Letztes Wochenende, Kassel. Auf der Fahrt zum Uni-Campus begleitet mich ein Arbeiter, jugendlich. Ich hatte ihn nach dem Weg gefragt. Sieht brutal aus, ist aber freundlich. Gesicht gerötet. Aber kaum vom Alkohol. Vielleicht die Kälte. Ob er sich auf dem Weg neben mich setzen darf, fragt er. Ja, gerne. Er arbeitet in einem Betrieb, der Lackierarbeiten durchführt. Öfter mal ganze 10 Stunden am Tag. 1 Stunde Pause Mittags. Stehen, nicht niedersetzen. Lackieren. Aber das Gehalt ist gut. Sagt er. Die Überstunden machen’s aus. Wo er wohnt? Ach, in einer Gemeindewohnung. Ziemlich günstig. Ja, sage ich, stimmt. Bei uns hier in Klagenfurt ist’s teurer. Vor Kurzem sind ein paar Arbeiter gefeuert worden. Jetzt kommt er von den 10 Stunden täglich erst recht nicht runter. Sie müssen den Auftrag fertig haben. Aber ihm macht die Arbeit Spaß. Sagt er. Wie sind denn die Jugendlichen in Österreich, fragt er. Wie, was meint er? Na, ob sie auch soviele Probleme machen. Ich lächle, etwas verlegen. Was weiß ich über die Probleme deutscher Jugendlicher? Ja, vielleicht wirkt das alles ein bisschen rauer hier, in Kassel. Die Wirtschaftslage, sage ich. Ja, nickt er. Ich sehe ihm ins Gesicht.

Der Chef macht ihm kein Problem, nein. Bald ziehen seine Eltern um, muss er helfen dabei. Aber das wird schon gehen. Wird er schon freibekommen. Sein Schwager ist auch in der Firma. Vorarbeiter. Arbeitet aber kaum mal im Trupp, sitzt lieber im Büro. Es ist schwierig, 10 Stunden am Tag und einen Auftrag im Nacken. Und der Schwager, sein Vorarbeiter, der sitzt lieber im Büro. Wenn die Leute in der Firma älter sind, dann wird’s mit der Gesundheit schwierig, meint er. Bandscheiben und so. Man steht den ganzen Tag. Er lackiert. Ob er manchmal wechselt? Ja, manchmal. Aber er steht immer. Ja, er hat Glück. Seit drei Jahren ist er in der Firma. Drei Verträge hatte er, immer auf ein Jahr befristet. Aber jetzt ist er richtig angestellt, ohne Frist.

Stolz zeigt er mir aus dem Fenster der Straßenbahn den Weihnachtsmarkt. Da steht ein großes Bierhaus, auf bayrische Art. Soll man jedenfalls denken. Ich habe vergessen, wie er es nannte. Erst seit neuestem steht das da, meint er. Ja, das Bierhaus. Schauen sie da rüber, dort steht es. Er kommt mir plötzlich vor wie ein Kind. Im Oktober waren sie in Bayern, er und ein paar Freunde. Wirklich wahr. In München. Natürlich, beim Oktoberfest. Da ging’s rund. Er hat geschaut, dass er möglichst rasch an den Raufenden vorbei kommt, ohne Prügel. Überall hat’s Prügel gegeben, in allen Ecken. Vielleicht übertreibt er, denke ich. Was weiß ich vom Oktoberfest. Er jedenfalls war begeistert. Man musste sich schön anziehen, für das Zelt. Und dann kann man sie alle sehen, die Fußballstars, die Promis. Und Bier haben sie viel getrunken. Er sieht brutal aus. Aber zugleich auch wieder nicht. Jugendlich vielleicht.

Stehen, ganztags. Lackieren. Bier trinken. Geld verdienen.

Über die Unterhaltung mit dem jungen Arbeiter hab ich meinen Ausstieg verpasst. Zurück und auf den Uni-Campus. Es regnet. Zum Senatssaal. Dort herzlicher Empfang. Clarita Müller-Plantenberg hat ein Graduiertenkolloquium organisiert. Ich freue mich auf dieses Wochenende. Das Thema: Solidarische Ökonomie – Komplexe Wirtschaftsunternehmen und kulturelle Zusammenarbeit. Auch Paul Singer ist da, Staatssekretär für Solidarische Ökonomie in Brasilien.

