Kein Vergleich! Von Bergen und vom Lieben

von Andreas Exner

Viele Jahre ist es her, da weilte ich für einen kurzen Sommer in Bulgarien. Bei einer vegetationsökologischen Tagung hatte ich eine Biologin kennengelernt, Mihaela. Sie lud mich ein, mit ihr durchs Land zu reisen. Mihaela kannte die Berge Bulgariens von vielen Wanderungen und botanischen Exkursionen. Wir hatten uns in Trigrad einquartiert, im hintersten Winkel der Rhodopen, wo Orpheus gelebt haben soll, ein Schauplatz vieler Mythen der griechischen Antike. In Trigrad hatte Mihaela Freunde, denen sie im Lauf der Jahre wie ein Familienmitglied ans Herz gewachsen war. Bei Eliza und Mitko wohnte ich. Sie verdienten über den Sommer mit der Vermietung von Zimmern dazu.

Meinen mehrwöchigen Aufenthalt in Trigrad unterbrachen immer wieder in die Gebirge führende Exkursionen, während derer ich Vegetationserhebungen machte. In den Zeiten, die ich im Dorf verbrachte, kam es durch Elizas kleinen Tourismusbetrieb zu einigen Begegnungen mit Reisenden. Während ich das Privileg genoss, im Freundeskreis von Mihaela das Land und seine Leute in quasi intimer Weise kennenzulernen, erfuhr ich bei Eliza die Welt der Fremden als eine auf das Land hereinbrechende Sichtweise, die es entfernten kulturellen Standards aussetzte und wie eine zu konsumierende Ware behandelte. Die Sicht der Fremden aus dem Ausland vermeinte ich aufgrund meiner sozialen Perspektive auf dieser Sommerreise in einer ähnlichen Weise auffassen zu können wie die Leute, mit denen ich meine Zeit in Bulgarien verbrachte, zu Volksmusikfestivals hoch über allen Tälern unter Sternen pilgerte, die dunklen Wälder der Rhodopen durchstreifte, alkoholgetränkten Gelagen beiwohnte und in den Sofioter Parks mit Jugendlichen herumhing, die Horo tanzten und einer ungewissen, ökonomisch höchst prekären Zukunft entgegen blickten.

Eines Abends fand sich eine Gruppe französischer Radtouristen bei Eliza ein. In dem Raum, der sonst den Gesang der Oma hörte, mit viel Schnaps und der ganzen erweiterten Familie der Blutsverwandten und der Freunde, saßen nun die Fremden. Sie waren auf der Durchreise. Ihr knapp bemessener Urlaub wollte genossen werden.

Mihaela war mit uns. Eliza und ihre Töchter Rumyana und Gergana tischten das Abendessen auf. Einer aus der Gruppe begann ein angeregtes Gespräch mit Mihaela. Er wollte erzählen, was sie gesehen hatten und Mihaela über allerlei befragen. Die stand ihm für einige Zeit Rede und Antwort, doch baute sich bei ihr ein sichtliches Unbehagen auf. Der Radfahrer schwärmte von den Bergtouren, die sie erlebt hatten. “Was meinst du, ist Rila das schönste Gebirge, oder Pirin? Oder die Stara Planina?” – eine harmlose Frage, wie es schien.

Die Reaktion von Mihaela überraschte mich. Und sie prägte sich mir bis auf den heutigen Tag ein.

Fast sprang sie auf, in meiner Erinnerung, die in diesem Punkt vielleicht übertreibt. Jedenfalls erhob sie sich. Unwirsch entgegnete sie dem Radfahrer: was ihm denn eigentlich einfiele! Ja, wie könne er es sich herausnehmen, diese Gebirge vergleichen zu wollen!

Ich habe Mihaela nie gefragt, wie sie diesen Moment erlebte. Was genau sie so in Aufruhr versetzte, was sie – die zuvorkommende und weltoffene Begleiterin – die Tonlage derart wechseln ließ, das weiß ich bis heute nicht.

Aber ich habe eine Intuition, eine Vermutung. Ich glaube, den Ärger rief das Ansinnen des Fremden hervor, die Schönheiten der bulgarischen Gebirge buchstäblich über einen Kamm scheren zu wollen. Und sie damit zu nichten, in ihrer Eigenart zunichte zu machen. Diese Schönheiten sind, wie alles im Leben, wo es uns als eine Ganzheit begegnet, nicht vergleichbar. Und genau das macht ihre Schönheit eben aus. Schönheiten sind singulär, vielsagend und vieldeutig, nicht aufzulösen in einzelne Merkmale und nicht darauf festzulegen: auf die Klöster am Fuße des Rila, die kalkweißen Bergstöcke des Pirin, die windigen, sanft geschwungenen Almen der Stara Planina und all die anderen, mannigfachen Eigenheiten. Zu vergleichen heißt zugleich, die Schönheiten einem Maßstab zu unterwerfen, der ihnen als Maßstab äußerlich sein muss. Dieser Maßstab ist alles andere als schön.

Im Fall des Radtouristen handelte es sich vielleicht um ein Bild der Berge daheim in Frankreich; oder um ein abstraktes Maß wie die Seehöhe, die man auf einer Route “nimmt”, oder der Radkilometer; und entlang dessen die Fahrt durch Sofia als eine nur quantitativ von der Überwindung eines rhodopischen Passes unterschiedene Wegstrecke auf Asphalt erscheinen würde.

