“Das Zinssystem ist Schuld” – ein Mythos der Krise – BEIGEWUM/Attac

Im Folgenden der Beitrag zur Entlarvung des Krisenmythos “Das Zinssystem ist Schuld”, der in Teilen der wachstumskritischen Szene fröhliche Urständ feiert aus dem Buch

BEIGEWUM/Attac: “Mythen der Krise. Einsprüche gegen falsche Lehren aus dem großen Crash. Herausgegeben vom Beirat für gesellschafts-, wirtschafts- und umweltpolitische Alternativen und von Attac Österreich. VSA Ver­lag, 128 Sei­ten (Februar 2010)

Die Publikation ist Ergebnis eines Arbeitskreises, an dem folgende Personen teilgenommen haben:

Joachim Becker, Andreas Exner, Georg Feigl, Franziskus Forster, Klemens Himpele, Johannes Jäger, Karin Küblböck, Sebastian Leitner, Markus Marterbauer, Gabriele Michalitsch, Taha Nasr, Claus Puhr, Paul Ramskogler, Werner Raza, Vanessa Redak, Christa Schlager, Helene Schuberth, Martin Schürz, Elisabeth Springler, Engelbert Stockhammer, Beat Weber.

Der Mythos:

Der Zins ist schuld an der Krise. Durch ihn haben sich die Finanzmärkte extrem aufgebläht. Dies hat ein ständiges wirtschaftliches Wachstum erzwungen. Weil das Wachstum für eine Bedienung der hohen Zinsen auf den Finanzmärkten nicht ausreichte, kam es zur Krise. Der Zins bewirkt eine brutale Konkurrenz am Markt und erzeugt enorme Reichtumsunterschiede. Den Kapitalismus und seine Krisen würde ein Geldsystem ohne Zins beseitigen.“

Wer hat sich nicht schon einmal darüber geärgert, für einen Kredit Zinsen zahlen zu müssen? Wäre nicht alles einfacher, müssten die Staaten keinen Schuldendienst mehr leisten? Sind nicht die aufgeblähten Finanzmärkte und ihre Zinsansprüche Ursache der Krise? Solche Fragen stellen sich viele. Doch um zu verstehen, ob der Zins an den Übeln des Kapitalismus schuld hat, muss man weiter fragen.

Geldwirtschaft, Markt und Kapitalismus

Fast alles ist im Kapitalismus zur Ware geworden. Er ist eine „Marktgesellschaft“ durch und durch. Im Unterschied zu anderen Wirtschaftsformen ist im Kapitalismus sogar die Arbeitskraft eine Ware: Lohnabhängige verkaufen einen Teil ihrer Lebenszeit, sie begeben sich unter das Kommando einer anderen Person, die das Recht hat, sie im Rahmen des Arbeitsvertrags wie eine Ware zu „verwerten“. Nur auf diese Weise ist es im Kapitalismus dem Großteil der Menschen möglich, die Mittel für ihren Lebensunterhalt zu erwerben.

Wirtschaften mit Märkten hat es schon in der Antike gegeben, die heutige „Marktwirtschaft“ aber ist historisch relativ jung. Im europäischen Mittelalter etwa handelte man vor allem Luxusgüter, Überschüsse oder Spezialprodukte, die nicht Teil des Alltagsbedarfs waren. Arbeitsmärkte existierten kaum, Haushalte waren überwiegend autark. Zwar gab es auch im Mittelalter Banken und Vermögende, doch wurde Geld kaum durch die Verwertung frei verkäuflicher Arbeitskraft vermehrt, sondern vielmehr durch das Ausnutzen von Preisgefällen, Wucher und Plünderung.

Historisch gesehen besteht ein enger Zusammenhang zwischen Marktwirtschaft, Geldwirtschaft und Kapitalismus. Je mehr Geld im Verlauf der Neuzeit akkumulierte, desto mehr Lohnabhängige gab es. Je mehr Menschen lohnabhängig wurden, desto größer wurde die Bedeutung der Marktwirtschaft: des Gesamtsystems von Arbeitsmarkt, Gütermarkt (für Konsum- und Investitionsgüter) und Finanzmarkt (für profitable Investitionen). Und je wichtiger die Marktwirtschaft und mit ihr die Lohnarbeit wurden, desto stärker hingen gesellschaftliche Entwicklungen und die Interessen der Menschen von der Geldvermehrung ab. Der Kapitalismus ist also kein „Zinssystem“, sondern er beruht auf der Beziehung zwischen Menschen, die ihre Arbeitskraft verkaufen (müssen), weil sie zu den „Habenichtsen“ zählen und jenen, die sie kaufen und anwenden (können), weil sie über die Produktionsmittel verfügen. Die Marktwirtschaft dagegen ist kein unschuldiges Tauschsystem sondern dasjenige System, das Menschen dazu zwingt, alles kaufen zu müssen, was sie zum Leben brauchen und, mangels eigener Produktionsmittel, dafür ihre Lebenszeit zu verkaufen. Kapitalismus und Marktwirtschaft gehören also zusammen.

Kapitalismus bedeutet nicht, dass Kapitalisten die Gesellschaft dominieren, sondern ist eine Art des Zusammen- und Gegeneinanderlebens, in der die Geldvermehrung das Handeln und Denken aller AkteurInnen einschließlich der Gewerkschaften prägt. Zwar gibt es in einer entwickelten kapitalistischen Wirtschaft kleine Selbstständige, die selbst im Betrieb mitarbeiten und keine KapitalistInnen im engen Sinn verkörpern, sowie eine große Zahl von prekarisierten Einzelunternehmerinnen und -unternehmern. Doch auch sie sind auf den kapitalistischen Wirtschaftsmotor angewiesen. Bleiben in den kapitalistischen Sektoren die Profite aus und schrumpfen die Lohneinkommen in der Folge, so leiden sie unter einem Nachfragerückgang für ihre Produkte.

