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Schicksal Avatar? Ökokrieg, das Fremde und die Perspektive

Die Macht der Bilder bringt Gewalt zum Ausdruck. Riesenhafte Schaufelbagger, überwältigende Kraterwunden in der Erde, ein Raumschiff ist im Anflug. Rundum Tropenwald. Eine idyllische Landschaft umgibt grünwuchernd eine Militärbasis in Grau und Schwarz. Das Raumschiff entlässt Soldaten auf die Landebahn. Zuletzt gleitet ein Mann im Rollstuhl hinaus auf Pandora.

So beginnt Avatar. Wir befinden uns auf einem fremden Planeten. Doch wie es anders gar nicht sein kann: Der Film handelt von der Erde.

Der Avatar ist das Zwischenwesen – halb extraterrestrischer Indigener, halb Mensch – mit dem eine Handvoll Wissenschafter_innen, die auf der Militärbasis arbeiten, das Vertrauen der Ureinwohner_innen gewinnen und sie zur freiwilligen Umsiedelung bewegen wollen. Denn die Menschen tun auf dem Planeten Pandora genau dasselbe wie hier auf Erden: sie beuten die Natur nach Strich und Faden aus. Dem stehen die Eingeborenen wehrhaft im Weg.

Als die Avatare ins Bild rücken und unser Handicap-Held, ein Soldat im Rollstuhl, mit technischer Hilfe in den übergroßen, kraftvoll-eleganten Avatar schlüpft, von dessen Hinterhaupt ein Asiatenzopf baumelt, verdichtet sich das Bild der US-Marines im Tropenwald zu einer Assoziation: Vietnam. Viel deutlicher noch ist allerdings die Anspielung auf die Native Americans, die den Eingeborenen viele Züge leihen. Freilich entspricht das Militär auf Pandora – eine Privatarmee im Dienst des business – eher postfordistischer Kriegführung im Irak als den Hippie-Marines in Vietnam.

Der Held, in real life gelähmt, entdeckt als Avatar an der Seite einer Eingeborenen die Wunder des Science Fiction-Dschungels. Der Wald wirkt wie ein Hollywood-Abklatsch vom Paradies: Farbeffekte, unerhört eindrucksvoll, treten zur fantastischen Formenvielfalt der Computeranimation – ein Märchenzoo, getaucht in Lichtstimmungen, die zuweilen fast überirdisch anmuten. Diese Bilder im Kopf wirkt der businessman auf der Militärbasis, der die geschäftliche Seite des Rohstoffprojekts verkörpert, nachgerade grotesk, als er einen Stehsatz westlicher Zivilisation, die ihre segensreichen Früchte von den unbelehrbaren „Wilden“ verschmäht sieht, von sich gibt: „Sollen sie doch in ihrem Dreck verrecken“.

Der Held derweil erkennt, dass die Eingeborenen kein gutes Zureden und kein „Zivilisierungsangebot“ dazu bewegen wird ihre Lebensweise aufzugeben – was sollen sie von uns wollen, sagt er den Militärs: Jeans, alkoholfreies Bier?

Und in der Tat. Nachdem die Strategie der Wissenschafter_innen nicht aufgeht, das Vertrauen der Eingeborenen zum Zweck von „Herrschaft durch Konsens“ zu gewinnen, kommt die harte Faust der Militärmaschinerie zum Einsatz. Der Held, anfänglich ein eingeschworener Diplomat, erkennt, dass in der Logik von Militär und Geschäft eine friedliche Koexistenz mit einer davon unberührten Kultur unmöglich ist. Während er eine Rede vor den Eingeborenen schwingt, stellt er fest: Die Angreifer kennen keine Grenzen, sie werden das machen, was sie auch auf der Erde machten – alles zerstören, was sich ihrer Logik der Expansion und Ausbeutung in den Weg stellt.

Es wirkt wie ein impliziter Kommentar auf die abgeschmackten NGO-Predigten der „Win-Win-Situationen“ zwischen Umweltschutz und Kapital, als die Eingeborenen zu den Waffen greifen, ermutigt noch durch einen Erdling, der seinen Kampfaufruf mit den Worten unterstreicht: Er wisse, wovon er spreche.

Der Rest ist Vietnam. Die Eingeborenen schlagen die Übermacht der Erdlinge im Dschungelkrieg. Dort wo die Gerätschaften der Angreifer versagen, lukriert die Guerilla ihren Heimvorteil. Die blaugetönten Native Americans dieses fremden Regenwaldplaneten erfahren eine selbst filmisch seltene Genugtuung, fast so als hätte der Regisseur den Ausspruch „es ist nie zu spät, eine schöne Kindheit gehabt zu haben“ auf die Geschichte des amerikanischen Kontinents umlegen wollen: die US-Marines werden geschlagen und das Korps wird, extraterrestrische Humanität verpflichtet, feinsäuberlich nach Haus geschickt. Ein Happy End, das, wie bekannt, zur Realgeschichte in genauem Gegensatz steht. Folgerichtig kommentiert ein konservativer Filmkritiker: „If you can get a theater full of people in Kentucky to stand and applaud the defeat of their country in war, then you’ve got some amazing special effects” (Quelle: Wikipedia).

Im Showdown zwischen dem in Vietnamfilmtradition halb durchgeknallten Kommandanten und unserem an den Rollstuhl gefesselten Helden, der nur durch den Kunstkörper des Avatars, der mit seinem Geist funktioniert, volle Beweglichkeit erhält, kommt die Ökostory auf den Punkt. Kurz vor seinem Tod schleudert der Kommandant dem Helden ins Gesicht: Nie hätte er sich gedacht, dass der Marine die eigene Rasse verraten würde.

So funktioniert der Film wie auf zwei Ebenen: oberflächlich gesehen eine Kitsch-Geschichte voller Klischees, die in der Tat weitgehend vorhersehbar abläuft (Lovestory zwischen der amazonenhaften Eingeborenen und dem wie in einer Comicversion griechischer Tragödie verletzt-verletztlichen US-Soldaten inklusive). Auf einem Stockwerk tiefer jedoch gibt es Brüche, und zwar mehrfach. Zum Einen funktioniert der Streifen aus der Perspektive der Unterdrückten, was angesichts der Vietnam- und Westernfilme herkömmlicher Bauart ungewöhnlich ist. Zum Anderen erteilt er der Ökodiplomatie eine Absage, fast so als wäre Avatar eine Parallelerzählung zum Klimagipfel in Kopenhagen.

Am stärksten aber irritiert der Subtext dort, wo die Lösung der Ökokrise auf Pandora und die Versöhnung der „Menschen“ miteinander und der Natur impliziert, dass der Held – am Endpunkt des Films – seine bisherige Existenz aufgibt und buchstäblich zum „Wilden“ wird; nicht zum Weißen, der zum „besseren Wilden“ wird, sondern zu genau dem, und zwar mit Haut und Haar, was Inbegriff des „Alien“ ist.

Denn zweierlei ist daraus zu lesen: Eine Alternative zu Kapital und Staat, zu businessmen und Militär, erfordert, dass wir zu „ganz Anderen“ werden, dass sich die westlich-kapitalistische Scheinzivilisation in das auflöst, was ihr als das Fremdartigste, Gefährlichste und Verabscheuenswürdigste überhaupt gilt – oder aber: dass eine Lösung der ökologischen Krise nur im Traum, in Gestalt eines Science Fiction-Films noch denkbar scheint; als eine rein halluzinatorische Auflösung des Widerspruchs zwischen Kapital und gutem Leben, die lediglich die fortgeschrittene Filmtechnik des 21. Jahrhunderts fiktiv möglich macht.

Avatar erlaubt beiderlei Interpretation. Es bleibt zu hoffen, dass die erste zutrifft.

Dabei ist der Film selbst eine fast schon monströse Ausgeburt jenes Widerspruchs, den er implizit kritisiert. Die schier endlose Reihe der beteiligten Firmen und Personen, die im Nachspann minutenlang über die Leinwand flimmert, Zeugnis der enorm komplexen Kooperation in den fortgeschrittensten Bereichen kapitalistischer Produktion, bricht sich an der bis auf den Gipfel getriebenen Verwertungslogik des kulturindustriellen Kapitals: Noch nie ist ein Film so sehr auf das Marketing am Spielemarkt getrimmt worden wie Avatar.

Beitrag für RLS: “Wie wir am Wachstum scheitern. Die Grenzen des Kapitalismus”

Beitrag von Andreas Exner für “Klima-Crash und Wirtschaftskrise? Wie weiter mit dem Wachstum” (Fritjof Capra, Hazel Henderson, Andreas Exner, Sabine Reiner; Hg. Rosa Luxemburg-Stiftung, Berlin 2009).

Zweck kapitalistischer Produktion ist der Profit. Geld wird investiert, um Arbeitskraft und Produktionsmittel zu kaufen. Der Verkauf der damit produzierten Waren ergibt einen Profit, der sich in Unternehmergewinn, Dividende, Zins und Rente aufspaltet. Gesamtgesellschaftlich gesehen ist seine Quelle unbezahlte Mehrarbeitszeit, jene Zeit also, die über die für den Lebensunterhalt der Arbeitenden notwendige Arbeitszeit hinausgeht.

Der Kapitalismus ist die einzige Produktionsweise, in der sich die Menschen primär als Geld- und Warenbesitzende gegenübertreten. Geldwirtschaft und Kapitalismus sind Synonyme. Die Geldwirtschaft ist Folge einer Gesellschaftsform, in der Menschen nicht direkt und gleichberechtigt darüber kommunizieren, was sie brauchen und herstellen wollen.

Kapitalistische Produktionsweise bedeutet Produktion für einen gesellschaftlichen Bedarf. Diese erfolgt jedoch in privater Form. Der Widerspruch zwischen gesellschaftlichem Charakter der Produktion und fehlender Absprache der Produzierenden löst sich im Geld. Unser sozialer Zusammenhang trennt sich von uns und erscheint als fremde Macht, als Geld. Wir projizieren ihn in unsere Produkte, die deshalb als „Sachzwang“ auf uns zurückwirken.

Drang und Zwang zum Wachstum

Das Geld verkörpert abstrakten Wert. Es ist ein „allgemeiner Reichtum“, das heißt, es kann alles aneignen; andererseits kann sich etwas nur aneignen, wer über Geld verfügt. Geld ist deshalb das wichtigste Produkt jeder Tätigkeit in einer Geldwirtschaft, mehr Geld ist besser als weniger Geld oder bloße Kostendeckung.

Weil sich Geld im Ganzen betrachtet nur durch Warenproduktion vermehrt, geht Kapitalakkumulation immer mit wachsendem Verbrauch von Stoffen und Energien einher. Wachstumsdrang und -zwang resultieren dabei aus den Eigenschaften des Geldes selbst:

Erstens ist der Wert, der sich im Geld darstellt, völlig abstrakt; er befriedigt kein konkretes, sinnliches Bedürfnis. Mit 100 Euro 100 Euro zu machen ist deshalb sinnlos. An sich selbst findet das Geld jedoch keine Schranke. Mit 100 Euro kann man 1.000 Euro machen usw.

Zweitens stehen Menschen, die sich über das Geld in Beziehung setzen, in Konkurrenz zueinander. Wer sein Einkommen oder seinen Profit nicht maximiert, hat ein höheres Risiko, vom Markt zu verschwinden. Die Konkurrenz erzwingt also die Kapitalakkumulation.

Dieser Zwang ist auch die Basis für den Wachstumspakt zwischen Kapital und Arbeit. Denn nur rentable Betriebe schaffen Arbeitsplätze und Einkommen. Auch der Staat sichert und fördert das Kapitalwachstum, weil seine Steuereinnahmen und Legitimität davon abhängen. Aus diesem Grund ist der Staat Teil des ökologischen Problems und nicht Teil der Lösung.

Langfristige Wachstumszyklen

Langfristig betrachtet wechseln im Kapitalismus materielle und finanzielle Expansionsphasen miteinander ab (Arrighi 1994). Während einer materiellen Expansionsbewegung wie nach dem Zweiten Weltkrieg wird Profit vor allem in der Warenproduktion lukriert. Mit der Zeit erschöpfen sich die Möglichkeiten, die akkumulierte Masse von Profit auf diesem Weg weiter mit derselben Rate zu vermehren. Es existiert dann ein Übermaß an Kapital im Verhältnis zu den Möglichkeiten der rentablen Reinvestition. Ende der 1960er Jahre zeigte sich diese Überakkumulation in weltweit sinkenden Profitraten.

Solche materielle Expansionsphasen finden immer unter der Hegemonie einer Weltmacht statt – in der Phase nach dem Zweiten Weltkrieg waren das die USA. Die Hegemonialmacht reguliert das kapitalistische Welt-System und generiert eine relative internationale Stabilität. An den Grenzen der materiellen Expansion bauten alle bisherigen Hegemonialmächte eine finanzielle Vormacht auf, so auch die USA seit den 1970er Jahren.

Finanzielle Ansprüche in Form von Besitztiteln auf Profite und Steuerflüsse übersteigen im Verlauf der finanziellen Expansionsphase die Investitionen in der Warenproduktion immer mehr. Die finanziellen Ansprüche laufen dem Umfang der Profitmasse, die der Warenproduktion in absehbarer Zeit entspringen kann, immer weiter voraus. Werden diese Ansprüche aus Angst vor Verlusten einmal geltend gemacht, wird schlagend, dass die reelle Masse an Profit sie nicht befriedigen kann. Es kommt zur Krise.

In dieser Situation befinden wir uns jetzt. Die USA haben seit den 1980ern quasi auf Pump gelebt. Das ermöglichte nicht zuletzt Europa und Südostasien, ihre Waren abzusetzen. Dieser Wachstumsmotor war jedoch fast ausschließlich schuldenfinanziert. Seit 2007 werden die angehäuften finanziellen Ansprüche vermehrt geltend gemacht und die Sicherheiten für Kredite brechen weg. Da die Profitmasse, die der Ausbeutung von Arbeitskraft entstammt, nicht für alle Ansprüche darauf reicht, setzt eine massive Kapitalvernichtung ein.

Die ökologische Krise des Kapitals

Zugleich entfaltet sich ein ökologischer Krisenstrang, der aus der bereits sichtbaren Verknappung fossiler und metallischer Ressourcen resultiert. Mit zunehmender Verknappung von Ressourcen steigt der Kapital- und Arbeitsaufwand, um sie zu fördern, zu reinigen, zu transportieren und zu verarbeiten. Weniger die absolute Verfügbarkeit, das heißt z. B. die Gesamtmenge Erdöl, die weltweit gefördert werden kann, ist hier das Problem. Entscheidender ist der Punkt, ab dem die Fördermenge pro Jahr unaufhaltsam sinkt und der Energie- und Arbeitsaufwand für die Gewinnung einer bestimmten Energiemenge steigt, der Nettoenergieertrag also sinkt. Bei Erdöl ist dieser Peak Oil genannte Punkt vielleicht schon erreicht, bei Erdgas und Kohle ist er um 2025 zu erwarten (www.energiekrise.de).

Gesamtgesellschaftlich gilt nach Peak Oil: Der Arbeitsaufwand für die Herstellung der Produktionsmittel und den Lebensstandard der Lohnabhängigen steigen. Die Kapitalkosten steigen, die für den geltenden warenförmigen Lebensstandard nötige Arbeitszeit nimmt zu, der Anteil der Mehrarbeit fällt. Masse und Rate des Profits gehen zurück, was die Akkumulation verlangsamt. Arbeitslosigkeit und Verelendung sind die Folge.

Drei Krisentendenzen sind somit absehbar (Exner et Lauk 2008): Erstens wird das Kapital versuchen, den warenförmigen Lebensstandard der Lohnabhängigen abzusenken. Je weniger sie für sich produzieren, desto mehr Arbeitszeit kann in Form von Profit abgeschöpft werden.

Zweitens wird die Ressourcenverknappung relativ wettbewerbsschwache Kapitalien nicht nur entwerten, sondern dauerhaft vom Markt entfernen. Da sich die Knappheit fortschreitend intensiviert, solange der Konsum nicht auf Null zurückgeht, wird diese „Bereinigung“ vielleicht zu kurzen Mikrobooms, aber nicht zu einem neuen großen Aufschwung führen.

Drittens wird schlagend, dass der Übergang zu einem erneuerbaren Energie- und Stoffsystem auf absehbare Zeit selbst auf nicht-erneuerbare Ressourcen angewiesen ist. Ab einem gewissen Punkt der Erschöpfung von Ressourcen ist es physisch unmöglich, ein auch nur annähernd so hohes Konsumniveau wie heute auf erneuerbarer Basis zu erreichen. Die dafür nötigen nicht-erneuerbaren Ressourcen sind verbrannt oder stecken in Infrastrukturen fest.

„Green New Deal“: eine gefährliche Illusion

Die Idee des „Green New Deal“ ist deshalb naiv. Ökologisch gesehen ist er nicht akzeptabel, weil die erste Aufgabe einer ökologischen Transition darin bestehen muss, einen großen Teil der Weltwirtschaft ersatzlos still zu legen. Die aktuelle Kapitalvernichtung müsste also noch beschleunigt erfolgen ohne dass ein erneuter Nettokapitalaufbau sie kompensiert. Politisch gesehen ist ein solcher „Deal“ nicht akzeptabel, weil er Ressourcen für den Ökoumbau zugunsten des globalen Nordens monopolisieren muss.

