Ungleichheit zerstört unsere Umwelt. Warum Verzicht falsch und ein ökologischer Lebensstil zuwenig ist

von Andreas Exner

Die bahnbrechenden Arbeiten von Richard Wilkinson und Kate Pickett in “The Spirit Level” (2009) zeigen: Gesundheit und Wohlbefinden hängen in reichen Ländern nicht vom absoluten Niveau des Durchschnittseinkommens ab. Mit einer Vielzahl an Daten wird belegt, dass statistisch betrachtet vor allem die Ungleichheit der Einkommen darüber entscheidet, wieviele Menschen psychisch erkranken, fettleibig oder übergewichtig sind. Das steht der herrschenden Sicht diametral entgegen.

Noch überraschender ist vielleicht, dass Ungleichheit auch unserer Umwelt schadet. Nicht nur das. Soziale Ungleichheit ist in der Tat die wichtigste Ursache der ökologischen Krise, wie neue Forschungsergebnisse zeigen.

Ungleichheit schadet der Gesundheit

Je größer die Einkommensungleichheit, desto kürzer die Lebenserwartung und desto schlechter der Gesundheitszustand gemessen an Indikatoren wie Fettleibigkeit oder Kindersterblichkeit. Auch Bildungsleistungen, soziale Mobilität, die Inhaftierungsquote und die Mordrate, der Anteil an Geburten bei Teenagern oder das Wohlergehen von Kindern werden hauptsächlich durch die Ungleichheit der Einkommen bestimmt. Dabei gilt: je ungleicher ein Land, desto schlechter schneidet es bei Sozialindikatoren ab.

Zusammenhang von Lebenserwartung (life expectancy), Fettleibigkeit (obesity), psychischer Erkrankung (mental illness) und Kindersterblichkeit (infant mortality) mit der Einkommensungleichheit, gemessen am Verhältnis der Einkommen zwischen den reichsten und den ärmsten 20% in den Industrieländern. Länder mit großer Ungleichheit (gegen 10) schneiden schlechter ab als Länder mit großer Gleichheit (gegen 3). Alle Daten nach Wilkinson und Pickett (2009; siehe auch http://www.equalitytrust.org.uk/).

Kausal verantwortlich ist dafür der negative Einfluss der Statuskonkurrenz auf die menschliche Gesundheit. Ein Review von mehr als 200 sozialmedizinischen Experimenten durch Dickerson und Kemeney ergab, dass die Angst vor der Bewertung des eigenen sozialen Status im Vergleich mit anderen Stress-Situationen die stärkste Stress-Reaktion auslöst, wie man anhand der Konzentration des Stress-Hormons Cortisol im Blut messen kann. Dauerstress schadet der Gesundheit auf vielfältige Weise, unter anderem auch dem Fötus, womit sich einige Stress-Schäden quasi vererben. Dauerstress verursacht nicht nur die Angst vor dem Verlust des eigenen sozialen Status, sondern bereits die Angst, sozial bewertet zu werden, die Demütigung, eine niedrigere soziale Stufenleiter als das Gegenüber einnehmen zu müssen. Hierarchien sind eine strukturelle, physiologisch messbare Verletzung.

Die Statuskonkurrenz erhöht sich bei steigender sozialer Ungleichheit. Denn in einer ungleichen Gesellschaft ist die Angst vor dem Fall in der Statusleiter, das Ausmaß der Demütigung durch soziale Herrschaft größer als in einer gleicheren. Statuskonkurrenz vermindert auch die sozialen Kontakte, was seinerseits negative Gesundheitseffekte nach sich zieht. In einer ungleichen Gesellschaft sinkt das Vertrauen, wie Umfragen zeigen. Das reduziert Freundschaften. Die Zahl an Freundschaften ist jedoch sehr eng mit dem Gesundheitszustand korreliert, wie Experimente nachweisen. Auch hier wirkt sich soziale Ungleichheit erneut negativ auf uns aus.

