Regionalwährungen: eine Antwort auf Peak Oil?

Der Spuk des Geldes hat viele fest im Griff. So auch manche in der Peak Oil-Debatte. Man hofft, dass Geld gut wird, wenn man es lokal organisiert. Ist dem so? Ein kritischer Blick…

von Andreas Exner

Es ist fast schon ein Stehsatz. Auf die Frage, wie sich die Wirtschaft nach dem Ende des billigen Öls, das wahrscheinlich 2008 eingetreten ist, organisieren soll, wird häufig auf Regionalwährungen verwiesen. Sogar der Vorsitzende der Vereinigung für Ökologische Ökonomie in Deutschland, der ehemalige TV-Moderator Niko Paech, sitzt dieser Illusion auf. Getreu dem Motto von Ernst Friedrich Schumacher, “Small is beautiful”, heißt es beinahe allerorten: Klein ist fein.

Der Wikipedia-Eintrag zu Regiogeld nennt gleich eine ganze Latte an angeblichen Vorteilen. Die Perspektive, die mit dem Regiogeld bzw. einer Regionalwährung verbunden wird, sieht so aus:

Das Ziel von Regiogeldsystemen ist es, die regionale Wirtschaft zu fördern und zu stabilisieren. Durch den kleinen Raum, in dem das Regiogeld verwendet wird, bleibt die Kaufkraft für damit getätigte Geschäfte in der Region, statt ins Ausland oder in Finanzmärkte abzuwandern. Dadurch soll der Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland entgegengewirkt werden.

Klingt im ersten Moment vielleicht logisch. Machen wir einmal einen kritischen Blick auf diese Behauptung. Grundsätzlich ist eine Regionalwährung von einer x-beliebigen Nationalwährung, dem österreichischen Schilling, der deutschen D-Mark, dem Euro, nur durch die Illusionen ihrer Anhänger unterschieden. Es handelt sich dabei de facto um eine Schranke für die überregionale Kooperation, die umso härter wirkt, je enger die “Region” definiert wird. Die Regionalwährung ist, überspitzt gesagt, eine Art von Eisernem Vorhang aus Geld.

Das Ziel von Regiogeld ist letztlich das Wachstum der regionalen Wirtschaft. Was anderes soll die oben genannte “Förderung” und “Stabilisierung” der “regionalen Wirtschaft” sein? Dem unterliegt der Irrglaube, dass das erstens ohne ökologische Schäden abgeht. Und dass es zweitens überhaupt so etwas wie eine “regionale Wirtschaft” im Sinn einer abgrenzbaren Einheit gibt. Zwar bezieht der “regional” produzierende Bäcker alles außer vielleicht sein Mehl aus allen Teilen der Welt, seine Maschinen aus Japan, das Backpulver aus Frankreich, seine Möbel aus Schweden, mit russischem Holz, und die Kunststoff-Behälter für den Teig aus China. Doch für Regionalwährungsfans ist ein Bäcker einfach so wunderbar “regional”. Vermutlich kann man ihm das ansehen.

Neben dem Wachstum der Wirtschaft will die Regionalwährung auch die Schaffung von Arbeitsplätzen ermöglichen. Die Schaffung von Arbeitsplätzen ist nun freilich wirklich sinnlos. Wir müssen vielmehr einen Weg aus der Arbeit – der Tätigkeit unter dem Kommando eines Managements oder kleinen Unternehmers – finden und Reichtum von Oben nach Unten rückverteilen, etwa in Gestalt eines bedingungslosen Grundeinkommens oder eines unbedingten Zugangs zu den Gebrauchswerten, die wir für ein gutes Leben brauchen. Aber einmal davon abgesehen: Was soll eine Regionalwährung zur Schaffung der famosen Arbeitsplätze beitragen? Ein Unternehmer, der nicht bankrottieren will, fragt Arbeitskraft nach, weil er hofft, seinen Profit damit zu steigern. Er vergleicht das vorgeschossene Kapital für Rohstoffe, Maschinen, Infrastruktur und Arbeitskräfte mit dem Return on Investment, dem, was zu ihm an Kapital zurückkehrt, vermehrt um den Profit. Dieser Vergleich ergibt die Profitrate, das Effizienzkriterium der geldbasierten Arbeitsteilung.