Hans Nutzinger eröffnet das Kolloquium mit einem Überblick zur Geschichte der Solidarischen Ökonomie. Er zitiert das “Gesetz der Transformation” nach Franz Oppenheimer: wenn eine Genossenschaft erfolgreich ist, wird sie ein normaler kapitalistischer Betrieb. Drei hauptsächliche Krisenursachen von Genossenschaften nennt er: (1) Mangel an Kapital, (2) Absatzprobleme und (3) Mangel an Disziplin. Die Balance zwischen demokratischen Prinzipien und der notwendigen Disziplin einer Arbeitsteilung sei schwierig zu halten.

Interessant ist, dass die Entwicklung in Italien und Frankreich laut Nutzinger anders als in Deutschland verlief. Die Genossenschaftsbewegung erlitt keine vergleichbare Niederlage. Seiner Meinung nach liegt der Grund darin, dass es die italienischen und französischen Genossen am deutschen Ernst haben fehlen lassen. Allerdings war im Unterschied zu Deutschland, so Nutzinger, auch eine breite Genossenschaftsbewegung ausgebildet, die einzelne Betriebe trug. Der Erfolg lag folglich in zwei Momenten: (1) höhere Flexibilität in der “Eigentumsfrage”, (2) starke soziale Bewegung im Hintergrund. Während die deutschen Genossen Prinzipien verwirklichen wollten, übte man anderswo die wechselseitige Unterstützung im alltäglichen Auf und Ab. Während die deutsche Genossenschaft eher scheiterte oder im Erfolgsfall zum kapitalistischen Betrieb mutierte, adaptierten sich Genossenschaften in Italien und Frankreich pragmatisch an wechselnde Bedingungen, ohne ihre Ziele aufzugeben.

Nutzinger nennt drei Komponenten, die Solidarische Ökonomie braucht, um tragfähig zu sein: (1) klare finanzielle und technische Regeln, (2) breite Support-Struktur, (3) einen gemeinsamen “Schutzschirm” gegen Versuchungen von Außen; etwas, was man früher den “Genossenschaftsgeist” genannt hat.

Anschließend berichtete Jean Francois Draperi über Solidarische Ökonomie in Frankreich. Eindrücklich schilderte er den Erfolg der Genossenschaft Ardelaine, die ihr Projekt quasi aus dem Nichts aufgebaut hat und von der Wollproduktion bis zur Verarbeitung zu Stoffen eine ganze Reihe von Produktionsschritten in sich vereint. Die Vielfalt an Projekten und Tätigkeiten, die Ardelaine betreibt, erlaubt den GenossenschafterInnen die Rotation zwischen unterschiedlichen, auch räumlich voneinander entfernten Arbeitsbereichen. Ardelaine ist offenbar für Jugendliche ziemlich attraktiv. Die Genossenschaft veranstaltet regelmäßige Seminare für Jugendliche. Inzwischen haben sich, inspiriert durch Ardelaine, viele weitere Genossenschaften gegründet. Ob damit auch der Nachwuchs für Ardelaine gesichert ist, bleibt offen.

Auch Draperi bettet seine Analysen in einen Abriss der Genossenschaftsgeschichte ein. Seiner Meinung nach sind beide historischen Wege der Genossenschaft in Frankreich an Grenzen gestoßen. Die frühen Produktionsgenossenschaften waren zu klein und zu wenig vernetzt, um unter kapitalistischen Bedingungen zu überleben. Konsumgenossenschaften dagegen, wie sie ab Ende des 19. Jahrhunderts entstanden, waren zu groß und von der Produktionssphäre isoliert. Man müsse heute einen Mittelweg zwischen diesen Extremen finden.

Draperi unterscheidet in Frankreich vier Typen von Genossenschaften: (1) Genossenschaften für den gemeinsamen Gebrauch landwirtschaftlicher Maschinen, (2) Arbeitergenossenschaften, (3) “Projekt-Inkubatoren”, die zur Hälfte von Gemeinden finanziert werden. Der Typ der “Inkubatoren” dient im Grunde der Entwicklung von Projektideen. Die Projektbetreiber können im Erfolgsfall der “Inkubationsgenossenschaft” beitreten. Typ (4) umfasst Konsumgenossenschaften, die für den Erhalt bäuerlicher Produktionsweisen eintreten. Dieses Modell erinnert an die hierzulande beliebten “grünen Kisten”. Der Unterschied jedoch ist, dass die Wirtschaftsweise des bäuerlichen Betriebs durch die Konsumgenossenschaft weitgehend mitbestimmt wird, es sich also nicht um eine reine Vermarktungsstrategie oder einen bloßen Einkaufsverein handelt. Zur Zeit gibt es rund 700 solcher “Bäuerlicher Konsumgenossenschaften”. Sie sind zum Teil recht groß. Derzeit, so Draperi, expandieren Genossenschaften rasch. Ins Auge fiel, wie stark Draperi Individualität und Unabhängigkeit als zentrale Leitwerte der Solidarischen Ökonomie betonte. Über den Marxismus wusste er nichts Gutes zu sagen. Darauf später angesprochen, lachte er. Ja, er sei den Marxisten gegenüber ziemlich kritisch. Der Grund: “Ich war früher selber einer”. Was er meinte, war mir klar.

