Von der Revolutionierung der Produktivkräfte zur Entwicklung der Gemeingüter

von Peter Fleissner und Andreas Exner (erscheint in “Marxistische Blätter”, 2011)

Es scheint, als ob Gott die von TheoretikerInnen beschworene Kritik am Wirtschaftswachstum durch die Finanz- und Wirtschaftskrise erhört hätte. Fast alle entwickelten Länder erfuhren – gemessen am Brutto-Inlandsprodukt – Schrumpfungsprozesse in der Größenordnung von einigen Prozent oder stagnierten. Mittlerweile wurde durch die Übernahme fauler Kredite und Wertpapiere durch den Staat und umfangreiche Gewährung von Bürgschaften an der Oberfläche business as usual wiederhergestellt. In Deutschland boomt „die Wirtschaft“ wieder. So könnte man beruhigt wieder zur Tagesordnung übergehen, wenn nicht neues Ungemach am Horizont heraufzöge: Die drohende Zahlungsunfähigkeit einzelner Mitgliedsländer des Euroraums. Die Europäische Kommission reagiert mit einem zig Milliarden schweren „Rettungsschirm“ und mit strikten Spar-Auflagen für die betroffenen Länder. In Griechenland gibt es Großdemonstrationen dagegen. Niemand weiß, wie dieses Land wieder aus der Krise herauskommen soll, vor allem, da bislang die Gelder für wachstumsfördernde Investitionen rar sind. In Spanien, das vor einer Abstufung seiner Bonität durch die Ratingagenturen zittert,  hielt die Bewegung „Los Indignados“ (die „Empörten“) wochenlang die Puerta del Sol in Madrid besetzt und dehnte sich in die Provinzen des Landes aus. Sie war inspiriert von der kleinen Broschüre „Empört Euch!“ des ehemaligen französischen Widerstandskämpfers Stéphane Hessel. In Tschechien und Frankreich streikten Tausende gegen die Verschlechterung der sozialen Lage. In Nordafrika, im Jemen, in Syrien kommt es zu Volkserhebungen gegen undemokratische Regierungen und Verfassungen.

Wo sind die Zeiten, als Francis Fukuyama in den 1990er Jahren vom „Ende der Geschichte“ überzeugt war? Dass der Kapitalismus ohnehin so flexibel wäre, dass er alle Krisen selbstorganisiert überwinden könnte – wozu sollten wir dann eine Alternative brauchen? Seine Sicht der Weltlage, dass  sich die Prinzipien des Liberalismus in Form von Demokratie und Marktwirtschaft endgültig und überall auf der Welt (mit Ausnahme der arabischen Länder) durchsetzen würden, ist nun ebenso wie zuvor der Realsozialismus auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet.

Parallel zu diesem Schauspiel gibt es auf der intellektuellen Ebene neue Anstrengungen, die Bedingungen des Wirtschaftswachstums und seine längerfristigen Konsequenzen zu analysieren, und dies nicht nur in Deutschland. Seit der Jahrhundertwende buchstabiert die Antiglobalisierungsbewegung bis heute in verschiedenen Varianten den Satz: „Eine andere Welt ist möglich“. Im Mai 2011 befasste sich in Berlin die von attac organisierte und mit rund 2.500 TeilnehmerInnen gut besuchte Konferenz „Jenseits des Wachstums“ mit der so genannten Postwachstumsökonomie. Dieser Begriff darf nicht als ein weiteres Sanierungsprogramm der gelben Post verstanden werden. Es handelt sich um Vorschläge für emanzipatorische Wege in die Periode nach dem Ende des Wirtschaftswachstums. Der Tenor der Argumentation ist allerdings nicht ganz neu: Dauerndes Wachstum der Wirtschaft ist in einer Welt, die beschränkte Ressourcen und eine endliche Belastungskapazität besitzt, unmöglich. In einer nationalen Variante lassen sich diese Überlegungen schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts finden.

Malthus, Engels und Marx: gesellschaftliche oder natürliche Wachstumsschranken?