Der „Green New Deal“ will im Sinne einer Ökologisierung Effizienzsteigerung und Erneuerbare forcieren ohne den Kapitalismus anzugreifen. Doch ist die Effizienzsteigerung dem Kapital inhärent, weil sie Kosten reduziert. Kostenersparnis aber vermehrt die investiven Mittel für eine Produktionsausweitung, weshalb Effizienz im Kapitalismus ineffektiv ist.

Der Umstieg auf erneuerbare Energie- und Stoffsysteme benötigt große Flächen (Agrofuels, Nawaros); seltene Metalle für Speichertechnologien und große Backup-Kapazitäten (Solar- und Windkraft); ganz allgemein viele Ressourcen, die sich in den hohen Kapitalkosten der erneuerbaren Technologien niederschlagen. Die Kapitalkosten steigen noch, wenn nicht-erneuerbare Vorleistungen sich verteuern. Selbst wenn ein solcher Umbau gelingt, so würde er der Kapitalakkumulation kaum mehr Spielraum lassen. Keinesfalls aber deckt er einen so hohen Ressourcenbedarf wie vor der Krise (Exner et al. 2008, Li 2008).

Freizeit-Genuss statt Sinnlos-Produktion

Eine Alternative muss vor allem anderen erlauben, einen großen Teil der Produktion ersatzlos stillzulegen und diesen Zugewinn an freier Zeit als einen Freiheitsgewinn für alle verfügbar zu machen. Die erste Voraussetzung dafür ist, die soziale Anerkennung vom Besitz eines Arbeitsplatzes zu entkoppeln. Zugleich muss der Wohlstand vom Kapital entbunden werden, indem möglichst alle Güter und Dienste öffentlich und frei zugänglich werden. Ein tragfähiger Wohlstand erfordert auch, die Verselbstständigung des Konsums aufzuheben, indem die Produzierenden ihre Produktion selbst verwalten und damit auch ihren Konsum.

Die Trennung zwischen Politik und Ökonomie ist eine Kernstruktur des Kapitalismus. Sie wird überwunden, wenn funktionell gestaffelte und egalitär ausgestaltete Gremien bewusster Entscheidungsfindung und Stoffwechsel-Steuerung den verselbstständigten Charakter der Ökonomie ebenso wie die Politik ersetzen. Dieser Prozess muss zugleich im und gegen den Staat verlaufen. Je stärker wir Ökonomie und Politik, Arbeit und Freizeit, Produktion und Konsum in seinem Verlauf integrieren, desto mehr wird der Kapitalismus zur Vergangenheit (Exner et al. 2008, Trainer 2007, www.keimform.de).

Konkrete Elemente einer Perspektive

Die Schwierigkeiten einer solchen Transformation wurzeln darin, dass die Reproduktion der Individuen die Reproduktion der Formen, in denen sich ihr gesellschaftlicher Stoffwechsel bewegt, voraussetzt. Der Formzwang verdichtet sich in der Lohnabhängigkeit, der Notwendigkeit, sich dem Kommando des Kapitals (oder des Staatsapparats) zu unterwerfen, um am Warenuniversum teilzuhaben. Sein Pendant ist das Fehlen alternativer Strukturen der Reproduktion und der für ihr Funktionieren notwendigen Subjektivitäten.

Nicos Poulantzas hat in seiner „Staatstheorie“ (1977) die Verbindung aus zunehmender Selbstverwaltung und Kämpfen auf dem Terrain des Staates und gegen seine autoritäre Wendung (die im aktuellen Krisenverlauf wieder zu erwarten ist), als den Weg der „radikalen Transformation“ des Staates beschrieben, die er in die „Globalperspektive des Absterbens des Staates“ stellt. Überlegungen, wie Selbstverwaltung als Kern genossenschaftlicher Produktionsweisen zum Ansatzpunkt einer radikalen Transformation werden kann, erhalten erneut Aktualität vor dem Hintergrund der Bewegungen für eine Solidarische Ökonomie, die sich in den letzten Jahren, ausgehend von Lateinamerika, verstärkten.

So zeigt etwa das Beispiel Brasiliens, dass soziale Bewegungen zu Veränderungen im Staatsapparat führen können, die in die von Poulantzas angedeutete Richtung weisen – in Brasilien (bei allen Begrenzungen und Schwierigkeiten) durch die Einrichtung eines Staatssekretariats für Solidarische Ökonomie, das diese unterstützt. Darüberhinaus fördert die Verknüpfung mit universitären und gewerkschaftlichen Institutionen eine expansive Dynamik dieser Wirtschaftsweise.

Zentrales Moment einer Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise ist die schrittweise Vergenossenschaftlichung der Produktionsmittel und die Entwicklung übergreifender, demokratischer Zusammenhänge der Regulierung des gesellschaftlichen Stoffwechsels. Dass Solidarische Ökonomie tatsächlich in diese Richtung weisen könnte, zeigt sich in der Debatte um die Ausweitung solidarökonomischer Produktionsketten. Darunter wird eine Form des Stoffwechsels zwischen solidarökonomischen Betrieben verstanden, die zumindest teilweise die Marktbeziehung überschreitet und die egalitär-kooperativen Potenzen der solidarökonomischen Zusammenhänge für ihre wechselseitige Unterstützung und weitere Expansionsbewegung fruchtbar machen würde. Wo Genossenschaftsverbände und vergleichbare institutionelle Ankerpunkte existieren, fände ein solcherart bewusst regulierter, solidarökonomischer Binnen-Stoffwechsel grundsätzlich gute Bedingungen vor – vorausgesetzt die Herausforderung wird von den Akteuren auch erkannt.

Versorgungseinbrüche und Angriffe auf verbliebene soziale Sicherheiten werden im Kisenverlauf zunehmen. Die offensive Ausweitung „kollektiver Produktionsautonomien“ ist schon allein deshalb ein wichtiges Element jeder Gegenbewegung. Sie kann zudem indirekt die Transformation der Lohnarbeitsverhältnisse und des Staates vorantreiben, indem sie Arbeitskämpfe ebenso wie Kämpfe um eine allgemeine und bedingungslose soziale Sicherung ermöglicht, die andernfalls aufgrund fehlender Subsistenzmöglichkeiten und kooperativer Fähigkeiten an enge Grenzen stoßen dürften.

Zur Produktionsautonomie gehören der Aufbau von Strukturen lokaler, vom Weltmarkt unabhängiger Nahrungsmittelproduktion, wie sie etwa Gemeinschaftsgärten und Erzeuger-Verbraucher-Initiativen illustrieren, die seit einigen Jahren an Bedeutung gewinnen; die Entwicklung von Energiegenossenschaften auf Basis erneuerbarer Energie; Übernahmen von für die Daseinsvorsorge und allgemeinen Produktionsgrundlagen wesentlichen Betrieben durch die Belegschaften; die Neuorganisation „reproduktiver“ Tätigkeiten der „Haushalte“, die aus ihrer Trennung von der „Produktion“ zu lösen sind, indem sie kollektiviert und demokratisiert werden, während das patriarchale Geschlechterverhältnis abgebaut wird.

Entscheidend wäre in der Folge, die Selbstorganisation der aus der Verwertung herausfallenden oder emigrierenden Menschen und Lebensbereiche zum Einen gegen Angriffe des Staates zu schützen, wofür der Aufbau von „Brückenköpfen“ in seinen Apparaten von dringlicher Bedeutung ist; zum Anderen aber eine offensive Strategie der Verwandlung staatlicher Apparate in Institutionen demokratischer Selbstorganisation, entlang des Expansionsrhythmus der Produktionsautonomien breiter Massen, zu forcieren. Nur so kann sich das Verhältnis zwischen dem nicht-kapitalistischen Sektor und der vorerst weiter existierenden kapitalistischen Produktionsweise deutlich zugunsten des ersteren verschieben und die Solidarische Ökonomie, anstatt zum Moment staatlich-kapitalistischer Krisenbewältigungsstrategien zu verkommen, die Hegemonie des Kapitals ansatzweise zerstören.

Literatur

Arrighi, G. (1994): The Long Twentieth Century. Money, Power, and the Origins of Our Times. Verso.

Exner, A.; Lauk, C. (2008): Die ökologische Krise des Kapitals. Streifzüge 44. www.streifzuege.org

Exner, A.; Lauk, C.; Kulterer, K. (2008): Die Grenzen des Kapitalismus. Wie wir am Wachstum scheitern. Ueberreuter. www.social-innovation.org

Li, Minqi (2008): The Rise of China and the Demise of the Capitalist World-Economy. Pluto Press.

Trainer, Ted (2007): Renewable Energy Cannot Sustain a Consumer Society. Springer. http://ssis.arts.unsw.edu.au/tsw/

Poulantzas, Nicos (1977/2002): Staatstheorie. Politischer Überbau, Ideologie, Autoritärer Etatismus. VSA.

Das ganze Heft gibt es hier zum Download.

A. Exner beim „Elevate the Crisis!“ in Graz: 21.-26. Okt. – Solidarische Ökonomie – Kritik der Krise – Ökologie

Elevate ist eine Ausnahmerscheinung. Das Grazer Festival kombiniert Kultur und Politik, Spaß und Diskussion. Es findet wieder im Herbst, vom 21.-26. Okt. statt. Das internationale, äußerst gelungene Programm ist sehr spannend und sei wärmstens empfohlen.

Aus dem Elevate-Programm:

„Mit einem umfangreichen Programm an Diskussionen, Workshops, Vorträgen und Filmpräsentationen will das Elevate Festival 2009 zum besseren Verständnis der schwerwiegenden Krisen (in den Bereichen Klima und Energie, Ressourcen, Ernährung, Wirtschaft, Politik und Medien) beitragen, die die Menschheit aktuell vor große Herausforderungen stellen. Der Fokus liegt hierbei auf der Auseinandersetzung mit alternativen Sichtweisen und Analysen abseits der unzureichenden und häufig durch wirtschaftliche und politische Interessen verzerrten Erklärungsmuster, die die Mainstream-Medien und den öffentlichen Diskurs dominieren.“

Wer mit Andreas Exner zu den Themen Solidarische Ökonomie, Kritik der Krise und Ökologie und Kapitalismus diskutieren will, hat in Graz eine dreifache Gelegenheit.

Freitag, 23. Ok., 14.00-16.00:

Podiumsdiskussion mit Geoff Tansey, Irmi Salzer, Pat Mooney, Christa Wichterich, Mona Bricke & Andreas Exner:

Die sozial-ökologische Krise und der drohende Kollaps

Samstag, 24. Okt., 11.15-13.15:

Workshop mit Kristina Bayer & Andreas Exner:

Solidarische Ökonomie – Zukunftsweisend Wirtschaften

Samstag, 24. Okt., 14.00-16.00

Podiumsdiskussion mit Gabriele Michalitsch, Christian Felber, Christa Wichterich, Joachim Hirsch, Andreas Exner & Kristina Bayer:

Weltwirtschaftskrise, Krise der Demokratie, Krise des Sozialen: Business as usual, neue Regulationsformen oder Systemwechsel?

Das wichtigste Buch 2008: Minqi Li – A Must Read

The Rise of China and the Demise of the Capitalist World-Economy“, so lautet der Titel von Minqi Li’s Erstlingswerk, das im November 2008 bei Pluto Press erschienen ist. Nicht, dass Li ein Unbekannter wäre. Hat der aus China stammende Ökonom, der eine Assistenzprofessur an der University of Utah bekleidet, doch bereits in Science & Society, zuletzt auch im Sammelband “Coming to terms with Nature”, Socialist Register, publiziert.

Li vereint zwei Qualitäten, die einzeln häufig, in Kombination jedoch selten sind: einen marxistischen Zugriff auf Gesellschaft und ein breites ökologisches Wissen.

Und er wagt, was – bis dato – selten jemand tut: das Ende des Kapitalismus denken.

Die Art, wie Li sein Argument entwickelt, beeindruckt durch theoretische Klarheit und quantitative Präzision. Wie ein Architekt fügt Li einen Baustein neben den anderen. In Summe ergibt das einen Gedankenbau, von dem aus man weit in unsere Zukunft blickt.

Li’s Art zu schreiben besticht durch seine Nüchternheit. Die für das herrschende Bewusstsein nachgerade ungeheuerliche Aussage, wonach die scheinbar endlose Akkumulation des Kapitals sich im Verlauf der kommenden Jahrzehnte in ihr Gegenteil verkehren wird, kommt ihm – trotz der in mancher Hinsicht durchaus katastrophischen Entwicklung – ohne den katastrophischen Tonfall über die Tasten, der einen Gutteil der ökologischen Literatur in diesen Dingen charakterisiert.

Dennoch ist das Buch alles andere als unpersönlich.

In my case, soon after the failure of the 1989 “democratic movement”, I reflected upon this failure and tried to understand the underlying causes. I became a leftist, a socialist, a Marxist, and eventually, a Marxist-Leninist-Maoist. A year later, I gave a political speech on the campus of Beijing University, which cost me two years of imprisonment. However, there were two advantages concerning incarceration. For the first time in my life, I had the opportunity to live with people from various underprivileged social strata. This experience was of immeasurable value. Secondly, in prison, I had ample time to read, a privilege I have not been able to enjoy since then. I read Marx’s three volumes of Capital three times, in addition to many other classical writings …

Li wendet sich ab vom neoliberalen Denken, das seine Studienzeit am Economic Management Department der Universität Beijing vor den Unruhen von 1989 geprägt hatte und wird Marxist.

A person who grows up in a materially privileged environment, like myself, does not naturally tend to unterstand and appreciate the interests of the working class.

Die Niederschlagung der Unruhen und seine Inhaftierung markieren für Li nicht nur einen biografischen, sondern auch einen intellektuellen Richtungswechsel.

2001 lernt Li die Wallersteinsche Theorie des kapitalistischen Weltsystems kennen. Bald darauf nähert er sich der Frage, wie man den Aufstieg Chinas mit der These vom Niedergang des kapitalistischen Weltsystems, die Wallerstein aufstellt, ins Verhältnis setzen muss. Seine Konklusio:

I argued that China’s economic rise would in fact greatly destabilize the capitalist world-economy in various ways and contribute to its final demise.

Und aus dieser Kernthese ergibt sich die Struktur des Buches.

Im ersten Teil rollt Li im Schnellschritt die chinesische Geschichte auf, um Chinas industriellen Aufstieg in die Hegemoniezyklen einordnen zu können, die das Weltsystem seit seinem Beginn vor rund 500 Jahren bestimmen. Li argumentiert, dass China ein wesentliches Moment der neoliberalen Epoche war. Ohne China wäre das US-Zahlungsbilanzdefizit nicht denkbar gewesen; und ohne dieses Defizit nicht die neoliberale globale Ökonomie. Die Instabilität dieses schuldenbasierten Regimes muss in den Abstieg der USA einmünden. Die Frage freilich ist, ob China die USA nach dem Muster bisheriger hegemonialer Transitionen beerben können oder nicht.

Während das erstere viele hoffen oder fürchten – jedenfalls erwarten – vertritt Li die andere Position. “China’s internal social transformation and ascendancy in the world-system threaten to undermine the stability of the semi-periphery and therefore the entire three-layered structure” – will heißen: das kapitalistische Weltsystem kann nur existieren, wenn eine mittlere Schicht der Semiperipherie das Zentrum von den sozialen Spannungen und Ansprüchen der Peripherie abschirmt. “The middle stratum is both exploiter and exploited. By providing the middle stratum with the access to a portion of the surplus product, the ruling elites buy off the potential political leadership of the exploited majority.” Mit dem Wechsel Chinas in die Kategorie der “well-to-do semiperiphery” würden, so Li, die globalen Machtverhältnisse massiv verändert – zum Nachteil des Zentrums, das nun einen immer größeren Teil des globalen Surplus mit der drastisch gewachsenen oberen Hälfte des mittleren Stratums teilen muss, und zu Ungunsten der Stabilität des Weltsystems, da die addierten Ansprüche von Zentrum und erweiterter Semiperipherie immer schwerer auf der Peripherie lasten. Auch in einem “downward conversion scenario”, wonach Chinas industrieller Aufstieg die “well-to-do semiperiphery” unter Konkurrenzdruck und zum ökonomischen Abstieg bringt, wäre der Effekt destabilisierend, “as the core states at the top face potentially unified resistance and rebellion from the periphery and poor semi periphery”.  Der relativ “beste Fall” vom Standpunkt des kapitalistischen Weltsystems aus wäre so gesehen ein ökonomischer Abstieg Chinas (dann allerdings – möchte ich ergänzen – wäre zugleich die grundsätzliche Chance auf eine neue hegemoniale Macht auf mittlere Sicht zerstört; sieht man von den ökologischen Grenzen der Akkumulation an dieser Stelle einmal ab).

