Ökosozialismus = Verzicht + Freiwirtschaft? Niko Paech, Bruno Kern und die Fallen autoritärer Lösungen der Ökokrise

von Andreas Exner

Der Berliner Kongress “Jenseits des Wachstums?!” von Attac zeigt: Gesellschaftliche Verhältnisse sind in Bewegung geraten. Auch in Deutschland beginnen soziale Bewegungen damit, grundlegende Kritik zu üben. Das ist gerade für Attac bemerkenswert, hat sich das globalisierungskritische Netzwerk seit seiner Gründung nach der Asienkrise 1997 bis vor Kurzem doch wachstumsaffirmativ verhalten. Die theoretische Grundlegung leistete im deutschsprachigen Raum der inzwischen verstorbene Jörg Huffschmid. Der Zugang entsprach einem Marxo-Keynesianismus traditioneller Bauart. Von den bewegten 1970er Jahren her hatte diese Position noch eine Reminiszenz sozialer Kämpfe und Klassen im Bewusstsein behalten. Doch etwas anderes als eine grundsätzliche Bejahung des kapitalistischen Wachstumsimperativs und einer halb aufbegehrenden, halb belehrenden Position gegenüber der als ungerecht kritisierten Verteilungssituation unter neoliberaler Ägide kam dabei nicht heraus.

Das scheint sich nun zu ändern. So verbinden sich etwa Debatten um solidarische Ökonomie und Commons als eine Alternative zur kapitalistischen Wirtschaftsweise mit einer radikalen Kritik des „Green New Deal“ und verwandter Ansätze, die meinen, das Wachstum des Kapitals von wachsendem Stoff- und Energieverbrauch entkoppeln zu können. Der AttacBasisText „Postwachstum“ von Matthias Schmelzer und Alexis Passadakis, eine hervorragende Einführung in die Wachstumskritik, die zusätzlich das Kunststück leistet, plausible Strategien zu einer Überwindung der Wachstumsökonomie zu skizzieren, bringt diese Radikalisierung auf den Punkt. Die darin angezogene inhaltliche Ausrichtung: ein starker Schwerpunkt auf Demonetarisierung, eine Betonung solidarischer Ökonomien und gemeingüterbasierter Produktionsweisen im Allgemeinen, verbunden mit einer Annäherung an linksgewerkschaftliche Vorschläge zur Einrichtung regionaler Investitionsräte und einer Vergesellschaftung von Investitionen erweist sich im Nachhinein als tonangebend für die Ausgestaltung des Berliner Kongresses. Diese integrative Herangehensweise bringt freilich Widersprüche und eine Reihe offener Fragen mit sich.

Und sie erzeugt neue Kontroversen. Diese deuteten sich schon am Kongress am Auftaktpodium mit Niko Paech an und setzten sich auf einem Panel zur Frage der Wachstumsursachen fort. Paech wird seit Neuestem nicht nur in bürgerlichen Medien Aufmerksamkeit zuteil. Auch Le Monde diplomatique bot dem ehemaligen TV-Moderator jüngst die Möglichkeit, seine Version der Wachstumskritik darzulegen. In den konservativen und linksliberalen Milieus gilt er offenbar als anschlussfähig. Oder als hinreichend originell und zugleich konform, um im ewigen Debatteneinerlei um Wachstum und Krise etwas Pepp in den Essayteil zu bringen. In der linken wachstumskritischen Szene halten manche seinen Ansatz für einen Verbündeten. Soweit es um eine Kritik des Mythos der Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch geht, die Paech forciert, stimmt das auch. Allerdings spricht Paech da nur aus, was ohnehin alle wissen, die, anders als Paech, auch dazu forschen. Die Entkoppelungsthese ist in der Fachwissenschaft gegessen.

Wenn es mit dieser Einsicht schon getan wäre, sähe die Welt in der Tat anders aus. Selbstverständlich bestimmen nicht rationale Argumente die Debatte um Wachstum und Auswege aus der ökologischen Krise, sondern soziale Kämpfe. Auf der Oberfläche des Diskurses werden nur die mit diesen Kämpfen organisch verbundenen Intellektuellen sichtbar, auf der Seite von Kapital und Staat ebenso wie auf Seiten der widersetzlichen und aufständischen Kräfte. Und ebenso selbstverständlich ist die Lösung der ökologischen Krise kein technisches Problem, das mit einer Reduktion des Ressourcenverbrauchs bearbeitet werden kann. Weit davon entfernt, geht es vielmehr um die sozial hochgradig konflikthafte Frage, wie das gesellschaftliche Naturverhältnis, das wesentlich in den Formen der gesellschaftlichen Arbeit besteht, zu gestalten ist. Der Konflikt verläuft hier nicht, wie Paech suggeriert, zwischen jenen, die selber in der Erde wühlen und Karotten anbauen und jenen, die Lehrstühle für Philosophie innehaben und gern lange Strecken fliegen. Der Konflikt verläuft zwischen jenen, die das Tun in Form der Arbeit kommandieren und jenen, die ihr autonomes Tun in der und gegen die Arbeit verwirklichen – um eine Begrifflichkeit John Holloways aufzunehmen. Kurz gesagt: Problematisch wird Paech dort, wo es aus linker Sicht eigentlich spannend wird.

Wo es um die Frage geht, wie das gesellschaftliche Naturverhältnis anders zu ordnen ist als in der kapitalistischen Produktionsweise, entpuppt sich Paech als Vorreiter in der ökologischen Falllinie des Kapitals. Dabei passen falsche Analyse und schlechte Alternative wie Schuh und Fuß zusammen.

Paech, der immerhin den Vorsitz der Vereinigung für Ökologische Ökonomie in Deutschland führt, propagiert eine geradezu haarsträubende Erklärung für den Wachstumszwang, den er, bürgerlich genug, nicht mit dem Kapital in Verbindung bringt, sondern im Nebulosen belässt, so als handelte es sich um eine naturwüchsige Tendenz der Geschichte. Die sieht er nämlich in der Arbeitsteilung. „Strukturelle Wachstumsabhängigkeit resultiert aus einer perfekten Verzahnung von industrieller Arbeitsteilung auf der Angebotsseite und vollständiger Fremdversorgung auf Seiten der Haushalte“, stellt Paech in seinem Beitrag zum Attac-Sammelband „Ausgewachsen!“ fest.

Ein ganzes „Fremdversorgungssyndrom” sei es, das die Menschen „schicksalshaft” einer „geldspeienden Wachstumsmaschine” ausliefere. Warum aber sind „Fremdversorgungssysteme”, wie Paech meint, die Ursache des strukturellen Wachstumszwangs? „Weil sie darauf beruhen, die Distanz zwischen Verbrauch und Produktion zu vergrößern. Dies ist nötig, um die quantitativen sowie qualitativen Steigerungspotenziale einer arbeitsteiligen Wertschöpfung zu entfesseln und in Zuwächse der Güterversorgung zu transformieren“, wird erklärt. Es ist die Arbeitsteilung, die Paech als den Schuldigen ausmacht und worauf er das Wachstum zurückführt. Der gesellschaftliche Charakter der Produktion im Kapitalismus firmiert bei ihm als Fremdversorgung, womit er das rechte Kernmodell der Identitätsgewinnung aus der Abgrenzung vom scheinbar Fremden bedient.

