Schlagworte: Grenzen, Kapitalismus, Krise, Peak Oil, Soziale Bewegungen, Wallerstein, Weltsystem
Die Krisendebatte beherrscht derzeit das Rätselraten. Bei Rätseln hilft üblicherweise der Experte. Doch der macht heutzutage immer schlechtere Figur. Ratlos befragen Moderatoren in Radio und TV ihn über den letzten Stand der Krise. Einer der Experten beispielsweise versichert in einem Wirtschaftsmagazin: Ja, die Börse wird es auch künftig geben, davon ist er überzeugt. Die Moderatorin ist beruhigt und lacht – wie seltsam, dass man daran auch nur denkt, die Börse könnte dereinst nicht mehr sein. Mit Anlagetips allerdings tut er sich gerade schwer, meint der Experte.
Letzthin gab auch der ZIB2 des Österreichischen Fernsehens ein Experte Auskunft. Der arbeitet bei einer Bank und muss es daher wissen. Nämlich wie’s weitergeht. Der Kerl verbrannte sich keinen Finger. Ja, die nächsten zwei Jahre würden die Kurse an den Börsen noch gehörig rauf und runter gehen. Aber dann wär alles wieder roger, so der Banker. Frei nach dem Motto: Wen kümmert heute schon, was in zwei Jahren ist.
Uns sollte es kümmern. Allerdings darf es nicht bei den kommenden zwei Jahren bleiben. Wir müssen unseren Horizont erweitern. Die Krise wird in zwei Jahren nicht ausgestanden sein.
Immanuel Wallerstein hat schon vor vielen Jahren folgende These formuliert: das kapitalistische Weltsystem erreicht das Ende seiner Laufbahn. Nach 500 Jahren haben sich laut Wallerstein vier Trends aufgebaut, welche die Profitrate nach unten zwingen:
1. steigende Reallöhne
2. steigende soziale Kosten
3. steigende ökologische Kosten
4. eine Aushöhlung der Staatsmacht
Deshalb, so Wallerstein, wird zweierlei eintreten: die Kapitalakkumulation schwächt sich ab; ohne eine Aussicht, dass der Staat diese strukturelle Krise bereinigen könnte.
Die Konsequenz, falls diese These zutrifft, wäre klar. Die Eliten werden versuchen, ihre Herrschaft neu zu strukturieren. Also nicht mehr das alte System verteidigen, sondern die Flucht nach vorne antreten. Dabei wird es ihnen darum gehen, ein neues Herrschaftsprojekt in schöne Worte zu kleiden, um es der globalen Mittelklasse schmackhaft zu machen – falls deren borniertes Eigeninteresse für eine Kollaboration nicht ausreicht.
Diese vier Thesen Wallersteins haben wir in Die Grenzen des Kapitalismus diskutiert. Grundsätzlich kann man die genannten Trends, so denke ich, belegen.
Die Reallöhne steigen im langfristigen Vergleich seit der industrielle Kapitalismus existiert. Zugleich hat die Arbeitermacht weltweit zugenommen. Die Exit-Option, in nicht-kapitalisierte Regionen mit unerfahrenen Arbeitern und Arbeiterinnen zu fliehen, hat das Kapital im Wesentlichen ausgespielt. China war so gesehen sein letzter Trumpf. Auch dort jedoch nehmen Arbeiterunruhen in den letzten Jahren deutlich zu. Die neoliberale Konterrevolution gegen die Bewegungen nach 1968 hat nur einen Teilsieg errungen. Die Reallöhne stagnieren und die Lohnquote geht seit den siebziger Jahren zurück, doch sind die Reallöhne insgesamt betrachtet bis jetzt kaum unter Abwärtsdruck gekommen.
Die sozialen Kosten steigen stetig, weil die Menge Druck auf den Staat ausübt. Der reagiert mit Zugeständnissen. Das heißt, er verausgabt einen Teil des Gesamtprodukts der Wirtschaft in Gestalt sozialer Leistungen. Kapitalistisch unproduktiv – aber menschlich sinnvoll. Inzwischen verwalten die Staaten der OECD-Welt jeweils knapp die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts. Der Neoliberalismus hat diesen Trend der langen Frist nicht umgekehrt.