Els Reynaert vom Projekt Citta dell’altra Economia in Rom erzählte von den Schwierigkeiten, eine tragfähigen, differenzierten Kooperationszusammenhang solidarischer und ökologisch orientierter Projekte zu bilden. Vor allem, wenn die Unterstützung der Stadtregierung nach dem Wechsel von links auf rechts prekär zu werden droht. Citta zeigt meines Erachtens, wie fließend die Grenze zwischen neoliberalem, ökologisch orientiertem Selbstunternehmer-Netzwerk und solidarischer Ökonomie sein kann.

Rosangela Alves de Oliveira und Dieter Gawora vermittelten uns ein lebendiges Bild der traditionellen Gemeinschaften in Brasilien, die nicht von Anfang an als Teil Solidarischer Ökonomie anerkannt waren. Gawora schilderte differenziert die Prozesse der Territorialisierung traditioneller Produktionsweisen und Lebensformen. Im Zuge der Verrechtlichung räumlich definierter Nutzungsansprüche, so Gawora, entstehe auch die Möglichkeit, solidarische Ökonomien zu fördern.

Spannend waren die Ausführungen von Claudia Sanchez-Bajos. Sie analysierte aktuelle Konzeptualisierungen kapitalistischer Verwertungsketten unter dem Gesichtspunkt, was davon für die Entwicklung solidarökonomischer Produktionsnetze und -ketten nutzbar gemacht werden könnte.

Auf einer praktischen Ebene schloss der Vortrag einer Gruppe von Studierenden in Kassel direkt an. Sie möchten eine Textil-Produktionskette in Nordhessen aufbauen. Die Idee: Alle Produktionsschritte von der Produktion der Ausgangsstoffe Hanf, Brennessel, Flachs oder Schafwolle über die Verarbeitung bis zum Verkauf sollen in der Hand solidarökonomischer Betriebe liegen. Derzeit ist die Gruppe dabei, eine Strategie zu entwickeln, Partner zu finden und die Möglichkeiten, ihr Projekt in die Tat umzusetzen, auszuloten.

Die Bedingungen in Nordhessen sind dafür nicht schlecht, hat doch eine ForscherInnengruppe um Clarita Müller-Plantenberg dort soeben die Kartierung Solidarischer Ökonomie abgeschlossen und veröffentlicht. Niemand machte sich freilich Illusionen über die Schwierigkeiten und Begrenzungen eines Projekts, wie die Studierendengruppe es plant. Der Rat von Draperi war derselbe, den Paul Singer gab: Einfach anfangen. Keinesfalls aber warten, bis man die “perfekte” Solidarische Produktionskette organisiert hat. Das sei weder möglich noch notwendig.

Marthe Djuikom, Jean Nang Song und Nfah Eutace berichteten über die Situation in Kamerun. Marthe Djuikom arbeitet seit einiger Zeit daran, den Gedanken Solidarischer Ökonomie in Afrika bekannt zu machen. Die mit Bildern unterlegten Vorträge der drei waren eindrucksvoll. Es wurde deutlich, wie erfinderisch Menschen in Afrika auf materielle Limitierungen reagieren. Und man begriff, wie viel durch den Ausbau intelligenter Kooperationen, etwa zwischen Dorfgemeinschaften, die sich ihr eigenes Kleinwasserkraftwerk bauen und einer Universtität, die technische Beratung organisiert, gewonnen werden könnte.

