Commons-Archipel: Die historische Kibbutz-Bewegung

von Andreas Exner

Das zusammen mit Brigitte Kratzwald verfasste Buch “Solidarische Ökonomie & Commons”, das 2012 im Mandelbaum-Verlag erschienen ist, beruht auf teilweise umfangreichen Vorarbeiten. Diese fanden nur sehr stark gekürzt und ohne vollständige Quellenangaben Eingang in das Buch. Hier sollen in loser Folge die ausführlichen Fallstudien zur israelischen Kibbutz-Bewegung, zur Bolivarianischen Revolution in Venezuela und zum baskischen Kooperativenkomplex Mondragón veröffentlicht werden. Den Anfang macht die Kibbutz-Bewegung.

Die Kibbutz-Bewegung bietet einen unschätzbaren Fundus an Erfahrungen für eine commonsbasierte Produktionsweise und den Weg dorthin. Sie illustriert Potenziale und Gelingensbedingungen ebenso wie Grenzen und Widersprüche. In ihrer klassischen Form ist die Kibbutz-Bewegung der einzige bisher bekannte Versuch eines vollständig auf Commons beruhenden Lebens, das eine große Zahl von Menschen dauerhaft involvierte.

Der klassische Kibbutz 1 ist eine ländliche Pioniersiedlung, worin alle Produktions- und Konsummittel Gemeineigentum sind. Idealtypisch unterliegen alle ökonomischen und sozialen Bereiche von den Hobbies bis zur Kindererziehung einer weitgehenden Form der Demokratie, wobei die Generalversammlung aller Mitglieder die letzte Entscheidungsgewalt ausübt.

Die tatsächliche Effektivität der Kibbutz-Demokratie war und ist allerdings je nach Siedlung unterschiedlich und häufig eingeschränkt. Erstens war der Kibbutz spätestens seit den 1930er Jahren Teil eines sozialen Kräftefeldes, das die Mitglieder der Kibbutz-Siedlungen nur eingeschränkt überblickten und kaum direkt beeinflussen konnten. 1926 und 1927 entstanden zwei große Kibbutz-Verbände, zwei kleinere wurden 1933 und 1934 gegründet. Sie entwickelten sich ab den 1930er Jahren zum Terrain einer im Entstehen begriffenen Kibbutz-Machtelite, die sich im Verlauf der Jahrzehnte immer mehr konsolidierte und eine wesentliche Rolle in der Transformation der Kibbutz-Kultur ab den 1980er Jahren spielt. In den 1930er Jahren wuchs auch der Einfluss der Mapai, die später staatstragende Arbeiterpartei, auf die Kibbutzim 2, der die Bewegung auf problematische Weise in den späteren israelischen Staatsapparat einband.

Zweitens schrieben sich im Kibbutz trotz einer anfänglich feministischen Programmatik und mancher Erfolge in der Emanzipation der Frauen letztlich die traditionellen Geschlechterrollen fort. Dies führte zu einer fast ausschließlichen Männerdominanz in allen höheren Entscheidungsgremien.

Drittens scheiterte der Kibbutz an der Integration der nicht-europäischen Jüdinnen und Juden insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg. Damit in Zusammenhang steht seine abnehmende Rolle als sozial-revolutionäre Kraft, die sich erst in den Neuanfängen der letzten Jahre wieder stärker artikuliert.

Die erstaunlichen Errungenschaften der Kibbutz-Bewegung gilt es also zusammen mit diesen Defiziten und Widersprüchen zu untersuchen. Sie fallen umso mehr ins Gewicht, zieht man das spezifische Kibbutz-Ethos von Gleichheit, Solidarität und Kollektivität als Maßstab der Beurteilung heran, das den spezifischen Kibbutz-Diskurs ausmacht, den noch Gavron (2000) dokumentierte.

Die Kibbutz-Bewegung und die arabisch-jüdischen Beziehungen

Auch der Aufbau kooperativer Beziehungen mit der arabischen Bevölkerung scheiterte. Allerdings wäre es verkürzt, dies zu den Demokratiedefiziten zu zählen. Die Kibbutz-Bewegung war zwar bis zur Staatsgründung gesellschaftlich einflussreich und bildete schon am Anfang der jüdischen Besiedelung Palästinas einen beachtlichen Bevölkerungsanteil. So lebten im Jahr 1923 rund 1.800 Menschen in 24 Kibbutz-Siedlungen 3. 1939, eineinhalb Dekaden später, war die Kibbutz-Bewegung auf 71 Siedlungen mit rund 24.000 Menschen angewachsen, was damals 5,3% der jüdischen Gesamtbevölkerung Palästinas entsprach. Zur Zeit der Staatsgründung 1948 erreichten die Kibbutzim ihren höchsten Anteil an der jüdischen Gesamtbevölkerung von 7,6% 4.

Doch trotz dieser quantitativen und mehr noch qualitativen Bedeutung der Kibbutzim in Palästina und später in Israel waren sie immer Teil umfassender Kräfteverhältnisse, die sie nur eingeschränkt oder gar nicht gestalten konnten. Dazu gehörte vor allem die blutige antisemitische Repression in Europa, die den Siedlungs-Zionismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts überhaupt erst hervorbrachte. Dennoch blieb, trotz wiederkehrender Pogrome, die im Zeitverlauf immer brutaler wurden, der Strom der Einwanderer bis zum Zweiten Weltkrieg gering. Die Migration nach Palästina belief sich bis 1920 auf nur 4% der weltweiten Wanderungsbewegungen der jüdischen Bevölkerung. Ab 1930 erließen die westlichen Länder strenge Einwanderungsbeschränkungen, während zugleich die antisemitische Repression der Nazis wuchs. 1933 erfolgte die Machtübernahme Hitlers. Das Reichskristallpogrom von 1938 machte die Entschlossenheit des Nazi-Regimes zur physischen Verfolgung der Jüdinnen und Juden deutlich. 1939 überfiel Nazi-Deutschland Polen und die Repression verschärfte sich. Die mörderische Verfolgung bei gleichzeitiger Abschottung der westlichen Staaten gegen die Fluchtbewegung führte dazu, dass ab den 1930er Jahren der globale Anteil der jüdischen Einwanderung nach Palästina auf 50% stieg 5.

Der Holocaust schließlich machte die flächendeckende Besiedelung Palästinas unausweichlich. Nach der Niederlage des Naziregimes kam es erneut zu Pogromen gegen die wenigen Überlebenden des antisemitischen Terrors in Polen, die deutlich zeigten, dass Jüdinnen und Juden nach dem Nationalsozialismus mit denselben Repressionen zu rechnen hatten wie zuvor. Dazu kam, dass die westlichen Staaten die Zahl der Visas für die Einwanderung von Überlebenden des Holocaust eng beschränkten. Die meisten hätten die USA oder andere westliche Länder bevorzugt 6.

Die arabische Bevölkerung revoltierte gegen die jüdische Besiedelung das erste Mal 1929 und ein zweites Mal, in größerem Ausmaß, 1936 bis 1939. Die Kibbutzim spielten eine wichtige Rolle in der Verteidigung der noch nicht als Staat organisierten jüdischen Gesellschaft in Palästina, des Yishuv. 1937 legte sich die britische Mandatsregierung auf eine Zwei-Staaten-Lösung mit einer eng limitierten jüdischen Einwanderung fest und nahm die Gefährdung des Lebens von Millionen Jüdinnen und Juden in Kauf. Die Kibbutz-Bewegung ging in der Folge mit Unterstützung der zionistischen Organisationen zu einer strategischen Kolonisierung über, um das jüdische Siedlungsgebiet auszuweiten und zu sichern. 1939 veröffentlichte die britische Mandatsregierung den Plan, einen arabischen Staat in Palästina schaffen zu wollen. Die entscheidenden Gruppen des arabischen Aufstands der 1930er Jahre hatten sich mit dem Nazi-Regime verbündet, das den Aufstand zu guten Teilen finanzierte 7. Angesichts des militärischen Widerstands gegen die jüdische Besiedelung, in einem Kontext zunehmender Lebensgefahr für die jüdische Bevölkerung Mittel- und Osteuropas und ohne Unterstützung durch die westlichen Staaten, Großbritannien eingeschlossen, wurde das militärische Engagement der Kibbutzim unausweichlich.

Die Kibbutzim spielten folglich nicht nur eine wesentliche Rolle in der Besiedelung des später als israelisches Staatesgebiet anerkannten Territoriums, sondern auch bei der Verteidigung Israels 1948, als unverzüglich nach der Staatsgründung arabische Angriffe einsetzten. Später beteiligten sich die Kibbutzim überdurchschnittlich – und erneut mit überproportionalen Opfern an Menschenleben – im Sechs-Tage-Krieg 1967. Erst der Libanonkrieg 1982 führte zu einer Friedensbewegung in Israel, mit einer nun erneut überdurchschnittlichen Beteiligung von Kibbutzniks. Viele Kibbutzim protestierten damals öffentlich. Gegen die Besatzungspolitik der Likud-Regierung opponierten sie nicht offen, gründeten jedoch keine Siedlungen in den besetzten Gebieten und verzichteten so auf die damit verbundenen Förderungen 8. Im Jahr 2000 war allerdings nach wie vor die Zahl der freiwilligen Kibbutz-Jugendlichen in der Armee überdurchschnittlich groß 9.

Auf die Perspektiven der Kibbutz-Bewegung in der Frage der arabisch-jüdischen Beziehungen in den Anfängen des Yishuv wird am Schluss noch einmal einzugehen sein.

Die Struktur der Kibbutz-Commons

Ihren eigentlichen Anfang nimmt die Kibbutz-Bewegung im Jahr 1910. Obwohl sich schon in den 1930er Jahren erste negative Veränderungen hin zu Elitenbildung und Konservativismus bemerkbar machten, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg vertieften und in den 1980er Jahren in eine traumatische Krise führten, haben Elemente einer commonsbasierten Solidarischen Ökonomie bis heute Bestand. Weniger in den älteren Kibbutz-Siedlungen, mehr in den Versuchen der radikalen Erneuerung abseits einer bloßen Anpassung an vermeintliche Zwänge des kapitalistischen Systems.

Traf man die Entscheidungen in den ersten Kibbutz-Siedlungen, die anfänglich Kvutzot genannt wurden, in direkter Demokratie, entwickelte sich mit dem Größenwachstum der Kibbutz-Siedlungen eine Struktur von Kommittees, die für die einzelnen ökonomischen und sozialen Belange zuständig waren. Diese Struktur besteht in unterschiedlichem Maß bis heute. Alle wesentlichen Entscheidungen unterliegen weiterhin der Generalversammlung, die in der Regel einmal pro Woche zusammentritt. Alle Mitglieder verfügen darin über das gleiche Stimmrecht. Sie beschließen den Wirtschafts- und Arbeitsplan sowie Ausgaben und Investitionen.

Die Generalversammlung entscheidet darüberhinaus die Zusammensetzung der Kommittees und der Produktionszweige. Die Kommittees befassen sich mit Kultur, Gesundheit, Bildung und ähnlichem. Ihre Aufgabe ist zudem die Koordination zwischen den einzelnen Tätigkeitsbereichen. Dies ist die Funktion von Kibbutz-Sekretariat, Wirtschafts- und Arbeitskommittee. Die wesentlichen Ämter sind das Sekretariat, die ökonomische Koordination, die Finanzverwaltung und die Arbeitskoordination. Wer diese Ämter ausübt, wird von der Generalversammlung gewählt. Es gibt keine formelle Hierarchie zwischen diesen Ämtern 10. Allerdings stellt Shapira fest (2008), dass die einzelnen Kommittees nicht gleichgewichtig sind, sondern jene über größeren Einfluss verfügen, in denen die Kibbutz-Elite, die zwischen verschiedenen Posten im Kibbutz und den föderativen Organisationen rotiert, präsent ist. Die meisten Ämter in der Kibbutz-Struktur sind keine Vollzeitbeschäftigungen, sondern werden zusätzlich zu den üblichen Tätigkeiten wahrgenommen.