Aber bezeugt die Existenz der kleinen Selbstständigen, die keine KapitalistInnen sind, nicht, dass eine Marktwirtschaft ohne Kapitalismus möglich wäre? Die Antwort lautet: Nein. Der entscheidende Unterschied zwischen Kapitalismus und „Wirtschaft mit Märkten“ (wo selbstständig Produzierende miteinander tauschen, was sie über den Eigenbedarf hinaus herstellen) ist, dass auch die Arbeitskraft zur Ware wird, und sich auf einem Arbeitsmarkt verkaufen muss. Dort liegt für die große Mehrheit, die nicht über Produktionsmittel verfügt, der Zugang zu ihrem Lebensunterhalt. Und nur dort werden Profite in großem Stil und rechtskonform, das heißt ohne Raub und offene Gewalt gemacht. Wäre Lohnarbeit die Tätigkeit einer Minderheit, würden sich also nur wenige direkt (private Betriebe) oder indirekt (Non Profit Organisationen, Staat) dem Kapital verkaufen (müssen), sondern stattdessen alternative Überlebensquellen (z.B. Selbstversorgung) haben, dann würden Märkte eine geringere gesellschaftliche Rolle spielen. Und umgekehrt: Ohne Marktwirtschaft würden die meisten Menschen nicht einer Lohnarbeit nachgehen (müssen). Marktwirtschaft und Kapitalismus gehören zusammen.

Wachstumsmotor Zins?

Geld ist „Bindemittel“ einer Marktwirtschaft, es ist der allgemeine Reichtum: Mit Geld kann man alles kaufen und alles muss sich verkaufbar machen, was als „wertvoll“ gelten soll. Geld ist in einer Marktwirtschaft auch die Basis für soziale Anerkennung. Hungrig zu sein reicht in dieser Wirtschaftsweise nicht aus, um etwas zu essen zu erhalten. Vielmehr ist Geld erforderlich.

Das Geld ist in der kapitalistischen Wirtschaftsweise so gesehen der „wahre Reichtum“. Auf ihn zielt alles hin. Die Kapitalistinnen interessieren nicht die Autos, Haushaltsgeräte oder Tretminen, die sie produzieren lassen, sondern das Geld, das sie damit gewinnen können. Auch die Lohnabhängigen haben kein Interesse an all den Autos, Haushaltsgeräten und Tretminen, die sie jeweils herstellen, sondern zuerst einmal am Geldeinkommen.

Weil (fast) alles für die Produktion Nötige gekauft und das Produkt verkauft werden muss, zählt letztlich nur der monetäre Vergleich. 10.000 Euro auszugeben um Waren im Wert von 10.000 Euro zu produzieren ist in der Logik der Marktwirtschaft sinnlos. Wirtschaftlicher Erfolg kann sich in ihr nicht daran messen, ob konkrete menschliche Bedürfnisse befriedigt worden sind, denn dafür gibt es weder ein Sensorium, noch kann ein Unternehmen von der bloßen Zufriedenheit der AbnehmerInnen leben. Wirtschaftserfolg muss sich zuerst an der Geldvermehrung messen, also daran, dass aus z.B. 10.000 Euro zumindest 10.001 Euro werden. Wenn aber 10.001 Euro besser als 10.000 Euro sind, dann sind 10.002 Euro noch besser, 10.200 Euro oder gar 20.000 Euro umso mehr usw. Ein Geldverlust kann in der Marktwirtschaft niemals als wirtschaftlicher Erfolg gelten, selbst wenn ökologisch und sozial gesehen eine Netto-Schrumpfung der Geldwirtschaft und ihrer Ressourcenverbräuche einen Erfolg darstellen würde.

Geld befriedigt kein konkretes Bedürfnis, es ist abstrakter Reichtum. Seine Vermehrung kann an sich selbst deshalb keine Grenze finden. Während ein konkretes Bedürfnis gestillt werden kann, ist das „Bedürfnis“ nach Geld unstillbar. Darin besteht der Drang zum Wachstum.

In der Marktwirtschaft kann nur überleben und soziale Anerkennung erhalten, wer Geld hat. Deshalb bedeutet der Besitz von mehr Geld Sicherheit. Und so suchen sich tendenziell alle Menschen auf Kosten der jeweils anderen zu bereichern. Darin liegt, im Unterschied zum Wettbewerb um Schönheit, Erfindungsreichtum und konkrete Leistungen, das Wesen der kommerziellen Konkurrenz, des Wettbewerbs um Geldgewinn. Ein Beispiel: Vermehrt ein Unternehmen nicht seinen Profit, so kann es weniger in neue, leistungsfähigere Maschinen investieren. Das wäre ein Konkurrenznachteil und eine Bedrohung seines Überlebens. Weil das für alle Unternehmen gilt, müssen alle ihren Profit maximieren, ob sie wollen oder nicht. Aus der dem Markt eingebauten Konkurrenz resultiert der Zwang zum Wachstum.

Bei fortschreitender Produktivität der Arbeit steigt bei gleichbleibender Arbeitszeit und konstanter Wirtschaftsleistung auch die Arbeitslosigkeit. Dieser Zusammenhang bedingt keinen Wachstumszwang im ökonomischen Sinn. Allerdings wird er häufig herangezogen, um eine Wachstumspolitik zu rechtfertigen, die eine auch ohne sie vorhandene Wachstumsdynamik noch verstärken soll.

Geldgewinne entstehen entweder durch Verwertung von Arbeitskraft oder indem man einen Teil der Profite aus der Arbeitskraftverwertung einstreicht wie eine Bank das in der Form des Zinses tut. Dieser ist insgesamt gesehen freilich immer ein Anteil am Gesamtprofit, der durch Verwertung von Arbeitskraft erwirtschaftet wird. Für die Verwertung der Arbeitskraft spielen Kredite eine wichtige Rolle, weil sie die Wachstumsdynamik des Kapitals noch beschleunigen.