Im Jahre 1798 erschien in London ein anonymes Buch. Der Titel begann mit den Worten: „An Essay on the Principle of Population“. Ins Deutsche übertragen lautete er vollständig: „Eine Abhandlung über das Bevölkerungsgesetz, wie es die zukünftige Verbesserung der Gesellschaft beeinflusst, mit Bemerkungen über die Spekulationen von Herrn Godwin, Herrn Condorcet und anderen Autoren“. Binnen Kurzem war die Auflage ausverkauft. Mehr als 20 Gegenschriften wurden gedruckt. Im Jahr 1803 enthüllte ein neues Buch, dessen Titel mit dem gleichen Satz „An Essay on the Principle of Population“ begann, den Autor. Diesmal war der Untertitel noch länger: „Ein Überblick über die früheren und gegenwärtigen Auswirkungen auf das menschliche Glück, mit einer Untersuchung unserer Perspektiven hinsichtlich einer zukünftigen Aufhebung oder Milderung der Übel, die es verursacht.“ Hinter den beiden Büchern verbarg sich der anglikanische Pfarrer Thomas Robert Malthus[1], der zu dieser Zeit als Dozent an einem College in Cambridge und als Hilfsgeistlicher tätig war. Bis 1826 erschienen fünf weitere Auflagen des Essays. Später erhielt er den weltweit ersten Lehrstuhl für Politische Ökonomie der Ostindischen Handelskompanie im britischen Haileybury. Er war zu seiner Zeit einer der einflussreichsten Gesellschaftstheoretiker.

Was machte den Essay so populär? Malthus sagte in seiner Utopie die Verelendung der armen Klassen der Bevölkerung in England voraus. Malthus’ ökonomische Argumentation (die von der moralischen noch nicht getrennt war) beruhte auf der Annahme, dass sich die Bevölkerung jährlich um den gleichen Prozentsatz (also exponentiell) vermehren würde, während die Nahrungsmittelproduktion nur um einen Fixbetrag (also linear) zunehmen könnte. Daraus folgt notwendig, dass pro Kopf immer weniger Nahrungsmittel zur Verfügung stehen. Er sprach einem armen Menschen das Lebensrecht ab, denn

wenn seine Familie nicht die Mittel hat, ihn zu ernähren oder wenn die Gesellschaft seine Arbeit nicht nötig hat, (hat) dieser Mensch…nicht das mindeste Recht, irgend einen Teil von Nahrung zu verlangen, und er ist wirklich zu viel auf der Erde. Bei dem großen Gastmahle der Natur ist durchaus kein Gedecke für ihn gelegt. Die Natur gebietet ihm abzutreten, und sie säumt nicht, selbst diesen Befehl zur Ausführung zu bringen.[2]

Für einen Christenmenschen waren das auch in der damaligen Zeit ziemlich brutale Ansichten. Die Natur musste sowohl als Ursache für die Übervölkerung herhalten wie auch für die Behebung des Ungleichgewichts zwischen Bevölkerung und Ernährungsbasis. Einerseits hätte sie die Menschen mit dem Sexualtrieb ausgestattet, andererseits würde sie durch Armut, Unterernährung und vorzeitigen Tod durch Krankheiten und Seuchen das Gleichgewicht wieder herstellen. Man hört förmlich den Pfarrer sprechen, der den Sexualtrieb verurteilt, den die ungebildeten Schichten nicht zügeln könnten. Folgerichtig schlägt er – diesmal ganz Menschenfreund – eine bessere Erziehung der Armen vor, die präventiv und dämpfend auf den Sexualtrieb und damit auf das Bevölkerungswachstum wirken würde. Empfängnisverhütung (abgesehen von der Methode der Enthaltsamkeit) war für ihn keine Denkmöglichkeit.

Engels‘ Kritik am Bevölkerungsgesetz von Malthus findet sich vor allem in seinem Text „Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie“ (MEW 1, 499ff), der mit den denkwürdigen Worten beginnt:

Die Nationalökonomie entstand als eine natürliche Folge der Ausdehnung des Handels, und mit ihr trat an die Stelle des einfachen, unwissenschaftlichen Schachers ein ausgebildetes System des erlaubten Betrugs, eine komplette Bereicherungswissenschaft.

Dort wird Malthus‘ Bevölkerungstheorie heftig am Zeug geflickt. Sie sei

das rauhste barbarischste System, das je existierte, ein System der Verzweiflung, das alle jene schönen Redensarten von Menschenliebe und Weltbürgertum zu Boden schlug (MEW 1, 501).