Zusammenhang von Vertrauen sowie einem Wohlstandsindex mit der Einkommensungleichheit, gemessen am Verhältnis der Einkommen zwischen den reichsten und den ärmsten 20% in den Industrieländern. Länder mit großer Ungleichheit (gegen 10) schneiden schlechter ab als Länder mit großer Gleichheit (gegen 3). Alle Daten nach Wilkinson und Pickett (2009; siehe auch http://www.equalitytrust.org.uk/).

Schadet Ungleichheit auch der Umwelt?

Schon Wilkinson und Pickett geben in ihrem Buch “The Spirit Level” einige Hinweise darauf, dass Ungleichheit auch in ökologischer Hinsicht problematische Auswirkungen zeitigt. So korreliert etwa der Anteil des recyclierten Abfalls sehr eng mit der Einkommensungleichheit. Eine Studie von De Vogli und Gimeno ergab, dass Manager in Ländern mit größerer Gleichheit internationale Umweltverpflichtungen stärker unterstützen.

Zusammenhang von Recyclinganteil (Ranking von 1-10) sowie dem Anteil von Werbeausgaben (Advertising) am Bruttoinlandsprodukt eines Landes mit der Einkommensungleichheit, gemessen am Verhältnis der Einkommen zwischen den reichsten und den ärmsten 20% in den Industrieländern. Länder mit großer Ungleichheit (gegen 10) schneiden schlechter ab als Länder mit großer Gleichheit (gegen 3). Alle Daten nach Wilkinson und Pickett (2009; siehe auch http://www.equalitytrust.org.uk/).

Einiges deutet darauf hin, dass soziale Gleichheit das Gefühl der Verantwortlichkeit zwischen den Menschen erhöht. Und dieses Gefühl führt tendenziell auch zu mehr Umweltbewusstsein. Es scheint so zu sein, dass soziale Ungleichheit die Beziehung des Menschen nicht nur zur Gesellschaft, sondern zur Welt im Allgemeinen angreift wie ein Virus und zersetzt. Die Werbung nutzt diesen Virus weidlich aus. Sie hat in ungleicheren Ländern eine größere Bedeutung als in gleicheren.

Zusammenhang von Entwicklungshilfeanteil (foreign aid) am Bruttoinlandsprodukt und einem Index für den Grad der Militarisierung eines Landes (Ranking von 1-10) mit der Einkommensungleichheit, gemessen am Verhältnis der Einkommen zwischen den reichsten und den ärmsten 20% in den Industrieländern. Länder mit großer Ungleichheit (gegen 10) schneiden schlechter ab als Länder mit großer Gleichheit (gegen 3). Alle Daten nach Wilkinson und Pickett (2009; siehe auch http://www.equalitytrust.org.uk/).

Dazu passt, dass gleichere Länder am Global Peace Index besser abschneiden als ungleiche. Auch geben gleichere Länder einen höheren Anteil ihres Bruttoinlandsprodukts für Entwicklungshilfe aus – ungeachtet der Frage, ob Entwicklungshilfe wirklich der Entwicklung hilft, darf man darin doch ein höheres Ausmaß an Verantworungsgefühl und Kooperationsbereitschaft erkennen.

Der grundlegende Mechanismus der umweltschädlichen Wirkung von Ungleichheit ist erneut die Statuskonkurrenz. Allerdings muss man ihre Wirkungsweise tiefer erfassen als Wilkinson und Pickett dies tun, die sich auf den Statuskonsum beschränken. Die Ungleichheit ist nämlich erstens nicht erst für ein Übermaß an Konsum, sondern schon für die Akkumulation von Kapital verantwortlich, von der alles andere, auch der Konsum, abhängt. Die Kapitalisten und Unternehmer müssen nämlich, um ihre herausgehobene Statusposition zu halten, dem Wachstumsimperativ gehorchen, den die Konkurrenz am Markt ihnen setzt. Die kapitalistische Statusleiter ist dabei nach oben offen, denn das Geld kann an sich selbst keine Grenze finden. Das kapitalistische Wachstum findet daher außer an einer sozialen Bewegung, die eine Postwachstumsökonomie ins Werk setzt, kein Ende.

