Marktsozialismus: eine Scheinalternative

Frühere Debatten um eine Alternative zum Kapitalismus verließen sich zumeist auf den Staat. Der Realsozialismus galt vielen deshalb als Inbegriff eines Weges aus dem Kapitalismus. In schwächerer Form vertrat diesen Weg auch der Keynesianismus der Sozialdemokratie.

Seit der neoliberalen “Konterrevolution” der 1980er Jahre ist der Staat in Verruf geraten und es wird stattdessen der Markt als Vehikel einer Verbesserung der Lebensumstände betrachtet. Das gilt auch für viele ehemals staatstreue Linke und die neuere Globalisierungskritik seit den 1990er Jahren. Die Globalisierungskritik war zuerst eine vor allem nostalgische Bewegung, die sich nun mit großer Zeitverzögerung von einer unreflektierten Staatsgläubigkeit abzuwenden beginnt. Die ehemals staatsgläubigen Positionen schwenken auf unterschiedliche Formen der Marktgläubigkeit um.

Diese Marktgläubigkeit lässt sich – egal wie im Einzelnen benannt – theoretisch im Modell eines Marktsozialismus verdichten: Unternehmen sollen intern mehr oder weniger demokratisch organisiert sein, eventuell auch in eingeschränktem Maße kooperieren, im Wesentlichen aber für Märkte produzieren. Das ist jedoch ebenso eine Sackgasse wie der frühere Staatssozialismus.

von Andreas Exner

Wenn wir Vorschläge für Alternativen zur gegenwärtigen Produktionsweise diskutieren wollen, so ist zuerst immer zu fragen, was die Kernmomente der gegenwärtigen Produktionsweise eigentlich sind. Historisch gesehen ist ihr Grundmerkmal die Lohnabhängigkeit. Geld, Märkte und die Orientierung am Profit sind sehr alt. Die Lohnabhängigkeit ist jedoch eine geschichtlich ziemlich junge Erscheinung und erst sie hat die feudale Gesellschaft komplett umgestaltet, sodass wir es seit rund 150 Jahren mit einer ganz anderen, neuen Produktionsweise zu tun haben. Man nennt sie üblicherweise “die Marktwirtschaft” oder “den Kapitalismus”.

Der Charakter der Lohnabhängigkeit

Was bedeutet die Lohnabhängigkeit als bestimmende Form des Lebensunterhalts? Ich möchte drei Merkmale hervorheben: das Herrschaftsverhältnis, den Verteilungskampf und das Vorherrschen von Märkten.

Lohnabhängigkeit impliziert (1) ein Herrschaftsverhältnis. Dieses Verhältnis besteht zwischen Menschen, die ihren Lebensunterhalt durch Verkauf ihrer Arbeitskraft erzielen müssen einerseits und den Eigentümern der Produktionsmittel andererseits. Die Abhängigkeit von Lohn zwingt die betroffenen Menschen dazu, sich jenen unterzuordnen, die zuerst als Käufer ihrer Ware Arbeitskraft in Erscheinung treten und anschließend im Produktionsprozess die Anwendung der Arbeitskraft, das heißt die Lohnabhängigen selbst befehligen. Dies sind die Kapitalisten oder das von ihnen zur Erfüllung bestimmter Kapitalfunktionen angestellte Personal, das Management.

Lohnabhängigkeit impliziert (2) einen strukturellen vertikalen Verteilungskampf zwischen “denen oben” und “denen unten”. Denn Lohn und Profit (sowie seine Teile Unternehmergewinn, Dividende, Zins und Rente) können nur auf Kosten des jeweils anderen Bestandteils des Volkseinkommens ausgeweitet werden, wird gleichbleibende Produktivität der Arbeit unterstellt.

Lohnabhängigkeit bedeutet (3) das Vorherrschen von Märkten. Sie sind das Medium zur Verteilung der Produktionsmittel, der Konsumgüter sowie des Arbeitspotenzials einer Gesellschaft in der kapitalistische Produktionsweise dominiert.