Malthus, der Urheber dieser Doktrin, behauptet, daß die Bevölkerung stets auf die Subsistenzmittel drückt, daß, sowie die Produktion gesteigert wird, die Bevölkerung sich in demselben Verhältnis vermehrt und daß die der Bevölkerung inhärente Tendenz, sich über die disponiblen Subsistenzmittel hinaus zu vermehren, die Ursache alles Elends, alles Lasters ist. Denn wenn zuviel Menschen da sind, so müssen sie auf die eine oder die andre Weise aus dem Weg geschafft, entweder gewaltsam getötet werden oder verhungern. Wenn dies aber geschehen ist, so ist wieder eine Lücke da, die sogleich wieder durch andre Vermehrer der Bevölkerung aufgefüllt wird, und so fängt das alte Elend wieder an (MEW 1, 516).

Engels sah ebenfalls die Verelendung breiter Bevölkerungskreise, aber keine Naturnotwendigkeit dafür. Für ihn liegt die Sache ganz anders. Seine Prognose der weiteren Entwicklung der Bevölkerung ist wesentlich optimistischer. Für ihn, der an die Leistungsfähigkeit der Wissenschaft glaubt,

ist die Sache leicht zu erklären. Die der Menschheit zu Gebote stehende Produktionskraft ist unermeßlich. Die Ertragsfähigkeit des Bodens ist durch die Anwendung von Kapital, Arbeit und Wissenschaft ins Unendliche zu steigern (MEW 1, 517).

Einige Seiten später schreibt er:

Wo steht erwiesen, daß die Ertragsfähigkeit des Bodens sich in arithmetischer Progression vermehre? …(es) bleibt noch ein drittes Element, das dem Ökonomen freilich nie etwas gilt, die Wissenschaft, und deren Fortschritt ist so unendlich und wenigstens ebenso rasch als der der Bevölkerung. Welchen Fortschritt verdankt die Agrikultur dieses Jahrhunderts allein der Chemie, ja allein zwei Männern – Sir Humphrey Davy und Justus Liebig? Die Wissenschaft aber vermehrt sich mindestens wie die Bevölkerung; diese vermehrt sich im Verhältnis zur Anzahl der letzten Generation; die Wissenschaft schreitet fort im Verhältnis zu der Masse der Erkenntnis, die ihr von der vorhergehenden Generation hinterlassen wurde, also unter den allergewöhnlichsten Verhältnissen auch in geometrischer Progression – und was ist der Wissenschaft unmöglich? (MEW 1, 521)

Trotz seines Glaubens an die Wissenschaft sieht er sie aber nicht als abstrakte Fähigkeit der Menschen, sondern in Verbindung mit den jeweiligen Produktionsverhältnissen. Um einen alternativen Standpunkt zu gewinnen, vergleicht er den Kapitalismus mit einer noch utopischen Situation, in der das Allgemeininteresse an die Macht gekommen ist:

Diese unermeßliche Produktionsfähigkeit, mit Bewußtsein und im Interesse aller gehandhabt, würde die der Menschheit zufallende Arbeit bald auf ein Minimum verringern; der Konkurrenz überlassen, tut sie dasselbe, aber innerhalb des Gegensatzes. …Ein Teil des Kapitals zirkuliert mit ungeheurer Schnelligkeit, ein andrer liegt tot im Kasten. Ein Teil der Arbeiter arbeitet vierzehn, sechzehn Stunden des Tages, während ein anderer faul und untätig dasteht und verhungert… das ganze Land laboriert an überflüssigem Reichtum und überflüssiger Bevölkerung. Diese Entwicklung der Sache darf der Ökonom nicht für die richtige erkennen; er müßte sonst, wie gesagt, sein ganzes Konkurrenzsystem aufgeben; er müßte die Hohlheit seines Gegensatzes von Produktion und Konsumtion, von überflüssiger Bevölkerung und überflüssigem Reichtum einsehen. Um aber, da das Faktum einmal nicht zu leugnen war, dies Faktum mit der Theorie ins gleiche zu bringen, wurde die Bevölkerungstheorie erfunden (MEW 1, 517).

Die von Malthus prognostizierte überzählige Bevölkerung könnte Marx zum Begriff der „industriellen Reservearmee“ (Karl Marx, das Kapital, Band I. MEW 23, 657ff, 664) inspiriert haben. Er kommt zunächst im Kapital, Band 1, in der 3. Abschnittsüberschrift (MEW 23, 657) Progressive Produktion einer relativen Übervölkerung oder industriellen Reservearmeevor. Dort erläutert Marx:

Wenn aber eine Surplusarbeiterpopulation notwendiges Produkt der Akkumulation oder der Entwicklung des Reichtums auf kapitalistischer Grundlage ist, wird diese Übervölkerung umgekehrt zum Hebel der kapitalistischen Akkumulation, ja zu einer Existenzbedingung der kapitalistischen Produktionsweise. Sie bildet eine disponible industrielle Reservearmee, die dem Kapital ganz so absolut gehört, als ob es sie auf seine eignen Kosten großgezüchtet hätte. Sie schafft für seine wechselnden Verwertungsbedürfnisse das stets bereite exploitable Menschenmaterial, unabhängig von den Schranken der wirklichen Bevölkerungszunahme (MEW 23, 661).

