Linksradikaler Menschenverstand: im Kurier?

von Andreas Exner

Dass ich mich weitgehend einer Meinung mit der Tageszeitung Kurier wähne, dürfte nicht allzu oft der Fall sein. Immerhin befindet sich das Blatt im Mehrheitseigentum des Raiffeisenkonzerns. Diesmal aber doch. Hingewiesen freilich sei, dass ich der Staatsanwaltschaft, anders als Kurier-Kommentatorin Doris Knecht, nicht trauen würde. Zur Erinnerung: Eine Demonstrantin wurde in Medienberichten zitiert, schwanger gewesen zu sein und aufgrund von Misshandlungen durch die Polizei ihr Kind verloren zu haben. Dies wurde einige Zeit später von der Staatsanwaltschaft bestritten. Die Frau sei nicht schwanger gewesen. Und die Medien kolportierten die Meinung der Staatsanwaltschaft. Da wäre indes noch auf seriösere Quellen zu warten. Stichworte “Operation Spring”, “Tierrechtsprozess” und “Schlepperprozess”.

Davon abgesehen bleibt mir momentan nur eine Frage: ist der Kommentar von Doris Knecht nun linksradikal, gesunder Menschenverstand; oder ist letzterer schlicht das erstere? Wie auch immer. Der Kommentar im Kurier zu dem erneut unglaublich brutalen Polizeieinsatz in Wien gegen die antifaschistischen Demonstrierenden, die ein Zeichen gegen den Aufmarsch der rechtsextremen “Identitären” setzen, sei an dieser Stelle wiedergegeben.

[via Kurier, 20.Mai 2014]

Passiert das wirklich in Wien?

von Doris Knecht

Aktivisten- und Betroffenen-Sprech ist, das weiß man als erfahrene Journalistin, besser mit Vorsicht zu genießen, vor allem im Nachhall von gewalttätigen Konflikten. Es wird mitunter übertrieben und sehr frei interpretiert.

Deshalb hat Ihre Autorin die im Netz und in den Medien mit Wucht und Wut kolportierte Geschichte, Polizisten hätten einer schwangeren jungen Frau am Rande der Identitären-Demo das Kind aus dem Leib geprügelt, mit äußerster Zurückhaltung aufgenommen.  Offensichtlich zu Recht, weil die Geschichte so nicht stimmt; denn die Frau war offenbar gar nicht schwanger.

Dass man so etwas allerdings tatsächlich für möglich hielt, hat handfeste Gründe: Die Fotos von der Demo und der Gegendemo im Netz, die mutige Vice-Reportage über den Aufmarsch der Rechten und die Rolle der Helfer und Beschützer, die die Polizei dabei einnahm.  Man sieht, wie die Wiener Polizei rechte Demonstranten aus ganz Europa sicher geleitet und sich von ihnen auch noch das weitere Vorgehen diktieren lässt. Wie sie mit Pfefferspray in die Gesichter Vorübergehender, am Boden Liegender und Helfender sprüht. Wie vier multipel bewaffnete Polizisten auf einem Demonstranten knien.

Die Fotos und Berichte lassen einen fragen, in welcher Stadt man eigentlich lebt. Ob das wirklich das rot-grüne Wien ist. Warum die Polizei  so brutal gegen besorgte Bürgerinnen und Bürger vorgeht. Warum die Gegendemonstranten noch weiter verfolgt wurden, als die Identitären längst in einem Bierlokal ihren schönen, von der Polizei gut geschützten Aufmarsch feierten. Man fragt sich auch, wie hier Polizisten ausgebildet werden, von wem, wie sie auf solche Einsätze vorbereitet werden. Der Wiener Polizeipräsident wurde schon nach den Exzessen am Akademiker-Ball zum Rücktritt aufgefordert: Die neuen Bilder verleihen dieser Forderung Relevanz.

Denn wenn das der exekutierte Rechtsstaat ist, hat man als Bürger durchaus Grund, sich ein wenig vor ihm zu fürchten. Weil es nämlich anscheinend zwei Seiten gibt und man leicht und unvermutet auf die falsche geraten kann, während man sich noch auf der richtigen wähnt. Und glaubt, man würde nur seine demokratisch abgesicherten Rechte in Anspruch nehmen. Vorsicht, die Polizei sieht das womöglich anders.

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