Solidarische statt „Gemeinwohl-Ökonomie“

Es geht um klare Perspektiven statt einer Schönfärbung des Unsozialen

von Andreas Exner [via mitbestimmung. zeitschrift für demokratisierung der arbeitswelt, heft 6/2011]

Der Begriff Solidarische Ökonomie bezeichnet eine globale Bewegung, die an vielen Orten der Welt zugleich entstanden ist. Sie findet sich unter verschiedenen Bezeichnungen und existiert in einer großen Vielfalt. Fast denselben Inhalt drückt der Begriff Gemeingüter aus, worunter Ressourcen zu verstehen sind, die eine Gemeinschaft gleichberechtigt nutzt und vor Überbeanspruchung und Privatisierung schützt.

Nicht alle Menschen, die Solidarische Ökonomien praktizieren oder Gemeingüter pflegen, nennen sie auch so. Nicht alle Menschen in solchen Zusammenhängen wissen voneinander. Der Oberbegriff Solidarische Ökonomie ist jedoch für diese bunte Palette alternativer Wirt­schaftsweisen inzwischen am bekanntesten geworden. Solidarische Ökonomien haben vier Merkmale, nämlich

l Kooperation,

l Selbstverwaltung (Demokratie im Inneren),

l Beitrag zum Lebensunterhalt und

l Solidarität mit der Gesellschaft.

So werden die Minimalanforderungen an Solidarische Ökonomien in Brasilien beschrieben, woran sich solidarökonomische Bewegungen überwiegend orientieren – aus gutem Grund.

Zwar gibt es Stimmen, die Solidarische Ökonomie gern als nebulosen „Weichspülerbegriff“ etwa in der Art der so genannten Nachhaltigkeit auffassen wollen. Aus dieser Sicht sollen unter anderem Fair Trade, Tauschkreise oder Regionalwährungen zu Solidarischen Ökono­mien zählen, obwohl sie nicht mehr Kooperation aufweisen als ein kapitalistischer Konzern, ein Kartell oder die Zentralbank und von Selbstverwaltung und gesellschaftlicher Solidarität weit entfernt sind. Sie begründen dies mit einer angeblichen Offenheit und der Dynamik sozialer Bewegung. Das überzeugt allerdings nicht.

Soziale Bewegungen, die dem Kapitalismus, der die Welt immer weiter ins Verderben treibt, wirksam etwas entgegen setzen wollen, müssen wissen, wofür sie sich engagieren. Man kann nicht für die Fortsetzung von Herrschaft, Ungleichheit, Konkurrenz und Krisen unter dem Namen Solidarische Ökonomie eintreten. Wer dies tut, sollte sich lieber einen anderen Begriff suchen. Andernfalls würden früher oder später die Bewegungen, die genau dies wollen, was Solidarische Ökonomie heute im Selbstverständnis der meisten ihrer Akteur/inn/e/n ist, eben einen anderen Begriff wählen.

Diese Klarheit der Ausrichtung ist für jede wirksame Aktion vonnöten. Sie bedeutet indes nicht, dass es eine einzige Lösung für die vielfältigen Probleme gibt, die der Kapitalismus verursacht hat. Ganz im Gegenteil: es gibt zwar den Begriff Solidarische Ökonomie, aber er umfasst eine breite Vielfalt Solidarischer Ökonomien. Auch die Perspektiven ihrer Entwick­lung sind vielfältig und lassen sich nicht über den Kamm eines einzigen Modells scheren. Das ist vielmehr das Programm der „Gemeinwohl-Ökonomie“, die unter anderem von Attac Öster­reich vertreten wird.

Begriff und Diskurs der Solidarischen Ökonomie haben von Lateinamerika ihren Ausgang genommen und wurden so zur Inspiration einschlägiger Strömungen in Europa. In Brasilien gibt es ein eigenes Staatssekretariat für Solidarische Ökonomie, das dazu gehörige Wirt­schaftsweisen fördert und erfasst. Im Jahr 2007 wurden 52 Prozent der Landesfläche kartiert und knapp 22.000 solidarökonomische Zusammenhänge (Betriebe, kooperative Gruppen) gezählt, mit rund 1,6 Millionen Beteiligten.

In Argentinien sind Solidarische Ökonomien ebenfalls relativ gut entwickelt. In Venezuela för­dert die Regierung die Arbeiterselbstverwaltung von Betrieben. Auch in Bolivien und im südmexikanischen Bundesstaat Chiapas gibt es Ansätze, die in eine ähnliche Richtung weisen. In Kuba haben die Solidarischen Ökonomien der Kooperativen (Genossenschaften), der Gemeinschaftsgärten und der sozialen Netzwerke nach dem „künstlichen Peak Oil” von 1989, dem Zusammenbruch der UdSSR, eine Hungerkatastrophe verhindert. Entscheidend für den Erfolg war die dezentrale solidarökonomische Selbstorganisation, die ohne zentrales Konzept und ohne Plan erfolgte.