Sobald eine Produktion, die vormals an einen Standort gebunden war, in einzelne Fertigungsschritte zerlegt und internationalisiert wird, komme es, meint Paech zu Spezialisierungsgewinnen. Diese führen zu sinkenden Stückkosten. Weil aber jede Fertigungsstufe Fremdkapital investieren muss, fallen auch auf jeder Stufe Zinsen an. „Das dazu benötigte Fremdkapital kostet Zinsen; Eigenkapital verlangt nach einer hinreichenden Rendite. Folglich muss in jeder Periode ein entsprechender Überschuss erwirtschaftet werden“, heißt es bei Paech, und weiter: „Das zur Stabilisierung des Gesamtprozesses erforderliche Wachstum steigt also mit zunehmender Spezialisierung, das heißt mit der Anzahl eigenständiger Betriebe und dem notwendigen Überschuss, um das Risiko des Investors mindestens zu kompensieren. Dieses Risiko steigt obendrein mit zunehmender Komplexität, also Anzahl, Distanz und Anonymität der Produktionsstätten. Daraus lassen sich Ansatzpunkte für eine Milderung von Wachstumszwängen ableiten.“

An dieser Erklärung spießt sich alles. Zuerst einmal im Vergleich mit der Empirie. Der im Zuge der Globalisierung enorm gestiegene Grad der Arbeitsteilung ging – wie allseits bekannt – nicht mit einer Steigerung der Wachstumsraten einher, sondern mit deren Abnahme. Die wachstumsschwache Globalisierungsära führte auch zu einer deutlichen Zunahme des Unternehmensrisikos im Vergleich mit der auf den sicheren Binnenmarkt konzentrierten fordistischen Periode, die lange Planungshorizonte kannte. Die Zinsrate, die Paech als Vermittlungsglied zwischen Arbeitsteilung und Wachstumsrate setzt, steht mit der letzteren in einem negativen Zusammenhang. Auch das ist empirisch eindeutig.

Tatsachenfremd behauptet jedoch Paech und treibt seine These damit, wie oben schon zitiert, auf die Spitze: „Das zur Stabilisierung des Gesamtprozesses erforderliche Wachstum steigt also mit zunehmender Spezialisierung, das heißt mit der Anzahl eigenständiger Betriebe und dem notwendigen Überschuss, um das Risiko des Investors mindestens zu kompensieren“ (eigene Hervorherbung). Bekanntermaßen steigt das Wachstum nicht, sondern nimmt tendenziell ab. Der absolute Zuwachs der Wirtschaftsleistung bleibt langfristig konstant, womit die Wachstumsrate, also der relative Zuwachs sinkt. Man könnte einwenden, Paech spräche von der Destabilisierung des Wachstums seit 2008. Das tut er aber nicht. Er will mit seiner verqueren Herleitung des Wachstums schließlich eine allgemeingültige Erklärung liefern.

Nichts deutet darauf hin, dass die „Anzahl eigenständiger Betriebe“ mit dem Wachstum korreliert ist. Die größten Profite machen Konzerne, die zugleich aufgrund ihrer oligopolistischen Position unter den geringsten Risiken leiden und die Weltwirtschaft bestimmen. Das Kapital konzentriert und zentralisiert sich fortschreitend unter Ausdehnung einer riesigen Peripherie kleiner Zulieferer, anstatt einer blühenden wirtschaftlichen Kleingartenlandschaft mit einer wachsenden „Anzahl eigenständiger Betriebe“ Raum zu geben, was ja auch allseits beklagt wird. Was da wächst, ist die Zahl an Sweat Shops, Schuhputzern, Ich-AGs und Elendsunternehmerinnen.

In einer höchst unklaren Weise drückt sich bei Paech ein Moment der wirklichen Wachstumsursache aus: die kapitalistische Konkurrenz, das heißt die unausweichliche Konkurrenz um den Profit, die der Markt zwischen den Betrieben setzt. Das hat aber nicht mit der Arbeitsteilung zu tun, die Paech ganz oberflächlich analysiert, sondern mit der Geldwirtschaft, dem Markt. Die zweite Wachstumsursache ist der abstrakte Charakter des Geldes, das als allgemeine Reichtumsform das überragende Ziel aller Produktion darstellt und zugleich keine innere Grenze an sich selbst findet. Die Akkumulation von Geld ist daher, wie Marx im ersten Band des Kapital analysiert, aus sich heraus rast- und maßlos.

Die Ebene der rationalen Argumentation ist freilich auch hier zweitrangig. Die offenkundig falsche Wachstumserklärung Paechs resultiert aus seinem Bemühen, den Markt und das Kapital von dem Schatten eines Verdachts freizuhalten, die Ursachen des von ihm kritisierten Wachstumszwangs zu sein. Seine Lösung schreibt daher den Weltmarkt, wenngleich in reduziertem Ausmaß fort, ohne zu thematisieren, wie der dort fortwirkende Wachstumszwang mit einer dauerhaften Konstanz der weltmarktvermittelten Wirtschaftsleistung einhergehen soll. Zugleich propagiert er Regionalwährungen. Diese „könnten Kaufkraft an die Region binden und damit von globalen Abhängigkeiten befreien. So würden die Effizienzvorteile einer geldbasierten Arbeitsteilung weiterhin genutzt, jedoch innerhalb eines ökologieverträglicheren und krisenresistenteren Rahmens.“ Das einzige Effizienzkriterium der geldbasierten Arbeitsteilung ist jedoch bekanntermaßen die Profitrate. Die Regionalwährungsringe unterliegen also der von Paech inkriminierten Wachstumslogik.

Daneben setzt er sich für eine Halbierung der Erwerbsarbeit ein. Die Frage des Lohnausgleichs umgeht er dabei charmant. Die Arbeitszeitverkürzung soll Zeit für unbezahlte Eigenarbeit freischaufeln, die man mit Reparaturen und Gartenarbeit verbringt. Das liegt freilich wie erwähnt ohnehin in der Falllinie des Kapitals, das an natürliche und soziale Wachstumsgrenzen stößt und seine Akkumulation auf die auch unter verschärften Marktbedingungen noch konkurrenzfähigen Regionen und Betriebe einschränken wird, unter Ausstoß der redundanten „Überbevölkerung“, die nolens volens ihre Karotten wieder selber anbauen wird, bei halbem Lohn und einer verstärkten Zuweisung von Care-Tätigkeiten an die Frauen. Auch davon spricht Paech nicht.

Paech ist nun keineswegs ein unbeschriebenes Blatt. Er formuliert nicht einfach aus heiterem Himmel erstaunliche neue Ideen, die man als Linke interessant finden kann, von der autoritären Illusion getrieben, man könne aus massenmedialer Popularität politisches Kapital schlagen, wo die eigene soziale Bewegungskraft und kritische Energie nicht für eine Veränderung ausreicht. Eine solche Allianz kann nur in die Hosen gehen. Niko Paechs bevorzugte Publikationsorgane sind, wenn es um seine vermeintlichen Alternativen geht, Zeitschriften der Freiwirtschaft. Die Freiwirtschaft geht auf den Unternehmer Silvio Gesell zurück. Sie feiert nach ihrer ersten Blüte im Vorfeld des Nationalsozialismus seit den krisenhaften Restrukturierungen der neoliberalen Periode fröhliche Urständ. Die Freiwirtschaft leugnet den Klassenantagonismus zwischen Kapital und Arbeit. Stattdessen verteufelt sie das Finanzkapital und den Zins und sucht dementsprechend die Allianz mit den „kleinen Unternehmern“, die auf Basis „ehrlicher Arbeit“ und entsprechender Konkurrenzfähigkeit ihr „gerechtes Einkommen“ erwirtschaften. Der Zins wird vor allem deshalb abgelehnt, weil er scheinbar das einzige arbeitslose Einkommen ist, und, bei Gesell im Vordergrund, die Selektion der „Tüchtigsten“ durch die Konkurrenz am Markt verzerrt oder außer Kraft setzt. Seit den 1970er Jahren vermählt sich die Freiwirtschaft zusehends mit der ökologischen Wachstumskritik. Sie ist kleinbürgerliche Ideologie par excellence, mit sozialdarwinistischer Schlagseite.

Man sollte sich genau überlegen, mit wem man sich hier ins Boot setzen will. Die so genannte Zinskritik der Freiwirtschaft war bei Gesell selbst und ist in signifikanten Teilen dieser Strömung offen antisemitisch. Freilich, nicht jede zinskritische Position, die die Übel des Kapitalismus auf den Zins zurückführen will und den Markt und die Konkurrenz affirmiert, ist antisemitisch. Sie deckt sich jedoch mit der politischen Ökonomie des Antisemitismus, die Gesell, zentrale Inspiration des NS-Parteiideologen Gottfried Feder, im Anschluss an Proudhon als Erster detailliert ausformulierte.