Li hält daher im Anschluss an Wallerstein fest, dass das Weltsystem durch seine inneren Tendenzen über die Grenzen seiner Selbstregulationsfähigkeit hinausgetrieben wird, mit anderen Worten: “that the existing world-system is approaching its terminal crisis”. Das Weltsystem hängt von billigen Löhnen, niedrigen Steuern und geringen Umweltkosten ab. Alle drei Parameter zeigen jedoch eine steigende Tendenz. Der Profit verringert sich, und die Akkumulation lässt nach.

Bisher konnten Akkumulationskrisen durch den Übergang der Hegemonie auf eine jeweils mächtigere Herrschaftsstruktur, geeignet die wachsende Komplexität des Systems zu regulieren – vom genoesisch-spanischen Machtkomplex auf Holland, anschließend auf das englische Empire, und von dort auf die USA – gelöst werden.

However, with the decline of the US hegemony, none of the other major powers (including China) has a credible chance to replace the US and become the next hegemony. To the extent that the existing world-system has exhausted its ability to renew and restructure itself through the construction of a new hegemonic power, it has reached its own historical limit.

Zuletzt geht Li ausführlich auf die ökologischen Grenzen der Akkumulation des Kapitals ein. Dabei fokussiert er vor allem auf die Erschöpfung der fossilen Ressourcen und den Klimawandel. Kritisch diskutiert er die Potenziale erneuerbarer Energien. Der Aufstieg Chinas zu einer neuen Hegemonialmacht sei, so Li, nicht zuletzt aus ökologischen Gründen unmöglich.

Alles in allem ergibt sich das Bild eines gesellschaftlichen Systems, das erstens in Hinblick auf seine natürlichen Produktionsgrundlagen, zweitens aber auf der Ebene seiner hegemonialen Struktur in seine Endkrise eingetreten ist. Li gelingt es, ökologische Fragestellungen in seine Betrachtung wirklich zu integrieren. Das zeigt nicht nur seine Kenntnis der Materie, sondern nicht zuletzt auch die politische Schlussfolgerung, die er zieht:

First of all, humanity must work for the overthrow of the global capitalist system as soon as possible. From the point of view of avoiding humanity’s total self-destruction, even feudalism is better than capitalism, and certainly some form of socialism would be preferred. Failing that, as is argued in this book, the capitalist world-economy will fall apart due to its own laws of motion probably no later than the mid-twenty-first century. However, by that time, too much time would have been lost to prevent global catastrophes. There will probably be socialist governments throughout the world by the mid-twenty-first century. But the task for the future socialist governments will no longer be about preventing the catastrophes but trying to survive them as they are taking place.

Problematisch scheint mir, dass Li offenbar ein Weiterbestehen des Staates voraussetzt. Auch bleibt sein Bild der sozialistischen Alternative vage, was damit zu tun hat, dass Li zwar im Unterschied zu Wallerstein einen marxistischen Ansatz verfolgt, diesen jedoch in traditioneller Weise ohne Bezug auf eine Kritik des Werts versteht. In einem online verfügbaren Text mit dem Titel “Capitalism with Zero Profit Rate?” geht Li allerdings etwas näher auf seine Sicht der Alternative zum Kapitalismus ein und meint – ich würde zustimmen – dass eine nicht-monetäre (nicht-wertförmige) Vermittlungsweise an sich gut denkbar ist; siehe Fußnote 23 a. a. O.:

Of course, the planning may be centralized or decentralized (with local communities being the planners) and the planning process may be democratic, undemocratic, or bureaucratic but subject to some democratic checks. It can be debated wether market relations should continue to play an insignificant [recte: a significant, A.E.] role in the economy. I personally do not consider market relations indispensable for delivering high quality of life in the post-capitalist society.

Ausgesprochen heikel ist die Bevölkerungsdebatte, auf die Li an manchen Stellen Bezug nimmt. Wenngleich es offenkundiger Unsinn wäre, zu behaupten, die Anzahl der Erdbewohnenden spiele für die Möglichkeit ihres auskömmlichen Lebens keine Rolle, so scheint mir die Annahme, eine drastische Reduktion der Bevölkerungszahl sei vonnöten, ebenso problematisch (wie in “Ressourcenkrise als Formationsbruch” skizziert) – die eventuelle Notwendigkeit, die Frage nach der “Bevölkerungszahl” überhaupt zu verneinen, stelle ich an diesem Punkt einmal in den Raum. Li jedenfalls stützt sich unkritisch, wie ich denke, auf Quellen, die davon ausgehen, dass die Weltbevölkerung dramatisch sinken muss, um unter veränderten natürlichen Bedingungen einen annehmbaren Lebensstandard gewährleisten zu können.

Die Generallinie der Argumentation von Li beeinträchtigen diese Einwände freilich nicht. Und so ist ihm – mit Ausnahme der Hoffnung auf eine “Welt-Regierung” – darin beizupflichten:

If the catastrophic consequences from climate change cannot be prevented, all of humanity will have to struggle for survival. However, if the struggle for survival would unleash our best intellectual and moral potentials, then humanity, under a socialist world-government, may survive the crisis in a relatively orderly manner while preserving the most important accomplishments of the capitalist civilization, not least the achievements of modern science and technology.

Li hält es sogar für möglich, dass in einer Zukunft nach der Bewältigung der schlimmsten Folgen der Umweltkrise die Arbeitsproduktivität wieder steigen könnte, womöglich über das Niveau des Kapitalismus – freilich auf völlig veränderter gesellschaftlicher Grundlage und in anderer Gestalt.

In that event, humanity will be in a position to resume the great historical march to the realm of freedom.

Li’s hervorragende Untersuchung ist thematisch weitgespannt und reich an ungewöhnlichen Einsichten. Gesondert erwähnen möchte ich hier nur, dass Li die Theorie der systemischen Akkumulationszyklen mit weit zurückreichenden Zeitreihen der Profitraten und -quoten, der Zinsraten und anderen Schlüsselparametern des kapitalistischen Weltsystems quantitativ präzisiert.

Meines Erachtens bestätigt Li mit “The Rise of China and the Demise of the Capitalist World-Economy” zentrale Schlussfolgerungen unseres Buches “Die Grenzen des Kapitalismus”. Die Parallelen, die meiner Meinung nach zwischen seinem Ansatz und dem unseren bestehen, erklären sich aus dem – bis dato ausgesprochen seltenen – Versuch, die Auswirkungen einer veränderten Ressourcenbasis auf die Akkumulation mithilfe eines marxistischen theoretischen Zugangs zu analysieren und zusammen mit den langfristigen ökonomischen und politischen Tendenzen des kapitalistischen Weltsystems zu betrachten. Kein Wunder, dass Li sich ebenfalls stark am Ansatz von Wallerstein und Arrighi orientiert, der eine solche Zusammenschau ermöglicht.

Nicht nur Minqi Li, sondern allen in sozialen Bewegungen und darauf bezogenen Debatten Engagierten ist eine breite Rezeption des Buches zu wünschen.

Produktivität und Krise. Notizen zu einer Debatte

Viel ist zur Zeit die Rede von der Krise. Die meisten Debatten bleiben oberflächlich. Für die Mehrzahl stellt sich die aktuelle Dynamik so dar als wäre sie vom an sich heiteren Himmel der “Marktwirtschaft” gefallen. Allerorten wird deshalb eine vermeintliche “Gier” und “Regellosigkeit” für das Desaster verantwortlich gemacht. Ein Wissen um die ökonomischen und sozialen Prozesse, die ihm vorangegangen sind, fehlt zumeist.

Innerhalb der Linken gibt es schon seit den 1970er Jahren einen Diskurs über die Krise. Die heutige Situation steht in Kontinuität zu Entwicklungen, die man damals bereits begonnen hat zu analysieren. Davon war in diesem Weblog schon öfters die Rede. Dass der vermeintlich krisenfreie Kapitalismus der 1960er Jahre im darauf folgenden Jahrzehnt offensichtlich in eine Krise gekommen war, gab sogar den Anlass für die Herausbildung einer neuen Schule sozialwissenschaftlicher Theorie – der Regulationstheorie.

Dies ist jedoch nicht der einzige Zugang zur analytischen Auflösung der Krisenentwicklung. In den 1980er und 1990er Jahren hat die Gruppe Krisis einen eigenständigen Strang von Krisentheorie entwickelt. Um den soll es an dieser Stelle gehen.

Anlass ist eine unbefriedigende Situation.

Der Krisis-Ansatz begab sich von Anfang an auf eine Ebene der Kritik, die akademischen Diskursen eher zuwider läuft, nämlich auf die Ebene der sozialen Form. Diese Art kritischer Theorie fand im universitären Rahmen kaum Resonanz. Aber auch außerhalb der Universitäten war eine solche Position schwer verkäuflich. Die Radikalität der Fragestellung kappte den Anknüpfungspunkt zum traditionellen Marxismus. Ebenso wenig gelang die Vermittlung dieses theoretischen Ansatzes mit den Neuen Sozialen Bewegungen.

Das Kernanliegen ist dabei, die sozialen Formen des Kapitalismus auf gesellschaftliche Verhältnisse zurückzuführen. Geld, Preis, Lohn, Profit, Zins und so fort – all dies sind soziale Formen, bestimmte Formen menschlicher Beziehung. Von der akademischen Ökonomie werden sie unhinterfragt als scheinbar natürliche verwendet, ganz so wie im Alltag. Die Aufgabe einer emanzipatorischen Theorie jedoch ist, zu verstehen, aus welchen gesellschaftlichen Verhältnissen sie hervorgehen. Erkennt man soziale Formen als solche und begreift sie in ihrem Zusammenhang, so werden sie auch der Veränderung zugänglich. Und genau darum geht es einer Kapitalismuskritik, die auf Befreiung von “Sachzwängen” und gesellschaftlich verursachtem Leiden zielt.

Tatsächlich besteht darin das Hauptanliegen der Marxschen Theorie. Das ist auch von anderen Autoren und Autorinnen in den letzten Jahren herausgearbeitet worden. Inzwischen spricht man sogar von einer “Neuen Marx-Lektüre”, die genau diesen Strang der Marxschen Theorie gegen früher übliche Verkürzungen freilegt. Teil dieser Strömung ist ein neu erwachtes Interesse an den Fragestellungen, die auch die Krisis-Gruppe seit rund zwei Jahrzehnten umgetrieben hat: Wie kommt es dazu, dass gesellschaftliche Verhältnisse zu “Sachzwängen” werden, die unser Handeln bestimmen und damit eine Menge unnötiges Leiden verursachen?

Lange Zeit existierte kaum ein Bezug linker Diskurse auf die Krisis. Erst 1999 hatte Michael Heinrich mit dem Buch “Die Wissenschaft vom Wert” einen ähnlichen Zugang entwickelt, der ebenfalls die kritische Theorie der sozialen Formen des Kapitalismus zum Gegenstand hat. Heinrichs Buch rekonstruiert detailliert die Marxsche Theorie. Freilich in kritischer Absicht.

Heinrich und Krisis waren Gesprächspartner auf der gleichen Ebene der Fragestellung. Trotz dieser Gemeinsamkeit unterschied (und unterscheidet) sich jedoch der Zugang zur Krisentheorie grundlegend. Während die Krisis eine “Endkrise” des Kapitalismus konstatiert, argumentiert Heinrich, dass Krisen im Kapitalismus grundsätzlich eine reinigende Funktion haben und nicht den Anfang vom Ende der Kapitalakkumulation, sondern jeweils den Beginn einer neuen Runde der Akkumulation bedeuten.

In der Zeitschrift Streifzüge wurde diese Meinungsverschiedenheit in einer Serie von Artikeln zwischen Norbert Trenkle und Michael Heinrich ausgetragen. Eine Annäherung der Standpunkte kam nicht zustande. Nun hat Claus Peter Ortlieb von der Gruppe Exit – ein Teil der Krisis hat sich vor einigen Jahren unter diesem Namen neu formiert – einen Artikel veröffentlicht, der sich erneut mit der Kritik Heinrichs an der Krisis- und Exit-Position auseinandersetzt.

Ich möchte im Folgenden möglichst systematisch den Stand der Krisendebatte zwischen Krisis und Exit auf der einen Seite und Heinrich auf der anderen skizzieren. Mein Anliegen ist, offene Frage herauszuarbeiten und wesentliche Argumente auf ihre Konsistenz und Haltbarkeit hin zu überprüfen. Diese Überlegungen haben vorläufigen Charakter. Für Einwände, Kritik, Ergänzungen und Korrekturen bin ich dankbar.

Die Krise des Tauschwerts

Die krisentheoretische Position der Krisis hat zuerst Robert Kurz im Jahr 1986 in “Die Krise des Tauschwerts” formuliert. Dort wird ihr Anspruch damit charakterisiert,

anhand einer kategorialen Neubestimmung der kapitalistischen Wertverhältnisse die absolute logische und historische Schranke des Kapitals als Konsequenz der jüngsten und qualitativ neuen Stufe kapitalistischer Vergesellschaftung und Produktivkraftentwicklung in groben Zügen abzuleiten.

Sein Ausgangspunkt ist der Widerspruch zwischen Stoff und Form im Kapitalismus. Dieser zeige sich zuerst einmal an der Kategorie der Ware, wo er sich als Entgegensetzung von Gebrauchswert und Tauschwert ausdrückt. Er zeige sich jedoch ebenso an der Kategorie der Arbeit: stofflich produktive Arbeit ist etwas anderes als wertproduktive Arbeit. Kurz leitet im Anschluss dazu über, die damals viel diskutierte These, wonach sich die gesellschaftliche Gesamtarbeit hin zu einer so genannten Wissensgesellschaft entwickelt zu analysieren. Er kommt dabei zur These, dass der Anteil von Arbeiten, die als Voraussetzung der Produktion gelten müssen, zunimmt. Kurz versteht darunter Arbeiten, die dem Aufbau und Erhalt der “Rahmenbedingungen der gesellschaftlichen Infrastruktur” dienen. Sie bezeichnet er als “unmittelbar vergesellschaftete Arbeit”. Als solche sei diese Arbeit nicht mehr wertproduktiv.

Hier haben wir nun den Prototyp der neuen Arbeit, die der Kapitalismus vielgestaltig erst hervorbringt, mit der er aber der realen Logik nach das Wertgesetz und damit seine eigene Grundlage aufhebt: die unmittelbar gesellschaftliche, stofflich indirekt produktive, wertmäßig ihrem Wesen nach unproduktive Arbeit. Mit der Ausdehnung des Maschinensystems und der Produktion im großen Maßstab wächst aber diese neue, unmittelbar gesellschaftliche Arbeitsform historisch unaufhaltsam an, sowohl absolut als auch relativ, in ihrer Bedeutung für den gesellschaftlichen Reproduktionsprozeß insgesamt. Damit aber muß logischerweise auch das Wertgesetz zunehmend obsolet werden und die auf dem Wert beruhende Produktion sich historisch einem objektiven Zusammenbruch nähern.

Die bestimmende Rolle spiele dabei die Verwissenschaftlichung der Produktion. Sie führt laut Kurz zu

einer gesellschaftlichen Produktionstechnologie, die aus sich heraus notwendig und völlig objektiv das Wertgesetz und damit die Warenproduktion sprengt.

In der Folge präzisiert er, worin die “absolute logische und historische Schranke des Kapitals” verortet sei.

Die Eliminierung der lebendigen Arbeit im unmittelbaren Produktionsprozeß kann aufgrund ihrer fortgeschrittenen Reife heute als solche erkannt werden und es ist möglich geworden, aus dieser Erkenntnis grundsätzlichere und weiterreichende Schlußfolgerungen als die bisherige marxistische Theorie zu ziehen. Objektiv durchsetzen wird sich diese Tendenz im Weltmaßstab freilich nicht als punktueller Akt, sondern als eine längere historische Periode, in der die Akkumulation des Kapitals an sich selbst zugrunde geht und ausbrennt. Noch steckt der technologische Verschmelzungsprozeß von Arbeits- und Naturwissenschaft in den Kinderschuhen, auch wenn die Mikroelektronik bereits die entscheidenden Voraussetzungen geliefert hat.

Den Widerspruch zwischen Stoff und Form exemplifiziert Kurz anschließend an der Kategorie des relativen Mehrwerts. Die Produktion des relativen Mehrwerts gewinne im Verlauf der kapitalistischen Entwicklung an Bedeutung. Und zwar ab dem Punkt, wo die Möglichkeiten, den absoluten Mehrwert durch Verlängerung des Arbeitstags und Intensivierung der Arbeit auszudehnen, weitgehend ausgeschöpft sind. Kurz unterscheidet drei Konsequenzen der Ausdehnung des relativen Mehrwerts durch Absenkung des Werts der Ware Arbeitskraft: (1) Eskalation des Ausstoßes an stofflicher Produktenmenge, (2) fortschreitende Wertminderung jedes einzelnen Produkts, (3) das Kapital wird sich selbst in der Produktion des relativen Mehrwerts zur absoluten logischen und historischen Schranke.

Der Widerspruch zwischen Stoff und Form äußert sich laut Kurz im relativen Mehrwert insofern, als durch Steigerung der stofflichen Produktivität die Produktion von Wert unterminiert werde.