All diese Beispiele für Solidarische Ökonomien sind eben das, nämlich Beispiele und keine Modelle. Sie illustrieren, dass Solidarische Ökonomien in großem Maßstab existieren (wenn­gleich nach wie vor überall auf der Welt der Kapitalismus dominiert), welche Vorteile sie haben, was sie ermöglichen. Ein positives, tragfähiges Beispiel zeigt freilich nicht, dass auch sein Zusammenhang positiv und tragfähig ist.

Zahlreiche Beispiele

Auch in Europa gibt es viele Beispiele Solidarischer Ökonomien. Das bekannteste ist Mon­dragón, eine komplexe Kooperative im spanischen Baskenland, die seit den 1950erjahren existiert. Sie besteht aus 256 Betrieben, die unter anderem in Hochtechnologie und im Handel aktiv sind und in weltweiten Niederlassungen mehr als 85.000 Personen beschäftigen.

Insbesondere in Italien hat der Genossenschaftssektor, der dort ebenfalls relativ gut dem Leitbild Solidarischer Ökonomien entspricht, eine große regionale wirtschaftliche Bedeutung. So werden in der Emilia Romagna etwa 40 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) im Genos­senschaftssektor produziert.

Die partizipative Online-Plattform Vivir Bien (http://vivirbien.mediavirus.org/) zeigt eine große Zahl solidarökonomischer Pro­jekte mit rund 90 „Ressourcen für solidarische Lebensweisen” allein in Wien.

Energiegenossenschaften sind eine länderweise relativ weit verbreitete Form partizipativer Energieversorgung – so etwa in Dänemark, in England oder Deutschland. In den letzten Jahren gibt es in manchen Regionen einen neuen Aufwärtstrend bei Energiegenossenschaf­ten. Sie sind nicht auf erneuerbare Energien beschränkt, haben dort jedoch einen Schwer­punkt.

Ein eindrucksvolles Beispiel Solidarischer Ökonomie war (und ist in gewissem Sinn nach wie vor) die österreichische Sozialversicherung. Sie verwaltet das zweitgrößte Budget nach dem Staatshaushalt.

Agrargemeinschaften sind in Österreich, aber auch in anderen Ländern, weit verbreitet und bilden hierzulande eine flächenmäßig höchst bedeutsame Form kollektiver Landbewirtschaf­tung, vor allem auf Almen und im Wald. Man kann sie zum Teil als Solidarische Ökonomien begreifen, sofern die Bewirtschaftung intern relativ gleichberechtigt erfolgt und es Elemente solidarischer Beziehungen zur Gesellschaft gibt. Solidarische Landwirtschaft, auf Englisch Community Supported Agriculture (CSA), ist ein weltweit bedeutendes und rasch wachsendes Beispiel Solidarischer Ökonomien. In Japan etwa sind rund ein Viertel aller Haushalte an CSA beteiligt. Gemeinschaftsgärten sind eine weitere wichtige Form Solidarischer Ökonomien.

Solidarische Ökonomien gibt es auch im Bereich Wohnen. Ein Praxis-Leitstern dafür ist das Mietshäusersyndikat in Deutschland. Es besteht aus einem Zusammenschluss von 51 Haus­projekten und 22 Projektinitiativen und umfasst eine große und wachsende Zahl an Mit­gliedern.

Noch weitergehende Kooperationsbeziehungen entwickeln Wohn-Arbeit-Verbünde. So ver­wirklichen die Kooperativen der Longo Maï-Gruppe kollektives Leben, Wohnen und Arbeiten. Sie pflegen darüber hinaus auch eine übergreifende Kooperation mit und solidarische Bezie­hungen zur Gesellschaft insgesamt. Was die wirtschaftliche Dimension und Komplexität an­langt, sind die Kibbuzim der 1960erjahre das geschichtlich bisher eindrücklichste Beispiel. Die Arbeitsteilung in den einzelnen Kibbuz-Siedlungen sowie zwischen ihnen erfolgte koope­rativ, das heißt unter Ausschluss von Kommandohierarchien und ohne Marktbeziehungen. Kooperation ist das Gegenteil von Tausch.