Die kleinsten Kibbutz-Siedlungen umfassen weniger als 100 Mitglieder, die größten über 1.000 11. 2006 betrug die durchschnittliche Mitgliederzahl pro Siedlung knapp 450 12. Sie operieren bis heute grundsätzlich autonom, seit den 1920er und 1930er Jahren allerdings in anfänglich vier eigenständigen Kibbutz-Verbänden mit damals deutlich unterschiedenen politischen Ausrichtungen. Die Problematik der zusammen mit den Kibbutz-Verbänden entstehenden föderativen Organisationen wird noch skizziert. Hier sei nur auf das erstaunliche Ausmaß der institutionellen Vielfalt und Vernetzung innerhalb der Kibbutz-Bewegung hingewiesen.

Reuven Shapira unterscheidet neben den Kibbutzverbänden selbst, die heute mit Ausnahme der wenigen religiösen Kibbutzim in einer einzigen Organisation fusioniert sind und 1985 etwa 2.300 Menschen beschäftigten, fünf weitere Hauptstrukturen 13:

  • Mashbir Merkazi, die größte Import- und Einzelhandelsfirma in Israel, die bis zur Mitte der 1980er Jahre rund 1.500 Beschäftigte zählte
  • Tnuva, der größte industriell-kommerzielle Komplex in Israel, der etwa 4.000 Menschen beschäftigt und bis vor Kurzem im Eigentum der Kibbutzim und der Moshavim (einer verwandten Form kollektiver Siedlungen) stand
  • die Jugendbewegungen, die für neue Kibbutz-Mitglieder sorgten (und heute nur mehr eine geringe Rolle spielen)
  • die Partei Mapam, die 1954 in zwei Parteien zerfiel, mit jeweils 8-9 Sitzen in der Knesset, zumeist zwei Ministern, dutzenden Zweigen und bis 1968 mehreren Tages- und Wochenzeitungen
  • elf regionale Unternehmenskonzerne mit etwa 110 Fabriken, rund 1.200 Leitungskadern aus den Kibbutzim, 7.000-8.000 Fixangestellten und 1.000-2.000 Saisonarbeitern.

Zusätzlich zu diesen Strukturen, die integraler Teil der Kibbutz-Bewegung sind, existierten (bzw. existieren) noch etwa dreißig zum Teil kleinere föderative Organisationen und institutionelle Einflussbereiche von Kibbutz-Eliten, darunter die folgenden:

  • die Landarbeitergewerkschaft der Histadrut inklusive einer landwirtschaftlichen Ausbildungseinrichtung, die inzwischen privatisiert worden ist
  • die zionistischen Organisationen, worin Kibbutzim eine gewisse Rolle spielten
  • die elf nationalen Gewerbevereinigungen der Bauernschaft, die alle von Kibbutz-Eliten gegründet und geführt wurden
  • die staatlichen Marketing-Organisationen der landwirtschaftlichen Sparten, die zumeist von Kibbutzim initiiert worden waren und von ihren Leitungspersonen geführt wurden
  • Tnuva Export zur Vermarktung von Zitrusfrüchten der Kibbutzim und der Moshavim mit 29 Verpackungsfabriken, die 1989 bankrottierte
  • Agrexco, ein Staatsbetrieb für den Export aller anderen landwirtschaftlichen Produkte, worin einige Kibbutz-Mitglieder Leitungsfunktionen ausübten
  • Chimavir, der bis zum Bankrott 1982 marktbeherrschende Betrieb zum Einsatz von Pestiziden
  • Hazera, eine Saatgutfirma, die inzwischen privatisiert worden ist, hunderte von Lohnarbeitern beschäftigte und lange Zeit eine oligopolistische Position innehatte
  • Association of Poultry Farms for Breeding, die von dutzenden Kibbutzim gegründet wurde und bis vor Kurzem den Markt beherrschte und im Export tätig war
  • acht Kibbutz-Transportkooperativen, die den größten Teil der Fracht der Kibbutzim, der Regionalunternehmen der Kibbutz-Verbände und anderer föderativer Organisationen übernahm, mit jeweils dutzenden bis zu hunderten von LKWs
  • ein ursprünglich von jedem Kibbutz-Verband für sich gegründeter Fonds, der mit der Zeit beachtliche finanzielle Macht entfaltete und in verschiedene Firmen investierte, darunter in der Schifffahrt und im Handel
  • eigene Einkaufsorganisationen für die Bedürfnisse der Kibbutz-Siedlungen
  • bis vor Kurzem gehörten auch große Architekturbüros und Baufirmen im Eigentum der Kibbutz-Verbände dazu
  • verbandseigene Verlagshäuser, große Seminarzentren für hunderte Studierende
  • verbandseigene sozialwissenschaftliche und historische Forschungseinrichtungen und Archive, Kulturklubs und künstlerische Organisationen
  • Kibbutzkliniken für Kinder und Familien
  • die Kibbutz Industry Association, die rund 360 Kibbutz-Fabriken und -Hotels betreut
  • Heshev, eine Business-Consulting-Firma
  • Comptroller Alliance of Cooperatives zum Controlling der Buchhaltung der Kibbutzim und Moshavim, die kürzlich bankrottierte
  • Bitu’ach Chaklai Insurance zur Versicherung der meisten Vermögenswerte der Kibbutzim und ihrer föderativen Organisationen
  • 12-15 regionale Räte in Regionen mit einer Dominanz der Kibbutzim, die von Kibbutz-Eliten geleitet wurden
  • regionale Fachhochschulen und verbandseigene Lehrerseminare
  • eigene Kibbutz-Schulen von der Elementarstufe bis zur Hochschule
  • Firmen im Gemeineigentum von Kibbutzim und Moshavim zur Besamung von Vieh
  • Harish, ein Maschinenring, der im Bauwesen in ganz Israel aktiv war.

Alle diese Strukturen waren und sind mehr oder weniger bürokratisch, das heißt entlang von Kommando- sowie Statushierarchien differenziert. Shapira beschreibt die Organisationskulturen dieser Institutionen als pseudo-kapitalistisch, mit schwachen Vertrauensbeziehungen im Gegensatz zum offiziellen Kibbutz-Ethos, das vor allem in den Anfängen die Kibbutz-Siedlungen prägte. Bis in die 1960er Jahre allerdings berichteten die in diesen Organisationen tätigen Kibbutzniks 14 den Generalversammlungen ihrer jeweiligen Kibbutzim und die lokalen Kibbutz-Medien berichteten darüber. Eine Verlängerung ihrer Funktionen entschied in der Regel die Generalversammlung.

Der Wendepunkt für diese mehr oder weniger demokratischen Gebahrung in den quasi ausgelagerten Kibbutz-Sektoren kam mit dem Machtaufstieg der ökonomischen föderativen Organisationen wie etwa den Regionalunternehmen. Sie entwickelten sich zu einem Reservoir für die Machteliten der Kibbutzim. Viele Angehörige der unteren und mittleren Führungsschichten wurden darin tätig, akkumulierten Privilegien und schnitten die Generalversammlung vom Informationsfluss ab. Die Kibbutzim selbst nutzten diese Organisationen häufig um inkompetente Leiter zu versetzen. Nachdem viele die föderativen Organisationen nicht als Teil der Kibbutzim begriffen, sie jedoch de facto ein entscheidendes Moment für die Herausbildung und Reproduktion einer Machtelite wurden, dienten sie der Verschleierung der realen Situation einer zunehmenden Stratifizierung nach Status und Macht 15. Diese Ideologie bekräftigten laut Reuven Shapira auch viele wissenschaftliche Studien, die sich der Kluft zwischen Ethos und Praxis nur in Einzelfällen bewusst wurden oder, angesichts des „symbolischen Kapitals“, das Wissenschafter in die Hypothese einer idealen Kibbutz-Demokratie investiert hatten, bewusst werden wollten.

Ein Grundpfeiler des Kibbutz-Ethos, der seit den 1980er Jahren allerdings verstärkt erodiert, ist die radikale Ablehnung der Lohnarbeit innerhalb der Gemeinschaft. Die Gründergeneration erkannte in der Lohnarbeit eine Beziehung der Ungleichheit. Sie lehnten innerhalb ihrer Gemeinschaft damit auch jedwede Marktbeziehung ab, ebenso wie den Einsatz von Zwangsmitteln. Innerhalb eines Kibbutz wurden weder Käufe und Verkäufe getätigt noch etauscht, Geld spielte folglich keine Rolle, es gab keine Verrechnung. Der Lebensunterhalt war nicht an die Arbeitsleistung gebunden, sondern sollte die jeweiligen Bedürfnisse decken. Arbeit unterlag keiner formellen Kontrolle. Verrichteten Kibbutzniks auswärts Lohnarbeit, so flossen die Einkünfte in die Kibbutzkasse. Dem entspricht ein Begriff des Kommunismus, wie ihn zuerst Etienne Cabet (1839) und später Karl Marx formuliert hatte: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“ 16

Die Arbeitsmotivation bestand neben der Befriedigung in der (vor allem in der Pionierphase körperlich zumeist sehr harten) Tätigkeit selbst in der Anerkennung durch die Gemeinschaft 17. Arbeit im Sinn der engagierten Teilnahme an der Produktion der kollektiven Güter wurde als moralische Aufgabe verstanden. Die immaterielle Befriedigung durch dieses Engagement beschränkte sich nicht nur auf die unmittelbare Gemeinschaft. Zeitgenossen hoben den so genannten Pioniergeist hervor, der als ein wesentliches Element für den Aufbau der Kibbutzim verstanden wurde. In den Anfängen der Kibbutz-Bewegung ging damit eine starke Norm der Selbstlosigkeit einher. Sie prägte das Kibbutz-Ethos einer „Elite im Dienst der Gesellschaft“ bis in die 1960er Jahre 18. Grundsätzlich war dieses Ethos mit einer Betonung des Individuums kompatibel. Die Tradition des Kibbutz Artzi-Verbandes etwa betonte die Entfaltung des Individuums im Rahmen intimer persönlicher Beziehungen. Sanktionen erfolgten in Form moralischen Drucks. So meinte etwa auf die Frage, wie der Kibbutz reagiere, wolle ein Mitglied nicht arbeiten, ein Kibbutznik der Siedlung Degania mit den schlichten Worten: „Wir würden ihn nicht lieben“ 19.

Die erfolgreichen Kibbutzim bestimmte eine Kultur starken Vertrauens, der Transparenz und Kreativität, die kritischen Stimmen und radikalen Innovationen Raum gab. In einer solchen Kultur kam es innerhalb der landwirtschaftlichen Branchen und im Bereich des Konsums zu einem positiven Wettbewerb zwischen einzelnen Kibbutz-Branchen um Prestige, das auf hoher Arbeitsproduktivität basierte. Da die Produkte über Tnuva, die gemeinsame Kibbutz-Kooperative, vermarktet wurden, führte dieser Wettbewerb nicht zur Existenzbedrohung 20. Darin äußerte sich das Wirken des kapitalistischen Marktes, für den die Kibbutzim letztlich produzierten. Doch pufferte ihre Commons-Struktur seine negativen Effekte weitgehend ab. Die Mitglieder genossen – solange die Kibbutzim Bestand haben würden – eine absolute soziale Sicherheit.

Die Situation im industriellen Bereich war allerdings anders. Hier kam es zu einer kapitalistischen Konkurrenz zwischen einzelnen Kibbutzim, die für den gleichen Markt produzierten 21. Ein System des wechselseitigen Ausgleichs oder der Koordination, das im Rahmen der föderativen Organisationen an sich eine fertige Struktur vorgefunde hätte, wurde aus den weiter unten erläuterten Gründen schwacher Demokratie und Innovationsfähigkeit nicht gebildet 22.

Nicht nur existierten die Kibbutzim als weitgehende Commons mehrere Jahrzehnte lang. Sie hoben sich auch durch ihren essenziellen Beitrag zur Entwicklung der umgebenden Gesellschaft hervor. Der Anteil der Kibbutzniks an der israelischen Bevölkerung sank in den Jahren nach 1948 auf nur ca. 3% ab, doch vergrößerte sich die Zahl der Mitglieder bis Ende der 1970er Jahre auf mehr als 100.000. Nach der nicht nur ökonomischen und politischen, sondern vor allem auch demographischen Krise der Kibbutzim in den 1980er und 1990er Jahren gibt es inzwischen Anzeichen für eine Stabilisierung. Nach offiziellen Angaben zählte man 2010 106.000 Kibbutz-Mitglieder in 273 Siedlungen mit insgesamt 123.000 Bewohnerinnen und Bewohnern 23.

