Korruption: die Spitze der Marktwirtschaft

[via kärnöl]

Warum Korruption zum System gehört

von Andreas Exner

Korruption ist in aller Munde. Während Korruption noch vor wenigen Jahren das Privileg der Entwicklungsländer und insbesondere von Afrika gewesen zu sein schien, hat sie heute die reichen Länder des Nordens selbst erfasst. So jedenfalls stellen es die Medien dar. Wie eine Seuche trifft die Korruption die Ex-Minister, Möchtegern-Minister, Ministerinnengatten und Noch-Nicht-Minister. Die Republik verfällt in Wehgeschrei. Ihr Ansehen werde beschmutzt.

Krise durch Korruption?

Der Schein trügt. Die Korruption kommt der Politik wie gerufen. Sauberfrauen und -männer rücken mit dem Waschmittel namens „Rechtsstaat“ an und fordern Bestrafung. Sie rücken sich in umso glänzenderes Licht, je dreckiger die Konkurrenz dasteht. Da wird aufgeklärt, was das Zeug hält. Rein sollen die Klamotten wieder werden. Unterhosen wollen entsorgt sein. Die Marktwirtschaft und die ihr dienende Politik soll derlei nicht beschmutzen, man inszeniert sie als das Gegenteil. Die unschuldige Anmerkung, dass vier Jahre Haftstrafe für Ernst Strasser etwas hoch gegriffen scheinen, wenn man das mit Urteilen gegen den Mord an Flüchtlingen vergleicht, grenzt an Häresie.

Die Krise wird gleich mit der Bestrafung der Korrumpierten mitentsorgt, so hofft man. Der Unmut der Menschen ist groß. Aus guten Bürgern werden Mutbürger, gar Wutbürger. Aber sie bleiben Bürgerinnen und Bürger, und als solche kann nicht sein, was nicht sein darf: Korruption.

Korruption, ein alter Hut

Niemand fragt, ob der Eindruck, wir lebten in besonders korrupten Zeiten, eigentlich zutrifft. Und niemand wagt es zu fragen, woher die vermeintliche Seuche Korruption denn eigentlich kommt, so mutig kann ein Bürger gar nicht sein, und auch nicht so wütend. Fällt sie vom Himmel? Ist sie eine dem Menschen im Allgemeinen und dem österreichischen Politiker des Jahres 2013 im Besonderen angeborene Fehlhaltung? Diesen Fragen werde ich mich im Folgenden widmen.

Frances Fox Piven zerreißt in ihrem grandiosen Buch „Challenging Authority“ aus dem Jahr 2006, das, wie schon der Titel sagt, zum Angriff auf die Autorität aufruft, ein Vorurteil, das nicht nur uns Hiesige vernebelt: dass nämlich die heutige Zeit besonders korrupt sei. Das politische System der USA, so Piven, war seit jeher ein ausgesprochener Beispielfall von Korruption. Die Unternehmer schmierten die Politiker, die die Wähler schmierten, und wer weiß wen die dann schmierten. Das politische System der USA lief folglich wie geschmiert, während die Unterdrückten und die Armen litten, und daran hat sich nur in den spärlichen Zeiten sozialen Protests etwas zum Besseren verändert.

Ähnlich kann man für Österreich fragen: Waren etwa die 1970er Jahre weniger korrupt? Mit einer so genannten Sozialpartnerschaft, die ihre Pfründe absteckte wie späterhin die FPÖ? Wo die berüchtigten Betriebskaiser der verstaatlichten Betriebe sich anmaßten über das Wohl und Wehe ihrer vermeintlichen Untertanen zu entscheiden, während die Unternehmensleitung sich ihr Wohlverhalten kaufte, durch Prestige und Anerkennung? Eigentlich könnte man noch anders herum fragen: Waren nicht die Arbeiterinnen und Arbeiter korrumpiert, die sich ihr „Ja“ zum Kapitalismus mit Lohnerhöhungen und mehr Warenkonsum abkaufen ließen? Wie unmoralisch! Oder waren es die 1960er Jahre, als reihenweise Nazis in Amt und Würde standen, weil es als inopportun galt, sie zu bestrafen? Und was war mit den guten Bürgerinnen und Bürgern Österreichs, die, so sie nicht in KZs umgekommen oder verschwunden waren oder flohen, das Nazi-Regime bejubelt, gestützt, verkörpert hatten? Vielleicht waren ja doch die 1980er Jahre besser, als man ein Parteibuch für einen Lehrerposten brauchte, Politik ohne die Kronenzeitung unmöglich war, und es „Lucona“ spielte? Nein, es müssen die 1990er Jahre gewesen sein, als klar wurde, dass die Reichen immer noch wie automatisch an der Uni landen, während in der Regel ein Arbeiterkind zum Arbeiter wird. Halt, möglicherweise sehe ich alles doch zu schwarz. Gibt es nicht Nischen des Anständigen im Unanständigen, die Schule zum Beispiel? Dort regiert doch noch die ehrliche Leistung. Die den Lehrern gefällig sind, werden gut benotet, die brav lernen, werden auch belohnt. Keine Korruption?