Nur zwei Seiten weiter, auf Seite 663 spricht Marx über Malthus und lässt ihn direkt zu Wort kommen, allerdings zitiert er nicht aus dem „Essay on the Principle of Population“, sondern aus dem ökonomischen Hauptwerk “Principles of Political Economics”[3], das Malthus in seiner zweiten Erfolgswelle erst im Jahr 1820 verfasste. Milder als Engels meint Marx:

Selbst Malthus erkennt in der Übervölkerung, die er, nach seiner bornierten Weise, aus absolutem Überwuchs der Arbeiterbevölkerung, nicht aus ihrer relativen Überzähligmachung deutet, eine Notwendigkeit der modernen Industrie. Er (Malthus P.F.) sagt: ‚Weise Gewohnheiten in bezug auf die Ehe, wenn zu einer gewissen Höhe getrieben unter der Arbeiterklasse eines Landes, das hauptsächlich von Manufaktur und Handel abhängt, würden ihm schädlich sein … Der Natur der Bevölkerung gemäß kann ein Zuwachs von Arbeitern nicht zu Markt geliefert werden, infolge besondrer Nachfrage, bis nach Verlauf von 16 oder 18 Jahren, und die Verwandlung von Revenue in Kapital durch Ersparung kann sehr viel rascher Platz greifen; ein Land ist stets dem ausgesetzt, daß sein Arbeitsfonds rascher wächst als die Bevölkerung‘ (MEW 23, 663).

Laut Fussnote 81 stammt das Zitat im Zitat aus Malthus‘ Schrift aus dem Jahr 1820. Marx gesteht Malthus durchaus zu, in Marx‘ Sinn richtige Einsichten in die

schöne Dreieinigkeit der kapitalistischen Produktion: Überproduktion – Überpopulation – Überkonsumtion, three very delicate monsters, indeed! <drei sehr delikate Ungeheuer, in der Tat!>

gewonnen zu haben. Am Ende der Fußnote verweist er aber wieder auf Engels unbarmherzige Kritik in den “Umrisse(n) zu einer Kritik der Nationalökonomie”.

Der weitere Verlauf der Geschichte seit Malthus‘ Zeiten hat gezeigt, dass Engels mit seiner fortschrittsgläubigen Perspektive richtig lag. Denn praktisch wurde das Problem der Ernährung durch die Mechanisierung der Landwirtschaft, durch verbesserte Düngung und Pflanzensorten mit höherem Ertrag gelöst. Sie führten zu einer starken Zunahme der Arbeits- und Flächenproduktivität, die allerdings, wie sich heute immer deutlicher abzeichnet, nicht nachhaltig sein dürfte. Wir werden weiter unten darauf zurückkommen.

Ist das Kommunistische Manifest wachstumsverliebt?

Malthus‘ Vorstellung von der Verelendung der armen Klassen hat Spuren nicht nur in den Bänden des Kapital, sondern auch im Kommunistischen Manifest hinterlassen. Dort heißt es wie in einem modifizierten Echo seines Bevölkerungsgesetzes:

Der Arbeiter wird zum Pauper, und der Pauperismus entwickelt sich noch schneller als Bevölkerung und Reichtum (MEW 4, 473).

Der Akzent bei Marx und Engels ist aber wesentlich verschoben. Während Malthus die (exponentielle) Bevölkerungsentwicklung dem (linearen) Wachstum des Reichtums gegenüberstellt, heben die Autoren des Manifests den Kern der Sache hervor, dass die Verelendung (der Pauperismus) ursächlich mit Lohnarbeit zusammenhängt. Die betroffene Bevölkerungsgruppe wird konkret benannt. Es ist die ArbeiterInnenklasse, die durch das Bewegungsgesetz des Kapitals in die Verelendung geführt wird. Sie schafft zwar den Reichtum, aber die ArbeiterInnen verfallen der Armut.