Dabei ist zwischen zwei Kreditformen zu unterscheiden: dem Konsumkredit und dem Investitionskredit. KapitalistInnen nehmen Kredite auf, weil sie damit mehr Investitionen finanzieren und ihre Profite über das Maß hinaus steigern können, das ihr Eigenkapital ermöglicht. Kredite und die dafür zu leistenden Zinszahlungen werden den Unternehmen daher keineswegs aufgezwungen. Ganz im Gegenteil fragen die Unternehmen Kredite zur Maximierung ihrer eigenen Gewinne nach. Das tun sie allerdings nur im Vergleich mit den Zinsen, die sie auf ihr Kapital erhalten, wenn sie dieses selbst verleihen. Sind die Profiterwartungen auf den Finanzmärkten höher als in der „Realwirtschaft“, so werden viele Unternehmen ihr Kapital auf den Finanzmärkten anlegen.

Aufgrund der Kreditnachfrage der Unternehmen kommt übrigens auch der Großteil des Geldes heute „in die Welt“: indem die Banken Geld in Form von Krediten schöpfen. Gewährten die Banken keine Kredite, so würden die Unternehmen sich Geld untereinander borgen, selbstverständlich gegen einen „Preis“, den Zins. Der Zins „entsteht“ also nicht durch Hortung, sondern ganz im Gegenteil „entsteht“ ein Großteil der Geldmenge überhaupt erst durch die freiwillige Nachfrage der Unternehmen nach Kredit. Und der hat, wie (fast) alles in einer Marktwirtschaft, seinen Preis.

Konsumkredite und ein Teil der Staatskredite sind von anderem Charakter: Hier wird das aufgenommene Geld nur verwendet, um Käufe aus der Zukunft vorzuziehen, es wird nicht in die Produktion von Profit investiert. Der Kredit erscheint in solchen Fällen deshalb leicht als „Ausbeutung“. Mit dem kapitalistischen, zur Finanzierung profitabler Investitionen eingesetzten Kredit allerdings hat das nichts zu tun. Selbstverständlich fließen die Zinskosten in die Warenpreise ein und erhöhen so die Lebenshaltungskosten der Lohnabhängigen. Allerdings geht auch der Unternehmensgewinn in die Warenpreise ein. Weder Zins noch Gewinn werden letztlich aber von den Lohnabhängigen „bezahlt“. Gesamtwirtschaftlich gesehen werden Profite (Gewinn und Zins) realisiert, indem die Unternehmer weitere Investitionen, von denen sie sich Gewinne erwarten, tätigen. Würde die gesamte Lohnsumme das gesamte in Geld gemessene Wirtschaftsprodukt kaufen, so gäbe es gesamtwirtschaftlich keinen Profit und keinen Kapitalismus mehr.

Festzuhalten also ist: Der Zins ist nicht die Ursache für das Wachstum des Kapitals. Das sieht man übrigens schon an der gängigen Wirtschaftspolitik: Geht das Wirtschaftswachstum zurück, so senkt die Zentralbank die Zinsen, um die Kreditaufnahme attraktiver zu machen und Investitionen damit zu fördern. Erhöhte die Zentralbank den Zinssatz drastisch, so könnte sie das Wirtschaftswachstum dagegen regelrecht „erwürgen“. Das illustriert der Zinsschock, den die US-Zentralbank 1979zur Inflationsbekämpfung herbeigeführt hatte. Die dramatische Erhöhung der Leitzinsen in den USA löste eine tiefe Rezession der Weltwirtschaft aus. Umgekehrt wirkte die Zinssenkung nach dem Platzen der Internet-Blase 2001 wachstumsfördernd.

Krisenfaktor Zins?

Die Marktwirtschaft ist krisenhaft, nicht, weil sie „schlecht funktioniert“, sondern weil für ihr Funktionieren die menschliche Wohlfahrt als solche kein wirkliches, inneres Kriterium darstellt. Der Mensch kann in ihr nicht als Mensch, sondern nur als KundIn zählen. Zählte er als Mensch, so wäre Geld bedeutungslos und der Markt kein Markt. Solange der Großteil des Kapitals einer Wirtschaft Profit produziert, gibt es für das Kapital keine Krise, selbst wenn Elend um sich greift. Der Profit ist das entscheidende Erfolgskriterium. Umgekehrt aber ist, da der Lebensunterhalt in der Marktwirtschaft von der Kapitalvermehrung abhängt, die ökonomische Krise immer auch eine soziale Krise.

Die Marktwirtschaft ist in sich widersprüchlich, sie kann gar nicht reibungslos funktionieren, selbst wenn alle „guten Willens“ sind. Ihre Widersprüche führen immer wieder zu Krisen, die in einer anderen Wirtschaftsweise nicht auftreten müssten. Ein wichtiger Widerspruch besteht darin, dass zwar alle Akteure der Wirtschaft eng voneinander abhängen, sie ihre Handlungen aber nicht koordinieren. So wird jeder Autokonzern, auch wenn er weiß, dass der Automarkt gesättigt ist, seine Autoproduktion erweitern. Sein Kalkül dabei ist nämlich nicht, ein konkretes Mobilitätsbedürfnis zu befriedigen, sondern Marktanteile zu gewinnen. Handeln alle auf diese Art, so entstehen Überkapazitäten.

Früher oder später wird freilich sichtbar, dass zuviel Kapital in Form von Maschinen und Gebäuden angehäuft worden ist und im Vergleich damit zu wenig Profit durch den Verkauf hereinkommt. Die Krise entwertet Überkapazitäten und schrumpft eine Branche „gesund“ – was zugleich die Lebensperspektiven breiter Schichten zerstört.

Bis 2008 konnte das Wachstum des Geldkapitals auf den Finanzmärkten überdecken, dass die „Realwirtschaft“ seit den 1970er Jahren kein dauerhaft tragfähiges Wachstum mehr erfuhr. Womöglich haben die Kursaufschwünge an den Börsen und das Anwachsen der Schuldenberge das realwirtschaftliche Wachstum nicht erdrückt – anders als manche meinen – das realwirtschaftliche Wachstum nicht „erdrückt”, vielmehr ist das Kapital seit den 1970er Jahren auf die Finanzmärkte geflüchtet, weil die „Realwirtschaft“ in eine tiefe Wachstumskrise aufgrund fallender Profitraten gekommen war.