Nun muss Paech keine Sympathien für derlei hegen. Es befremdet jedoch, abgesehen von seiner eigenen theoretischen Blindheit und verkorksten politischen Position, dass es Linke für nötig halten, mit Paechs Ansatz zu kokettieren. So etwa Bruno Kern, der Paech für seine Version von Ökosozialismus eingemeinden will (unveröffentlichter Diskussionsbeitrag in der „Wachstumsliste“ von Attac-Deutschland). Bei Kern reimt sich Paechs Verzichtsapologie, die nicht den Kapitalismus als systematisches Verzichtsprogramm kritisiert, das uns um ein gutes Leben und viele um ihr Leben bringt, sondern darin gerade das gelobte Land erkennen will, mit der von Saral Sarkar vorgeprägten und moralistisch argumentierten Perspektive einer arbeitsintensiven und lokal organisierten Produktion. Während Bruno Kern die wachstumsaffirmative Haltung mancher Teilnehmer am Kongress in Berlin „wie aus den 1970er Jahren“ anmutet (ebd.), so kann man seine eigene Affirmation des Staates als künftigen ökologischen Generaldirigenten nicht anders klassifizieren.

Die bürgerliche Ideologie entwickelt sich von den Rändern her. Der Außenseiter Gesell bereitete die nationalsozialistische Zinskritik vor. Die liberalen Extremisten Hayek und Friedman formulierten den Neoliberalismus, der erst in ihrer Zuspitzung auch in den Niederungen der real existierenden Politik zum Angriff gegen die Proletarisierten taugte. Die Ausläufer der Hippies mit ihrer Do-it-yourself-Ideologie begründeten eine neue Unternehmenskultur der flachen Hierarchien und einer Verlagerung der Kontrolle in die Subjekte. Der talkshowgängige und vermeintlich originelle Paech verbindet die aus ökologischen Gründen, allen voran Peak Oil, völlig unumgängliche Reduktion des Kapitals und seines Kreislaufs mit einer Affirmation der Konkurrenz und lokalistischer Herrschaftsstrukturen – die Regionalwährungen sind als freie Märkte normaler kapitalistischer Unternehmen konzipiert. Es wird unter diesen Bedingungen keine allgemeine Reduktion der Arbeitszeit und auch keinen Lohnausgleich geben, von sozialer Emanzipation durch Vergesellschaftung der Betriebe gar nicht zu reden. Was es geben wird, sind Massenarbeitslosigkeit und eine Eindampfung der Akkumulation auf die Zentren, die sich die dafür nötigen Ressourcen zunehmend mit Gewalt aneignen. Gartenarbeit und Eigenreparatur werden kein moralschwangeres Ergebnis von Verzichtsapellen, begleitet von der „klammheimlichen Freude“ jener, die Peak Oil nicht zuletzt als ein Disziplinierungsevent für vermeintlich „gierige“ Kapitalisten und Schlapperhosen tragende Rapper begrüßen, wie etwa James Howard Kunstler in „The Long Emergency“, sondern Konsequenz des Kampfes um das nackte Überleben sein. Paech wird das nicht gut heißen. Auch Milton Friedman schätzte Ronald Reagan nicht.

 

 

 

 

Alle Einträge, Gemeingüterwirtschaft, La Décroissance, Peak Oil, Regionalwährungen, Solidarische Ökonomie, Wachstumskritik, Zu Personen, , , , , , , , , , , , Permalink

11 Responses to Ökosozialismus = Verzicht + Freiwirtschaft? Niko Paech, Bruno Kern und die Fallen autoritärer Lösungen der Ökokrise

  1. Brigitte Kratzwald says:

    Ich teile deine inhaltliche Analyse vollauf, ich habe aber ein ungutes Gefühl bei dem immer wieder abschätzig klingenden Verweis aufs “Karotten anbauen”, den ich in letzter Zeit häufiger gehört habe. Mir scheint, dass da die Abwertung der Reproduktionsarbeit, die für den Kapitalismus typisch und überlebensnotwendig ist, von den sozialen Bewegungen, auch und gerade den linken, reproduziert wird, weil auch sie die angeblich “produktive” Arbeit als die “bessere” und “wichtigere” ansehen. Arbeitsteilung ist gut und richtig, aber es muss jede Arbeit gleich viel wert sein, auch das Karotten anbauen.

  2. Andreas Exner says:

    Das ist von mir anders gemeint.

    Ich denke, dass gerade bei Niko Paech etwas Abschätziges mitschwingt. Denn am Podium sprach er – mit “klammheimlicher” Freude bei dieser Vorstellung, kam mir vor (man kann es im Video nachhören und nachgucken) – davon, dass auch “Philosophieprofessoren” nach Peak Oil in der von ihm ersehnten Welt der Regionalwährungen und der Eigenarbeit “Karotten anbauen” müssten.

    Ich empfand und verstand diese Äußerung so wie die Aussagen jener, die mit Arbeit ganz allgemein drohen, in der Art von “Die werden schon noch kennen lernen, was Arbeit heißt”. Darin steckt gerade die Geringschätzung der Arbeit und das eigene Leiden darunter, das man daher anderen als Strafe androhen kann. Dieses Leiden unter der Arbeit (als kapitalistischem Zwangsverhältnis, als Lohnarbeit, als Plackerei), will man anderen dann aufbürden, wenn man selbst nicht den Mut hat, dagegen aufzubegehren, sich zuzugestehen, dass man nicht arbeiten will.

    Bei Paech läuft dieses Ideologem, dieses ideologische Versatzstück aus dem arbeitsfetischistischen Diskurs, so, dass er damit auch auf die aus dem NS bekannte Figur der Entgegensetzung von “faulen, nichtsnutzigen (und damals: ‘jüdischen’) Intellektuellen” und den “arbeitsamen, handwerkenden (und damals: ‘arische’) Arbeitern” anspielt, indem er “Karotten anbauende” Leute dem “Philosophieprofessor” gegenüberstellt, der dann “auch Karotten anbauen muss”.

    In einer gewissen Weise dockt Paech da an die NS-Ideologie an (und an andere arbeitsfetischistische Ideologien wie etwa im Stalinismus, der ja auch den positiven Bezug auf eine körperlich gedachte Arbeit der intellektuellen Betätigung entgegenstellte). (Der NS-Ideologie steht Paech allerdings insofern näher, als er sich sehr stark auf die Freiwirtschaft bezieht, der “politischen Ökonomie des Antisemitismus” – die jedoch, das ist klar, nicht mit dem Antisemitismus in eins fällt.) Das bedeutet nicht, dass Paech die NS-Ideologie vertritt. Jedoch ordnet sich seine Sicht auf Arbeit und “Karotten anbauen” versus “Philosophieren” für mich in diesen großen (und verheerenden) ideologischen Strom des modernen Arbeitsfetischs ein.

    Seine Position hat für mich große Ähnlichkeit mit der von James Howard Kunstler, der “The Long Emergency” geschrieben hat, ein interessantes Buch zu Peak Oil. Kunstler versteht sich als “Linker”, als “Alt-68er”. Wenn Du das Buch aber liest, dann hast Du einen Stockkonservativen vor Dir, der sich darüber beschwert, dass Jugendliche schlapprige Hosen tragen, “nichts arbeiten”, die Leute keine harte, ehrliche Arbeit mehr gewohnt sind, dass die Krise von der Gier der Finanzmanager verursacht worden ist etc. – das gleiche ideologische Syndrom. Und auch bei Kunstler wird Peak Oil als ein großes Ereignis der gesellschaftlichen Disziplinierung herbeigesehnt. (Bei Kunstler noch stärker als bei Paech, wo das mehr implizit bleibt, etwa wenn er Arbeitszeitverkürzung verlangt, aber nicht von Lohnausgleich spricht.)

    Kunstler labt sich förmlich an den katastrophischen Beschreibungen (die gar nicht mal unrealistisch sind, wie mir vorkommt) und ganz explizit bewertet er die Disziplinierung zur körperlichen Arbeit, die er mit Peak Oil (fälschlich, wie ich meine) verbindet, positiv. Als eine Disziplinierung jener “Verlotterung”, die mit 1968 die Gesellschaft zusehends auf die schiefe Bahn gebracht habe, mit den “unehrlichen Geschäftemachern”, die Profite ohne “ehrliche Arbeit” scheffeln wollen, im Gefolge (das ist absurd, ist allerdings meinem Eindruck nach ein ideologisches Muster, wie die Rechte 1968 umdefiniert und mit der Maßlosigkeit der Kapitalverwertung ursächlich in Verbindung bringt; tatsächlich hat Nicolas Sarkozy in Frankreich genau denselben Konnex hergestellt).