Dabei muss klar sein: was wir “Kapital” nennen, ist selbst bereits der Ausdruck einer tief in die heutige Gesellschaft eingelassenen Ungleichheit. Diesen Umstand betonen auch Wilkinson und Pickett ganz zurecht. Die Spaltung der Menschen in Eigentümer von Produktionsmitteln und denen, die nicht darüber verfügen und sich stattdessen verkaufen und unterwerfen müssen, ist die eigentliche Wurzel der sozialen Ungleichheit.

Sicherlich spielt an zweiter Stelle jedoch die Statuskonkurrenz der Lohnabhängigen untereinander und mit der Kapitalistenklasse eine Rolle für den Umweltschaden, den Ungleichheit verursacht. Zweitrangige Waren signalisieren zweitrangige Menschen, so bringen Wilkinson und Pickett die Lage im Kapitalismus auf den Punkt. Dieses soziale Faktum, das physiologisch messbar zu dauerhaftem Stress führt, bedingt den Konsum von möglichst hochrangigen Waren, und zwar von möglichst viel davon, womit der Gesamtkonsum steigt.

Von diesen theoretischen Prämissen ausgehend muss sich also Ungleichheit in größerem Umweltverbrauch niederschlagen. All jene ökologischen Indikatoren, die innerhalb eines Landes einen sozialen Gradienten aufweisen, also bei Armen anders ausgeprägt sind als bei Reichen, sollten demnach auch im Vergleich zwischen den Ländern einen Zusammenhang mit dem Ausmaß der sozialen Ungleichheit zeigen.

Ungleichheit ist das Umweltproblem Nr. 1

Eine Forschergruppe der Universität Sheffield präsentierte unlängst einige Analysen zum Zusammenhang von Ungleichheit und ökologisch schädlichem Verhalten. Die Ergebnisse sind gemischt. Während in den meisten Datensätzen Ungleichheit tendenziell mit einer stärkeren Schädigung der Umwelt einhergeht, sind die Korrelationen jedoch zumeist schwach. Nur der Wasserverbrauch korreliert recht deutlich mit der sozialen Ungleichheit. In den Darstellungen der Gruppe kommt der statistisch eher schwache Zusammenhang allerdings nicht so stark zum Vorschein. Denn in ihren Grafiken stellen sie die einzelnen Länder in unterschiedlich großen Punkten je nach Einwohnerzahl dar, womit unter anderem die USA als großer Umweltsünder stark in den Blick fallen.

Zusammenhang verschiedener ökologischer Indikatoren (von links oben nach links unten: Fleischkonsum, Wasserverbrauch, Abfallmenge, Zahl an Flügen, ökologischer Fußabdruck) eines Landes mit der Einkommensungleichheit, gemessen am Verhältnis der Einkommen zwischen den reichsten und den ärmsten 20% in den Industrieländern. Länder mit großer Ungleichheit (gegen 10) schneiden tendenziell zumeist schlechter ab als Länder mit großer Gleichheit (gegen 4). Alle Daten nach SASI-Group, Sheffield (siehe auch http://www.equalitytrust.org.uk/). Anmerkung: die Daten der Einkommensungleichheit stammen aus einer anderen Periode als in Wilkinson und Pickett (2009). Das Länderset ist das gleiche.

Zumeist sind die Korrelationen in den Sheffield-Datensätzen deutlich niedriger als der Zusammenhang wesentlicher Indikatoren von Gesundheitszustand und Wohlstand mit der Einkommensungleichheit.

Freilich, die Wahl von Indikatoren des Umweltzustands ist keineswegs einfach. Häufig liegen Daten nicht in der erforderlichen Genauigkeit vor. Anstatt beispielsweise den ökologischen Fußabdruck zu verwenden, um den Umweltverbrauch zu indizieren, wie das die Sheffield-Gruppe macht, wäre es daher besser, den Inlandsmaterialverbrauch heranzuziehen. Der Inlandsmaterialverbrauch misst, soweit es die Daten zulassen, den physischen Verbrauch an Ressourcen in einem Land, zuzüglich physischer Importe, abzüglich physischer Exporte.