Die Durchsetzung des Neoliberalismus ab den 1980er Jahren, die Begünstigung der Vermögen, der Abbau von Sozialleistungen, die Intensivierung der Arbeit und die Globalisierung der Finanzmärkte führten zu einer Erholung der Profitraten. Die wachsenden Profite wurden aufgrund der parallelen Liberalisierung der Finanzmärkte allerdings immer weniger in die „Realwirtschaft“ investiert, weshalb auch ihr Wachstum bescheiden blieb. Die Massenkaufkraft stagnierte tendenziell, der weltwirtschaftlich bedeutende Konsum der US-Haushalte wurde wesentlich durch Schulden finanziert.

Ist ein „anderes Geldsystem“ ohne Zins die Lösung?

Die wesentliche „klassische“ ökonomische Krisenursache besteht im Widerspruch zwischen wachsender Vernetzung der wirtschaftlichen AkteurInnen einerseits und dem gleichzeitigen Fehlen gesellschaftlicher Kooperation andererseits – der Zins spielt dafür keine zentrale Rolle. Keines der fundamentalen Probleme der Marktwirtschaft kann durch die Abschaffung des Zinssystems gelöst werden. So gibt es etwa keine Marktwirtschaft ohne Überlebenskonkurrenz. Märkte ohne Konkurrenz um Geldgewinn sind keine (modernen) Märkte. Das Gegenbild zum Kapitalismus ist nicht eine Marktwirtschaft mit einem „anderen Geld“, sondern eine gesellschaftlich bewusst regulierte Wirtschaft.

Ebenso wenig wie Märkte ohne Konkurrenz ist eine Marktwirtschaft ohne Wachstumsdrang möglich. Geldgewinne gelten in ihrer Logik zwangsweise als Erfolg. Gesamtwirtschaftliche Geldverluste, die eine ökologisch (und sozial) sinnvolle „Schrumpfung“ der Geldwirtschaft nach sich ziehen würde, sind in ihr notwendigerweise eine schwere Krise, eine konstante Wirtschaft ohne quantitatives Wachstum von abstraktem „Wert“ bedeutet Stagnation.

Reichtumsunterschiede würden sich auch in einer zinslosen Geldwirtschaft vergrößern. Denn dass die einen Produktionsmittel besitzen und die anderen nicht, ist die Grundlage einer jeden Markt- und damit Geldwirtschaft. Wer Produktionsmittel besitzt, investiert freilich den Großteil des Profits in die Erweiterung des Reichtums, während die Lohnabhängigen gezwungen sind, den Großteil des Einkommens für den Lebensunterhalt auszugeben oder zu sparen. Auch dass die Konkurrenzstarken die Konkurrenzschwachen überrunden und vernichten liegt im Mechanismus der Konkurrenz selbst, nicht im Zins begründet.

Und schließlich hätte ein „anderes Geld“, das zum Beispiel kontinuierlich an Wert verliert, wie das die „Zinskritik“ vorschlägt, selbst eine neue problematische Konsequenz. Es würde, da der Wertverlust eines von der Zinskritik propagierten „Schwundgelds“ de facto wie eine Inflation wirkt, das ökologisch negative Wachstum eher fördern. Investitionen in die „Realwirtschaft“ würden vergleichsweise attraktiver als Anlagen am Finanzmarkt und kapitalintensive Projekte, wie sie ökologisch häufig problematisch sind, begünstigt.

Literatur

Andreas Exner/Stephanie Grohmann: Bye bye Zinskritik… Über die Grenzen der Tauschkreise und den Unsinn der Freiwirtschaft. In: Streifzüge 33/2005.

Michael Heinrich: Kritik der Politischen Ökonomie. Eine Einführung. Stuttgart 2009

Nadja Rakowitz: Einfache Warenproduktion. Ideal und Ideologie. Ça ira-Verlag, 2000

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16 Responses to “Das Zinssystem ist Schuld” – ein Mythos der Krise – BEIGEWUM/Attac

  1. Caruso says:

    Bemerkenswert last not least die Conclusio: Ein “Schwundgeld” wäre schlecht, da es “das ökologisch negative Wachstum” befördern würde. Wow: Wachstum ist ein notwendiges Übel, das wir zwar unbedingt brauchen, aber eigentlich gar nicht wollen. Somit hilft also der Zins allzu übermäßiges (“ökologisch negatives”) Wachstum zu verhindern.

    Aua, wie blöd! Wer fällt denn auf so einen Schwachsinn rein?

  2. Andreas Exner says:

    @caruso:

    das wird im text nicht gesagt. die passage verdeutlicht lediglich, dass die heutige “zinskritik” inkonsistent ist. sie gibt sich wachstumskritisch, würde jedoch de facto wachstum eher fördern. (das war bei silvio gesell noch konsistenter.)

    dass wachstum ein notwendiges übel ist, wird im text nicht einmal andeutungsweise gesagt. wachstum ist in der tat ein übel, aber keineswegs notwendig.

  3. thomas says:

    Der Autor hat anscheinend die Grundrechenarten nicht verstanden haben, denn sonst würde er nicht solch einen Unsinn zum Wirtschafts-/Geldsystem publizieren. Wenden Sie sich bitte an Christian Felber, ebefalls bei Attac Österreich. In seinen Büchern hat er zumindest gezeigt das Geldsystem verstanden zu haben. Er wird Ihnen sicherlich behilflich sein. Ansosnten finden Sie hier zahlreiche Informationen zum Geld: http://www.egon-w-kreutzer.de/Geld/Sammlung%20Geld.html

  4. Matt says:

    Was ein verschwurbelter Mist! Bisher dachte ich immer ATTAC hätte Ahnung von Wirtschaft und deren Akteuren. Grad auch das, was Herr Giegold immer sagt und schreibt, finde ich meist gut. Aber das hier… da fällt mir nichts mehr zu ein.

    Es stehen zwar ein paar richtige Aussagen drin. Aber schon im nächsten Satz kommt dann wieder der Blödsinn. Zudem werden immer schön mit “weil”, “somit” und “deswegen” semantische Begründungen geliefert, die mir inhaltlich jedoch die Haare zu Berge stehen lassen.