Die Kibbutz-Bewegung erstaunt nicht zuletzt aufgrund ihrer beachtlichen ökonomischen Produktivität. Die Kibbutzim generierten 2010, mit einem Anteil an der Landesfläche von rund 10% (davon sind ca. 2% landwirtschaftlich nutzbar) 34% des Produktionswerts der israelischen Landwirtschaft. Seit den 1960er Jahren ist auch der Anteil an der industriellen Fertigung beachtlich. Ein Anteil von in der Industrie tätigen Kibbutzniks von 1,6% stellte 2010 9,2% der industriellen Produktion in Israel. 70% der Einkommen der Kibbutzim stammen aus dem industriellen Sektor 24.

Die Kibbutzniks der ersten Jahrzehnte lebten insbesondere in den jeweiligen Pionierphasen der Siedlungen in zum Teil extremer Armut. Die Gemeinschaften waren durch ein hartes Leben mit schwerer körperlicher Arbeit und keinerlei Annehmlichkeiten, in einer sowohl naturräumlich als auch politisch feindlichen Umgebung unter häufig kaum vorstellbaren Bedingungen geprägt. Mit zunehmender Entwicklung der einzelnen Siedlungen und auf breiter Front in den 1950er Jahren nahm der Lebensstandard der Kibbutzim jedoch kontinuierlich zu, sodass sie seit den 1960er Jahren zu den wohlhabenderen Bevölkerungsgruppen in Israel gehören 25.

Entwicklungsphasen der Kibbutz-Bewegung

Wer den Beitrag der Kibbutzim zu einer commonsbasierten Solidarischen Ökonomie schildern will, und noch mehr, wenn dies in aller Kürze geschehen soll, steht vor einer schwierigen Aufgabe. Denn die Kibbutz-Bewegung ist überaus facettenreich, blickt auf eine lange Geschichte zurück und ist Gegenstand unzähliger Studien 26. Ihre Wurzeln sind vielfältig. Weil die Bewegung sich niemals abgeschottet hat, sondern vielmehr, im Unterschied zu vielen anderen Lebensgemeinschaften, ein sichtbares Vorbild für die breite Gesellschaft bieten wollte, waren zudem die Einflüsse der nationalen israelischen wie auch der internationalen Entwicklung immer bedeutend.

In der Entwicklung der Kibbutz-Bewegung lassen sich im Anschluss an Fölling-Albers & Fölling (2000: 58ff.) vier Phasen unterscheiden. Die erste Phase umfasst die Zeit von der Gründung des ersten Kibbutz (Degania) 1910 bis zur Gründung des Staates Israel 1948. Sie war zuerst von einer revolutionär-anarchistischen Ausrichtung geprägt, die sich später hin zur Mitwirkung am Staatsaufbau verschob. Bis in die 1930er Jahre zielte die Kibbutz-Bewegung, die sich als Keim einer neuen, herrschaftsfreien Gesellschaft verstand, darauf ab, ihre Produktions- und Lebensweise in Israel zu verbreiten. Die Kibbutzim sahen sich als Teil der radikalen Strömung in der Arbeiterbewegung und wiesen deshalb bis in die 1950er Jahre 27 eine starke internationalístische Dimension auf. Am Ursprung der Kibbutz-Praxis stand nicht nur der Wunsch, zum Inbegriff jüdischen Lebens zu werden, sondern letztlich ein Vorbild für die Welt überhaupt zu sein.

Die zweite Phase von 1948 bis Anfang der 1960er Jahre stand unter dem Vorzeichen der Technisierung und Konsolidierung. Die internen Machteliten, die in den 1930er Jahren enstanden waren, bauten ihre Positionen aus. Daran schloss die dritte Phase der etablierten Kibbutzim der 1960er und 1970er Jahre an, die sich trotz ihrer anfänglich ausschließlich agrarischen Orientierung zusehends urbanisiert hatten. Es kam zu einer fortgeschrittenen Routinisierung und Spezialisierung.

Die vierte Phase, die bislang andauert, prägt eine tiefgreifende Transformation. Eine 1985 in Israel akut gewordene Finanz- und Wirtschaftskrise löste eine Reihe von Veränderungen aus. Dabei wurden erstmals grundlegende Kibbutz-Prinzipien wie die strikte ökonomische Gleichheit und der egalitäre Konsum in Frage gestellt. Bei der großen Krise der Kibbutz-Bewegung handelt es sich vor allem um eine Krise des Selbstverständnisses und der politischen Identität 28. Sie wurde zwar durch eine ökonomische Krise ausgelöst, ist aber vor allem ein Verlust des Vertrauens in die Gemeinschaft, die spezifische Lebensweise und die eigene Rolle in der Gesellschaft.

Diese Entwicklung hatte sich schon in den 1970er Jahren angebahnt. Ihre Vorläufer reichen bis vor dem Zweiten Weltkrieg zurück. Reuven Shapira (2008) zeigt, wie bereits in den 1930er Jahren die Führer der Pionierphase zu oligarchischen Eliten verkamen. Die Einführung des Rotationsprinzips in den 1950er Jahren sicherte ihre Macht paradoxerweise auf Jahrzehnte. Die Topschichte der Kibbutz-Elite, die Funktionen in Ministerien, der Knesset 29 und anderen staatlichen Institutionen einnahm, unterlag nicht dem Rotationsprinzip. Die mittleren und unteren Ränge der Elite dagegen waren der Rotation unterworfen. In der Praxis kam es zu einer Zirkulation innerhalb der Eliten, die mit den Mitteln der Patronage durch die Topschichte ermöglicht wurde. Missliebige weil kritische Mitglieder konnten unter dem Deckmantel der Rotation leicht entfernt werden.

Die Elite unterschied sich durch Statussymbole, von besserem Essen über geräumigere Wohnungen bis hin zu (besseren) Autos und diversen Luxusartikeln, die sie sich mit Hilfe von Aufwandsentschädigungen leisten konnten, von den einfachen Kibbutzniks. Dieser Regelbruch entfachte die Statuskonkurrenz nicht nur in den niedrigeren Rängen der Elite, sondern im Kibbutz-System insgesamt. Das war eine wichtige Ursache für die Erosion der Kibbutz-Kultur, die das Streben nach zunehmendem Warenkonsums anfeuerte. Dazu kam, dass die Elite ihre Macht und ihr Prestige vor allem mit einer Erweiterung der Produktionsanlagen der Regionalunternehmen der Kibbutz-Verbände zu vergrößern trachteten. Das Wachstum der Industrieanlagen entsprach oft nicht mehr den konkreten Produktionszielen der einzelnen Kibbutzim. Es war von der demokratischen Mitgestaltung weitgehend entkoppelt und orientierte sich an der kapitalistischen Umwelt 30.

Die Verknöcherung der Kibbutz-Elite durch das System der Rotation der niedrigeren Ränge, gekoppelt mit der andauernden Funktion der Topschichte, die Shapira mit Rabbis vergleicht, führte zu einer Negativselektion. Kritische, innovative und kompetente Mitglieder wurden häufig blockiert, da sie die Macht der Elite bedrohten. Gerade diese Gruppe tendierte im Fall von Konflikten zum Austritt aus dem Kibbutz. Shapira führt nicht zuletzt den Massenexodus der jungen Generation in den 1970er Jahren auf die Einschränkung der Autonomie und Kreativität zurück.

Eine angebliche kulturelle Isolation oder Einfalt, die von manchen Kommentatoren als negativer Aspekt des Kibbutz-Lebens angeführt worden ist, dürfte für Austritte keine Rolle gespielt haben. Nicht alle Kibbutzim waren gleichermaßen kulturell aktiv. Allerdings war das kulturelle Leben in den Kibbutzim in der Regel vielfältiger und intensiver als in der übrigen israelischen Gesellschaft. Allerdings war die Kulturproduktion das Werk der Kibbutzniks selbst. Sie entsprach daher nicht den kapitalistischen Standards von Kulturkonsum. Dies machte sich insbesondere nach der Einführung des TV Ende der 1960er Jahre, das zudem die Passivität begünstigte, immer stärker bemerkbar. Die kulturelle Produktion bedarf besonderer Ressourcen und nicht alle Kibbutzim meisterten die Aufgabe, genügend individuellen Spielraum bei gleichzeitiger sozialer Gleichheit zu vereinbaren.

Viele Kibbutzim gerieten durch die Herausbildung einer Machtelite in eine Negativdynamik. Die abnehmende Regelkonformität vieler Leitungsorgane, die nach einer gewissen Zeit von einer Commons-Orientierung auf private Gewinne hin fokussierten, was ihnen der undurchsichtige Apparat der föderativen Organisationen ermöglichte, führte dazu, dass die Leitungsorgane in den Kibbutz-Siedlungen zunehmend mit autoritätshörigen und entsprechend konservativen oder inkompetenten Loyalisten der Topschichte besetzt wurden. Das Rotationsprinzip stärkte deren Stellung. Denn einerseits schreckte es kompetente Innovative davon ab, in lokalen Leitungsgremien aktiv zu werden. Die anstrengende Tätigkeit wurde nicht durch das geringe Prestige aufgewogen, das die kurzen Amtszeiten einbringen konnten. Sie machten auch den für radikale Neuerungen und kreative Lösungen notwendigen Aufbau langfristiger Vertrauensbeziehungen unmöglich.

Andererseits dienten die dem Rotationsprinzip unterliegenden Leitungsstellen der niedrigeren Ränge der ideologischen Verschleierung der Korruption der Machtelite. Auch Topkader der Kibbutz-Bewegung wechselten mitunter, war gerade kein entsprechender Posten vakant, zu Tätigkeiten mit einfacher körperlicher Arbeit und überbrückten so die im Rotationssystem unvermeidlichen Brüche in ihren Karrieren mit dem Aufbau von ideologischem Prestige.

Das Rotationsprinzip war, einmal eingeführt, im Rahmen des Kibbutz-Ethos de facto nicht mehr zu verändern. Erstens beurteilten es fast alle wissenschaftlichen Studien der Kibbutz-Demokratie positiv. Zweitens musste jeder, der das Rotationsprinzip abschaffen wollte, in den Geruch unmoralischer Karrieresucht geraten. Eine solche Person hätte zudem lang genug in einem Amt bleiben müssen um diese Veränderung auf der Basis wechselseitigen Vertrauens überhaupt durchsetzen zu können. So schützte die Ideologie des Rotationsprinzips sich quasi selbst.

Die feste Machtstellung der Kibbutz-Eliten zeigte nicht nur im ökonomischen Bereich, wo die Erfolge der Kibbutzim in der Nachkriegszeit eher trotz der Führungsschichte als aufgrund ihrer Kompetenz und Innovativität zustande kamen, langfristig negative Konsequenzen. Die Konzentration der innovativen Kraft auf den ökonomischen Bereich im Sinn einer Erhöhung des Konsumstandards war selbst unter anderem der dysfunktionalen Demokratie geschuldet. Sie blockierte die politische Weiterentwicklung und eine neue Aufgabe für die Kibbutz-Bewegung.

Die Kibbutzim waren in den ersten Jahrzehnten nicht marxistisch orientiert. Sie beeinflusste vielmehr der Anarchismus, der einen „Kommunismus ohne Regierung“, einen „freien Kommunismus“ anstrebte, wie Kropotkin betonte 31. Einige Strömungen lehnten den Klassenkampf ab. Alle fokussierten in ihrem praktischen Engagement auf den Aufbau neuer, herschaftsfreier sozialer Beziehungen, wie es Gustav Landauer theoretisch formuliert hatte. Zwar setzte sich im Lauf der 1930er Jahre eine zunehmend marxistische Positionierung durch, allerdings blieb sie staatskritisch und insbesondere auch gegenüber der UdSSR auf Distanz. Selbst dort, wo die Kibbutz-Verbände sich im eigenen Interesse politisch organisierten, lehnten sie klassische Parteipolitik lange Zeit ab. Das änderte sich nach dem Zweiten Weltkrieg, als die beiden größten Kibbutz-Verbände sich geschlossen dem Stalinismus zuwandten. Wenngleich die Debatte über das Verhältnis zur UdSSR einen gewissen strategischen Sinn gehabt haben mag, wie Henry Near argumentiert, fällt auf, dass nicht nur der Marxismus, sondern insbesondere der Stalinismus für die de facto weitgehend anarchistischen Kibbutzim praktisch irrelevant war.