Man könnte der Ansicht sein, der Fortschrittsglaube und die damit verbundene ewige Wachstumserwartung wären eine zentrale Dimension des Kommunistischen Manifestes. Auch wenn die beiden Autoren der Kraft der Wissenschaft in einer kommunistischen Gesellschaft einen wesentlichen Anteil an der Bekämpfung des Elends zuschreiben, besitzt der wissenschaftlich-technische Fortschritt in der kapitalistischen Zwangsjacke, wie sie feststellen, widersprüchliche Effekte.

Untersucht man den Text auf „expansive“ Ausdrücke (wie wachsen, zunehmen, vermehren, erweitern, ausdehnen, beschleunigen und ihre entsprechenden Substantiva oder metaphorische Umschreibungen), sind sie so gut wie immer mit den zugehörigen Ursachen oder Erklärungen für die entsprechende Zunahme, Erweiterung, Beschleunigung usw. verknüpft. Es wächst nicht irgendetwas an sich und wird deshalb als faszinierend empfunden, sondern es wächst immer, weil…. Die kausale Erklärung wird in der Regel mitgeliefert. Die folgenden Beispiele sollen (ohne genauere Seitenangaben) in verdichteter Form die Argumentationsweise im Manifest illustrieren:

Der „anwachsende Bedarf“ wird durch „neue Märkte“ ausgelöst. Die neuen Märkte sind Ursache und gleichzeitig Ergebnis von politischen (Kolonisierung), ökonomischen (Handel, Industrie) und technischen Entwicklungen (Maschinerie, Dampfschifffahrt, Eisenbahnen, Chemie in Industrie und Ackerbau, Urbarmachung ganzer Weltteile, Schiffbarmachung der Flüsse, Landkommunikationen, elektrische Telegraphen). Mit ihrer Ausdehnung entwickelte sich die Bourgeoisie und vermehrte sie ihre Kapitalien. Das Bedürfnis nach stets ausgedehnterem Absatz jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Neue Industrien verarbeiten nicht mehr einheimische, sondern den entlegensten Zonen angehörige Rohstoffe. Ihre Fabrikate werden nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht . Der allseitige Verkehr dehnt die Bedürfnisse aus, die zu ihrer Befriedigung die Produkte der entferntesten Länder und Klimate erheischen, und erzeugt allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander. Die enormen Städte mit vermehrter Bevölkerungszahl entstehen durch die Unterwerfung des Landes durch die Bourgeoisie. Dadurch hat sie einen bedeutenden Teil der Bevölkerung dem Idiotismus des Landlebens entrissen.

Die Bourgeoisie hat in ihrer kaum hundertjährigen Klassenherrschaft massenhaftere und kolossalere Produktionskräfte geschaffen als alle vergangenen Generationen zusammen (MEW 4, 467).

Aber die affirmative Beschreibung der Vermehrung der gewaltigen Produktions- und Verkehrsmittel geht einher mit der Gegenbewegung, ihrer Vernichtung. Goethes Zauberlehrling wird als Metapher verwendet. Der Hexenmeister kann die unterirdischen Gewalten, die er selbst gerufen hat, nicht mehr beherrschen. Zum Beleg eine weitere verdichtete Zusammenfassung der Aussagen des Manifests:

In den Handelskrisen werden nicht nur große Teile der erzeugten Produkte, sondern auch der bereits geschaffenen Produktivkräfte regelmäßig vernichtet. Eine gesellschaftliche Epidemie bricht aus, die Epidemie der Überproduktion. Sie versetzt die Gesellschaft plötzlich in einen Zustand momentaner Barbarei zurück. Eine Hungersnot, ein allgemeiner Vernichtungskrieg scheinen ihr alle Lebensmittel abgeschnitten zu haben. Die Industrie, der Handel scheinen vernichtet, und warum? Weil sie zuviel Zivilisation, zuviel Lebensmittel, zuviel Industrie, zuviel Handel besitzt. Die Produktivkräfte sind zu gewaltig für diese Verhältnisse geworden, sie werden von ihnen gehemmt; und sobald sie dies Hemmnis überwinden, bringen sie die ganze bürgerliche Gesellschaft in Unordnung, gefährden sie die Existenz des bürgerlichen Eigentums. Die bürgerlichen Verhältnisse sind zu eng geworden, um den von ihnen erzeugten Reichtum zu fassen. – Wodurch überwindet die Bourgeoisie die Krisen? Einerseits durch die erzwungene Vernichtung einer Masse von Produktivkräften; anderseits durch die Eroberung neuer Märkte und die gründlichere Ausbeutung alter Märkte (MEW 4, 468).

