dass ökonomisches Wachstum bei hinreichend innovativen Technikentwicklungen von Ressourcenverbräuchen und Umweltschäden entkoppelt werden kann – also ein so genanntes qualitatives, entmaterialisiertes oder dekarbonisiertes Wachstum prinzipiell für möglich gehalten wird –, nicht als Schimäre entlarvt ist, besteht für die Akzeptanz, geschweige denn Durchsetzbarkeit wachstumskritischer Positionen nicht der Hauch einer Chance.

Und weiters:

Ohne vorherige Analyse und Systematisierung von Wachstumsursachen kann eine Postwachstumsökonomie nicht als fundiertes, in sich geschlossenes Konzept entwickelt werden.

Die erste These suggeriert, dass in der Ökofrage vor allem die Vernunft das Ruder führt. Das ist mit Sicherheit nicht der Fall. Zwar spielt der Diskurs um die Frage der Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch eine Rolle zur Legimitation der herrschenden Naturverhältnisse, das heißt, der Art wie und was wir produzieren. Allerdings wäre es weit übertrieben, auf eine rationale Einsicht zu hoffen, dass die Entkoppelung nicht gelingen kann. Würde die Ratio im Sinne einer verantwortlichen Vernunft im Kapitalismus eine entscheidende Rolle spielen, so hätte sie dazu seit 150 Jahren gleich mehrere Möglichkeiten gehabt. In der ökologischen Frage jedenfalls spätestens in den 1970er Jahren.

Da wir aber stehen wo wir stehen, spielt Vernunft in der ökologischen Debatte zwar eine Rolle, aber keine entscheidende. So kommt auch der Analyse der Entkoppelung oder besser: ihrer Unmöglichkeit, eine zwar wichtige, aber keine entscheidende Bedeutung zu. Die liegt ganz woanders, nämlich in den sozialen Kämpfen für ein gutes Leben und in den – durchaus vernunftgeleiteten – Debatten um die Frage, worin das bestehen kann und soll.

Damit wären wir schon beim Thema der Alternativen. So gut die Kritik Paechs ist, wenn es um den Mythos der Entkoppelung geht, so sehr fällt sie ab, wenn sie sich daran macht, ein anderes, besseres, eben ein gutes Leben für alle zu entwerfen. Diese Schwäche hängt mit der zweiten Anfangsthese von Niko Paech zusammen. Demnach bedarf eine Postwachstumsökonomie einer Analyse und Systematisierung der Ursachen des Wachstums.

Bei Paech spielt ein ganzes Bündel an unterschiedlichen Faktoren die Rolle der Wachstumsursachen: Industrielle Arbeitsteilung, Fremdkapitalzinsen, Gewinnerwartungen, Innovationswettbewerb, Schrankenlose Geldschöpfung der Geschäftsbanken, kulturelle Steigerungslogik und Materialisierung moderner Freiheitsbegriffe, Soziale Wachstumslogik in der Politik, Expansion als institutionelle Legitimation, Verzichtsangstsyndrom, Bevölkerungswachstum.

Wer sich mit den Ursachen des Wachstums einmal näher beschäftigt hat, kennt das Problem: Auf den ersten Blick gibt es eine fast unüberschaubare Fülle möglicher Variablen, die für das Wachstum relevant erscheinen. Bleibt man dabei stehen, kann man sich dem Wachstumsproblem zwar annähern. Auf die Spur kommt man ihm dabei aber nicht. Die braucht man allerdings, um Alternativen zu entwickeln.

Doch eine Wachstumsursache? Arbeitsteilung?

Strukturelle Wachstumsabhängigkeit resultiert aus einer perfekten Verzahnung von industrieller Arbeitsteilung auf der Angebotsseite und vollständiger Fremdversorgung auf Seiten der Haushalte.

stellt Niko Paech fest. Ein ganzes “Fremdversorgungssyndrom” sei es, das die Menschen “schicksalshaft” einer “geldspeienden Wachstumsmaschine” ausliefere. Warum aber sind “Fremdversorgungssysteme”, wie Paech meint, die Ursache des strukturellen Wachstumszwangs?

Weil sie darauf beruhen, die Distanz zwischen Verbrauch und Produktion zu vergrößern. Dies ist nötig, um die quantitativen sowie qualitativen Steigerungspotenziale einer arbeitsteiligen Wertschöpfung zu entfesseln und in Zuwächse der Güterversorgung zu transformieren.

Es ist die Arbeitsteilung, die Paech als den Schuldigen ausmacht und worauf er das Wachstum zurückführt. Sobald eine Produktion, die vormals an einen Standort gebunden war, in einzelne Fertigungsschritte zerlegt und internationalisiert wird, komme es zu “Spezialisierungsgewinnen”. Diese führen zu sinkenden Stückkosten. Weil aber jede Fertigungsstufe Fremdkapital investieren muss (für die Fertigungsanlagen etc.), fallen auch auf jeder Stufe Zinsen an.

Das dazu benötigte Fremdkapital kostet Zinsen; Eigenkapital verlangt nach einer hinreichenden Rendite. Folglich muss in jeder Periode ein entsprechender Überschuss erwirtschaftet werden.

heißt es bei Paech, und weiter:

Das zur Stabilisierung des Gesamtprozesses erforderliche Wachstum steigt also mit zunehmender Spezialisierung, das heißt mit der Anzahl eigenständiger Betriebe und dem notwendigen Überschuss, um das Risiko des Investors mindestens zu kompensieren. Dieses Risiko steigt obendrein mit zunehmender Komplexität, also Anzahl, Distanz und Anonymität der Produktionsstätten. Daraus lassen sich Ansatzpunkte für eine Milderung von Wachstumszwängen ableiten

Die ganze Erklärung spießt sich: Arbeitsteilung, Risiko, Zins

So formuliert bleibt unklar, warum Unternehmen in einer Geldwirtschaft überhaupt produzieren. Paech spricht zwar aus, dass Kapital eine Rendite verlangt und dass daraus der Zwang, einen Überschuss zu produzieren folgt, darin also der Schlüssel zum Wachstum liegt. Warum das so ist und ob das so sein muss, bleibt jedoch außerhalb seines Blickfeldes. Man wird nicht schlau, worin die genannten “Steigerungspotenziale einer arbeitsteiligen Wertschöpfung” bestehen, außer dass sie sich in “Zuwächse der Güterversorgung transformieren”. Produzieren Unternehmen also, damit es möglichst viele Güter gibt? Das ist falsch, wie wir alle wissen und auch Paech sagt. Unternehmen produzieren nicht, damit Leute ein Dach über dem Kopf haben oder nach Honolulu fliegen können. Unternehmen produzieren, um ihr Kapital zu vermehren. Sie machen aus Geld mehr Geld, Profit.

So klar diese Wachstumsursache auf der Hand liegt, so sehr wird sie in Paechs Ursachendschungel unter einer Fülle zweitrangiger, aus der Profitmaschinerie abgeleiteter Variablen begraben. Kein Wunder, dass Niko Paech eine reichlich komplizierte und gewagte Hypothese braucht, um das Wachstum letztlich doch auf eine Ursache zurückzuführen, die den Dschungel etwas lichtet. Diese Ursache der Ursachen soll eigenartigerweise darin bestehen, dass sich die Produktion auf internationale Wertschöpfungsketten aufteilt.

An diesem Punkt wird alles unklar.

Weil der Begriff des Wachstums nicht analysiert worden ist, weiß man noch immer nicht, was wächst: der Warenoutput, der Profit, der Stoff- und Energieverbrauch? Das, was (auch immer) wächst, tut dies jedenfalls mit zunehmendem “Risiko”, wie Paech meint. Und dieses “Risiko” wachse seinerseits mit zunehmender Zerlegung der Produktion in einzelne Fertigungsschritte, die sich weltweit verstreuen.

Da stellen sich gleich mehrere Rätsel.

Erstens: Wenn das Wachstum aus der Internationalisierung der Produktion resultiert, die erst mit der Globalisierung seit den 1990er Jahren wirklich weltumgreifend wird, warum wuchs die Wirtschaft, warum wuchsen einzelne Branchen schon vor ihr? Noch dazu zum Teil viel rasanter als seit der Internationalisierung der Produktion? Wie wir wissen, waren die Wachstumsraten des BIP in den drei “goldenen Jahrzehnten” nach dem Zweiten Weltkrieg, die von hoher Stabilität, Planbarkeit, sicheren Binnenmärkten und einer internationalen wirtschaftlichen Regulation mit strengen Kapitalverkehrskontrollen geprägt waren, bei weitem höher als sie seit den 1990er Jahren sind. Hier spießen sich die Tatsachen nicht nur mit der Erklärung von Wachstum durch die Internationalisierung der Produktion, sondern auch mit der dadurch angeblich bewirkten Erhöhung des Risikos. Das war damals nämlich viel geringer.

Das Risiko kann freilich zweitens schon deshalb keine Wachstumsursache sein, weil hohes Risiko Investitionen der Tendenz nach einschränkt. Die Rendite riskanter Investitionen ist zwar hoch. Die Investitionsneigung insgesamt leidet jedoch unter eben diesen Bedingungen. Alles andere wäre auch ziemlich irrational, sogar rein kapitalistisch gedacht.

An der falschen Einschätzung des Zusammenhangs von Risiko und Investition schließt sich ein falsches Verständnis des Zinses an. Während Paech glaubt, dieser führe zu einem Wachstumszwang, ist es genau umgekehrt: Der strukturell vorgegebene Zwang und Drang des Kapitals, Profit zu produzieren, erzwingt im zweiten Schritt die Aufnahme von Fremdkapital. So können die engen Grenzen des Eigenkapitals ausgedehnt werden und damit der Profit. Hohe Zinsen würgen deshalb das Wachstum des Kapitals dezidiert ab, wie wir alle aus den Wirtschaftsnachrichten wissen. Der Zins ist kein Wachstumstreiber [2].

Die wahren Wachstumsursachen

Die wahren Ursachen für das Wachstum des Kapitals liegen dort, wo Paech nicht hinschauen will.

(1) Wachstumsdrang. Da Geld sich von sich selbst nur der Menge nach unterscheidet und “nicht satt macht”, bewirkt es einen Wachstumsdrang: aus 100 Euro 100 Euro zu machen ist sinnlos, 101 Euro ist schon besser, 102 allemal und 10.000 ist toll. An sich selbst findet die Geldvermehrung, die Akkumulation von Kapital, keine Grenze. Weil Geld per definitionem die alles dominierende Form von Reichtum ist, “Reichtum schlechthin”, pure soziale Macht, gilt auch der Vermehrung von Geld das Hauptaugenmerk. Alles andere wäre sinnlos. Wenn man das nicht will, muss das Geld weg, nicht die Arbeitsteilung.

