Zweierlei Leid. Glück und Norm am Beispiel von „Vicky, Cristina, Barcelona“

von Andreas Exner

Woody Allens 2008 erschienene Filmnovelle „Vicky, Cristina, Barcelona“ gräbt tiefer als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Fast wirkt es so als habe sich der Regisseur, der sich doch ansonsten dem eher leichtfüßigen Amüsement widmet, mit dieser Geschichte selbst ein Bein gestellt. Am Boden der Grube, in der man sich mit dem lapidar-ironischen Erzähler wiederfindet, der die Story aus dem Off kommentiert, und ihr damit eine eigene Dringlichkeit verleiht, schließt sich die Frage auf, in welchem Verhältnis Glück und gesellschaftliche Normen auf dem weiten Feld der Liebe stehen.

Zweifellos kann man „Vicky, Cristina, Barcelona“ auch als eher belangloses, flottes Sommerkino mit schönen Bildern genießen – und so ist der Film wohl wahrgenommen worden, von Woody Allen vielleicht auch konzipiert gewesen. Und das ist ja nicht das Schlechteste.

So betrachtet lautet der Plot wie folgt: Die beiden Freundinnen Vicky und Cristina, zwei junge Frauen aus den USA, verbringen den Sommer in Barcelona, Vicky um ihre Diplomarbeit zu schreiben, Cristina ohne bestimmtes Ziel, nachdem sie einen Kurzfilm zur Unmöglichkeit der Liebe gedreht hat.

An einem Abend werden die beiden unvermutet von Juan angesprochen, einem spanischen Maler, der sie kurzerhand zu einem Besuch des Ortes Oviedo einlädt, und gleich noch dazu, mit ihm die Nacht zu dritt im Bett zu verbringen. Die mit einem straighten Geschäftsmann in New York verlobte und solide Vicky, die erotischen Abenteuern abhold ist, empfindet dies als Zumutung. Cristina, ständig auf der Suche nach der Liebe, exhaltiert und darin das Gegenteil von Vicky, sagt zu, und die beiden finden sich wenig später trotz des Widerstrebens von Vicky im Privatflugzeug von Juan.

Die erste Liebesnacht, in der sich Vicky auf ihr Zimmer zurückzieht, scheitert an einer plötzlichen Erkrankung von Cristina, sodass Juan und Vicky gezwungenermaßen das Wochenende zusammen mit Besichtigungen verbringen, bevor es zurück nach Barcelona geht. Vicky und Juan kommen einander dabei näher und schlafen miteinander, der festen Intention Vickys zum Trotz.

Das Erlebnis bleibt einmalig, Vicky und Juan verlieren sich aus den Augen. Dagegen entwickelt sich eine Liebesbeziehung zwischen Juan und Cristina. Doch eines Tages kehrt die von Juan geliebte frühere Gattin und Künstlerin María Elena ins Haus zurück, die ihn als Maler tief beeinflusst hat. Juan holt sie aus dem Krankenhaus, in das sie nach einem Selbstmordversuch eingeliefert worden war. Nach anfänglicher Konsternierung seitens Cristina und eifersüchtigem Misstrauen von María Elena gegen die neue Freundin von Juan finden die beiden zueinander. María Elena beginnt Cristina in der Entwicklung ihres fotografischen Talents zu unterstützen, die beiden kommen sich auch erotisch näher und mit der Zeit ergibt sich ein menage á trois. Eine Szene zeigt die drei einander küssend in der Dunkelkammer, die María für die fotografischen Arbeiten von Cristina eingerichtet hatte.

Derweil hat Vicky ihren Verlobten Doug in Barcelona geheiratet, muss aber immer noch an Juan denken und das für sie sehr intensive Erlebnis, das sich auch jenem tief ins Herz geprägt hat. Als sie einander wiederbegegnen, erklärt ihr Juan, warum er ihr gegenüber keine weiteren Avancen gemacht hat. Er wisse, dass sie mit Doug das leben will, was sie sich immer gewünscht hatte.

Bei einer Party sieht Vicky zufällig, dass die ebenfalls verheiratete Judy Nash von einem jüngeren Mann geküsst wird. Judy bemerkt, dass sie gesehen worden ist und bittet Vicky um ein Gespräch. Darin beschreibt sie die Ehe mit ihrem Mann Mark als ein Gefängnis. Sie habe den richtigen Zeitpunkt verpasst um zu gehen, sagt sie. Dabei würde sie insgeheim nur darauf hoffen, dass sie jemand aus der Ehe erlöse. Doch wisse sie zugleich, dass sie ihren Gatten niemals verlassen würde. Vicky aber rate sie, ihre Liebe zu Juan zu gestehen und sich von Doug zu trennen, damit ihr dieses Schicksal erspart bleibe. Daraufhin arrangiert Judy eine Feier, um Juan und Vicky, in der sie sich wiedererkennt und der sie helfen will, noch einmal die Gelegenheit zu geben, sich einander anzunähern.