    Die Basis des ganzen Artikels, das Menschenbild und die Begriffe sind aufgeladen mit selbstproduzierten Gegensätzen und inhärenten Feindbildern. Kein Wunder, dass die Autoren so viele “Probleme” mit dem Verständnis unserer Welt haben.

  5. Mensch Meier says:

    Leider grundsätzlich falsch. Falsche Annahmen – falsche Schlussfolgerungen am laufenden Band.
    Ein Beispiel im letzten Absatz: Schwundgeld würde de facto wie Inflation wirken?!?!? Wie kommt der Autor bitteschön darauf? Inflation hängt mit der gesamten emitierten Geldmenge zusammen und nicht mit dem Verfallsdatum eines Geldscheins oder Bankguthabens.
    “Denn dass die einen Produktionsmittel besitzen und die anderen nicht, ist die Grundlage einer jeden Markt- und damit Geldwirtschaft.” Ach so? Mal ganz abgesehen vom sozialistischen Modell würde Markt- und Geldwirtschaft auch funktionieren, wenn jeder Produktionsmittel hätte. Stell Dir ein Musterland mit zwei Bauern, zwei Schustern und usw. vor. Jeder hat Produktionsmittel und es gibt sogar ein Krankenhaus. Marktwirtschaft und Geldwirtschaft würde bestens funktionieren.
    “Keines der fundamentalen Probleme der Marktwirtschaft kann durch die Abschaffung des Zinssystems gelöst werden. So gibt es etwa keine Marktwirtschaft ohne Überlebenskonkurrenz. Märkte ohne Konkurrenz um Geldgewinn sind keine (modernen) Märkte.” Da hat der Autor wohl was durcheinander gebracht. Niemand hat etwas gegen Konkurrenz. Das ist gesund und überhaupt kein Problem. Nur leider haben wir keine Marktwirtschaft. Wir haben eine Diktatur der Banken und diese wurde erst durch das Zinssystem möglich.
    Damit will ich es mal belassen. In dem Artikel werden Zusammenhänge dargestellt, die gar nicht existieren. Das Zinssystem ermöglicht die moderne Versklavung ohne dass sich die Menschen dessen bewusst sind. Die fühlen sich frei, sind aber Sklaven des Zinssystems. Sie verarmen zwangsläufig. Das ist Mathematik. Es ist letzlich egal ob wir zu einer gesellschaftlich regulierten oder zu einer freien Marktwirtschaft kommen. Beides ist ohne Zinssystem möglich.

  6. StefanMz says:

    @Andreas: Damit hast du jetzt aber die religiösen Zinskritiker auf den Plan gerufen! Vielleicht ist’s auch nur einer, der hier anonym multiple kommentiert.

    Warum ein negativer Umlaufzins (=Schwundgeld) eine Inflation auslösen soll, verstehe ich allerdings auch nicht. Das Ziel des negativen Umlaufzinses ist der beschleunigte Geldumlauf, und schon allein dadurch, dass damit die Verwertung beschleunigt wird, werden mehr Ressourcen verbraucht. Du brauchst also das Inflationsargument nicht. Ein negativer Strafzins (so absurd der Vorschlag ist) hat mithin den gleichen Effekt wie ein winkender Profit (aus dem die Kreditgeber ihren Anteil als Zins bekommen).

  7. @stefan: die vertreter der zinskritik sind immer eifrig am posten, wenn es zu ihrem thema geht.

    der text ist nicht allein von mir, sondern, wie eingangs zitiert, ein gruppenprodukt. ich stehe allerdings voll dazu.

    der “wertverlust” (schwundgeld) würde das halten von geld verlustreich machen. wirtschaftsakteure würden es möglichst rasch wieder ausgeben und damit die zirkulation von kapital (den “geldumlauf”) beschleunigen. die wirkung käme der einer inflation gleich. auch eine inflation beschleunigt ja in der tat – sofern sie nicht zu hoch ist – die akkumulation; aus dem grund, den du nennst.

    ich schreibe nicht, dass das “schwundgeld” eine inflation auslöst.

  8. francesko says:

    Inflation bedeutet eine “Geldentwertung”, d.h. der Wert der Geldmenge sinkt im Verhältnis zu der von diesem repräsentierten Warenmenge.
    Ein Schwundgeld wirkt ebenso als programmierte Geldentwertung (da der Wertverfall aber fixiert ist, würde er bei jeder Kalkulation miteingepreist und daher leicht ausgehebelt werden) und löst somit die beschriebenen fundamentalen Probleme keineswegs.
    Der Vergleich der Wirkung von Inflation und Schwundgeld ist durchaus korrekt.

  9. Joerg Knall says:

    ich gebe mal die Zinskritik (Quelle: Hörmann / Das Ende des Geldes) wie folgt wieder:
    Geld wird von den Banken (aus Luft) geschöpft (Unternehmen, Privatpersonen, … können kein Geld schöpfen) und als Kredit an Unternehmen, Privatpersonen, etc vergeben. Geld kommt also als reine “Schuld” ins System (Durch die doppelte Buchführung in den Bilanzen tun die Banken aber so, als hätten sie “Guthaben” -> Betrug). Kredite müssen mit Zinsen zurückbezahlt werden (Zinssystem). Auf den Märkten konkurrieren die Kreditnehmer ergo um die Zinsen. Gibt es kein Wachstum, werden Unternehmen auf der Strecke bleiben (aus deren Geld bedienen dann die Anderen ihre Zinsen). Gibt es Wachstum, können alle zurückzahlen, allerdings nur wenn neues Geld ins System kommt (d.h. die “Schuld” wird weitergereicht -> Pyramidenspiel)…
    Soweit klar für mich bis hierher… jetzt würde ich auch sagen: aus dem Zinssystem folgt nicht notwendigerweise Wachstum. Umgekehrt aber: Gibt es Wachstum (und das könnte auch rein “finanzalchemistisches” auf den Finanzmärkten sein), dann vermehrt sich das Geld über das Pyramidenspiel samt Zinsezinseffekt exponentiell. Die “Renditeerwartung” auf Real- und/oder Finanzwirtschaft steigt somit ebenfalls. Die Finanzalchemie (Schulmeister) könnte diese Erwartung erfüllen (Blasenbildung auf den FM), die “Realwirtschaft” (die ja, aus Erfahrung bekannt, maximal schwach linear wächst) aber nie und nimmer. Ergo: Zins ist nicht die Ursache für reales (=ressourcenzehrendes) Wachstum, aber sehr wohl die Ursache für Probleme im Geld- und somit Marktwirtschaftssystem (Blasenbildung).

