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Buch Neu: “Kapitalismus am Ende?” – Beitrag Exner: “Eine Alternative zur Geldwirtschaft ist nötig”

Vor Kurzem ist der Sammelband zum Attac-Deutschland Kongress “Kapitalismus am Ende?” erschienen. Untertitel: Attac – Analysen und Alternativen.

Der VSA-Verlag hat damit wieder einmal eine wichtige Dokumentation der laufenden Debatten zu Kapitalismus, Krise und Alternativen zustande gebracht. Das Spektrum der Beiträge erstreckt sich vom US-amerikanischen Krisentheoretiker Robert Brenner, der mit seiner vielbeachteten Studie “Boom & Bubble” auch im deutschen Sprachraum stark rezipiert worden ist, über Norbert Trenkle von der Gruppe Krisis, Hans-Jürgen Urban, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, den ILA-Mitarbeiter und Attac-Mitbegründer Werner Rätz, die Publizistin Daniela Dahn, die Attac-Aktivistin und Kongress-Initiatorin Jutta Sundermann und die renommierte US-amerikanische Soziologin Saskia Sassen bis hin zur “marxo-feministischen Legende” Frigga Haug und dem ehemaligen CDU-Generalsekretär Heiner Geißler – um nur eine Auswahl zu nennen.

So breit wie dieses Spektrum ist die Perspektive, die von den einzelnen Beiträgen umrissen wird. Dass da vieles nicht zusammen passt, ja in genau entgegengesetzte Richtungen geht, ist klar. Dennoch war der Kongress – und ist mit ihm das Buch – ein wichtiger Schritt hin zu einer Radikalisierung der Debatten um eine post-kapitalistische Zukunft. Was beim Kongress im Frühjahr 2009 fehlte, war die Inspiration, die Lust auf das Neue. Diese kommt auch im Buch zu kurz. Um dies zu ändern wird es nicht nur weiterer Kongresse bedürfen. Nötig ist eine Rebellion der Leidenschaften, ein Aufstand der Fantasie, kurz: eine Befreiung aus dem selbst geschaffenen Gefängnis von Arbeit, Staat und Kapital.

Leseprobe hier.

Beitrag Andreas Exner – “Eine Alternative zur Geldwirtschaft ist nötig” – hier.

Nachlese zum Kongress hier.

Eine Alternative zur Geldwirtschaft ist nötig

Zweck kapitalistischer Produktion ist der Profit. Geld wird investiert, um Arbeitskraft und Produktionsmittel zu kaufen. Der Verkauf der damit produzierten Waren ergibt einen Profit, der sich in Unternehmergewinn, Dividende, Zins und Rente aufspaltet. Gesamtgesellschaftlich gesehen ist seine Quelle unbezahlte Mehrarbeitszeit, jene Zeit also, die über die für den Lebensunterhalt der Arbeitenden notwendige Arbeitszeit hinausgeht.

Der Kapitalismus ist die einzige Produktionsweise, in der sich die Menschen primär als Geld- und Warenbesitzende gegenübertreten. Geldwirtschaft und Kapitalismus sind Synonyme. Die Geldwirtschaft ist Folge einer Gesellschaftsform, in der Menschen nicht direkt und gleichberechtigt darüber kommunizieren, was sie brauchen und herstellen wollen.

Kapitalistische Produktionsweise bedeutet Produktion für einen gesellschaftlichen Bedarf. Diese erfolgt jedoch in privater Form. Der Widerspruch zwischen gesellschaftlichem Charakter der Produktion und fehlender Absprache der Produzierenden löst sich im Geld. Unser sozialer Zusammenhang trennt sich von uns und erscheint als fremde Macht, als Geld. Wir projizieren ihn in unsere Produkte, die deshalb als „Sachzwang“ auf uns zurückwirken.

Drang und Zwang zum Wachstum

Das Geld verkörpert abstrakten Wert. Es ist ein „allgemeiner Reichtum“, das heißt, es kann alles aneignen; andererseits kann sich etwas nur aneignen, wer über Geld verfügt. Geld ist deshalb das wichtigste Produkt jeder Tätigkeit in einer Geldwirtschaft, mehr Geld ist besser als weniger Geld oder bloße Kostendeckung.