    Paech spricht in seiner Anspielung auf den “Karottenanbau” auch gar nicht von Reproduktionsarbeit. Das ist vielmehr ganz normale kapitalistische oder unternehmerische Produktion, die er zum Teil (nicht zur Gänze, denn der Weltmarkt soll weiterbestehen) wieder in die unbezahlte Hausarbeit rückverlagern will (wie im Frühkapitalismus, als sich die Arbeiter und Arbeiterinnen ihre Karotten tatsächlich selber anbauen mussten). Ganz im Gegenteil steckt in seiner Perspektive eine Geringschätzung der Reproduktionsarbeit. Denn mit keinem Wort spricht er davon, was mit gesellschaftlichen Infrastrukturen zur kollektiven Bewältigung der Reproduktionsarbeit – Kinderfürsorge, Pflege von Kranken und älteren Menschen etc. – geschehen soll. Was damit geschehen würde, kann man sich aber finde ich denken: bei Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich und Abbau des Sozialstaats wird Reproduktionsarbeit noch mehr als jetzt den Frauen aufgebürdet werden oder, falls sich die Männer daran beteiligen, jedenfalls aus dem Bereich der offiziellen, geldbasierten Wirtschaft – die Paech als “effizient” gegenüber der geldlosen, inoffiziellen Wirtschaft absetzt – ausgeschlossen.

    Paech rechtfertigt den Fortbestand der Geldwirtschaft gerade mit deren angeblicher “Effizienz” (wortwörtlich in seinem Beitrag in “Ausgewachsen!”). Damit ist alles nicht Geldbasierte also “ineffzient”. Davon abgesehen, dass er nicht sagt, dass das Effizienzkriterium der Geldwirtschaft das Profitkriterium ist, was Wachstum impliziert, wiederholt er damit genau jene Geringschätzung der Reproduktionsarbeit, die ich auch kritisiere.

    Ich jedenfalls frage mich: Was soll am Karottenanbau besser sein als am Philosophieren? Wenn Paech das so polemisch entgegensetzt, dann, so denke ich, darf man das auch so polemisch wieder auseinander dividieren.

    Man könnte, genauso zu Recht oder zu Unrecht, sagen: Freuen wir uns auf Peak Oil, dann haben die Leute endlich mehr Zeit um zu philosophieren!

    Allgemein gesprochen sieht man, dass – ähnlich wie beim Klimawandel – über eine (gesellschaftlich bedingte) Veränderung der Natur darüber gestritten wird, wie Gesellschaft aussehen soll.

  3. Bernd says:

    Da ich das für eine wichtige Diskussion halte, leite ich diese Anmerkungen eines Bekannten weiter

    Andreas Exner: Ökosozialismus = Verzicht + Freiwirtschaft? Niko Paech, Bruno Kern und die Fallen autoritärer Lösungen der Ökokrise

    3 Punkte veranlassen mich zu diesen Anmerkungen:

    1. Der Autor Exner versucht über alle Maßen Niko Paech als Person herabzuwürdigen.

    2. Exner hingegen sieht zur Reduktion des Ressourcenverbrauchs keine Notwendigkeit.

    3. Exner skizziert hier nicht etwa seine Ansicht, was das Wachstum treibt, nein Exner greift diejenigen an, welche den Zins als Wachstumstreiber bezeichnen.

    Zu 1.:
    Erstaunlich ist erst einmal für mich, das der Autor über alle Maßen versucht Niko Paech als Person herabzuwürdigen, ohne sich mit dessen Argumenten auseinanderzusetzen.
    Beispiele:
    talkshowgängig und vermeindlich originell
    ehemaliger TV-Moderator
    Paech forscht nicht

    Darüberhinaus will sich Exner wohl auch nicht wirklich argumentativ auseinandersetzten, den Exner schreibt: „Die Ebene der rationalen Argumentation ist freilich auch hier zweitrangig.“

    Zu 2.:
    Wer sich mit Wachstum auseinandersetzt, der muß wissen auf welcher Grundlage er überhaupt argumentieren kann.

    Die Grundlagen und der Rahmen allen Lebens und Wirtschaftens auf der Erde ist an deren materiellen Gegebenheiten gebunden. Damit ist die maximale Ressourcennutzung für eine dauerhafte Nutzung vorgegeben.

    Der Rahmen menschlichen Handelns, das die Natur nicht übernutzt ist z.B. durch die Enquete-Kommission des Bundestagen „Schutz des Menschen und der Umwelt“ in deren Abschlußbericht „Konzept Nachhaltigkeit“auf Seite 46 in 5 Punkten niedergelegt.

    Dies ist die Grundlage meiner Argumentation.

    Exner hingegen sieht zur Reduktion des Ressourcenverbrauchs keine Notwendigkeit („Und ebenso selbstverständlich ist die Lösung der ökologischen Krise kein technisches Problem, das mit einer Reduktion des Ressourcenverbrauchs bearbeitet werden kann.“).

    Exner nimmt somit physikalische und biologische Grundlagen nicht zur Kenntnis. Dies kommt auch dabei zum Ausdruck, das Exner hinsichtlich der ökologischen Krise keinen Unterschied machen will zwischen Menschen die Subsistenzwirtschaft betreiben („in der Erde wühlen“) und denen welche Fernreisen unternehmen.

    Nur ist leider ein Lebenstil, welcher Flugreisen einschließt, wie es in den Industrieländern für große Teile der Gesellschaft üblich ist, nicht verallgemeinerbar für 7 Mrd und mehr Menschen. Dafür werden die Rohstoffe nicht ausreichen, erst recht nicht über mehrere Generationen hinweg!

    Exner thematisiert nicht, das unser Lebenstil in Europa schon heute Menschen in anderen Ländern ums nackte Überleben kämpfen läßt; auch deshalb gibt es ja die Fluchtbewegung von Süden nach Europa bzw. in die USA.

    In diesem Zusammenhang sollte sich Exner noch einmal die Frage (die er rhetorisch in seinem Kommentar aufwirft) stellen: Was soll am Karottenanbau besser sein als am Philosophieren?
    Er möge doch einfach einen hungernden Menschen fragen.

    Und einen weiteren Punkt beachtet Exner im Zusammenhang mit den Rahmenbedingungen des Lebens auf der Erde nicht:

    Das Problem der Produktionsrückstände, also das Senkenproblem, wurde in der Wachstumsdiskussion noch nicht vollumfänglich aufgegriffen.

    Die Schulden im Finanzwesen sind immer fiktiv, wie der Geldwert. Beides beruht allein auf Konvention. Und bei jeder Währungsreform wird diese Konvention verändert.

    Die Übernutzung der Umwelt sind Schulden, die nicht durch Konvention verändert werden können. Sie bleiben, vielleicht für mehrere Generationen!

    Ein vergifteter Fluß, vergiftetes Grundwasser wird nicht sauber, in dem die Grenzwerte (Konvention) angehoben werden.
    Das Wasser bleibt weiterhin giftig und ungenießbar für Mensch und Tier !
    Der Atommüll bleibt für mehrere Halbwertszeiten von Plutonium (24000 Jahre) gefährlich.

    Zu 3.:
    Einen weiteren Konflikt eröffnet Exner um die Frage, was treibt eigentlich das Wachstum an.

    Peach sagt, es ist der Zins, welcher das Wachstum treibt.

    Exner skizziert hier nun nicht etwa seine Ansicht, was das Wachstum treibt, nein, Exner greift diejenigen an, welche den Zins als arbeitsloses Einkommen bezeichnen. Warum will Exner dieses arbeitslose Einkommen verteidigen?
    Warum will Exner diesen Kapitalzuwachs für die Kapitalbesitzenden gesichert wissen?
    Diese Frage stellt er nicht; er bleibt hier eine Antwort schuldig.

    Laut DIW wuchs das Vermögen der reichsten 10% der Deutschen zwischen 2002 und 2007 um 1000 Milliarden Euro, während alle anderen, neun Zehntel der Bevölkerung, ärmer wurden, also Vermögen verloren oder sich gar weiter verschuldet haben (zitiert nach: Schramm, Neues aus der Anstalt, ZDF 2009).