Im Rahmen des Forschungsprojekts “Feasible Futures” konnten mit anderen, vermutlich angemesseneren Datensätzen nun stärkere Belege einer negativen Umweltwirkung von sozialer Ungleichheit aufgewiesen werden. Die Untersuchungen stehen erst am Anfang, dennoch sollen an dieser Stelle einige Ergebnisse präsentiert werden, die auch in einer Powerpoint-Serie für den Klima- und Energiefonds dargestellt worden sind.

Dabei zeigt sich: der Anteil von Radfahrten gemessen in Kilometer pro Person und Jahr (aber auch gemessen in Zahl der Radfahrten an allen Fahrten) korreliert stark und statistisch signifikant mit Einkommensungleichheit. Je gleicher die Einkommensverteilung, desto größer ist die Bedeutung des Radfahrens, und zwar unabhängig vom Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in einem Land. Umgekehrt hängt auch die Kfz-Dichte stark und signifikant von der Einkommensverteilung ab. Je größer die Gleichheit, desto weniger Kfz.

Zusammenhang des Anteils von Radfahren am Gesamtverkehr eines Landes (links: Kilometer Radfahrten pro Person und Tag; rechts: Prozentanteil Radfahrten an allen Fahrten) mit der Einkommensungleichheit, gemessen am Verhältnis der Einkommen zwischen den reichsten und den ärmsten 20% in den Industrieländern. Länder mit großer Ungleichheit (gegen 8) schneiden tendenziell schlechter ab als Länder mit großer Gleichheit (gegen 3). Daten zum Radfahranteil nach ECMT 2004, Länderset und Daten der Einkommensgleichheit nach Wilkinson und Pickett (2009; siehe auch http://www.equalitytrust.org.uk/).

Links: Zusammenhang des Anteils von Kfz je 1.000 Personen eines Landes (links: Kilometer Radfahrten pro Person und Tag; rechts: Prozentanteil Radfahrten an allen Fahrten) mit der Einkommensungleichheit, gemessen am Verhältnis der Einkommen zwischen den reichsten und den ärmsten 20% in den Industrieländern. Länder mit großer Ungleichheit (gegen 8) schneiden tendenziell schlechter ab als Länder mit großer Gleichheit (gegen 3). Rechts: Zusammenhang von Kfz-Dichte und jährlichem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf. Daten zur Kfz-Dichte nach World Bank Database, Länderset und Daten der Einkommensgleichheit nach Wilkinson und Pickett (2009; siehe auch http://www.equalitytrust.org.uk/). Anmerkung: Israel ist als Ausreißer mit einer extrem geringen Kfz-Dichte aus dem Set exkludiert worden.

Ein ähnliches Ergebnis ergibt sich, wenn man einen Indikator für die Wohnungsgröße heranzieht. International vergleichbare Daten sind dazu kaum zu finden. Allerdings gibt es ein Datenset, das den Anteil an Wohnungen mit fünf oder mehr Räumen am Gesamtbestand der neueren Wohnungen angibt. Hier zeigt sich eine starke und signifikante Korrelation: je ungleicher ein Land, desto mehr Räume haben die neueren Wohnungen und – so lässt sich schließen – desto größer sind sie. Die Wohnungsgröße wiederum hängt mit dem Energieverbrauch zusammen. Für einen ökologisch tragfähigen Lebensstil sollte der Wohnraum pro Person eher klein sein.

Zusammenhang des Anteils von Wohnungen bzw. Häusern mit 5 oder mehr Räumen am neueren Wohnungs- bzw. Hausbestand mit der Einkommensungleichheit, gemessen am Verhältnis der Einkommen zwischen den reichsten und den ärmsten 20% in den Industrieländern. Länder mit großer Ungleichheit (gegen 9) schneiden tendenziell schlechter ab als Länder mit großer Gleichheit (gegen 3). Daten nach Nationmaster, basierend auf einer Erhebung von euromonitor. Länderset und Daten der Einkommensgleichheit nach Wilkinson und Pickett (2009; siehe auch http://www.equalitytrust.org.uk/).