  10. Ich hab Hörmann nicht gelesen. Die Theorie, die Du schilderst, ist eigentlich meiner Kenntnis nach in der Fachwelt (von der Mainstreamökonomie bis zu den Marxist_innen) bekannt und zutreffend.

    Darin wurzeln aber nicht die kapitalistischen Übel Ungleichheit und Herrschaft, Konkurrenz und Ausschluss, Krise.

    Es ist völlig klar, dass der Kredit notwendig ist um (in Marxschen Begriffen, der immer Wert- und Geldebene unterscheidet) den Mehrwert (der sich auf der Geldebene als Profit darstellt) zu realisieren. Denn der Mehrwert ist ja gerade Resultat der unbezahlten Mehrarbeit. Würde die Arbeit der Lohnabhängigen restlos bezahlt, so würden sie ihr gesamtes Produkt kaufen. Es bliebe kein Wert über, der sich in Profit niederschlägt.

    Es gibt also immer und notwendig eine “Nachfragelücke” im Kapitalismus. Die Löhne decken nicht die gesamte Nachfrage, die nötig ist, um den Profit zu lukrieren. Woher kommt diese zusätzliche Nachfrage? Antwort: aus dem Kredit. Die Kapitalisten schießen einander (über die Bank) Geld vor und die Bank kreiert zusätzlich Geld in Form von Kredit, der ungedeckt ist (das schildert offenbar auch Hörmann).

    Kapitalisten (inkl. der Banken) tun das, weil und sofern sie davon ausgehen, dass in der Zukunft Profite gemacht werden.

    Joan Robinson (eine bekannte Keynesianerin) hat das einmal wie folgt treffend auf den Punkt gebracht: Während die Lohnabhängigen ausgeben, was sie verdienen, verdienen die Kapitalisten das, was sie ausgeben.

    Wir beschreiben das etwas näher in “Die Grenzen des Kapitalismus”.

    Solange die Kreditschöpfung mit dem Wachstum des Profits Schritt hält, gibt es kein Problem. Die Verschuldung als solche muss ja immer in Beziehung gesetzt werden mit der Rückzahlungsfähigkeit. Die Ausdehnung des Kredits (der Schulden) als solcher (als solchen) ist noch kein Krisensymptom. Sie kann genauso dem Umstand zu verdanken sein, dass die Kapitalisten die Akkumulation mit allen Mitteln beschleunigen suchen, also etwa in einer Boomphase.

    Allerdings verschärft das Kreditsystem zugleich mit der Beschleunigung der Verwertung (Kapitalisten können mehr investieren als sie an Eigenkapital haben und noch bevor ihr ausgelegtes Kapital um den Profit vermehrt wieder an sie zurückgeflossen ist) auch die Krisenanfälligkeit, u.a. indem es das spekulative Element der kapitalistischen Produktion (niemand weiß, ob sich ein Unternehmen als profitabel oder eine Anlage als renditeträchtig herausstellen wird) verstärkt.

    Mit Betrug hat das alles nichts zu tun. Dass die Bank von “Guthaben” spricht, ist eine Konvention und praktisch ist es ja ein Guthaben. Dass der Mechanismus der Geldschöpfung erfolgt wie oben skizziert, ist kein Betrug, sondern einfach wie der Kapitalismus funktioniert. “Betrug” könnte es nur sein, wenn zum Beispiel Hörmann bislang glaubte, dass die Banken das ganze Geld auszahlen können, das sie per Kredit “verborgt” haben. Das spräche dann allerdings nicht gerade für ihn als Wirtschaftswissenschafter, um es ein wenig bös zu sagen.

    Eine “exponenzielle Dynamik” gibt es hier nicht. Worin sollte die bestehen?

    Auch sehe ich nicht, dass mit der Ausweitung des Kredits die Profiterwartungen notwendigerweise steigen. Wie sich die Profiterwartungen entwickeln hängt vor allem von der Entwicklung in der Vergangenheit ab. Diese wiederum wird vor allem vom Klassenkampf bestimmt bzw. – damit im Zusammenhang – vom Verhältnis aus Wachstum des Mehrwerts und Wachstum der Investitionskosten.

    Es ist allerdings das Merkmal kapitalistischer Entwicklung, dass sie in einer Berg- und Talfahrt verläuft: steigende Profitraten lassen die Kapitalisten erwarten, dass diese auch in Zukunft steigen werden – das nimmt den Charakter einer sich selbst erfüllenden Prophezeihung an (siehe Robinson oben). Der Höhepunkt des Booms (ob in der “Real-” oder der “Finanzwirtschaft”, die ja miteinander zusammenhängen) wird erreicht, wenn große Investoren zur Einschätzung kommen, dass zuviel investiert worden ist. Dann ziehen sie z.B. Kapital aus den Finanzmärkten ab oder fahren Investitionen zurück. Das schlägt sich in einer Verunsicherung des Investitionsklimas nieder, was die Investitionsbeschränkung verstärkt. Die Profitrate beginnt zu fallen, weil Kapazitäten nicht mehr ausgelastet sind und Aufträge ausfallen. Das verändert die Erwartungen der Kapitalisten, sie beginnen nun davon auszugehen, dass die Profitrate nicht weiter steigen wird oder sogar fällt. Das wird dann zum Teufelskreis.

