Oszillierend bergab? Peak Oil macht Alternative unausweichlich

Man muss nur 1 und 1 zusammenzählen: Profitjagd plus weniger Öl gibt Krise. Das hat auch die Internationale Energieagentur erkannt. Was sie nicht erkannt hat ist, dass der Kapitalismus einer Solidarischen Ökonomie weichen muss.

von Andreas Exner

Ich befürchte, dass die derzeitigen Preise ein bedeutendes Risiko für die Erholung der globalen Ökonomie darstellen

warnte IEA-Chefökonom Fatih Birol am Dienstag auf einer Konferenz in Singapur, wie der ORF online am 21.6. berichtete. Wenn der Ölpreis steigt, steigen auch die Energiepreise und in der Folge alle Preise. Das Erdöl stellt die wichtigste Transportenergie und sein Preis geht auch in die eigenen Produktionskosten mit ein. Weil die Wirtschaft im Kapitalismus vor allem anderen Geld produziert, in Form von Profit, ist die Profitrate, das Verhältnis des Profits zu dem in Rohstoffe, Maschinen, Gebäude und Arbeitskräfte investierten Kapital in einer gegebenen Produktionsperiode das ausschlaggebende Effizienz- und Erfolgskriterium des Kapitals.

Die Profitrate sinkt, wenn die Preise für Rohstoffe, darunter an wesentlicher Stelle des Erdöls, steigen. Sie sinkt ebenfalls, wenn Arbeitskämpfe höhere Löhne, geruhsamere Arbeit oder geringere Arbeitszeit bei gleichem Lohn erzwingen. Während Arbeitskämpfe seit den 1980er Jahren keine Erfolge mehr erzielten, sinken die Profitraten seit 2008 im Durchschnitt dennoch. Dies, weil die Rohstoffpreise insgesamt – nicht nur der Preis von Erdöl – steigen.

Darin spiegelt sich die zunehmend Verknappung von Schlüsselressourcen wieder. Peak Oil, der Höhepunkt der Erdölförderung, ist vermutlich 2008 erreicht worden und wir befinden uns am “Peak Plateau” mit einer erhöhten Volatilität der Preise und der Wirtschaftsleistung. Das Kapital reagiert auf erhöhte Preise bei Rohstoffen, dem Transport und Maschinen mit einer Verschärfung der Ausbeutung. Nicht nur, dass die Lebenshaltungskosten steigen, wenn das Erdöl teurer wird. Auch steigt der Druck auf die Löhne, den Anstieg der Rohstoffpreise durch unbezahlte Mehrarbeit, das heißt intensivere Arbeit und Lohnkürzungen zu kompensieren.

Was für die IEA scheinbar überraschend kommt, wussten wir schon 2008. So halten “Die Grenzen des Kapitalismus. Wie wir am Wachstum scheitern” (Exner/Lauk/Kulterer, Ueberreuter, S. 209) fest:

Wird die Ressourcenkrise wirksam, so entwertet sich das fossilistische Kapital, ohne dass die Krise die Möglichkeit, Gewinn zu machen, auf selbem Level wiederherstellt. Die Folgen solcher Prozesse sind noch kaum absehbar. Vorstellbar ist, ganz abstrakt, dass sich für eine gewisse Zeit eine zyklische Krisenbewegung auf immer niedrigere Niveaus der Produktion vollzieht: Immer höhere Ressourcenpreise verkürzen das Wachstum jedes Mal aufs Neue. Die Produktion lässt nach, die Ressourcen werden wieder billiger oder die Teuerung wird langsamer. Dann zieht die Produktion wieder an, bricht anschließend ein u.s.f.

David Korowicz von der NGO FEASTA hat 2010 eine ausführliche Studie mit dem Titel “Tipping Point” zu den denkbaren Varianten dieser Abwärtsbewegung erstellt. Er hält in mittlerer Frist nach Peak Oil eine oszillierende Bewegung für unwahrscheinlich. Korowicz geht eher von einem Kollaps aus. Denn alle Institutionen, Erwartungen und Normen sind auf das Wachstum des Kapitals, das die billigen fossilen Energien ermöglicht haben, ausgerichtet. Die spezifische Komplexität der Marktwirtschaft (die mit einer sinnvollen Arbeitsteilung nur begrenzt zu tun hat), ist zudem mit einer Reihe positiver Rückkoppelungsmechanismen versehen. So wird eine Beeinträchtigung der Energieversorgung zum Auslöser von weitreichenden Produktions- und Versorgungsrückgängen. Dass diese Gefahr real ist, zeigen die historischen Beispiele eines “künstlichen Peak Oil” in Kuba und Nordkorea nach 1989.

Auch in “Die Grenzen des Kapitalismus” schließen wir einen Kollaps nicht aus. Das würde ich auch heute nicht tun. Die Schuldenkrise hat die Probleme des Kapitals und der Staaten, die es unterstützen, sogar noch verschärft. Die Instabilität nimmt zu. Die eigentliche Problemstellung des Übergangs in eine erneuerbare und sozial ausgeglichene Gesellschaft des guten Lebens für alle ist jedoch nicht die Frage, ob es eine oszillierende Abwärtsbewegung der Produktion oder einen Einbruch ohne Erholung gibt. Die Frage ist nicht, ob man die Planspiele der staatsfixierten Peaknics unterstützen soll oder nicht doch eher die apokalyptischen Visionen der Katastrophenfraktion teilt.

Die Frage ist vielmehr, wie wir ein gutes Leben für alle, das möglich und notwendig ist, auf den Weg bringen. Dazu meinten wir 2008 (S. 186):

Es gilt, solche Bereiche des täglichen Lebens selbst und in Gemeinschaft mit anderen zu organisieren, die sich vom System des Wachstums fortschreitend entkoppeln können. Folgende Beispiele sind denkbar: Genossenschaftsbetriebe, die sich ohne Warentausch und Geld vernetzen; Gratisräume für soziale Aktivitäten; Medien, die weder Wirtschaftsunternehmen noch Parteiprojekte sind; kollektive Wohnformen; Gemeinschaftsgärten

Freilich, das stellt nur eine kleine Auflistung dar. Allein die partizipative Online-Plattform Vivir Bien enthält noch sehr viel mehr Beispiele. Sie machen das unglaubliche Vernetzungspotenzial der gemeingüterbasierten, auf den Commons beruhenden solidarischen Ökonomien deutlich, das wir endlich erschließen müssen, um die “andere Welt”, die weder von fossilen Ressourcen noch von Profit und Kapitalwachstum abhängt, auch zu schaffen.

Demonetize.it, Die Grenzen des Kapitalismus, La Décroissance, Peak Oil, Solidarische Ökonomie, Wachstumskritik, , , , , , , , , , , , Permalink

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