Mit der Produktivkraftentwicklung steigert das Kapital den Grad der Ausbeutung, aber es unterminiert damit Grundlage und Gegenstand der Ausbeutung, die Produktion des Werts als solchen. Denn die Produktion des relativen Mehrwerts als Verwissenschaftlichung des stofflichen Produktionsprozesses schließt die Tendenz zur Eliminierung lebendiger unmittelbarer Produktionsarbeit als einziger Quelle der gesamtgesellschaftlichen Wertschöpfung ein. Dieselbe Bewegung, die den relativen Anteil des Kapitals am Neuwert vermehrt, vermindert durch Eliminierung direkter lebendiger Produktionsarbeit die absolute Basis der Wertproduktion.

Die Argumentation läuft an diesem Punkt darauf hinaus, dass Kurz eine Abnahme der Zahl der Lohnarbeiter unterstellt, die seiner Meinung nach eine Folge der Ausdehnung des relativen Mehrwerts ist. Sinkt die Zahl der Lohnarbeiter, müsse auch die Mehrwertmasse zurückgehen. Damit würde die Profitrate fallen.

Es ergibt sich daraus für das Kapital die zwingende Notwendigkeit, daß es als Kapital wachsen muß, d.h. die Verminderung der absoluten Mehrwertmasse durch Erhöhung der relativen Mehrwertrate muß dadurch kompensiert werden, daß das Kapital sich nicht auf gleichbleibender, sondern auf erweiterter Stufenleiter reproduziert, wodurch sich erst die Notwendigkeit einer schrankenlosen Akkumulation („Wachstum“) ergibt.

Der tendenzielle Fall der Profitrate, den Kurz mit Berufung auf Marx ins Treffen führt, sei selbst als “Formbestimmung der Krise” zu begreifen. Und Kurz benennt auch eine entgegenwirkende Tendenz. Das Kapital müsse in einem solchen Ausmaß expandieren, dass es mehr Arbeit einsauge als durch Produktivkraftsteigerung eliminiert worden ist. Nur unter zwei Voraussetzungen jedoch könne diese Tendenz den Fall der Profitrate aufhalten: (1) Möglichkeit der Verwandlung von Subsistenz- in Warenproduktion, (2) neue Produktionszweige durch neue Bedürfnisse. Die Argumentation kulminiert in der These, dass beide Wachstumsmöglichkeiten des Kapitals an stoffliche Grenzen stoßen.

Die neue und finale Krise des Kapitalismus unterscheidet sich grundsätzlich von allen früheren Krisen. Alle bisherigen Krisen waren Wachstumskrisen des Kapitals, die den Akkumulationsprozeß nur vorübergehend unterbrechen konnten; die neue Krise aber erweist sich als das Ende des Akkumulationsprozesses von abstraktem Reichtum selbst, weil der konkrete stoffliche Reichtum nicht mehr innerhalb der Grenzen des Wertverhältnisses erzeugt werden kann. Die neue Krise ist daher keine vorübergehende Überakkumulations- bzw. Überproduktionskrise mehr, sondern vielmehr eine Krise der Wertschöpfung selbst, aus der es für das Kapital keinen Ausweg mehr geben kann.

In der anhaltenden Inflation und im Verschwinden der Geldware Gold zugunsten von Kreditgeld meint Kurz 1986 bereits Zeichen dieser Endkrise zu erkennen. Zunehmende zyklusunabhängige Massenarbeitslosigkeit sei ihr zweiter Vorbote. Schließlich verweist Kurz auf den damals drastischen Abbau klassisch industrieller Produktionskapazitäten in Europa als einem weiteren Indiz:

An der Peripherie der kapitalistischen Industriegesellschaften, in Ländern wie Spanien, Portugal, Griechenland etc., teilweise selbst schon in imperialistischen Kernländern wie Frankreich, Italien und Großbritannien, hat der gnadenlose Umverteilungsprozeß des in seiner Masse durch die neue stoffliche Vergesellschaftungsstufe weltweit schrumpfenden Mehrwerts bereits zur Agonie ganzer Industriezweige geführt; auch die BRD ist davon inzwischen nicht mehr unberührt (Stahl- und Werftkrise etc.).

Die Himmelfahrt des Geldes

Ausführlich hat sich Kurz der These von der Endkrise des Kapitalismus 1995 im Artikel “Die Himmelfahrt des Geldes” erneut gewidmet. Die Argumentation verläuft dort jedoch in einigen Punkten anders als 1986. Während in seinem älteren Text die damals für viele schockierende “Deindustrialisierung” des globalen Nordens im Zentrum stand und er sich vor allem mit der Qualität der mikroelektronischen Technologie auseinandersetzt, hat der Text von 1995 starke Bezüge zur krisenhaften Expansion der Finanzmärkte, die zu dieser Zeit bereits in vollem Gange war – auch das ein im Vergleich zum Fordismus der 1960er Jahre völlig neues Phänomen.

Kurz beginnt seinen Text mit dem Verhältnis von Arbeit und Geld. Geld sei “tote Arbeit” und hängt deshalb von der Vernutzung lebendiger Arbeitskraft ab. Doch sind beide Kategorien gegeneinander verselbstständigt. Das Geld ist auf sich selbst rückgekoppelt. Seine Vermehrung kann sich daher vom Arbeitsprozess abkoppeln. Stimmen die “Aggregate” von Geld und Arbeit nicht mehr überein, sei eine Krise die Folge. Diese Abkoppelung erfolgt bereits durch den Kredit, meint Kurz. Die kreditäre Abkoppelung des Geldes vom Produktionsprozess der Waren sei allerdings an sich noch kein Problem.

Problematisch wird es jedoch, wenn das verliehene Geld nicht wirklich für eine gelingende betriebswirtschaftliche Vernutzungsbewegung abstrakter Arbeit verausgabt wird. Dieser Fehleinsatz ist auf einer ganzen Stufenleiter möglich, auf der das zinstragende Kapital in wachsendem Maße vom realen Verwertungsprozeß abhebt und zum “fiktiven Kapital” (Marx) wird.

Der Verweis auf Marx ist an dieser Stelle missverständlich. Im Anschluss erläutert Kurz, was er unter fiktivem Kapital versteht: (1) Reelles Betriebskapital, das sich Geld geliehen hat, kann seine Waren nicht absetzen und bankrottiert; der Kredit muss abgeschrieben werden; (2) das verliehene Geld wird nicht für Produktion, sondern für Konsum verausgabt; (3) im “eigentlichen Sinn fiktiv” wird das verliehene Geldkapital, wenn ein missglückter reeller Verwertungsprozess dadurch überspielt wird, dass die faul gewordenen Kredite durch neue Kredite bedient werden; (4) Kreditgeld dient der Spekulation auf Wertsteigerung von Besitztiteln.

Der letzte Fall sei die höchste Stufe des fiktiven Kapitals und regelmäßiges Symptom von weitreichenden Verwertungsproblemen.

Eine solche spekulative Bewegung setzt immer dann im großen gesellschaftlichen Maßstab ein, wenn die betriebswirtschaftliche Realakkumulation des Kapitals an Grenzen stößt und die Gewinne aus vergangenen Produktionsperioden nicht mehr ausreichend für eine erweiterte reale Warenproduktion investiert werden können, sondern rein im Finanzsystem angelegt werden müssen.

Im nächsten Schritt diagnostiziert Kurz eine zunehmende Abhängigkeit des Realkapitals vom Kredit als eine historisch langfristige Tendenz, die bereits Anfang des 20. Jahrhunderts einsetzt. Diese Tendenz bewertet er als

einen Entwicklungsprozeß, in dem das betriebswirtschaftliche Realkapital strukturell von seiner eigenen Grundlage der abstrakten Arbeit abzuheben begann.

Kurz verbindet diese Einschätzung mit dem Umstand, dass in ebensolcher langfristiger Tendenz die Kapitalintensität zunimmt. Immer mehr Kapital muss vorgeschossen werden, um eine bestimmte Menge Arbeitskraft vernutzen zu können. Dies sei die von Marx analysierte “wachsende organische Zusammensetzung des Kapitals”. Im Verlauf dieser Entwicklung muss das Realkapital in immer größerem Ausmaß auf den Kredit für seine Expansion zurückgreifen. Als Indiz verweist er auf sinkende Eigenkapitalquoten. Diese bedeuten umgekehrt wachsende Bedeutung des zinstragenden Kapitals.

Das real warenproduzierende Kapital saugt also gewissermaßen seine eigene (fiktive) Zukunft an und verlängert damit auf einer Meta-Ebene sein Leben über die bereits aufscheinende innere Schranke hinaus. Das funktioniert nur, solange sich die Produktionsweise als solche noch ausdehnt (wie es bis zum letzten Drittel des 20. Jahrhunderts der Fall war) und die fiktional vorweggenommene zukünftige Wertmasse auch tatsächlich wenigstens insoweit nachfolgt, als damit die Kredite verzinst werden können. Daß aber die säkular steigenden Kapital-Investitionen grundsätzlich und im gesellschaftlichen Durchschnitt nicht mehr aus eigenen Mitteln, also nicht mehr aus der realen Profitmasse vollfinanziert werden können, ist ein starkes Indiz für den prekär werdenden Charakter der ganzen Veranstaltung.

Kurz argumentiert weiter, dass den Eignern von Geldkapital, das für die reale Verwertung in steigendem Maße vorgeschossen wird, ein steigender Anreiz geboten werden müsse. Daher müssten die Zinsraten im langfristigen Trend ansteigen, was Kurz für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg empirisch bestätigt sieht. Als eine Gegentendenz zu steigenden Zinsarten nennt er die “enthemmte Liquiditätsschöpfung des Zentralbankensystems”. Damit jedoch beschleunige sich der “Entkopplungsprozess des Geldes von der kapitalproduktiven Grundlage”. Kurz geht an dieser Stelle in einer Fußnote auch auf die in anderen Debatten als zentraler Mechanismus der Allokation von Geldkapital genannte “Zinsweiche” ein. Bei steigenden Zinsen steigen (1) die Vorauskosten rentabler Produktion und (2) müssen die Gewinne aus Realakkumulation mit den Erträgen aus Finanzanlagen konkurrieren. Dieser Prozess bedeute, dass sich die Schranke der realen Kapitalakkumulation auf der Ebene des Geldes erneut zeigt.

Die hinausgeschobene strukturelle Grenze des gesamten Verwertungsprozesses muß sich irgendwann auf der Ebene des Geldkapitals neu aufrichten, d.h. die reale Produktion durch die Verteuerung (und schließlich die Krise) des Geldes ausbremsen.

Nach dieser Diskussion der Entwicklung des Geldkapitals und seines Bezugs zum industriellen Kapital kommt Kurz auf die so genannte tertiäre Revolution zu sprechen, worunter die Ausdehnung eines “Dienstleistungssektors” verstanden wird. Kurz parallelisiert diese “Revolution” mit dem Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft und schließt daraus auf die Möglichkeit eines grundlegend krisenhaften Umbruchs, der sich damit ergebe.

Der gesellschaftliche Bedeutungsverlust des industriellen “Sektors” könnte identisch sein mit einem krisenhaften Bedeutungsverlust der kapitalistischen Markt- und Geldform als allgemeiner Reproduktionsform; ganz genauso, wie einst das Schrumpfen des agrarischen “Sektors” identisch war mit einem krisenhaften Schrumpfen der nicht-warenförmigen Subsistenzwirtschaft und der Feudalbeziehungen.

Kurz treibt diese These noch weiter und meint, dass die “tertiäre Revolution” der Abstieg und das Ende des Kapitalismus sei. Diese zugespitzte These analysiert er mithilfe des Begriffs der “produktiven Arbeit”. Denn nur kapitalproduktive Arbeit trage die kapitalistische Reproduktion. Dabei unterscheidet Kurz nicht nur produktive und unproduktive Arbeit, sondern auch, ob diese Arbeit in einem absoluten oder in einem relativen Sinn produktiv bzw. unproduktiv sei.

Der unproduktive Charakter bestimmter Arbeiten braucht nicht äußerlich durch willkürliche Definitionen bestimmt werden; er muß vielmehr durch den Stellenwert als “Kostenfaktor” im Kalkül selbst nachweisbar auftauchen. Die kapitalistisch unproduktiven Arbeitsmengen und ihre Bezahlung erscheinen als “faux frais” (Marx), als tote Kosten.

Relativ unproduktiv sei unproduktive Arbeit auf einzelbetrieblicher Ebene. Und zwar weil unproduktive Arbeit eines bestimmten Unternehmens als produktive Arbeit eines anderen Unternehmens erscheinen können.

Betriebswirtschaftlich gesehen macht nun die Putzarbeit, die in einem Unternehmen der Automobilproduktion unproduktiv ist, umgekehrt die produktive Arbeit des Dienstleistungs-Unternehmens aus, geht also in dessen substantielle Warenproduktion ein, während die Arbeit der Angestellten in der Lohnabrechnung der Putzkolonnen-Firma wiederum zu deren unproduktiven “Gemeinkosten” gehört.

Kurz fährt mit der Frage fort, wie sich der unproduktive oder produktive Charakter der Arbeit auf der Ebene des Gesamtkapitals darstellt. Die bloße Auslagerung von einzelbetrieblich unproduktiven Arbeit wie Buchhaltung, Reinigung und Personalverwaltung an separate Unternehmen, für die genau diese Arbeiten zur eigentlichen Einkommensquelle werden, würde sich gesamtgesellschaftlich wieder aufheben. Die Bestimmung der absolut unproduktiven bzw. produktiven Arbeit müsse daher anders verfahren. Kurz verweist in diesem Zusammenhang auf die von Marx in Kapital Band 2 und 3 vorgenommene Definition von unproduktiver Arbeit, wozu alle den Formwechsel des Werts vermittelnde Tätigkeit zu zählen sei. Doch Kurz hält diese Bestimmung für unzureichend.

Die Differenzierung zwischen “eigentlicher” Wertschöpfung und “bloß vermittelnder” Tätigkeit (im kommerziellen, monetären oder juristischen Sinne) reicht dafür nicht aus, weil sie immer noch an der unmittelbaren Definition der einzelnen Arbeitsverausgabung klebt. Diese Bestimmung kann also nur den äußeren Grund dafür angeben, warum eine Tätigkeit unter die unproduktive Arbeit zu rechnen ist, nicht jedoch deren ökonomischen Begriff selbst. Ein auf den Vermittlungsprozeß der gesamtkapitalistischen Reproduktion bezogener Begriff der produktiven/unproduktiven Arbeit kann letztlich nur kreislauftheoretisch gewonnen werden. Damit ist folgendes gemeint: kreislauftheoretisch ist nur diejenige Arbeit kapitalproduktiv, deren Produkte (und damit ihre Reproduktionskosten) in den Akkumulationsprozeß des Kapitals zurückkehren, d.h. deren Konsumtion wieder in die erweiterte Reproduktion eingespeist wird. Nur diese Konsumtion ist nicht bloß unmittelbar, sondern auch reproduktiv vermittelt eine “produktive Konsumtion”.

Kapitalproduktive Arbeit ist mithin jene Arbeit, die Waren erzeugt, die (1) von kapitalproduktiven Arbeitern konsumiert oder die (2) kapitalproduktiv investiert werden. Krisentheoretisch zentral sei nach Kurz nun der Umstand, dass kapitalunproduktive Arbeiten im Zuge der “tertiären Revolution” unverhältnismäßig anwachsen:

der Anteil der nicht mehr in den Kreislauf der erweiterten Reproduktion des Kapitals zurückkehrenden Verausgabung von Arbeitskraft wächst strukturell so stark an, daß die Schmerzgrenze schließlich historisch überschritten wird.

Nun muss Kurz allerdings die Frage beantworten, weshalb die meisten “Dienstleistungsarbeiten” tatsächlich kapitalunproduktiv sind. Dies folge aus vier Gründen: (1) tragen viele Dienstleistungen Vermittlungscharakter, nach Kurz “kommerzielle, juristische und monetäre Transaktionsarbeiten”, (2) ist der Konsum bestimmter Dienstleistungen grundsätzlich nicht privatisierbar, so etwa Maßnahmen zur Luftreinhaltung, (3) umfassen Dienstleistungen alle Arbeiten, die eine gesellschaftliche Infrastruktur aufrechterhalten, die nicht nach ihren realen Kosten bezahlt wird, (4) fallen bestimmte Dienstleistungen unter den als solchen kapitalunproduktiven Luxuskonsum, so etwa der Tourismus, den Kurz unter dem Gesichtspunkt des Weltmarkts zu diesem Bereich zählt. Zur Krisenursache werde diese Ausdehnung unproduktiver Arbeit, weil sie die kapitalproduktive Arbeit immer stärker belasten.

Durch betriebswirtschaftliche Auslagerung und damit verbundene Rationalisierung von betrieblichen “Gemeinkosten” kann zwar eine Kostensenkung der unproduktiven Arbeit erzielt werden; diese wird jedoch bei weitem überkompensiert durch die totale strukturelle Expansion dieser “sachlich” notwendigen, jedoch substantiell nicht mehrwertproduzierenden Sektoren. Die kommerziellen, monetären und juristischen Transaktionskosten, die sekundären Kosten des unproduktiven Luxuskonsums, die Verwaltungskosten, die gesamtgesellschaftlichen Voraus- und (sozial-ökologischen) Folgekosten sowie die Kosten für die allgemeinen Rahmenbedingungen und für die Logistik der eigentlichen Mehrwertproduktion beginnen diese so stark zu überwuchern, daß sie daran zu ersticken beginnt.