Ungleichheit zwischen den Klassen: Inlandsmaterialverbrauch steigt

Ein bemerkenswertes Resultat zeigt der Vergleich von Inlandsmaterialverbrauch und Einkommensungleichheit. Während hier zwar ein Zusammenhang besteht, ist er im Vergleich mit der Lohnquote deutlich stärker. Die Lohnquote ist ein weiteres Maß der Ungleichheit, das Wilkinson und Pickett jedoch nicht verwenden. Dennoch ist es in diesem Fall offenbar aussagekräftiger als die Einkommensungleichheit. Die Lohnquote mit dem Inlandsmaterialverbrauch zu vergleichen unterlag die These, dass für den physisch gemessenen Verbrauch von Ressouren weniger die generelle Ungleichheit der Einkommen, sondern eher die spezifische Ungleichheit zwischen Kapitalisten- und Arbeiterklasse verantwortlich sein könnte, und zwar über das Ausmaß der Investitionen, die die Kapitalisten tätigen und damit Material und Energie verbrauchen oder (auch) über den Luxuskonsum.

Zusammenhang des Inlandsmaterialverbrauchs (Domestic Material Consumption, DMC) gemessen in Tonnen pro Person und Jahr mit der Lohnquote, der Einkommensungleichheit, gemessen am Verhältnis der Einkommen zwischen den reichsten und den ärmsten 20% in den Industrieländern, sowie dem Bruttoinlandsprodukt und dem jährlichen Durchschnittseinkommen. Länder mit großem Lohnanteil am Volkseinkommen (gegen 65) schneiden tendenziell besser ab als Länder mit geringer Lohnquote (gegen 45). Länderset und Daten der Einkommensgleichheit nach Wilkinson und Pickett (2009; siehe auch http://www.equalitytrust.org.uk/). DMC Daten nach Steinberger et al. (2011), Lohnquote nach ILO (2009), Bruttoinlandsprodukt nach Maddison (2008), Jahresdurchschnittslohn nach OECD statistical database. Anm.: Australien und Kanada wurden aus dem Datenset als Ausreißer mit extrem hohem DMC-Wert exkludiert. Werden sie beibehalten, bleibt eine starke Korrelation jedoch bestehen. Für den außergewöhnlich hohen Materialverbrauch dürfte der große Bergbauanteil in diesen beiden Ländern ausschlaggebend sein. Den Abraum schlägt die DMC dem Inland zu.

Die Daten bestätigen zumindest eine größere Bedeutung der Lohnquote für den physischen Verbrauch als der Einkommensungleichheit. Dagegen weisen weder das Bruttoinlandsprodukt noch der nationale Durchschnittslohn eine Korrelation mit dem Inlandsmaterialverbrauch auf.

Die Lohnquote misst den Anteil der Löhne am gesamtem Volkseinkommen. Sie drückt näherungsweise das Kräfteverhältnis zwischen Kapital und Arbeit aus und ist eine Analogie zur Marxschen Mehrwert- bzw. Ausbeutungsrate, das heißt des Verhältnisses von unbezahlter Mehrarbeit zu Lohnkosten (m/v). Je höher die Lohnquote desto stärker die Position der Arbeiterklasse und umgekehrt.

Warum die Lohnquote so stark mit dem Inlandsmaterialverbrauch korreliert – und sogar stärker als die Einkommensgleichheit – ist noch nicht ganz klar. Nachdem nur Industrieländer verglichen werden, können Unterschiede der Wirtschaftsstruktur, etwa unterschiedliche Anteile eines ressourcenextensiven Dienstleistungssektors, nicht verantwortlich gemacht werden. Zwei Erklärungen sind möglich: erstens könnte der Luxuskonsum der Kapitalisten und Unternehmer bei steigender Profitquote steigen, etwa durch eine wachsende Statuskonkurrenz innerhalb der Kapitalistenklasse und den Ressourcenverbrauch in die Höhe treiben; zweitens könnten bei wachsendem Profitanteil die Investitionen zunehmen, die vermehrt Ressourcen verbrauchen.

Eine erste Prüfung des Zusammenhangs zwischen inländischer Bruttokapitalbildung pro Kopf und dem Inlandsmaterialverbrauch ergab zwar keine Korrelation. Allerdings müsste man von der Bruttokapitalbildung jene Investitionen abziehen, die der Produktion von Waren für den Export dienen. Das dürfte jedoch aufgrund der mangelhaften Datenlage nicht oder nur schwer möglich sein.