Wo kommt der Profit des Unternehmers her? Natürlich nicht aus dem simplen Tausch von Ware gegen Ware oder Ware gegen Geld. Da wird nur bezahlt, was die Ware wert ist. Da kommt nicht mehr Geld heraus als hineingeht. Alles andere wäre Betrug. Der mag zwar vorkommen, ist aber sicher nicht im Sinn unserer Regiogeldfans. Da ein Regiogeld – solange es als simple Einkaufswährung konzipiert ist – folglich nur Werte umverteilt und keinen Mehrwert realisiert, kommt weder eine “Förderung” der “regionalen” Wirtschaft heraus, noch entstehen Arbeitsplätze.

Sofern es Kunden anzieht und damit die Realisierung von Mehrwert, die Lukrierung von Profiten erleichtert, “stabilisiert” es die “regionale” Wirtschaft. Dieser Effekt resultiert jedoch lediglich aus einer spezifischen Marketingstrategie, die das “Regionale” als Werbeelement einsetzt, genau wie die unzähligen “regionalen” Produkte, die unsere Supermarktregale bevölkern, das tun, oder es im Rahmen der “Made in Austria”-Initiative der 1980er Jahre geschah. Ob die Kunden in Peking oder Oberpfremstätten wohnen, ist für diesen Effekt grundsätzlich egal. “Made in Austria” warb zwar um österreichische Konsumenten, hätte aber auch gegen chinesische Nachfrage keinen Einwand gehabt.

Grundsätzlich “fördert” ein Regiogeld, solange es nur eine Art Einkaufswährung ist, die “regionale” Wirtschaft nicht und schafft auch keine Arbeitsplätze. Was die Leute konsumieren, fällt dem Verzehr anheim. Nach erfolgtem Konsum sind die Brötchen  im Magen gelandet und der Bäcker hat einen Teil der Kosten seiner japanischen Maschinen amortisiert. Mehr ist da nicht passiert. Das gilt in jedem Fall: Jener abstrakte ökonomische Wert, der in den Konsum eingeht, steht für eine Investition nicht mehr zur Verfügung. Wenn nicht investiert werden kann, werden allerdings auch keine zusätzlichen Arbeitskräfte nachgefragt. Fehlende Investitionen beeinträchtigen die Konkurrenzfähigkeit und damit auch den Erhalt der bestehenden Arbeitsplätze.

Anders sähe die Sache vielleicht aus, würde ein Regiogeld wirklich einen geschlossenen Wirtschaftszusammenhang bilden – was die realexistierenden Regiogelder offenbar nicht tun. Ähnlich wie im Frühkapitalismus würden die Arbeitskräfte, die sich in den kleinen feinen Bäckereien verausgaben, ihren Lohn nur in den Backstuben des Backstubeneigners ausgeben dürfen oder in den Backstuben des freundlich zähnefletschenden Konkurrenzbäckers um die Ecke. Der Konsum selbst schafft zwar nach wie vor keinen Mehrwert, dafür ermöglicht ein so konzipiertes Regiogeld dem Bäcker, der so “regional” aussieht, erstens Mehrwert aus seinen Untergebenen auszupressen (was er freilich so und so tut) und zweitens diesen auch “regional” zu realisieren, nämlich in Münzen, Scheinen oder Buchungen der Regiogeldwährung. (Ob er das Regiogeld dann lokal investieren würde, steht freilich auf einem anderen Blatt.)