(2) Wachstumszwang. Weil erst Geld die Menschen verbindet und sie in dieser Gesellschaft zu Menschen macht, konkurrieren auch alle darum. Sie müssen das tun. Ein Unternehmer, der keinen Gewinn macht, wird gegenüber einem anderen, der profitabel wirtschaftet, das Nachsehen haben. Der Konkurrent kann in neue Maschinen, den Aufbau von Know-How, Werbung etc. investieren, danach mehr zu geringeren Kosten produzieren und alle anderen, die das nicht tun, ausbooten. Wenn man das nicht will, muss das Geld weg, nicht die Arbeitsteilung.

(3) Schrumpfungsverbot. Das Geld macht auch eine sozial verträgliche Schrumpfung der Wirtschaftsleistung unmöglich. Da Geld die allgemein gültige Form von Reichtum darstellt, ist eine Schrumpfung, die keine schwere Rezession ist, undenkbar. Weniger Warenoutput = weniger Geld = Verlust, Krise, Elend. Würde man alle Autowerke der Welt zusperren, was notwendig ist, so freut sich niemand über den positiven Klimaeffekt. Im Kapitalismus ist das eine Katastrophe. Wenn man das nicht will, muss das Geld weg, nicht die Arbeitsteilung.

Die wirkliche Arbeitsteilung

Paech analysiert nicht nur die Wachstumsursachen, sondern auch die Arbeitsteilung falsch. Er übersieht, dass zwischen Arbeitsteilung und Geld kein logischer Zusammenhang besteht. Und unterschlägt, dass auch im Kapitalismus Arbeitsteilung zwei Ebenen hat: (1) die innerbetriebliche Arbeitsteilung, (2) die zwischenbetriebliche. Paech spricht nur von der zwischenbetrieblichen Arbeitsteilung, die im Kapitalismus, der eine Geldwirtschaft ist, über Geld läuft: Unternehmen kaufen, was sie benötigen und verkaufen, was sie produzieren.

Die innerbetriebliche Arbeitsteilung ist bereits ein schlagendes Argument gegen die notwendige Verknüpfung von Geld und Arbeitsteilung, die Paech fälschlicherweise herstellen will. In einem Konzern kooperieren tausende von Menschen ohne die Dazwischenkunft von Geld. Es gibt zwar eine Tendenz, innerbetrieblich einen Markt zu simulieren, indem Profitcenter definiert werden etc. Doch ist das erstens eine ziemlich neue Tendenz, zweitens nicht konzernprägend. Die Kooperation im Betrieb erfolgt grundsätzlich ohne Geld. Sie beruht auf der Eigenmotivation und der Fähigkeit der Selbstorganisation der dort Tätigen – wie ohnehin alle wissen, die mal in einem Betrieb gearbeitet haben. “Dienst nach Vorschrift” ist eine Drohung. Daran sieht man, dass die Kooperation im Betrieb auch nicht von oben verordnet wird.

Auch zwischenbetrieblich gibt es freilich globale Kooperation. Sie besteht in Lieferbeziehungen ohne Dazwischenkunft des Geldes. Der so genannte Intrakonzernhandel umfasst rund ein Drittel des Welthandels. Dabei handelt es sich um bloße Buchungen, die wie normale Markttransaktionen erscheinen. Tatsächlich ist das schlicht der auf Kooperation beruhende Ressourcenfluss in einem Unternehmen.

Wenn man den Blick weitet und sich nicht auf “Betriebe” fixiert, ist auch leicht zu erkennen, dass die freie Software-Produktion und digitale Gemeingüter wie Wikipedia eine unglaublich komplexe Arbeitsteilung darstellen, die ohne Geld entsteht.

Also: komplexe Arbeitsteilung hängt nicht von Geld ab.

Paech: den Tatsachen entgegen

In der Sicht von Paech steigt das Wachstum – entgegen den Tatsachen – sogar:

Das zur Stabilisierung des Gesamtprozesses erforderliche Wachstum steigt also mit zunehmender Spezialisierung

heißt es.

Was soll damit anderes gemeint sein als ein Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Wachstumsrate, einer anwachsenden Steigerungsrate des Bruttoinlandsprodukts (BIP)? Das lässt sich ja leicht überprüfen. Die Wachstumsrate des BIP steigt nicht, sondern sinkt in den reichen Ländern seit vielen Jahrzehnten. Der wirtschaftliche Zuwachs bleibt absolut gesehen langfristig konstant. Bei zunehmender Größe der Volkswirtschaft ergibt sich daraus eine abnehmende Wachstumsrate. Dieser Befund ist der dritte Punkt, warum sich die vermeintliche Wachstumsursache nach Niko Paech als wenig tauglich erweist, um zum Verständnis des Wachstums beizutragen. Diesem Punkt kann man auch nicht mit der denkmöglichen Ausflucht begegnen, dass ja, wie alle sehen, der von Paech im Zitat genannte “Gesamtprozess” – was auch immer darunter genau zu verstehen ist – seit 2008 eben nicht mehr “stabilisiert” werden kann. Erstens schreibt Paech nichts darüber, zweitens behauptet er ja eine allgemeine Gültigkeit seiner Wachstumserklärung. Die kann also nicht erst seit 2008 eingesetzt haben.

Man könnte die These, wonach, wie Paech schreibt,

das zur Stabilisierung des Gesamtprozesses erforderliche Wachstum (…) also mit zunehmender Spezialisierung (steigt), das heißt mit der Anzahl eigenständiger Betriebe und dem notwendigen Überschuss, um das Risiko des Investors mindestens zu kompensieren

empirisch relativ leicht überprüfen. Dazu müsste man die Anzahl der Betriebe mit der Wachstumsrate vergleichen. Das wäre allerdings aus den erwähnten Gründen eine undankbare Aufgabe. Theoretisch gesehen kann gar kein Zusammenhang bestehen (und wenn doch, dann nur ein zufälliger). Darüberhinaus deutet kein einziges Indiz auf so einen Zusammenhang. Die größten Profite machen Konzerne, die zugleich aufgrund ihrer oligopolistischen Position unter den geringsten Risiken leiden und die Weltwirtschaft bestimmen. Das Kapital konzentriert und zentralisiert sich fortschreitend, anstatt einer “blühenden” wirtschaftlichen Kleingartenlandschaft mit einer “wachsenden Anzahl eigenständiger Betriebe” Raum zu geben, was ja auch allseits beklagt wird. Was da wächst, ist die Zahl an Schuhputzern, Ich-AGs und Elendsunternehmerinnen.

Die Struktur solcher Konzerne ist überaus komplex und gehorcht dem Prinzip der Auslagerung. Ein Unternehmenskern, der das Management einer weltweit zergliederten Wertschöpfungskette in der Hand behält, ist von einer riesigen Peripherie an Zulieferern umgeben. Das macht Ikea so, das macht Ford so, das machen alle Konzerne so. Heißt das, dass damit der Gewinn insgesamt steigt? Natürlich nicht. Diese Strategie der Internationalisierung dient dem Unternehmenskern, dem Headquarter, der Konzernzentrale dazu, die Gewinne zu steigern. Aber nicht, weil das Risiko steigt aufgrund der “Komplexität, also Anzahl, Distanz und Anonymität der Produktionsstätten”, wie Paech glaubt. Auslagerung erlaubt schlicht eine Steigerung der Produktivität der Arbeit und zudem, die Arbeitskräfte der Zulieferer unter Druck zu setzen, indem man sie gegeneinander ausspielt und verhindert, dass sie die ganze Produktion lahm legen, wie das bis zum Ende der 1970er Jahre häufig der Fall war.

In einer höchst unklaren Weise drückt sich bei Paech das Moment der wirklichen Wachstumsursache aus: die kapitalistische Konkurrenz, das heißt die unausweichliche Konkurrenz um den Profit, die der Markt zwischen den Betrieben setzt. Das hat aber nicht mit der Arbeitsteilung zu tun, die Paech ganz oberflächlich analysiert, sondern mit der Geldwirtschaft, dem Markt. Das war bereits zu sehen.

Falsche Analyse, schlechte Alternative

Paech versteht die Arbeitsteilung als solche als ein “Fremdversorgungssyndrom”. Nicht nur, dass diese Konzeption, wie zu sehen war, darin versagt, das Wachstum zu erklären. Sie macht auch ein ganz falsches Bild der Kooperation im gesellschaftlichen Maßstab auf und ihr unterliegt ein ebenso falsches Bild des Menschen.

Während bei Paech die Leute wieder mehr Gemüse im Schrebergarten anbauen und ihr Dach selber reparieren sollen, hat das in der Tat ganz und gar nichts damit zu tun, dass man sich dann plötzlich wieder “selbst versorgt”. Nach wie vor werden ja wohl Saatgut, Holz, Werkzeuge und Wissen benötigt werden, die ein beinahe unendliches “System der Fremdversorgung” bedeuten. Und das ist auch gut so. Ja, es ist gerade überhaupt nicht einzusehen, warum alle dazu vergattert sein sollen, das, was kooperativ viel besser, lustvoller und rascher erledigt werden kann, dem Paechschen Konzept der “Selbstversorgung” entsprechend zu erledigen. Paech selbst sieht das ja wohl letzlich auch so, wenn er Gemeinschaftsgärten als Positivbeispiel erwähnt. Dann aber bitteschön auch Gemeinschaftsfabriken. Die Blumen und die Bienen können ja wohl nicht der entscheidende Unterschied sein, der in einem Garten gleichberechtigte Kooperation möglich, in einer Werkstatt, einem Büro oder einer Fertigungshalle aber mit einem Schlag vollkommen unmöglich machen.

Die Wahrheit ist: Der Mensch ist ein soziales Wesen. Es gibt keine “Fremdversorgung”. Ein solcher Begriff ist auch ziemlich unglücklich aufgrund seiner heimattreuen Schwingung. Ebensowenig wie klein notwendigerweise schön ist oder gut, ist lokal notwendigerweise besser. Die Einschränkung auf das Lokale schneidet, ganz im Gegenteil, wichtige Widerstands- und Freiheitsräume ab. Und es beschränkt unseren Horizont und unsere Perspektive.

Die Ansatzpunkte einer Alternative zur Wachstumsökonomie sieht Niko Paech in fünf Schritten:

(1) Suffizienz. Darunter versteht Paech, dass manchen Konsumaktivitäten ersatzlos entfallen können. Dazu ist nichts zu sagen, denn das ist richtig.