Die These der krisenhaften Ausdehnung der “Dienstleistungen” verknüpft Kurz nun mit der These, wonach die langfristige Ausdehnung des Kredits auf strukturelle Schranken der Kapitalverwertung verweist. Laut Kurz müsse, um das “Ersticken” der Mehrwertproduktion hinauszuzögern, wiederum der Kredit einspringen. Der Kredit muss nämlich nicht nur den Staatskonsum und dessen “Dienstleistungen” finanzieren, sondern auch all jene kapitalunproduktiven Arbeiten und Arbeiter, deren Anteil – vor dem Hintergrund der kreislauftheoretischen Bestimmung unproduktiver Arbeit durch Kurz – auch im klassisch industriellen Bereich zunehme.

Die unaufhaltsam wachsende, zunehmend nur noch aus dem immer weiter gestreckten Kreditgeld bezahlte Masse der unproduktiven Arbeiter muß natürlich essen, trinken und wohnen, fährt Auto, konsumiert Fernseher, Kühlschränke usw. Da dieser Konsum jedoch in ihrem Fall kein produktiver ist und also nicht in die Mehrwertproduktion zurückkehrt, bedeutet das nichts anderes, als daß indirekt ein wachsender Teil der industriellen Produktion paradoxerweise nur noch am Tropf der kreditfinanzierten unproduktiven Sektoren hängt.

Genaugenommen spricht Kurz von zwei Varianten relativ unproduktiver Arbeit im Text. Denn im folgenden Abschnitt kommt er auf relativ unproduktive Arbeit nicht in dem weiter oben genannten Sinn zu sprechen, sondern versteht darunter auch Arbeit, die gemessen an den weltweit produktivsten Nationalökonomien unterproduktiv sei. Diese Arbeit würde vom Staat kreditär gestützt, womit der Zusammenhang zwischen wachsender unproduktiver Arbeit und der Ausdehnung fiktiven Kapitals noch enger werde. Sobald dieser Zusammenhang zerreißt, so Kurz, würde die strukturelle Verwertungsschranke sichtbar, die dahintersteht.

Im Grunde genommen könnten wenige über den Globus nach Maßgabe der Kostengünstigkeit (monetaristischer “Angebotsfaktor”) verstreute hochproduktive Produktionszentren die gesamte Welt mit Waren überschwemmen und die Mehrzahl der vorhandenen Industrien niederwalzen. Das Ergebnis wäre natürlich der Zusammenbruch der ohnehin prekären globalen Kaufkraft; das warenproduzierende System hätte sich damit nicht nur strukturell und binnenökonomisch, sondern auch auf der Ebene der Weltmarktvermittlung selber ad absurdum geführt.

Damit gibt es laut Kurz drei Ebenen der steigenden Kreditabhängigkeit der Realproduktion: (1) steigende Kreditkosten der eigentlichen Mehrwertproduktion, (2) wachsender Anteil der kreditfinanzierten strukturell unproduktiven Arbeit und (3) Subventionierung unterproduktiver Industrien im Überlebenskampf gegen die wenigen weltweit führenden “Produktivitätsinseln”.

Die wachsende Kreditabhängigkeit führt nach Kurz “logisch zum Kollaps”. Der Zeitpunkt des “Kollaps” werde jedoch weit in die Zukunft verlängert, weil die Kreditketten zuvor immer mehr gespannt werden und immer weiter in die Zukunft vorgreifen. Resümierend hält er fest, dass sich das Verhältnis zwischen Produktion und Kredit sowie jenes zwischen Gesellschaft und Staat umgekehrt habe.

Daß die Geschäftskosten und Rahmenbedingungen des Wertschöpfungsprozesses auf hohem Niveau der Verwissenschaftlichung und Kapitalintensität die Wertschöpfung selbst überwuchern, drückt sich in einer paradoxen Verkehrung des Verhältnisses von Staat und Gesellschaft aus: nicht die Gesellschaft nährt mehr den Staat, damit dieser ihre “allgemeinen Angelegenheiten” besorge, sondern umgekehrt muß zunehmend der Staat durch “fiktives Kapital” die Gesellschaft nähren, damit sie in ihrer obsolet gewordenen Form als warenproduzierendes System verharren kann.

Hierin sieht kurz auch die “endgültige” Ursache für das, wie er meint, zyklusunabhängig wachsende Zinsniveau. Denn die zunehmende Nachfrage nach Staatskredit konkurriere mit privater Kreditnachfrage, was den Zins nach oben treibe. Eine weitere Konsequenz bestehe darin, dass ein Goldstandard unmöglich geworden ist. Das nennt Kurz die “Entsubstantialisierung des Geldes”. Diese hat für ihn die Folge, dass die Funktion des Geldes als Wertaufbewahrungsmittel Schaden nehme. Diese Funktion beruhe nun auf reiner Konvention und sei, anders als der Goldstandard, an “ökonomische Schönwetterzeiten gebunden”. Damit konstatiert Kurz einen vierten Aspekt der Entkoppelung von Arbeit und Geld bzw. der Kreditabhängigkeit. Aus der “strukturellen Entsubstantialisierung des Geldes” folge die “strukturelle Inflationierung”.

Aufgrund der höheren Konkurrenzfähigkeit der Produktion könnten die industriellen Metropolen die Inflation vorerst noch im Griff behalten, indem sie die Inflation in die Verliererregionen exportieren. Dort müsse “substanzlose staatliche Geldschöpfung”, eine reine “Notenpressen-Inflation” die Kohärenz der Reproduktion notdürftig sichern. Das sei “die fünfte Potenz der Entkoppelung von Arbeit und Geld”, weil in diesem Fall das entsubstantialisierte Geld nicht mehr den Finanzmarkt betritt, sondern direkt auf staatliche Anweisung geschöpft wird. Dies gilt Kurz 1995 als ein weiterer Beleg für die “Endkrise” des Kapitalismus.

Die globale Pro-Kopf-Inflationsrate dürfte mittlerweile im dreistelligen Bereich liegen. Dieser Tatbestand zeigt an, daß die globale unproduktive Arbeit sowohl im absoluten als auch im relativen Sinne die historische Schmerzgrenze des Systems überschritten hat und die verwissenschaftlichte Weltgesellschaft über die Formen des warenproduzierenden Systems irreversibel hinausgewachsen ist.

In den folgenden Passagen greift Kurz die Überlegungen des Artikels von 1986 im neuen Kontext wieder auf. Im Fordismus sei das Anwachsen der unproduktiven durch eine Zunahme der produktiven Arbeit kompensiert worden. Wesentliche Voraussetzung waren dafür (1) die Existenz nicht-kapitalistischer Bereiche und (2) neue Massenbedürfnisse. Steigende Kapitalintensität kombinierte der Fordismus mit einer Ausdehnung des relativen Mehrwerts. Sofern das Wachstum des relativen Mehrwerts das Wachstum der Kapitalintensität kompensiert, bleibe die Profitrate stabil. An diesem Punkt kommt Kurz nun auf die Argumentation von 1986 zurück. Die Expansion des relativen Mehrwerts sei an strukturelle Schranken gestoßen. Diese Schranke könne nur erweitert werden, indem das Kapital selbst expandiere, sich die kapitalistische Produktionsweise fortschreitend ausdehne. Der relative Mehrwert führe so zu einem logischen Widerspruch.

Denn zwar erhöht sich dadurch der Anteil des Mehrwerts pro Arbeitskraft, gleichzeitig können jedoch aufgrund der Rationalisierungseffekte derselben Entwicklung immer weniger Arbeitskräfte pro Kapitalsumme angewendet werden (eben dadurch erhöhen sich wie gezeigt die Vorauskosten pro Arbeitsplatz, d.h. die Kapitalintensität oder der Anteil des Sachkapitals an der “organischen Zusammensetzung”). Dieser zweite, gegenläufige Effekt überkompensiert den ersten langfristig. Das bedeutet nichts anderes, als daß die Erhöhung der gesamtgesellschaftlichen relativen Mehrwertrate pro Arbeitskraft erkauft ist mit einem gleichzeitigen Fall der Profitrate pro vorgeschossene Kapitalsumme. Dieser Effekt wiederum kann nun seinerseits einzig und allein dadurch überkompensiert werden, daß die absolute Menge der angewendeten (produktiven!) Arbeitskraft und damit zusammen mit der absoluten Mehrwertmasse die absolute Profitmasse steigt, was nur durch eine permanente Ausdehnung der Produktionsweise als solcher möglich ist. Dies wurde in Gestalt der fordistischen Expansion tatsächlich bis zu einem gewissen Grad gewährleistet.

Kurz meint, dass schon in der fordistischen Akkumulationsperiode das staatliche “deficit spending” eine wesentliche Vorbedingung gewesen sei. Den Fordismus hält er daher auch nicht für einen gänzlich selbsttragenden Akkumulationsschub. Allerdings sei eine exponentiell anwachsende Kreditmasse durch Erweiterung der realen Profitmasse gedeckt gewesen. Die Gegentendenz zur fallenden Profitrate, die Erweiterung der Profitmasse, konnte nur solange wirksam sein, als nicht-kapitalistische Bereiche und neue Massenbedürfnisse erschlossen werden konnten. Sie hing laut Kurz somit davon ab, dass Produkt- und Erweiterungsinvestitionen die Prozess- und Rationalisierungsinvestitionen überstiegen.

Die Expansion der kapitalistischen Produktionsweise als Voraussetzung für die fordistische Ausdehnung der Profitmasse und damit die Kompensation der fallenden Profitrate bedeutete den Zwang zur permanenten Erweiterung der Produktion und damit der Märkte. Das ging aber nur, solange die Produkt- und Erweiterungsinvestitionen die Prozeß- oder Rationalisierungsinvestitionen in genügendem Ausmaß überstiegen, denn nur auf diese Weise wurden trotz Rationalisierung eine absolut wachsende Masse industrieller Arbeitskräfte vernutzt und wachsende “produktiv” fundierte Geldeinkommen erzeugt. Nur solange diese Relation einigermaßen eingehalten wurde, konnte das “Schneeballsystem” der fordistischen Expansion bei gleichzeitig überproportionalem Anteil der unproduktiven Sektoren am Laufen gehalten und die Verzinsung des komplementär anwachsenden Kreditgebirges aus realer Wertmasse bedient werden.

In der Sicht von Kurz versetzte letztlich die Mikroelektronik der fordistischen Expansion den Todesstoß.

Der Hauptmotor dieses Prozesses war seit Beginn der 80er Jahre die mikroelektronische Revolution, die den industriellen Beschäftigungskern abschmelzen ließ wie Schnee an der Sonne.

Schon in den 1990er Jahren wurde die industrielle Dynamik Südostasiens ins Spiel gebracht, wenn es darum ging, die “Deindustrialisierung” des globalen Nordens in weltwirtschaftliche Relationen zu setzen. Kurz bestreitet, dass die industrielle Expansion etwa in China eine Kompensation darstellen könne.

Erstens handelt es sich gerade im Fall von Großstaaten wie China immer noch großenteils um das von Jahr zu Jahr prekärer werdende Auslaufmodell jener staatlich subventionierten Phantom-Industrien (vom Standpunkt des Weltmarkts aus), die bei einer zunehmenden Öffnung, wie sie durch die neue Exportindustrialisierung erzwungen wird, nicht mehr haltbar sind. Per Saldo wird viel weniger zusätzliche Beschäftigung in den Sektoren der weltmarktorientierten Exportindustrialisierung geschaffen, als mittelfristig durch denselben Prozeß bei den alten Staatsindustrien über den Jordan gehen muß. Zweitens aber heißt mehr industrielle Beschäftigung bei einigen (insgesamt wenigen) fordistischen Nachzüglern keineswegs auch mehr reale Wertschöpfung, deren Standard mit zunehmender Globalisierung vom Produktivitätsniveau des Weltmarkts und damit von den höchstentwickelten Industriesystemen diktiert wird. Da auch für die asiatischen Newcomer diese betrieblichen und infrastrukturellen Standards im großen Maßstab unerschwinglich sind, versuchen sie diesen Nachteil vor allem durch Billiglohn, miserable Arbeitsbedingungen und rücksichtslose Umweltzerstörung wettzumachen.

Kurz hebt offenbar auf eine geringere Arbeitsproduktivität in den “emerging markets” ab, da er im Anschluss festhält:

Die reale Wertschöpfung des Weltkapitals wird dadurch keineswegs erweitert. Denn gemessen am globalen Produktivitätsstandard kann es sein, daß 100 oder 1000 Billiglohnarbeiter mit relativ geringer Sachkapital-Ausstattung kein bißchen mehr Wert produzieren als ein einziger High-tech-Arbeiter mit hoher Sachkapital-Ausstattung in demselben Sektor.

Den Schluss, den Kurz aus den Ausführungen zieht: “Die Basis der kapitalistischen Reproduktion ist eigentlich schon an ihre absolute Grenze gestoßen” – allerdings würde dies aufgrund der diskutierten Kompensationsmechanismen noch nicht voll sichtbar. Die absolute Grenze würde sich laut Kurz nicht in einer bloß verschärften Degression der Profitrate darstellen, sondern darin, dass die Akkumulation von realem Wert überhaupt aufhört.

Formell geht allerdings trotzdem gleichzeitig der Akkumulationsprozeß noch eine Zeitlang weiter (und somit werden formell auch weiter Profite gemacht), jetzt aber gänzlich abgehoben von der (schrumpfenden) realen Wertsubstanz und nur noch den nunmehr endgültig enthemmten Kreationen des “fiktiven Kapitals” und des substanzlosen Geldes in seinen diversen Erscheinungsformen folgend.

Vor diesem Hintergrund will Kurz die Liberalisierung des Finanzsektors und die Versuche zu einer Reduktion des Staatskonsums als eine Gegenreaktion begreifen, um die “Phantom-Industrien” am Leben zu erhalten. Die “Defizitkreisläufe” zwischen Südasien bzw. Europa und den USA seien weitere Phänomene, die auf die strukturelle Schranke der Verwertung hinweisen. Die Krise muss laut Kurz in Gestalt einer weltweiten Schrumpfung des Geldkapitals sichtbar werden.

Eine solche globale Kontraktion würde nichts anderes bedeuten als die Annullierung allen Geldes und aller Geldformen, die nicht ursprünglich dem reellen Prozeß G-W-G’ entstammten, sondern dem fiktiven Wertschöpfungsprozeß G-G’. Diese Annullierung kann entweder die Form der Inflation oder die Form der Deflation annehmen (vielleicht auch einer Mischung beider Formen).

Dass dieser Krise eine neue Runde der Akkumulation folgen könne, bestreitet Kurz. Es gäbe kein neues Erschließungspotenzial der “Vernutzung abstrakter Arbeit” auf dem erreichten Produktivitätsniveau. Dieses sei in den Köpfen der Menschen verankert und keine Zerstörung der dinglichen Aggregate könne daher dieses Niveau revidieren.

Ist dieses Erschließungspotential jedoch nicht mehr gegeben, weil der Produktivitätslevel zu hoch und die Rationalisierung schneller als die Erweiterung der Märkte geworden ist, dann nützt die bloße Entwertung von Geld, Maschinen und Gebäuden überhaupt nichts.

Die Trenkle-Heinrich-Debatte

Die von Robert Kurz entwickelte Analyse wurde in einer Reihe von Artikeln in der Zeitschrift Streifzüge zwischen Norbert Trenkle von der Krisis-Gruppe und Michael Heinrich debattiert:

1. Norbert Trenkle (1998): Was ist der Wert? Was soll die Krise? Streifzüge 3/98

2. Michael Heinrch (1999): Untergang des Kapitalismus? Die Krisis und die Krise. Streifzüge 1/99

3. Norbert Trenkle (2000): Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Über Michael Heinrichs Versuch, die Marxsche Krisentheorie unschädlich zu machen. Streifzüge 1/2000

4. Michael Heinrich (2000): Neues vom Weltuntergang. Replik zu Norbert Trenkles “Weil nicht sein kann, was nicht sein darf… Über Michael Heinrichs Versuch, die Marxsche Krisentheorie unschädlich zu machen” in Streifzüge 1/2000. Streifzüge 2/2000

5. Norbert Trenkle (2000): Im bürgerlichen Himmel der Zirkulation. Ein paar Anmerkungen zu Michael Heinrichs Wert- und Arbeitsbegriff. Streifzüge 3/2000.

Dabei werde ich mich auf den krisentheoretischen Streitpunkt beschränken und die Argumentationen dieser Beiträge nicht einzeln referieren, sondern resümierend gegenüberstellen.

Michael Heinrichs Kritik beginnt mit der Frage, wie die Krisis ihre Prognose des kommenden Zusammenbruchs näher bestimmt. Wenn es sich um die Zunahme des Elends handelt, sei der Unterschied zu einer normalen Krise nicht klar. Wenn das Ende der Warenproduktion oder aber bloß ein stagnierender Kapitalismus gemeint sei, so wäre das auch explizit auszuführen. Wenn davon die Rede ist, dass die kapitalistische Produktionsweise “unhaltbar” würde, so müsste man ebenfalls näher bestimmen, in welchem Sinn das zu verstehen ist.