Der Zusammenhang zwischen der Lohnarbeit als dem dominanten Produktionsverhältnis und dem Vorherrschen von Marktallokation ist einerseits historisch aufzuweisen. Beide Aspekte der kapitalistischen Produktionsweise entwickelten sich parallel und in Abhängigkeit voneinander. Der Markt schreibt die Trennung der unmittelbaren Produzenten von den Produktionsmitteln fest: Nach Abschluss einer Produktionsperiode und dem Verkauf der hergestellten Waren treten die Lohabhängigen als Lohnabhängige, die Kapitalisten als Kapitalisten aus dem Produktionsprozess heraus. Sie reproduzieren damit ihre soziale Stellung. Die Enteignung der unmittelbaren Produzenten, der Bäuerinnen und Bauern ist historisch die Voraussetzung des Marktes als dominanter Vermittlungsform des gesellschaftlichen Stoffwechsels. Die Enteignung ist dem Kapitalismus, der Marktwirtschaft eingeschrieben und wird im Verlauf des Kapitalwachstums immer weiter fortgesetzt und vertieft.

Andererseits besteht der Zusammenhang zwischen Lohnarbeit und dem Vorherrschen von Märkten strukturell. Eine gleichberechtigt-partizipative und bewusste gesellschaftliche Verteilung des gesellschaftlichen Arbeitspotenzials mittels dafür geeigneter Gremien und Aushandlungsprozeduren macht einen Arbeitsmarkt und folglich auch das Lohnverhältnis nicht nur unnötig, sondern ist damit inkompatibel. Ohne einen Arbeitsmarkt verliert jedoch überhaupt der Markt als Allokationsform, als Form der Verteilung seine soziale Grundlage. Die Basis des Arbeitsmarktes ist gerade der Ausschluss der Individuen von der bewussten, gemeinsamen und gleichberechtigten Entscheidung über den gesellschaftlichen Produktionsprozess.

Der Marktsozialismus als Gedankenmodell: Konkurrenz, Bankrotte und ein Monopol?

Dieser Umstand ist am einfachsten mit Hilfe des Gedankenmodells einer (fiktiven) genossenschaftlichen Produktionsweise zu veranschaulichen, deren Allokation (Verteilung) über Märkte gesteuert wird, jedoch ohne dass Lohnarbeit existiert. Es sei idealtypisch vorausgesetzt, dass in dieser fiktiven Wirtschaft ausschließlich Genossenschaften existieren, auch im Bankensektor. In allen Betrieben gilt: eine Person, eine Stimme bei allen Entscheidungen. Die Unternehmen werden zwar von allen Tätigen in gleichberechtigten Abstimmungen gemanaged. Doch gemäß unserer Voraussetzung, dass es sich um einen Marktsozialismus handelt, gibt es keine wesentliche Kooperation zwischen den Genossenschaften. Sie produzieren vielmehr für einen Markt, sie verkaufen ihre Produkte einander.

Was wäre das Resultat?

Die Entscheidungen dieser Genossenschaften sind letzlich voneinander unabhängig: sie sprechen sich nicht vorher ab, was wer braucht und wie es zu produzieren ist. Die Genossenschaften schätzen vielmehr wie die Unternehmen im normalen Kapitalismus auch die Marktlage ein und beginnen ihre Produktion ohne noch genau zu wissen, ob sie gesellschaftlich notwendig ist, ob es genug zahlungsfähige Nachfrage gibt und ob am jeweiligen Stand der Produktivkraft gearbeitet wird. Wenn Märkte die Verteilung aller Güter und Dienste übernehmen sollen, dann muss das so sein. Andernfalls würden Märkte durch irgendeine Form wechselseitiger Absprache ersetzt.

Darüberhinaus würden die einzelnen Genossenschaften aus genau diesem Grund konkurrieren. Denn es vermitteln ja Märkte den gesellschaftlichen Stoffwechsel. Und Märkte ohne Konkurrenz gibt es nicht. Auch wenn in einem Marktsozialismus kein Arbeitsmarkt mehr existiert, weil ja die Genossinnen alle gleichermaßen die Eigentümer der Betriebe und deshalb keine Lohnabhängigen sind, so wären die verbleibenden Märkte für Konsumgüter und Produktionsmittel doch von der Konkurrenz getrieben und geprägt.