Das geht, indem er ihnen den Wert ihrer Ware Arbeitskraft bezahlt, die sie am Arbeitsmarkt an ihn verkauft haben, und sie darüberhinaus länger arbeiten lässt als nötig ist um ihren eigenen Wert hereinzuspielen. Dabei geht alles nach den gerechten Gesetzen des Warentausches zu, denn der Bäcker hat ja, ehrlich und rechtschaffen wie er ist, den Gebrauchswert der Ware Arbeitskraft für sich gekauft. Und der besteht für einen konkurrenzbewussten Unternehmer, der, wie die Regiogeldfans hoffen, auch noch nächstes Jahr “regionale” Brötchen backen lässt, darin, Mehrwert zu schaffen.

Es ist in der Tat ein recht vertrautes Spiel, woraus die Regiogeldfans eine “andere Welt” basteln wollen. So suggeriert der Wikipedia-Eintrag:

Das Geldsystem ist ein bedeutender Bestandteil der sozialen Umwelt der Menschen. Die Konditionen dieser Umwelt in ihren wesentlichen Aspekten innerhalb möglichst überschaubarer Strukturen selbst beeinflussen zu können, ist eine Grundvoraussetzung für demokratisches Engagement. In diesem Sinn entsprechen regionale Geldsysteme dem Prinzip der Subsidiarität. Sie stehen der Behauptung politischer Alternativlosigkeit entgegen und sollen die Behauptung globaler finanzpolitischer Sachzwänge im Sinne des Thatcherismus widerlegen, indem sie den demokratischen Handlungsspielraum der Menschen erweitern.

Man ist erstaunt, was die Illusion so alles hervorzuzaubern vermag. Das vorgebliche “demokratische Engagement” besteht im gemeinen Interesse der Bruderschaft jener Kapitalisten und ihrer Aspiranten, die weniger für den Weltmarkt und mehr für den lokalen Markt produzieren, unterstützt von gutgläubigen Regiogeldfans und den üblichen Kommunalpolitikern. Für sie verbindet das Regiogeld den Vorteil einer normalen Einkaufswährung, wie, um ein Beispiel von vielleicht Hunderttausenden zu nennen, der Klagenfurter City-Taler, mit der emotionell aufgeladenen und dem Marketing sicher dienlichen Aura eines “anderen Wirtschaftens”, das in die Idee des Regiogeldes projiziert wird. Können die Konsumenten, die ja zugleich – als Lohnabhängige – die Produzenten sind, bestimmen, was, wie in welcher Menge produziert wird? Können sie die Preise beeinflussen? Sofern ein Regiogeld anders funktioniert als eine herkömmliche Währung, so ist das gerade der Kooperation geschuldet und nicht dem Markt. Es gilt daher die Kooperation auszubauen und den Markt zurückzudrängen.

Dass ein Regiogeld bzw. eine Regionalwährung im Grunde nichts anderes als eine Nationalwährung (bei der das nationalstaatliche Territorium als “Region” fungiert) oder ein normales kapitalistisches Gutscheinsystem darstellt, ist übrigens auch dem Wikipedia-Eintrag zu Regiogeld zu entnehmen:

Um den Regiogeldern einen Wert zu geben, sind diese durch hinterlegte Währungen oder durch Leistungsversprechen gedeckt. Die meisten in Deutschland befindlichen Regiogelder sind durch Euro gedeckt, Regiogelder in der Schweiz durch Schweizer Franken oder Leistungsversprechen. Die Emission erfolgt dabei durch Eintausch von Euro im Verhältnis 1:1. Der Rücktausch ist zu einem Festkurs (meist ca. 95%) garantiert. Neuere Regiogelder sind durch Leistungsgarantien bzw. Akzeptanzverpflichtungen der teilnehmenden Unternehmen gedeckt. Bei diesen erfolgt die Emission in Verbindung mit der vertraglichen Verpflichtung zur Akzeptanz des Regiogeldes. Die Emission ähnelt damit einer gemeinsamen Gutscheinausgabe durch die Unternehmen. Mit dem Regiogeld kann man dadurch bei allen Teilnehmern Leistungen einkaufen. Der Rücktauschkurs in Euro kann nicht garantiert werden und entwickelt sich am Markt. Leistungsgedeckte Regiogelder sind Verrechnungssysteme auf der Basis von wechselseitigem Kredit. Funktional entsprechen sie damit teilweise den bekannten Bartersystemen, erheben aber in der Regel keine Umsatzgebühr.