Viel näher liegt daher die Erklärung von Reuven Shapira, dass im Kontext des Kalten Kriegs der Stalinismus die Legitimitationsideologie für politische Konformität und die nun bereits etablierte Oligarchie der Kibbutz-Elite bildete. Radikal-emanzipatorische, kritisch denkende, anti-autoritäre und politisch innovative Kibbutzniks wurden blockiert, ausgeschlossen oder verließen aus eigenem Antrieb die Kibbutz-Bewegung. Andere konzentrierten sich stattdessen auf den ökonomischen Sektor, was die ideologische Alleinherrschaft der alten Machtelite festigte und eine sozial-revolutionäre Erneuerung der Kibbutz-Bewegung in den 1960er und 1970er Jahren verhinderte.

Shapira dokumentiert mehrere Fälle krasser privater Bereicherung durch Kibbutz-Eliten und deren fast uneinnehmbare Machtposition, die kritische und innovative Mitglieder immer wieder zum Ausstieg brachte. Der Einsatz von Lohnarbeit, der dem Kibbutz-Ethos augenfällig widersprach und in den Anfängen der Bewegung mit aller Kraft verhindert wurde, geriet unter diesen Vorzeichen zu einer Strategie des Ausbaus der ökonomischen Machtposition der Elite. Der Einsatz von Lohnarbeit in den Regionalunternehmen der Kibbutz-Verbände vergrößerte die Verfügungsgewalt der Leitung, unterminierte die Vertrauensbeziehungen der Kibbutz-Demokratie und damit die Kontrolle.

Es gab durchaus Alternativen, wie Reuven Shapira (2008) oder David Gavron (2000) zeigen. So konnte etwa der mit der Expansion industrieller Anlagen häufig einhergehende Arbeitskräftemangel mit einer regelkonformen Leitung, die hohes Vertrauen genießt, durch verstärkte Mechanisierung und größere Beteiligung der Kibbutzniks inklusive der Leitungspersonen an der Schichtarbeit bewältigt werden. Solche Kibbutzim kompensierten die negativen Effekte des Rotationssystems indem sie fähigen Leitern mit starken Vertrauensbeziehungen Kontinuität sicherten. Diese fühlten sich in der Folge nicht durch radikale Newcomer bedroht, sondern verhielten sich nährend, indem sie die Innovativen zur Nachfolge vorbereiteten. Ein Klima des Vertrauens erleicherte auch die Diffusion von Innovationen, die sich positiv auf die Produktivität und Motivation auswirkten und alltägliche Probleme des Kibbutz-Lebens kreativ zu lösen halfen.

Die Einhaltung ethischer Normen und ein hohes Vertrauen ging in solchen Kibbutzim mit einer relativ starken, lebendigen Kultur der Generalversammlung einher. Das Führungspersonal agierte transparenter, indem es unterschiedliche Positionen offen deklarierte und der Generalversammlung zur Diskussion stellte. Die Versammlung behielt damit die Attraktivität für die Mitglieder, weil sie einen zusätzlichen Informationsgewinn brachte und bei einem hohen Anwesenheitsgrad auch bindende Entscheidungen treffen konnte, die nicht durch informelle Seilschaften, Verschleppung und Obstruktion zu Fall gebracht wurden, was die Bedeutung der Generalversammlung weiter sicherte. Shapira betont die Bedeutung unabhängiger kritischer Lokalmedien für die Aufrechterhaltung einer demokratischen und innovativen Kibbutz-Kultur.

Der Verlust des Kibbutz-Ethos insbesondere in den Führungsschichten und deren mangelnde Kompetenz zeigte sich in voller Härte in der Krise Mitte der 1980er Jahre. Der daran anschließende Transformationsprozess führte bislang dazu, dass die meisten Kibbutzim ihre Prinzipien aufgeweicht oder weitgehend über Bord geworfen haben. Allerdings ist zu betonen, dass selbst die von Daniel Gavron als Prototyp eines „kapitalistischen Kibbutz“ beschriebene Siedlung Kfar Ruppin jedenfalls im Jahr 2000 immer noch von einer weitgehenden Gleichheit geprägt war, in starkem Kontrast zur herrschenden Gesellschaftsform. Im Jahr 2010 gehörten von insgesamt 273 Kibbutzim 190 (72%) zum Modell des „Neuen Kibbutz“ (renewed kibbutz) gegenüber 65 Siedlungen (25%) des „Kommune-Kibbutz“ (communal kibbutz), der die klassischen Prinzipien aufrecht erhält. 9 Siedlungen verfolgen einen Mischansatz (integrated method) 32.

Der Neue Kibbutz unterscheidet sich vom Kommune-Kibbutz vor allem darin, dass erstens der Konsum nicht mehr – für die Einzelnen kostenlos – von der Gemeinschaft organisiert wird, sondern kostenpflichtig geworden ist. Zweitens gibt es im Neuen Kibbutz Lohnarbeit und darüberhinaus auch unterschiedliche Einkommen. Die Kibbutz-Wirtschaft wurde in diesem Modell von der Kibbutz-Gemeinschaft getrennt – anders als im klassischen und noch im heutigen Kommune-Kibbutz. Jede ökonomische Einheit operiert daher von der anderen getrennt. Die Gemeinschaft und ihre Produktionszweige können nicht mehr auf eine gemeinsame Kasse zugreifen. Die Kibbutz-Mitglieder sind Teilhaber an Unternehmen, die nunmehr kapitalistisch produzieren.

Allerdings inkludiert der Neue Kibbutz nach wie vor ein bedeutendes Ausmaß an wechselseitiger Unterstützung und gemeinschaftlicher Einrichtungen für Gesundheit und Bildung mit gleichem Zugang für alle sowie kollektive Einrichtungen für Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Der Neue Kibbutz verfügt weiters über ein formelles Pensionssystem. Diese Sozialleistungen werden intern durch eine progressive Einkommenssteuer finanziert 33. Entsprechen der klassische Kibbutz und im Wesentlichen auch der Kommune-Kibbutz einem „Kommunismus im Kleinen“, so ähnelt der Neue Kibbutz mehr einem radikal sozialdemokratischen Mikrokosmos. Die darin bestehenden Einkommensdifferenzen sind (derzeit noch) vergleichsweise gering und die Struktur der Gemeinschaft hat eine starken genossenschaftlichen Charakter.

Erfolgsfaktoren

Die Kibbutz-Bewegung war das Ergebnis einer einmaligen Kombination von Faktoren. Sie war Teil der größeren Bewegung des Zionismus, der die Ansiedlung von Jüdinnen und Juden in Palästina förderte. Der Zionismus gewann im Zuge der zunehmenden Repression gegen Jüdinnen und Juden insbesondere in Osteuropa seit dem Ende des 19. Jahrhunderts immer mehr Anhänger. Dies war zugleich die Zeit der Entstehung des Anarchismus, der in Russland großen Widerhall fand, auch bei der jüdischen Bevölkerung. Der Zionismus der frühen Kibbutz-Bewegung war daher nicht eindeutig auf die Errichtung eines jüdischen Staates hin ausgerichtet. Bedeutende Strömungen waren pazifistisch ausgerichtet und vielfach sind freundschaftliche Beziehungen mit den arabischen Nachbarn historisch belegt, wenngleich die Beziehungen im Ganzen gesehen immer ambivalent gewesen waren 34. Die Kibbutzim selbst jedenfalls verstanden sich als Ankerpunkte einer klassenlosen Gesellschaft ohne Staat 35.

Peter Kropotkin gehörte zu den prominentesten Wortführern des Anarchismus in Russland und seine Konzeption einer herrschaftsfreien Gesellschaft beeinflusste viele der ersten Kibbutz-Mitglieder 36. Kropotkin vertrat eine Perspektive unabhängiger Kommunen ohne Lohnarbeit und mit geteiltem Besitz, die sowohl Landwirtschaft als auch Handwerk betrieben und sich zu freiwilligen Assoziationen zusammenschlossen. Ähnlich betonte der deutsche Schriftsteller Gustav Landauer, der den für die Kibbutz-Bewegung wichtigen Philosophen Martin Buber stark beeinflusste, dass die herrschaftsfreie Gesellschaft ohne Lohnarbeit, Hierarchien und ohne Staat kein Werk der Zukunft sei. Sie begänne vielmehr in den persönlichen Beziehungen der Menschen im Hier und Jetzt. Man müsse den Staat von unten auflösen. Kropotkin, Landauer und Buber waren wichtige Bezugspunkte für viele, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Palästina auswanderten 37. Insbesondere die zweite Einwanderungswelle (Aliya) im Gefolge der Pogrome in Russland von 1903 bis 1906 war – in heutigen Begriffen – stark von der Perspektive einer Solidarischen Ökonomie geprägt.

Diese ideologische Perspektive wurzelte in der weit verbreiteten, konkreten Praxis des Commoning. Viele lebten schon vor ihrer Emigration in mehr oder weniger kooperativen Gruppen. Obwohl das jüdische Shtetl im Osten Europas keine egalitäre Gesellschaft war, begünstigte es doch ein starkes Bewusstsein von Solidarität. Möglicherweise war dies, in Verbindung mit einer anarchistischen Perspektive, ein guter Nährboden für die kooperative Kultur der Kibbutzim 38, die zuerst vor allem von osteuropäischen Einwanderern aufgebaut wurde 39.

In Palästina existierte zu dieser Zeit bereits eine breite Vielfalt unterschiedlicher kooperativer Lebens- und Arbeitsformen. Viele der jüdischen Einwanderer – zumeist junge unverheiratete Männer – lebten in Plugot 40 genannten Gruppen. In einer Pluga wurden die mageren Einkommen geteilt, man kochte und wohnte gemeinsam und traf gemeinsam Entscheidungen. Aus einer solchen Pluga entstand der Kvutzot Degania 41.

Degania war die erste jüdische Siedlung, die auf kollektiver und egalitärer Basis wirtschaftete und war trotz schwierigster Bedingungen erfolgreich. Sie stellte damit die bis dahin existierenden Siedlungen in den Schatten, die auf privatem Kapital beruhten und jüdische oder arabische Lohnarbeit anwendeten, jedoch Verluste machten. Das Positivbeispiel sprach sich in Palästina rasch herum. Die Kunde davon erreichte auch die in Europa aktiven jüdischen Jugendbewegungen.

Jüdische Jugendbewegungen wie Hashomer Hatzair spielten eine entscheidende Rolle für den Erfolg der Kibbutz-Bewegung. Diese Jugendbewegungen waren Ausdruck der Rebellion von Jugendlichen gegen ihre Eltern und das Establishment. Sie bildeten eine relativ unabhängige Jugendkultur, die auf den ethischen Werten von Gleichheit und Gemeinschaft aufbaute. Sie waren vom Zionismus und Anarchismus beeinflusst 42. Mit der Zeit organisierten diese Bewegungen ein weit verzweigtes Netz der Rekrutierung und Sozialisation von Jugendlichen in den Werten der Kibbutz-Bewegung, die sie selbst verkörperten. Sie betrieben eine große Zahl an Trainingslagern, zumeist Bauernhöfe, wo die auswanderungswilligen Jugendlichen sich auf ihr Leben im Kibbutz vorbereiteten.

Der ökonomische Erfolg der ersten Kibbutzim bzw. ihrer Vorläufer, zusammen mit der erfolgreichen Rekrutierung von neuen Siedlungsmitgliedern verhalf der entstehenden Kibbutz-Bewegung zu politischem Einfluss. Getreu ihrem revolutionär-anarchistischen Selbstverständnis waren sie maßgeblich an der Gründung der jüdischen Gewerkschaft beteiligt. Zugleich behielten sie eine kritische Distanz zu den etablierten Arbeiterparteien. Die zionistische Bewegung sah dessen ungeachtet die Kibbutz-Siedlungen als den einzigen Weg zur Besiedelung Palästinas. Sie unterstützte die Siedlungen daher mit dem Ankauf von Land arabischer Grundbesitzer.

Die Beziehung der Kibbutzim zu den entstehenden staatlichen Strukturen, die das Gerüst des 1948 proklamierten Staates Israel bildeten, war eine Art von asymmetrischer Symbiose. Die Kibbutzim waren für ihre Etablierung auf die Unterstützung der zionistischen Bewegung angewiesen. Erstens für den Ankauf von Land, zweitens für den finanziellen Ausgleich der Schwierigkeiten, die der Aufbau der Landwirtschaft unter unwirtlichen Bedingungen bot 43. Auf der anderen Seite begriff sich die Kibbutz-Bewegung zwar als ein Leitbild, von dem sie hofften, dass es zur Gesellschaftsform in ganz Palästina werden würde und, in optimistischer Variante, Juden wie Araber vereinte. Sie übten jedoch nie eine politische Führung aus, sondern agierten immer im Sinne dessen, was sie als das Gemeinwohl der jüdischen Gesellschaft verstanden.