Auch diese Beispiele für Solidarische Ökonomien sind eben das: Beispiele und keine Modelle. Sie weisen zudem verschiedene Schwachstellen und Defizite auf. So produziert Mondragón etwa für den Weltmarkt ,und nur ein Drittel der Belegschaft besteht derzeit aus Genos­s/inn/enschafter/inne/n. Dass Mondragón ein Beispiel Solidarischer Ökonomien ist, heißt nicht, dass es auch ein Ansatzpunkt für die Weiterentwicklung Solidarischer Ökonomien sein wird, ja, überhaupt sein kann.

Im Unterschied zur „Gemeinwohl-Ökonomie“, die bisher gänzlich auf den nationalen Rahmen fixiert ist, verbindet die Solidarische Ökonomie eine sinnvolle lokale mit einer globalen Orien­tierung. Naturgemäß finden sich die besten Beispiele transnationaler Solidarischer Ökono­mien im Bereich der Wissensproduktion. So enthält Wikipedia, die unentgeltliche und auf freiwilliger Kooperation beruhende Online-Enzyklopädie, derzeit 18 Millionen Artikel in ver­schiedenen Sprachen und wird von 365 Millionen Userinnen und Usern genutzt. Zu Solidari­schen Ökonomien zählt Wikipedia, sofern man einen Beitrag zum Lebensunterhalt der Produ­zierenden nicht für ein notwendiges Kriterium ansieht. (Wäre Solidarische Ökonomie bereits die dominierende Wirtschaftsweise geworden, würde auch die Mitarbeit in Projekten wie Wikipedia für den eigenen Lebensunterhalt ausreichen.)

Freie Software beziehungsweise open source-Software entspricht ebenfalls einer solidaröko­nomischen Produktionsweise. Sie hat eine große Zahl an hochqualitativen Produkten (Firefox, Linux, MeeGo und andere) hervorgebracht. Weitere Beispiele transnationaler Solidarischer Ökonomie sind Solidaritätsprojekte wie im Fall der Kaffeekette vom zapatistischen Chiapas nach Europa.

Wie ist vor dem Hintergrund dieser Erfolgsstory die „Gemeinwohl-Ökonomie“ einzuschätzen, die bei Attac Österreich momentan als „das Wirtschaftsmodell der Zukunft” (Christian Felber) gehandelt wird? Sie ist zuerst einmal eine Idee einiger Unternehmerinnen und Unternehmer, die sich bei Attac Österreich engagieren. Sie wollen Gewinne machen und zugleich das „Ge­meinwohl” fördern.

Christian Felber hat zu dieser Idee ein Buch geschrieben. Das „Gemeinwohl”, so Felber, soll in einer Reihe „demokratischer Konvente” definiert und messbar gemacht werden. Die Mes­sung, welchen Beitrag ein Unternehmen zum „Gemeinwohl” leistet, soll in Form einer „Punk­tematrix” erfolgen. Der Anreiz für die Unternehmen, sich an der Punktematrix zu orientieren, liegt in Förderungen, die der Staat daran koppeln soll. Zugleich wird davon ausgegangen, dass die Unternehmen, die viel für das „Gemeinwohl” tun, mehr Waren verkaufen und daher mehr Gewinn machen.

Unternehmer-Utopie

Dieses Konzept ist für ein bestimmtes Milieu von Unternehmer/inne/n potenziell attraktiv. Mit der „Punktematrix” im Auge wollen vor allem relativ konkurrenzschwache, kleinere Unternehmen und prekarisierte Mikrounternehmer/innen auf begünstigende staatliche Förde­rungen hoffen. Darüber hinaus wäre ein gutes Image für sie von geschäftlichem Vorteil, ganz ähnlich wie beim Konzept der Corporate Social Responsibility (CSR), das in Österreich vor allem die Wirtschaftskammer propagiert, weltweit gesehen jedoch eher Konzerne anspricht.

Die Punktematrix für den Beitrag der Unternehmen zum „Gemeinwohl” lässt – wie jede komplizierte und entsprechend intransparente Regelung – viele Schlupflöcher offen. Der Kon­trollaufwand wäre erheblich, weil der Anreiz der Unternehmen, sich an die Punktematrix zu halten, nicht in der Punktematrix selber liegt, sondern vorrangig im Geld, das sie dafür aus staatlichen Töpfen erhalten sollen. Sie würden daher zuerst einmal (wie jetzt auch) danach trachten, Kosten zu minimieren und Einnahmen zu maximieren. Der „Missbrauch” der Punk­tematrix und eine wachsende Bürokratie, diesen einzudämmen, ist in der „Gemeinwohl-Ökonomie“ aus strukturellen Gründen angelegt.