Eine wirkliche demokratische Regelung des regionalen Stoffwechsels würde das Geld unnötig machen. Man würde in Kooperation vereinbaren, was wer wie produziert. Solidarökonomische Produktionsketten wie Justa Trama sind Anknüpfungspunkt für eine solche Perspektive. Auch die Kibbutzbewegung in den 1960er Jahren zeigte, dass eine komplexe Arbeitsteilung auf diese Weise möglich ist. Die partizipative Online-Plattform Vivir Bien enthält viele Beispiele solidarökonomischer Projekte, die, regional und überregional vernetzt, tatsächlich eine kooperative Synergie zustande bringen könnten.

Ein sehr erfolgreiches Beispiel einer solidarischen Regionalökonomie ist die Mega-Kooperative Mondragon im spanischen Baskenland. Allerdings hängt Mondragon stark vom Weltmarkt ab. Selbst im Fall dieses “regionalwirtschaftlichen Leuchtturmbeispiels”, im Vergleich wozu die Regionalwährungsprojekte winzig erscheinen, ist also der Markt einer wirklich stabilen und nicht wachstumsorientierten Ökonomie abträglich. (Mondragon hätte allerdings vermutlich relativ gute institutionelle Voraussetzungen, sich vom Weltmarkt weitgehend zu entkoppeln und überregionale Marktbeziehungen durch Kooperation zu ersetzen.)

Gänzlich fehlgeleitet ist die Ansicht vieler Regiogeldfans, dass der Zins die “Übel des Kapitalismus”, darunter den Wachstumszwang, der auf der Konkurrenz beruht, und den Wachstumsdrang, der aus dem abstrakten Charakter des Geldes resultiert, bewirkt. Auch hier leistet ihnen der ökologische Ökonom Niko Paech seine Schützenhilfe. Seltsam. Denn man erfährt sogar in der Zeitung, dass Zinsen das Wachstum abwürgen und die Arbeitslosigkeit in die Höhe treiben. Wir haben diese eigenartige Illusion einmal in einem eigenen Artikel “Bye bye Zinskritik… Über die Grenzen der Tauschkreise und den Unsinn der Freiwirtschaft” lang und breit durchleuchtet.

Mit einer Anpassung an Peak Oil haben Regionalwährungsprojekte nichts zu tun. Der ehrlich schaffende “regionale” Bäcker mit seinen profitproduzierenden Angestellten, der freundlich zähnefletschend gegen den “regionalen” Bäcker nebenan konkurriert und dabei seine Profitrate – das Effizienzkriterum der geldbasierten Arbeitsteilung – maximiert, wird sich nach Peak Oil mit dem Problem konfrontiert sehen, dass ihm Ersatzteile für seine japanischen Maschinen fehlen und er eventuell in Zahlungsschwierigkeiten gerät oder gar seine Kreditwürdigkeit verliert.

Da ist dann wohl eher Kooperation gefragt als Markt, Regiogeld und ökologisch-ökonomische Illusionen.

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2 Responses to Regionalwährungen: eine Antwort auf Peak Oil?

  1. Norbert says:

    Oh, hier hat jemand ein sehr klares Bild eines Unternehmers: Dieser ist der Ausbeuter schlechthin und sein Leben besteht in Profitmaximierung und Ausbeutung möglichst vieler Angestellter. Dass Bäcker gern backen, Landwirte gern Pflanzen ziehen, Spediteure gern fahren oder Tischler gern mit Holz arbeiten kommt nicht in die Tüte: Jeder, der nicht fremdgesteuert arbeitet ist der böse Kapitalist.