Grundsätzlich betont Heinrich, dass die Krise für den Kapitalismus funktionalen Charakter hat. Selbst eine enorm zerstörerische Krise entkomme dieser Bestimmung nicht. Er veranschaulicht dies mit dem Vergleich des Kapitalismus mit einem Tumor. Auch wenn 90% des Tumors vernichtet würden, hindere das die restlichen 10% nicht an weiterem, eventuell sogar schnelleren Wachstum. So sieht er auch die Asienkrise Ende der 1990er Jahre nicht als Vorboten einer Endkrise, sondern eher als ein “Gesundschrumpfen” des ostasiatischen Kapitalismus, der erst am Beginn seines Aufstiegs stehe. Ähnliches gelte für Afrika, wenngleich auf viel niedrigerem Niveau.

Ebenso wenig wie der Gegenstand der Krisentheorie der Krisis überzeugen Heinrich die ins Treffen geführten Argumente für einen “unwiderruflichen Niedergangs des Kapitalismus”, die er wie folgt zusammenfasst: (1) Rückzug des Kapitals, (2) Aufblähung der Kreditmärkte, (3) Abschmelzen der Arbeitssubstanz in den produktiven Kernsektoren. Für einen “Netto-Rückzug” des Kapitals aus großen Weltregionen sieht er keine Indizien. Die Ausdehnung des Kredits gilt Heinrich als eine Annäherung an den idealtypischen Kapitalismus, worin das Kreditsystem eine zentrale Rolle für die Akkumulation spielt.

Zudem kritisiert Heinrich, dass die Krisis den Begriff des fiktiven Kapitals in einem anderen Sinn als Marx anwende. “Fiktives Kapital” heißt bei Marx laut Heinrich nicht, dass eine Geldanlage sich als wertlos entpuppt – eine Auffassung, die er bei Kurz vertreten sieht. “Fiktives Kapital” sei nach Marx,

wenn vorgeschossenes Geldkapital zum Kauf von bloßen Ansprüchen (auf Zins- und Tilgungszahlung bei Krediten, auf Dividendenzahlung beim Aktienkauf) verwendet wird.

Und weiter:

Ob jedoch die Verwertung, die gleichermaßen Zweck des industriellen wie des fiktiven Kapitals ist, erfolgreich ist oder nicht (ob sich die Kapitalanlage im nachhinein als „fiktiv“ erweist oder nicht), konstituiert bei Marx zurecht nirgendwo eine kategoriale Unterscheidung.

In der These vom Abschmelzen der produktiven Arbeitssubstanz sieht Heinrich zwei Überlegungen verbunden: (1) Fall der Profitrate, (2) Neubestimmung produktiver Arbeit. Der Fall der Profitrate sei, so Heinrich, keine zwingende Tendenz der kapitalistischen Entwicklung. Die Kurzsche Definition produktiver Arbeit wiederum sei zirkulär. Selbst wenn man voraussetzen würde, dass die unproduktiven Arbeiten zunehmen, so wäre zugleich zu untersuchen, wie sich die Produktivität der produktiven und unproduktiven Arbeiten entwickle. Zudem würde die Krisis den produktiven Charakter der Arbeit an stofflichen Kriterien festmachen und nicht an der gesellschaftlichen Form. So würde man schlicht die Dienstleistungen als unproduktiv ansehen und behaupten, die Mikroelektronik führe zu einer Abnahme industrieller Arbeit. Beides zusammen ergibt für die Krisis die Krise – eine Argumentation, die sich so nicht halten lässt.

Norbert Trenkle stellt fest, dass für die Krisis-Position das Theorem vom Fall der Profitrate keine Rolle spiele. Es komme vielmehr auf die Schrumpfung der Mehrwert- und Profitmasse an. Die Profitrate könne in diesem Fall sogar steigen, wenn die Zahl der Kapitalien parallel dazu abnehme. Die Mehrwertmasse werde kleiner, weil die Verwissenschaftlichung der Produktion zu einer absoluten Verdrängung der Arbeitskraft führe. Wenn allerdings die Profitrate fällt, so müsse die Profitmasse erst recht wachsen, um einer Krise entgegen zu wirken.

Solange nur das angewandte gesellschaftliche Gesamtkapital schneller wächst als die Durchschnittsprofitrate sinkt, bleibt das Kapital als gesellschaftliches Gesamtverhältnis auf Expansionskurs.

Ein Widerspruch von Stoff und Form

In einem vor kurzem auf der Exit-Website veröffentlichten Artikel geht Claus Peter Ortlieb auf die Kritik von Heinrich an der Krisentheorie der Krisis ein. Er knüpft dabei allerdings nicht an der Auseinandersetzung zwischen Heinrich und Trenkle an, sondern bezieht sich wesentlich auf den frühen Text von Kurz aus dem Jahr 1986, “Die Krise des Tauschwerts”. Auf die Argumentationsstränge, die Kurz zusätzlich in “Die Himmelfahrt des Geldes” 1995 entwickelt, geht Ortlieb nur am Rande ein.

Ich werde nun im Folgenden beginnen, die Argumente, die ich referiere, auch zu kommentieren, und leite damit zum Schlussteil dieser Debattenskizze über, in dem ich meine eigene Sicht der Dinge zur Diskussion stellen will.

Zu Anfang fasst Ortlieb die zentrale These von Kurz nochmals zusammen:

Ihr zufolge steuere das Kapital auf eine finale Krise zu, da wegen der wachsenden Produktivität die gesamtgesellschaftliche bzw. globale Mehrwertproduktion auf Dauer abnehmen und die Kapitalverwertung schließlich zum Erliegen kommen müsse.

Ortlieb fasst die Begründung der Diagnose, die Kurz 1986 und 1995 getroffen hat, jedoch etwas anders. Er möchte die Entwicklung der gesamtgesellschaftlichen Mehrwertmasse nicht über die produktive Arbeit darstellen, sondern durch Summation der in einer stofflichen Einheit realisierten Mehrwertproduktion über die gesamte Stoffproduktion.

Michael Heinrich hat, wie geschildert, in der Debatte mit Trenkle die These von Kurz kritisiert, wonach aus der Zunahme unproduktiver Arbeit eine Abnahme der für weitere Akkumulation verfügbaren Mehrwertmasse folge. Man müsse bei einer solchen Behauptung auch die Entwicklung der Produktivität betrachten, so Heinrich:

die wachsende Produktivkraft sorgt dafür, dass die von einer ‘produktiven’ Arbeitskraft produzierte Mehrwertmasse beständig steigt, daß also eine ‘produktive’ Arbeitskraft eine ständig wachsende Masse unproduktiver Arbeit unterhalten kann.

Ortlieb wendet dagegen ein:

Auf der Ebene des stofflichen Reichtums, auf den sich die wachsende Produktivkraft ausschließlich bezieht, wäre dieses Argument (als Möglichkeit) natürlich richtig, nur mit der ‘von einer produktiven Arbeitskraft produzierten Mehrwertmasse’ hat das nichts zu tun, denn diese bemisst sich nun einmal in der verausgabten Arbeitszeit, weshalb die von einer noch so produktiven Arbeitskraft an einem Arbeitstag produzierte Mehrwertmasse nie größer sein kann als eben ein Arbeitstag.

Dieses Gegenargument von Ortlieb scheint mir nicht schlüssig. Denn bei steigender Produktivität erhöht sich der relative Mehrwert und damit die Mehrwertmasse, die den produktiven Arbeitern abgepresst wird. Während Robert Kurz die Behauptung, dass steigende Produktivität die Mehrwertmasse senke mit der Annahme begründet, dass steigende Produktivität auch eine absolute Abnahme der Zahl produktiver Arbeiter bewirke, fällt diese notwendige Zusatzhypothese in der Replik von Ortlieb an Heinrich weg.

Ortlieb widmet sich im Folgenden der Kategorie des relativen Mehrwerts und der Frage, wie Mehrwertrate und Mehrwertmasse unter den Bedingungen der relativen Mehrwertproduktion zusammenhängen.

Es ist unmittelbar einsichtig, dass die Mehrwertrate und damit der Mehrwertanteil an dem Wert einer Ware mit der Arbeitsproduktivität wächst. Aber die Aussage [von Marx, die Ortlieb zitiert; A.E.] kann auch so gelesen werden (und wird so gelesen), dass der in einer Ware enthaltene Mehrwert wächst, obwohl ihr Wert sinkt. Ist das möglich, und wenn ja, gilt das auf Dauer? Das klingt zumindest unwahrscheinlich.

Anhand zweier Zahlenbeispiele kann Ortlieb zeigen, dass bei sinkendem Gesamtwert der Waren bei steigender Produktivität grundsätzlich beide Fälle möglich sind, die von der Höhe der Ausgangsmehrwertrate abhängen: (1) bei niedriger Mehrwertrate steigen die Mehrwertrate und die Mehrwertmasse je stofflicher Produkteneinheit, (2) bei hoher Mehrwertrate steigt zwar die Mehrwertrate, die Mehrwertmasse je stofflicher Produkteneinheit jedoch sinkt.

Der Grund dafür liegt darin, dass die Kompensation der allgemeinen Verringerung der Wertgrößen durch die gleichzeitige Verbilligung der Arbeitskraft deswegen gering ausfällt, weil der Anteil der bezahlten Arbeit am Warenwert eh schon niedrig ist.

Ortlieb stellt diesen Zusammenhang auch in einer Grafik dar. Dabei bildet den einen Extrempunkt eine Situation, in der der Wert je stofflicher Einheit sehr hoch, der Mehrwert jedoch Null ist. Der andere ist nur asymptotisch anzugeben, da bei steigender Mehrwertrate die Mehrwertmasse bei sinkendem Gesamtwert je stofflicher Produkteneinheit gegen Null gehen muss. Zwischen diesen beiden Punkten beschreibt bei sinkendem Gesamtwert des Produkts (und steigender Mehrwertrate je stofflicher Produkteneinheit) die Kurve der Mehrwertmasse eine sozusagen asymmetrische Gipfelform. Die Mehrwertmasse steigt zuerst zusammen mit der Mehrwertrate bis zum Umschlagspunkt einer Mehrwertrate von 1 steil an. Danach fällt sie kontinuierlich mit geringerer Steilheit ab. Dieser theoretische Zusammenhang entspricht, so Ortlieb, einer geschichtlichen Tendenz des Kapitalismus.

Während in seinen Anfängen jede Produktivitätserhöhung zu einer Vergrößerung der in der einzelnen Ware realisierten Mehrwertmasse führte, führt sie in seinen späten Phasen zu deren Verringerung. In diesem Sinne lässt sich die Geschichte des Kapitalismus in eine Aufstiegs- und eine Abstiegsphase des relativen Mehrwerts einteilen.

Weil Ortlieb darin ein fundamentales Problem der Akkumulation erkennen will, analysiert er die Ausdehnung des absoluten Mehrwerts als eine kapitalismusfunktionale Gegenreaktion. Auch der absolute Mehrwert aber stoße früher oder später an Schranken, zumal der mögliche Arbeitstag begrenzt und der Reallohn nicht gegen Null gehen könne.

Wie schon erwähnt setzt Ortlieb das Volumen der stofflichen Produktenmenge in seiner Überlegung bis hierher konstant oder, was nur ein anderer Ausdruck dafür ist, er nimmt an, dass mit steigender Produktivität die Zahl der Arbeiter abnimmt (daher das Produktenvolumen stofflich gleich bleibt).

Die kapitalistische Realität sieht aber anders aus. Denn tatsächlich wird neue Maschinerie, die produktiver als die alte arbeitet, nicht dazu verwendet dieselbe stoffliche Produktenmenge mit weniger Arbeitskraft herzustellen, sondern ein größeres Produktvolumen. (Ob dabei der Arbeitskraftbedarf sinkt, gleich bleibt oder sogar steigt, ist eine separate Frage.) Darauf hebt auch Michael Heinrich ab, den Ortlieb wie folgt zitiert:

Die zur Produktion der einzelnen Ware nötige Arbeitszeit kann durchaus sinken, der Wert der Ware abnehmen, sofern nur der von seinem Kapital produzierte Mehrwert bzw. Profit wächst. Ob sich der Mehrwert/Profit auf eine kleinere Zahl von Produkten mit hohem Wert oder auf eine größere Zahl von Produkten mit niedrigerem Wert verteilt, ist dabei unerheblich. (Michael Heinrich, Kritik der Politischen Ökonomie, 2005, S.177/178)

Ortlieb hält den letzten Satz im Zitat “für gewagt”.

Er läuft darauf hinaus, der Volkswagen AG beispielsweise könne es egal sein, ob sie 4 Millionen oder 15 Millionen Autos im Jahr produzieren und verkaufen muss, um denselben Mehrwert/Profit zu realisieren. Insbesondere auf bereits gesättigten Märkten könnte sich hier ein Absatzproblem auftun mit der Folge einer Vernichtungskonkurrenz, wie sie auf dem Automarkt in der Tat seit Jahren im Gange ist.

Das kann ich nicht nachvollziehen. Heinrich argumentiert ja nicht auf der Ebene einzelbetrieblicher Kalküle, sondern behandelt die Frage, ob bei erhöhter Produktivität der Mehrwert bzw. Profit sinken (muss) oder nicht. Erst im folgenden Satz kommt Ortlieb auf die kapitalistische Realität der Ausdehnung der Produktenmenge bei steigender Produktivität zu sprechen.

Heinrich hat freilich darin recht, dass sich der vom Kapital produzierte Mehrwert erst aus der Multiplikation des Mehrwerts der einzelnen Ware mit dem stofflichen Umfang der Produktion ergibt.

Und auch die Schlussfolgerung, die er daraus zieht, ist im Grundsatz stimmig:

Je höher die Produktivität, desto geringer der in der einzelnen Ware enthaltene Mehrwert, desto größer der auch nur für eine konstante Mehrwertproduktion erforderliche stoffliche Output, desto schärfer die Konkurrenz, desto größer der Zwang zur weiteren Produktivitätssteigerung usw.

Warum der Zwang zu weiterer Produktivitätssteigerung und die Konkurrenz zunehmen müssen, ist mir allerdings nicht verständlich. Für Ortlieb ist damit jedenfalls die “absolute logische und historische Schranke des Kapitals”, die Kurz 1986 zu begründen versucht hatte, bewiesen. Ergänzend führt Ortlieb im Anschluss noch die ökologische Problematik des Kapitalwachstums aus. Er meint:

Wenn zur Realisierung des gleichen Mehrwerts die Produktion von immer mehr stofflichem Reichtum erforderlich wird, dann muss der stoffliche Output des Kapitals entsprechend noch stärker wachsen als die Mehrwertmasse. Wie gesehen, gilt das für die schon seit längerer Zeit erreichte Abstiegsphase der Produktion des relativen Mehrwerts. Stößt diese Expansionsbewegung nun auf Grenzen, weil der ständig zunehmende stoffliche Reichtum ja nicht bloß produziert, sondern auch zahlungsfähige Abnehmer finden muss, so kommt eine irreversible Krisendynamik in Gang: Ein konstant bleibender oder auch bloß weniger schnell als die Produktivität wachsender stofflicher Output hat eine immer geringer werdende Mehrwertproduktion zur Folge, wodurch sich wiederum die Möglichkeiten des Absatzes des stofflichen Outputs verringern, was dann verstärkt auf das Sinken der Mehrwertmasse durchschlägt usw.

Hier scheint mir Ortlieb zwei nicht zusammengehörige Argumente zu vermischen: (1) wachsender stofflicher Output, (2) Grenzen der zahlungsfähigen Nachfrage. Was das eine mit dem anderen zu tun hat, ist mir nicht verständlich. Warum der stoffliche Output stärker wachsen muss als die Mehrwertmasse, ist mir nicht plausibel. Unklar ist mir auch, warum der stoffliche Output überhaupt weniger schnell als die Produktivität wachsen können soll, wenn Ortlieb, so ich das recht verstehe, Produktivität ja als stoffliche Produktivität auffasst.

Die Expansionsbewegung findet am begrenzten Massenkonsum laut Ortlieb ihre Schranke. Gibt es auch keine Subsistenzbereiche mehr für den Kapitalismus zu erobern, sei die Krise nicht mehr aufzuhalten. Dazu kommt wie bei Kurz für Ortlieb die Mikroelektronik. Diese würde mehr Arbeitskraft überflüssig machen als sie neu vernutzen könne. Ortlieb stellt in meinen Augen richtig fest, dass diese These sich empirisch behaupten können muss. Allerdings leistet Ortlieb ebenso wenig wie Kurz eine solche empirische Überprüfung. Ersterer verweist lediglich darauf, das es empirische Indizien “zuhauf” gibt und dass Kurz sie auch anführe.

Anders als noch im vorhergegangenen Abschnitt seines Artikels, wo er meinte, die “absolute logische und historische Schranke” des Kapitals wie Kurz 1986 schon bewiesen zu haben, räumt Ortlieb nun eine Unsicherheit ein. Man könne nicht wissen, ob die Krise tatsächlich so weit fortgeschritten sei wie die Empirie zu indizieren scheint.