Führt Ungleichheit zu Klimawandel?

Während es in einigen Bereichen, die für den Klimawandel bzw. für den Klimaschutz relevant sind, enge Zusammenhänge mit der sozialen Ungleichheit gibt, gilt das für die Treibhausgasemissionen selbst offenbar nicht.

Eine erste Prüfung des Zusammenhangs von CO2-Emissionen und anderer Emissionskennzahlen zeigt keine oder nur eine schwache Korrelation mit Einkommensungleichheit. Diese Korrelation bleibt auch dann schwach, wenn man um die in den Waren verkörperten CO2-Emissionen bereinigte Länderdaten verwendet. Weder die territorialen Emissionen noch die konsumbasierten Emissionen zeigen einen deutlichen Zusammenhang mit sozialer Ungleichheit.

Dies scheint auch nicht unplausibel. Denn der Anteil von zum Beispiel erneuerbaren Energien hängt wohl kaum von sozialer Ungleichheit, sondern eher von naturräumlichen Voraussetzungen und technischen Traditionslinien ab. So benötigen Wasserkraftwerke vor allem Berge und genug Niederschlag, die Gleichheit spielt dafür keine Rolle. Tatsächlich lässt sich kein Zusammenhang zwischen dem Anteil erneuerbarer Stromproduktion und der Ungleichheit der Einkommen in einem Land erkennen – und wäre auch nicht zu erwarten.

Dazu kommt, dass ein gewisser Anteil der Treibhausgas-Emissionen der gesellschaftlichen Infrastruktur zuzuschreiben ist, die alle Einkommensgruppen in allen Ländern nutzen – egal wie groß die Ungleichheit ist. Deshalb wohl korreliert das Niveau der CO2-Emissionen viel stärker mit dem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf.

Erwarten könnte man eher einen Zusammenhang von CO2-Emissionen einzelner Sektoren, vor allem bei Transport und Wohnen, mit sozialer Ungleichheit. Auch die Entwicklung der CO2-Emissionen über die Zeit in einem einzelnen Land könnte in gewissem Maß von der sozialen Ungleichheit abhängen.

Ohne Gleichheit keine Solidarische Postwachstumsökonomie

Dass Ungleichheit mit umweltschädlichen Effekten in wichtigen Bereichen von Mobilität, Recyclierungsverhalten oder Wohnen viel stärker korreliert als das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, verweist darauf, dass die Statuskonkurrenz tatsächlich ein bedeutender Faktor einer nicht tragfähigen Lebensweise ist.

Die enge Korrelation des physischen Inlandsmaterialverbrauchs mit sozialer Ungleichheit, insbesondere jener zwischen Arbeiter- und Kapitalistenklasse, zeigt, dass das Kräfteverhältnis zwischen Kapital und Arbeit höchst umweltrelevant ist: je besser für das Kapital, umso schlechter für die Umwelt, ließe sich hier sagen.

Und in der Tat: konsumierten die Lohnabhängigen ihr gesamtes Produkt, so bliebe kein Profit mehr für Investitionen, die ihrerseits Energie und Material in erweitertem Umfang nachfragen und verbrauchen.

Gleichheit hat also eine dreifache Bedeutung für eine Solidarische Postwachstumsökonomie:

Erstens ist Gleichheit selbst der wichtigste Weg zu Gesundheit und Wohlstand zumindest in den reichen Ländern – und dies vollkommen ressourcenneutral

Zweitens ist ein höheres Maß an Gleichheit notwendig, um die Statuskonkurrenz zu mildern und damit den unnötigen Ressourcenverbrauch, der lediglich der Markierung von sozialem Status dient.

Drittens geht mehr Gleichheit nachweislich mit einem höheren Niveau an Vertrauen einher. Vertrauen aber ist der wichtigste Einzelfaktor für Kooperation. Und nur mit ihr wird eine Postwachstumsökonomie, eine bewusste Abkehr vom Kapitalwachstum zum Wohle aller Menschen möglich werden.