Anstand versus Markt

Man sieht, die Sache ist nicht so einfach. Was meint Korruption eigentlich? Sie bezeichnet im Grunde ein Verhalten, das sich zwar nach der Logik des Marktes richtet, aber gegen die Normen des Anstands verstößt. Korruption kann es daher überhaupt nur geben, wenn der Markt als unanständig gilt und der Anstand als nicht marktförmig. Auch das wird in der Regel verschwiegen. Dieser Anstand führt angesichts einer fast schon totalen Marktwirtschaft freilich ein Kümmerdasein. Andernfalls müsste ja die Gesellschaft insgesamt als durch und durch korrupt und korrumpiert dastehen.

Deshalb gilt es gemeinhin nicht als korrupt, wenn Stronach sich Mandatare kauft, und eine Firma Arbeitskräfte; es gilt auch nicht als korrupt, dass ohne „Wahlspenden“ kein US-Präsident je in sein Amt gekommen wäre. Als korrupt gilt nicht, dass sich ausnahmslos alle Tageszeitungen, und auch der links beliebte „Falter“, durch Werbeeinnahmen am Leben erhalten, die ihnen eine Industrie und ein Business bescheren, dem sie folglich nicht gegen den Mund zu reden haben.

Marx meinte einmal, und das im 19. Jahrhundert, wohlgemerkt, der Kapitalismus führe zur allgemeinen „Venalität“, das heißt zur allgemeinen Käuflichkeit. Geld zählt in einer Gesellschaft, die das Geld zusammenhält, mehr als ein Himmelreich und eine reine Seele. Die bürgerliche Gesellschaft lebt von der Illusion, die Menschen könnten sich in zwei teilen: in einen Geschäftsmann einerseits, und eine Staatsbürgerin andererseits. Während also die Powerfrau ihrem Geschäftssinn nachgeht und am Markt das Nachsehen hat, wenn sie eine Gelegenheit zum Geldverdienst sausen lässt, wird der Politiker gerade dafür gescholten, ja, muss sogar ins Gefängnis wandern, wenn er eine außertürliche Gelegenheit zum Geldverdienst wahrnimmt. Die bürgerliche Moral hält dem entgegen: „Ja, da müssen sich der Herr Strasser oder der Herr Grasser eben zusammenreißen!“ Dies freilich scheint ähnlich eitel als wollte die Kirche von ihren Priestern verlangen nicht zu masturbieren.

Die Korruptionsdebatte: ein Sumpf

Ich hoffe, die Leserinnen und die Leser sind erschreckt. Was hier vertreten wird, geht dieser Gesellschaft nämlich gegen den Strich. Um Missverständnissen vorzubeugen: nicht wird hier für Korruption plädiert, nicht dafür, den Grasser oder Strasser ungeschoren zu lassen; es wird aber auch nicht dafür plädiert, im Scheren von Strasser oder Grasser irgendeine Lösung zu suchen. Das Terrain der Korruptionsdebatte ist keines, das uns weiterbringt. Darin kann man nur versinken.

Auf fatale Weise schließt sich die Klage über die Korruption mit dem Leiden an der Krise zusammen. Die Wirtschaftskrise wird nicht als Ausdruck sinkender Profitraten begriffen, die unter steigenden Energie- und Rohstoffpreisen leiden und auch unter den Überkapazitäten von Maschinen, Wohnungen, Arbeitskräften. Sie wird vielmehr als das Ergebnis von Korruption fehlinterpretiert.