    Mit diesem Weltbild kann man natürlich nicht sehen, dass Regiogeld Kooperation befördert. Eben weil es die teilnehmenden Akteure durch monetären Druck dazu auffordert, sich Zulieferer in der Region zu suchen. Dass man durch Nähe besser ins Gespräch miteinander kommt und Gespräch die Grundlage jeder Kooperation ist, dürfen wir gern übersehen, wenn wir nur möglichst alles in einen Topf werfen: Den Status Quo, der globale Handelsnetze hervorgebracht hat, die Marketing-Münzen von Stadtmarketingmachern und die kollaborativen Systeme namens Regiogeld.

    Die Idee, dass Regiogeld Nachdenken über ökonomische Zusammenhänge auslöst und bei Verbrauchern wie Unternehmern die Frage auslöst “Woher bezieh ich eigentlich meine Waren?” – weggewischt. Die Idee, dass Regiogeld-Erlöse systembedingt wieder in derselben Region ausgegeben werden müssen und dadurch zur Regionalisierung der Wertschöpfungsketten beitragen – weggewischt. Der Gedanke, dass solcherart Regionalisierung sehr hilfreich wäre, wenn Peak Oil steigende Transportkosten, Transformationsarbeitelosigkeit und soziale Unruhe mit sich bringt – weggewischt. Der Wunsch zu mehr Demokratie auch im Wirtschaftsbereich – am Beispiel der als Verein oder Genossenschaft organisierten Regiogelder eben auch auf den Finanzsektor übertragen – beiseite gelegt.

    Es gilt nur: Alles, was mit Geld zu tun hat, ist kapitalistisch und damit schlecht. Dass Entwicklung Entwicklungsstufen beinhaltet, darf durchaus in Betracht gezogen werden. Insofern sollten die Utopisten unter uns, die gern die Welt von heute von schwarz zu weiß malen würden und “wissen”, dass dann alles gut wäre, sich mal mit dem Gedanken anfreunden: Was transportiert denn Regiogeld, was für eure Utopien interessant ist?
    Weil wohin die Geldreise gehen kann, hab ich mal versucht für Telepolis zu beschreiben. Und siehe da: Man nähert sich an:
    http://www.heise.de/tp/artikel/29/29917/1.html

  2. Danke für das Comment. Eine moralische Kapitalismuskritik liegt mir fern. Es ist ganz egal, ob Unternehmer böse oder gut sind. Ein Unternehmer, der im Betrieb mitarbeitet, ist kein Kapitalist. (Was nicht heißt, dass das ein solcher Unternehmer – als Unternehmer, in seiner sozialen Rolle – für die Emanzipation mehr Anknüpfungspunkte bietet.)

    Inwiefern besteht Kooperation darin, sich “Zulieferer in der Region” zu suchen? Welcher Begriff von Kooperation ist das? Ich würde das als eine Marktbeziehung begreifen, nicht als eine der Kooperation (der direkten Zusammenarbeit). Käufer und Verkäufer kooperieren nicht, sie tauschen (was einen Interessensgegensatz impliziert: der Käufer will billig einkaufen, der Verkäufer teuer verkaufen).

    Dass die Einrichtung und Aufrechterhaltung eines Regiogeldes Kooperation erfordert, spreche ich im Eintrag an. Das ist aber noch kein zureichendes Kriterium einer Alternative. Die Kooperation ist im Kapitalismus bekanntlich über alle historische bekannten Ausmaße hinweg entwickelt worden. Auch der Staat kann als (hierarchischer) Kooperationszusammenhang angesehen werden. (Er stellt – zusammen mit der Hausarbeit, dem Ehrenamt etc. – die Bestandsbedingungen des Marktes und des Kapitals her, die diese selbst nicht erzeugen können.) Der springende Punkt ist die Konkurrenz, die den übergreifenden Kontext der Kooperation bildet.

    Du machst eine Gleichung “Nähe = Gespräch = Kooperation” auf, die mich nicht so überzeugt. Die schlimmsten Bürgerkriege sind zwischen ehemaligen Nachbarn entfacht worden (Jugoslawien ist nur ein Beispiel, in Bosnien schossen ehemalige Freunde, jedenfalls Nachbarn, die in alltäglichen Gesprächen standen, aufeinander). Die schlimmsten Streitereien finden vermutlich in Ehen oder sexuellen Beziehungen allgemein statt, das Gespräch ist da nur die Grundlage und das Medium des Konflikts.