Es ist fast so etwas wie ein Klischee, dass in Afrika traditionell solidarische Zusammenhänge in hohem Maße existieren. Doch Frau Djuikom war unmissverständlich: Ja, die “extended family” gibt es, auch bestehen nach wie vor viele solidarische Elemente im Leben afrikanischer Menschen. Doch das ist nicht genug. Das ist nicht, was aus der Armut hilft. Das ist keine Solidarische Ökonomie. Die leidenschaftliche Dringlichkeit, mit der Djuikom von den vielen Schwierigkeiten, aber auch den Erfolgen ihres Engagements berichtet, machte betroffen.

Paul Singer ist so etwas wie der sympathische große Geist der Solidarischen Ökonomie. Er hielt am Sonntag seinen Vortrag. Singer zog zuerst einmal Bilanz: Die Kartierung der Solidarischen Ökonomie in Brasilien ergab rund 21.700 Betriebe, in denen 1,7 Millionen Menschen organisiert sind. Davon sind 145 Betriebe “komplexe Organisationen”, die Singer in (1) Ketten und (2) Netze differenzierte.

Während Netze Zusammenhänge von solidarökonomischen Betrieben darstellen, die dasselbe oder ein ähnliches Produkt anbieten und sich zum Beispiel beim Verkauf unterstützen, sind Ketten bis dato eine große Seltenheit. Darunter ist nämlich das solidarökonomische Zusammenwirken unterschiedlicher, auf relativ eigenständige Kooperationseinheiten verteilte Produktionsschritte zu verstehen. In den 145 “komplexen Organisationen” sind nach Ergebnissen der Kartierung rund 7.800 Einzelbetriebe bzw. kleinere Einheiten zusammengeschlossen. Allerdings, so Singer, sind nicht alle dieser Betriebe, die zusammen die “komplexen Organisationen” bilden, solidarisch. Dies treffe nur für rund 4.500 dieser Einzelbetriebe zu. Das heißt, dass etwa 20% der solidarökonomischen Zusammenhänge in Brasilien zu Netzen oder Ketten gehören.

Im Anschluss an die Bestandsaufnahme gab Singer einen Einblick in die Debatte zur Solidarökonomie und ihren Entwicklungsperspektiven in Brasilien. Konsens bestehe, meinte Singer, darin, dass Netze und Ketten das beste Mittel seien, die Solidarische Ökonomie zu stärken. Derzeit ist der Kartierungsgruppe in Brasilien jedoch nur eine einzige solidarische Produktionskette bekannt, Justa Trama. “Es muss mehr davon geben”, ist Singer überzeugt, “aber das ist die einzige, die man bis jetzt studiert hat.” Netze dagegen sind recht häufig. Justa Trama ist eine solidarische Textilkette. Sie umfasst (1) Anbau der Rohstoffe, (2) Spinnen, (3) Weben, (4) Nähen und (5) Vermarktung. Zwischen den Produktionsstufen 1 – 2 – 3 – 4 – 5 bestehen Verkaufsbeziehungen. “Aber der Verkauf ist nur symbolisch”, stellt Singer fest – “Geld kommt nur über den Markt herein”.

Kapitalistische Produktionsketten gäbe es häufig, der Unterschied in der solidarökonomischen Kette sei, dass zwischen den einzelnen Teilen der Kette “faire Preise” gesetzt werden. Und diese “fairen Preise” müssen nach den Vorstellungen der Beteiligten bei Justa Trama dem Kriterium genügen, allen ArbeiterInnen der Kette dieselbe Kaufkraft zu garantieren. Das aber bedeutet, dass nicht alle einfach denselben Anteil an den Einnahmen bekommen, sondern dass die Gruppe im Ganzen einen Konsens darüber erzielen muss, was für die ArbeiterInnen in den unterschiedlichen Landesteilen Brasiliens jeweils ein gutes und vergleichbares Auskommen gewährleisten kann. Das, so Singer, ist in der Tat eine komplexe Aufgabe und Justa Trama sei immer noch im Prozess, diese Aufgabe zu lösen. Man muss dafür die Lebenshaltungskosten in allen Regionen feststellen, fünf verschiedene “faire Preise” bilden und das in einem partizipativem Prozess, in dem sich nicht der Stärkste einfach durchsetzt. Keine leichte Sache.

Neben diesen mehr technischen Schwierigkeiten sei allerdings auch noch eine andere Achillesferse einer solidarökonomischen Produktionskette wie Justa Trama offensichtlich: das letzte Glied der Kette, das den Vertrieb und Verkauf organisiert, ist von Haus aus auch das mächtigste. Es hat die größte Verantwortung, denn je nachdem wie hoch die Einnahmen sind, die das letzte Glied erzielt, wechselt auch die Summe, die auf die vorgelagerten Kettenglieder aufgeteilt werden kann. Das heißt, dass die Struktur einer Kette per se “ungleich” ist. Und das unterscheidet sie von einem Netz.