Zweifellos: Wer wollte die millionenschweren Gestalten aus Politik, Finanz und Universität, die der sehenswerte Dokumentarfilm „Inside Job“ vor die Kamera lockt, nicht als korrupt bezeichnen? Sie sind diejenigen Figuren im System der weltweiten Marktwirtschaft, die ganz oben auf der Statusleiter stehen, sich Villen bauen lassen, Privathubschrauber kaufen und Unsummen zur Seite schaffen. Wer wollte sie nicht der Gier bezichtigen, des Nimmersattwerdens, das sie jede Hemmung fallen und zumindest als „Kollateralschaden“ über Leichen gehen lässt, über Menschen, die vorzeitig sterben, weil sie arbeitslos werden, den Stress des Überlebens nicht mehr ertragen, keine Medikamente mehr kaufen können, erfrieren oder langsam an der Obdachlosigkeit zugrunde gehen.

Aber ist diese Gier nicht völlig logisch, wenn wir Marktwirtschaft betreiben? Was soll man von den Stronachs denn verlangen? Dass sie in finanzieller Keuschheit leben wie einst Diogenes? Nein, ein guter Bürger ruft doch lediglich zur Mäßigung auf! Den mittleren Weg sollen sie suchen, die Manager, Banker oder Kapitalisten, sagt man mir. Wo aber hört der mittlere Weg auf und wo beginnt der Absturz in die Sünde? Zwischen 600 Euro netto und 600.000 im Monat läge die Mitte bei in etwa 300.000. Ist das moralischer, weniger korrupt als das Doppelte? Vielleicht doppelt so moralisch?

Geld macht nicht satt

Die Sache ist die: Geld macht nicht satt und daher unersättlich. Kein Geld ohne Gier. Sogar in Experimenten stellten Forscherinnen fest, dass schon die Anwesenheit von Geld das Spielverhalten verändert. Es braucht gar keine Unsummen, es genügen bloße Summen.

Zur allgemeinen Käuflichkeit tritt im Kapitalismus auch die allgemeine Unterordnung. Das Gros der Menschen ordnet sich den Firmeneigentümern unter. Und die ordnen sich dem Markt unter. Sie streben danach, möglichst weit auf der Stufenleiter nach oben zu gelangen. Die unten streben in der Regel, nach vielen Jahrzehnten Kapitalismus, danach auch, es fehlen ihnen aber dazu die Mittel. Wir sind alle mehr oder weniger korrumpiert, das System hat unser Streben nach Autonomie erstickt. Nur mehr vereinzelt zeigt es sich, nur mehr versteckt, nicht länger massiv, revoltierend, militant. Und wo es kein Streben nach Autonomie im Alltag mehr gibt, da gibt es auch keines im Geiste. Das wäre wieder eine bürgerliche Illusion: zu glauben, dass, wer sonst beste Konformität beweist, just im Geiste frei geblieben wäre. Nein, der Markt ist ein umfassendes System, dessen Zwang wir uns fügen.

Das ist aber bloß die halbe Wahrheit. Der Markt ist nur eine „unsichtbare Hand“, die der allzu sichtbaren Faust des Staates bedarf. Der unsichtbaren Hand entgleiten viele Menschen immer wieder. Bei uns schon länger nicht mehr, zugegeben, aber in anderen Ländern sehr wohl. Dort wird nicht mehr gewartet, dort wurde nicht mehr vorgesorgt, dort wird genommen, gegeben und gelebt.

„Für Kauf“ heißt auch „Für Käuflichkeit“

Wer Korruption ablehnt, tut gut daran, den Markt als Ganzes abzulehnen. Wer für den Kauf ist, kann schlecht gegen Käuflichkeit sein. Sicherlich: es gibt länderweise Unterschiede in der Korruption, und auch historische Epochen unterscheiden sich darin. So war Tanzania unter Julius Nyerere ein relativ wenig korruptes Land in Afrika. Seit der neoliberalen Strukturanpassung, die das Marktprinzip aggressiv vorangepeitscht hat, hat auch Tanzania den allgemeinen Korruptionsstandard erreicht.