    Conclusio: Der Zins ist nicht nur KEINE Wachstumsursache (sondern würgt Wachstum ab, wenn er zu hoch wird), sondern auch KEINE Ursache finanzieller Instabilitäten (eher deren Ausdruck, siehe unten). Finanzielle Destabilisierung hat (1) ihre Wurzel in der “realen” Produktion, das heißt dort, wo Profite produziert werden (die dann, nach Abzug des Unternehmensgewinns zum Teil als Zins umverteilt wird, aber auch als Dividende und Grundrente). (2) ist sie nur der besondere Verlauf der dem Kapitalismus eigenen Berg- und Talfahrt in der Finanzsphäre.

    Wäre der Zins bei Null (oder nahe Null), so käme es genauso zu Finanzkrisen – insbesondere solange es globalisierte Finanzmärkte gibt, ist das nicht zu vermeiden. Gäbe es keine globalisierten Finanzmärkte, wären Finanzkrisen weniger scharf, aber Krisen der Realwirtschaft genauso Teil des Kapitalismus. Die für den Neoliberalismus entscheidende Krise der 1970er Jahre fand in einem Umfeld noch relativ eingeschränkter Finanzmärkte statt.

    Steigen die Zinsen, dann ist das bereits Ausdruck “realwirtschaftlicher Problemen”. Zinsen können auch durch politische Intervention (der Zentralbanken) steigen, dramatisch etwa war der Zinsschock der US-FED 1979. Ziel war damals die Wiederherstellung der Vorrangstellung der USA und des US-Dollar.

    Ich denke, Hörmann will zu viel aus den Mechanismen des Kreditsystems ableiten. Da muss man schon tiefer schauen.

  11. Joerg Knall says:

    Ich will trotzdem nochmal versuchen, das Ganze am (Schuld)geldsystem festzumachen. Du schreibst sinngemäß, daß die Nachfragelücke durch den Kredit geschlossen wird (ja: geschlossen werden muß, sonst kein Profit)
    Dieses Geldsystem (und nicht nur der Kapitalimus an sich) braucht also Wachstum wie einen Bissen Brot. Es ist die Voraussetzung dafür, daß das Pyramidenspiel funktioniert (und also nicht zum “Betrug” wird). Denn sonst kollabiert das System, wenn jemand “Will sehen!” ruft. Ich denke, hier gibt es einen schmalen Grat zum Betrug (oder nennen wir es vielleicht “grobe Fahrlässigkeit”) dann, wenn das Kreditsystem fortgeschrieben (die Schulden “weitergereicht” werden) wird, obwohl die Sicherheiten fehlen (zb “Subprime-Krise”).
    Hörmann schlägt vor, ein anderes Geldsystem, in dem Geld nicht mehr als “Schuld”, sondern als reines Informationssystem (um den Warentausch zu ermöglichen) fungiert, zu etablieren. Reiner Warentausch in diesem Sinne, ohne “Schuld”, also auch letzten Endes ohne “Schließung der Nachfragelücke” und somit “Profit” wäre dann auch kein Kapitalismus mehr, was Hörmann allerdings verschweigt. Auch bleibt er meines Wissens bisher detailliertere Antworten über dieses “Informationssystem” schuldig.
    Du trittst ja für das Verschwinden von Geld überhaupt ein. Wäre für Dich, ich nenne es mal ein “Informationssystem für fairen Warentaustausch” denkbar ? Wäre dann die Wachstumszwangproblematik gelöst (ich glaube: Ja) ?
    Ich meine, Ihr macht beide letzten Endes die Probleme am Geld fest. Könnte es sein, daß Ihr genau dasselbe meint, aber nur unterschiedlich ausdrückt?

  12. Joerg Knall says:

    Nachsatz, da oben nicht richtig formuliert: Das System kollabiert so oder so, Wachstum oder nicht, wenn (nicht “jemand” sondern) “viele” “Will sehen!” rufen.

  13. Andreas Exner says:

    Grundsätzlich: Der Kredit beschleunigt die Akkumulation, er ist aber nicht ihre Ursache und nicht ihre unbedingte Voraussetzung. Wie ich schon oben schrieb schießen die Kapitalisten einander ihre Profite vor, vermittelt über die Bank. Diese vergrößert die Investitionsmittel (die Nachfrage) noch über die ungedeckten Kredite. Würde man diese verunmöglichen, so heißt das aber nicht, dass es keinen Profit mehr gibt. Gäbe es keine Banken mehr, würden die Kapitalisten untereinander Kredit gewähren. Die Bank ist eine Institution, die den Kredit effizienter organisiert und erweitert, aber nicht seine Ursache.

    Den Ansatz, den Hörmann Deiner Beschreibung (und meinen Eindrücken nach) vertritt, gibt es schon lange – mindestens seit dem 19. Jahrhundert, wo Pierre Joseph Proudhon eine solche Utopie entwickelt hat. Silvio Gesell schloss Anfang des 20. Jahrhunderts daran an.

    Der Ansatz besteht darin, das Privateigentum an den Produktionsmitteln aufrecht zu erhalten, während das, was man jeweils für die Übel des Kapitalismus hält, verschwinden soll. Er soll “Marktwirtschaft” ohne “Kapitalismus” sein.

    Das ist ein Widerspruch. Die “Marktwirtschaft” beruht gerade darauf, dass die Lebenszeit zu einer Ware wird. Sie ist daher grundlegend Kapitalismus und Klassengesellschaft, Ausbeutung von Arbeitskraft zur Produktion von Profit.

    Was Du als Position Hörmanns darstellst, lässt einen fragen: Worüber soll sein Geldsystem (das keines sein soll) “informieren”? Wenn er das nicht erklären kann, dann hat ja sein Ansatz auch keinen Sinn.

    Klar sollte sein: wenn es keinen Kredit mehr gibt (keine “Schuld” mehr), es sich aber nach wie vor um “Marktwirtschaft” (und, wie ich meine, Kapitalismus) handeln soll, dann kann (1) niemand mehr ein Unternehmen gründen (außer er verfügt bereits über ein Unternehmen und kann eine Neugründung aus den eigenen Profiten finanzieren), (2) werden Investitionen durch die vergangenen Profite limitiert, und (3) wird auch die Marktwirtschaft in gewissem Ausmaß selbst behindert. Es gäbe zum Beispiel keine Konsumentenkredite mehr und Unternehmen, die Käufe tätigen müssen, aber nicht gleich voll finanzieren können, müssten sich vom Markt oder bestimmten Transaktionen zurückziehen.