(2) Subsistenz. Davon hat Paech einen eigenwilligen und sehr eingeschränkten Begriff. Anstatt unter Subsistenz das zu sehen, was sich dem Markt entzieht, egal ob in der freien Software oder im Gemeinschaftsgarten, will er dies auf individualisierte und nur scheinbar von anderen unabhängige Tätigkeiten einschränken.

(3) Regionalökonomie. Dazu schreibt er:

Viele Bedürfnisse ließen sich durch regionale Märkte bis hin zu einer Community Supported Agriculture (CSA) (www.entrup119.de) befriedigen. Regionalwährungen könnten Kaufkraft an die Region binden und damit von globalen Abhängigkeiten befreien. So würden die Effizienzvorteile einer geldbasierten Arbeitsteilung weiterhin genutzt, jedoch innerhalb eines ökologieverträglicheren und krisenresistenteren Rahmens.

Da geht gleich mehreres durcheinander.

Erstens ist Community Supported Agriculture kein Markt, auch kein regionaler, sondern direkte Kooperation zwischen Produzent*innen und Konsument*innen in einer Weise, die den Unterschied noch dazu aufhebt (durch Mitarbeit der Konsument*innen bei Erntespitzen, Planung der Produktion etc.).

Zweitens sind Regionalwährungen in keiner Weise eine Alternative zum Markt. Regionale Währungen, die man zum Einkauf in einer bestimmten Stadt oder einem bestimmten Einkaufszentrum verwenden kann, sind altbekannt. Auch die DM war mal eine schöne Regionalwährung, oder, wer’s lieber nett und klein hat: der österreichische Schilling. In einem Regionalwährungsring wirken Konkurrenz und Geldakkumulationsdrang ganz genauso wie sonst auch. Sofern man diese Aspekte der Wachstumsursache “Geldwirtschaft” stilllegt, so nur durch Kooperation, wie sie ja schon zum Aufbau einer Regionalwährung notwendig ist. Dann aber bitte gleich den Schmied und nicht den Schmiedl.

Drittens ist ganz unklar, was nun die “Effizienzvorteile einer geldbasierten Arbeitsteilung” sein sollen. Ressourceneffizienz kann nicht gemeint sein. Was aber dann? Tatsächlich ist die Geldwirtschaft (deren Arbeitsteilung, wie zu sehen war, gerade nicht geldbasiert ist) nur in einer Sache effizient: aus Geld mehr Geld zu machen. Die Ökonomie drückt das in der Profitrate aus, dem Effizienzkriterium des Kapitals. Also eine Alternative ist das nicht.

Viertens stellt sich die Frage, warum eine lokalistisch gedachte “Regionalökonomie” krisenresistenter sein soll. Solange sie von modernen Infrastrukturen abhängt, wird sie auch von einer Krise des Weltmarkts erfasst. Da gibt es ein Entrinnen nur durch möglichst breite Kooperation über das Konstrukt der so genannten Region hinaus. Auch ein “regionales” Krankenhaus wird auf medizinische Geräte, Pharmazeutika, Wissen und sonst noch einiges angewiesen sein, was weder lokal noch regional produziert und organisiert werden kann.

(4) Stoffliche Nullsummenspiele. Darunter versteht Paech eine Halbierung der Normalerwerbsarbeitszeit und einen Umbau der Produktion auf langlebige Güter hin. Dazu ist nichts zu sagen, weil auch das ein wichtiges Element einer Alternative ist.

(5) Institutionelle Innovationen. Hier wird’s wieder schwierig. Paech umreißt den Inhalt dieser Neuerungen so:

Boden-, Geld- und Finanzmarktreformen würden systemimmanente Wachstumszwänge mildern. Regionalwährungen könnten mit einer das Zinsniveau gegen Null senkenden Geldumlaufsicherung versehen werden. Veränderte Unternehmensformen könnten die Gewinndynamik dämpfen. Der Subventionsdschungel könnte durchforstet werden, um gleichermaßen ökologische Schäden und öffentliche Verschuldung zu reduzieren. Ein Bodenversiegelungsmoratorium und Rückbauprogramme für Infrastrukturen wären sinnvoll. Insbesondere Industrieparkanlagen, Autobahnen, Parkplätze und Flughäfen wären zu entsiegeln und zu renaturieren. Ansonsten können dort Anlagen zur Nutzung erneuerbarer Energien installiert werden, um die katastrophalen Flächen- und Landschaftsverbräuche dieser Technologie zu reduzieren. Weiterhin ließen sich Rebound-Effekte eindämmen, wenn der dehnbare Nachhaltigkeitsbegriff endlich durch individuelle CO2-Bilanzen konkretisiert würde. Jede Person hätte ein Anrecht auf dasselbe jährliche Emissionskontingent (ca. zwei bis vier Tonnen), das übertragbar sein könnte. Unternehmen wären zu verpflichten, alle Produkte mit dem CO2-Footprint entlang des gesamten Lebenszyklus zu kennzeichnen.

Während die rein technischen Vorschläge gut sind, eine “Durchforstung des Subventionsdschungels” sinnvoll und die Idee, auf Verkehrsflächen PV- und Windkraftanlagen zu installieren, nicht nur originell, sondern praktisch ist, fehlt den anderen die Bodenhaftung.

Keine Alternative sind Regionalwährungen, Tauschringe oder dergleichen. Das ergibt sich aus der Analyse der Wachstumsursachen. Die liegen im Geld, das für ein System verallgemeinerten Tausches notwendig wird (auch eine Tauschkreiswährung ist Geld, egal ob es so genannt wird oder nicht). Regionalwährungen setzen diese Absurdität nur unter neuem Label fort. Das zeigt sich schlagend in einer Krise. Die Tauschkreise, die in Argentinien nach 2000/2001 explodierten, schafften es nicht, den Menschen das zu geben, was sie sonst auch nicht ausreichend bekommen, zum Leben aber ganz dringend brauchen: Nahrungsmittel. Haarschnitt gegen Bücher zu tauschen ist zwar nett, eine kooperative Krisenbewältigung kommt dabei aber nicht heraus. Dass der Zins keine “Umlaufsicherung” ist, sondern der Preis von Geldkapital, das Unternehmer am Geldmarkt nachfragen, um noch mehr Geld damit zu produzieren, sei nur angemerkt.

Worin die “veränderten Unternehmensformen”, zur “Dämpfung” der “Gewinndynamik” bestehen, bleibt unklar. Offensichtlich geht es bei Paech nicht darum, eine gleichberechtigte Kooperation im Betrieb umzusetzen, das heißt das Management (das Kapital) abzuschaffen und im Anschluss daran den Markt durch Kooperation zwischen den Betrieben zu ersetzen. Das wäre das notwendige Projekt einer Solidarischen Ökonomie, die auf Gemeingütern basiert und Gemeingüter produziert. Das will Paech zumindest in diesem Artikel nicht.

Individuelle CO2-Bilanzen verfehlen das Problem und verhindern eine solidarische Lösung der Umweltproblematik. Ebensowenig wie wir “fremdversorgt” sind, sondern erstens soziale Wesen und zweitens ja selbst die Produzent*innen – wenngleich nicht im Besitz der Produktionsmittel – machen “individuelle CO2-Bilanzen” Sinn. Das machte nur Sinn, wären Wachstum des Kapitals und Ressourcenverbrauch unsere individuelle Verantwortung. Das sind sie aber mitnichten. Die individuelle Verantwortung besteht darin, sich mit anderen zusammenzuschließen, zu kooperieren, und sich die Produktionsmittel anzueignen, um stilllegen zu können, was unnötig und schädlich ist.

Demonetarisierung: Abgestufte Kooperation ohne Geld statt heimattreue Illusionen

Um ein Resümee zu ziehen: Aus einer falschen Analyse der Wachstumsursachen und der problematischen Annahme, dass “klein” auch “fein” sei, ergibt sich eine Scheinalternative. Paech glaubt, dass der Weltmarkt, wenngleich eingeschränkt, fortbestehen kann, und die kleinen feinen Regionalwährungen auch schön in Ruhe lässt. Nachdem der Weltmarkt, wie wir wissen, einer Expansionsdynamik unterliegt, ist vollkommen unklar, wie er sich nun mit einem Mal mit einem gleichbleibenden, auf ewig konstanten Umfang bescheiden soll? Das spießt sich auch vollständig mit der Wachstumsursache, die Paech, wenngleich verschüttet unter einer falschen Interpretation der Arbeitsteilung, kennt: der Gewinndynamik. Diese liegt in der von der Geldwirtschaft, dem Markt, (1) strukturell erzwungenen Jagd nach dem Profit (Wachstumszwang) begründet sowie (2) in der Logik des Geldes selbst: in der Dynamik des rein quantitativen Wachstums eines konkret-stofflich gesehen sinnlosen “Produkts” namens Profit (Wachstumsdrang). Geld kann man nicht essen, und daher wird man davon auch nicht satt.

Warum der Weltmarkt die Paechschen Regionalwährungen auf Kosten seines Profits verschonen soll, wissen wir nicht.

Während Paech richtig darauf hinweist, dass nicht zuletzt aufgrund von Peak Oil das “Kartenhaus” der Geldwirtschaft vermutlich ohnehin vor dem – wenigstens teilweisen – Einbruch steht, hängt er der Illusion an, dass dies den übrig bleibenden Teil des Weltmarkts irgendwie verschonen wird. Dem ist nicht so, gerade weil die Weltwirtschaft, wie Paech ja richtig sieht, komplex vernetzt ist. Dies verstärkt die Kollapsgefahr. Logischerweise kann die Lösung nur darin bestehen, überregionale Kooperation aufzubauen und das an Kooperation weiterzuentwickeln, was sowieso die zweite, unsichtbar gemachte Seite des Kapitalismus ausmacht neben der ersten, sichtbaren der Geldwirtschaft.

Kooperation bedeutet dabei klarerweise nicht, dass ständig alle mit allen über alles reden. Es geht vielmehr um eine abgestufte Kooperation in Gremien der direkten Stoffwechselsteuerung. Was lokal produziert werden kann, soll auch lokal produziert werden. Vieles kann aber nur in überregionaler, manches vermutlich nur in kontinentaler Kooperation hergestellt werden. Kooperation bedeutet, den Markt und den Tausch von “Wertgleichem” – ein Konstrukt der Geldwirtschaft – durch Lieferbeziehungen zu ersetzen. Diese können zwischen Stadt und Umland, einzelnen Projekten oder Regionen bestehen. Solche Lieferbeziehungen sind kein Naturaltausch im Sinne von “Du gibst mir Äpfel, und ich Dir Birnen”. Sie sind vielmehr eine relativ stabile Form der Kooperation zwischen Commons (Gemeingüter) und den dafür verwantwortlichen Commoners. Eine solche solidarische Ökonomie würde mit Hilfe von Commons, Gemeingütern an Maschinen, Infrastrukturen, Wald und Weide, mehr Commons erzeugen. Dies kann nur gelingen, wenn man dem Markt – Regionalwährungen von Chiemgau bis zur EU alike – fortschreitend den Boden entzieht und die Arbeitsteilung aus dem Griff des kapitalistischen Managements und von der Geldwirtschaft befreit.

