Polylieben: Hype oder Utopie? Überlegungen zum Film „Drei“

von Andreas Exner

„Ich hab das Gefühl, du weißt zum ersten Mal seit langer Zeit ganz genau was du willst“, sagt die Ex-Frau zu Adam, einer der drei Hauptfiguren im Film Drei, der 2010 für gewisses Aufsehen sorgte. Vor Kurzem hat Adam festgestellt, dass er nicht nur einen Menschen liebt, sondern gleich zwei auf einmal. Das verwirrt selbst ihn, den nüchternen Alleskönner, der mit Frauen ebenso schläft wie mit Männern, singt, schwimmt und segelt. Doch zwei auf einmal auch zu lieben, das ist für Adam neu, so neu, dass er seine Erfahrung zuerst so deutet, als wisse er eben nicht, was er wolle. Die beiden indes, Simon und Hanna, haben in der Zwischenzeit geheiratet. Der Film endet mit einem traumhaften Bild der drei nackt in einem weißen Bett: Hanna, die von einem der beiden schwanger geworden ist, der biologische Vater ist noch unbekannt, wird von Adam umarmt, und der von Simon.

Die Erzählung des Streifens, der schauspielerisch und durch extravagante Schnittfolgen glänzt, arbeitet sich sozusagen von zwei Katastrophen ausgehend zu höchstem Glück empor. Den Hintergrund dieser Katastrophen, der leidvolle Tod der Mutter Simons und dessen Hodenkrebs, bildet das alltägliche Elend der bürgerlichen Existenz. Einer gutbürgerlichen, zweifellos: sie Philosophin, arbeitet als Mitglied einer Ethikkomission und macht Fernsehsendungen des gehobenen Formats; er Kunstmanager. Zwar ist sein Betrieb finanziell angeschlagen, aber die Lebenshaltung doch keineswegs die schlechteste. Der dritte im Bunde, Adam, der zuerst mit Hanna, dann mit ihrem Mann Simon eine Affäre beginnt, arbeitet als erfolgreicher Wissenschafter in der Pharmaindustrie.

Die Erzählung der sich entwickelnden Liebe zwischen den dreien, die sich wechselseitig zu verstärken beginnt, hebt sich fast unwirklich von der normierten Lebensweise der Hauptfiguren ab. Den Film können wir so als eine Utopie betrachten, die sich dem entzauberten Leben entziehen will. Eigenartig, dass dies gelingt, denn der Wissenschafter Adam ist doch geradezu der Inbegriff der Entzauberung, und referiert anfangs in einer durchaus plakativen Szene vor der Ethikkommission, der Hanna angehört, über die neuesten Entwicklungen der Reproduktionsmedizin. Hanna selbst, die Hauptdarstellerin des menage á trois dagegen verliert sich in Diskursanalyse, während Simon beruflich die Profanisierung und Kommerzialisierung der Kunst betreibt. Gerade diese Hintergründe jedoch machen das utopische Moment eben aus: der radikale Bruch mit dem gewohnten Leben, das einen auf Raten tötet, wie Simon zu Beginn des Films im Zug sitzend auch reflektiert.

Es scheint gerade die restlose Dekonstruktion des scheinbar unverrückbar Natürlichen durch Wissenschaft, Technik, Philosophie, Kunst und Kommerz zu sein, die den Einbruch einer ganz anderen, neuen Wirklichkeit erlaubt; oder herausfordert. Die Haltlosigkeit einer Existenz, die sich zugrunde reflektiert, technisiert und ästhetisiert hat, findet plötzlich Halt in dem, was der Philosoph Hermann Schmitz die „Autorität des Gefühls“ nennt, das zu sich „verurteilt“, wie er sagt. Und ein solches Urteil fällt, nicht allein, doch insbesondere die Liebe.

Auf eigenartige, weil zwiespältige Weise drückt Adam dies aus, zuerst als er Simon versichert, dass man sich bloß aus dem „biologischen Determinismus“ lösen müsse, um Bisexualität als solche auch zu akzeptieren und zu leben; dann als Adams Ex-Frau erkennt, dass Adam eine Art von Sinn, eine Zielrichtung, Halt durch die Liebe gefunden hat, die ihn, den Wissenschafter, zugleich verwirrt. Implizit erscheint die Dekonstruktion aller Kategorien als Voraussetzung romantischer Liebe in einer durchkapitalisierten Gesellschaft des 21. Jahrhunderts – ihre Einschränkung auf gut verdienende, hochgebildete und ästhetisierte Menschen inklusive. Offenbar hat auch eine gewisse ökonomische Sicherheit damit zu tun, dass auch noch das Konstrukt der ausschließenden Paarbeziehung zugunsten mehrfacher Paarungen aufgegeben werden kann.