Ein hohes Maß an Gleichheit wäre nicht nur mit der Klassenspaltung unverträglich. Denn aus der Klassenspaltung resultiert die Marktwirtschaft. Nur weil eine Klasse keine Produktionsmittel hat und sich einer anderen verkaufen muss, die darüber verfügt, kommt es zur Herrschaft des Marktes. Die Arbeitskraft erscheint dann wie eine Ware und muss all ihre Lebensmittel gegen Geld erwerben.

Eine Gesellschaft der Gleichen wäre dagegen auch eine ohne Markt.

Postwachstum statt Verzicht und Lebensstiländerung

Die Erkenntnisse über die Bedeutung sozialer Gleichheit führen noch zu einem weiteren Schluss: Verzicht, den manche in der Ökoszene predigen, ist eindeutig der falsche Weg. Es ist nicht die Gier, die zu übertriebenem Konsum führt. Weder bei den Kapitalisten, die ihre Statusposition nur durch Ausweitung von Kapital erhalten können, weil das die Konkurrenz erzwingt; und die niemals “satt” werden können, weil ihre Position auf einer Statusleiter, die das Geld definiert, schlichtweg kein “on top of all and forever” kennt. Noch bei den Lohnabhängigen, die der Statuskonkurrenz mit der Härte eines physiologischen Zwangs ausgesetzt sind.

Dem Leiden dieser Gesellschaft und ihren Zwängen zu entkommen ist eben keine bloße Willensentscheidung. Aus diesem Grund hat auch der so genannte Lebensstil, eine Lieblingshoffnung der Ökoszene, offenbar keine besondere Bedeutung für den Energieverbrauch, wie eine Studie von Energy Economics Group in Wien, Kompetenzzentrum KERP und Österreichischer Energieagentur zeigt. Bemerkenswerterweise haben dieser Untersuchung zufolge die “Alternative” sogar einen besonders hohen Stromverbrauch. Eine Studie des Instituts für soziale Ökologie zur autofreien Siedlung in Wien ergab 2008, dass die Bewohner kaum besser als eine Referenzsiedlung abschneiden. Zwar verbrauchen sie Energie effizienter, jedoch mehr davon. Allerdings schneidet die autofreie Siedlung besser als der Österreich-Durchschnitt ab.

Solche Befunde zeigen jedenfalls: der individuelle Lebensstil ist schwerlich der richtige Angelpunkt für eine Veränderung.

Tatsächlich wird unser Leben und der scheinbar individuelle Lebensstil von dem geprägt, was diese Gesellschaft im Kern ausmacht. Man mag es drehen und wenden, wie man will: Ungleichheit ist ihre Grundstruktur. Sie setzt uns krankmachenden Hierarchien aus, im Arbeitsleben, im öffentlichen Raum, selbst daheim in den vier Wänden, über die Botschaften der Medien von der “Welt da draußen” und über unsere Kontakte mit Nachbarn, Freunden, Verwandten und Bekannten – häufig auch noch in den scheinbar intimsten Beziehungen.

Diese Hierarchien der Herrschaft wirken wie ein Virus. Als Gegenmittel wird akkumuliert und konsumiert.

Der einzige Weg aus dieser Misere ist die vielfältige Veränderung der Produktionsweise: hin zu einer Solidarischen Postwachstumsökonomie, die auf Gemeingütern, Gleichheit und Demokratie beruht.

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One Response to Ungleichheit zerstört unsere Umwelt. Warum Verzicht falsch und ein ökologischer Lebensstil zuwenig ist

  1. Kevin Richter says:

    “Aus diesem Grund hat auch der so genannte Lebensstil, eine Lieblingshoffnung der Ökoszene, offenbar keine besondere Bedeutung für den Energieverbrauch, wie eine Studie von Energy Economics Group in Wien, Kompetenzzentrum KERP und Österreichischer Energieagentur zeigt.”

    Die Studie ist dort offline, aber noch hier zu finden:
    http://www.energyagency.at/fileadmin/dam/pdf/publikationen/berichteBroschueren/LifeStyle2030_Endbericht.pdf

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