    Für mich ist der Zins der Wachstumstreiber, denn ein Schuldner muß ja nicht nur das geschuldete Kapital, sondern zusätzlich noch den Zins erwirtschaften. Und dieses Zusätzliche treibt das Wachstum.
    Es muß mehr produziert, weil der Zins bedient werden muß. Die Nachfrage ist kein Grund für die Produktion; Nachfrage wird dazu heutzutage durch Werbung erzeugt, also künstlich geschaffen.

    So werden ca. 20% (?) der gekauften Lebensmittel von den Verbrauchern weggeschmissen. Nach dem Film „We feed the World“ wird in Wien täglich soviel Brot in Müllverbrennungsanlagen verbrannt, das man damit den Bedarf von Graz decken könnte.

    Kleidung wird nur selten aufgetragen, modisch muß die Kleidung sein.

    Ebenso die Abwrackprämie für PKW: Das Auto fährt noch, aber ich will ein neues Auto haben.

    Es geht also nicht um Bedürfnisbefriedigung der Kunden (needs), sondern allein um Produktion um der Produktion willen. Gewerkschafter würden sagen, um Arbeitsplätze zur sichern; genau das ist für mich sinnentleerte Erwerbsarbeit.

    Ein Unternehmer, der auf Fremdkapital verzichten kann, ist sehr viel freier in seinen Entscheidungen. Aber die Wachstumsrate seiner Produktion bleibt dann beschränkt.

    Exner wehrt sich gegen die Ansicht von Paech, das die globale Arbeitsteilung Wachstum fördert.

    Paech sagt, so Exner, je mehr Standorte in die Produktionskette eingebunden sind, umso mehr Zinsen müssen gezahlt werden.
    Dieser Argumentation folgt Exner nicht.

    Nun ist es aber so, das für jeden Übergang von einer Produktionsstufe zur nächsten Schnittstellen bestehen, welche Absprachen erfordern. Innerhalb eines Standortes, in einer Sprache ist der Aufwand geringer als zwischen verschiedenen Firmen in verschieden Kontinenten und den zusätzlich erforderlichen Ferntransporten. Dieser Aufwand erfordert mehr Kapital (mindestens Transportkapazität und Umschlaganlagen)und mehr Arbeit; eine gleiche Zinsrate ist also nur bei sinkenden Arbeitskosten zu haben. Und genau dies versprach die Globalisierung: sinkenden Arbeitskosten durch die Konkurrenz zwischen den Arbeitern in Hochlohnländern und Billiglohnländern. Damit war die Zinsrate auch für den erhöhten Kapitaleinsatz zu halten, welche ohne die ausländische Lohnkonkurrenz gesunken wäre.

    Und in der Bundesrepublik Deutschland werden Ferntransporte subventioniert (niedrige Steuern für Reeder, Versicherungsbefreiung für Luftverkehr nach dem 11.9.2001, keine Grenzkontrollen im Schengenraum, Straßen, Wasserwege werden aus Steuergeldern gebaut und unterhalten, Dieselsteuer ist niedriger als Benzinsteuer, Luftverschmutzung durch Schiffe wird geduldet). Somit zahlt die Allgemeinheit für die Mehrkosten der globalen Arbeitsteilung.

    Also für Exner zusammengefaßt:
    1. Es erfordert mehr Aufwand (=Wachstum), um an mehreren Standorten zu produzieren.

    2. Arbeitsteilung über mehrere Standorte erfordert mehr Kapital (1+x), und dies erwirtschaftet die gleiche Zinsrate (z), also mehr Zins [(1+x)*z], als ohne diese Standortvermehrung!

    Exner geht auch in keiner Weise auf die Zinslasten der öffentlichen Haushalte ein, welche 15% und mehr allein für Zinszahlungen aufwenden, also mehr 15% des Steueraufkommens fließen an die wohlhabenden Bürger zurück. Dort akkumuliert sich das Kapital.

    Und auch dies treibt das Wachstum, denn die öffentlichen Haushalte sind auf wachsende Einnahmen angewiesen um die Schulden bedienen zu können. Es müssen also mehr Menschen besteuerbarer Erwerbsarbeit nachgehen, und es muß mehr konsumiert werden (Konsumsteuern).

  4. @Bernd – Danke für die Weiterleitung

    Meine Antwort gliedert sich nach den drei Punkten der Kritik:

    1. Vermeintliche “Herabwürdigung der Person Paech”

    (a) Paech ist in der Tat talkshowgängig und das ist als solches keine Herabwürdigung. Er hat als TV-Moderator gearbeitet und das hat etwas mit seiner Wirkung auf Leute, die ihm zuhören, zu tun.

    (b) Er wirkt auf einige Linke so, als würde er Neues, Originäres und Originelles sagen. Das ist unrichtig, daher “vermeintlich originell”.

    (c) Ich sage nicht, dass Paech nicht forscht (ich bitte, meinen Text genau zu lesen). Ich sage, dass Paech nicht zur Entkoppelungsfrage forscht.

    (d) Dass ich mich mit Paechs Argumenten nicht auseinandersetze, kann ich nicht nachvollziehen. Ich analysiere seine Argumentation detailliert im obenstehenden Weblog-Beitrag. Eine noch ausführlichere Analyse findet sich unter http://www.social-innovation.org/?p=1988

    2. Vermeintlich sehe ich “keine Notwendigkeit, den Ressourcenverbrauch zu reduzieren”

    (a) Das ist falsch und ich weiß nicht, woher diese Vermutung stammt (siehe meine vielen Beiträge zu dieser Frage, insbesondere Exner/Lauk/Kulterer “Die Grenzen des Kapitalismus. Wie wir am Wachstum scheitern”, 2008)

    Im Text oben schreibe ich:

    “Und ebenso selbstverständlich ist die Lösung der ökologischen Krise kein technisches Problem, das mit einer Reduktion des Ressourcenverbrauchs bearbeitet werden kann. Weit davon entfernt, geht es vielmehr um die sozial hochgradig konflikthafte Frage, wie das gesellschaftliche Naturverhältnis, das wesentlich in den Formen der gesellschaftlichen Arbeit besteht, zu gestalten ist.”

    Ich fasse, wie im Absatz ausgedrückt, die “ökologische Krise” als eine Krise des gesellschaftlichen Naturverhältnisses. Die optimale, strikt technisch gefasste “Reduktion des Ressourcenverbrauchs” bestünde in der Reduktion der zu Ressourcenverbrauchern herabgewürdigten Menschen. Demgegenüber vertrete ich den Ansatz, die Natur als den “organischen Leib des Menschen” zu verstehen und unser Verhältnis dazu, das heißt die Art und Weise, wie die gesellschaftliche Arbeit (Tätigkeit) organisiert ist, als den Kern des ökologischen Problems.

    (b) Angeblich will ich “hinsichtlich der ökologischen Krise keinen Unterschied [...] zwischen Menschen die Subsistenzwirtschaft betreiben (‘in der Erde wühlen’) und denen welche Fernreisen unternehmen” machen. Das ist nicht richtig und steht auch nicht im Text. Ich bestreite vielmehr, dass es eine sinnvolle (emanzipatorische) gesellschaftliche Konfliktlinie zwischen Langstrecken fliegenden Philosophieprofessoren und Leuten, die Karotten anbauen und daheim bleiben gibt.

    (c) In der Kritik heißt es, bezogen auf meinen Kommentar zum Text: “Was soll am Karottenanbau besser sein als am Philosophieren? Er möge doch einfach einen hungernden Menschen fragen.” Den Zusammenhang mit meinem Kommentar zum Text sehe ich nicht. Das Philosophieren ist ja wohl nicht die Ursache des Hungers in der Welt.

    3. “Exner skizziert hier nicht etwa seine Ansicht, was das Wachstum treibt, nein Exner greift diejenigen an, welche den Zins als Wachstumstreiber bezeichnen.”