Die „Gemeinwohl-Ökonomie“ verwirklicht kein Kriterium der Solidarischen Ökonomie. Zwar trägt sie zum Lebensunterhalt der Beteiligten bei – doch tut das jedes Unternehmen. Eine solidarische Beziehung zur Gesellschaft entwickelt die „Gemeinwohl-Ökonomie“ nicht. Solidarität bedeutet das Verlernen von Privilegien. Doch die „Gemeinwohl-Ökonomie“ sieht die Auflösung der Trennung zwischen Management und Lohnabhängigen nur für den Fall des Todes der Unternehmerin oder des Unternehmers vor – sofern diese/r das auch wünscht. Die Belegschaft hat darin keine Stimme, gegen die Unternehmer/innenschaft soll sie sich nicht durchsetzen können. Eine gleichberechtigte Integration aller Benachteiligten in die „Gemein­wohl-Ökonomie“ ist nicht einmal angedacht.

Solidarität zur Gesellschaft äußert sich nicht nur in gleichberechtigten, sondern auch in koo­perativen Beziehungen. Kooperation ist das Gegenteil von Marktbeziehungen, von Kauf und Verkauf. Nicht einmal die Unternehmer/innen kooperieren in der „Gemeinwohl-Ökonomie“. Sie sollen sich zwar gemeinsam über die „Punktematrix” unterhalten, die Betriebe verkaufen einander aber nach wie vor ihre Güter und Dienste, anstatt die Produktion gemeinsam zu planen und die Produkte nach dem Bedürfnisprinzip zu verteilen.

Die elitäre Ausrichtung der „Gemeinwohl-Ökonomie” zeigt sich nicht zuletzt im ausschließ­lichen Fokus auf das Management. Wie die bisherigen „Gemeinwohl-Betriebe“, allen voran die Münchener Sparda-Bank zeigen, handelt es sich bei ihren praktischen Ansätzen lediglich um ein Social Washing (soziale Übertünchung; d. Red.), das die Ausbeutung der Lohnabhän­gigen nun mit dem Verweis auf ein nebuloses „Gemeinwohl“ rechtfertigen will. „Wir sind davon überzeugt, dass sich mittel- bis langfristig die Investition in Mitarbeiter immer lohnen und rechnen wird“, bringt es Vorstandschef Helmut Lind auf den Punkt.

Die „Gemeinwohl-Ökonomie” formuliert ein fertiges, abstraktes, kompliziertes und trockenes Konzept mit bürokratischem Charakter und autoritären Schlagseiten, wie sich insbesondere in den Ideen zu einem neuen Schulsystem zeigt. Der wichtigste Problempunkt der „Gemein­wohl-Ökonomie” ist jedoch, dass sie bis auf absehbare Zeit eine Utopie bleiben wird, selbst wenn sie den raschen Zulauf von Unternehmen erhalten sollte, den sie laut Felber benötigt, um sich als eine tragfähige Alternative zu erweisen. Sie kann zwar als eine Initiative von einzelnen Unternehmen starten. Doch ihre Versprechen löst sie bestenfalls dann ein, wenn sie erstens staatliche Förderungen für die „Gemeinwohl-Punkte” erhält und zweitens ein be­deutender Teil aller Umsätze der Weltwirtschaft auf sie entfallen. Hier sei nur gesagt, dass es allein in den USA vermutlich mehr als 24 Millionen Unternehmen gibt.

Demgegenüber sind Solidarische Ökonomien keine Utopie, sondern eine Realität hier und heute. Die Erfahrungen in Argentinien und Venezuela zeigen, dass bei politischem Druck und einer sozialen Bewegung, die sich von den Unternehmer/inne/n distanziert anstatt sich an sie zu klammern, rasche Fortschritte in der Entwicklung Solidarischer Ökonomien gemacht wer­den können.

Solidarische Ökonomien sind die andere Welt, die bereits in der Gegenwart in einer bunten Palette von Ansätzen existiert. Im Unterschied zur „Gemeinwohl-Ökonomie“ haben in ihr viele Welten Platz.

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8 Responses to Solidarische statt „Gemeinwohl-Ökonomie“

  1. Arno Niesner says:

    Ergänzen möchte ich zum Punkt Mondragón, dass dieser genossenschaftliche Verbund vom Vordenker José María Arizmendiarrieta als dritter Weg gesehen wurde, der sich aus dem Zusammenschluss von maximal kleinen bis mittelgroßen Unternehmen ergibt. Mittlerweile hat ihn nach knapp über 50 Jahren seines Betehens seit 1956 die eigene Geschichte eingeholt: vor wenigen Jahren sind zwei Unternehmen (darunter das in den 1990er-Jahren durch genossenschaftliche Kooperation vor der Pleite gerettete Busunternehmen Irizar) ausgeschieden, wohl aus dem Grund, um keine Solidarbeiträge mehr an den Gesamtkonzern leisten zu müssen. Auf der Irizar-Homepage werden allerdings andere – für mich nicht nachvollziehbare – Gründe dafür genannt.