In der Demokratischen Republik Kongo, früher Zaire, war Korruption schon ein Prinzip unter Mobutu. Allein wer „Geschenke“ des Präsidenten nicht annahm, geriet unter Verdacht, und der war lebensgefährlich, gerade weil jemand, der „Geschenke“ nicht angenommen hätte, auch nicht Teil des „Systems Mobutu“ gewesen wäre. Das zeigt auch schon den spezifischen Charakter dieser Art von Korruption in Afrika: dort galt Korruption zumeist nicht als Korruption, weil sie in Wahrheit Gefolgschaften aufbaute. Ohne dies schön reden zu wollen, ganz im Gegenteil, so sollte man doch den Unterschied zur Korruption als verlängertem Arm des puren „Business“ erkennen.

Inzwischen ist der Staat im Kongo, gemeinhin als der tiefstmögliche Abgrund angesehen, den Korruption erreichen kann, so unbeliebt, dass einer Umfrage der Weltbank zufolge die Mehrheit der Kongolesinnen und Kongolesen den Staat töten würde, wenn er ihnen als eine Person entgegenträte. Die Staatsangestellten leben von so wenig, dass sie davon kaum leben können. Sie werden von keiner höheren Instanz bezahlt und besteuern die Bevölkerung daher Kraft ihres Amtes selbst.

Im Grunde ist dies die auf die Spitze getriebene Marktwirtschaft und zugleich eine Rückkehr zu den Anfängen des Staates im Absolutismus, als Ämterkauf zum guten Ton gehörte. Wer im Kongo einen Stromanschluss will, muss eben den zuständigen Staatsbediensteten dafür bezahlen. Nach mehr als hundert Jahren Kapitalismus im Kongo ist der Unterschied zu sagen wir Österreich eigentlich nicht mehr qualitativ. Auch im Kongo erhält man nur, wenn man auch bezahlt. Diese Lektion wurde gelernt. So weit ist „Entwicklung“ durchaus angekommen.

Dass der Markt den Staat dort sozusagen überwältigt hat, geht auch hartgesottenen Neoliberalen zu weit, dennoch liegt es in der Fallinie ihrer Ideologie.

Was also ist gegen Korruption zu tun? Uns alle hinter Gitter? Nein, die Frage ist rhetorisch. Kein Aufruf zur Mäßigung wird ein System zügeln, das die Zügellosigkeit eingebaut hat im Geld. Kein Appell zur Moralität wird Menschen hemmen, deren Maß der Anerkennung keine Hemmung kennt. Geld ist völlig abstrakt, reine Kaufkraft, und die kennt kein Ende, keinen Sinn und auch keine Moral.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Alle Einträge, Demonetize.itPermalink

8 Responses to Korruption: die Spitze der Marktwirtschaft

  1. EuroTanic says:

    Für mich ist jeder der seine Lebenszeit für ein paar Stückchen buntes Papier hergibt korrupt. Denn er ist käuflich, macht in der Mehrheit etwas (seine Arbeit), die er nicht machen würde, wenn er unabhängig (von Geldzahlungen wäre). Unser gesamtes System (vor allem Geldsystem) ist falsch.

  2. joerg knall says:

    auch im zusammenhang der korruption wieder mal eine zutreffende analyse zu den themen marktwirtschaft und geld von dir.
    zur perspektive:
    abgesehen von der utopie einer globalen überwindung von markt und geld, sehe ich in den vielen von dir richtig dargelegten attributen von geld nicht nur negatives.
    zb sehe ich das wesen, daß geld die menschen voneinander trennt auch positiv, denn gerade die abstraktheit des geldes ermöglicht, daß sich menschen gegenseitig mit gütern und dienstleistungen versorgen, die das, würden sie sich näher kennen, nie und nimmer tun würden.
    verlangen nicht soldarökonomische beziehungen ein gewisses maß an wohlwollen und sympathie für die menschen, für die man tätig sein soll, oder, andersherum, werden nicht diejenigen ausgeschlossen, für die man nicht so empfindet? (wohlgemerkt: daß der markt viele ausschließt ist ja unbestritten).
    der “inverse kategorische imperativ” “was du willst, das man dir tu, das füge allen andern zu” setzt ja eine vorschußvertrauensleistung voraus, die mit einer realen sozio-ökonomischen perspektive unvereinbar erscheint.
    “wohlwollen” als wirtschaftliche triebkraft also?
    man könnte es aber auch als “indirekte eigenvorteilssuche” betrachten, quasi: solidarische ökonomie ist marktwirtschaft einmal um die ecke gedacht.
    geld entbindet uns menschen davon, uns über moral en detail zu einigen (was ich schon auch schätze), ist aber die globale, brandgefährliche super-moral mit verheerenden auswirkungen.
    für mich bleibt das ganze ambivalent.