Dies bedeutete neben der bloßen Urbarmachung und Bewirtschaftung des Landes erstens den Aufbau einer tragfähigen Landwirtschaft und schon früh einer Industrie. Im Unterschied zu den kapitalistischen Farmern, die sich auf die profitable Zitronen-Monokultur konzentrierten, widmeten die Kibbutzim sich dem Aufbau einer Mischkultur, die sie für krisensicherer hielten. Zweitens absorbierten sie eine enorme Zahl an Einwanderern, die ihre Ressourcen eigentlich bei weitem überforderte. Drittens spielten die Kibbutz-Siedlungen die entscheidende Rolle für die Definition der Grenzen Israels und für deren anschließende Verteidigung. Der überdurchschnittliche Einsatz und die großen Opfer der Kibbutzniks brachten sie auf den Höhepunkt ihres nationalen Prestiges.

Für das Ende der ersten revolutionär-anarchistischen Phase, die zu einer immer weiter gehenden Verflechtung von Staatsapparat und Kibbutz-Bewegung führte, war vor allem der Holocaust verantwortlich. Er ließ erstens den Aufbau des Staates Israel auch für die Kibbutz-Bewegung zur Priorität werden. Zweitens löschte der Holocaust die wichtigste soziale Basis für die Erweiterung der Siedlungen, die Jugendbewegungen aus. Diese hatten noch in den wenigen Versuchen eines bewaffneten Widerstands gegen die Nazi-Besatzer in den jüdischen Ghettos Zeugnis von der Kraft ihrer Vision eines herrschaftsfreien Lebens abgelegt. Die am Kibbutz-Leben orientierten Jugendgruppen organisierten den Aufstand der Juden im Warschauer Ghetto 44.

Krisenfaktoren

Nach dem Ende des Zweiten Welkriegs lehnte sich ein großer Teil der Kibbutz-Bewegung ideologisch an die Sowjetunion an, was einen heftigen Streit entfachte, der das Ansehen in der israelischen Gesellschaft beschädigte und die Kibbutzim selbst enorm schwächte.

Dennoch konnten sie ihr hohes Prestige lange Zeit halten und stellten einen, gemessen an ihrer Mitgliederzahl, überdurchschnittlichen Anteil an Freiwilligen im Militär, an den Eliteeinheiten und in der Knesset, dem israelischen Parlament. Doch die abnehmende Bedeutung der bloßen Besiedelung für die militärische Sicherheit des Staates zusammen mit dem zunehmenden Wohlstand der Kibbutzim, die in krassem Gegensatz zu einer neuen Generation von jüdischen Einwanderern aus Asien, Afrika und dem Mittleren Osten standen, entfernten den Hauptstrom der israelischen Gesellschaft zunehmend von den Werten und der Lebensweise der Kibbutzniks. Die Abwahl des bis dahin dominanten Arbeiterblocks durch die rechte Likud-Partei 1977 markierte einen Wendepunkt, der sich stark auf die weitere Entwicklung der Kibbutzim auswirkte 45.

Der Einbruch der politischen Brückenköpfe der Kibbutz-Bewegung im Staatsapparat 1977 war Ausdruck einer langfristigen Verschiebung der sozialen Kräfteverhältnisse. Zeitgleich mit der neoliberalen „Konterrevolution“ in den USA und in Großbritannien kam es auch in Israel zur Privatisierung von Staatsbetrieben, dem Abbau sozialer Dienstleistungen und der Öffnung zum Weltmarkt. 1985 schliff die Likud-Regierung die Beschränkungen der Finanzmärkten 46.

In diesem Jahr kulminierten das erste Mal die ökonomischen Schwierigkeiten der Kibbutzim. Schon 1983 hatten Kibbutz-Finanzverwalter ohne Befugnis große Summen in Bankaktien investiert. Als damals die Kurse der Banken crashten, rettete nur der Eingriff des Staates die Situation. Nun versuchten sich die Kibbutzim gegen die galoppierende Inflation mit Hilfe spekulativer Finanzinvestitionen abzusichern. Als die Regierung die Inflation brutal mit einer Zinserhöhung stoppte, vergrößerte sich die Schuldenlast für viele Kibbutzim erheblich. Ein Rettungsplan wurde vom Likud 1986 blockiert. Bis 1989 waren die finanziellen Probleme der Kibbutzim soweit angewachsen, dasss ein Eingriff des Staates unausweichlich wurde. Der Schaden für die Kibbutzim war enorm: nicht nur ökonomisch, sondern vor allem ideologisch und sozial 47.

Die Kritik, ein Kibbutz sei einer kapitalistischen Umgebung ökonomisch eben nicht gewachsen, greift zu kurz. Erstens betraf die Krise der 1980er Jahre auch andere Siedlungstypen wie die Moshavim ebenso wie viele kapitalistische Unternehmen, die bankrottierten. Die Hyperinflation selbst war durchaus hausgemacht. Sie war das Resultat des Libanonkriegs und von Wahlgeschenken der Likud-Regierung 48. Zweitens blieben rund 50 Kibbutzim von der Krise weitgehend verschont und erfreuten sich eines überdurchschnittlichen Wohlstands, am prominentesten der Kibbutz Hatzerim, der sich, wie viele andere, auf Hochtechnologie spezialisierte 49. Allerdings erschütterte die ökonomische Krise das Vertrauen der meisten Kibbutzniks in ihre Lebensweise zutiefst.

Woher kamen eigentlich die Schulden, deren Last die meisten Kibbutzim ohne den Eingriff des Staates in den Bankrott getrieben hätten? Ein großer Teil ist auf die zunehmende Individualisierung in den Kibbutzim zurückzuführen und auf das Eindringen der kapitalistischen Konsumnormen. So wurden die auf kollektiven Konsum ausgelegten Einrichtungen im Zuge der 1970er Jahre zusehends für individuellen Konsum erweitert. Der Ausbau der Familienwohnungen aber erforderte Investitionen, die keine Einkommen brachten und daher langfristig die Budgets strapazierten.

Zweitens versuchten die ärmeren Kibbutz-Siedlungen mit dem Lebensstandard der reicheren Kibbutzim mitzuhalten und verschuldeten sich zu diesem Zweck 50. Dieses „Levelling up“ spielte sich nicht nur zwischen den einzelnen Kibbutzim ab, sondern auch in ihrem Inneren. Im Zuge des Verlusts der sozial-revolutionären Kraft, der zunehmenden Individualisierung der Kibbutz-Kultur und vor allem auch der immer stärkeren Elitenkonkurrenz und ihrer mangelnden Kontrolle durch die Kibbutzniks wurde die Regel des kollektiven Konsums immer wieder durchbrochen. Diese Regelbrüche wurden jedoch zumeist nicht sanktioniert, insbesondere nicht, wenn es sich um Angehörige der Kibbutz-Elite handelte, etwa um Manager in den Regionalunternehmen oder die unabwählbaren nationalen Führer der Kibbutzverbände. Vielmehr erhob der Kibbutz ihren Konsumstandard nach einiger Zeit zur neuen Norm. Erhielten zum Beispiel Mitglieder TV-Geräte geschenkt oder konnten sie solche Luxusgüter durch heimlich geführte Privatkonten kaufen, so finanzierte der Kibbutz im Lauf der Zeit auch denen, die sich an die Regeln hielten oder keinen Zugang zu solchen Kanälen hatten, die individuelle Nutzung eines TV-Geräts 51.

Schließlich waren die Kibbutzim in der bis in die 1970er Jahre für sie günstigen weltwirtschaftlichen Situation und wegen des Preisverfalls in der Landwirtschaft auf industrielle Expansion hin orientiert und hatten die Erweiterung der Produktion häufig mit Krediten investiert 52. Shapira betont die vor allem am Machtgewinn orientierte Expansion der Regionalunternehmen der Kibbutz-Verbände. Sie nahm nicht an den konkreten Bedürfnissen der Kibbutzim Maß, sondern am Prestigegewinn und ging daher tendenziell mit einer Überinvestition einher.

Die Herausbildung einer in den Anfängen vor allem politisch, später eher technisch bestimmten Kibbutz-Elite führte zu einer wachsenden Kluft zwischen der Ideologie der Gleichheit und den tatsächlichen Entscheidungsstrukturen 53. Viele Kibbutzniks gingen daher in den inneren Rückzug, sofern sie nicht austraten. Sie suchten ihren Sinn nicht mehr in einer gesellschaftlichen Revolution, intensiven sozialen Beziehungen und dem Aufbau einer neuen Gesellschaft wie die Gründerinnen und Gründer. Stattdessen strebten sie vermehrt nach individuellem Konsum. Die alten Strukturen der kollektiven Entscheidung über alle Belange des täglichen Lebens waren dabei hinderlich.

Diese Auflösung der sozialen Kohäsion hat wohl auch eine wesentliche Rolle für die demographische Krise der Kibbutzim gespielt, die sich erst neuerdings durch die Transformation vieler Siedlungen gelöst zu haben scheint. Der kollektivistischen Erziehung zum Trotz, die in den 1970er Jahren immer mehr der Orientierung an der Familie wich, dürfte die Meinung der Eltern über Sinn und Qualität des Lebens im Kibbutz ihre Kinder durchaus stark beeinflusst haben. Zusammen mit der wachsenden Bedeutung des Fernsehens und der immer stärkeren Konsumkultur in der umgebenden Gesellschaft sank die Attraktivität der Kibbutzim für die Kinder.

Dies verstärkte noch der lange Militärdienst der Kibbutz-Jugendlichen die im Anschluss – auf Kosten des Kibbutz – vielfach noch ausgedehnte Auslandsaufenthalte absolvierten. Das System der kollektiven Erziehung beruhte nach dem Vorbild der Jugendorganisationen, aus denen die Kibbutzim selbst entstanden waren, gerade auf der relativ autonomen Sozialisation der Kinder unter Anleitung der Jugendlichen. Stattdessen setzte mit dem Ende der 1960er Jahre der massenhafte Zustrom von Freiwilligen ein, die den Ausfall der Jugendlichen kompensierten. Sie unterbrachen die interne Weitergabe der Kibbutzwerte und wurden selbst zum (konsumistischen) Rollenvorbild.

Darüberhinaus entstanden die Jugendbewegungen der Zwischenkriegszeit, die soziale Basis der Kibbutz-Siedlungen, aus einer autonomen Rebellion gegen die Eltern und das Establishment. Zwar übten mit der Zeit die Kibbutz-Emissäre einen zunehmenden Einfluss auf diese Bewegungen aus, die für die Stabilität der Kibbutz-Siedlungen, die immer unter dem Abgang von Mitgliedern litten, wesentlich war. Dieser Einfluss führte zu einer weitgehenden Kontrolle der Bewegungen durch die Emissäre. Dennoch waren die Menschen, die den Kibbutz aufbauten und sich in Jugendgruppen organisierten, durch eigenen Widerstand zu ihren Ansichten gekommen. Sie widmeten sich aus eigenem Entschluss dem Aufbau einer neuen Gesellschaft – anders als ihre Kinder und Kindeskinder.

Kritische Betrachtung der Transformation

Der gegenwärtige Zustand der Kibbutz-Bewegung im engeren Sinn scheint sich vorerst stabilisiert zu haben. Welche Effekte die seit 2008 einsetzende Vielfachkrise haben wird, bleibt freilich abzuwarten. Gemessen an ihren früheren Ansprüchen ist die Transformation der Kibbutzim im Ganzen gesehen drastisch, zum Teil schockierend. Nur die Minderheit der Kommune-Kibbutzim schreibt bislang das klassische Modell weitgehend fort. Viele Beobachter gehen davon aus, dass jene Kibbutzim, die Lohnarbeit und Einkommensdifferenzen eingeführt haben, sich auf einem Weg zunehmender sozialer Ungleichheiten befinden. Ebenso fraglich scheint, dass die Kommune-Kibbutzim auf Dauer an den alten Werten und Strukturen festhalten werden. Angesichts des historisch starken Einflusses der gesamtgesellschaftlichen Dynamiken auf die Kibbutzim kann man aber auch eine Erneuerung der anarchistischen Anfänge nicht gänzlich ausschließen, würden solche Perspektiven in der Gesamtgesellschaft an Terrain gewinnen.