    Obendrein wird die weitere Ausbreitung des Konzerns Mondragón durch die starke innere Verflechtung stark gebremst. Eine Installation eines ähnlichen genossenschaftlichen Verbunds ist in gesättigten Märkten jedenfalls ohne massive Anfangsförderungen nicht vorstellbar.

    Resümierend möchte ich festhalten: Niemand ist für alle Zukunft davor gefeit, dem Ruf des glänzenden Goldes NICHT zu erliegen. Deshalb sind wir ganz besonders gefordert hinsichtlich des Aufbaus einer ausgleichenden Struktur – deren erforderliche Macht zur Schaffung und Aufrechterhaltung ausreichend großer Räume für gelebte solidarische und ökologische Werte darf nicht so leicht wieder durch die Handelnden verspielt werden können. Glück auf!

  2. Andreas Exner says:

    Danke, Arno: Mondragòn ist eigentlich eher ein Beispiel, welche Defizite Versuche Solidarischer Ökonomien haben können. Die sind in dem Fall gar nicht auf die Globalisierung (wie oft angenommen wird) zurückzuführen, sondern sind schon in dem von Dir besagten “Dritten Weg” enthalten. Ich werde dazu in den kommenden Tage was posten.

  3. Arno Niesner says:

    Hallo Andreas,

    so schlimm stufe ich Mondragòn nicht ein, dass es mir als Beispiel für Defizite beim Versuch solidarisch zu wirtschaften dient. Unterm Strich ist Mondragòn in vielerlei Hinsicht sehr erfolgreich, trotz – oder vielleicht auch gerade wegen – der hohen Ansprüche.

    Interessiert bin ich an deiner Interpretation, was am “Dritten Weg” so verfänglich ist. Vielleicht kannst du mir einen Linkhinweis zu deinem angekündigten Beitrag zukommen lassen. Danke.

  4. Andreas Exner says:

    hi arno, zu mondragon hab ich eine längere fallstudie gemacht, in hinblick auf das buch mit brigitte kratzwald “Solidarische Ökonomie und Commons”, das im frühjahr bei mandelbaum erscheinen wird. diese fallstudie ist nur sehr verkürzt in das buch eingeflossen (als abschnitt) und das gesammelte material mit vollen quellenverweisen möchte ich einer zeitschrift anbieten bevor ich es online stelle (vermutlich zuerst mal den grundrissen). meine persönliche erfahrung war, dass ich mondragon zu positiv eingeschätzt hatte und ich glaube, es wird hier viel voneinander abgeschrieben, weshalb sich ein bestimmtes image dann reproduziert. eine schlüsselstudie zu mondragon stammt von sharryn kasmir, “the myth of mondragon”, vieles wird in george cheney “values at work” bestätigt (allerdings ist sein bemühen deutlich, die positiven seiten von mondragon – die mir nicht mehr so positiv scheinen – stärker zu beleuchten). beachtlich ist die weitgehende arbeitsplatzsicherheit, die mondragon seinen mitgliedern gewährt – allerdings zu lasten der nicht-mitglieder innerhalb und außerhalb des baskenlandes. mein verweis auf den “dritten weg” bezieht sich auf den katholischen, anti-kommunistischen nationalismus, dem pater arizmendiarrieta zuzurechnen ist, der mondragon initiierte und die ideologische vor- und begleitarbeit leistete.

  5. Arno Niesner says:

    Hallo Andreas,

    danke für deinen Hinweis im letzten Satz. Ich sehe die Sache mit dem gescheiterten “dritten Weg” doch um einiges ideologiefreier. Das von Pater Arizmendiarrieta gedachte Wirtschaftsmodell auf der Basis eines ([wahrscheinlich mehr] assoziativen [eine Vermutung von mir - vielleicht weißt du da mehr?]) Zusammenschlusses von Unternehmen mit der maximalen Größe eines KMU scheiterte in seiner Umsetzung “ganz einfach nur” aus organisationsstrukturellen Gegebenheiten. Das liegt doch in der Natur der Sache, dass ein “dritter Weg” niemals in der Form eines Konzerns lebendig werden kann. Doch diese Auswirkungen übertragener genossenschaftlicher Prinzipien auf ein wachsendes Unternehmensnetzwerk wurden vom Pater vermutlich nicht gesehen. Selbstverständlich kann es sich bei einem Wirtschaftsmodell, das auf eklektizistische Weise die Vorteile des Kapitalismus mit jenen des Sozialismus zu verbinden sucht, nicht um ein Konzernmodell handeln. Vielmehr darf der “dritte Weg” – will er erfolgreich sein – nicht mehr als eine rahmengebende Infrastruktur sein. Zumindestens sind das meine Schlüsse aus den bisherigen Erfahrungen, die ich nun versuche ins oekosozialmarkt-Modell einfließen zu lassen.