  3. Andreas Exner says:

    warum findest du meine analyse zutreffend, wenn du ihre schlussfolgerungen nicht teilst? urteile ich unlogisch?

    eine solidarische ökonomie, zu ende gedacht, beruht nicht unbedingt auf wohlwollen. sie beruht aber sicher nicht auf rücksichtslosigkeit, wie der markt. rücksichtslosigkeit ist in gewissem sinne schlimmer noch als übelwollen. sie ist das ende des menschen als eines wesens. erst dann können gefängniswärter ihre häftlinge als ziffern behandeln. erst dann gelten sklaven wirklich als nicht-menschen, als stück arbeitskraft.

    mir scheint, das ressentiment gegen den markt – im unterschied zur kritik – ist so moralschwanger, dass sogar die vorstellung einer gegenwelt, die daraus entspringt, noch strikt moralisierend gedacht wird. der markt, so meint man, ist unmoralisch. dann wäre die alternative also hochmoralisch.

    ich denke, das gegenteil ist der fall. der markt ist nicht unmoralisch, er ist amoralisch. er befindet sich jenseits von standards der moral. moral ist keine kategorie des marktes. sie liegt jenseits seiner handlungslogik. gerade deshalb, weil eine strikt amoralische welt nicht existieren kann, weil sie pure rücksichtslosigkeit ist und als solche die gesellschaft zerstören würde, also sich selbst, generiert sie alle möglichen sphären der moral: die religion, die familie, dies und jenes. je amoralischer der markt, desto moralischer gehts sonst überall zu. das ist der widerspruch der bürgerlichen gesellschaft.

    die alternative ist daher nicht eine “moralische ökonomie”, das wäre nur ein illusionäres aufblasen der religion, der familie und so fort, in ein ebenso illusionäres reich uneinlösbarer normen. klassisch endet das im tugendterror.

    die alternative ist vielmehr eine ökonomie, die moral unnötig macht, die es unnötig macht, auf das wohlwollen anderer zu hoffen, weil man sich sonst dem absoluten nichtwollen ausgeliefert sieht, das dich achselzuckend am straßenrand verrecken lässt. der markt liebt nichts und hasst nichts. er geht gelassen über leichen.

    wenn eine ökonomie strukturell “solidarisch” ist, wenn sie also nicht systematisch den menschen das leben abspricht, dass sie es nicht erst beweisen müssen, in der konkurrenz, am arbeitsmarkt, unter dem kommando des unternehmers, als staatsbürger, dann benötigen wir keine “solidarischen werte” mehr, keine gebote und verbote, keinen himmlischen schein, der uns das irdische dasein etwas heimeliger macht.

    was ist moral? wo entsteht sie?

    sie entsteht in sozialen praxen, sie ist die normative formulierung der beziehungen, die menschen tatsächlich eingehen, der verhältnisse, in denen sie leben. sie kommt nicht aus dem kopf und nicht aus dem herzen, sondern aus dem sozialen sein.

    auch die moral der solidarität entsteht dort, wo sie praktiziert wird – nicht weil die moral das sagt, sondern weil es sich um eine eingeübte, halb-automatische struktur handelt, manchmal der lange zurückreichenden tradition geschuldet, häufig aber dem nicht gar so langen prozess sozialen lernens, zum beispiel in einem arbeitskampf, bei einer besetzung oder in einer protestbewegung. und, klassisch, in der familie.

    die grundlage einer solidarischen ökonomie ist nicht die solidarität als norm.

    die grundlage ist solidarität als struktur: keine chefs, kein arbeitsmarkt, kein staat, freier zugang von allen zu allem, was sie brauchen.

    wer “wohlwollen” zur grundlage machen will, denkt ebenso individualistisch wie das die ideologen des marktes tun. der markt ist aber kein beliebiges zusammentreffen von individuen, sondern eine struktur, die das wohlwollen, übelwollen oder eigentlich: die wechselseitige gleichgültigkeit, weil strukturgegebene rücksichtslosigkeit der individuen überhaupt erst bestimmt, festlegt.