Daraus folgt, dass es weiterhin Bankrotte geben wird. Denn im Fall eines wirtschaftlichen Misserfolgs, der in monetären Kategorien ausgedrückt wird, und sich ergibt, wenn die betreffende Genossenschaft Profiterwartungen nicht erfüllt oder Verluste macht, wird das vorgeschossene Kapital entwertet. Die Produktion der jeweiligen Genossenschaft wird für gesellschaftlich ungültig erklärt, ebenso wie das darin investierte Kapital.

Die vom Bankrott betroffenen Genossen müssten in der hier konzipierten Wirtschaftsordnung ihren Lebensunterhalt folglich (1) entweder aus staatlichen Transferleistungen beziehen oder (2) eine neue Genossenschaft gründen oder aber (3) in anderen Genossenschaften Aufnahme finden.

Beziehen sie (1) Transferleistungen, die sie entsprechend genossenschaftlich-partizipativer und menschenrechtlicher Kriterien nicht deutlich schlechter stellen dürfen wie andere Genossinnen, so ist unklar, warum sie ihre Produktion dem Kriterium der (monetären) Konkurrenzfähigkeit unterwerfen sollten. Menschen verfügen aus sich heraus über die Fähigkeit und den Willen zu kooperieren und Probleme zu lösen. Das muss man nicht unter Androhung der Strafe des wirtschaftlichen Untergangs erzwingen. In einem Marktsozialismus dürfte das auch gar nicht geschehen, denn wo wäre dann der große Unterschied zur normalen Marktwirtschaft? Sich einen Marktsozialismus vorzustellen, der sich selbst eine Überlebenskonkurrenz verordnet, macht in etwa so viel Sinn wie ein emanzipiertes Individuum, das sich selbst einem Sadisten unterwirft. Das ist unlogisch.

Soll es den in der Konkurrenz gescheiterten Genossinnen und Genossen (2) möglich sein, eine neue Genossenschaft zu gründen, so benötigen sie erneuten Zugang zu Produktionsmitteln, den ihnen aber nur die anderen Genossenschaften verschaffen können. In diesem Fall wäre unklar, warum ihre Produktion zuerst per Bankrott für ungültig erklärt wird, wenn die bankrottierten Genossinnen in Folge ohnehin erneut Zugang zu Produktionsmitteln erhalten.

Finden sie jedoch (3) in anderen Genossenschaften Aufnahme, so tendierte diese Produktionsweise zu einer fortschreitenden Konzentration der Betriebe. Denn die konkurrenzfähigsten Genossenschaften würden sich durchsetzen. Neu gebildete Genossenschaften würden in der Regel auch bei großzügiger Ausstattung mit Produktionsmitteln nicht über die nötigen Größenvorteile und Kompetenzen verfügen um mit den schon lange bestehenden, wettbewerbsfähigen Genossenschaften erfolgreich zu konkurrieren.

Ein solcher Konzentrationsprozess müsste nicht unbedingt aus sich heraus negative Folgen haben, würde jedoch ebenso fortschreitend dem Prinzip der Marktallokation widersprechen. Denn immer mehr Genossinnen würden nach Bankrott ihrer Betriebe (der in einer Marktwirtschaft ja regelmäßig erfolgt, nicht nur in den in ihr unvermeidlichen Krisenperioden) in die erfolgreichen Betriebe überwechseln.

Eine Möglichkeit bestünde im Verlauf einer solchen Entwicklung, die größten Genossenschaften gleich einem kapitalistischen Konzern, der Profit Centers einrichtet oder Spin Offs bildet, zu zerteilen. So könnte man zwischen ihren einzelnen Abteilungen und Geschäftsbereichen erneut Marktbeziehungen herstellen. Unter den hier skizzierten Bedingungen (fortschreitende Konzentration der Genossenschaften) wäre allerdings fraglich, dass diese selbst die Marktbeziehungen wieder einführen. Denn es waren ja gerade die Marktbeziehungen, die zu den wiederkehrenden Bankrotten, der damit implizierten Vergeudung gesellschaftlicher Ressourcen und den ihr entsprechenden Umstrukturierungen führten.

