Probe ohne Auftritt? – eine Notiz zu Easy Rider

Mexikaner mit großen Löchern in den Zahnreihen. Zwei Gringos. Der eine zerknautscht, mit einem Bart von der Oberlippe bis fast zum Kinn, einem Hut, Westernkluft. Der andere mit übergroßen Brillen wirkt abgeklärt, trägt eine Lederjacke mit der US-Flagge am Rücken. Der Zerknautschte nimmt eine Prise Koks, das der Mexikaner lachend reicht. Die beiden Gringos geben ihm eine Handvoll Dollar. Wüste rundherum.

Nächste Szene: am Flughafen. Der Stoff wird verkauft. Die Gringos, jetzt wieder US-Amerikaner, erhalten einen größeren Packen Dollarscheine als sie dem Mexikaner gegeben haben. Flugzeuglärm.

So beginnt Easy Rider.

Der Lederjackentyp steckt die Dollarnoten in einen Schlauch. Den Schlauch versenkt er im Tank seiner Harley. Dann geht’s los. Man hört “Born to be wild”, wer kennt das nicht. Der Refrain kringelt sich wie ein melancholisches Hippieornament ungefähr 5 Meter über den Gitarrenriffs. Eine frühreife Reminiszenz. Steppenwolf klingen 1968 schon wie Deep Purple in den 1970ern. Zu einer Zeit, als der Hardrock noch ein etwas grobschlächtiger Geselle im großen guten Hippiegarten war.

“If the sun, refused to shine
I don’t mind
I don’t mind”

singt einer später.

Und:

“If the mountains, ah
fell in the sea
Let it be, it ain’t me.

’cause I’ve got my own world to live through
And I ain’t gonna copy you.”

If all the hippies cut off all their hair
Oh I don’t care, oh I don’t care.

Jimi Hendrix spielt den stillen Soundtrack, finde ich. Aber nur dieses eine Stück, “If six was nine”, hört man im Film. Der Zerknautschte und der Lederjackentyp fahren dabei zusammen mit einem ad hoc-Gefährten durch ein Städtchen.

Nach Tagen und Nächten on the road in der weiten, ausgedörrten Landschaft der südwestlichen USA machen die beiden Motorradfahrer in einer Hippikommune Halt. Man erfährt in Wikipedia, dass die Kommune in Taos nachgestellt worden ist. Die Kommunarden hatten Dennis Hopper und seine Truppe dort nicht filmen lassen.

Die Gegend lädt zur Landwirtschaft nicht gerade ein. Im Film unterhalten sich der Lederjackentyp (Peter Fonda), den der Verknautschte namens “Billy” (Dennis Hopper) “Captain America” nennt, und ein bebarteter Stadtflüchtling, den die beiden unterwegs aufgelesen haben, über die Kommune. Man sieht Leute mit Rauschebärten und Haarbändern über den ausgetrockneten Boden wandeln und mit der Hand, als wäre es ein Stillleben aus dem Mittelalter, Getreide säen. Der Stadtflüchtling erzählt, dass viele letzten Sommer hier waren, aber nur ein Teil geblieben ist. Die erste Zeit war hart – “Sieh sie dir an, alles Leute aus der Stadt. Aber sie werden’s schaffen.” Der Lederjackentyp pflichtet bei: “Sie schaffen’s.” Dennis Hopper stolpert schrecklich zugekifft durch die Szene.

Von nahezu 200 ruralen Kommunen, die im Herbst 1967 in den USA überall gegründet wurden, bestanden denn auch im Frühjahr 1968 nur noch deren 62.”

zitiert Karl Reitter aus einem Buch von Walter Hollstein. Auf einen harten Winter waren die revolutionären Landpartien nicht vorbereitet. (Manche davon gibt es jedoch bis heute. Und sie leben gut. Lorenz Glatz hat eine davon besucht: It isn’t Utopia. Ein Besuch in Twin Oaks)

Der Stadtflüchtling bleibt in der Kommune. Wenn man den richtigen Ort mit den richtigen Leuten gefunden hat, so meint er, muss man bleiben. “Du hast nicht mehr viel Zeit”, sagt er zum Lederjackentyp. Captain America und Billy machen sich wieder auf den Weg. In einer Stadt treffen sie auf eine Parade. Sie reihen sich darin ein, marschieren mit. Doch man steckt sie ins Gefängnis wegen “unerlaubter Teilnahme an einer Parade”. Im Gefängnis lernen sie einen jungen Anwalt kennen (Jack Nicholson), der in der Zelle gerade nüchtern wird. Captain America und Billy wollen zum Mardi Gras nach New Orleans. Der Anwalt will dort ein Bordell besuchen. Die zwei laden ihn ein, mitzufahren, und so schließt er sich den beiden an.