Die Aufhebung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse wird durch Prozesse innerhalb dieser vorbereitet. Die dem Kapitalismus entgegenwirkenden Ursachen werden im Schoß des Kapitalismus geschaffen. Das Proletariat  wird nicht nur größer, sondern es wird stärker und tritt gegenüber dem Kapital selbstbewusster auf:

Das kapitalistische System vermehrt durch die Zunahme der Maschinerie und durch Teilung der Arbeit die Masse der Arbeit, sei es durch Vermehrung der Arbeitsstunden, sei es durch Vermehrung der in einer gegebenen Zeit geforderten Arbeit, durch beschleunigten Lauf der Maschinen usw. Mit der Entwicklung der Industrie vermehrt sich nicht nur das Proletariat; es wird in größeren Massen zusammengedrängt, seine Kraft wächst, und es fühlt sie immer mehr. Die weiter um sich greifende Vereinigung der Arbeiter wird befördert durch die wachsenden Kommunikationsmittel, die von der großen Industrie erzeugt werden und die Arbeiter der verschiedenen Lokalitäten miteinander in Verbindung setzen (MEW 4, 471).

Analysiert man den Text des Kommunistischen Manifests auf mögliche expansive Aussagen in Verbindung mit dem Proletariat als herrschender Klasse, findet man eigentlich nur zwei: Die Vermehrung der Produktivkräfte und die Vermehrung der Nationalfabriken und Produktionsinstrumente (MEW 4, 481). Die Vermehrung der Produktivkräfte könnte als Intensivierung interpretiert werden, einerseits als Steigerung der Arbeitsproduktivität, andererseits als Innovationen bei Produkten und Produktionsprozessen. Beide Deutungen müssen nicht notwendigerweise (können aber) mit Wirtschaftswachstum und einem (damit gekoppelten) wachsenden Ressourcenverbrauch einhergehen. Eindeutig expansiv ist dagegen die Aussage über die Nationalfabriken und Produktionsinstrumente. Ihr Zweck wird im letzten Satz des zweiten Abschnitts klar:

An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die freie Entwicklung aller ist (MEW 4, 482).

Die Produktion dient nicht mehr der Bereicherung einer Minderheit, sondern der Bedürfnisbefriedigung der assoziierten Produzenten.

Woher kommt die wachstumsaffirmative Interpretation des Kommunistischen Manifests also? Sie wird vor allem durch deskriptive Aussagen über zeitgenössische expansive Prozesse erzeugt, die Marx und Engels zwar differenziert analysieren, jedoch grundsätzlich positiv bewerten. Sieht man von der normativen Annahme einer „historischen Mission“ der Bourgeoisie ab, die Produktivkräfte zu entwickeln, so erkennt man ein Netz von Kausalbeziehungen (fast ist man genötigt, sie im Sinn der modernen Systemtheorie als Rückkopplungsschleifen zu bezeichnen), welche die wesentlichen Züge des kapitalistischen Systems beschreiben. Die Wachstumsverliebtheit wird sofort relativiert, wenn Marx und Engels den expansiven und erweiternden Prozessen Krisen, Vernichtungs- und Schrumpfungsprozesse gegenüberstellen. Der langfristig noch wichtigere Gegenprozess, der für die qualitative Veränderung des Kapitalismus ganz zentral ist und aus der Funktionsweise des Kapitalismus selbst folgt, besteht laut Manifest in der Herausbildung eines Proletariats im Schoße der alten Gesellschaft, das dem System nur durch seine eigene politische Emanzipation und damit durch Aufhebung der Klassenspaltung entkommen kann.

Welche Gestalt wird die Gesellschaft der Zukunft haben?

Mehr als 200 Jahre später drängen die Überlegungen von Malthus wieder ins Bewusstsein. Vermutlich wurde bereits der Höhepunkt der Erdölförderung, Peak Oil, erreicht, oder er steht kurz bevor. Ähnlich bei Erdgas. Bei Kohle ist ein Peak um 2025 zu erwarten. Bereits heute sinkt der Nettoenergiegewinn in der Nutzung fossiler Ressourcen. Der Produktivitätsfortschritt verliert nach den fossilen Peaks seine bisherige Energiebasis. Davon abgesehen nimmt der Fortschritt der Produktivität übrigens nicht nur in der Produktion insgesamt, sondern insbesondere in der Landwirtschaft seit den 1980er Jahren ab. Zwar besteht auch unter post-fossilen Bedingungen kein Naturgesetz der Verelendung oder des Hungers. Die für den Zeitraum um 2050 prognostizierten rund 9 Milliarden Menschen – danach wird die Erdbevölkerung aus demografischen Gründen zurückgehen – können sich grundsätzlich auch nach Peak Oil und Peak Gas ausreichend ernähren[4]. Pestizide müssen nicht aus Erdöl synthetisiert und künstlicher Stickstoffdünger muss nicht aus Erdgas hergestellt werden. Landwirtschaftliche Maschinen sind auch mit biogenen Kraftstoffen zu betreiben, erneuerbare Energien können den elektrischen Strom für den Betrieb von Bewässerungsanlagen liefern. Dennoch: Für einen Sozialismus der Zukunft stellen sich fraglos eine Reihe neuer Herausforderungen.