In der Krise beauftragten die Kibbutzim häufig externe Berater, die nur wenig oder gar kein Verständnis für Solidarische Ökonomien aufwiesen. Sie waren an den üblichen ökonomischen Lehreinrichtungen ausgebildet und zogen, sofern die Generalversammlungen ihnen das dafür notwendige Mandat erteilten und ihre Vorschläge annahmen, neoliberal inspirierte Reformen durch. Daniel Gavron dokumentiert ausführlich, wie sehr der Diskurs in vielen Kibbutzim im Jahr 2000 von neoliberalen Schlüsselbegriffen wie Effizienz, Leistung und einer angeblich durch den Markt möglichen individuellen Freiheit durchdrungen ist 54. Dieser neuen Heilslehre könnte durch die Krise 2008 leicht das nächste Trauma auf dem Fuße folgen.

Reuven Shapira zeigt, dass die Annäherung der meisten Kibbutzim an kapitalistische Normen und Strukturen nicht zuletzt eine Strategie des Machtausbaus der Machteliten waren. Von der Transformation, etwa der Einführung von Einkommensunterschieden, profitierten vor allem sie, die nun ihre früher informell und regelwidrig erworbenen Privilegien offen zeigen und regelkonform ausbauen können, zulasten von Frauen, von Alteingesessenen und allen, die nicht in den Genuss höherer Bildung und ausgedehnter Kontakte in Machtnetzwerken gekommen sind 55.

Jene Kibbutzim, die dazu übergangen sind, Arbeiten nach der marktüblichen Entlohnung zu bewerten sind damit auch zu einem sexistischen Entlohungsschema übergegangen. Die Arbeitsteilung in den Kibbutzim war trotz des radikalen Anspruchs auch auf die Befreiung der Frauen in den Jugendbewegungen überdurchschnittlich patriarchal geblieben. Vor allem die Kindererziehung blieb fast vollständig in den Händen der Frauen – allerdings nicht der Mütter, die von der Erziehungs- und anderer Hausarbeit durch die Kollektiveinrichtungen entlastet waren.

Die Arbeitsplanung schon der frühen Kibbutzim unterschied produktive von unproduktiven Tätigkeiten und zählte zu letzteren die sozialen Dienste, vom Kochen bis zur Kindererziehung. Das wirkte sich allerdings nicht wesentlich auf den Status der Arbeitenden aus, da erstens eine Rotation der Tätigkeiten erfolgte, die beide Geschlechter umfasste (mit Ausnahme des Erziehungsbereichs), zweitens hatte das keine Folgen für den Lebensstandard. Dies ändert sich nun, weil die mit den Frauen assoziierten Tätigkeiten insbesondere im Erziehungswesen geringer entlohnt sind.

Angesichts der tiefgreifenden Veränderungen bleibt freilich zu betonen, dass die Kibbutzim, selbst jene, die sich selbst als „kapitalistische Kibbutzim“ bezeichnen, sich deutlich von der herrschenden kapitalistischen Gesellschaft unterscheiden. Weder eine Genossenschaft noch eine gemeinschaftlich genutzte Almweide reicht bislang an das Ausmaß auch der am stärksten neoliberal reorganisierten Kibbutzim bislang noch praktizierten Commons heran. Allerdings ist das den Relikten in der Kibbutz-Struktur und nicht den Neuerungen zu verdanken, also ein bloß noch konservativer Zug.

Fortentwicklungen

Während die große Mehrheit der klassischen Kibbutz-Siedlungen traumatisch erschüttert worden ist und in der Anpassung an die Umgebungsgesellschaft ihre Perspektive sehen, hat sich seit den 1980er Jahren zugleich eine neue, radikale Kibbutz-Praxis herausgebildet. Ihre Organisations- und Produktionsweise entspricht in vielem den Anfängen des revolutionären Anarchismus mit seiner starken Betonung des Individuums. Sie verwirklichen die positiven Aspekte der gesellschaftlichen Veränderungen der 1970er Jahre, indem sie die Autonomie des Einzelnen ins Zentrum stellen ohne den Kollektivismus aufzugeben. Diese Wiederbelebung des spontanen Commoning, das für die frühen Kibbutz-Gruppen (die sich zuerst als Kvutzot bezeichneten) so typisch gewesen war, bettet sich in eine starke Außenorientierung ein. Auch das unterscheidet die erneuerten Formen von den introvertierten Kibbutzim der alten Prägung, die ihre gesellschaftliche Vision nach dem Zweiten Weltkrieg zwar im Kleinen lebten, aber immer weniger in die Umgebung ausstrahlten.

Diese Fortentwicklungen der Kibbutz-Praxis haben verschiedene Formen angenommen. Zum Einen gibt es Kibbutz-Siedlungen, die aus einer Rebellion gegen die eigenen Eltern bzw. das Kibbutz-Establishment entstanden sind. Das vermutlich beste Beispiel dafür ist der Kibbutz Samar, der 1976 gegründet worden ist 56. Der Kibbutz umfasste im Jahr 2000 rund 60 Mitglieder und einige weitere Siedlerinnen und Siedler. 2007 lebten dort zwischen 50 und 100 Familien 57. Der Kibbutz produziert vor allem Datteln und andere landwirtschaftliche Güter.

Das Motiv zur Gründung von Samar war die Flucht vor der als immer drückender empfundenen Reglementierung des Lebens durch das komplexe System von Kommittees. Die Gründergeneration wollte kollektiv leben, aber auch ihre individuelle Autonomie verwirklichen.

Die Eckpunkte der Commons-Praxis in Samar sind:

  • alle entscheiden selbst, in welchem Bereich des Kibbutz und wieviel sie arbeiten
  • es gibt keine Verrechnung, sondern nur ein gemeinsames Bankkonto, wovon alle Geld abheben soviel wie sie benötigen
  • Entscheidungen werden nur im Dialog oder in der Generalversammlung (die selten einberufen wird) getroffen
  • es gibt kaum Kommittes und keine Kontrolle des sozialen Lebens oder der Arbeit
  • alle Einrichtungen (Küche, Büros etc.) sind zu allen Zeiten für alle zugänglich.

Samar-Mitglieder betonen, die informelle Kommunikation sei für das Funktionieren des Kibbutz unerlässlich. Zugleich beruhe er auf Selbstdisziplin, da keine äußere Kontrolle bestehe. Die relative Abgeschiedenheit und die große Hitze machten den Kibbutz für Menschen mit Trittbrettfahrer-Verhalten unattraktiv. Die fehlende formelle Planung der Arbeit brächte zwar Nachteile mit sich, die eine große Flexibilität und viel Spielraum für Eigeninitiative allerdings wettmachten. Zudem erfordert der ökonomische Kern des Kibbutz, die Dattelproduktion, keine strikten Arbeitszeiten.

Der Kibbutz hat im Unterschied zu den früheren Kibbutzim eine individuelle Pensionsvorsorge getroffen – obwohl ein Mitglied in der Reportage von Gavron meint, der Kibbutz sei seine beste Vorsorge. Gavron berichtet, dass die geschlechtliche Arbeitsteilung auch in Samar dominiert 58.

Vielleicht ist Samar, eine anarchistische Produktionskommune auf dem Land, nicht replizierbar, wie manche Kommentatoren meinen. Allerdings gibt es zumindest in den Städten Kibbutzim, die ein ähnliches Ausmaß individueller Freiheit leben. Momentan existieren rund 100 solcher Gemeinschaften unterschiedlicher Größe in Israel, die etwa 2.000 Menschen umfassen 59. Nur vier davon sind Teil der offiziellen Kibbutz-Bewegung, so auch Tamuz 60.

Dieser Kibbutz wurde von neun Personen im Jahr 1987 in Beit Shemesh gegründet, die im Kibbutz aufgewachsen waren. Sie sahen die zunehmende Privatisierung des Lebens im Kibbutz sowohl als Ursache wie Folge der Erosion seiner Gemeinschaft. Darüberhinaus wollten sie eine Rolle für die israelische Gesellschaft spielen, die der klassische Kibbutz ihrer Meinung nach verloren hatte.

Heute umfasst der Kibbutz rund 30 Mitglieder und zeichnet sich durch eine starke Betonung der individuellen Autonomie aus. Die Kibbutzniks gehen normaler Lohnarbeit nach und zahlen ihre Einnahmen in eine gemeinsame Kasse. Diese werden je nach Familiengröße verteilt. Der Kibbutz besitzt einige Autos und finanziert die kollektiven Ausgaben für Gesundheit, Bildung, Mobilität und ähnliches. Die Mitglieder wohnen nach Familien getrennt in einem Haus im Besitz des Kibbutz. Anders als Samar spielen formelle Treffen in Tamuz eine wichtige Rolle und es gibt regelmäßige Diskussionsgruppen. Allerdings existieren keine Kommittees, die für die Mitglieder Entscheidungen treffen. Abstimmungen werden kaum durchgeführt, Kontrollen gibt es keine.

Der Schwerpunkt der nach Außen orientierten Aktivitäten von Tamuz liegt im Empowerment und in Bürgerrechten. 1996 hat der Kibbutz zusammen mit Einwohnern aus der Nachbarschaft einen Non-Profit-Verein gegründet, der den kulturellen Dialog fördert und er produziert eine Zeitung.

Seit den 1990er Jahren gibt es eine rasch wachsende Zahl kleiner städtischer Kibbutzim, die, anders als Tamuz, nicht Teil der offiziellen Kibbutz-Bewegung sind und den dyamischsten Teil der Erneuerung darstellen 61. Anders als Samar oder Tamuz sehen sie sich nicht als Ein-Generationen-Zusammenhänge, sondern als eine neue Bewegung zur Veränderung der israelischen Gesellschaft. Ungefähr 1.500 Menschen leben in Israel gegenwärtig in solchen Zusammenhängen.

Rund ein Drittel davon gehört zu den so genannten Tnuat Bogrim-Gruppen, die aus Graduierten der Jugendorganisation Noar Oved ve’Lomed (NOAL) bestehen. Teil der Praxis von NOAL war die Hagshama (Selbstverwirklichung) in einem Kibbutz, der als ideale Verkörperung der Werte, für die NOAL eintritt, galt. Mit der Transformation der Kibbutzim sah NOAL diese Werte immer weniger im Kibbutz der alten Art und begann selbst commonsbasierte Lebenszusammenhänge zu gründen. Im Verlauf dieses Prozesses trennte sich NOAL vom System der Kibbutz-Emissäre und übernahm nun selbst die Aufgabe des Aufbaus von Kibbutzim und der Integration der jüngeren Mitglieder.

Inzwischen gibt es solche Kibbutz-Gruppen, die den frühen Kvutza-Kommunen ähneln, in allen größeren Städten in Israel. Weitere Jugendorganisationen haben das Modell von NOAL adaptiert und gründen eigene Kibbutzim. Die Gruppen umfassen zumeist nur 10-40 Personen. Sie setzen sich für soziale Gerechtigkeit und Gleichheit ein. Seit 2000 haben sich die Gruppen offiziell vernetzt 62.

Das Zusammenwachsen solcher autonomer Gruppen nennt James Horrox den „bestimmenden Trend in der neuen Kommune-Szene Israels“ (Horrox 2009: 106). Viele der Gruppen betreiben Non-Profit-Organisationen, die Einnahmen werden intern ohne Rücksicht auf den Marktwert der einzelnen Tätigkeiten, nur entsprechend der Bedürfnisse der Mitglieder verteilt. Kvutzat Yovel zum Beispiel engagiert sich in Bildungsprojekten und unterrichtet unter anderem arabische Kinder.

Eine Community von Communities

Der Historiker Shmuel Eisenstadt zieht eine Parallele zwischen der alten jüdischen Kultur dezentraler und kontroverser, nicht-staatlicher Kollektivität und der Organisationsweise des Yishuv, der jüdischen Gesellschaft in Palästina vor der Staatswerdung. Eisenstadt hebt mit Bezug auf seine unterschiedlichen politischen Strömungen und Organisationensformen hervor, dass „jeder Sektor begriff, daß angesichts der freiwilligen Natur des Jischuw, der fehlenden Souveränität und des kontinuierlichen Zustroms von Neueinwanderern jede Vorherrschaft nur relativ sein konnte“ (Eisenstadt 1992: 196). Tatsächlich fehlten dem Yishuv die staatlichen Sanktionsmöglichkeiten und Eisenstadt beschreibt ihn näherungsweise als ein „genossenschaftliches Organisationsmodell“ 63.