Weil sich Geld im Ganzen betrachtet nur durch Warenproduktion vermehrt, geht Kapitalakkumulation immer mit wachsendem Verbrauch von Stoffen und Energien einher. Wachstumsdrang und -zwang resultieren dabei aus den Eigenschaften des Geldes selbst:

Erstens ist der Wert, der sich im Geld darstellt, völlig abstrakt; er befriedigt kein konkretes, sinnliches Bedürfnis. Mit 100 Euro 100 Euro zu machen ist deshalb sinnlos. An sich selbst findet das Geld jedoch keine Schranke. Mit 100 Euro kann man 1.000 Euro machen usw.

Zweitens stehen Menschen, die sich über das Geld in Beziehung setzen, in Konkurrenz zueinander. Wer sein Einkommen oder seinen Profit nicht maximiert, hat ein höheres Risiko, vom Markt zu verschwinden. Die Konkurrenz erzwingt also die Kapitalakkumulation.

Dieser Zwang ist auch die Basis für den Wachstumspakt zwischen Kapital und Arbeit. Denn nur rentable Betriebe schaffen Arbeitsplätze und Einkommen. Auch der Staat sichert und fördert das Kapitalwachstum, weil seine Steuereinnahmen und Legitimität davon abhängen. Aus diesem Grund ist der Staat Teil des ökologischen Problems und nicht Teil der Lösung.

Langfristige Wachstumszyklen

Langfristig betrachtet wechseln im Kapitalismus materielle und finanzielle Expansionsphasen miteinander ab (Arrighi 1994). Während einer materiellen Expansionsbewegung wie nach dem Zweiten Weltkrieg wird Profit vor allem in der Warenproduktion lukriert. Mit der Zeit erschöpfen sich die Möglichkeiten, die akkumulierte Masse von Profit auf diesem Weg weiter mit derselben Rate zu vermehren. Es existiert dann ein Übermaß an Kapital im Verhältnis zu den Möglichkeiten der rentablen Reinvestition. Ende der 1960er Jahre zeigte sich diese Überakkumulation in weltweit sinkenden Profitraten.

Solche materielle Expansionsphasen finden immer unter der Hegemonie einer Weltmacht statt – in der Phase nach dem Zweiten Weltkrieg waren das die USA. Die Hegemonialmacht reguliert das kapitalistische Welt-System und generiert eine relative internationale Stabilität. An den Grenzen der materiellen Expansion bauten alle bisherigen Hegemonialmächte eine finanzielle Vormacht auf, so auch die USA seit den 1970er Jahren.

Finanzielle Ansprüche in Form von Besitztiteln auf Profite und Steuerflüsse übersteigen im Verlauf der finanziellen Expansionsphase die Investitionen in der Warenproduktion immer mehr. Die finanziellen Ansprüche laufen dem Umfang der Profitmasse, die der Warenproduktion in absehbarer Zeit entspringen kann, immer weiter voraus. Werden diese Ansprüche aus Angst vor Verlusten einmal geltend gemacht, wird schlagend, dass die reelle Masse an Profit sie nicht befriedigen kann. Es kommt zur Krise.

In dieser Situation befinden wir uns jetzt. Die USA haben seit den 1980ern quasi auf Pump gelebt. Das ermöglichte nicht zuletzt Europa und Südostasien, ihre Waren abzusetzen. Dieser Wachstumsmotor war jedoch fast ausschließlich schuldenfinanziert. Seit 2007 werden die angehäuften finanziellen Ansprüche vermehrt geltend gemacht und die Sicherheiten für Kredite brechen weg. Da die Profitmasse, die der Ausbeutung von Arbeitskraft entstammt, nicht für alle Ansprüche darauf reicht, setzt eine massive Kapitalvernichtung ein.

Die ökologische Krise des Kapitals

Zugleich entfaltet sich ein ökologischer Krisenstrang, der aus der bereits sichtbaren Verknappung fossiler und metallischer Ressourcen resultiert. Mit zunehmender Verknappung von Ressourcen steigt der Kapital- und Arbeitsaufwand, um sie zu fördern, zu reinigen, zu transportieren und zu verarbeiten. Weniger die absolute Verfügbarkeit, das heißt z. B. die Gesamtmenge Erdöl, die weltweit gefördert werden kann, ist hier das Problem. Entscheidender ist der Punkt, ab dem die Fördermenge pro Jahr unaufhaltsam sinkt und der Energie- und Arbeitsaufwand für die Gewinnung einer bestimmten Energiemenge steigt, der Nettoenergieertrag also sinkt. Bei Erdöl ist dieser Peak Oil genannte Punkt vielleicht schon erreicht, bei Erdgas und Kohle ist er um 2025 zu erwarten (www.energiekrise.de).