Auch die ökologischen Kosten steigen. Wallerstein weist darauf hin, dass Umweltschutz Geld kostet, das einen Abzug vom Profit darstellt. Das trifft zu. Viel stärker noch aber wiegt, dass die fossilen Quellen ihr Fördermaximum erreichen und sich auch die ertragreichen, leicht ausbeutbaren Lagerstätten vieler Erze und Mineralien erschöpfen. Die Verknappung von Ressourcen hat Wallerstein zwar nicht im Blick. Sein Argument hat in dieser Hinsicht jedoch sogar ein sehr viel höheres Gewicht. (Schon allein der Trend zur Verteuerung von Energie und Rohstoffen führt zu einer strukturellen Krise des Profits, die nicht mehr dem idealtypischen kapitalistischen Krisentyp entspricht, wie wir in Ressourcenkrise als Formationsbruch skizzieren.)
Der Staat schließlich ist ein Opfer der linken Staatskritik von 1968 auf der einen Seite, und der ökonomischen Globalisierung auf der anderen. Auch das lässt sich nachvollziehen. Sein Handlungsspielraum ist tatsächlich enger als in früheren Jahrzehnten. Zwar scheint es so, als würde der Staat zur Zeit das Heft an sich reißen und auf dem geraden Weg sein, einen Staatskapitalismus neuer Art zu kreieren. Doch muss man das in zweifacher Hinsicht problematisieren.
Erstens waren Politik und Ökonomie niemals so strikt getrennt, wie das die liberale Ideologie proklamiert. Nicht zuletzt die Arbeiterbewegung und die beiden Weltkriege haben alle Staaten der OECD-Welt dazu gebracht, die Wirtschaft stark zu regulieren. Das bedeutet nicht, dass der Staat die Wirtschaft steuert, sondern, dass er in ihren Ablauf aktiv interveniert.
Daran hat auch der Neoliberalismus nichts geändert. Im Gegenteil: Am Neoliberalismus war in etwa soviel liberal wie am Nationalsozialismus sozialistisch. Staatsintervention war von Anbeginn sein harter Kern. Tatsächlich handelt es sich beim “Neoliberalismus” vor allem um eine strategische Erfindung der Globalisierungskritik. Als Begriff adäquat war er für den Kapitalismus der letzten beiden Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts nicht. So gesehen ist die vermeintliche “Rückkehr” des Staates kein Bruch im Trend.
Zweitens aber bedeutet das aktuelle Drama, worin der Staat als Retter in der Not des Kapitals auftritt, beileibe nicht, dass die Apparatur des Staates die Entwertung tatsächlich blockiert und die Kapitalakkumulation erneut vorantreibt. Allerdings reguliert der Staat de facto die Entwertung und wird versuchen, die Bedingungen der Akkumulation zu verbessern, auch wenn das kaum gelingen wird.
In Wahrheit hat der Interventionismus des 20. Jahrhunderts den Staat eng an das Schicksal der Verwertung gebunden. Ökonomisch hängt er von Steuereinnahmen ab, die er, gesamtwirtschaftlich gesehen, vom Mehrwert abzieht, der in der Krise aber schrumpft. Auch vom politischen Standpunkt aus ist es nicht mehr denkbar, einer Krise völlig frei die Zügel schießen zu lassen. Der Druck der weltweiten Arbeiterbewegung hat zudem Einrichtungen der internationalen Wirtschaftsregulation aus dem Staatsapparat, das heißt in Konfrontation mit dem Kapital hervorgetrieben, wie John Holloway zeigt. Damit wurde auch die institutionelle Möglichkeit geschaffen, die Krise in gewissem Maß zu managen.