“Die Kette ist wie eine Fabrik”, betont Singer, ein Netz ist weitaus loser verknüpft. Im Netz gibt es immer die Option, einen Teil des Produkts selbst zu konsumieren, in der Nachbarschaft selbst zu verkaufen, an Freunde und Familie abzugeben. Diese Möglichkeit existiert in der Kette nicht. Weil die Glieder der Kette voneinander abhängen, braucht es Disziplin, so Singer – das Timing, die Quantität und die Qualität der Teilprodukte müssen koordiniert werden. Soweit zur Differenz zwischen Kette und Netz. Welche Entwicklungsperspektiven bestehen nun für komplexe Organisationen in der Solidarischen Ökonomie, die nach Singer allgemein als wichtiges Moment ihrer Tragfähigkeit betrachtet werden.

“Es gibt ein starkes ideologisches Argument für die Kette”, meint Singer. Denn die Glieder der Kette sind vom kapitalistischen Markt entkoppelt. Das Argument dabei ist, dass die Kettenglieder auf diese Art von der kapitalistischen Umwelt geschützt sind, aufgrund ihrer Isolation vom kapitalistischen Markt. In Brasilien gibt es offenbar eine recht prominente Diskussion zu dieser Position. Singer nennt Euclides Mance als einen der bekannteren Vertreter, der zwei Bücher zu diesem Thema, bis dato nur in Portugisisch erschienen, verfasst hat. Der Punkt ist, dass Leute wie Mance dafür plädieren, die Solidarökonomie insgesamt auf sich selbst rückzuschließen. Und das vermeint man offenbar über das Organisationsprinzip der Kette verwirklichen zu können. Eine Solidarökonomie, die auf sich selbst rückgeschlossen ist, wäre vom kapitalistischen Markt entkoppelt, so die Idee.

Singer sieht darin eine Gefahr. Er befürchtet, dass die Solidarökonomie damit zur Sekte degradiert. Die Solidarische Ökonomie, meint Singer, sei zur Zeit viel zu gering entwickelt, um die Möglichkeit der Entkoppelung zu bieten. Die Strategie der “Isolierung” vom kapitalistischen Markt hält Singer zwar durchaus für gangbar, aber das wäre erst möglich, wenn der größte Teil des Marktes von solidarökonomischen Betrieben beliefert würden – “Das aber ist noch nicht der Fall.”

Sonia Kruppa, eine Mitarbeiterin von Singer, rief dazu auf, die Solidarische Ökonomie offensiv weiterzuentwickeln und ihre Erfahrungen zu verbreitern. “Wo aber sind bei uns die Jugendlichen, wo die Arbeiter”, fragte Kruppa. Wir müssen sie hereinholen und aktiv ansprechen, forderte sie uns auf.

Mir kommt der Jugendliche in der Straßenbahn in den Sinn.

Die Tagung war, im Unterschied zu manchem, was man unter so genannten Linken kennen lernt, ein freundschaftliches und belebendes Ereignis. Dazu trug natürlich der internationale Charakter, getreu dem Untertitel der Veranstaltung, bei. Vor allem aber waren die Beteiligten dafür verantwortlich, die aneinander interessiert waren und Unterschiede respektierten.

Theorie verweigert sich bis zu einem gewissen Grad der Realität. (Muss das sogar tun.) Und das ist ihre Grenze. Das war vielleicht eine der stärksten Schlussfolgerungen des Kolloquiums, die ich für mich persönlich zog. Ich muss mich dabei an die Aussage einer Forscherin im Bereich Solidarischer Ökonomie erinnern, die mir vor geraumer Zeit erklärte, dass sie “große Theorie”, so beeindruckend sie sein mag, skeptisch sieht, weil sie nicht für die Analyse der reellen Ansatzpunkte gebrauchsförmiger, an konkreten Bedürfnissen und Möglichkeiten orientierter Alternativen taugt.

Wirkliche Handlungsmacht entsteht, wo man sich auf die Realität einlässt. Verallgemeinerung contra Abstraktion. Plädoyer gegen Theorie? Nein – aber eines für die Leidenschaft zur Veränderung. Bekopft und beherzt.