Gesamtgesellschaftlich gilt nach Peak Oil: Der Arbeitsaufwand für die Herstellung der Produktionsmittel und den Lebensstandard der Lohnabhängigen steigt. Die Kapitalkosten steigen, die für den geltenden warenförmigen Lebensstandard nötige Arbeitszeit nimmt zu, der Anteil der Mehrarbeit fällt. Masse und Rate des Profits gehen zurück, was die Akkumulation verlangsamt. Arbeitslosigkeit und Verelendung sind die Folge.

Drei Krisentendenzen sind somit absehbar (Exner et Lauk 2008):

Erstens wird das Kapital versuchen, den warenförmigen Lebensstandard der Lohnabhängigen abzusenken. Je weniger sie für sich produzieren, desto mehr Arbeitszeit kann in Form von Profit abgeschöpft werden.

Zweitens wird die Ressourcenverknappung relativ wettbewerbsschwache Kapitalien nicht nur entwerten, sondern dauerhaft vom Markt entfernen. Da sich die Knappheit fortschreitend intensiviert, solange der Konsum nicht auf Null zurückgeht, wird diese „Bereinigung“ vielleicht zu kurzen Mikrobooms, aber nicht zu einem neuen großen Aufschwung führen.

Drittens wird schlagend, dass der Übergang zu einem erneuerbaren Energie- und Stoffsystem auf absehbare Zeit selbst auf nicht-erneuerbare Ressourcen angewiesen ist. Ab einem gewissen Punkt der Erschöpfung von Ressourcen ist es physisch unmöglich, ein auch nur annähernd so hohes Konsumniveau wie heute auf erneuerbarer Basis zu erreichen. Die dafür nötigen nicht-erneuerbaren Ressourcen sind verbrannt oder stecken in Infrastrukturen fest.

„Green New Deal“: eine gefährliche Illusion

Die Idee des „Green New Deal“ ist deshalb naiv. Ökologisch gesehen ist er nicht akzeptabel, weil die erste Aufgabe einer ökologischen Transition darin bestehen muss, einen großen Teil der Weltwirtschaft ersatzlos still zu legen. Die aktuelle Kapitalvernichtung müsste also noch beschleunigt erfolgen ohne dass ein erneuter Nettokapitalaufbau sie kompensiert. Politisch gesehen ist ein solcher „Deal“ nicht akzeptabel, weil er Ressourcen für den Ökoumbau zugunsten des globalen Nordens monopolisieren muss.

Der „Green New Deal“ will im Sinne einer Ökologisierung Effizienzsteigerung und Erneuerbare forcieren ohne den Kapitalismus anzugreifen. Doch ist die Effizienzsteigerung dem Kapital inhärent, weil sie Kosten reduziert. Kostenersparnis aber vermehrt die investiven Mittel für eine Produktionsausweitung, weshalb Effizienz im Kapitalismus ineffektiv ist.

Der Umstieg auf erneuerbare Energie- und Stoffsysteme benötigt große Flächen (Agrofuels, Nawaros); seltene Metalle für Speichertechnologien und große Backup-Kapazitäten (Solar- und Windkraft); ganz allgemein viele Ressourcen, die sich in den hohen Kapitalkosten der erneuerbaren Technologien niederschlagen. Die Kapitalkosten steigen noch, wenn nicht-erneuerbare Vorleistungen sich verteuern. Selbst wenn ein solcher Umbau gelingt, so würde er der Kapitalakkumulation kaum mehr Spielraum lassen. Keinesfalls aber deckt er einen so hohen Ressourcenbedarf wie vor der Krise (Exner et al. 2008, Li 2008).