    Das kann ich nicht nachvollziehen. In meinem Text werden die beiden wesentlichen Wachstumsursachen benannt:

    “In einer höchst unklaren Weise drückt sich bei Paech ein Moment der wirklichen Wachstumsursache aus: die kapitalistische Konkurrenz, das heißt die unausweichliche Konkurrenz um den Profit, die der Markt zwischen den Betrieben setzt. Das hat aber nicht mit der Arbeitsteilung zu tun, die Paech ganz oberflächlich analysiert, sondern mit der Geldwirtschaft, dem Markt. Die zweite Wachstumsursache ist der abstrakte Charakter des Geldes, das als allgemeine Reichtumsform das überragende Ziel aller Produktion darstellt und zugleich keine innere Grenze an sich selbst findet. Die Akkumulation von Geld ist daher, wie Marx im ersten Band des Kapital analysiert, aus sich heraus rast- und maßlos.”

    Eine eingehendere Analyse dieser beiden (und abgeleiteter bzw. damit vermittelter) Wachstumsursachen findet sich in einer Reihe von Beiträgen auf diesem Weblog, auf http://www.streifzuege.org und in unseren o.g. Buch).

    Weiters: Ich sage nicht, dass Zinsen gut sind, ich sage lediglich, dass sie nicht die Ursache des Wachstumsproblems sind.

    In der Kritik heißt es: “Ein Unternehmer, der auf Fremdkapital verzichten kann, ist sehr viel freier in seinen Entscheidungen. Aber die Wachstumsrate seiner Produktion bleibt dann beschränkt.” Ich denke, dass ein Unternehmer, der auf Fremdkapital verzichtet, in seinen Entscheidungen “unfreier” ist. Sein Ziel ist systemisch der Profit. Bei Verzicht auf Fremdkapital ist die Profitmasse geringer als bei Anwendung fremden Kapitals. In der Kritik heißt es nicht ganz falsch, unter kapitalistischen Verhältnissen (= Markt als dominante Stoffwechselform, Lohnarbeit als dominante Form der Tätigkeit, Staat als politische Form der Gesellschaft) gehe es lediglich um “Produktion um der Produktion willen”. Ich würde allerdings präzisieren: um die Produktion von Mehrwert. (Ein Kapitalist, der nur seine Kosten deckt, wird nicht produzieren, insofern gibt es keine “Produktion” nur um “der Produktion” willen.) Für diese Wachstumsbewegung des Kapitals ist die Anwendung von Fremdkapital grundsätzlich keine Ursache. Im Gegenteil folgt aus dem Wachstumszwang und -drang des Kapitals (aufgrund von Konkurrenz und der abstrakten Qualität des Geldes) der Drang, Fremdkapital aufzunehmen – um die Konkurrenzfähigkeit zu verbessern durch Erhöhung der Profitrate; und weil die Profitrate selbst das einzig sinnvolle Erfolgskriterium der Produktion im “Kapitalismus” (= Marktwirtschaft, Lohnabhängigkeit, Staat) ist.

    Zum Argument, die Arbeitsteilung führe über den Zins vermittelt zu Wachstum, wie Paech es in Anschlag bringen will.

    Erstens ist der Zins nicht die Wachstumsursache (siehe dieses Comment sowie ausführlich z.B. hier http://www.streifzuege.org/2005/bye-bye-zinskritik). Zweitens bleibt so formuliert unklar, warum sich die Arbeitsteilung überhaupt immer weiter vertieft.

    Wenn die Arbeitsteilung der Grund für den Zins und damit (angeblich) für das “Wachstum” sein soll, kann nicht das “Wachstum” bzw. der Zins der Grund für die Arbeitsteilung sein. Wenn man sich jedoch erinnert, dass das Produktionsziel im “Kapitalismus” (= Marktwirtschaft, Lohnabhängigkeit, Staat) der Profit ist, so erklärt sich auch der Zwang, die Arbeitsteilung zu vertiefen. Sie erlaubt nämlich Produktivitätssteigerungen, die sich zuerst für den einzelnen Kapitalisten als Extraprofit bemerkbar machen (Verkauf der Ware zu geringeren Kosten als im gesellschaftlichen Durchschnitt, jedoch über den noch niedrigeren individuellen Kosten), später für das Kapital insgesamt als eine Absenkung der Arbeitskosten (weil die Produktivität in der Herstellung der Konsumgüter der Arbeiter*innenklasse steigt) und eine Erhöhung des Mehrwerts (Verhältnis von unbezahlter zu bezahlter Arbeit – der Anteil der bezahlten Arbeit, der notwendigen Arbeit zur Reproduktion der Lohnabhängigen sinkt durch steigende Produktivität der Arbeit in der Herstellung von Konsumgütern, der Anteil der unbezahlten Arbeit, der Mehrwert bzw. Profit produziert, steigt im Gegenzug; auch bei gleichbleibender Arbeitszeit, Arbeitsqualifikation und Arbeitsintensität).

    Die Ursache der steigenden Arbeitsteilung ist also gerade der sinkende Produktionsaufwand pro Einheit Output für das Kapital (in gesellschaftlicher Arbeitszeit gemessen, d.h. als Kosten von Investitionsgütern und als direkt verausgabte Arbeitskraft). Würde man es umgekehrt sehen wollen, so müssten die Kapitalisten die Arbeitsteilung vertiefen, um ihren Aufwand in Relation zu den Einkünften zu erhöhen, das heißt um ihre Profitrate (Verhältnis Kapitalkosten, d.h. “Aufwand”, d.h. Kosten von Maschinen, Rohstoffen, Gebäuden etc. plus Arbeitskraft zu Profit) abzusenken. Das ist unlogisch.

    Anmerken möchte ich nur, dass die Arbeitsteilung nicht mit der Zahl der Unternehmen und weder Arbeitsteilung noch Zahl der Unternehmen notwendig und direkt mit der Aufnahme von Fremdkapital – und dies wiederum nicht mit dem Zinsvolumen – in Zusammenhang steht. Ein großer Teil der internationalen Arbeitsteilung verläuft innerhalb von Konzernen (wie überhaupt die Arbeitsteilung ja nicht nur zwischen den Betrieben, sondern ebenso innerhalb derer intensiviert wird). Schätzungsweise ein Drittel des globalen Handels ist Intrakonzernhandel, hat also den Charakter reiner Buchungen. Weiters sind Konzerne häufig von einer weitläufigen Peripherie eng an diese gebundener und ihnen unterworfener Zulieferbetriebe gebunden – die formelle Trennung von Unternehmen ist nicht immer auch eine faktische Trennung von Kapitalien.

    Es ist in der Tat richtig, dass die Masse des Profits (als Summe der unterschiedlichen Einkommensarten des Kapitals, “Unternehmergewinn”, “Zins”, “Dividende” und “Rente”) zugleich mit der Masse des Kapitals wächst (alles andere als gleichbleibend unterstellt). Niko Paech will aber zeigen, dass wachsende Arbeitsteilung zu wachsender Zinslast und diese zu wachsendem wirtschaftlichem Output führe.

    In der Tat reduziert sich das scheinbare Argument auf diesen Satz in der Kritik: “Arbeitsteilung über mehrere Standorte erfordert mehr Kapital (1+x), und dies erwirtschaftet die gleiche Zinsrate (z), also mehr Zins [(1+x)*z], als ohne diese Standortvermehrung!”

    Abgesehen davon, dass der Zusammenhang zwischen Arbeitsteilung, Unternehmenszahl und Zahl voneinander unabhängiger Kapitalien nicht so einfach ist, wie es bei Paech zu sein scheint, gibt es kein Argument, warum aus wachsender Zinslast der Zwang zu Wirtschaftswachstum folgen soll. Im Satz oben wir das dann auch ausgesprochen: Die Arbeitsteilung selbst erfordere “mehr Kapital”, also “Wirtschaftswachstum”. Dann brauchen wir den Zins aber nicht zur Erklärung. (Im übrigen ist aber auch die Arbeitsteilung keine Ursache des Wachstumszwangs, darauf gehe ich sowohl im Blogpost als auch in diesem Kommentar ein.)

    Schließlich heißt es in der Kritik hinsichtlich der Schuldenlast der öffentlichen Haushalte: “Und auch dies treibt das Wachstum, denn die öffentlichen Haushalte sind auf wachsende Einnahmen angewiesen um die Schulden bedienen zu können. Es müssen also mehr Menschen besteuerbarer Erwerbsarbeit nachgehen, und es muß mehr konsumiert werden (Konsumsteuern).”