Es war auch der Druck der Arbeiterinnen und Arbeiter weltweit, der verhinderte, dass man in der Profitkrise der 1970er Jahre den Lebensstandard zu Boden prügelte. Allein schon die bornierte Existenz der Arbeiterorganisationen macht es heute politisch unmöglich, die Gesellschaft weltweit und gleichzeitig ins Elend stürzen zu lassen. Der Staat ist nach allen Richtungen abhängig geworden.
Der Staat war schon im 20. Jahrhundert ein Teil des Kapitalkreislaufs geworden. Die Ereignisse der letzten Wochen und Monate zeigen das inzwischen auch ohne tiefe Analyse schlagend. Allerdings gewinnt die Verschlingung von Staatsaktion und Kapitalbewegung einen neuen Charakter insofern, als nicht mehr der Staat das Kapital verstaatlicht, sondern das Kapital den Staat kapitalisiert. Joachim Hirsch greift, um das zu benennen, den unglücklichen Begriff des “Finanzfaschismus” auf. Die gegenwärtige Entwicklung hat freilich mit der Zeit der Weltwirtschaftskrise kaum etwas gemein.
Tatsächlich, und damit kehre ich zu Wallersteins Thesen zurück, sind wir in den Übergang in eine neue Epoche eingetreten. Inzwischen wird allerorten der Vergleich mit den 1930er Jahren gezogen. Aber die Bedingungen sind heute wesentlich anders. Wollen wir die Tragweite der Krisendynamik in das historisch passende Licht rücken, so wäre eher an das Ende des Feudalismus zu denken.
Vor mehr als 500 Jahren nämlich führte eine Trias aus rückläufigen Produktivitätszuwächsen, verschärfter Ausbeutung und einer Zunahme unproduktiven Konsums von wirtschaftlichem Überschuss zu einer tiefen Gesellschaftskrise. Die Produktivität der Landwirtschaft konnte im feudalen Rahmen nicht mehr wesentlich gesteigert werden. Dazu kam eine Klimaverschlechterung, welche die Erträge reduzierte und die Anfälligkeit für Seuchen – damals die Pest – erhöhte. Zugleich wuchs der unproduktive Konsum, in der feudalen Gesellschaftsform also in erster Linie der Konsum der Herrscherklasse. Das führte dazu, den Druck der Ausbeutung der Bauern zu verstärken. Im Verlauf einer langen Krise nahm die politische Konkurrenz der Eliten, aber auch die Rebellion der Unterdrückten zu. Dabei bildete sich schließlich der Kapitalismus heraus.
In einigen wichtigen Punkten weist die Krisendynamik, die sich seit den 1970er Jahren entwickelte und inzwischen auf einen ersten Kulminationspunkt hinsteuert, Parallelen dazu auf. Die Produktivität wächst immer langsamer und wird ab einem bestimmten Punkt nach Peak Oil & Co. zurückgehen. Das globale Klima verschlechtert sich – diesmal aufgrund der kapitalistischen Naturzerstörung. Das wird wahrscheinlich zu sozialen und politischen Erschütterungen führen und die Produktivität der Landwirtschaft einschränken. Möglicherweise sinkt die Lebenserwartung, vielleicht breiten sich Krankheiten aus. Der unproduktive Konsum von Überschuss, welcher per definitionem der Verwertung Kapital entzieht, wächst ebenfalls – ein steigender Produktanteil wird heute allerdings nicht allein für Herrschaftsaufgaben verausgabt, sondern auch für soziale Leistungen, die kapitalistisch jedoch gleichermaßen als unproduktiv zu Buche schlagen.
Die heutige Situation ist natürlich in vielerlei Hinsicht anders als die Krise des Feudalismus. Betrachtet man die vielen Unterschiede der beiden Krisen und der Reaktionen darauf, so sticht eine Differenz heraus: die Stärke der sozialen Bewegungen. Das festzustellen beruht nicht auf blankem Optimismus. Tatsächlich ist die Linke im Moment deutlich schwächer als in den 1970er Jahren. Dennoch findet eine Alternative, die auf Befreiung zielt, heute wahrscheinlich bessere Bedingungen vor als vor 500 Jahren.