Dazu braucht man keine Untermauerung durch “Befunde der Glücksforschung” oder eine Einsicht in die “sozialen Ambivalenzen der Wachstumslogik”, sondern lediglich die tägliche Erfahrung des Kommandos im Betrieb und der Zwänge der Geldwirtschaft, die uns auf Träger*innen einer Geldbörse reduziert.

Die Konsumfrage zu moralisieren im Sinne von “soll doch auch der Philosophieprofessor mal Karotten pflanzen”, wie Paech das sinngemäß tut, ist abzulehnen. Ebensowenig ist die weitere Individualisierung gesellschaftlicher Verantwortung zu unterstützen und der Rückfall auf ein Elendsniveau von “Eigenarbeit”, das wie im Frühkapitalismus der fortlaufenden Wachstumsdynamik des Weltmarkts die Bahn frei halten soll. Im Grunde skizziert Paech eine gefährliche Entwicklung. Er hält sie für eine Alternative.

Lesetip

In “Die Grenzen des Kapitalismus. Wie wir am Wachstum scheitern” (Exner, Lauk, Kulterer; 2008, Ueberreuter) haben wir diese Argumentation breiter ausgeführt.

Fußnoten

[1] Ich beziehe mich auf die Druckfahnen des Buches, ergänzt um die Rezeption zweier Vorträge von Paech (Wien, Berlin)

[2] Das ist lediglich bei der Staatsschuld anders. Darüber spricht Paech in dem Zusammenhang aber nicht.

Buch- und Filmbesprechungen, Demonetize.it, La Décroissance, Regionalwährungen, WachstumskritikPermalink

21 Responses to Niko Paech: Gute Teilkritik, fragwürdige Analyse, schlechte Alternative

  1. StefanMz says:

    Exzellente Analyse! Die paar Anmerkungen sind Fragen zur kollektiven Selbstverständigung.

    (1) Ich finde den Gedanken von Peach von »industrieller Arbeitsteilung auf der Angebotsseite und vollständiger Fremdversorgung auf Seiten der Haushalte« nicht so dumm. Es geht um die Spaltung von Produktion und Konsumtion, die eine Folge der privateigentümlich-getrennten Warenproduktion ist. Die von uns bei einem anderen Artikel diskutierte Kategorienverdopplung in Wert und Gebrauchswert rührt genau daher. Peach spricht also was Richtiges an, nur begreift er es nicht.

    (2) Du fragst nun Peach »Warum aber sind “Fremdversorgungssysteme”, wie Paech meint, die Ursache des strukturellen Wachstumszwangs?« Das habe ich dich auch gefragt, nur in anderen Worten: Warum soll die Verdopplung auf der Erscheinungsebene in GW und W die Ursache des Wachstumszwangs sein? Ich finde, du widersprichst dir hier.

    (3) Drang und Zwang begründest du nun hier etwas als in dem oben verlinkten Artikel. Drang sei Resultat der abstrakten Form des Werts/Gelds. Das leuchtet mir nicht ein. Bei den Vermittlungsillusionisten, also jenen, die glauben, Geld würde nur Transaktionen vermitteln, gibt’s tatsächlich die Vorstellung das ein monetärer steady-state möglich sei, dass also am Ende einer Transaktion monetär das Gleiche steht wie am Anfang, während »dazwischen« der Nutzen erzeugt wird. Dass das Quatsch ist, brauchen wir nicht zu besprechen. Nur ist die Argumentation dagegen nicht damit getan, dass man sagt, die Abstraktion (die Form) erzeugt schon selbst einen Drang.

    (4) Den Zwang begründest du nun gleich doppelt. Implizit greifst du Peachs Struktur der Spaltung in Produzenten und Konsumenten auf und führt zwei Konkurrenzen an: Die Konsumenten konkurrieren um Geld und die Produzenten auch. Genaugenommen konkurrieren die beiden sowohl untereinander wie gegeneinander: Die Konsumenten um den Verkauf ihrer Arbeitskraft, der nämlich vor dem Konsum ansteht, und die Produzenten um den Verkauf ihrer Waren. Da liegt tatsächlich der Wachstumszwang vergraben, und zwar doppelt: Die Arbeitskraft muss immer besser (entweder billiger oder produktiver) verkauft werden, und die Produkte müssen immer besser (auch wieder billiger, weil produktiver) hergestellt und verkauft werden — weil es sonst jeweils der Konkurrent tut. Ich vermute, da sind wir uns eh einig.

    Jetzt frage ich mich schon länger, warum dieses doch recht schlichte und logische Argument irgend jemandem nicht einleuchtet.

    Finally: Vermittlungsform PLUS doppelte Konkurrenz erklären den Wachstumszwang.

  2. Andreas Exner says:

    Vielen Dank, Stefan, für Dein Feedback.

    Die Begriffe Wachstumszwang und -drang hab ich Hans Christoph Binswanger entlehnt. Ich denke, er argumentiert sehr ähnlich Marx (den er nicht zitiert, aber ziemlich sicher gelesen hat).

    Die Ableitung des für das Einzelkapital relevanten Zwangs zum Wachstum durch die Konkurrenz ist klar.

    Mir scheint aber wichtig, dass es noch einen zweiten Aspekt der Wertvermittlung gibt, der nicht in der Konkurrenz besteht und zwar keinen Zwang, jedoch einen Drang zur Mehrwertproduktion und -akkumulation darstellt, eine Tendenz. Wenn Du so willst, befinden wir uns hier auf der Ebene der Imagination, der psychischen Konstitution, die sich aber tief eingräbt in die Motive der Akteure.

    Ich stelle dazu einmal ein entsprechendes Zitat von Marx hierher:

    “Die Wiederholung oder Erneuerung des Verkaufs, um zu kaufen, findet, wie dieser Prozeß selbst, Maß und Ziel an einem außer ihm liegenden Endzwecke, der Konsumtion, der Befriedigung bestimmter Bedürfnisse. Im Kauf für den Verkauf dagegen sind Anfang und Ende dasselbe, Geld, Tauschwert, und schon dadurch ist die Bewegung endlos. Allerdings ist aus G, G + DG geworden, aus den 100 Pfd.St., 100 + 10. Aber bloß qualitativ betrachtet, sind 110 Pfd.St. dasselbe wie 100 Pfd.St., nämlich Geld. Und quantitativ betrachtet, sind 110 Pfd.St. eine beschränkte Wertsumme wie 100 Pfd.St. Würden die 110 Pfd.St. als Geld verausgabt, so fielen sie aus ihrer Rolle. Sie hörten auf, Kapital zu sein. Der Zirkulation entzogen, versteinern sie zum Schatz, und kein Farthing wächst ihnen an, ob sie bis zum Jüngsten Tage fortlagern. Handelt es sich also einmal um Verwertung des Werts, so besteht dasselbe Bedürfnis für die Verwertung von 110 Pfd.St. wie für die von 100 Pfd.St., da beide beschränkte Ausdrücke des Tauschwerts sind, beide also denselben Beruf haben, sich dem Reichtum schlechthin durch Größenausdehnung anzunähern. Zwar unterscheidet sich für einen Augenblick der ursprünglich vorgeschossene Wert 100 Pfd.St. von dem in der Zirkulation ihm zuwachsenden Mehrwert von 10 Pfd.St., aber dieser Unterschied zerfließt sofort wieder. Es kommt am Ende des Prozesses nicht auf der einen Seite der Originalwert von 100 Pfd.St. und auf der andren Seite der Mehrwert von 10 Pfd.St. heraus. Was herauskommt, ist ein Wert von 110 Pfd.St., der sich ganz in derselben entsprechenden Form befindet, um den Verwertungsprozeß zu beginnen, wie die ursprünglichen 100 Pfd.St. Geld kommt am Ende der Bewegung wieder als ihr Anfang heraus.(5) Das Ende jedes einzelnen Kreislaufs, worin sich der Kauf für den Verkauf vollzieht, bildet daher von selbst den Anfang eines neuen Kreislaufs. Die einfache Warenzirkulation – der Verkauf für den Kauf – dient zum Mittel für einen außerhalb der Zirkulation liegenden Endzweck, die Aneignung von Gebrauchswerten, die Befriedigung von Bedürfnissen. Die Zirkulation des Geldes als Kapital ist dagegen Selbstzweck, denn die Verwertung des Werts existiert nur innerhalb dieser stets erneuerten Bewegung. Die Bewegung des Kapitals ist daher maßlos.
    http://www.mlwerke.de/me/me23/me23_161.htm (2. Abschnitt, „Die Verwandlung von Geld in Kapital“, 4. Kapitel, „Verwandlung von Geld in Kapital“, „1. Die allgemeine Formel des Kapitals“)

  3. Andreas Exner says:

    Grundsätzlich: die Wachstumsursache auf der Ebene des Marktes zu suchen, ist insofern nur eine “Teilwahrheit”, weil es das Ganze der kapitalistischen Produktionsweise ist, dem das Wachstum von Wert und damit von Gebrauchswerten inhärent ist.

    Die “Ur-Ursache” auf der Ebene des Marktes (der Wertvergesellschaftung) anzusiedeln, hat m.E. v.a. didaktische Gründe und auch taktische, um sich von einem allzu traditionellen oder besser: verbogenen Marxismus abzugrenzen.

    Genauso gut könnte man sagen, dass es die Trennung der Produzent*innen von den Produktionsmitteln ist, die das Wachstum des Kapitals “verursacht”.

    Die Konkurrenz zwischen den Konsument*innen gibt es, äußert sich m.E. aber nicht im Wachstum des Kapitals. Der Klassenantagonismus ist allerdings durchaus ein Faktor, der Wachstum des Kapitals mitbedingt.

    Das führen wir im Buch “Die Grenzen des Kapitalismus” noch mehr implizit, im Beitrag zu “Ausgewachsen” explizit an.

    Letztlich reduziert sich eine Debatte um die “Ur-Ursache” auf die in der Tat schlichte Feststellung, dass der Kapitalismus eben ein System ständigen wirtschaftlichen Wachstums ist, nichts anderes, und auch nichts anderes sein kann.

    Warum das noch so wenigen einleuchtet, leuchtet auch mir nicht ein.