    auch die solidarische ökonomie, zu ende gedacht, ist eine struktur. es treffen sich in ihr nicht zwei privateigentümer, die sich wohl wollen oder übel oder gar nichts voneinander wollen, sondern nur das ding, das der andere in seinem eigentum hält. sie hat diesen ausgangspunkt nicht. es gibt in ihr kein privateigentum, ergo auch kein angewiesensein auf wohlwollen, die angst vor dem übelwollen oder vor dem nichts des nichtwollens.

    wer sagt denn, dass ein mensch in einer solidarischen ökonomie FÜR jemand anders tätig ist? warum nicht ebenso für sich selbst? wo eigentlich will man den unterschied ziehen, wenn man den markt nicht voraussetzt, der das “für sich” und das “für andere” sorgen zu einem unversöhnlichen und daher nur MORALISCH zu überbrückenden gegensatz macht? als SEIN versus SOLLEN.

    praktisch gesagt: es gibt räume, in denen lebensmittel lagern, zur freien entnahme. weil diejenigen, die lebensmittel herstellen, diese lager routinemäßig füllen. oder: es gibt menschen, die sich um bäume und grünanlagen, gärten kümmern. oder: es gibt andere, die mit alten leuten zusammenleben, die mehr oder weniger hilfe benötigen, denn sie wissen, sie benötigen das selbst, wenn sie alt sind. und wiederum: es gibt wohnungen, die können bezogen werden, ohne zu zahlen, sie gehören niemandem und damit allen. man tut sich zusammen, wenn man sie instand zu setzen hat. man organisiert sich, wenn es etwas zu tun gibt, das der organisierung bedarf. warum? – warum nicht.

    soziale anerkennung mag das alles nach sich ziehen, ja. und das wird ja auch viel leichter noch gelingen als in der marktwirtschaft, die niemanden anerkennt, weil sie niemanden kennt, weil der mensch keine kategorie ist für den markt. und selbst in diesen verhältnissen ist die soziale anerkennung das ausschlaggebende motiv für unser handeln, für unser fühlen, unser streben und noch für unsere physiologie. und die setzt kein persönliches verstehen voraus, oder gar überhaupt eine enge beziehung.

    wenn, dann ist dies wohl die “wirtschaftliche triebkraft” par excellence.

    allem gerede des biologismus zum trotz: wir kennen uns selbst nicht, und wir scheuen uns davor zu sehen, was unsere biologie eigentlich im kern ausmacht. unsere biologie ist ein wesen, das geliebt werden will. gerade deshalb fällt uns widerstand so schwer.

    es ist nicht abzustreiten, dass der soziale kampf für eine solidarische ökonomie noch keine struktur voraussetzen kann, die gilt es erst – im verlauf des kampfes, der als solcher eben solidarität als struktur generiert – zu schaffen. doch auch worauf dieser kampf beruht, das ist die leidenschaft, nicht das wohlwollen, würde ich sagen. die leidenschaft für ein leben, das sich nicht normiert, unterdrücken lässt, und vernebeln.

  4. joerg knall says:

    das menschliche leben als ringen um anerkennung also.
    anerkennung direkt innert einer solök-struktur mit dem menschen als mittelpunkt oder über den umweg markt, dinglich dominiert.
    ringen um anerkennung als wirtschaftliche triebkraft.
    so weit so klar. reine struktur. losgelöst von moral. so scheint’s.
    unterschiedliche soziale praxen führen zu unterschiedlichen moralvorstellungen.
    das wiederum führt zu konflikten.
    die kapitalistische soziale praxis führt zu Amoral. auch d’accord.
    das erspart aber gerade moralische konflikte und macht sie hochgradig effizient im globalen verwalten von dingen (aber verheerend für mensch und natur).
    die moral der solidarität (geboren aus der solök-struktur) muß sich da erst mühsam ihre bresche schlagen.
    abgesehen davon bin ich nicht sicher, ob sich das bedürfnis nach liebe und dasjenige nach freiheit/individualität nicht grundsätzlich widersprechen.
    ist letzteres nicht eine mindestens ebenso starke wirtschaftliche triebkraft?
    gelingt diese trennung von struktur und moral überhaupt?