In mancher Hinsicht kann man die Situation des Yishuv sogar als Inspiration für die Möglichkeit einer selbstorganisierten, dezentralen und nicht-staatlichen Kooperation auf großer Stufenleiter ansehen. Im Yishuv existierte ein außergewöhnlich komplexes Netz von kooperativen Organisationen, worin die Kibbutzim eine wichtige, aber nicht die einzige Rolle spielten. Die Kibbutzim waren auch nicht die einzige Form kooperativer Siedlungen, wenngleich die mit dem stärksten Commons-Charakter. Auch die später viel zahlreicheren Moshavim 64 mit heute rund 400 Siedlungen 65 weisen starke kooperative Elemente auf. Das Land wird darin zwar individuell bewirtschaftet und es gibt keinen kollektiven Konsum wie in den Kibbutzim. Doch sind Maschinen und Vermarktungseinrichtungen im Kollektivbesitz. Die Entscheidungen über das Dorf werden in einer Generalversammlung mit einer Stimme pro Person getroffen. Der Typ des Moshav Shitufi, zu dem heute rund 40 Siedlungen zählen, ähnelt dem Kibbutz. Das Land befindet sich im Gemeinschaftsbesitzt, das Kollektiv lässt jedoch individuellen Haushalten Entscheidungsspielraum.

Von besonderer Bedeutung war im Yishuv die 1920 gegründete Gewerkschaft Histadrut, die wie ein organisatorisches Zentrum wirkte, obwohl sie keine Zentrale bildete. Sie umfasste nicht nur die üblichen Gewerkschaftstätigkeiten, sondern auch Siedlungen, ein Krankenhilfswerk, eine Arbeiterbank, Schulen und Kulturclubs, kümmerte sich um den Wohnungsbau, betrieb Handels- und Transportkooperativen und verfügte über Industrieunternehmungen, die die Histadrut in der vor-staatlichen Zeit zum größten Wirtschaftszweig machten, mit 25.000 Mitgliedern sieben Jahre nach ihrer Gründung – 75% der jüdischen Arbeitenden zu diesem Zeitpunkt 66.

Der Anarchist James Horrox betrachtet diese Situation sogar als eine Art Panarchie, worin verschiedene politische Systeme ohne eine staatliche Zentralgewalt kooperieren: „Die organisatorische und ökonomische Struktur des Yishuv der ersten Jahre jüdischer Besiedelung bestand aus einem panarchistischen Muster verschiedener kollektiver, quasi-kollektiver und weniger kollektiver Institutionen, die koexistierten: von den Kibbutzim über die fast allumfassende Histadrut-Föderation an dem einen Ende des Spektrums bis hin zu kapitalistischen Unternehmen wie den Rothschild-Kolonien auf dem anderen. Neben den jüdischen kooperativen Körperschaften, die das Rückgrat des Yishuv bildeten, bestand auch die arabische Ökonomie die ganze Zeit über fort. Die arabischen Dörfer, selbst im allgemeinen kooperativ strukturiert, kultivierten weiter ihre Feldfrüchte und vermarkteten ihre Produkte in Hebron, Be’er Sheva und Jaffa. Bis zum arabischen Aufstand 1936 waren die beiden Ökonomien weitgehend integriert. (…) Obwohl es letztlich immer unter der Jurisdiktion ausländischer Mächte stand, bewies dieses dezentrale Netzwerk von Kommunen, Kooperativen und anderen kollektiven und quasi-kollektiven Unternehmungen, dass es alle wichtigen Funktionen erfüllen konnte, die üblicherweise von zentralisierten kapitalistischen und staatlichen Institutionen ausgeübt werden“ (Horrox 2009: 87).

Die Kibbutz-Bewegung war in ihren Anfängen bis zur Differenzierung der Kibbutz-Machteliten ab den 1930er Jahren stark anarchistisch geprägt, das heißt auf Commons hin orientiert. Dies gilt sowohl für ihr Selbstverständnis als auch für ihre konkrete Praxis. Die politische Vision in diesen Jahrzehnten entsprach der Perspektive, die Anarchisten wie Kropotkin oder Landauer formuliert hatten. Der Kibbutz sollte der Beginn einer auf Commons beruhenden neuen Gesellschaft sein.

Diese Perspektive wurde auf unterschiedliche Weise konzipiert. Während die Kommunen des Hever Hakvutzot-Verbandes sich eher als Vorbilder sahen und das Leben im Kibbutz bis auf weiteres nur für eine Minderheit für geeignet hielten, strebte der Kibbutz Me’uhad-Verband danach, möglichst viele Mitglieder zu gewinnen. Eine dritte Strömung, die im Kibbutz Artzi-Verband dominierte, verstand die Zukunft der Gesellschaft in Palästina als eine Gemeinschaft von Kibbutz-Gemeinschaften und sah ihre Rolle vor allem in der Stärkung revolutionärer Kräfte.

Die Frage der Beziehungen zwischen jüdischer und arabischer Bevölkerung wurde bis zum arabischen Aufstand der 1930er Jahre innerhalb der Kibbutz-Bewegung nicht systematisch behandelt. Die drei größeren in den 1920er und 1930er Jahren gegründeten Kibbutz-Verbände unterschieden sich in ihrer Sicht auf die arabisch-jüdischen Beziehungen, die ihrer generellen Positionierung entsprach. Der Kibbutz Me’uhad-Verband betonte die Notwendigkeit von Disziplin, war zentralistisch organisiert und argumentierte häufig in militärischen Metaphern zur Stärkung der Kibbutz-Bewegung. Der Kibbutz Artzi-Verband vertrat ein konsensorientiertes Organisationsmodell und hielt damit die Tradition der Jugendbewegungen aufrecht, die anti-autoritär ausgerichtet waren. Der kleinere Hever Hakvutzot-Verband stellte das Prinzip der Dezentralität in den Mittelpunkt und hielt damit an der Form der ersten Kibbutzim (die damals noch Kvutzot hießen 67) fort, die klein und nicht auf Expansion ausgerichtet waren, sondern lediglich eine Vorbildrolle spielen wollten 68.

Entsprechend trat der Kibbutz Me’uhad für eine Verhandlungslösung mit der arabischen Bevölkerung ein, allerdings von einer klaren Position der Stärke aus. Der Kibbutz Artzi unterschied sich von den beiden anderen Verbänden generell durch den Schwerpunkt, den er auf die arabisch-jüdischen Beziehungen legte und engagierte sich für die gleichberechtigte Einbindung der arabischen Bevölkerung in die Gewerkschaft Histadrut, die ursprünglich auch die Kibbutzim umfassen sollte. Bis in die 1920er Jahre sprach der Kibbutz Artzi damit allerdings eine Meinung von vielen in der linken Strömung der zionistischen Arbeiterbewegung Aktiven aus. Die jüdischen Kommunisten in Palästina unterstützten sogar den Kampf der Araber gegen die Besiedelung 69.

Der zweite Pfeiler der Position des Kibbutz Artzi war eine binationale Gesellschaft in Palästina. Ab 1933 vertrat der Verband diese Position offiziell. Sie zielte bewusst nicht auf einen Staat 70.

Nach dem Unabhängigkeitskrieg 1948 hatten sich die Fronten zwischen arabischer und jüdischer Bevölkerung verhärtet. Viele Araberinnen und Araber waren geflohen. Häufig wurde ihr Landbesitz von Juden angeeignet, unter anderem von Kibbutzim. Der Kibbutz Artzi-Verband opponierte gegen diese Entwicklung. Seine Mitglieder beharrten auf den Rechten der arabischen Bevölkerung und versuchten zu verhindern, dass man die Rückkehr der arabischen Gruppen durch Enteignung unmöglich machte. Diese Politik vertrat dagegen die Mehrheit des Kibbutz Me’uhad und Hever Hakvutzot. Viele Sicherheitsbeauftragte in den Kibbutzim beklagten die Verschlechterung der Beziehungen zur arabischen Bevölkerung als einen moralischen Verfall 71.

Nach rund 70 Jahren eines ungelösten Dauerkonflikts, der auf beiden Seiten große Opfer gefordert hat und das Leben der Palästinenser vor allem durch die Verelendung, das der jüdischen Bevölkerung nicht zuletzt durch die Militarisierung der Gesellschaft schwer beeinträchtigt, für viele sogar zu einer Hölle gemacht hat, gewinnt die ursprüngliche Perspektive der Kibbutz-Bewegung, die sie noch vor der Etablierung ihrer Verbandsstrukturen transportierte, eine neue Relevanz.

So formuliert der Menschenrechtsaktivist Bill Templer eine „No-State-Solution“ für das Problem der arabisch-jüdischen Beziehungen und lotet erneut die Perspektive einer „Community von Communities“ aus, die der für die frühe Kibbutz-Bewegung zentrale Philosoph Martin Buber entwickelt hatte. Templer sieht in einer Zwei-Staaten-Lösung, zu der er vorerst keine Alternative sieht, nur den Anfang für eine Transformation. In einem zweiten Schritt gehe es um die Wiederaneignung der Commons durch Palästinenser und Jüdinnen, die sich in einem „Jerusalem Cooperative Commonwealth“ verwirklichen müsse.

Dieser Commonwealth, so Templer, könne nur auf der Basis von kooperativen Gemeinschaften entstehen, etwa nach dem Beispiel des kooperativen Dorfes Neve Shalom/Wāħat as-Salām. Das Dorf wurde 1970 gegründet und zählt heute etwa 200 Einwohner. Es ist im gemeinsamen Besitz seiner arabischen und jüdischen Mitglieder und wird von beiden Bevölkerungsgruppen gemeinsam verwaltet. Neve Shalom/Wāħat as-Salām engagiert sich in der Friedensarbeit 72. Auch Einrichtungen wie das Jewish-Arab Center for Peace in Givat Haviva, dem Bildungszentrum des Kibbutz Artzi-Verbandes und die binationalen, unbewaffneten Widerstandsgruppen gegen den israelischen „Sicherheitswall“ könnten Anschlusspunkte für eine solche Entwicklung bieten. Besonders hebt Templer die mögliche Rolle der neuen urbanen Kibbutz-Gruppen, die so genannten Irbutz, hervor.

Die Ausweitung der binationalen Kooperation in Gemeinschaften und in den Betrieben müsse schließlich zu einer Situation der Doppelmacht führen, die den Staat von unten in die „Community der Communities“ auflöse. Templer bezieht sich dabei auf die erwähnten Ursprungsideen der Kibbutz-Bewegung in Palästina – abzüglich des Siedlungs-Zionismus, wie er meint 73.

Literatur

Broda, Philippe (2010): The Kibbutz in Israel. Democracy and economic efficiency. European Union Foreign Affairs Journal 2/2010: 98-112. http://libertas-institut.de/de/EUFAJ/no2_2010.pdf#page=98 (27.1.2012)

Dar, Yechezkel (2002): Communality, Rationalization and Distributive Justice. Changing Evaluation of Work in the Israeli Kibbutz. International Sociology, Vol 17(1): 91-111.

Eisenstadt, Shmuel N. (1992). Die Transformation der israelischen Gesellschaft. Suhrkamp. 1. Auflage 1985.

Fölling-Albers, Maria; Fölling, Werner (2000): Kibbutz und Kollektiverziehung. Entstehung – Entwicklung – Veränderung. Leske + Budrich.

Gavron, Daniel (2000): The Kibbutz. Awakening from Utopia. Rowman & Littlefield Publishers.

Horrox, James (2009): A Living Revolution. Anarchism in the Kibbutz-Movement. AK Press.

Küntzel, Matthias (2002): Die Nazis und der Islamismus in Palästina. Jungle World, November. http://www.matthiaskuentzel.de/contents/die-nazis-und-der-islamismus-in-palaestina (30.1.2012)

Near, Henry (2007): The Kibbutz Movement. A History. Volume 1 – Origins and Growth, 1090-1939. Volume 2 – Crisis and Achievement, 1939-1995. The Littman Library of Jewish Civilization. 1. Auflage 1997

Shapira, Reuven (2008): Transforming Kibbutz-Research. Trust and Moral Leadership in the Rise and Decline of Democratic Cultures. New World Publishing.