    Man sollte es für ein Indiz dafür nehmen, dass die Ebene der Argumentation nur eine unter vielen anderen ist, die für eine Alternative notwendig ist.

  4. “Ebensowenig wie klein notwendigerweise schön ist oder gut, ist lokal notwendigerweise besser. Die Einschränkung auf das Lokale schneidet, ganz im Gegenteil, wichtige Widerstands- und Freiheitsräume ab. Und es beschränkt unseren Horizont und unsere Perspektive.”

    Jein. Die bestehende globale Gesamtfabrik hat ihre Grundlage im Lebenssaft Öl, die existenten Produktionsketten sind eigentlich durch die Bank irrational. Ein Fokus auf das Lokale muss überhaupt nicht unseren Horizont und unsere Perspektive beschränken. Ich habe das Globale Dörfer genannt, also eine von einem positiven Interesse aneinander (und sei es nur aufgrund der Potentiale der Wissenskooperation und Verfeinerung) getragene Kooperation, die sich zuallererst und primär als geteiltes Wissen und Können geltend macht.

  5. Zu Eurer Debatte: Man muss das ganze nicht psychologisch, man kann es auch sachlich sehen. Wert ist nicht stabil, er verschwindet durch Konsumption, wenn er nicht in irgendeiner Form in die Produktion geht. Wer ein solches Vermögen hat, will und kann es nicht preisgeben. Aber die Operation selbst macht keinen Sinn, wenn es nicht das m gäbe, das sich in Zins, Renten und eigentlichen Ertrag spaltet.

    Zusätzlich machen sich die Bedürfnisse des Gesamtprozesses durch die Staatsquote bemerkbar. Kapital das sich betätigt wird auf die Schaffung von M auch noch von außen verpflichtet.

    Und letztlich steht der Kapitalist vor dem Dilemma, dass ohne Fremdkapital die Anpassung an den Standard der Produktion und damit an die Profitabilität überhaupt gar nicht möglich ist, und dieses Fremdkapital will denn auch bedient werden.

    Eine Trias, in der die verschiedenen Formen der Revenue schon für sich Zwang genug sind, beständig die Produktion auszuweiten.

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  7. Interessant an dem Text finde ich, wie man sein eigenes, schon fertiges Gedankenmodell über ein anderes stülpen kann und über den Zirkelschluss, indem man sich schon vorher befand, das so beleuchtete Modell als ein falsches hinstellt.
    Diesbezüglich eine Glanzleistung, gratuliere.
    Leider ändert Ihr Text nichts an der Tatsache, dass Ihre These der Demonetarisierung auf der – meiner Meinung nach falschen – Annahme beruht, Kapitalismus lässt sich durch die Macht über die Produktionsmittel definieren. Wer nicht in der Lage ist, die Zirkulationssphäre im Kapitalismus durch eine Ideologiefreie Brille zu betrachten, der muss zwangsläufig zu der als modern verbrämten Einführung des Kommunismus durch die Abschaffung des Geldes kommen.
    Schade, dass es an dieser Stelle in Jahrhunderten nicht zu einer Annäherung gekommen ist, denn die Zeit wäre reif dafür.

  8. Andreas Exner says:

    die demonetarisierung setzt vorerst mal an der zirkulation an. (geld ist das zirkulationsmittel.)

    da man die zirkulation von der produktion nicht trennen kann, umfasst sie letztlich aber beide sphären.

    kommunismus bestand immer schon in der abschaffung des geldes.

    was die “ideologiefreie brille” ist erschließt sich mir aus dem comment nicht.

  9. Nico says:

    „Schrumpfungsverbot. Das Geld macht auch eine sozial verträgliche Schrumpfung der Wirtschaftsleistung unmöglich. Da Geld die allgemein gültige Form von Reichtum darstellt, ist eine Schrumpfung, die keine schwere Rezession ist, undenkbar“.

    Genau deshalb spricht Latouche von einer „Entkolonialisierung der Vorstellungswert“. Es wird keine „Schrumpfungsgesellschaft“ geben ohne eine (nicht quantitative-basierte) Umwertung des Reichtums. In einer grenzenlosen und unkontrollierten kapitalistischen Gesellschaft, solange Reichtum mit Geld verbunden ist, wird das streben nach Wohlstand für alle eher eine Oligarchie einführen. Hingegen, wir brauchen eine demokratische Aufstand und revolutionäre reformen unserer Institutionen. Neue Werte (Castoriadis’ „axia“) werden benötigt, um eine gerechte Verteilung des (neuen definierten) Reichtums trotz der Schrumpfung des wirtschaftlichen Wachstums zu ermöglichen. Die Frage ist nicht ob die Schrumpfung des Wachstums kommen wird – es kommt sowieso, die Frage ist eher ob wir uns vorbereiten können (wollen) oder nicht. Décroissance oder Barbarei sagen die Wachstumsverweigerer in Frankreich. Wir streben an Freiheit, Gerechtigkeit, Konvivialität und Autonomie in einer Gesellschaft, die die Fremdversorgung reduziert (aber nicht abschafft) und wo die Leute sich wohl fühlen genau wo sie Leben und auch wo sie sich Selbstversorgen können.

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  12. Kris says:

    Lieber Andreas Exner,

    in zahlreichen Kommentaren implizierst Du, dass die Abschaffung des “Kapitalismus” (in dieser Diskussion auch des Wachstumszwangs) zugleich die Abschaffung von Kapital, Markt, Ware und Geld beinhalten müsse. Ich halte das für ein Ausschütten des Kindes mit dem Badewasser – und plädiere dafür, vielleicht erst mal nur das Badewasser auszuschütten und das Kind vorerst in der Wanne sitzen und trocknen zu lassen. Denn dieser ganz große Wurf scheint mir sehr gewagt (ich verweise auf die 1.000 Fragezeichen einer gesamtwirtschaftlichen Planung, die nicht dadurch weg sind, dass wir sie im Gegensatz zum Realsoz über demokratische Gremien laufen lassen). Und zudem in unserer Lebensspanne extrem unwahrscheinlich zu sein (ich bin 1970 geboren…).

    Es lohnt sich, über das sanfte Abtrocknen des Kindes nachzudenken: Ein Königsweg der Transformation würde m.E. an den Marktstrukturen ansetzen, die heute bestehen, und den Sektor der direkten Bedarfsproduktion sukzessive ausbauen. Motto: „So viel Markt wie nötig, so viel direkte Bedarfsproduktion wie möglich“. Immerhin haben wir es mit der nicht ganz trivialen Herausforderung zu tun, einige Milliarden von Menschen mit einer stattlichen Palette an Produkten auszustatten – und müssen hierbei eine ausreichende Produktivität gewährleisten. Und weder Du noch ich wissen, wie viel Produktivität uns bleiben würde, wenn wir anfingen, morgen die Ökonomie auf gesamtgesellschaftliche Planung umzustellen. Das müssen wir „ertasten“, historisch ausprobieren – alles andere ist verantwortungslos.

    Ich definiere “Kapitalismus” als eine Ökonomie, die (als obersten Zweck) darauf ausgerichtet ist, Kapital maximal rentabel anzulegen und dann – nach erfolgtem “Return” – den Gewinn zu akkumulieren. Das ist zweifellos heute das vorherrschende Prinzip – und auch das wachstumstreibende. Und selbstverständlich zu überwinden.

    Ich kann mir jedoch eine Ökonomie vorstellen, in der das Kapital über öffentliche Banken in den Kreislauf gebracht wird und eben nicht – da politischem Beschluss unterworfen – eine positive Rendite abwerfen muss, sondern dass es auch eine Null-Rendite abwerfen kann. Oder sogar – und jetzt halte Dich fest – eine Minus-Rendite bewusst in Kauf genommen werden kann. Wenn wir dann noch dafür sorgen, dass auch die Unternehmen nicht mehr von privaten Eigentümern beherrscht und gelenkt werden, und wenn wir drittens in das Umsatz-Wachstumsstreben von Unternehmen (auch selbstverwalteter) Schranken einbauen (z.B. indem wir maximale Marktanteile politisch festlegen oder andere Größenbegrenzungen einführen), kann ich mir eine Marktwirtschaft vorstellen, die weiterhin Kapital kennt, das aber nicht mehr zum Zweck geworden ist, sondern zum Instrument – und damit kein „Kapitalismus“ mehr. Man könnte das Kind z.B. „Marktsozialismus“ nennen.

    Wenn Du damit einverstanden bist, das Kind erst mal mit abzutrocknen, anstatt es gleich mit dem Bade auszuschütten, können wir darüber gerne mal ausführlicher (vielleicht in Deinem Blog?) diskutieren – es lohnt sich.

  13. hi kris

    danke für deinen interessanten post. vermutlich sehe ich einiges ähnlich wie du – anderes wohl nicht.

    1. ich denke, es ist ein fehler, die “planungsbrille” aufzusetzen. es liegt nicht an uns, es liegt an gar keinem einzelnen bestimmten akteur, “die produktion zu planen”. die frage der überwindung des kapitalismus von der frage her aufzuzäumen, wie man denn “die produktion planen” soll, gleicht für mich dem pferd, das man von der falschen seite her aufsattelt. da niemand die “verantwortung” für “die gesellschaft” hat, ist es auch nicht “verantwortungslos”, über eine andere form der produktion und verteilung nachzudenken oder eine solche einzufordern: von uns allen nämlich.

    2. die richtige seite für das aufsatteln – um im bild zu bleiben – sind eher die schritte, von denen du schreibst; auch wenn die m.e. in eine etwas andere richtung führen sollten: zu mehr commons.

    3. hier stellen sich allerdings gleich von vorneherein eine menge “planungsfragen” (wie ja übrigens auch im kapitalismus, jede firma, jede stadt, jeder staat und jeder haushalt planen unentwegt).

    4. ich würde dabei allerdings keine fixe “produktpalette” unterstellen. welche produkte attraktiv sind, hängt von vielen kontextfaktoren ab. einer ist die soziale statuskonkurrenz, die nachweislich einen starken einfluss auf das konsumverhalten hat. ein anderer ist die rolle, die commons für uns spielen. sie machen individuelles eigentum häufig überflüssig. oft genannt wird auch die variable “haltbarkeit” – bekanntlich ist die im kapitalismus bewusst gering. da gibt es viele faktoren. keinesfalls braucht es verschiedene marken. der seikatsu consumer club in japan kommt mit einer vergleichsweise sehr geringen produktpalette aus. qualität wird bei seikatsu von den konsumierenden selbst definiert und überwacht.