Cristina hat sich inzwischen von María Elena und Juan getrennt. Sie will weiterziehen. Doch erst in dieser besonderen Dreierkonstellation hatten María Elena und Juan, deren Beziehung bisher zwischen mörderischer Wut und heftiger Leidenschaft zerrissen war, zu einer ungetrübten Liebe gefunden. Ohne Cristina gehen María Elena und Juan erneut im Streit auseinander.

Am Ende des Films sucht Vicky Juan auf, sie trägt sich wohl mit dem Gedanken, dem Ratschlag von Judy zu folgen und sich doch noch für Juan zu entscheiden. Da erscheint María Elena, zielt mit einer Pistole auf Juan, der diese nur entwindet um versehentlich Vicky mit einem Streifschuss die Hand zu verletzen. Vicky ist erschüttert und flüchtet. Cristina und Vicky kehren in die USA zurück.

Normiertes Unglück, geglücktes Lieben

Dem oberflächlichen Eindruck entgegen verhandelt der Film, ob mit Intention des Regisseurs oder nicht, die Frage, unter welchen Bedingungen Liebesbeziehungen gelingen können, und was überhaupt unter einem solchen Gelingen zu verstehen sein kann. Weit davon entfernt, ein sarkastischer Kommentar von Allen zur Unmöglichkeit der Liebe zu sein, spricht der Film in Wahrheit von deren Möglichkeit. Diese Möglichkeit bricht sich allerdings an gesellschaftlichen Normen.

Diese Lesart lässt sich im Kontrast der beiden Beziehungskonstellationen zwischen Juan, Cristina, Vicky und María Elena auf der einen Seite, und Judy und Mark auf der anderen entwickeln. Während Judy von der Norm und vermutlich auch dem Ideal der Monogamie gefangen lebt, wirkt im Leben von Juan kein solcher Zwang. Seine Liebe zu María Elena erklärt er Vicky und Cristina schon an ihrem ersten Wochenende, und diese Liebe bleibt davon unberührt, dass María und er kein Leben zusammen führen können, geschweige denn zu diesem Zeitpunkt noch miteinander schlafen. Auch fühlt sich Juan zu Vicky und Cristina gleichermaßen hingezogen, wenngleich auf je eigene Art. Während ihn mit Cristina eine eher kumpelhafte, teils auch beinahe väterliche, erotische Beziehung verbindet, bestimmt die innere Verbindung zwischen ihm und Vicky gerade die Unterschiedlichkeit ihrer Charaktere: er, der sich gern als Lebemann darstellt, ein klischeehafter Bohémien, steht dabei in krassem Kontrast zu Vicky, die vorhersehbar einer gutbürgerlichen Existenz zustrebt.

Die Dreierbeziehung in Juans Haus ist geradewegs die Inkarnation von Liebesglück: María Elena und Juan malen den Tag über, Cristina fotografiert, sie verbringen eine intensive, schöne Zeit, sinnlich und mit Zärtlichkeit. Das Ende dieser Beziehung geht nicht auf eine gesellschaftliche Norm zurück, sondern auf die nur temporär vereinbaren emotionalen Befindlichkeiten und tieferen Leidenschaften der beteiligten Personen. Cristina, man weiß nicht genau warum, beginnt sich in der Konstellation unwohl zu fühlen, es ergreift sie eine innere Unruhe, wie es heißt. Nicht an der gesellschaftlichen Konvention findet dieses Liebesglück sein Ende, sondern an den Menschen selbst.