Worin besteht die Verbesserung? Erstens ist das Bildungsniveau unvergleichlich höher, was auch die Widerstandskraft gegen Herrschaft tendenziell erhöht. Zweitens sind die Organisationen der Unterdrückten und der Untergeordneten weitaus stärker als noch im 19. Jahrhundert, und sehr viel stärker als im Mittelalter. Drittens stehen sozialen Bewegungen, die tendenziell herrschaftsfeindlich agieren, viel bessere technische Mittel zur Verfügung als früher. Viertens ist Herrschaft tiefer in die Gesellschaft eingesunken, was nicht nur den Leidensdruck erhöht, sondern auch die Verwundbarkeit von Herrschaft. Fünftens schließlich ist die theoretische Kritik von Herrschaft sehr stark angewachsen, hat sich enorm differenziert und ist trotz vieler Defizite und Rückschläge breiter in der Gesellschaft verankert als im 19. Jahrhundert (ganz zu schweigen vom Mittelalter). Zudem verfügen soziale Bewegungen heute über ein historisches Bewusstsein gesellschaftlicher Kämpfe und sozialer Utopien, selbst wenn vieles nur diffus erinnert wird und es keine ungebrochenen Kontinuitäten gibt. Die Erfahrung von 1968, der Feminismus oder die Umweltbewegung lassen sich nicht einfach ungeschehen machen. Sie sind in die gesellschaftlichen Konflikte gewissermaßen eingesunken. Keine Niederlage bleibt ohne Spuren. Aber auch kein Erfolg lässt sich gänzlich ausradieren. (Ähnliche Überlegungen stellt Minqi Li in einem spannenden Artikel an.)
Diese Stärken müssen wir erkennen und nach Kräften nützen. Dabei ist die gemeinsame Reflexion entscheidend, ebenso wie die Konfrontation unterschiedlicher Perspektiven. Das erlaubt, sich im Geschehen zu verorten und Entwicklungen einzuschätzen. Nur so können Strategien wirksam werden.
Wallerstein schätzt, dass der Übergang in ein neues Weltsystem vielleicht fünfzig Jahre dauern wird. Eine solche Einschätzung hat keine theoretische Grundlage. Dennoch ist die Aussage klar und plausibel: Dieses System wird nicht mehr kapitalistisch sein; und es wird mehrere Jahrzehnte dauern, bis sich aus dem Chaos der Auflösung des Alten ein prozessierendes Neues herausgebildet haben wird, das sich selbst trägt.
Der Vergleich mit der Krise des Feudalismus lässt die Tragweite der Entwicklung ermessen. Damit wird allerdings auch deutlich, dass ein nachfolgendes System keineswegs besser sein muss als der Kapitalismus. Alles hängt ab von unserem Engagement, das in einer Periode der Auflösung überkommener Regelmäßigkeiten das Geschehen weitaus stärker bestimmt als in Zeiten der Stabilität.
“Was lässt sich also über eine Politik des Übergangs sagen”, fragt Wallerstein. “Zunächst, dass Klarheit Vorrang hat gegenüber Mobilisierung. Wenn wir mobilisieren, müssen wir wissen, warum, und nicht bloß wie. Und das Warum ist eine intellektuelle sowie eine moralische Frage, nicht bloß eine politische” (Absturz oder Sinkflug des Adlers, 2004, S.170). Im Buch World Systems Analysis fasst Wallerstein die Aufgabe wie folgt zusammen: “Zuallererst müssen wir versuchen, Klarheit darüber zu bekommen, was los ist. Dann gilt es, zu entscheiden, in welche Richtung die Welt unserer Meinung nach gehen soll. Und schließlich müssen wir herausfinden, wie wir jetzt agieren können, damit wir mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit die Richtung einschlagen, die wir für gut halten. Wir können das die intellektuellen, die moralischen und die politischen Aufgaben nennen. Sie sind jeweils andere, aber eng miteinander verbunden. Niemand von uns kann ihnen entkommen. Wenn wir es versuchen, so machen wir nur eine Entscheidung, die wir uns nicht eingestehen” (2004, S.90).