    5. ebenso wenig würde ich eine vorstellung von “mindestproduktivität” voraussetzen, wenn wir von einer anderen gesellschaft sprechen. die frage der produktivität ist denke ich einfach: wenn man eine freie gesellschaft will, wird niemand zu etwas gezwungen werden. wenn die leute nicht produktiver sein wollen, als sie freiwillig tun, dann wird es so sein. die produktivität der arbeit hängt übrigens vor allem vom maschineneinsatz ab. der menschliche beitrag ist heute ziemlich gering und man kann diesbezügliche freiräume schaffen, wenn man nicht just-in-time produziert sondern zu mehr lagerhaltung zurückkehrt, wie das ja noch in den 1970er jahren standard war.

    5. die debatte zum marktsozialismus ist interessant. aber ist es das, was du meinst? du sprichst ja weiter oben davon, marktstrukturen zugunsten bedarfsorientierter produktion zurückzudrängen. das will der marktsozialismus in den versionen, die ich kenne, eigentlich nicht.

    6. dein modell einer anderen gesellschaft ist glaube ich eben das: ein modell. ein solches habe ich gar nicht, wie mir scheint (weshalb dein kritikpunkt glaube ich nicht das trifft, wofür ich eintrete). modelle haben immer das problem, dass sie abstrakt sind und von den sozialen akteuren notgedrungen absehen. sie behandeln die gesellschaft als ein planbares aggregat und reduzieren wesentlich soziale fragen (von herrschaft etc.) auf scheinbar rein technische (wie man banken reguliert etc.).

    7. ein wichtiges argument gegen den marktsozialismus ist folgendes: wenn den kapitalismus zu überwinden sehr viel solidarität voraussetzt, wenn solidarität das gegenteil von marktverhältnissen ist, und wenn gesellschaftliche entwicklungen immer “pfadabhängig” sind, d.h. der weg bestimmt die ziele, die erreicht werden können – wie kann man sich dann vorstellen, dass eine bewegung, die gerade auf nicht-marktverhältnissen gegründet sein muss, für eine marktwirtschaft eintritt?

    ein weiteres lautet wie folgt: solange markt existiert, besteht konkurrenz. das bedeutet, dass betriebe immer wieder bankrottieren. wenn es ein sozialismus sein soll, dürfen die bankrotteure nicht schlechter gestellt sein als andere. man muss sie mittels sozialtransfers unterstützen; oder sie in andere kooperativen aufnehmen (der marktsozialismus geht ja davon aus, dass die betriebe kooperativen werden); oder ihnen eine neugründung ermöglichen. im ersten fall ist unklar, warum die leute überhaupt konkurrieren sollen – auch im zweiten und dritten fall wäre der stachel der konkurrenz sehr stumpf geworden, und man fragt sich, warum sich menschen noch das leid der konkurrenz antun sollten; im zweiten fall würden die erfolgreichsten kooperativen marktbeherrschend und wie im kapitalismus vom oligopol zum monopol tendieren. etwas überspitzt betrachtet tendierte diese gesellschaft folglich dazu, eine einzige kooperative zu werden, eine marktwirtschaft gäbe es dann nicht mehr. im dritten fall wäre unklar, warum man bankrotteure wieder mit neuem kapital ausstatten soll, während man ihre produkte ja zuvor als “ungültig” erklärt hat (z.b. nicht auf dem herrschenden produktivitätsstandard hergestellt, oder qualität zu schlecht etc.).

    — diese debatte finde ich in der tat interessant und auch wichtig. ja, lass uns weiterdenken, wenn du lust hast. gern auch mit einem post von dir, falls die beiden anderen maintainer (christian und konstantin) das auch befürworten.

    lg andreas

  14. rudek says:

    Hallo, Autoren und Kommentatoren, zufällig bin ich auf die Seite gelangt. Ich suchte Paech-Kritik, denn vor einigen Wochen hatte ich Gelegenheit, einen Vortrag zu erleben.
    Die Diskussion hier ist interessant. Hier einige Einwürfe dazu.
    Welcher ‘Kommunismus’ soll denn das Geld abgeschafft haben wollen? Gemeint wohl der Ur-Kommunismus. Im Kommunistischen Manifest ist von Abschaffung des Geldes oder des Eigentums in diesem Sinne keine Rede, oder? Helft mir weiter. Was Paech und andere zaubern, das ist ‘Bourgeois-Sozialismus’, d.h. Anerkennung der Missstände und ihre Behebung durch Administration. Nachzulesen im KM. Oder auch utopischer Kommunismus.
    AE zitiert KM. KM hat in 23/4/1 herausgestellt, dass Geld als Kapital sich von Geld als Zirkulationsmittel grundlegend unterscheidet. Geld als Kapital steht am Anfang und am Ende (G-…-G) einer Zirkulation, nicht in der Mitte als Mittler. Das ist die allgemeine Form. In üblicher Weise hat das KM hier sehr ausführlich dargelegt. Sehr viel weiter hinten wird die allgemeine Form weiter entwickelt zu G – G’. Aus Geld wird mehr Geld, aber nicht unbedingt ‘mehr’ Ware. Die Wirtschaft wächst, weil aus Geld mehr Geld wird. Auch in einer Wirtschaft, in der die Menge und die Art der Güter und Leistungen gleich bliebe und damit auch die Belastung der Umwelt, wäre Wachstum und Kapitalismus möglich. Eine nachhaltige und solidarökonomische Wirtschaft ist damit nicht unbedingt keine kapitalistische Wirtschaftsweise! Eine kapitalistische Wirtschaft zeichnet sich dadurch aus, dass mittels des G-G’-Mechanismus ein Teil der Gesellschaft sich ohne Zustimmung der anderen einen Anteil am BIP aneignet und möglichst immer mehr.
    Einen ‘Markt’ im Sozialismus kann es nicht geben. Sozialismus hat auch wenig mit ‘Solidarität’ zu tun. Im Sozialismus gilt, dass durch Arbeit Güter und Leistungen erbracht werden. Diese Güter und Leistungen gilt es aufzuteilen auf alle, auch auf die nicht Arbeitenden. Ein wichtiger Verteilerschlüssel ist das Einkommen (nicht gleich Lohn!), also Geld. Entscheidend ist die Art und Weise der Verteilung, also demokratisch. Oder?
    MfG

  15. Hi Rudek

    Ich hab glaub ich nicht geschrieben, dass “der Kommunismus das Geld abgeschafft hat”. Erstens kann man Geld nicht einfach abschaffen, sondern man muss die sozialen Verhältnisse überwinden, die Geld nötig machen. Zweitens gibt es “den Kommunismus” nicht, wenn man darunter (wie Marx) eine Bewegung sieht, die die herrschenden Verhältnisse überwindet. Drittens hat “der Kommunismus” im Sinn der marxistisch-leninistischen Parteien weder mit der Überwindung von Geld noch mit einer Bewegung gegen die herrschenden Verhältnisse viel zu tun gehabt.

    Das “Kommunistische Manifest” von Marx und Engels würde ich nicht als heute noch relevante Programmatik einer kommunistischen Bewegung ansehen. Marx selbst hat in seinem Hauptwerk “Das Kapital” ja viele Positionen des “Manifests” schon kritisiert.

    Die Kapital-Analyse von Marx umfasst bekanntlich drei Bände, die Argumentation baut sich also über eine lange Strecke auf. Abkürzend spricht Marx im ersten Band von einer “einfachen Formel des Kapitals”, die er mit G – W – G’ anschreibt. Die Bewegung G – G’ ist lediglich ein Teilkreislauf der allgemeinen Kapitalbewegung, sie gibt formalhaft wieder, was auf den Finanzmärkten passiert. Der Begriff “Wirtschaftswachstum” kommt bei Marx nicht vor, ein solches zu definieren und zu messen ist ja erst eine Erfindung der Kriegsökonomie des 20. Jahrhunderts, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu einer international verwendeten statistischen Größe wurde.

    Grundsätzlich kann bei konstantem physischen Output eine steigende Geldmenge nur zu Inflation führen. Die “asset inflation” (Ansteigen von Vermögenswerten) bleibt nur solange unsichtbar, als die Vermögenden ihre Vermögenswerte nicht netto in Geld einlösen wollen. Die “asset inflation” wird nicht als “Wirtschaftswachstum” gemessen.

    Die ökologische Herausforderung ist zweifach:

    1. Eine starke Schrumpfung des Produktionsoutput im Norden
    2. Danach ein Gleichbleiben des Output auf niedrigem Niveau weltweit

    Unter kapitalistischen Bedingungen ist Punkt 1 nur als schwere und langdauernde Rezession denkbar, nicht als solidarisches Postwachstum mit für alle steigender Lebensqualität. Punkt 2 kann nur in einer vertieften Spaltung der Gesellschaft in Reiche und Arme, in Lohnarbeit und Arbeitslosigkeit münden. Eine solche Gesellschaft wäre vermutlich sehr instabil, das Wachstum einzelner Kapitalien aber nicht ausgeschlossen. Sie würde vermutlich auch keine dem Menschen zuträgliche Umwelt herstellen, denn dafür ist Kooperation und soziale Gleichheit erfordert, die dem Kapitalismus entgegen stehen.

  16. rudek says:

    Hallo Andreas Exner,
    ich fragte, welcher ‘Kommunismus’ das Geld habe abschaffen wollen, nicht welcher Kommunismus es abgeschafft hat. Tatsächlich wurde sowohl in der RFSR die Abschaffung des Geldes praktiziert ( nicht bekannt? Geschichte der KPdSU) und nach dem 2. Weltkrieg wurde ernsthaft in den Schulungen und Versammlungen der KPD und der SED und der FDJ über eine kommunistische Gesellschaft ohne Geld debattiert (Schulungshefte ).
    Darf ich trotzdem an der Debatte teilnehmen?
    Wenn man ‘die sozialen Verhältnisse überwinden, die Geld nötig machen’, will man dann nicht das Geld überflüssig werden lassen oder abschaffen? Das mit den sozialen Verhältnissen, die Geld nötig machen, ist ein interessanter Gedanke. Was sollen das für welche sein?
    Warum die Schelte, ich hatte doch zu 1. bis 3. nichts geschrieben oder geäußert und ich kann auch nichts dafür, dass unter dem Begriff ‘Kommunismus’ eine Bewegung, eine Weltanschauung, eine terroristische Diktatur usw. verstanden wird. Wenn sich die Gruppe social-innovation findet und eigene soziale Verhältnisse praktiziert, so findet das meine Hochachtung.
    Wir könnten uns über eine Plattform der Debatte verständigen. Und die Bemerkung mit den drei Bänden ist mir unverständlich, denn was soll das? Mir sagen, es gäbe drei Bände? Oder? ‘Bekanntlich’ gibt es vier Bände, sie stehen bei mir friedlich vereint.
    Die Grundaussage von KM bleibt über alle Bände gleich, Geld wird Kapital, wenn gilt G- G’. Diese Formel widerspiegelt sowohl das Grundgesetz des Kapitalismus aber auch die Erkenntnis der Natur des Mehrproduktes und Mehrwertes. Ohne Zweifel untersucht er im weiteren und detailliert die einzelnen Phasen. beispielsweise G – W oder W’ – G’, die Grundaussage bleibt. Wie ich ja schrieb.
    Sicher, das Manifest kann heute nicht mehr als Programm dienen, es ist ein Zeitdokument, aber es fasst in eigener Weise die Auffassungen der Sozialisten/Kommunisten zusammen. Und doch zu oft dient das Man, um den Kommunisten oder auch Marx etwas zu unterstellen.
    Nach wie vor gilt, Ziel der Kapitaleigner ist es aus Geld mehr Geld zu machen. Ob der ‘physische Output’ dabei konstant bleibt oder wächst oder sinkt, ist dabei völlig gleichgültig. Wirtschaft. Die Wirtschaft und auch deren Größen orientieren sich keinesfallls an der Menge der produzierten Güter oder Leistungen. Denn wie soll die Wirtschaft des 18. Jhdts mit der des 21.Jhdts verglichen werden, an der Menge der verkauften Smartphones oder der Menge der verkauften Baumwolle? Oder dient der Ausstoß an schwarzen Wolken als Maßstab des output? Wachstum wird volkswirtschaftlich und betriebswirtschaftlich in Geldeinheiten ausgedrückt.
    Im übrigen ist Inflation ein Phantom.
    Die ökologische Herausforderung besteht zweifach, so deine oder ihre Antwort. Kann man den Menschen des Nordens ernsthaft eine ‘Schrumpfung des Produktionsoutputs’ zumuten? Das kann sicher nicht ernst gemeint sein. Und was heißt gleiches output weltweit?
    Die Menschen (wer sind ‘die Menschen’ ?) wünschen sich ein Leben in Würde, in der jeder sich selbst ohne Schaden für die anderen verwirklichen kann. Das oder so ähnlich ist auch das Ziel der kommunistischen Bewegung 184x gewesen.
    Das Ende der Entgegnung lasse ich so stehen, ohne Kommentar, das würde zu weit führen.
    War mir ein Vergnügen und mfG
    rudek.
    Vielleicht wird es doch noch ein konstruktiver Disput. Ich schaue wider einmal in die Seite. Leider war ich die letzten Wochen mit anderen Aufgaben zu sehr belastet.

  17. Hallo Rudek

    Ich freue mich über jede interessante Debatte. Vielen Dank daher für die Nachricht!

    Dass es Versuche gab, “das Geld abzuschaffen”, ist mir bekannt. Hier liegt aber auch schon das Problem: ich verstehe nicht, wie man eine Abschaffung des Geldes vornehmen könnte. Das Geld ist Ausdruck von bestimmten sozialen Verhältnissen. Wenn Menschen nicht direkt überein kommen, was sie auf welche Weise produzieren und verteilen wollen, bewirkt eine “Abschaffung des Geldes” nichts Emanzipatorisches. Erstens ist das gar nicht möglich, denn wer abschafft hat ja offenbar eine Kommandogewalt und eine solche geht wohl schwer mit einer freien Gesellschaft zusammen. Zweitens würde der geldvermittelte Kauf und Verkauf schlicht durch Barter ersetzt.

    Der Fall der “Abschaffung des Geldes” in der Russischen Sozialistischen Föderalistischen Sowjetrepublik 1920-1921 zeigt recht deutlich, wo das Problem liegt. Erstens war der Auslöser nicht eine bewusste Bewegung hin zum Kommunismus, sondern der Zusammenbruch des Geldverkehrs. Zweitens änderte man nichts an den Produktionsverhältnissen. Es war daher nur folgerichtig, dass die Betriebe und auch der Staat weiterhin in Geldpreisen kalkulierten. Der Staat versuchte lediglich die Rolle des Geldes mittels Zwangsallokation wahrzunehmen suchte. Das ging schief, was auch kein Wunder war.

    Die Ideologie der kommunistischen Parteien hat durchaus am Ziel einer geldlosen Gesellschaft festgehalten. Was sonst sollte denn der Kommunismus sein? Das heißt aber nicht, dass die das ernster genommen hätten als Ronald Reagan die Lehren des Monetarismus. Die “eigentlichen Ziele” wurden – wie das bei Ideologien oft so ist – in eine unbestimmte, sehr ferne Zukunft verschoben ohne Bedeutung für die Gegenwart.

    Um es nochmal auf den Punkt zu bringen: die sozialen Verhältnisse, die Geld nötig machen, sind die Trennung zwischen Kapital und Arbeit und die damit einhergehende Durchsetzung eines Marktes, der den Stoffwechsel der Gesellschaft vermittelt.

    Ohne die Überwindung von Privateigentum ist eine Überwindung von Geld nicht möglich. Das kann freilich nicht der Staat von oben dekretieren, weil er selbst nur in einer Gesellschaft des Privateigentums überhaupt besteht – was übrigens schon Marx in einer Passage in “Zur Judenfrage” festgehalten hat.

    Dies ist der Grund, weshalb die Commons und Solidarische Ökonomien so wichtig sind. Hier wird das Privateigentum zumindest teilweise außer Kraft gesetzt. Besitz tritt an die Stelle von Eigentum. Nachdem diese Ansätze jedoch Teil einer Marktwirtschaft sind, wird das Privateigentum nicht vollständig überwunden. Das macht das Dilemma solcher Ansätze aus: eine Kooperative muss Produktionsmittel kaufen und ergo Produkte verkaufen; eine Almweide als Commons benötigt Investitionen, um ihre Produktivität zu erhalten; ein Umsonstladen kann nur Güter anbieten, die in überwiegend kapitalistischen Betrieben hergestellt werden etc.

    Aber nun zu unserer Hauptfrage: gibt es Geld ohne Kapitalismus?

    Meiner Meinung nach nicht in der heute bekannten Form eines allgemeinen Mittlers des gesellschaftlichen Stoffwechsels. Was uns Heutigen als Vorformen des Geldes erscheint hat wohl wenig mit Geld im heutigen Sinn zu tun. Wir projizieren häufig etwas in die Vergangenheit, weil wir sie ja nur mit den uns heute gegebenen Begriffen und Verhältnissen verstehen können. Klar ist, dass Geld vor dem Kapitalismus, also dem System der Lohnarbeit, niemals eine entscheidende Rolle gespielt hat. Das sollte glaube ich schon mal ein Hinweis darauf sein, dass eine nicht-kapitalistische Marktwirtschaft – wie sich das manche vorstellen – zumindest etwas historisch noch nie da gewesenes wäre.

    Was Marxens Sicht anlangt, so wähne ich ihn auf der Seite dieser Argumentation. Für diese selbst ist das aber zweitrangig.

    Richtig ist, dass der physische Output den Kapitalisten nicht interessiert. Ich habe allerdings auch nichts anderes geschrieben. Denn leider ist auch richtig, dass der physische Output wächst und aufgrund des Profitinteresses wachsen muss. Das ist ökologisch ein Problem. Output ist hier ganz einfach die physische Menge, gemessen in Kilogramm Materie.

    Wenn man fragt, ob “man den Menschen im Norden eine Schrumpfung des Output zumuten kann”, unterstellt man, dass es eine Instanz gibt, die “den Menschen” etwas “zuzumuten” hat. Da ich eine solche Instanz nicht sehe – und den Staat nicht dafür halte – kann ich darauf nicht wirklich antworten. Ich denke, dass der Output schrumpfen muss, wenn man ein gutes Leben für alle will. Und er kann auch schrumpfen, weil dieses Leben ab einem gewissen Produktionsniveau keineswegs vom Output abhängt. Ein “Leben in Würde”, ja, so könnte man das nennen. Da geht es nicht um Ressourcenverbrauch.

    LG Andreas

  18. rudek says:

    Hallo Andreas,
    nach Wochen habe ich wieder einmal hinein geschaut. Der Disput ist interessant.
    Zitat : Die Ideologie der kommunistischen Parteien hat durchaus am Ziel einer geldlosen Gesellschaft festgehalten. Was sonst sollte denn der Kommunismus sein?
    Antithese: Es gibt und gab sehr viele kommunistischen Parteien und bei der SED gab es sehr wohl eine Tabelle, welche kommunistischen Parteien im Klub der Wahren zu suchen sei. Ein höherer Genosse formulierte das so : Wir sind alles Kommunisten, der eine mehr, der andere weniger.
    Mich würde tatsächlich interessieren, wo denn beispielsweise Marx eine geldlose Gesellschaft als definiert haben soll. Im Manifest kann ich blättern hin und her, von einer geldlosen Gesellschaft findet sich nichts. Der bedeutendste Satz steht am Ende von II.

    Zitat : Um es nochmal auf den Punkt zu bringen: die sozialen Verhältnisse, die Geld nötig machen, sind die Trennung zwischen Kapital und Arbeit und die damit einhergehende Durchsetzung eines Marktes, der den Stoffwechsel der Gesellschaft vermittelt.
    Mein : Hier gehen unsere Auffassungen zu weit auseinander, sicherlich kann es interessant sein, mit Begriffen zu hantieren, nur, es bringt nichts. Trennung zwischen Kapital und Arbeit, was ist das? Ist damit der Widerspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital gemeint oder der zwischen Lohn und Profit?
    Vielleicht sollten wir uns besser unterhalten.
    MfG
    rudek.

  19. Andreas Exner says:

    Danke für Ihre / Deine Rückmeldung.

    Marx hat sich bekanntlich nur selten zur Frage geäußert, wie eine nicht-kapitalistische Gesellschaft aussehen würde. Das ergibt sich eher negativ aus seiner Kritik der Politischen Ökonomie bzw. der kapitalistischen Produktionsweise. Im “Kapital” werden der Wert und seine Formen: Geld, Lohn, Profit, Kapital etc., als der kapitalistischen Produktionsweise inhärent analysiert. Wenn letztere fällt, verschwinden auch diese Kategorien und die sozialen Praxen, die ihnen entsprechen.