    Übrigens: hast du in deinem Buch mit Brigitte auch die “Wirtschaft in Gemeinschaft” erwähnt?

  6. Hallo Arno

    Das Problem mit Mondragons “Drittem Weg” ist, dass er nicht die Klassenspaltung beseitigt hat und emanzipatorische Selbstorganisation sogar stärker behindert als dies in einem normalen kapitalistischen Unternehmen geschieht.

    1. gibt es auch in Mondragon eine Kommandohierarchie. Daran ändert nichts, dass die Mitglieder alle gleiche Unternehmensanteile haben. Die Generalversammlung ist zwar das höchste Entscheidungsgremium. Das sieht aber so aus wie die Nationalratswahl in Österreich: “Demokratie” dient hier der Legitimation der Machtelite und ihrer Politik. Denn die GV bestätigt in der Regel die Vorschläge des Managements. Die Versammlungen werden in der Literatur (selbst bei Sympathisanten von Mondragon) als apathisch oder bloß formelle, inhaltlich weitgehend entleerte Rituale beschrieben.

    Einzig die weitere Vergrößerung der Einkommensspanne (derzeit bei ca. 1:9) wurde bislang blockiert (aber vom Ausgangspunkt 1:3 schrittweise gelockert). Während die einfachen Mitglieder durch die hohe Arbeitslosigkeit in der Region relativ an die Kooperative gebunden sind, gilt das für das Management nicht im selben Maße, das relativ leicht in einen kapitalistischen Betrieb überwechseln kann (ein Umstand, der auch explizit als Drohung im Konfliktfall eingesetzt worden ist und als Argument für die beständigen Versuche, die Einkommensspanne auszuweiten, herhalten muss).

    2. in Mondragon sind jedoch – dem “Dritten Weg” folgend – Streiks verboten. So kann das real existierende Management seine Maßnahmen deutlich besser umsetzen als in kapitalistischen Betrieben (deshalb nimmt es auch wenig Wunder, dass die Produktivität in der Kooperative höher ist als in vielen kapitalistischen Betrieben.) Dazu kommt, dass sogar eine autonome Vertretung der einfachen Belegschaft nicht erlaubt ist. Anstelle der üblichen Betriebsräte gibt es Sozialräte, die aber weit weniger Befugnisse und Ressourcen als ein Betriebsrat in einem kapitalistischen Unternehmen haben.

    3. die Ideologie der Kooperative führt zu einer Verringerung der Solidarität, erstens innerhalb der Betriebe, zweitens im Außenverhältnis. Das hat gar nichts mit der Globalisierung zu tun, wie gemeinhin angenommen wird, obwohl die Globalisierung die Entsolidarisierung vermutlich noch beschleunigt hat, sondern wurde vom linken Flügel der ETA und in einer Stellungnahme des Sozialreferats der katholischen Kirche im Baskenland schon in den 1960er und 1970er Jahre kritisiert.

    Der einzige Streik bei Mondragon fand 1974 statt und wurde weit schwerer geahndet als in einem kapitalistischen Betrieb. Dabei spielte der Konflikt zwischen linkem und rechtem Flügel der ETA und den linken und den rechten nationalistischen Strömungen eine wesentliche Rolle. Die Streikführerinnen (die Streikenden waren mehrheitlich Frauen) gehörten einer maoistischen Fraktion der ETA an, die sich von der ETA abspaltete, während viele Mondragon-Manager dem rechten Flügel der ETA angehörten (aus dem sich die heutige ETA entwickelte) oder der rechtskonservativ-nationalistischen PNV.