Aber natürlich kann der empirische Schein trügen und das Kapital sich noch einmal berappeln, es fragt sich dann nur, mit welchen Folgen für sich selbst und die Menschheit.

Diese Begründung für die Unsicherheit in der Einschätzung der Krise finde ich eigenartig. Denn die Krise wird ja theoretisch analysiert, ihre wesentlichen Prozesse werden theoretisch konstruiert. Dann kann die Empirie aber nicht das Urteil über die Haltbarkeit der theoretischen Erklärung fällen. Wenn sich das Kapital “noch einmal berappelt”, dann nicht, weil der “empirische Schein” trügt, sondern weil die Theorie falsch ist bzw. die Empirie eben kein bloßer “Schein” ist, sondern die Realität schlechthin. Die Unsicherheit in der Kriseneinschätzung wirkt noch merkwürdiger, wenn Ortlieb fortfährt:

Diese Unsicherheit über den weiteren Verlauf der Krisendynamik ändert nämlich nichts daran, dass das Kapital an seiner eigenen Dynamik zugrunde gehen muss, wenn es nicht vorher durch bewusste menschliche Handlungen überwunden wird. Das folgt allein schon aus seinem schrankenlosen Wachstumszwang auf der einen und der Endlichkeit menschlicher und stofflicher Ressourcen, auf die es angewiesen bleibt, auf der anderen Seite.

Zum Einen liest sich das wie ein Widerspruch zur vorher getroffenen Aussage, wonach das Kapital sich durchaus “noch einmal berappeln” könne. Zum Anderen führt Ortlieb an dieser Stelle ein neues Argument ein, das in der Krisenbegründung bis jetzt nicht erwähnt worden ist, wiewohl er diese eigentlich schon für ausreichend erklärt hat, um die “absolute logische und historische Schranke” des Kapitals zu beweisen – nämlich die Endlichkeit menschlicher und stofflicher Ressourcen.

Die Endlichkeit menschlicher Ressourcen bedeute, dass die gesamtgesellschaftliche Profitrate bzw. Akkumulationsrate fallen müsse, “eine konstante Profitrate aber eine exponentiell wachsende Arbeitsbevölkerung zu ihrer Voraussetzung hätte”. Ortlieb verweist auf eine Arbeit von Hüller, die ich nicht kenne. Für sich genommen, müsste man fragen, wie Profit- und Akkumulationsrate zusammenhängen. Michel Husson hat zum Beispiel gezeigt, dass im postfordistischen Akkumulationsregime eine relativ hohe Profitrate mit einer im Vergleich mit dem Fordismus sehr niedrigen Akkumulationsrate einhergeht. Davon abgesehen, würde diese Grenze des Kapitalwachstums in sehr ferner Zukunft liegen. Schließlich liegt die Erwerbsquote noch lange nicht bei 100% der arbeitsfähigen Weltbevölkerung. Worin die stofflichen Ressourcengrenzen bestehen und inwiefern sie sich negativ auf die Mehrwertmasse auswirken, darauf geht Ortlieb jedoch gar nicht ein.

Den Abschnitt, der mit “Wachstumszwang, historische Expansion und stoffliche Grenzen” überschrieben ist, beendet Ortlieb dagegen wiederum mit dem Verweis darauf, dass die Mikroelektronik mehr Arbeitskraft eliminiert als neu vernutzt. Dem würde nur entgegenwirken, wenn arbeitsintensive Produktinnovationen die Prozessinnovationen übersteigen würden. Davon sei nichts zu sehen.

Ich habe den Eindruck, dass Ortlieb hier zwischen der ursprünglichen Krisentheorie von Kurz und einem Verweis auf ökologische Grenzen, der aber eher vage bleibt, changiert. Davon abgesehen bleiben für mein Verständnis Fragen offen, was das Verhältnis zwischen Mehrwert je stofflicher Produkteneinheit und der gesamtgesellschaftlichen Ebene betrifft. So schreibt Ortlieb, dass bei einer Produktivitätssteigerung durch Maschinerie (der im Kapitalismus übliche Fall, da ist Ortlieb zuzustimmen) nicht nur der Warenoutput (z.B. von Hemden) wächst,

sondern darüber hinaus zusätzliche Maschinen und Energie kapitalistisch produziert werden müssten, die im Produktionsprozess verbraucht würden. Das bedeutet, dass für denselben Mehrwert ein immer größerer Ressourcenverbrauch nötig wird, der größer ist und noch schneller wächst als der erforderliche stoffliche Output.

Dem kann ich nicht zustimmen. Denn die Maschinen und die Energie, die für die Erhöhung der Hemdenproduktion eingesetzt werden, sind ja ebenfalls Waren, die Mehrwert enthalten. Mir ist nicht klar, wie man eine Grenze zwischen der Produktion von z.B. Hemden und der von z.B. Nähmaschinen ziehen soll. Aus Sicht des Kapitalismus macht das ja keinen Unterschied, es geht nur um den Mehrwert, nicht um seine stofflichen Träger. Ortlieb jedenfalls zieht den Schluss:

Hätte Kurz (1986) also unrecht und würde die Kapitalakkumulation unbeschränkt weitergehen, so wäre über kurz oder lang die Zerstörung der stofflichen Grundlagen der Kapitalverwertung, aber eben auch menschlichen Lebens überhaupt die unausweichliche Folge.

Obwohl wir in “Die Grenzen des Kapitalismus” durchaus zu düsteren Perspektiven kommen, sofern der Kapitalismus nicht überwunden wird, und mein Einwand gegen diese Stelle keiner Schönrednerei der Umweltzerstörung geschuldet ist, möchte ich ihn dennoch machen: ich finde, Ortlieb nimmt die Potenz der ökologischen Beschränkung als eigenständige Krisenursache nicht ganz für voll, denn es ist für mich nicht denkbar, dass die “Kapitalakkumulation unbeschränkt weitergeht” während sie “über kurz oder lang die stofflichen Grundlagen der Kapitalverwertung zerstört”. Letzteres muss erstere sehr empfindlich treffen. Dass das menschliche Leben dadurch überhaupt zerstört würde, ist denke ich nicht begründbar. Da ist die Gefahr eines atomaren Kriegs sehr viel ernster zu nehmen.

Auf der anderen Seite unterschätzt er die Möglichkeiten der Effizienzsteigerung. Eine Analyse von Adriaanse et al. (1998, “Stoffströme”) zeigt, dass die Materialintensität in den Niederlanden, den USA, Japan und Deutschland zwischen 1975 und 1994 sinkt (S. 34). Die Materialintensität ist in diesem Fall das Verhältnis des Direkten Materialinput zum BIP. Der Direkte Materialinput ist der “Fluß von verwertbaren Primärmaterialien, der zur Weiterverarbeitung in die jeweilige Volkswirtschaft eintritt” (S. 23). Es wird also eine immer größere Wertmenge in derselben stofflichen Menge dargestellt, sofern man das BIP als einen Indikator des Wertprodukts einer Nationalökonomie interpretiert. Andere Studien zeigen ähnliche Tendenzen.

Vorläufiges Resümee

Ich ziehe nach diesem Durchgang durch die Debatte – eher stichwortartig – ein vorläufiges Resümee.

Krisenbegriff

Jede Krisentheorie muss zuerst einmal angeben können, was sie unter Krise versteht. Robert Kurz hat sich in seinen beiden zitierten Veröffentlichungen zum Thema auf die Diktion von der “Endkrise” und vom “Zusammenbruch” festgelegt. Das provoziert die Frage, (1) wie dieser Zusammenbruch aussieht und (2) wie er sich von normalen kapitalistischen Krisen unterscheiden soll. Die Einwände und Nachfragen von Michael Heinrich kann ich in diesem Punkt nachvollziehen.

Es ist ganz richtig, dass man die Krise nicht überhistorisch, sondern als kapitalistisch formbestimmt begreifen muss. In der engsten Fassung des Krisenbegriffs ist vom spezifisch kapitalistischen Produktionszweck auszugehen. Auch das hat Michael Heinrich wiederholt und zurecht betont. Der kapitalistische Produktionszweck ist der Profit. Eine kapitalistische Krise im engsten Sinn erfordert daher, dass der Profit abnimmt oder ausbleibt, und zwar im gesamtgesellschaftlichen Durchschnitt.

In der “Krise des Tauschwerts” hatte Kurz selbst noch wesentlich auf den Fall der Profitrate abgestellt. Dieses Theorem wird in “Die Himmelfahrt des Geldes” zurückgenommen. Die “Endkrise” stellt sich laut Kurz “nicht bloß” als verschärfter Profitratenfall dar – was im Umkehrschluss heißt: aber auch. Der springende Punkt jedoch sei, dass die Akkumulation überhaupt aufhört, weil kein Mehrwert für weitere Akkumulation zur Verfügung steht. Norbert Trenkle schließlich bezeichnet den Profitratenfall als gänzlich unbedeutend für die Theorie der Fundamentalkrise des Kapitalismus, wie sie die Krisis entwickelt hat.

Die Debatte wird meines Erachtens durch die unzureichende, uneindeutige Krisenbestimmung erschwert. Zum Einen behauptet die These von der schrumpfenden Mehrwertmasse keine im eigentlichen, engen Sinn kapitalistische Krise. Umso weniger, wenn die Profitrate dabei sogar steigen können soll. Es handelt sich dabei auch nicht um eine Krise des Kapitalismus als eines Weltsystems, denn der Zugriff der selbst in der “finalen Krisenphase” fortbestehenden “Produktivitätsinseln” auf globale Ressourcen bleibt in der Krisis-Sicht ebenso erhalten wie der Weltmarkt als ein globaler Konkurrenz-Zusammenhang.

Wie Karl Reitter vor geraumer Zeit im Text “Das Ende naht?” (erschienen in Weg & Ziel) festgestellt hat, wird hier ein neuer Typ von Krise eingeführt. Meiner Meinung nach nicht in dem Sinn, dass eine “Endkrise” behauptet wird, sondern weil es sich zwar um eine krisenhafte Entwicklung handelt, jedoch nicht strikt ökonomisch. Nachdem mich die Krisentheorie von Robert Kurz – jedenfalls in bisheriger Fassung – nicht überzeugt, möchte ich mich hier nicht damit beschäftigen, diesen Krisentypus näher zu erörtern und eventuell zu präzisieren. Meines Erachtens geht es dabei jedenfalls um Fragen der gesellschaftlichen Hegemonie und deren Bedingungen. Abgesehen davon, dass der Kurzsche Krisentyp natürlich eine handfeste soziale Krise darstellt. Jedoch kann es zu einer sozialen Krise kommen ohne dass der Produktionszweck des Kapitalismus verletzt wird. Ganz im Gegenteil ist das ja der kapitalistische Regelfall. Und weiters unterscheidet der Aspekt der sozialen Krise die von Kurz behauptete Krise nicht von einer normalen kapitalistischen Krise.

Ironischerweise hat der Kurzsche Krisentypus in meinen Augen mehr mit der Krise einer Regulationsweise zu tun, wie sie die von Kurz heftig kritisierte Regulationstheorie anvisiert, als mit einer im engsten Sinn kapitalistischen Krise (siehe oben). Man kann Kurz durchaus so übersetzen, dass seiner Meinung nach ein Akkumulationsregime in die Krise kommt. Der neue Aspekt bei Kurz 1986 ist, dass die Krise des Akkumulationsregimes nicht mehr aufgelöst werden könne. 1995 schließlich meint er, dass diese Krise auch dem Verlauf nach nicht mehr herkömmlichen Akkumulationskrisen entspreche (weil der Profitratenfall nicht mehr das wesentliche Moment dabei sei). Bei Norbert Trenkle wird dieser Aspekt noch gewichtiger, nachdem in dieser Sicht die Profitrate trotz “Krise” sogar steigen könne.

Inzwischen gibt es übrigens auch innerhalb der Regulationstheorie Stimmen, die eine theoretische Fixierung auf ein stabiles Akkumulationsregime und eine kohärente Regulationsweise hinterfragen. So plädiert Joachim Becker dafür, den Begriff der Regulationsweise als den Sonderfall eines Regulationsdispositivs zu fassen (2002; Akkumulation, Regulation, Territorium, S. 166):

Daß die heterogenen Elemente der Regulation so ineinandergreifen, daß ein kohärentes Ensemble entsteht, ist, wie Aglietta (1997: 429) bemerkt, eine Ausnahme. Eine solche Verdichtung ist nur zu bestimmten Zeiten in bestimmten Räumen möglich. Dieser Ausnahme hat das Hauptinteresse der Regulationstheorie gegolten, für diesen Zustand haben sie den Begriff der Regulationsweise geprägt. Es ist jedoch auch notwendig, langwierige Instabilität analytisch zu fassen. Auch in der Krise herrscht kein unstrukturiertes Chaos. Es ist vielmehr so, daß die strukturellen Elemente des Dispositivs nur mehr schlecht ineinander greifen …

Relativer Mehrwert

Als wesentliche Schwachstelle bei Kurz 1986 sehe ich die Art, wie er die Steigerung des relativen Mehrwerts analysiert. Denn die These von der schrumpfenden Mehrwertmasse hängt meinem Verständnis nach in diesem Text allein daran, zu behaupten, dass mit steigendem relativen Mehrwert auch die Zahl der Lohnarbeiter abnimmt. Das sehe ich nicht ausreichend begründet.

Diese Schwachstelle zeigt sich zum Einen, wenn man die These der absoluten Verminderung der Arbeiterzahl überprüft. Angus Maddison hat Statistiken zu Arbeitsstunden und Erwebstätigenzahl für die USA, Japa und Großbritannien zusammengestellt (2007; Contours in the World Economy. 1-2030 AD, S. 384f.). Die Zahl der Arbeitsstunden nimmt demnach in den USA und in Japan zwischen 1973 und 2003 zu; in Großbritannien sinkt sie leicht. Allerdings steigt die Zahl der Erwerbstätigen auch in Großbritannien in diesem Zeitraum. Zumindest für die USA und europäische Länder aber sollte sich nach Kurz eine Abnahme der Arbeiterzahl zeigen. Die Zahl der Erwerbstätigen in China ist, seit dem Beginn der Statistik, mit jedem Jahr seit 1977 gestiegen. Das sagen jedenfalls offizielle Angaben, die man der Datenbank der ILO entnehmen kann. Eine detaillierte Analyse der Beschäftigungsmuster innerhalb der OECD zwischen 1973 und 1985 – in der Perdiode also, die Kurz 1986 direkt vor Augen hatte – zeigt, dass die Entwicklung der Arbeitslosigkeit sehr uneinheitlich vonstatten ging (Glyn et al., 1990, “The Rise and Fall of the Golden Age”, in: Marglin & Schor (Hg.), “The Golden Age of Capitalism”). Tatsächlich stieg im OECD-Schnitt die Arbeitslosigkeit um 4,9% im Schnitt, die Erwerbsquote fiel allerdings nur um 2,3%, weil zugleich die “Participation rate” um 2,8% zunahm (S. 226).

In einem umfangreichen statistischen Werk gibt Angus Maddison weltweite Erwerbstätigenquoten bis in das Jahr 1998 an (2006; The World Economy, S. 355f.). In Europa, Japan und den kolonialen Nachfolgestaaten ist die Erwerbstätigenquote 1990 höher als 1973 (sinkt allerdings in mehreren Fällen wieder 1998). Sie liegt 1998 bei 43,5% der Gesamtbevölkerung. Für Lateinamerika und Asien gilt dasselbe Muster. Nachdem die Bevölkerung wächst, bedeutet selbst eine konstante Erwerbsquote eine Zunahme der Zahl der Erwerbstätigen.

Bezogen auf die Erwerbsarbeitsstunden pro Kopf der Bevölkerung ergibt sich in Europa, Japan und den kolonialen Nachfolgestaaten ein deutlicher Abfall zwischen 1973 und 1998 (S. 354). Dieser ordnet sich allerdings in die langfristige Reduktion der gesamtgesellschaftlichen Erwerbsarbeitszeit seit 1870 ein und ist im übrigen zwischen 1973 und 1998 zum Beispiel in den 12 westeuropäischen Staaten geringer als zwischen 1950 und 1973 oder zwischen 1913 und 1950. In den USA hingegen steigt die Arbeitsstundenzahl im Schnitt zwischen 1973 und 1990 und danach auch bis 1998 deutlich an.

Der zweite Schwachpunkt aber ist, dass Kurz die Abnahme der Zahl der Lohnarbeiter mit einer “mikroelektronischen Produktivkraftrevolution” begründen will. Mich kann auch das nicht überzeugen. 1987 hat Robert Solow entgegen der vermeintlichen “Produktivkraftrevolution” darauf hingewiesen, dass man Computer überall außer in den Produktivitätsstatistiken sehen könne (zitiert in Bloom et al., 2007, “Why some do IT better“).