Freizeit-Genuss statt Sinnlos-Produktion

Eine Alternative muss vor allem anderen erlauben, einen großen Teil der Produktion ersatzlos stillzulegen und diesen Zugewinn an freier Zeit als einen Freiheitsgewinn für alle verfügbar zu machen. Die erste Voraussetzung dafür ist, die soziale Anerkennung vom Besitz eines Arbeitsplatzes zu entkoppeln. Zugleich muss der Wohlstand vom Kapital entbunden werden, indem möglichst alle Güter und Dienste öffentlich und frei zugänglich werden. Ein tragfähiger Wohlstand erfordert auch, die Verselbstständigung des Konsums aufzuheben, indem die Produzierenden ihre Produktion selbst verwalten und damit auch ihren Konsum.

Die Trennung zwischen Politik und Ökonomie ist eine Kernstruktur des Kapitalismus. Sie wird überwunden, wenn funktionell gestaffelte und egalitär ausgestaltete Gremien bewusster Entscheidungsfindung und Stoffwechsel-Steuerung den verselbstständigten Charakter der Ökonomie ebenso wie die Politik ersetzen. Dieser Prozess muss zugleich im und gegen den Staat verlaufen. Je stärker wir Ökonomie und Politik, Arbeit und Freizeit, Produktion und Konsum in seinem Verlauf integrieren, desto mehr wird der Kapitalismus zur Vergangenheit (Exner et al. 2008, Trainer 2007, www.keimform.de).

Manuskript für den Sammelband “Kapitalismus am Ende”, VSA-Verlag, basierend auf einem Input beim Kapitalismus-Kongress von Attac-Deutschland, Berlin, 6.-8. März 2009.

Literatur

Arrighi, G. (1994): The Long Twentieth Century. Money, Power, and the Origins of Our Times. Verso.

Exner, A.; Lauk, C. (2008): Die ökologische Krise des Kapitals. Streifzüge 44.

Exner, A.; Lauk, C.; Kulterer, K. (2008): Die Grenzen des Kapitalismus. Wie wir am Wachstum scheitern. Ueberreuter.

Li, Minqi (2008): The Rise of China and the Demise of the Capitalist World-Economy. Pluto Press.

Trainer, Ted (2007): Renewable Energy Cannot Sustain a Consumer Society. Springer. Kurzfassungen hier.

Sackgasse Regionalwährung

In den Debatten um eine Alternative zum Kapitalismus tauchen ein ums andere Mal zwei Konzepte auf: der Tauschkreis und die Regionalwährung. Beide Konzepte sind miteinander eng verbunden. Und beide wurzeln theoretisch in der Freiwirtschaftslehre von Silvio Gesell, der Anfang des 20. Jahrhunderts eine „natürliche Wirtschaftsordnung“ begründen wollte.

Gesell meinte, im Zins die Wurzel aller Übel erkannt zu haben. Der Zins sei leistungsloses Einkommen. Als solches sei er zu bekämpfen. Gesell führte auch die Krisen auf den Zins zurück. Als Lösung propagierte er Freigeld und Freiland. Während die Freilandidee heute keine Rolle mehr spielt, erfreut sich das „Freigeld“ nach wie vor großer Beliebtheit.

Das sollte Anlass zur Sorge sein. Denn Gesells Analyse ist falsch und seine Ziele können nicht die unseren sein. Seine Kritik am „leistungslosen Einkommen“ sparte den Unternehmergewinn wohlweislich aus. Den Markt hielt er für eine gute Einrichtung. Er meinte allerdings, dass sich dort nicht die „Fittesten“ durchsetzen, da der Zins den Geldbesitzern eine Macht verleiht, die nicht auf eigener Anstrengung beruhe. Erst wenn der Zins beseitigt ist, würden nur mehr die „Fitten“ überleben. Auch Krisen gehörten dann der Vergangenheit an.

All dies ist falsch. Wir wollen die Konkurrenz ja nicht verstärken, sondern müssen sie überwinden. Es kann auch nicht darum gehen, die Marktwirtschaft vom „Kapitalismus“ zu „befreien“. Der Markt ist nur eine Sphäre des Kapitals – der Bewegung von Geld-Ware-Mehrgeld. Das Mehrgeld, das der Vernutzung von lebendiger Arbeit entspringt, spaltet sich dort in Unternehmergewinn und Zins. Den Zins zu kritisieren und den Unternehmergewinn zu verteidigen ist deshalb unlogisch. Auch eine Perspektive ergibt sich daraus nicht.