Templer, Bill (2003): From Mutual Struggle to Mutual Aid: Moving Beyond the Statist Impasse in Israel/Palestine. Borderlands Vol. 2, No. 3. http://www.borderlands.net.au/vol2no3_2003/templer_impasse.htm (30.1.2012)

Tsuk, Nir (2000): The Rise and Fall of the Kibbutz. Social Capital, Voluntarism, and State-Community Relations: A Case Study. Paper prepared for the Workshop “Voluntary Associations, Social Capital and Interest Mediation: Forging a Link”, ECPR Joint Session of Workshops, University of Copenhaven, 14-19 April 2000.

Turniansky, Meir (1997): Kibbutz Samar. http://theanarchistlibrary.org/HTML/Meir_Turniansky__Kibbutz_Samar.html (27.1.2012)

Tyldesley, Michael (2003): No Heavenly Delusion? A Comparative Study of Three Communal Movements. Liverpool University Press.

Notes:

  1. Als klassischer Kibbutz sei hier die in den Grundlagen weitgehend einheitliche Form des Kibbutz gemeint, die sich im Verlauf der ersten Jahrzehnte herausbildete und im Wesentlichen bis in die 1960er Jahre existierte. Informelle Veränderungen, die schon in den 1950er Jahren einsetzten, wurden erstmals in den 1970er Jahren offen sichtbar.
  2. Mehrzahl von Kibbutz
  3. Naer (2007, Vol 1:80)
  4. Near (2007, Vol. 2: App.2)
  5. Eisenstadt (1992: 171); vgl. Near (2007, Vol. 1: 300)
  6. Near (2007, Vol 2.: 76f.)
  7. Küntzel (2002)
  8. Fölling-Albers & Fölling (2000: 81)
  9. Gavron (2000: 277)
  10. Tsuk (2000)
  11. Der größte Kibbutz ist gegenwärtig Ma’agan Michael mit rund 1.400 Mitgliedern, http://www.maaganmichael.com/index.php/Main_Page (27.1.2012)
  12. Broda (2010)
  13. Shapira (2008: Position 1493)
  14. Kibbutznik: Mitglied eines Kibbutz
  15. Shapira (2008: Position 1588)
  16. in: Kritik des Gothaer Programms, MEW 19: 21
  17. Einer der wesentlichen Intellektuellen der frühen Kibbutz-Bewegung war Aaron David Gordon, der körperliche Tätigkeit insbesondere in der Landwirtschaft als Medium des Heilwerdens sah. Gordon verstand „Arbeit“ als eine Kunst, eine intensive Verbindung mit dem Gegenstand einer Tätigkeit. Diese so genannte Eroberung der Arbeit war ein ideologischer Grundpfeiler der frühen Kibbutz-Bewegung. Damit war der Verzicht auf den Einsatz von Lohnarbeit und die möglichst autonome Sicherung des eigenen Lebensunterhalts gemeint.
  18. und befand sich damit in gewissem Widerspruch zu den expansionistischen Tendenzen, die sich in der Ideologie der meisten Kibbutzim niederschlugen, letztlich die gesamte Gesellschaft zu umfassen
  19. http://www.communa.org.il/dgania.htm (30.1.2012)
  20. Shapira (2008: Position 4858)
  21. Dar (2002: 97), Shapira (2008: Position 5652)
  22. Shapira (2008)
  23. Angaben auf der Website der Kibbutz-Bewegung http://www.kibbutz.org.il/eng/081101_kibbutz-eng.htm (26.1.2012). Die Bevölkerung ist größer als die Mitgliederzahl, weil viele Kibbutz begonnen haben, ihre Siedlungen für Menschen zu erweitern, die keine Mitgliedschaft anstreben.
  24. Alle Angaben nach http://www.kibbutz.org.il/eng/081101_kibbutz-eng.htm (26.1.2012). Die Angaben für frühere Perioden in Near (2007 Vol. 1& 2) zeigen das gleiche Bild.
  25. Near (2007, Vol. 2: 248f., 332f.)
  26. Near nennt für das Jahr 1995 rund 5.000 Einträge in der Publikationsdatenbank des Institute for Kibbutz Studies der Universität Haifa (Vol. 2, 2007: 351; vgl. 311). Fölling-Albers & Fölling stellen in Hinblick auf das besondere Erziehungswesen der Kibbutz-Bewegung fest: „Die Kibbutzerziehung gilt inzwischen als die am besten erforschte Erziehungseinrichtung der Welt (…)“ (2000: 12)
  27. zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits stalinistisch verzerrt
  28. Gavron (2000)
  29. dem israelischen Parlament
  30. Shapira (2008)
  31. zitiert in Horrox (2009: 61)
  32. http://www.kibbutz.org.il/eng/081101_kibbutz-eng.htm (26.1.2012)
  33. http://www.kibbutz.org.il/eng/081101_kibbutz-eng.htm (26.1.2012); vgl. Gavron (2000)
  34. Eisenstadt (1992: 220ff.), Near (2007, Vol. 1: 201f., 304ff.)
  35. Horrox (2009)
  36. Horrox (2009); vgl. Near (2007 Vol 1: 13)
  37. Fölling-Albers & Fölling (2000: 34ff.), Horrox (2009)
  38. Near (2007, Vol. 1)
  39. Dies betraf die ersten vier Einwanderungswellen (Einzahl: Aliya) 1882-1903, 1904-1914, 1919-1923 und 1924-1931 (Eisenstadt 1992: 173f.), wovon in die Zeit der zweiten Aliya die Gründung der ersten Kibbutzim fiel (Near 2007, Vol. 1).
  40. Einzahl: pluga
  41. Kvutzot hießen die ersten commonsbasierten landwirtschaftlichen Pioniersiedlungen. Später wurde damit ein Strang der Kibbutz-Bewegung bezeichnet, der unter anderem auf kleinere Gruppengrößen wert legte, die den Anfang der Siedlungen charakterisierte.
  42. Fölling-Albers & Fölling (2000: 34ff.), Tyldesley (2003), Near (2007), Horrox (2009)
  43. Zuerst wurden vor allem wüste und sumpfige Gegenden besiedelt. In der „Tower and stockade“-Periode der militärisch gesicherten Pioniersiedlungen während der arabischen Revolte 1936-1939 gab die strategische Lage den Ausschlag für eine Siedlung. Viele Standorte waren daher schlecht für die Landwirtschaft geeignet und hatten Schwierigkeiten sich selbst zu erhalten.
  44. Near (2007, Vol. 2: 32ff.)
  45. Near (2007, Vol. 2: 333), Horrox (2009: 93ff.)
  46. Horrox (2009: 93)
  47. Gavron (2000: 143ff.), Near (2007: 344ff.)
  48. Fölling-Albers & Fölling (2000: 82)
  49. Gavron (2000: 143ff.)
  50. Gavron (2000: 155f.)
  51. Near (2007, Vol. 2: 294ff.)
  52. Near (2007, Vol. 2: 345f.)
  53. Fölling-Albers & Fölling (2000: 86), Shapira (2008)
  54. Gavron (2000)
  55. Shapira (2008)
  56. Turniansky (1997), Gavron (2000), vgl. Horrox (2009)
  57. http://en.wikipedia.org/wiki/Samar,_Israel (27.1.2012)
  58. Gavron (2000)
  59. http://en.wikipedia.org/wiki/Urban_kibbutz#cite_note-what-0 (27.1.2012)
  60. Gavron (2000), Horrox (2009)
  61. Horrox (2009: 104)
  62. Horrox (2009: 104ff.)
  63. a.a.O.: 198; Eisenstadt vergleicht es mit der Proporzdemokratie wie sie in den Niederlanden, der Schweiz oder Österreich existierte. Allerdings gab es in diesen Ländern kein vergleichbares System kooperativer Institutionen wie im Yishuv, von dem Kibbutz ähnlichen Strukturen ganz zu schweigen. Darüberhinaus handelte es sich in diesen Fällen um eine den politischen Parteien proportionelle Verteilung staatlicher Macht – anders als im Yishuv.
  64. Mehrzahl von Moshav
  65. http://de.wikipedia.org/wiki/Moschaw (30.1.2012)
  66. Eisenstein (1992: 175), Horrox (2009: 82)
  67. Kibbutz bezeichnete ursprünglich den Zusammenschluss mehrerer Kvutzot, weshalb auch die Verbände der später „Kibbutz“ genannten Siedlungen den Namen „Kibbutz“ trugen.
  68. Near (2007, Vol. 1: 193)
  69. Near (2007, Vol. 1: 201)
  70. Near (2007, Vol. 1: 203)
  71. Near (2007, Vol. 1: 132f.)
  72. http://en.wikipedia.org/wiki/Neve_Shalom_%E2%80%93_W%C4%81%C4%A7at_as-Sal%C4%81m (30.1.2012)
  73. Templer (2003)
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One Response to Commons-Archipel: Die historische Kibbutz-Bewegung

  1. Jan says:

    Moin Andreas,

    Danke für diesen tollen Einführungsartikel. Ich bin gerade in Israel und habe verschiedene Kibbuzim besucht. Vieles in deinem Artikel hat mir geholfen das Erlebte einzuordnen. Danke erstmal dafür.

    Ich würde gerne noch drei Überlegungen ergänzen die aus meiner Perspektive im den Kibbuzim weiterhin ungelöst bleiben:

    * Das Außenverhältnis: Ähnlich wie Kooperativbetriebe in der 70ern und 80ern in Deutschland entschieden sich die Kibbuzim nach der Subsistenz-Phase für eine Produktion am Markt. Das heißt, dass alle Vorzüge des Projektes nur dann zum Tragen kommen wenn eine Verwertbarkeit der Tätigkeiten gegeben ist. Hier zum Beispiel ein Zitat vom Kibbutz Ketura das ich gerade besuchte das übrigens immer noch nach dem alten
    kollektiven Muster organisiert ist:

    “The production branches strive to become more efficient and increase profits, while the service branches strive to maintain a decent level of service within budgetary and labor constraints, while looking for opportunities to sell those services beyond the kibbutz population as well.”

    Entsprechend werden und wurden Entscheidungen getroffen welche Produktionszweige eingerichtet und welche abgeschafft werden. Auch befördert oder erklärt diese Entscheidung gar die von dir beschriebenen Zerfallserscheinungen in Eliten usw. Konkurrenz und Machterlang als Ordnungsprinzipien setzen sich durch. Ganz abgesehen davon, dass auch Kibbuzim, migrantische Arbeitskräfte aus dem Sudan und Thailand “ausbeuten” um Profite zu scheffeln.

    Hier wäre es sicherlich sinnvoll ähnlich wie wir es tun sich über Prodution jenseits vom Markt Gedanken zu machen.

    * Die Art der Produktion: Milchkühe in sehr trockenen Gegenden mit zu großen Teilen zugekauftem Kraftfutter war ein Standart-Produktionszweig vieler, vieler Kibbuzim. Eben weil er so profitable war (s.o.). Er ist und bleibt aber ein ökologisches Desaster. Wenn sich also nur nach den möglichen Profiten entschieden wird, bleiben ökologische Überlegungen oder grundsätzliche Überlegungen zur Sinnhaftigkeit von bestimmten Produkten auf der Strecke. Das heißt es gibt kaum bis keine Kibbuzim die sich konsequent Ökologie auf die Fahnen geschrieben haben. Lotan, Ketura und Harduf sind auf dem Weg aber noch lange, lange nicht angekommen.

    * Die Frage nach dem Individuum: In vielen Kibbuzim gab in einigen Kibbuzim gibt es immer noch einen Koordinator der die Kibbuniks in die Arbeitsbereiche einteilt in denen gerade Arbeitskraft gebraucht wird. Hier wird also nicht entlang der Bedürfnisse der Produzierenden entschieden sondern diese hinter die Notwendigkeit der Produktion zurück gestellt. Wichtig wäre es hier meiner Einschätzung nach das Initiativprinzip zu stärken und Menschen die eine Idee und Lust haben im Vertrauen zu unterstützen. Viele Kibbuzim befinden sich in dieser Hinsicht schon auf einem guten Weg.

    Soweit erstmal in Kürze aus Jerusalem.

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