    Tatsächlich würden einander in der Praxis die Unternehmer selbst und ohne Dazwischenkunft einer Bank Kredit gewähren. Praktisch würde etwa ein Zwischenhändler eben vom Produzenten in China Kredit gewährt bekommen, damit er die Waren, die er etwa in Europa erst zu verkaufen hätte, en gros übernehmen kann. Man kann sich unzählige solcher Situationen vorstellen.

    Wollte man das verhindern, müsste man eine starke Staatsmacht unterstellen – vermutlich mit absoluter Verfügung über die Produktionsmittel.

    Das wäre aber wohl nicht, was Hörmann im Sinn hat.

    Wachstum des Kapitals würde auf die eigenen Profite beschränkt, aber nicht verschwinden. Krisen gäbe es weiterhin, auch eine zunehmende soziale Ungleichheit, anders gesagt die allgemeine Unfreiheit, die eine Marktwirtschaft und ihre versachlichten Zwänge mit sich bringen.

    Investitionen sind stofflich gesehen übrigens grundsätzlich sinnvoll und teilweise sogar notwendig (Ersatzinvestitionen, Steigerung der Ressourceneffizienz bei gleichbleibendem Output, Erweiterung der Produktion in arm gemachten Ländern). Will man sie auf die vergangenen Profite einschränken, so ist nicht gesichert, dass die sinnvollen Investitionen auch getätigt werden (mal davon abgesehen, dass Investitionen auch von den erwarteten Profiten abhängen).

    Kurz: mir scheint, was Hörmann vorschlägt, ist weder neu noch duchdacht.

  14. Joerg Knall says:

    Deine nochmaligen Ausführungen erscheinen mir sehr schlüssig und Du hattest ja eigentlich fast alles schon in Deinen vorigen posts geschrieben.
    Nachdem mir auch nicht klar war, was Hörmann mit “Informationsgeldsystem” meint, habe ich in der Zwischenzeit eine Gelegenheit auf facebook ergriffen, ihn da ein bisschen zu “kitzeln”.
    Er hatte wieder einmal behauptet, daß man nur die Geldschöpfung von der privaten in die zivilgesellschaftliche Hand legen müsse, und dann könnten alle fair und gerecht die Früchte Ihrer Arbeit genießen.
    Im Sinne Deiner Argumentation fragte ich ihn dann, warum dadurch sich die Besitzverhältnisse an den Produktionsmitteln ändern sollten und ob man nicht bei der Produktionsweise (einer solidarischen anstelle einer marktwirtschaftlichen) ansetzen müsse, dann würde sich das Geldproblem von selber lösen.
    Er antwortete mir dann nicht mehr direkt, aber einem anderen user erklärte er (und das war sehr bezeichnend):
    ZITAT:
    “Lieber Oliverio Rodriguez: Wenn man sich zunächst Geld nicht als physische Substanz (Goldstücke) vorstellt, die man im Kreis durch die Gesellschaft schickt (in einer bestimmten Menge und Geschwindigkeit) und realisiert, dass es ja nur eine Aufzeichnung meiner eigenen Leistung ist, mit der ich auf die Leistung anderer in der Gesellschaft zugreifen will, dann sieht man auch, dass Geld immer schon immateriell war (Leistungsgutschrift) und wir nur in bestimmten historischen Epochen dazu gezwungen wurden, Gold als Zwischenware zu verwenden.

    Wenn man dann noch erkennt, dass es Eigentum an Unternehmen (die ja soziale Netze bzw. Produktionsprozesse sind und auf das Know How der Mitarbeiter mehr angewiesen sind als auf Gebäude, Grundstücke und Maschinen), dann merkt man auch, dass jedes “Eigentum an Unternehmen” eine moderne Form der Sklaverei darstellt. Wenn wir alle aber gemeinsam produzieren und die Produkte dann auch gemeinsam verteilen – dann benötigen wir dazu weder Eigentum an Unternehmen noch Geld!”
    ZITATENDE.

    Mein Fazit: Hörmann weiß sehr wohl, daß es letztendlich auf die Produktionsweise ankommt. Und die Geldgeschichte ist nur politische Strategie, um Aufmerksamkeit zu erlangen und nicht gleich ins “kommunistische Eck” gedrängt zu werden.

  15. Andreas Exner says:

    Danke, lieber Jörg.

    …ich weiß nicht. Wie man diese Passagen interpretiert, hängt doch davon ab, was Hörmann unter “Geld” versteht. Nachdem er mit dem “Ende des Geldes” nicht das meint, was ich unter dem Ende von Geld, und damit Tausch, Privateigentum, Lohnarbeit etc. verstehe, bin ich skeptisch.

    Sollte er es wirklich so auffassen, wie ein wohlwollender Beobachter es aufzufassen geneigt ist, dann bleibt zumindest die Erkenntnis, dass auch ein wirrer Geist manchen klaren Gedanken enthalten kann.

    Ich las mal einen Text von Gadaffi, der betonte, dass die Überwindung des Kapitalismus die Überwindung von Geld und Lohnarbeit bedeute.

    Soweit kann ich auch Gadaffi beipflichten.

  16. Dave says:

    Es wird immer wieder vergessen, dass Schulden/Kredite aller Art (Hypotheken, Darlehen, Leasing, Schatzbriefe, Staatsanleihen etc.) zeitlich befristet sind. Mit Ablauf dieser befristeten Zeit muss die Schuld getilgt werden und die Zinsen werden damit hinfällig. Selbst wenn der Schuldner zahlungsunfähig wird muss der Gläubiger auf die (Rest-) Zahlung verzichten und den Kredit abschreiben und damit wird auch der Zins wieder hinfällig. Die Zinsen und Zinseszinsen können sich also nur theoretisch ins unendliche entwickeln. In der Praxis ist dies Sicht wenig nützlich und nur ein Mythos der von den Kritikern der Marktwirtschaft – leider immer wieder erfolgreich – am Leben erhalten wird.

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