Kapitalismus ist ein System, in dem alles gekauft und verkauft werden muss. Der Kapitalismus ist deshalb Geldwirtschaft. Er macht alles zur Ware und anstelle direkter Herrschaft oder gemeinschaftlicher Entscheidungen tritt der anonyme Markt. In einem solchen System wird selbst die Lebenszeit zur Ware, Lohnarbeit zur beherrschenden Form von Tätigkeit und die Abhängigkeit von der Kapitalverwertung damit umfassend.

Der Geldwirtschaft ist die Konkurrenz eingebaut. Am Markt wird ja nicht bewusst und gemeinschaftlich darüber entschieden, was für wen von wem und auf welche Art produziert und verteilt wird. Ganz im Gegenteil trennt das Geld die Einzelnen in vereinzelte Einzelne, die nur mehr über ihre Waren und das Geld „kommunizieren“. Die Konkurrenz führt dazu, dass Menschen gegeneinander arbeiten müssen. Und sie führt zu einem Wachstumszwang. Denn ein Unternehmen, das weniger Gewinn einfährt als der Konkurrent, droht über kurz oder lang vom Markt zu verschwinden.

Die Geldwirtschaft bedingt allerdings auch einen Wachstumsdrang: den abstrakten Selbstzweck, aus Geld mehr Geld machen zu müssen. In einer Wirtschaftsweise, in der die Produktionsmittel und Rohstoffe inklusive der Arbeit gekauft werden müssen, und in der alle Waren verkauft werden müssen – wo also Geld den Anfangs- und den Endpunkt der Produktion darstellt – ist das nicht anders möglich. Mit 100 Euro Waren im Wert von 100 Euro zu produzieren macht keinen Sinn. Den macht geldwirtschaftliche Produktion erst, wenn aus 100 Euro zumindest 101 Euro werden.

Diesem Ziel hecheln deshalb alle Unternehmen hinterher. So verselbstständigt sich die Produktion gegenüber den konkreten Bedürfnissen, die sie eigentlich befriedigen sollte. Aus 100 Euro können 101 Euro werden, daraus 1.000, 10.000 und so immer fort. Für das Wachstum der Geldwirtschaft ist kein Ende denkbar, weil sich in ihr immer nur Geld auf Geld bezieht. Konkrete Bedürfnisbefriedigung, die an sich selbst eine Grenze findet, weil niemand endlos durstig ist, unaufhörlich isst, ständig Sex hat, oder gleichzeitig in zwei Häusern wohnt, spielt dann keine Rolle mehr.

Wachstumsdrang und Wachstumszwang bedingen Krisen. Weil alle Unternehmen auf Teufel-komm-raus und ohne sich abzusprechen produzieren, wird Kapital immer wieder an der zahlungsfähigen Nachfrage vorbei investiert. Und es kommt regelmäßig dazu, dass Kapital keine ausreichenden profitablen Investitionsmöglichkeiten mehr findet und die Produktion in Folge einbricht. Das im Übermaß angehäufte Kapital wird entwertet, die Perspektiven sehr vieler Lohn- und damit Kapitalabhängigen werden zerstört.

Regionalwährungen ändern an all diese strukturellen Problemen nichts. Es ist auch nicht zu erkennen, welcher entscheidende Unterschied – um ein Beispiel zu nehmen – zwischen dem früheren österreichischen Schilling und dem heutigen „Chiemgauer“ bestehen sollte. Dass kein Zins existiert, kann ja wohl kein Kriterium sein. Japan hatte jahrelang Nullzinsen, und auch die USA sind auf dem besten Weg dorthin.

Was dagegen ansteht, ist, die Geldwirtschaft durch eine direkte Kommunikation der Produzierenden zu ersetzen. Das ist in der Tat schwierig. Aber eine andere Möglichkeit, aus dem Kapitalismus auszusteigen, gibt es nicht.

Dieser Artikel erscheint in der kommenden April-Ausgabe der Monatszeitschrift “Contraste – Zeitschrift für Selbstorganisation

Zum Weiterlesen: “Bye bye Zinskritik. Über die Grenzen der Tauschkreise und den Unsinn der Freiwirtschaft

Grundeinkommen: Ein Film, ein Widerspruch

Die Schweizer Initiative Grundeinkommen hat den ersten Film zum Thema Grundeinkommen gedreht. Das Werk ist sehenswert, doch bleibt der Eindruck ambivalent. Zwar wird gekonnt für das Grundeinkommen argumentiert – mit einem Humor, so trocken wie ein Schweizer Kehllaut. Allerdings werden auch einige Schwächen des Films, je länger er dauert, umso deutlicher.