Auf ähnliche Weise, jedoch spiegelverkehrt, lässt sich Judys Situation deuten. Ihre Erklärung Vicky gegenüber, dass ihre Ehe einem Gefängnis ähnele, ist stimmig auf der Ebene der gesellschaftlichen Norm. Diese verhindert für Judy die Entfaltung ihrer Liebesfähigkeiten über den Raum der einen Beziehung zu ihrem Gatten hinaus. Doch ist nachgerade unglaubwürdig, wenn sie Vicky ihre Verbindung so darstellen möchte als wäre sie das reine Gefängnis, und nichts sonst. Warum sollte sich eine fähige, reife, ökonomisch unabhängige Frau von ihrem Mann nicht einfach trennen können? Die Antwort ist einfach: weil sie ihn liebt. Das spricht indes weder Judy aus noch der Film überhaupt an. Doch alles andere wäre unplausibel. Das Dilemma, das Leiden von Judy resultiert einzig aus der gesellschaftlichen Norm der Monogamie, nicht aus ihrer Beziehung zu ihrem Gatten als solcher. Sie muss sich, dieser Norm entsprechend, für Mark und gegen alle anderen Liebesbeziehungen entscheiden; oder umgekehrt. Ein Sowohl-als-auch gilt als undenkbar und wird von Judy auch nie in Erwägung gezogen, obwohl doch Juan die praktische Möglichkeit dieser Liebesweise demonstriert.

Deshalb kann Judy Vicky auch nur eine andere monogame Beziehung raten, die zu Juan, die, man kann es als Zuseherin erahnen, in den Augen Judys und in manchen Momenten vielleicht auch für Vicky dann „die eine wahre Liebe“ sein würde, die Doug vorzuziehen wäre. Das Problem wird von den beiden nicht in der mononormativen Liebesweise gesehen, sondern im Austausch des einen Partners gegen einen anderen. Das Problem wird im Menschen gesehen, nicht in der Norm.

Das Leiden der Figuren im Film ist also auf zweifache Weise zu betrachten. In der Liebeskonstellation von Juan sind es die Menschen selbst, die einander Glück bereiten oder, wenn ihre Leidenschaften auseinanderstreben, Unglück. Dies wird in jeder denkbaren Gesellschaft so sein, auch in einer Gesellschaft polyamorer Liebesverhältnisse. In der mononormativen Liebeskonstellation von Judy dagegen sind es nicht sie und ihr Gatte, die einander als Menschen Unglück bereiten, sondern es ist die herrschende Vorstellung einer tolerablen oder guten Beziehung, an der sie scheitern. Ihr Leiden wäre in einer polyamoren Gesellschaft nicht denkbar und dann ein Thema der Vergangenheit.

Nicht nur, dass die Mononorm Sex und Liebe untrennbar zusammenschließen will, sie begreift die dadurch zu stiftende, einzig „intime“ Beziehung auch als unumstößliche Grundlage eines ebenso unumstößlichen Ziels der Anhäufung materieller Güter. Die bürgerliche Liebe als Geschäftsprojekt wird in der Darstellung von Vicky und Doug ebenso wie bei Judy und Mark deutlich sichtbar. Zwar ist Juan materiell keineswegs schlecht gestellt, ganz im Gegenteil. Doch in der ironisch-klischeehaften Überzeichung des Künstlerdaseins spielen solche Ziele keine emotionale Rolle, das Streben richtet sich allein auf die Verwirklichung der Liebe selbst, von Sinnlichkeit um ihrer selbst willen.

Sollen Juan, María Elena und Cristina nun als unglücklich gelten? Das kann nur dann so erscheinen, wenn erneut das Maß der Mononorm an sie gelegt wird. Ihr Unglück ist nur die notwendige Kehrseite des Glücks, das sie in vollen Zügen genießen können, wenn es sich zeigt. Ihr Leben jedenfalls ist reich, erfüllt. Dagegen gleicht Judy Nash der sprichwörtlichen vertrocknenden Blume. Sie geht indes nicht an dem unvermeidlichen Leiden menschlichen Lebens zugrunde, sondern, um wieviel tragischer, an einer sinnlosen und historisch zwangsweise durchgesetzten Liebesnorm.

Das Schlussbild des Films, das Cristina und Vicky am Flughafen zeigt, ist weniger als eine Verhöhnung der beiden Figuren zu verstehen, wie ein Kritiker meinte. Cristina geht aus ihrer Erfahrung gestärkt hervor, erhobenen Hauptes sozusagen. Ihre Suche nach der perfekten Liebe, der Kunst, der inneren Erfahrung mag unreif sein, vergeblich, närrisch sogar. Doch geht sie diesen Weg ohne sich von gesellschaftlichen Normen diese Erfahrung verbieten zu lassen, und das macht sie in einem nicht-trivialen Sinn zu einem glücklichen Menschen. Vicky dagegen verkörpert die eigentliche Tragik der Filmnovelle. An ihrem Gesicht ist abzulesen, dass ihr Einfinden in die Ehe ein Tod auf Raten sein wird.

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