  5. Andreas Exner says:

    ich habe den begriff der “wirtschaftlichen triebkraft”, den du verwendest, und auf den ich bezug nehme, bewusst in anführungsstriche gesetzt. denn ich halte ihn für problematisch. was meinst du denn damit? (ich habe nur eine ungefähre idee, wie du ihn verstehen könntest.)

    nicht schreibe ich davon, das menschliche leben wäre ein “ringen um anerkennung”. meinem dafürhalten ist die idee, das leben sei ein “ringen” selbst dem markt entlehnt. dort ist sicherlich alles ein fortdauerndes ringen, und dieses ringen färbt unsere wahrnehmung vom leben.

    ich meine auch nicht, dass “strukturen” von “moral” losgelöst seien. das hab ich vielleicht nicht klar genug ausgedrückt. meine sicht wäre, dass menschen in gesellschaft verhältnisse eingehen, also regelhafte formen von interaktion, und dass diese verhältnisse komplex strukturiert sind. einige dieser verhältnisse sind beziehungen (nicht im sinne intimen verkehrs, sondern im sinne einer nicht-marktförmigen interaktion, darunter zum beispiel das verhältnis zwischen unternehmer und lohnabhängigen), andere sind keine beziehungen (marktförmige interaktionen).

    jene verhältnisse, die beziehungscharakter tragen (man kann sie als reziprozität bezeichnen), umfassen zum teil materiellen stoffwechsel (zum beispiel in der familie, oder in der nachbarschaftshilfe; auch den staat könnte man darunter einordnen), zum teil auch nicht (zum beispiel in vielen fällen von freundschaft). sie produzieren aber immer auch zugleich gefühle und normen (so genannte moral).

    die “struktur” sozialer interaktion, von der ich spreche, umfasst also alltagspraxen, gefühle, normen. “struktur” und “moral” würde ich also gar nicht trennen. wogegen ich mich ausspreche ist, der “moral” irgendeine übergeordnete bedeutung zuzuerkennen.

    dass der markt konflikte “erspart” leuchtet mir gar nicht ein. marktverhältnisse sind grundsätzlich konfliktiv: was der eine gewinnt, MUSS dem anderen entgehen. das ist in einer markt-transaktion gar nicht anders möglich – im unterschied zu einer solidarischen ökonomie, wo mir das gut tut, was auch dem anderen gut tut; und umgekehrt.

    auch verstehe ich nicht, warum die “verbindung-durch-trennung”, die er setzt – der markt trennt ja nicht nur, sondern verbindet paradoxerweise zugleich – irgendeinen vorteil bedeuten soll. in den wiederkehrenden krisen der marktwirtschaft / des kapitalismus zeigt sich doch gerade, dass sich die unauflösliche verbindung der menschen immer wieder gewaltsam herstellt, weil die trennung, die der markt setzt, eben nichts als eine illusion ist.

    “bedürfnis nach liebe” und das “nach freiheit” in einen widerspruch zu setzen ist meiner meinung nach ein effekt des marktes. erich fromm hat das glaube ich gut analysiert. auch marx war dies schon bewusst, er kritisierte die bürgerliche vorstellung von freiheit gerade als eine negative freiheit, die den anderen als die grenze meiner freiheit setzt, nicht als deren voraussetzung. hier spiegelt sich auf einer ideologischen ebene der oben genannte widerspruch zwischen trennung (“freiheit”) und verbundenheit (“liebe”), die der markt setzt (heute im globalen maßstab), der sich in den wiederkehrenden krisen gewaltsam auflöst.