Anfangs wird das Grundeinkommen vor allem damit begründet, dass es unsere Freiheit erweitert. Das löse Ängste aus, doch die sind unberechtigt. So hielt man etwa im Mittelalter für undenkbar, dass die Erde rund sei. Inzwischen leben wir ganz gut damit. Niemand ist je ins All gefallen.

Dem Einwand, ein Grundeinkommen würde “die Gesellschaft zerstören”, wird entgegnet, dass man diese Befürchtung noch gegen jede emanzipative Idee ins Feld geführt hat – von der Sklavenbefreiung über das Wahlrecht für Arbeiter und schließlich für Frauen. Letztere mussten in der Schweiz dafür bis 1971 kämpfen. Noch existiert die Schweiz. Soweit, so gut.

Im Verlauf wird der Film jedoch zu einer Lobeshymne auf das Geld. Der anthroposophische Zugang von Götz W. Werner dürfte einen großen Teil des Backgrounds dafür liefern. Der Mensch sei in der modernen Gesellschaft nicht mehr Selbstversorger, sondern hänge ab von “Fremdversorgung”. Und das sei positiv. Doch in der Idee, sich selbst ein Einkommen verdienen zu müssen, lebe die anachronistische Vorstellung der Selbstversorgung massenwirksam weiter. Das Grundeinkommen mache damit Schluss.

Mit “Fremdversorgung” ist offenbar die intensive Vernetzung moderner Produktionsprozesse gemeint. Als Diagnose ist das richtig. Allerdings ergibt sich daraus nicht die Forderung nach einem Grundeinkommen, sondern die Notwendigkeit, Markt und Kapital zu überwinden. In der Marktsphäre kommt ja gerade die Aufspaltung der gesellschaftlichen Produktion in scheinbar unabhängig voneinander betriebene Privatarbeiten zum Ausdruck. “Fremdversorgung” erscheint als “Selbstversorgung”. Und im Kapitalverhältnis – der Arbeit für Geld, das mehr wird – stehen sich zwei Klassen von Menschen antagonistisch gegenüber: Lohnabhängige und Unternehmer. Keiner versorgt sich selbst: der Lohnabhängige nicht, weil er sich mit seinem Lohn die Arbeitsprodukte anderer aneignet und, da er nicht über eigene Produktionsmittel verfügt, seine Arbeitskraft verkaufen muss; der Unternehmer nicht, weil er seine Produktionsmittel dazu benutzt, das Leben anderer auszubeuten und sich die unbezahlte Arbeitszeit der Lohnabhängigen als Profit aneignet.

Als Argument für den “Nutzen” des Geldes wird die Arbeitsteilung vorgebracht. Wie aber jede Fabrik und jedes Büro zeigt, ist Arbeitsteilung keineswegs notwendig mit Kauf und Verkauf verbunden. Und natürlich illustrieren das auch ehrenamtliche Zusammenhänge wie die Initiative Grundeinkommen.

Noch prekärer wird das Argument angesichts der ökologischen Frage. Gerade hier zeigt sich der Film ignorant. Das Grundeinkommen stellt er nämlich in den Zusammenhang einer Produktionsweise, die das “Wachstum” überwunden hat. Eine Begründung dafür bleibt man schuldig. Tatsächlich ist hier der Wunsch stärker als die Realität der Geldwirtschaft. Denn erstens ist unklar, woher das Geld, wenn nicht aus dem Akkumulationsprozess, dem Wachstum des Kapitals, denn kommt; und zweitens wird verschwiegen, wer die Waren in ausreichender Menge produzieren würde, wenn nicht für Profit. Wachstum ist eine Voraussetzung des Grundeinkommens und deshalb steht das Grundeinkommen im Widerspruch zu ökologischen Erfordernissen.