    Einer der wenigen Texte, der positive Aussagen zu einer nicht-kapitalistischen Gesellschaft enthält, sind die Randglossen zum Programm der SPD. Dort heißt es zum Beispiel:

    “Innerhalb der genossenschaftlichen, auf Gemeingut an den Produktionsmitteln gegründeten Gesellschaft tauschen die Produzenten ihre Produkte nicht aus; ebensowenig erscheint hier die auf Produkte verwandte Arbeit als Wert dieser Produkte, als eine von ihnen besessene sachliche Eigenschaft, da jetzt, im Gegensatz zur kapitalistischen Gesellschaft, die individuellen Arbeiten nicht mehr auf einem Umweg, sondern unmittelbar als Bestandteile der Gesamtarbeit existieren. Das Wort ‘Arbeitsertrag’, auch heutzutage wegen seiner Zweideutigkeit verwerflich, verliert so allen Sinn.”

    Marx unterscheidet dort im Anschluss zwischen einer Übergangsgesellschaft, die noch Merkmale der bürgerlichen Gesellschaft trage, und einer vollgültig entwickelten kommunistischen Gesellschaft.

    Sehr deutlich ist die Kritik am Geld in den “Ökonomischen Manuskripten”, Teil der Frühschriften von Marx.

    Hier heißt es zum Beispiel in Hinblick auf das Geld:

    “Als diese verkehrende Macht erscheint es dann auch gegen das Individuum und gegen die gesellschaftlichen etc. Bande, die für sich Wesen zu sein behaupten. Es verwandelt die Treue in Untreue, die Liebe in Haß, den Haß in Liebe, die Tugend in Laster, das Laster in Tugend, den Knecht in den Herrn, den Herrn in den Knecht, den Blödsinn in Verstand, den Verstand in Blödsinn.

    Da das Geld als der existierende und sich betätigende Begriff des Wertes alle Dinge verwechselt, vertauscht, so ist es die allgemeine Verwechslung und Vertauschung aller Dinge, also die verkehrte Welt, die Verwechslung und Vertauschung aller natürlichen und menschlichen Qualitäten.

    Wer die Tapferkeit kaufen kann, der ist tapfer, wenn er auch feig ist. Da das Geld nicht gegen eine bestimmte Qualität, gegen ein bestimmtes Ding, menschliche Wesenskräfte, sondern gegen die ganze menschliche und <567>natürliche gegenständliche Welt sich austauscht, so tauscht es also – vom Standpunkt seines Besitzers angesehn – jede Eigenschaft gegen jede – auch ihr widersprechende Eigenschaft und Gegenstand – aus; es ist die Verbrüderung der Unmöglichkeiten, es zwingt das sich Widersprechende zum Kuß.

    Setze den Menschen als Menschen und sein Verhältnis zur Welt als ein menschliches voraus, so kannst du Liebe nur gegen Liebe austauschen, Vertrauen nur gegen Vertrauen etc. Wenn du die Kunst genießen willst, mußt du ein künstlerisch gebildeter Mensch sein; wenn du Einfluß auf andre Menschen ausüben willst, mußt du ein wirklich anregend und fördernd auf andere Menschen wirkender Mensch sein. Jedes deiner Verhältnisse zum Menschen – und zu der Natur – muß eine bestimmte, dem Gegenstand deines Willens entsprechende Äußrung deines wirklichen individuellen Lebens sein. Wenn du liebst, ohne Gegenliebe hervorzurufen, d. h., wenn dein Lieben als Lieben nicht die Gegenliebe produziert, wenn du durch deine Lebensäußrung als liebender Mensch dich nicht zum geliebten Menschen machst, so ist deine Liebe ohnmächtig, ein Unglück.”

    Das Kommunistische Manifest sollte man glaube ich als eine agitatorische und stark gegenwartsbezogene Schrift lesen. Wenn das, was dort als “10-Punkte-Programm” formuliert wird, “Kommunismus” sein soll, dann wurde der am Höhepunkt des Fordismus bereits erreicht, bis auf Punkt 1. Selbst im “Manifest” klingt aber die Kritik am Geld und daher am Tausch an, etwa in der eindeutigen Kritik an der Lohnarbeit. Marx war zumindest in seinen späteren Jahren wohl bewusst, dass Genossenschaften in einer Marktwirtschaft den Gegensatz zwischen Kapital und Lohnarbeit nur unvollkommen und widersprüchlich aufheben. Die Arbeiter würden ihr eigener Kapitalist, schreibt er in “Kapital”, Band 3.

    Wenn der “bedeutenste Satz” des “Manifests” am Ende des II. Abschnitts zu finden ist, dann handelt es sich also um:

    “An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die freie Entwicklung aller ist.”

    Die freie Entwicklung eines jeden kann nur die freie Entwicklung aller sein, wenn es keinen Tausch und kein Geld, keinen Markt und keinen ihn garantierenden und regelnden Staat gibt. Denn der geldvermittelte Warentausch, der Verkehr der Privateigentümer, setzt ja gerade die individuellen Interessen systematisch gegeneinander.

    PS: Mit “Trennung zwischen Kapital und Arbeit” meine ich die Trennung zwischen den Produktionsmitteln und den Arbeitenden.

  20. Wolfgang Konrad says:

    Hallo Zusammen!

    Ich bin über eine Web-Suche nach Niko Paech auf eure anspruchsvolle Seite gestoßen und möchte ein paar Gedanken dazu legen.
    Wenn wir es als Fakt anerkennen möchten, dass unser auf Wachstum ausgelegter Lebensstil in einer nicht allzu fernen Zeit jenes uns umgebende System (Lebensraum Erde), auf das wir als primär biologische Wesen angewiesen sind, irreversibel zum Kippen bringen wird – stehen wir dann als voraussehende Spezies nicht eigentlich vor der Aufgabe uns selbst die entscheidende Frage nach dem „Sein oder Nichtsein“ zu stellen?
    Ich schätze, wir befinden uns nicht mehr in einer Krise, sondern in einer Sackgasse, weil wir die Probleme nicht wirklich kausal betrachten. Die wesentlichen Faktoren z.B. des Klimawandels sind längst bekannt – und doch lassen wir im wesentlichen ein „business as usual“ zu, obwohl viele der Lösungen in den Schubläden liegen. Zu tun hat dies alles auch mit dem wie wir über Geld – also in unseren kapitalistisch geprägten Köpfen – zu denken pflegen.
    Ich finde: Geld ist an sich eine sinnvolle Sache in unserer weit vernetzten, globalisierten Gesellschaft. Aber wir hätten dem Kapital, bzw. dessen Entfaltung, Schranken setzen müssen. Ich vermute, dass es ohne den „entfesselten Kapitalismus“ weit mehr Krisen nicht geben würde, als wir uns vorstellen. Will sagen: Unsere Systemkrisen haben viel mehr mit Geld zu tun, als man vermuten möchte – oder genauer, mit dem hinter der Geldkonzentration stehendem Machtpotenzial.
    Letztendlich dürften die „eigentlichen Entscheidungsträger“ auf dieser Welt erkennen, dass sie sich nicht von dieser Welt abkoppeln können, da sie selbst Bestandteil derer sind. Sie werden aber dann auch feststellen, dass es für eine lebensbejahende – im Sinne von zukunftsfähiger Gesellschaft, in der alle ein gutes Leben in ökologischer Balance führen können – Richtungsänderung zu spät ist.

    “An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen könnte in der Tat eine Assoziation treten, in der die freie Entwicklung eines jeden die gesunde Entwicklung aller ist – sofern alle verinnerlicht haben, dass es in Zukunft um etwas viel Größeres gehen wird, als um Geld.”

    Ich glaube: Wenn wir die Weichen für diese Zukunft nicht jetzt zu stellen vermögen, dann dürften uns in absehbarer Ferne die meisten der aktuell für wichtig erachteten Fragen als größte Insania dieses Jahrhunderts erscheinen.

  21. Andreas Exner says:

    Hallo Wolfgang und allfällig Mitlesende!

    Ich bin nicht überzeugt, dass die ökologische Krise, so katastrophal sie ist, menschliches oder auch nur gutes Leben unmöglich machen wird. Grundsätzlich wäre mit Solidarität und sozialer Gleichheit kaum etwas in der Lage, ein gutes Leben für alle maßgeblich zu beeinträchtigen. Nur wir als Menschen sind füreinander. Und füreinander sind wir alles. Der Mensch ist für sich der Ausgangs- und der Endpunkt. Jenseits davon ist das Unsagbare.

    Menschliches Denken ist metaphorisch angelegt. Wir denken zumeist in Bildern, auch wenn es sich um abstrakte Gedankengänge handelt. Die Metapher hat aber ihre Tücken. Sie ist eine bestimmte Sicht, eine Konstruktion, und die hat ihre Meriten, aber auch ihre Grenzen.

    Was zum Beispiel meint “Kippen” genau? Die Metapher ist einem Drahtseilakt entlehnt und tauchte meines Wissens zuerst in größerem Stil in der ökologischen Beschreibung bestimmter Veränderungen von aquatischen Ökosystemen auf (wenn sich das Nährstoffniveau derart erhöht, dass sich die Artenzusammensetzung drastisch verändert und das System sich dann in einem neuen Zustand einregelt, der nur mehr schwer rückgängig gemacht werden kann).

    Die Geldthematik – und ich fasse sie als Frage nach der Marktwirtschaft, also nicht auf ein vermeintlich abgrenzbares “Medium” Geld limitiert – ist in der Tat von fundamentaler Bedeutung.

    Der Punkt ist: Geld ist als solches die Entfesselung des Reichtums aus allen konkreten Bestimmungen, es verkörpert den absoluten Reichtum. Da aller Reichtum auf Arbeit beruht (und freilich auch auf der Natur, aber eine Erdbeere macht sich nicht von selbst zur Marmelade), ist das Geld das (illusionäre) Versprechen unendlichen Zugriffs auf menschliche Arbeit, die Inkarnation der Idee absoluter Herrschaft. Schon Adam Smith begriff Geld als “commanded labour”, und da hatte er Recht.

    Wie also soll das gehen: die Entfesselung des Reichtums, verstanden als überragende Dominanz der Arbeit Anderer, in Ketten legen?

    Karl Polanyi ist glaube ich häufig nicht in seiner ganzen Tiefe ausgelotet worden. Er hat den Markt vormoderner Gesellschaften sehr deutlich vom Markt der Marktwirtschaft abgegrenzt. Bei ihm (natürlich auch bei Marx) gibt es ein klares Bewusstsein davon, dass der Markt (im modernen Sinn, nicht in dem ganz anderen der “Agora”) als einziger Typ gesellschaftlichen Stoffwechsels eine separate Institution mit einer eigenen Handlungslogik darstellt. Der Markt ist die Entbettung selbst, anders als Reziprozität, Redistribution und Subsistenz – die drei weiteren Formen gesellschaftlichen Stoffwechsels, die Polanyi unterscheidet. Kann es eine “Wiedereinbettung” des Marktes anders als seine Auflösung geben?

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