  6. joerg knall says:

    @ wirtschaftliche triebkraft: das was die ökonomen glaub ich “anreiz” nennen. der grund, warum menschen für sich/andere tätig werden. “anerkennung” scheint mir ein sehr plausibles motiv. hab mir axel honneths “kampf um anerkennung” besorgt (es aber noch nicht gelesen).
    @ “ringen”: ich kam darauf über elias’ “prozess der zivilisation”. er beschreibt dort konkurrenz als ein “menschliches ringen um chancen”, auch in bezug auf vor-marktwirtschaftliche systeme wie das mittelalterliche feudalsystem.
    @”markt erspart konflikte”: das meinte ich nur in bezug auf moralische konflikte (folgt ja auch aus der per se amoralität des marktes). darin sehe ich die (oder besser: auch eine) ursache für die globale dominanz der marktwirtschaft, da es die geldbeziehung ermöglicht, mein wirtschaftliches tun von ethischen implikationen abzusondern. ich will damit nichts weiter sagen, als daß es das schwer für andere wirtschaftsformen macht, terrain zu gewinnen. wenn der zweck des wirtschaftens nicht die geldvermehrung, sondern die schaffung etwas gesellschaftlich nützlichen sein soll kommt die ethische komponente ins spiel. aber klar: theoretisch löst sich das problem, wenn sich diese werte, eingebettet in eine solök-struktur, bilden.
    @”widerspruch liebe-freiheit”: nachdem ich schon gepostet hatte, war ich mir unsicher ob meiner unsicherheit diesbezüglich und wollte in einem nachtrag mehr oder weniger so argumentieren wie du, dachte mir aber, du wirst das argument schon bringen und siehe da … ;-) … ich erwart’ mir da noch mehr klarheit nach der honneth-lektüre.

  7. joerg knall says:

    jetzt doch noch ein nachtrag:
    ich finde diesen blog toll, und auch, daß du dir so viel zeit nimmst zu antworten.
    danke dafür.

  8. Lieber Jörg!

    Ich danke Dir für Deine postings. Bislang hab ich eigentlich den blog mehr als Publikationsort für anderweitig Veröffentlichtes genutzt. Christian und Konstantin haben leider zumeist keine Zeit was zu schreiben. Ich würde gerne mehr in Tagesdebatten publizistisch eingreifen – im Argen liegt ja viel. Das erzeugt dann auch mehr Anlass zur Debatte via Comments.

    Danke auch für Deine Klärungen von Anreiz etc. Ich vermute, dass die Annahme, es brauche einen besonderen Anreiz für so genannte wirtschaftliche Aktivitäten der Marktwirtschaft entstammt. Wahrscheinlich ist die Frage nach einem Anreiz den Buschleuten in der Kalahari oder den Native Americans des 19. Jhdts. oder auch dem Feudalbauern des 14. Jhdts. unverständlich (gewesen).

    Das Feudalsystem war wohl von Herrschaft gekennzeichnet, aber dass dort Konkurrenz außer zwischen den Herrschern eine große Rolle spielte glaube ich eigentlich nicht. Um Anerkennung musste die breite Masse wohl kaum “ringen”, ihre soziale Position und damit auch ihre Anerkennung waren festgelegt. Selbst die Armen waren ja im Allgemeinen anerkannt und Almosen eine anerkannte und wichtige soziale Praxis (ein Bettelverbot wäre im Mittelalter undenkbar gewesen oder jedenfalls eine verwerfliche Handlung). Wohl rang der Feudalherr darum von seinem Nachbarn und den Untertanen anerkannt zu werden.

    Dass die Amoralität des Marktes ihm zur Durchsetzung verholfen hat, glaube ich nur in einem Sinn erkennen zu können: dass der Markt alle anderen gesellschaftlichen Interaktionen an Rücksichtslosigkeit übertrifft. Ohne den Staat wäre aber nirgends der Markt durchgesetzt oder aufrecht erhalten worden. Und der Staat ist keine wie der Markt strukturell rücksichtslose, wohl aber strukturell gewalttätige Form menschlicher Beziehung.

    Mit Ausnahme von marktförmig sozialisierten Menschen wie unsereins (die ja auch nur vom Standpunkt gesellschaftlicher Gewohnheit aus denken und empfinden, wenn man von kritischer Reflexion absieht) hat niemals – außer der Bourgeoisie – jemand den Markt als einen “Fortschritt” betrachtet, weil er amoralisch ist. Und selbst die Bourgeoisie basierte nicht auf marktförmigen Verhältnissen, sondern auf einem umfangreichen Moralkodex und vielfältigen nicht-marktförmigen Praxen (Erziehung, Clubs, Familie, öffentliches Leben etc.). Die “moralische Basis” der Bourgeoisie erodiert erst unter dem Regime des Neoliberalismus, würde ich sagen. Adam Smith war ein hochgradig moralisch denkender Theoretiker.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>