    Das ist nicht ganz richtig. Eine weitere Möglichkeit zur Bedienung von Schulden besteht darin, die Ausgaben kürzen (das tun die Staaten seit den 1980er Jahren auch vorrangig). Die Staaten versuchen offensichtlich nicht, mehr Menschen in besteuerbare Erwerbsarbeit zu bringen und zugleich den Konsum deutlich anzukurbeln. (Was man beobachten kann ist eine Ausweitung des Arbeitszwangs wie bei Hartz IV und eine Absenkung der Löhne bzw. der Lohnquote, somit des Konsums, jedenfalls relativ gesehen.) Die Einnahmen des Staates müssen grundsätzlich nicht wachsen um die Schulden zu bedienen.

    Bei konstanter Schuldenlast (konstantem Kreditvolumen, gleichbleibender Laufzeit und Zinsrate) könn(t)en – zumindest abstrakt gesehen – nach einer bestimmten Zeit sowohl die Kredite, die zum Zeitpunkt x aufgenommen worden sind zurückbezahlt als auch die damit verbundenen Zinsen bedient werden. Dazu ist lediglich erfordert, dass eine (im Verhältnis zu Kreditvolumen, Laufzeit der Kredite und Zinsrate) ausreichende Masse Mehrwert durch die unbezahlte Arbeit der Lohnabhängigen produziert wird. Dieser Mehrwert erscheint empirisch (in Geldgrößen) als Profit und spaltet sich in die Einkommensarten “Unternehmergewinn”, “Zins”, “Rente” und “Dividende” auf. Es ist also immer das ganze Verhältnis von Kreditvolumen, Laufzeiten, Zinsraten und der unterschiedlichen Einkommensarten des Kapitals zu betrachten.

  5. Pingback: Hunger in Afrika, Klimawandel und Land Grab. Über imperiales Denken und sozial-ökologische Fakten | Social Innovation Network

  6. Werner Onken says:

    Sehr geehrter Herr Exner,
    dass Sie teilweise anderer Meinung sind als Niko Paech, ist Ihr gutes Recht. Über unterschiedliche Ansichten ließe sich diskutieren – mit fairen Mitteln und mit Menschen, die ihr Streben, zu einer gerechteren, naturverträglicheren und friedlicheren Wirtschaft beizutragen, gegenseitig achten. Achtung und Fairness vermisse ich jedoch in Ihrem Text „Ökosozialismus = Verzicht + Freiwirtschaft?“ Stattdessen empfinde ich ihn streckenweise als einen Vernichtungsfeldzug gegen Niko Paech. Ohne Sie persönlich zu kennen, frage ich mich, wodurch Sie so sehr verletzt worden sein könnten, dass Sie die – „zweitrangige“? – Bühne der „rationalen Argumente“ verlassen und sich auf die Ebene „sozialer Kämpfe“ begeben, um kränkende Giftpfeile auf ihre Gegner abzufeuern. Niko Paech gar in die Nähe der NS-Ideologie zu rücken, empfinde ich als unanständig und absurd. Damit liefern Sie wahrlich keinen „Baustein für ein kooperatives Leben jenseits des Wachstumszwangs“. Ich würde es sehr begrüßen, wenn Sie Ihre verletzenden Äußerungen überdenken und Niko Paech dafür – auch öffentlich – um Verzeihung bitten könnten. Das schafft hoffentlich die Grundlage für einen respektvollen und sachlichen Gedankenaustausch.
    Mit freundlichen Grüßen
    Werner Onken
    http://www.sozialoekonomie.info

  7. Alex says:

    Ich finde es immer wieder lustig, wie die Freiwirtschaft und die Zinskritik grundsätzlich in die antisemitische Ecke gedrängt wird, ohne sich jemals wirklich fundiert damit auseinandergesetzt zu haben. So kann man natürlich jede Diskussion auf Grund von Fakten abwürgen und ad absurdum führen. Vor allem haben schon mehrere Untersuchungen dazu geführt, dass Gesell mehrere Aussagen gegen Diskriminierung und ähnliches getätigt hat und sogar sich gegen Ausgrenzung der Juden gestellt hat. Auch die Erklärung, das die Freiwirtschaft ein Feind des Nationalsozialismus ist, wird gerne unter den Tisch fallen gelassen.

    Die Freiwirtschaft ist nichts anderes als eine Marktwirtschaft in ihrer reinsten Form, ohne jegliche Verzerrung, mit einem Geld, was den Warenverkehr unterstützt und welches seine Tauschfunktion erfüllt. Es gibt genügend Beispiele in der Realität, wo Projekte die auf dem Mechanismus Freigeld basieren, angewandt werden und massiven Erfolg verzeichnen. Vielleicht sollte man mal die engstirnigen Ideologien beiseite lassen und offen ohne Vorurteile an die Sache rangehen.

  8. Andreas Exner says:

    @Werner Onken: Danke für Ihre Nachricht.

    Verletzende Äußerungen sehe ich in meinem Beitrag nicht. (Höchstens man fühlte sich verletzt durch eine Beschreibung dessen, was ich zu erkennen denke. Ich mag irren, aus meiner Sicht irre ich freilich nicht – sonst hätte ich nicht geschrieben, was zu lesen ist.)

    Ich rücke Niko Paech nicht in die Nähe des Antisemitismus, sondern spreche von einer Politischen Ökonomie des Antisemitismus. Ein “Vernichtungsfeldzug” ist nicht intendiert. Ich zeige auf, wo ich mit seiner Position übereinstimme (hier erfolgt das noch ausführlicher: http://www.social-innovation.org/?p=1988).

    Wenngleich Abgrenzung sicherlich nicht das A und O sozialer Kämpfe ist – und um solche handelt es sich bei sozialen Veränderungen in einer Klassengesellschaft, was ich bedaure, notwendig – so ist sie doch hin und wieder erfordert. Mögliche Aspekte einer (aus meiner Sicht) Weiterentwicklung der Debatte um Regionalwährungen, die Paech positiv führt, habe ich hier benannt: http://www.social-innovation.org/?p=2347.

    Der Punkt ist freilich, dass manche Positionen eben nicht vereinbar sind, und die Weiterentwicklung einer Position daher letztlich auch einen Abschied bedeuten würde. Diesen Schritt nicht gehen zu wollen sei allen unbenommen, denn ich nehme dies für mich selbst in Anspruch. Jedenfalls ist das festzustellen.

    Ein Baustein zu einem “kooperativen Zusammenleben” ist eine Position, die die ökonomische Konkurrenz affirmiert (wie Paech das bislang tut) mit Sicherheit nicht. Dies zu kritisieren ist keine Konkurrenz, sondern eben das: Kritik.

  9. Andreas Exner says:

    @Alex:

    mit der Freiwirtschaft habe ich mich durchaus ausführlich auseinandergesetzt. Eine relativ detaillierte Analyse mit Quellenverweisen findet sich hier:
    http://www.streifzuege.org/2005/bye-bye-zinskritik

    Die Verfolgung der Freiwirtschaft durch den NS ist bekannt, allerdings weniger inhaltlich zu erklären denn aus Gründen politischer Konkurrenz. Auch war die Freiwirtschaft in ihren Anfängen staatsfeindlich orientiert, was dem NS entgegenstand. (Eine Marktwirtschaft, die die Freiwirtschaft ja vertritt, kann es freilich ohne Staat nicht geben, aber das ist ein anderes Thema.)