Kurz gesagt: Ich glaube, die Frage des Radfahrers zeigte in den Augen Mihaelas ein oberflächliches, nicht an der Landschaft Bulgariens entwickeltes ästhetisches Empfinden. Es hatte sich folglich auch nicht in jahrelanger Erfahrung der Landschaft angeschmiegt und verband nicht mit jedem Ort eine bestimmte Assoziation, Gefühle und Wissen wie bei ihr, die einen Vergleich gerade aufgrund der Singularität ihrer Erfahrungen unmöglich ziehen konnte. Der Tourist legte an seine Erfahrungen dagegen einen Maßstab an. Die vielen unvergleichbaren Qualitäten, die man bloß deskriptiv-aufzählend nebeneinander stellen könnte, aber nicht vergleichen, verwandelte seine Frage in eine leere Ansammlung von Werten einer einzigen abstrakt-quantitativen Größe. Dies setzte ihn zugleich in eine unüberbrückbare Distanz zu der Berglandschaft, die ihm zwar Worte der Bewunderung entlockte, aber auf diese Weise fremd bleiben musste. Das war es, so glaube ich, was Mihaela erzürnte.

Ich erinnere diese Begebenheit so gut, weil ich im Alltag immer wieder einmal daran denken muss. Vor allem wenn ich mir Liebeserfahrungen und Liebesbeziehungen vor Augen führe. In der Warengesellschaft werden wir ja alle von Kindesbeinen an darauf getrimmt uns zu vergleichen, uns einander gleich zu setzen. Doch sind wir in Wahrheit alle sinnlich-ungleich, eigenartige Ganzheiten, Lebewesen, die sich ihrem eigenen Antrieb nach entfalten und das zur singulären Geltung bringen, was sich an Möglichkeiten in ihnen abzeichnet. Jedwede Gleichsetzung kann daher, wie es der Radfahrer an den großartigen Gebirgen Bulgariens versuchte, nur mit Hilfe eines dem Gleichgesetzten äußerlichen Maßstabs erfolgen. In der Schule sind das die Noten. In der Familie sind es vielleicht die Plus- und Schlechtpunkte auf einer Verhaltensskala von brav bis ungezogen. An der Universität sind es erneut die Noten. In der Wissenschaft die Punkte des Impact Factor. An jedem Arbeitsplatz schert das Einkommen uns alle über einen Kamm und lässt uns als nur quantitativ unterschiedene Geldeigentümer erscheinen. Und so verhalten wir uns auch über weite Strecken. Dies brachte Marx auf den Punkt, als er davon sprach, dass das Geld einen gewaltsamen Vergleich zwischen den Waren herstellt – die so genannte Ware Arbeitskraft ist dabei mit zu berücksichtigen. Das Geld erleichert nicht einen sinnvollen Vergleich anhand konkreter Eigenschaften. Ganz im Gegenteil: Das Geld ist nur der geronnene Ausdruck einer Gleich-Setzung von Unvergleichbarem im Tausch. Und diese Gleichsetzung kann, weil sie Unvergleichbares betrifft, nur gewaltsam erfolgen. Sie ist eine Art von Gewalt.

Eine der verheerendsten Folgen dieser Logik des Vergleichens äußert sich in dem, was uns Menschen in der Regel wohl am meisten berührt: in unseren Liebesverhältnissen.

“In einer Gesellschaft, die nicht so stark auf dem Vergleichen beruht”, so meinte jemand in einem Tischgespräch sinngemäß, “wäre es wohl denkbar, mit mehreren Menschen Liebesbeziehungen einzugehen.” Aber, so wurde dann hinzugefügt, in der heutigen Art des Zusammen- oder Gegeneinanderlebens sei das sehr schwierig. Viele emotionale Verletzungen rührten aus dem Zwang zum Vergleich. Und in der Tat: Sobald wir einander zu vergleichen beginnen, ist das Paradies sozusagen bereits verloren; nicht, dass es nicht immer und immer wieder um die Ecke auf uns warten würde, doch finden wir den Eingang nicht, solange wir einander nichten, anstatt uns in unserer unvergleichlichen Einzigartigkeit zu bestätigen: nämlich in der Liebe. So aber regiert der abstrakte Maßstab, der sich auf das Einkommen beziehen kann, einen Schönheitsstandard, die Muskeln, die Intelligenz, den Erfolg in jeder denkbaren Quantifizierung, und was an Messgrößen noch so alles existieren mag.

Dann laufen Verliebungen darauf hinaus, einen Besten zu küren oder eine Beste. Ein weiterer Geliebter, eine weitere Geliebte werden unter diesen Voraussetzungen unwillkürlich mit der oder dem ersten verglichen – und umgekehrt. Gerade so wie der Radfahrer in Bulgarien die Gebirge Rila, Pirin und Stara Planina in eins setzen wollte und das Beste küren als wär’s eine Masse Stein.

Aber es gibt auch andere Möglichkeiten, uns zu erfahren, die Welt, die Berge und die Liebe. Das ist der zweite Schluss, den ich aus der Anekdote ziehe. Rila, Pirin und die Stara Planina stehen je für sich. Schön und erhaben.

 

 

 

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