Das Kapital konnte seine Logik der Produktivkraftsteigerung erst auf der Grundlage fossiler Energien entfalten. Die umfassende Mechanisierung und Proletarisierung bedurfte der Kohle, wie unter anderem Rolf Peter Sieferle historisch aufgezeigt hat. Die energetische und stoffliche Basis der industriellen Revolution bildete der Kohle-Stahl-Komplex. Er erlaubte eine positive Rückkoppelung: gesteigerte Produktivität der Kohlegewinnung durch dampfgetriebene Wasserpumpen in den Bergwerken; gesteigerte Produktivität der Stahlerzeugung durch Einsatz fossiler Kohle (als Reduktionsmittel und Energieträger); gesteigerte Produktivität der Kohlegewinnung und der Stahlproduktion durch vermehrten Einsatz von Arbeitsmitteln aus Stahl (Dampfpumpen, Dampfmaschinen); schließlich: Verwirklichung des Weltmarkts und rasante Beschleunigung des Kapitalumschlags durch ein Transportgerüst aus Kohle und Stahl, dem Dampfschiff und der Eisenbahn. Auch die Autoren des Manifests stellen dies heraus, „der Dampf und die Maschinerie“ revolutionierten „die industrielle Produktion“ (MEW 4, 463).

Die technische Basis aus zuerst Kohle und Stahl, später ergänzt um Erdöl und elektrischen Strom, ermöglichte die Hegemonie des Kapitals. So wurde die Produktion des Mehrwerts im Verlauf des 20. Jahrhunderts in zeitlich, räumlich und inhaltlich begrenztem Maße sozial verträglich. Den Mehrwert erpresste das Kapital nun vor allem auf indirektem Wege, durch Verbilligung der Lebenshaltungskosten. Dieser „produktivistische Sozialpakt“ (Elmar Altvater) des Fordismus, der auch den Postfordismus noch charakterisierte, erodiert jedoch angesichts der Ressourcenverknappungen des 21. Jahrhunderts. Freilich, die Produktivitätsfortschritte aus der Epoche der „fossilen Bourgeoisie“ gehen nicht unbedingt verloren. Doch ist ihr Fortbestand zugleich keineswegs gesichert. Die erneuerbaren sind von geringerer technischer Qualität als die fossilen Energien: ihre Bereitstellung und ihr Transport sind relativ aufwändig, ihr Nachschub ist keineswegs in immer größerem Ausmaß und zu fortschreitend geringeren Kosten zu bewerkstelligen. Saisonale und tageszeitliche Schwankungen von Wind- und Sonnenkraft könnte man mit Speichertechnologien ausgleichen. Doch sind diese relativ teuer und benötigen zusehends knappe Metalle. Es ist nicht auszuschließen, dass „smart grids“ die Volatilität der erneuerbaren Energieversorgung reduzieren könnten. Doch bleibt das zu beweisen. Zweifel an übertriebenen Hoffnungen sind angebracht.

Auf jeden Fall benötigt der Übergang in ein Zeitalter erneuerbarer Energiegewinnung zuerst einmal Investitionen in Form fossiler Energien, und deren Verfügbarkeit nimmt ab. Auch steigt nach den fossilen Peaks der Aufwand, um ein und dieselbe fossile Energiemenge zu gewinnen. Die vernünftige, sozial ausgleichende Lenkung der knappen fossilen „Startressourcen“ in den Aufbau eines langfristig tragfähigen erneuerbaren Energiesystems, das auch im 21. Jahrhundert ein hohes Niveau der Produktivität der Arbeit garantieren könnte, erfordert mithin genau jene Produktionsverhältnisse, die sich, anders als Marx und Engels annahmen, aus den kapitalistischen Produktionsverhältnissen bisher nicht entwickelt haben.