Hallo Andreas!
Sehr guter Artikel, ich stimme Dir im Großen und Ganzen zu!
Dennoch gibt es zwei kleinere und eine größere Sache, die ich anders sehe:
1.) Ich würde nicht sagen, dass der Begriff des Neoliberalismus eine strategische Erfindung der Globalisierungskritiker war. Tatsächlich gab es ja von maßgeblichen Kräften die Bestrebung, bisher vom Staat wahrgenommene Aufgaben dem Markt zu überlassen. Dies wiederum unterlegt durch eine bestimmte Form der Wirtschaftstheorie, die letztlich vor allem auf Hayek zurückgeht. Wenn nun andererseits, wie du betonst, empirisch nachgewiesen werden kann, dass die Staatsquote nicht zurückging, dann würde ich nicht sagen, dass es deshalb den Neoliberalismus nicht gab, sondern dass er nicht erfolgreich war. Oder eigentlich besser gesagt: Dass die Theorie an der Wirklichkeit scheiterte. Das ändert natürlich nichts an der Grundaussage deiner Analyse.
2.) Teilweise stimmte ich dir zu, dass die Bedingungen für soziale Bewegungen heute besser sind. Andererseits ist global gesehen ein großer Teil der Menschen von dieser Entwicklung (z.B. mehr Bildung) ausgeschlossen, es gibt immer noch viele, die weder Schreiben noch Lesen können. Darin steckt für mich insofern eine besondere Gefahr, als in Zukunft die Krise genau diese Menschen besonders stark treffen dürfte (bis hin zum Hungertod, der ja auch heute Alltag ist). Die Forderung wäre, dass die sozialen Bewegungen der kapitalistischen Zentren in besonderem Maße die Lebensbedingungen derer ins Blickfeld nehmen müssen, die selbst relativ Ohnmächtig sind. Das ist allerdings nicht unbedingt wahrscheinlich und da sehe wäre der pessimistische Teil meiner Einschätzung. Aktuelles Beispiel: Verschiedene Organisationen mühen sich ab, die Nachricht unter die Leute zu bringen, dass noch nie so viele Menschen wie 2007 unterernährt waren. Gleichzeitig geht diese Meldung in der Sorge um die Finanzkrise völlig unter.
3.) Der größere Einwand: Ich stimme Dir ja zu, dass wir in 50 Jahren ein vollkommen anderes System haben werden. Auch weiß ich: Die krisenhafte Entwicklung wird mehrere Jahrzehnte anhalten. Nicht ganz überzeugt bin ich allerdings, dass es die Möglichkeit gibt, daraus einen anderen, auf Solarenergie basierenden Kapitalismus zu rekonstituieren. Kapitalismus 2.0 sozusagen. Die Energieversorgung umzustellen, ist prinzipiell nicht unmöglich, selbst wenn die Verfügbarkeit von Energie zeitweise zurückgehen sollte. Unabhängig davon stimmt es natürlich in jedem Fall – und das scheint mir entscheidender – dass die Instabilität des Systems genutzt werden kann und muss.
Ich hab große Probleme mit der Rede von der Staatsquote. Da steckt IMHO nicht viel dahinter. Siehe hier. Oder ihr müsstet mir das nochmal erklären.
Zu Wallerstein allgemein hab ich mal hier was geschrieben was nicht so weit weg sein sollte von eurer Sicht, oder?
Den Ansatz, also Wallerstein heranzuziehen, finde ich interessant, aber so einfach ist es nicht. Zunächst hat Christian recht – Neoliberalismus als Erfindung der Globalisierungskritik zu bezeichnen, ist ein starkes Stück. Neoliberalismus ist real existent (und durch die Krise nicht verschwunden, so stark die Widersprüche jetzt auch zutage treten) als Ideologie, auch wenn er sich auf staatlicher oder politischer Ebene nie umfassend durchsetzen konnte. (Wobei das auch nach Staat und zeitlichen Phasen zu differenzieren wäre.)