    Die Belegschaft selbst bestätigte den Ausschluss der 17 Streikführerinnen (knapp 400 Mitglieder wurden bestraft) in wiederholten Generalversammlungen (die Streikführerinnen versuchten über Jahre hinweg ihre Wiederaufnahme zu erwirken). Auch nach dem Ende der Franco-Diktatur, als die kapitalistischen Betriebe per Gesetz verpflichtet waren, während der Diktatur entlassene Mitarbeiter_innen wieder einzustellen, blieb Mondragon bei seiner Politik – erneut mit dem Argument, dass sie sei ja eine Kooperative und kein kapitalistischer Betrieb. Es gibt mehrere Hinweise, dass Mondragon sogar schwarze Listen mit den Namen der Streikführerinnen im Baskenlang in Umlauf brachte. Die Sache geriet zum öffentlichen Skandal und auf Druck von Außen wurden die Streikführerinnen schließlich wieder eingestellt.

    Offenbar führt die Kooperativen-Ideologie und “Eigentum in Arbeiterhand” zu einer Verbürgerlichung im Sinn einer Entsolidarisierung. Das war auch das erklärte Ziel von Pater Arizmendiarrieta, der eine Alternative zu der vor dem Entstehen von Mondragon militanten Arbeiterkultur in der Stadt Mondragon entwickeln wollte und eine Revolution mit dem Ziel einer Auflösung der Klassengesellschaft dezidiert ablehnte.

    Sharryn Kasmir hat zwei vergleichbare Betriebe – der eine Kooperativen-Mitglied, der andere normal kapitalistisch – untersucht und kommt zum Schluss, dass Solidarität in der Belegschaft und Identifikation mit dem Unternehmen im kapitalistischen Vergleichsbetrieb höher ist. Die Kooperativen-Ideologie verschleiert die realen Machtverhältnisse zusätzlich und nimmt der Belegschaft so auch ihre Sprache. Offiziell sind ja alle Entscheidungen dem Willen der Generalversammlung geschuldet. Kasmirs Ergebnisse basieren auf Interviews. Sie hat darüberhinaus das gesamte Umfeld von Mondragon ethnografisch untersucht.

    Mondragon unterminiert tendenziell das Lohnniveau und arbeitsrechtliche Standards im Baskenland, weil es, der Kooperativen-Ideologie folgend, ja angeblich keine gewerkschaftliche Vertretung benötigt und sich mit gewerkschaftlichen Kämpfen im Baskenland laut Kasmir nicht solidarisiert. So zog sich Mondragon im Verlauf der 70er Jahre aus den heftigen Arbeitskämpfen (mehrere Generalstreiks am Ende der Franco-Diktatur) zurück. Die Ergebnisse von Kasmir hat später George Cheney bestätigt, der sich zugleich bemüht, die positiven Aspekte von Mondragon hervorzuheben (wo ich ihn weniger überzeugend finde).

    Aus meiner Sicht ist das einzige, jedoch fragwürdige Positivum die bislang weitgehende Arbeitsplatzsicherheit für Mitglieder – zulasten der Nicht-Mitglieder.

    Die Größe als solche halte ich nicht unbedingt für ein Problem. Das zeigt sich sogar in Mondragon: die Kooperation zwischen den Managements funktionierte relativ “demokratisch” (unter Ausschluss der Belegschaften freilich) bis zur Umstrukturierung in den 1990er Jahren.

    Wirtschaft in Gemeinschaft behandeln wir als Konzept nicht und ist mir als solches auch noch nicht bekannt.

  7. Arno Niesner says:

    Hallo Andreas,

    ich versuch´s noch einmal mit anderen Worten: der “Dritte Weg” und MCC als Konzern sind nicht miteinander vergleichbar. Das eine betrifft (u. a. auch) die Wunschvorstellungen von J. M. Arizmendiarrieta, das andere hat auf seinem Weg zum Konzern eine Eigendynamik entwickelt, die mit den ursprünglichen Vorstellungen immer weniger zu tun haben. Kritik an Mondragón C. C. trifft somit nicht den Dritten Weg selbst.

    Das, was ich aus all den bisherigen Versuchen solidarischen Wirtschaftens heraus lesen kann, ist das (vorprogrammierte) Scheitern aufgrund hierarchisch angeordneter Machtstrukturen. Nur so lange wir die effizienzsteigernden und mit Macht ausgestatteten Hierarchiestufen vermeiden können, so lange ist solidarisches Wirtschaften auf Dauer realisierbar. In größeren Zusammenhängen wird dies langfristig nicht ohne Kontrolle und verteilter Macht lebendig bleiben können. Ein Verein als rechtliche Basis für wirtschaftliches Engagement könnte diese Anforderungen noch am ehesten bewerkstelligen – siehe Südwind in Österreich oder ähnlich gelagerte Beispiele aus dem Non-, pardon “Social Profit Enterprises”-Bereich.