    Auf der anderen Seite gibt es viele Beispiele internationaler Solidarität, die nicht auf Nähe beruhen. Freie Software, Open Source etc. beruhen überhaupt nicht auf Nähe und Gespräch (im üblichen Sinn).

    Die Marketingmünzen des Stadt-Kommerz setzt der Wikipedia-Eintrag selbst in enge Verbindung mit dem Regiogeld (siehe oben).

    Nachdenken über ökonomische Zusammenhänge lösen vermutlich ebenso die gegenwärtigen Angriffe auf Sozialleistungen aus. Das alleine ist für mich kein Kriterium für die Sinnhaftigkeit von Regionalwährungen. Dass die Bezugsquellen von Produkten und Gütern stärker öffentlich diskutiert werden sollten, sehe ich auch so. Das Regiogeld bezieht sich jedoch nur auf Konsumgüter, damit leidet es unter derselben Beschränkung wie Fair Trade, Investitionsgüter bleiben ausgeblendet. Dass die Bezugsquellen zu diskutieren sind, heißt m.E. allerdings nicht, dass sie unbedingt lokal sein müssen. Vielen ist nicht bekannt, dass Schifftransport energetisch hocheffizient ist. Ein Apfel aus Neuseeland muss nicht ökologisch schlechter sein wie ein Apfel aus lokaler Produktion. Glashausgemüse vom Nachbarn ist um Größenordnungen energieintensiver als Wintergemüse aus Südspanien. Die Liste ließe sich fortsetzen. Das Regiogeld ist daher mehr eine Ideologie (“klein ist fein”) und nur begrenzt ein Ansatzpunkt, die oben genannten Zusammenhänge, die nicht in einfache Regeln passen, aufzuzeigen und zu diskutieren.

    Die so genannte “Regionalisierung der Wertschöpfungsketten” wische ich nicht weg, sondern diskutiere sie im Artikel recht ausführlich. Da sind auch die engen Grenzen dieses Ansatzes benannt. Auch argumentiere ich, dass das Problem von Arbeitslosigkeit damit gerade nicht angegangen werden kann (das kann man anders sehen, es wäre dann jedoch spannend, dazu Argumente zu lesen).

    Steigende Transportkosten werden per se zur von den Regiogeldanhängern erwünschten Regionalisierung führen (und in noch viel stärkerem Ausmaß als das je mit Regiogeldern möglich wäre). Da sehe ich nicht, was das Regiogeld hier positiv bewirkt.

    Die “Demokratisierung der Wirtschaft” finde ich ganz wichtig. Eine Genossenschaftsbank würde ich aber nun nicht mit einem Regiogeld in eins setzen.

    Dass alles, was mit Geld zu tun hat, kapitalistisch sei, wird im Artikel nicht ausgesagt. Das kapitalistische Produktionsverhältnis ist die Lohnarbeit. Genossenschaften sind nicht kapitalistisch, allerdings liegt das Problem eben tiefer, in der Vermittlung des Stoffwechsels über das Geld. (Auch Genossenschaften müssen konkurrieren, wenn sie nicht Marktbeziehungen durch gemeinsame Absprachen ersetzen.)

    Ich würde mich nicht als Utopisten bezeichnen. Die Geldwirtschaft ruht auf einer Vielzahl an nicht-geldlichen Vermittlungen (Hausarbeit, Ehrenamt, Kooperation im Betrieb, Staat etc.), die ihre Basis bilden. Das Geld diskrimiert diese Basis jedoch systematisch und die Anhänger der Geldwirtschaft vergessen das leider auch zumeist. Wie Du selbst sagst, beruht ja auch das Regiogeld auf Kooperation, also nicht-marktförmigen Beziehungen.

    Ich plädiere also dafür, diese Realität anzuerkennen und weiterzuentwickeln, vom Hier und Jetzt aus, und sich nicht in Utopien zu verlieren.

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