Aber vor allem stimmt die Parallele mit dem Ende des Feudalismus nicht. Die Krise des Feudalismus war nicht die Krise der feudalistischen Produktion, sondern gerade die Entstehung des kapitalistischen Systems, d.h. der Aufstieg der Städte und Händler (also der Bourgeoisie) gegenüber den Feudalherren, angefangen mit der Akkumulation von Kapital durch die Fernhändler. (Italien, Frankreich, Holland, England, vgl. Braudel.) Die Gesellschaften waren entscheidenden Zeitraum eben nicht fragil, sondern wuchsen nach der Pest massiv. Dass sich die feudale Produktion nicht signifikant steigern liess, war von Anfang an so, das ist ja gerade der Unterschied zur kapitalistischen Produktion bzw. Akkumulation. Endgültig sonderbar ist dann die Begründung mit dem “unproduktiven Konsum”.
Trotzdem hat der Text Lust gemacht, mal wieder in den Wallerstein zu gucken, ich hoffe, ich komme dazu.
@Martin
Gegenüber Andreas wollte ich vor allem einwenden, dass ich einen “elektrischen Kapitalismus”, also einen Kapitalismus, der seine Energie aus Photovoltaik, Windkraft oder längerfristig vielleicht auch aus Fusionsenergie bezieht, für grundsätzlich denkbar halte. Das Problem besteht allerdings in der Transition, weil parallel zum Wegfallen des alten, fossilistischen Energiesystems, ein neues, auf Solarenergie basierendes Energiesystems geschaffen werden muss. Es ist alles andere als gesagt, dass das funktionieren kann und ist auf jeden Fall mit einer schwerwiegenden und länger andauernden Krise verbunden.
Was die energetisch-stoffliche Basis des gesellschaftlichen Systems betrifft, ist die kommende Krise sehr wohl mit der Krise des Feudalismus vergleichbar. Dass der Überschuss, den die Bauern an die Feudalherren liefern konnten, im Laufe der Zeit zurückging, halte ich für sehr plausibel. Das hängt zusammen mit der grundlegenden Beziehung zwischen Arbeitseinsatz und Ertrag in präindustriellen Agrarsystemen. Mit zunehmender Bevölkerungsdichte geht nämlich die Arbeitsproduktivität zurück, sprich: Bei voll eingesetzter Arbeitskraft wird der produzierte Überschuss immer kleiner.
Den Kapitalismus würde ich als bestimmten sozialen Zusammenhang sehen. Aber seine Durchsetzung war angewiesen auf die Zufuhr fossiler Energie, Anfangs in Form von Kohle. Ohne fossile Energie hätte sich die kapitalistische Produktion niemals durchgesetzt! Die Steigerung der Produktivkraft beruhte eben primär nicht auf einer intensivierten Arbeitsteilung – die wäre bald an ihre Grenzen gestoßen – sondern vor allem auf der Verwendung immer größerer Mengen fossiler Energie.
Die stofflich-energetische Basis des Kapitalismus zeigt nun und in der Zukunft verstärkt folgenden Entwicklung:
1.) Die Produktion fossiler Energie ist mit einem immer größeren Aufwand verbunden. Das drückt die Arbeitsproduktivität insgesamt.
2.) In naher Zukunft wird voraussichtlich trotz allem Aufwand die Fördermenge fossiler Energie insgesamt Jahr für Jahr zurückgehen. Beim Öl haben wir diesen “Peak Oil” möglicherweise gerade erreicht. Das ist ein dramatischer Umbruch.