    Dass Gesell sich von diskriminierenden Äußerungen distanziert hätte ist ein bekanntes Gegenargument. Er bringt es jedoch in der Tat zustande, noch in seiner vermeintlichen Abgrenzung den Antisemitismus zu reproduzieren:

    “Die Judenhetzerei ist eine colossale Ungerechtigkeit und eine Folge einer ungerechten Einrichtung, eine Folge des heutigen Münzwesens (…) Die Münzreform macht es unmöglich, daß jemand erntet ohne zu säen, und die Juden werden durch dieselbe gezwungen werden, die Verwerthung ihrer großen geistigen Fähigkeiten nicht mehr im unfruchtbaren Schacher zu suchen, sondern in … der ehrlichen Industrie.” (in: “Nervus Rerum”)

    Von der politischen Ausrichtung der unterschiedlichen Strömungen der Freiwirtschaft mal abgesehen ist es jedoch die Politische Ökonomie des Antisemitismus, die als einer der Ersten (wenn nicht gar als Erster) Proudhon formuliert hatte (der übrigens auch Antisemit war), die ich kritisiere. Nicht jeder, der diese Politische Ökonomie vertritt, ist Antisemit, aber alle Antisemiten vertreten eben diese Politische Ökonomie. Sie ist nicht nur falsch (falsche Ansichten gibt es freilich viele), sondern zudem gefährlich: Der Antisemitismus ist die klassische Krisenideologie des Kapitalismus und erhält in der gegenwärtigen, sich immer weiter zuspitzenden Mehrfachkrise eine besondere Bedrohlichkeit. In den peripheren Regionen Europas etwa, im Osten, sieht man mit Grausen einen inzwischen mehrheitlichen Antisemitismus, der an die Zwischenkriegszeit erinnert. Auch in anderen Regionen ist eine derartige Entwicklung zu beobachten.

    Mehr zur Problematik der Politischen Ökonomie des Antisemitismus und den Möglichkeiten einer selbstkritischen Reflexion seitens sozialer Bewegungen u.a. im Attac-Reader “Blinde Flecken der Globalisierungskritik”:
    http://www.attac.at/fileadmin/user_upload/dokumente/reader_antisem_1.8.pdf

    Die Freiwirtschaft vertritt in der Tat eine in ihren Augen pure Marktwirtschaft, allerdings mit der im Unterschied zu dem ansonsten eng verwandten Neoliberalismus besonderen Wendung zwischen “schaffendem” und “raffendem” Kapital in der Art von Joseph Proudhon oder, später, der NS-Terminologie differenzieren zu wollen.

    Bei Gesell war die Zinskritik dementsprechend noch wachstumsaffirmativ fundiert. (Die wachstumskritische Zinskritik ist eine neuere Entwicklung und – anders als die Position Gesells in diesem Punkt – unlogisch.)

    Was die grundlegende politische und ethische Ausrichtung der Freiwirtschaft und ihrer “Zinskritik” angeht, so heißt es etwa bei Gesell im Vorwort zur “Natürlichen Wirtschaftsordnung”, S. 12, Ausgabe 1949:

    “Wie bei allen Lebewesen, so hängt auch das Gedeihen der Menschen in erster Linie davon ab, daß die Auslese nach den Naturgesetzen sich vollzieht. Diese Gesetze aber wollen den Wettstreit. Nur auf dem Wege des Wettbewerbs, der sich überwiegend auf wirtschaftlichem Gebiet abspielt, kann es zur förderlichen Entwicklung, zur Hochzucht kommen. Wer darum die Zuchtgesetze der Natur in ihrer vollen, wundertätigen Wirksamkeit erhalten will, muß die Wirtschaftsordnung darauf anlegen, daß sich der Wettbewerb auch wirklich so abspielt, wie die Natur es will, d. h. mit der von ihr gelieferten Ausrüstung unter gänzlicher Ausschaltung von Vorrechten. Der Erfolg des Wettstreits muß ausschließlich von angeborenen Eigenschaften bedingt sein, denn nur so wird die Ursache des Erfolgs auf die Nachkommen vererbt und zur allgemeine Menscheneigenschaft.”

    Und so weiter und so fort. Diesem Ziel dient die vermeintlich “natürliche Wirtschaftsordnung”, die Gesell entwirft. Das Kernstück ist das “zinslose Geld”.

    Das hat mit Emanzipation nichts zu tun und schon gar nicht mit einem kooperativen Zusammenleben. Daher meine Kritik dieses Ansatzes.

  10. Pingback: “Das Zinssystem ist Schuld” – ein Mythos der Krise – BEIGEWUM/Attac | Social Innovation Network

  11. Ulrich Schachtschneider says:

    Ich habe mich (zusammen mit Frank Adler) ein wenig mit der Alternative und dem Weg aus der ökologischen Krise, wie ihn Niko Paech vertritt, befasst. (vgl: Green New Deal, Suffizienz oder Ökosozialismus. Konzepte für geselslchaftliche Wege aus der Ökokrise, München 2010)
    Man kann die Position von Niko Paech auf den Nenner bringen: Zurückdrängung von Erwerbsarbeit, Weltmarkt und Kapitalverwertung zugunsten von lokalen Märkten, Eigen- und Gemeinschaftsarbeit und Suffizienz. Der Weg dorthin läuft für Paech primär über eine andere Ethik und innere Umkehr. Staat, ökonomische Rahmensetzungen etc können allenfalls mitschieben, auslösend werden sie nicht sein.
    Dies kann man als untauglich, konservativ, naiv kapitalismusstärkend etc kritisieren und die Gründe dafür darlegen. Ein autoritäres Argumentationsmoment, womöglich ein faschismusförderndes, lässt sich daraus aber nun wirklich nicht ableiten und da hört dann auch der (argumentative) Spaß auf.
    Arbeitsfetischismus? Niko Paech vertritt die These: Weniger Konsum ist mehr Lebensqualität (zB Halbierung der Erwerbsarbeit). Genau dieses weniger an tendenziell fremdbestimmter Erwerbsarbeit (wo also andere kommandieren, wie du mit Holloway selber kritisierst) und mehr an Selbstbestimmung soll mit dem Beispiel des fahrradreparierenden, tomatenanbauenden oder rechnerprogrammierenden Profs illustriert werden. Wenn das Arbeitsfetischismus ist, dann leidet die ganze herrschaftskritische Bewgung, samt Holloway und allen Leuten, die autonom Räume besetzen und durch Selbstbestimmte Arbeits- und Lebensformen sich zumindest partiell kapitalistischer Profitmacherei (die auch über Zinserträge stattfindet) entziehen wollen, unter dieser ideologischen Krankheit.
    Nochmal: Man kann das alles kritisieren als untaugliches Instrument gegen den Kapitalismus oder das Wachstum. Vor einer Ablehnung in Bausch und Bogen und einer Denunziation sollte man sich allerdings hüten. Die Konturen einer Postwachstumsökonomie speisen sich aus vielen Quellen der Kritik des Bestehenden, die alle eine gewisse Berechtigung haben, da sie eine Perspektive einnehmen, die andere aufgrund ihres Standpunktes nicht haben können. Niko Paechs Perspektive einer Zurückdrängung von Erwerbsarbeitseinbindung und Arbeitsteilung gehört dazu. Sie ist ja im übrigen eine Zurückdrängung des Steuerungsmediums Geld und Markt, das du und die radikale Wertkritik um Robert Kurz u.a. ja gerne komplett abschaffen möchtest. Was meines Erachtens nicht zu mehr Emanzipation führen würde. Schon in kleinen Gemeinschaften wird das permanente Ausdiskutieren schnell problematisch – jeder, der in einer WG gelebt hat, weiß das. In größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen ist ein permanter basisdemokratischer Versammlungsdiskurs um das Was und Wie der Produktion schlicht und einfach nicht machbar – das sollten wir aus der Empirie, der Geschichte des Sozialismus etwa, erkennen.
    Ich könnte jetzt übrigens, wenn ich deinen Stil gegenüber Niko Paech aufgreifen würde, dir mit der generellen Geld- und Wertkritik mal eben Stalinismusförderung oder Förderung einer Modernefeindlichkeit unterstellen. Doch das sollten wir lieber lassen. Es würde die Berücksichtigung eines berechtigten Hinweises zur ökologischen Krise, der aus einer bestimmten Perspektive gegeben wird, unmöglich machen. Wobei Berücksichtigung nicht bedeutet, das Pendel ins Gegenteil ausschlagen zu lassen. Eine Vergesellschaftung über den Markt hat emanzipative Potenziale, die aber erst durch ökologische und soziale Rahmensetzung (zum Bsp. ein durch Ökosteuern finanziertes Grundeinkommen) zum Vorsschein kommen können.
    In der Hoffnung, dass ich deswegen nicht als Freund der Ausbeutung oder des Kapitals eins auf den Deckel bekomme.
    (Mit “bürgerlich” könnte ich allerdings leben, so proletarisch bin ich nicht)

    Ulrich Schachtschneider

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>