Eine andere Lesart vertritt die Genderforscherin Claudia von Braun. Sie sieht den Film als Produkt eines Zeitgeists, der in der banalisierten Sexualität nichts Aufregendes mehr finde. Die im Film thematisierte Bisexualität sei nichts als modischer Effekt, so Braun. Mit derlei Tricks könne man auch die Langeweile der gehobenen Bobos nicht beheben, könnte man von Braun folgend schließen. Zweifellos kann man den Film so sehen, als eine Art kollektives Fantasma, wie das Leiden an der konventionellen Paarung aufzuheben wäre. Bemerkenswerterweise findet Braun den Aspekt der Polyliebe, der ja nicht an Bisexualität gebunden ist, nicht der Erwähnung wert.

Eine Kritik der Zeit wiederum sieht den Film, abgesehen vom geschmäcklerischen Urteil in Hinblick auf den Plot, um Fragen der Moral kreisen. Ähnlich eine weitere Kritik in diesem Magazin. Der bemäkelnde Tonfall entspricht ironischerweise gut dem Milieu, das Regisseur Tom Tykwer in Drei als sozialen Kontext seiner Liebesgeschichte wählt. Nur scheinbar ist diese Geschichte frei von jedem Determinismus, als der in den Augen des Biologen Adam nur die Biologie gilt; und das zu Unrecht, wie einer festhält, der es scheinbar wissen muss. Freilich wird diese Aussage von Adam von der Kritik sogleich auch überinterpretiert, so als würde Drei behaupten, alle Menschen seien „von Natur aus“ bisexuell, wie es in den Rezensionen vorschnell heißt.

Auch die Kritik im Spiegel gelangt von der Ablehnung eines biologischen Determinismus, die der Film durchaus formuliert, unreflektiert zu einem Determinismus neuer Art: nämlich dass „wir alle bisexuell“ seien. Laut Spiegel kümmert sich der Film hauptsächlich um so genannte Verklemmungen, und zeigt, wie befreiend es sein könne, dass diese fallen; auch wenn erst mit vierzig.

Da ist von Braun schon reflektierter, die festhält, dass die Kategorie der Bisexualität vielleicht nur daher ins Spiel komme, kommen muss, weil die Heternormativität ins Wanken gerät. Das überzeugt mich zwar auch nicht bis in die letzte Konsequenz, denn die Vorstellung festgelegter Sexualitäten, und sei das auch die Idee einer allseitigen Bisexualität, unterstellt immer schon das Vorhandensein eines Gegenstandsbereichs namens Sexualität. Das war früheren Epochen durchaus fremd und ist selbst schon eine Konstruktion. Immerhin legt von Braun den Blick frei auf die Konstruiertheit von Sexualitäten, auch der Bisexualität.

Konstruiert ist sicherlich auch die Liebe, die, ebenso wie der Sex, den von Braun allein anspricht, „etwas mit dem Körper zu tun“ hat und „zugleich derart kulturell beeinflusst“ ist, „dass wir das vermutlich überhaupt nicht mehr herausfinden können“ – was hier nämlich Kultur und was Natur ist. Freilich widersprechen sich soziales Konstrukt, zum Beispiel der Bisexualität, der Sexualität überhaupt, oder der Liebe, zumal der romantischen einerseits, und deren unerkennbares natürliches Substrat andererseits nicht grundsätzlich. Die Trennung zwischen Kultur und Natur ist eben selbst schon ein Konstrukt – wenngleich ein Konstrukt, das wir im Denken nicht hintergehen können. Tatsächlich tritt die so genannte Natur immer schon in kulturellen Formen in Erscheinung, auch wenn die Wirklichkeit, die von unserem Denken unabhängige Natur in diesen Formen der Kultur keineswegs ganz aufgeht. Das ist beim Sex nicht anders als bei der Liebe.

Was bei diesen Kritiken seltsam unterbelichtet bleibt, ist die eigentlich auffällige Verwendung romantischer, viele würden sagen: kitschiger Beziehungsbilder, nicht erst des letzten mit den dreien im weißen Bett (mögliche Anspielungen auf Laboranordnung, OP und weiße Hochzeit inbegriffen). Im Zeitalter von online dating, das Eva Illouz scharfsinnig als eine implizite Vermarktung, Objektivierung, Standardisierung und Entzauberung analysiert, und damit als das mögliche Ende der romantischen Liebe, mit der es dennoch wirbt, werben muss, offenbart Drei eine ganz andere Sichtweise: erneut ist es die Liebe, und nicht der bloße Sex, die in das Leben einbricht, das an einem Leiden krankt, das man nicht mit mehr Wissen, mehr Aufklärung und mehr Bildung heilen kann: der Verlust von Gefühl als den Menschen ergreifender Atmosphäre, der gegenüber ein raffinierter Zeitgeist sprachlos bleibt.

Alle EinträgePermalink

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>