3.) Zusätzlich dazu geht die Arbeitsproduktivität bei der Gewinnung der stofflichen Grundlage der Warenproduktion zurück. Das betrifft insbesondere die Gewinnung von Metallen. Das hängt damit zusammen, dass die Gewinnung von Metallen aus Erzen mit umso weniger Arbeit machbar ist, je höher die Konzentration des Metalls im Erz ist. Deshalb werden gewöhnlich, innerhalb des Reichweite des Marktes, zunächst jene Rohstoffquellen ausgebeutet, die eine besonders hohe Konzentration des gewünschten Stoffes im Erz aufweisen.
Ein Teil des Globalisierungsschubs Anfang der 1980er ist nur dadurch zu erklären, dass in Europa und den USA die Arbeitsproduktivität bei der Metallgewinnung zurückging. Gleichzeitig fanden sich z.B. in Chile und Brasilien Rohstoffquellen mit extrem hoher Metallkonzentration, weswegen heute Erze über die Meere verschifft werden. Dieser Trend ist praktisch unumkehrbar, der Mond ist zu weit weg.
Übrigens scheint mir das ein grundlegendes Problem der radikalen Linken, dass sie diese stofflichen Zusammenhänge ziemlich ausblendet.
Damit haben wir – im Zusammenhang mit höheren Löhnen, vermehrtem unproduktivem Konsum und größeren Kosten für Umwelttechnologie – tatsächlich Tendenzen, die letztlich zu einer zurückgehenden Produktivität führen werden. Und damit sind wir bei der Parallele zum Feudalismus.
Den unproduktiven Konsum übrigens sehe ich vor allem in den Ausgaben für Kriege. Die nahmen im Laufe des Feudalismus ja sehr stark zu und das sehen wir heute auch wieder. Inwiefern findest du das sonderbar?
Hallo Christian! Die Unterschiede in der Auffassung werden deutlicher: Du siehst den Kapitalismus eng gekoppelt an die industrielle Produktion und damit auch die Stoffströme. Ich hingegen sehe ihn zunächst als Akkumulation, dann als Produktion. Er beginnt für mich mit dem Fernhandel, der Einführung der Buchführung und damit mit der Abstrahierung des Wertes von der Arbeitskraft. Während im Feudalismus die Mehr_arbeit_ direkt verwendet wird (der Zehnte in Naturalienform, der Frondienst, Waffendienst), also quasi nur die Arbeit direkt “verkonsumiert” werden kann, ist der Mehrwert im Kapitalismus abstrakt und kann wieder in die Produktion investiert werden. Das macht für mich den entscheidenden Unterschied zum Feudalismus aus, die industrielle Produktion ist quasi als dieser Akkumulation entsprechende Produktion danach entstanden.
(Von daher auch mein Kommentar zum “unproduktiven Konsum”, den ich – verwendet man solche großen Begriffe wie “Kapitalismus” und “Feudalismus” – für absolut nachrangig halte. Allerdings hatte ich das sowieso missverstanden als in pietistische Richtung gehend. Aber auch Kriege scheinen mir kein “Systemproblem” zu sein, in der Geschichte des Kapitalimus hatten wir zu jedem Zeitpunkt Kriege.)
Dementsprechend kann der Kapitalismus meiner Auffassung nach auch – theoretisch – problemlos mit einem anderen Energieregime betrieben werden. Es wird also hoffentlich deutlicher, wo wir unterscheiden, was den Untergang des Feudalismus angeht, und warum ich den Vergleich der Finanzkrise mit dieser Zäsur nicht für richtig halte. Will man nach einer solchen Zäsur gucken, müsste man eher nach neuen Produktions- oder Akkumulationsmustern gucken. Was die Finanzkrise angeht, sehe ich eher Parallelen zu ‘29.
Ich werd’ mal zusehen, dass ich damit nachhole, die verlinkten Texte zu lesen. Vielleicht überzeugen mich die. ;)
[...] den man mit anderen Bankengesetzen verschönern kann, sondern das erste Stadium eines chaotischen Übergangs in ein neues Gesellschaftssystem, das wir mitgestalten müssen, um es besser zu machen als das [...]