Auffällig ist, dass der Film jede Kritik am Kapitalverhältnis vermeidet. Die Initiative Grundeinkommen teilt diese geistige Beschränkung mit den Interviewpassagen, die sie präsentiert. So etwa wenn eine Kassierin im Supermarkt zu Wort kommt. Darauf angesprochen, ob sie mit einem Grundeinkommen in der Tasche noch weiter hinter der Kassa sitzen würde, antwortet sie: Ja, denn so schlecht sei das auch wieder nicht; 1000 Euro Grundeinkommen seien ihr zuwenig; und was solle sie denn zu Hause tun? Abgesehen davon, dass die Interviewte offenbar mehr als 1000 Euro verdient, was für Kassierinnen nicht die Regel sein dürfte, wird daran eine ungeheurliche Enge deutlich. Wie unglücklich muss man sein, dass man darin nicht doch noch so etwas wie Glück erkennen mag? Und sei es, weil einem zu Hause fad ist.

So betrachtet erscheint auch der Befund in neuem Licht, wonach nur 10 % der Leute angeben, ein Grundeinkommen würde sie zuerst einmal dazu motivieren, ihre Arbeit aufzugeben, während dieselben Leute zu 80 % davon überzeugt sind, dass “die Anderen” mit einem Grundeinkommen zu arbeiten aufhören. Mir scheint nur eine Interpretation für diese paradoxe Haltung schlüssig: den eigenen Hass auf die Arbeit und die eigene Unzufriedenheit gibt man nur höchst ungern zu – nach dem Motto: so schlecht ist die Arbeit ja auch wieder nicht… Der reale Unwille gegen die Arbeit wird deshalb auf “die Anderen” projiziert. Immerhin zeigt sich damit, weshalb ein Grundeinkommen bis jetzt nicht existiert, und wieviel Selbstverleugnung einer Umsetzung dieser Forderung nach wie vor im Weg steht.

Gut täte es daher der Debatte, wenn man weniger Unternehmer und “fröhlich Schaffende”, die für das Grundeinkommen werben, vor die Kamera holt, oder Leute, die selbst mit 1000 Euro in der Tasche noch happy sind, hinter Kassen und an Fließbändern ihre Zeit zu verbringen, sondern mehr von jenen zu Wort kämen, die unter Zwangsverhältnissen leiden, wie die Arbeit eines ist, zu ihren Gefühlen stehen und sich sehr viel Besseres vorstellen können als bloß eine abgesicherte Variante des bekannten Unglücks.

Eines der Hauptargumente für ein Grundeinkommen, das der Film anführt, ist die zunehmende Automatisierung. Da wirkt es beinahe komisch, dass der Film in einer Passage den Peak Oil anspricht. Er tut dies nämlich nur, um daraus den Vergleich zu ziehen, nicht nur das Öl, auch die Erwerbsarbeit habe ihren Peak erreicht. Wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge mutet an, dass vor und nach dieser Passage eine Vielzahl von Maschinen über den Bildschirm rattert, ackert, fährt.

Offenbar will man damit zeigen, wie verzichtbar Arbeitskraft für die Produktion geworden ist. Daraus wird die Forderung nach einem Grundeinkommen abgeleitet. Womit all diese Maschinen und automatisierten Produktionsketten aber betrieben werden und aus welchen Materialien sie bestehen, verschweigt der Film: Tatsächlich ist der Treibstoff zum allergrößten Teil das Erdöl und Maschinen bestehen aus erschöpflichen Ressourcen, deren Verarbeitung selbst wiederum sehr viel Energie benötigt. Dass Peak Oil nicht nur das Wachstum stillstellen wird – jedenfalls in der Form, wie wir es kennen – sondern damit auch die potenziellen Quellen eines Grundeinkommens trockenlegt, kommt nicht in den Sinn. So bleibt Peak Oil ein Gag und das Grundeinkommen eine schlechte Utopie.

Das sollte nicht so bleiben. Dazu ist viel zu wichtig, was im Grundeinkommen nur sehr verkorkst zum Ausdruck kommt: der bedingungslose Zugang zum Lebensnotwendigen. Dieses Begehren ist an keinerlei Bedingungen geknüpft. Gäbe es Vollbeschäftigung, so würde sich daran nichts ändern.

Was ansteht, ist die Trennung des Grundeinkommens von der fixen Idee, zu Geld kommen zu müssen. Der freie Zugang zu den Mitteln des Lebens für alle ist erfordert und zu fordern. Das müssen wir festhalten. Die Geldfixierung aber ist abzustreifen, solange die Debatte noch in Schwung ist.


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