    Ach ja, was das mehr assoziative Wirtschaften (vergleichbar mit Rudolf Steiner – doch dieser hatte eher das genossenschaftliche Miteinander damit gemeint) anlangt, hier ein Link zur Wirtschaft in Gemeinschaft:
    http://www.fokolar-bewegung.de/staticsite/staticsite.php?menuid=35&topmenu=34

    Angenehme Feiertage und sonnige Grüße
    Arno

    PS: Vielleicht interessiert dich im Zusammenhang mit Macht eine Geschichte aus dem Pharaonenreich: http://oesostrom.at/ideenforum.html#Lionel-Casson_aegypten

  8. Andreas Exner says:

    Hi Arno

    Verspätet (sah erst jetzt Deinen Kommentar) eine Antwort auf die interessante Rückmeldung. Ich würde eher bezweifeln, dass die MCC den Vorstellungen von Arrizmendiarrieta widerspricht. Überprüfen kann man das naturgemäß nicht mehr. Allerdings hat er bis zu seinem Tod 1976 nie gegen die schon damals zutage getretenen Missstände und Probleme Stellung bezogen oder Anstrengungen unternommen, diese zurückzudrängen. Er war freilich unglücklich über den Streik 1974 und den Umgang damit – aber offenbar (meiner Literaturkenntnis nach) auch nicht mehr. Er hat sich aus operativen Fragen (fast) immer herausgehalten, man könnte das daher auch als Respekt vor der Unabhängigkeit der MCC interpretieren. Allerdings entspricht die Struktur der MCC, die sich ja (m.E.) nicht wesentlich geändert hat, durchaus und nachweislich seinen Wunschvorstellungen.

    Insofern würd ich die MCC schon als ein Beispiel des “Dritten Wegs” (der m.E. keiner ist, weil er ja sowohl Markt als auch Staat bestehen lässt, ebenso wie die vermeintlichen ersten und zweiten Wege) ansehen.

    Freilich kann man dagegen argumentieren, dass der eigentliche “Dritte Weg” ein viel besseres Modell ist und anders strukturiert wäre. Aber würden strukturelle Modifikationen wirklich etwas an der Funktionsweise ändern?

    Du nennst als Beispiel die Rechtsform des Vereins.

    Warum aber soll ein Verein weniger hierarchisch funktionieren? Von WWF bis Attac funktionieren Vereine durchaus hierarchisch – bei Attac seit Einführung der AktivistInnenversammlung freilich aufgeweicht, informell hat dieser Verein jedoch immer nach dem Prinzip der internen Eliten gearbeitet, die sich eben informell reproduzieren und von der GV v.a. bestätigen lassen. In solchen Organisationen entwickelt sich mit der Zeit auch der vom Gesamtstaat, von Parteien oder Gewerkschaften bekannte Widerspruch zwischen Zielen (Verfassung, Programmatik) und der Realität (ein schönes Beispiel bei Attac ist das BGE, das zwar inzwischen ein Ziel ist, aber von der Organisation selbst, die der Vorstand dominiert, nicht wesentlich promotet wird; stattdessen pusht man die “Gemeinwohl-Ökonomie”, obwohl sie offiziell gar kein Ziel von Attac ist). Obwohl ich Südwind nicht genau kenne, scheint mir dieser Verein nicht unbedingt ein besseres Beispiel zu bieten. Südwind agiert m.W. großteils sehr angepasst (Schwerpunkt bzw. eigentlich ausschließlicher Fokus auf Konsumebene wie in Fair Trade, Win-Win-Ideologie wie im “Globalen Lernen” und in der “Nachhaltigkeit” etc.) und abhängig von den Geldgebern, was sich deutlich in der Programmatik, aber auch im praktischen Handeln ausdrückt. Herrschaft im Kapitalismus ist eben nur zum Teil blanker Zwang, zum anderen jedoch auch aktiver oder passiver Konsens zur Unterordnung (Hegemonie also, im Sinn von Gramsci). Soweit ich weiß, haben die “einfachen MitarbeiterInnen” bei Südwind kein wesentliches oder überhaupt kein Mitspracherecht, v.a. nicht auf Augenhöhe mit der Leitungsebene – man möge mich aber eines besseren belehren, wenn ich mich hier täuschen sollte.

    Wenn wir sagen, dass Hierarchien der Macht die “Effizienz” steigern, dann muss man natürlich fragen, welche Effizienz hier gemeint ist. Ich würde sagen, dass Machthierarchien lediglich die Effizienz der Durchsetzung von Macht erhöhen. Die Effizienz der Bedürfnisbefriedigung sicher nicht, wie ja an den Übeln der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung zu sehen ist.

    Danke für die Links!

    LG Andreas

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