In der ersten Nacht tauscht der Anwalt Flasche gegen Gras. Und er erzählt dem verdutzten Billy, dass “Venusmenschen”, die mit UFOs auf die Erde kamen, inzwischen “Personen aus allen Lebensbereiche beraten”, für den Weg in eine bessere Zukunft. Warum er noch nie etwas davon gehört hat? Na ganz einfach: weil die Regierung nicht will, dass eine Panik ausbricht und “unsere vollkommen antiquierten Systeme” zum Einsturz bringt. Die Venusmenschen kennen nämlich keine Kriege mehr, kein Geldsystem, keine Regierung. Ganz anders als “unsere vollkommen antiquierten Systeme.” Nicholsonsche Grimassen inklusive.

In der zweiten Nacht ist der Anwalt tot. Rednecks, die der Truppe aus der Stadt, wo sie Halt gemacht hatten, folgen, erschlagen ihn im Schlaf.

“Du machst ihnen Angst”, hatte er Billy noch gesagt, “weil Du für sie Freiheit repräsentierst.” Deshalb sind “diese Leute” gefährlich. Denn von individueller Freiheit zu sprechen und wirklich frei zu sein, das seien zwei verschiedene Dinge. Deshalb würden sie wütend. Sie erkennen ihre Unfreiheit, wenn sie sehen, was Freiheit ist. Nur wenn sie den, der die Freiheit repräsentiert, totschlagen, entkommen sie ihrer Angst – das ist die einzige Freiheit, die sie kennen.

Captain America und Billy kommen mit Prellungen davon.

Der Anwalt hatte in New Orleans ins Bordell gewollt. Zum Angedenken an den Freund suchen Captain America und Billy das Etablissement zusammen auf. Mit zwei Prostituierten besuchen sie den Mardi Gras. Auf einem Friedhof nehmen sie alle gemeinsam LSD. Bilder, Verwirrung, Trauer. Nacktheit.

Später, am Lagerfeuer meint der Lederjackentyp zu Billy: “Wir sind Blindgänger.” Billy versteht nicht, sie haben doch Geld, sind reich, keine Sorgen mehr, alles paletti. “Wir sind Blindgänger”, wiederholt der andere. Als sie am nächsten Tag den Mississipi entlang rollen, Blues ist im Hintergrund zu hören, fährt ihnen ein Bus mit zwei Rednecks hinterher. Einer mit einer Beule am Hals nimmt ein Gewehr. Sie fahren auf eine Höhe mit Billy, der mit der Beule macht eine Bemerkung über dessen Haare und zielt. Billy dreht den Kopf, sieht das Gewehr und zeigt den Mittelfinger. Der Redneck drückt ab. Das Motorrad schleudert, Billy stürzt und bleibt rücklings liegen. Der Lederjackentyp fährt retour, eilt zu ihm hin. Sitzt wieder auf und fährt los um Hilfe zu holen. “Wir sollten umdrehen”, hört man eine Stimme. Der Bus, der weitergefahren war, macht kehrt. Kurz darauf ein zweiter Schuss. Die Harley des Lederjackentyps explodiert und verbrennt am Straßenrand.

“Don’t nobody know what I’m talkin’ about
I’ve got my own life to live
I’m the one that’s gonna die when it’s time for me to die
So let me live my life the way I want to
Yeah, sing on brother, play on drummer”

So endet “If six was nine”. Das Ende des Songs kommt im Film nicht vor.

Notiz:

Der Film antizipiert das Ende der Hippiebewegung. Merkwürdig eigentlich, denn 1969, als Easy Rider in die Kinos kam – der offizielle Beitrag der USA für die Filmfestspiele in Cannes – war die Bewegung in den USA noch kaum gebrochen. 1967 hatten die Hippies den Summer of Love ausgerufen. 1968 war Woodstock. Freilich, obwohl Easy Rider traurig endet, ist der Streifen doch nicht pessimistisch.

1848 war eine Probe für 1917, schreiben Arrighi, Hopkins und Wallerstein. Auch 1968 war eine Probe. Aber wofür? – “We have no answer to the question: 1968, rehearsal for what?”

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