Das Kommunistische Manifest trägt deutlich die Muttermale jener Produktionsweise, worin sich die soziale Logik der Herrschaft des Kapitals mit einer historisch einmaligen und unwiederbringlich schwindenden Energiebasis fossiler Natur verquickte. So fordern die Autoren in der achten und der neunten „Maßregel“ für die „fortgeschrittensten Länder“ unter anderem die „Errichtung industrieller Armeen, besonders für den Ackerbau“ und die „Vereinigung des Betriebs von Ackerbau und Industrie“ (MEW 4, 481). Dies wurde in der Tat das Programm des Fordismus, namentlich in den USA, in der UdSSR und ihren Nachfolgestaaten. Die schwerwiegenden Folgen in sozialer und ökologischer Hinsicht sind heute bekannt.

So wenig das Kommunistische Manifest sich auf eine Wachstumsideologie festlegen lässt, so wenig bietet es also angesichts der Krise des fossilen Entwicklungsmodells Ansatzpunkte für einen Ausstieg. Man darf sich in dieser Frage wohl eher des späten Marx erinnern. Nicht allein des Marx des Kapital, das Abschied nimmt von der naiven Auffassung im Manifest, der Klassengegensatz sei mit dem Aufkommen der Bourgeoisie durchsichtig geworden, und stattdessen den Fetischismus der Warenform erkannte. Sondern auch des Marx des Briefs an Vera Sassulitsch, worin er festhält:

Rußland ist das einzige Land in Europa, wo sich das Gemeineigentum im großen, nationalen Maßstabe behauptet hat, aber gleichzeitig existiert Rußland in einem modernen historischen Milieu, es ist Zeitgenosse einer höheren Kultur, es ist mit einem Weltmarkt verbunden, auf dem die kapitalistische Produktion vorherrscht. Indem es sich die positiven Ergebnisse dieser Produktionsweise aneignet, ist es also imstande, die noch archaische Form seiner Dorfgemeinde zu entwickeln und umzuformen, statt sie zu zerstören (MEW 19, 398).

Wenig Neues ist hier zu lernen. Doch bietet Marx damit eine Brücke hin zu der Debatte um die natürlichen und gesellschaftlich produzierten Gemeingüter, die uns Heutigen einen Horizont jenseits des kapitalistischen Wachstumsdiktats eröffnen kann. Die Gemeingüter der Gegenwart existieren, ähnlich wie die russische Dorfgemeinde am Ende des 19. Jahrhunderts, zugleich mit den Errungenschaften aus der kapitalistischen Epoche: die bedeutenden Flächen an Commons in Afrika und anderen Teilen der Welt, die digitalen Gemeingüter des World Wide Web, die vielen und zunehmenden Versuche, kollektiv zu produzieren, das heißt Gemeingüter an Produktionsmitteln herzustellen, ja, mitunter auch die Produkte in Gemeingüter zu verwandeln. Dabei sind allen voran die wachsende Zahl an Energiegenossenschaften zu nennen, aber auch Gemeinschaftsgärten und viele weitere Beispiele solidarischer Landwirtschaft. Sie sind der Vorschein einer Welt jenseits der Zwangsjacke des kapitalistischen Akkumulationsgebots und der Sackgasse einer fossilen Ressourcenbasis.

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[1] Malthus (1766 – 1834) stammte aus einer wohlhabenden Familie und war mit David Hume (1711-1776) und mit Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) bekannt. Er ließ sich erst kurz vor seinem Tod 1833 porträtieren, als seine Hasenscharte wegoperiert worden war. Außerdem hatte er einen Wolfsrachen, der seine Aussprache beeinträchtigte.

[2] Zit. nach Adolph Blanqui: Geschichte der politischen Ökonomie in Europa. Zweiter Band. Verlag Detlev Auvermann KG: Glashütten im Taunus 1971

[3] Das Buch Principles of Political Economy stammte aus der zweiten Erfolgsperiode von Malthus. Marx hat sich in den Theorien über den Mehrwert auf 57 Druckseiten mit Malthus auseinandergesetzt (MEW 26.3, 7-63) und dessen Werttheorie mit seiner eigenen verglichen.

[4] Sie dazu den Artikel von Christian Lauk (2009): „Malthus Reloaded? Über natürlich-technische Möglichkeiten und Grenzen der Nahrungsmittelproduktion“ (Streifzüge 46), http://www.streifzuege.org/2009/malthus-reloaded

 

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