Lohnarbeit und Märkte sind eine funktionelle Einheit

Dieses Gedankenexperiment sollte anhand eines anschaulichen Beispiels und ausgewählter Aspekte deutlich gemacht haben, dass Lohnarbeit und das Vorherrschen von Märkten eine funktionelle Einheit bilden. Diese funktionelle Einheit verliert bei einer Zurückdrängung von Lohnarbeit im Rahmen einer zweiten „Großen Transformation“ (Polanyi 1973) von der kapitalistischen zu einer nicht-kapitalistischen Produktionsweise – nach der ersten “Großen Transformation” vom Feudalismus zum Kapitalismus – ihre Kohärenz.

Anders gesagt: Wird der Arbeitsmarkt aufgehoben, so besteht aufgrund der dadurch emergierenden, völlig neu entstehenden Systemebene gesellschaftlicher Regelungserfordernisse und politischer Normen eine strukturelle Tendenz, auch die Märkte für Produktionsmittel und Konsumgüter aufzuheben. Man kann sich sicherlich verschiedene Formen eines Marktsozialismus vorstellen. Gäbe es zum Beispiel keine Märkte mehr für Produktionsmittel, sondern nur mehr für Konsumgüter, so könnte man vermutlich kaum mehr von “Marktwirtschaft”, aber auch kaum mehr von “Marktsozialismus” sprechen. Sich derartige Modelle näher anzusehen wäre eine eigene Untersuchung wert.

In diesem Posting ging es wohlgemerkt nur um ein Gedankenmodell. Die real existierenden Experimente mit dem Marktsozialismus, die es in Jugoslawien gegeben hat oder die man in Kuba und in anderen Regionen mit solidarischen Ökonomien beobachten kann, sprechen auch nicht unbedingt dafür, dass dieser Weg ein Ausweg aus dem Kapitalismus ist. Das soll in einem der folgenden Postings das Thema sein.

Die Konklusio ist: Machen wir gleich Nägel mit Köpfen und statt eines Marktsozialismus eine solidarische Postwachstumsökonomie der Gemeingüter.

Alle Einträge, Demonetize.it, Ideen, Perspektiven, Alternativen, , Permalink

One Response to Marktsozialismus: eine Scheinalternative

  1. Peter Slaber says:

    Ein wenig spät aber…

    Wie ich sehe scheinen Sie viel kompetentes Wissen zur Wirtschaftstheorie zu besitzen. Mich als Laie beschäftigt folgendes Thema: Die Frage ist ob idealer Kapitalismus die Notwendigkeit sozialistischer oder solidarischer Wirtschaftsreformationen kompensiert.
    Folgendes Gedankenexperiment:
    Nehmen wir an die ungerechte Gewinnbeteiligung von Arbeitnehmern würde wegfallen und ein Arbeitgeber würde jenen erwirtschafteten Profit gerecht an alle Angestellten verteilen.
    Aufgrund der erforderten Profitorientierung eines Unternehmens würden in einem herrschenden Konkurrenzkampf mehrere Unternehmen florieren und einige bis zum Bankrot verdrängt werden. Angenommen jene verdrängten Arbeiter würden sich dem florierenden Unternehmen anschließen, sodass nur noch Monopole entstehen. Sollte das in allen Produktionsbereichen passieren würden für alle Produkte nur noch Monopole herrschen. Da alle essenziellen Produkte die selbe Nachfrage aufweisen würden, würden sich die Preisverhältnisse ebenso aufeinander abstimmen. Ab einen gewissen Punkt würde praktisch eine vom Kapitalismus erzeugte klassenlose Gesellschaft herrschen.

    Wie gesagt ich bin ein Laie auf diesem Gebiet, würde jedoch gerne Ihre Meinung zu meiner Überlegung hören.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>