Seit Solows “Produktivitätsparadoxon” sind immerhin mehr als 20 Jahre vergangen. Sieht die Bilanz inzwischen besser aus? Wenn man sich die Produktivitätsentwicklung ansieht, muss man sagen: nein. Zwar zeigen einschlägige Studien, dass sich in den USA seit 1995 tatsächlich ein positiver Effekt der Mikroelektronik auf das Produktivitätswachstum nachweisen lässt (siehe den Link oben; Shinozaki, o. J., “ICT Productivity in Japan: another Puzzle?“; ebenso Robert Brenner, 2002, “Boom & Bubble”, S. 81). Offenbar kam der Effekt aufgrund der nötigen Investitionen später zum Tragen als erwartet. Dennoch ist das nach BIP gewichtete, durchschnittliche Produktivitätswachstum der G6 (USA, Japan, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien) seit den 1960er Jahren drastisch gesunken. Es liegt in den 1980er und 1990er Jahren bis zum Jahr 2003 auch durchwegs unter den Wachstumsraten der Produktivität in den 1970er Jahren (Grafik in Michel Husson, 2004, “Der Kapitalismus nach der ‘Neuen Ökonomie’, in: Christian Zeller (Hg.): “Die globale Enteignungsökonomie”, S. 128). In den EU-11 liegt das Produktivitätswachstum zwischen 1995 und 2000 bei nur 1,3%, zwischen 1990 und 1995 bei 1,9%, ebenso wie zwischen 1979 und 1990. Die Produktivität der EU-11-Ökonomien wuchs jedoch zwischen 1960 und 1969 um 5,2% und zwischen 1969 und 1979 auch noch um 3,2% (Brenner, S. 81).

Offenbar sind vor allem die Datenverarbeitungsindustrien selbst die Hauptnutznießer der mikroelektronischen Produktivitätssteigerung (siehe z.B. Husson, S. 142). Außerhalb dieses Sektors wird dieser Effekt nicht sichtbar. Michel Husson selbst gibt eine interessante Erklärung des “Produktivitätsparadoxons” von Solow. Die beiden aus meiner Sicht wichtigsten Faktoren, die er anführt, sind: (1) eine niedrige Akkumulationsrate, die Husson für die G6 im fraglichen Zeitraum nachweist, ist eine Bremse für die Verbreitung der neuen, potenziell produktiveren Ausrüstungsgüter und hemmt auch die Modernisierung des Kapitalstocks; (2) unterproduktive “Dienstleistungen” sind sogar “im Kern des produktiven Apparates” vermehrt anzutreffen. Damit, so interpretiere ich Husson, ist gemeint, dass nicht zuletzt die mikroelektronischen Technologien einen hohen Wartungs- und Betreuungsaufwand nach sich ziehen, der den Produktivitätszuwachs zum Teil kompensiert. Plausibel scheint mir, wie Stefan Krüger meint (2007, “Konjunkturzyklus und Überakkumulation”, S. 139), dass der “Stachel steigender Geldlöhne”" stumpfer wird, das heißt der Anreiz zur produktivitätssteigernden Modernisierung bei stagnierenden Reallöhnen geringer ist als in der Periode des Fordismus.

Krüger zeigt anhand des Indexes der industriellen Nettoproduktion – das heißt durch weitgehende Verwendung stofflicher Outputgrößen, wie er betont, und nicht mithilfe des preisbereinigten BIP pro Beschäftigtenstunde bzw. pro Kopf wie in den anderen von mir genannten Arbeiten -, dass in Deutschland die Wachstumsrate der Produktivität in den 1980er und 1990er Jahren bis zum Jahr 2006 im Schnitt niedriger ist als in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren. Krüger stellt auch fest, dass er damit die gesamtwirtschaftliche Produktivitätsentwicklung überschätzt. Offensichtlich geht er davon aus, dass “Dienstleistungen” geringeres Produktivitätswachstum aufweisen. Nachdem deren Anteil, so wie Dienstleistungen üblicherweise gefasst werden, zunimmt, müsste das gesamtwirtschaftliche stoffliche Outputwachstum je Arbeitsstunde in Deutschland noch stärker gesunken sein.

Die Bilanz der Mikroelektronik bleibt also nach wie vor unter den Erwartungen (einen Überblick über verschiedene Detailstudien gibt es bei Alan Peslak, 2004, “An Empirical Study of the Effect of Information Technology Expenditures on Student Achievement“). Das schwächelnde Produktivitätswachstum ist aus Sicht des Kapitals auch ein ernsthaftes Problem. Man muss nur den Artikel von Jean Claude-Trichet zum unzureichenden Produktivitätswachstum in Europa lesen, um davon einen Eindruck zu bekommen (2005, “Growth Potential, Labour Productivity and Structural Reforms in Europe“).

Inzwischen warnt ein Report von PriceWaterHouseCoopers, dass das Produktivitätswachstum durch IT absinke. Ein Artikel der Financial Times hat sich dem Thema am 22. Oktober (Beilage “Digital Business”, S. 1) angenommen. Der alarmistische Tonfall deutet darauf hin, dass selbst aus einzelbetrieblicher Perspektive die IT mehr ein Klotz am Bein als eine profitable Technologie geworden ist. Nachdem in den USA im Vergleich mit Japan und der EU die größten mikroelektronischen Produktivitätszuwächse ab etwa 1995 generiert worden sind, ist der Einbruch der Produktivitätssteigerungen in den USA, die der PwC-Report feststellt, besonders signifikant. Seit 2001 habe sich der Beitrag der IT zum Produktivitätswachstum der USA verkleinert, heißt es in der Studie. PwC sieht die zunehmende Komplexität der IT an der Wurzel des Phänomens. Die sinkenden Kosten für mikroelektronische Technologie hätten zu einem raschen Wachstum geführt. Damit hätte sich aber auch die Komplexität der IT-System enorm gesteigert. Das ziehe nach sich, dass die Kosten für Wartung und Betreuung stark anwachsen und die Produktivitätszuwächse durch die IT zunehmend kompensieren. Inzwischen hätte sich die Kostensenkung der IT-Komponenten verlangsamt, während die Wartungskosten inklusive von “Schattenkosten”, die nicht in den IT-Budgets der Betriebe auftauchen, konstant geblieben sind, was dazu führe, dass die Kosten der IT-Systeme insgesamt zunähmen, meint PwC. PwC empfiehlt auf Basis dieser Analyse, die IT-Systeme flexibler und offener zu gestalten. Auch diese Strategie hat allerdings ihren eigenen Pferdefuß, wie PwC feststellt. Denn damit steigt zugleich das Potenzial für unkontrollierbare Kosten und die Datensicherheit nehme ab.

Es ist also nicht nur der Produktivitätszuwachs durch die Mikroeletronik relativ bescheiden. Er nimmt wahrscheinlich auch schon seit mehreren Jahren ab und zugleich droht vielleicht sogar noch eine Verschärfung des Rückgangs der Produktivitätszuwächse.

Um zu Robert Kurz zurückzukehren. Ich denke, dass Robert Kurz 1986 unter dem Eindruck der “Deindustrialisierung” in den kapitalistischen Metropolen stand, die ihm seine theoretischen Schlüsse zu bestätigen schienen (wahrscheinlich sogar ihr Ausgangspunkt waren). Ebenso wie viele andere war er auch von den (vermeintlichen) Möglichkeiten der Mikroelektronik beeindruckt. Während die meisten jedoch eine “New Economy” erhofften, kehrte Kurz diese Hoffnung in ihr Gegenteil um und prognostizierte einen qualititativen Sprung der Krisenverschärfung infolge der Informations- und Kommunikationstechnologie.

Unproduktive Arbeit

Seit dem Artikel von 1995 würde Kurz entgegen, dass es ja nicht um die absolute Zahl der Arbeitskräfte oder Arbeitsstunden gehe, sondern um das Verhältnis von produktiver und unproduktiver Arbeit. Man müsse (1) die Produktivitätsentwicklung und die Zahl der Arbeitsstunden der produktiven Arbeit betrachten und sie (2) mit den entsprechenden Entwicklungen in den unproduktiven Sektoren ins Verhältnis setzen.

Auf den ersten Blick könnte man Indizien dafür finden, dass Kurz’ These belegt werden kann. So wächst die Produktivität, wenn man nur das verarbeitende Gewerbe – wohl ein “produktiver Kernsektor” in der Sicht von Kurz – betrachtet, in den USA, in Deutschland sowie in Japan zwischen 1979 und 1999 deutlich (Robert Brenner, 2002, Boom & Bubble, S. 96). Wenn man sich jedoch die tatsächlichen Wachstumsraten der Produktivität im verarbeitenden Gewerbe ansieht, so liegen sie im Vergleich zu den gesamtwirtschaftlichen (!) Raten der 1960er und 1970er Jahre immer noch niedriger (siehe die aus Brenner zitierten Werte der EU-11 oben; in den USA lag der gesamtwirtschaftliche Produktivitätszuwachs 1960-169 bei 2,5%). Brenner (S. 95) nennt für den Zeitraum zwischen 1983 und 1993 folgende Werte für das Produktivitätswachstum im verarbeitenden Gewerbe: 4,8% Großbritannien, 4,5% Japan, 3% Italien, 2,5% USA, 2,2% Kanada, 1,7% Deutschland.

Glyn et al. haben 1990 eine detaillierte empirische Analyse der ökonomischen Entwicklung in den OECD-Staaten seit dem Zweiten Weltkrieg vorgelegt (“The Rise and Fall of the Golden Age”, in: Marglin & Schor (Hg.), “The Golden Age of Capitalism”). Die Tabelle auf S. 96 zeigt, dass zwischen 1979 und 1985 die Wachstumsrate der Produktivität bezogen auf Arbeitsstunden im verarbeitenden Gewerbe in allen aufgelisteten Staaten (USA, Japan, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien) unter den Werten der späten 1960er Jahre liegt.

Tatsächlich sind solche Vergleiche aber gar nicht notwendig. Denn Robert Kurz’ Neufassung des Begriffs der produktiven Arbeit ist empirisch grundsätzlich nicht anwendbar. Michael Heinrichs Kritik, dass der Kurzsche Begriff produktiver Arbeit zirkulär ist, teile ich. Schließt man produktive Arbeit definitorisch auf produktive Arbeit zurück, so hat man keine Möglichkeit mehr, produktive von unproduktiver Arbeit zu unterscheiden. Der Begriff verliert damit nicht nur jeden empirischen Bezugspunkt. Er verliert auch seinen Sinn.

Zudem habe ich auch – wie Michael Heinrich – den Eindruck, dass Kurz letztlich keine Formbestimmung produktiver Arbeit trifft, sondern von stofflich unterschiedlichen Arbeitsformen ausgeht. Das ist im Text von 1995 auch sehr deutlich, wo er den Übergang in eine angebliche “Dienstleistungsgesellschaft” als Aufhänger dafür nimmt, eine Fundamentalkrise des Kapitalismus zu erörtern. Zwar betont er gegen Ende des entsprechenden Abschnitts, dass seine Unterscheidung von produktiver und unproduktiver Arbeit quer zur Einteilung nach industriellen und Dienstleistungssektoren liege. Doch wenn es darum geht, empirische Belege dafür zu liefern, belässt er es bei einer Behauptung. Zudem geht es im Kontext seiner These ja wesentlich um den Zeitraum ab der Krise des Fordismus zu Anfang der 1970er Jahre, wo seiner Annahme nach der Anteil unproduktiver Arbeiten sprunghaft zunehmen müsste. Eine Aussage bezüglich längerfristiger Tendenzen reicht deshalb nicht als Beleg aus. Außerdem verstrickt er sich damit in den grundsätzlichen Widerspruch, für eine nicht empirisch festzumachende “unproduktive Arbeit” empirische Belege ihrer Entwicklung anführen zu wollen. Robert Kurz schreibt im Wortlaut:

Auch wenn es sicherlich noch weitere Grenzfälle, Grauzonen und “gemischte” Formen der Tätigkeit gibt, so steht doch fest, daß sich insgesamt historisch der Anteil der kapitalistisch unproduktiven Arbeiten, die (vom Standpunkt der Mehrwertproduktion aus) nichts als gesellschaftlichen Konsum und somit “Gemeinkosten” darstellen, unaufhaltsam erhöht.

Wie Christian Girsch in “Die Dienstleistungsgesellschaft. Zur Kritik einer fixen Idee” (2003) dargestellt hat, ist die Kategorie der “Dienstleistung” in keiner Weise überzeugend und weder für eine empirische noch für eine werttheoretische Herangehensweise brauchbar. Man kann sie daher auch nicht als Ausgangspunkt oder “stillen Hintergrund” einer Reflexion der Entwicklung des Anteils produktiver Arbeit heranziehen.

Bedient man sich jedoch der herkömmlichen Fassung produktiver Arbeit – Ortlieb erwähnt sie, Peter Samol verwendet sie in seinem Beitrag “Arbeit ohne Wert” (Krisis 31, 2008) – so kann man durchaus empirische Aussagen über das Verhältnis produktiver zu unproduktiver Arbeit treffen.

Für Deutschland hat das Stefan Krüger versucht (2007, “Konjunkturzyklus und Überakkumulation”). Während der Handel laut Krügers Berechnung Ende der 1950er Jahre rund 30% des Mehrwerts verzehrte, verschlingt er inzwischen rund 60%. Das Wachstum des Mehrwertanteils, der unproduktive Arbeit speist, hat sich allerdings seit den 1980er Jahren aufgrund der Produktivitätszuwächse der Mikroelektronik stark verlangsamt.

Im Resultat neuer Produktivkräfte ergeben sich erweiterte Möglichkeiten der Effektivierung von Zirkulationsoperationen und dem Zirkulationsprozess geschuldeter Abzüge an potenziell produktiv anwendbarem Kapital. Seit Anfang der 1980er Jahre bleibt die Belastung der Mehrwertmasse durch Zirkulationskosten in etwa konstant. Die fortgesetzte Beschleunigung des Umschlags des zirkulierenden Kapitals bildet ein Gegengewicht gegenüber gesteigerter Kapitalbindung durch die gestiegene Kapitalintensität. Im Ergebnis wird die Profitmasse nicht mehr durch steigende Zirkulationsaufwendungen geschmälert.

Krüger stellt einen Rückgang des produktiven Arbeitsvolumens in Deutschland seit dem Konjunkturzyklus 1972-1975 fest und meint: “… die BRD-Kapitalakkumulation stößt an immanente Grenzen” (S. 135). Der Exploitationsgrad produktiver Arbeit sinkt in der BRD laut Krüger seit dem Zyklus 1976-1982 (S. 137). Die Profitmasse nimmt zwar durchgängig seit 1950 zu, jedoch mit langfristig abnehmender Rate (S. 138).

Dass der kapitalunproduktive Staatskonsum langfristig wächst, ist ebenfalls evident. Wie auch beim Handel in der BRD (siehe Krüger) geht dieses Wachstum unproduktiver Verwendung von Mehrwert jedoch in dem Zeitraum, in dem es laut Kurz eigentlich eskalieren sollte, jedoch zurück bzw. stagniert.

Simon Mohun hat 2004 den Anteil unproduktiver Arbeit in den USA untersucht (Productive and Unproductive Labor and the Profit Share in the U.S. Economy). Er findet, dass unproduktive Arbeit zunimmt. In welchem Maße hängt jedoch von der Bezugsgröße ab. Die Abnahme produktiver Arbeit ist am stärksten bei Bezug auf die Lohnsumme – 1964 wurden 44,3% der Löhne für produktive Arbeiten bezahlt, 2000 nur mehr 34,2%. 49,2% aller Arbeitsstunden waren 1964 produktiv, nur mehr 46,1% jedoch im Jahr 2000. Die Abnahme der produktiven Arbeit ist also deutlich, aber keineswegs drastisch zu nennen.

Die Daten dieser beiden Studien sind sicherlich nicht erschöpfend, um die Frage zu beantworten, ob und inwieweit die Zunahme unproduktiver Arbeit zu einer Absenkung von Rate und Masse des Profits führt. Auch darf man die methodischen Probleme empirischer Studien nicht unterschätzen. Jedenfalls finden sich meines Erachtens darin keine Indizien, die die Kurzsche These der Fundamentalkrise, wie er sie 1995 formuliert, stützen könnten. Wollte man diese These stützen, so müsste man sich stärker der empirischen Überprüfbarkeit und Überprüfung widmen.

Mehrwertmasse – Akkumulation

Analytisch ist gegen Kurz’ Diskussion der Entwicklung des relativen Mehrwerts einzuwenden, dass eine Erhöhung des relativen Mehrwerts nicht notwendig bedeutet, dass weniger Arbeitskräfte eingesetzt werden. Diese Annahme, die ich nicht begründet sehe, findet sich auch bei Ortlieb. Kurz nimmt zudem eine Abnahme der Arbeiterzahl bei einer Steigerung der Kapitalintensität an. Auch das kann ich nicht nachvollziehen. Empirisch zeigt sich das auch nicht.

Was die Profitmasse angeht, so zieht Kurz einzig in Betracht, dass sie mit steigender Zahl der Lohnarbeiter steigt. Ich würde jedoch hinzufügen, dass die Profitmasse auch bei vergrößertem Output je Zeiteinheit, das heißt steigender Kapitalproduktivität (Output pro Kapital) zunimmt. Der Mehrwertanteil an der stofflichen Produkteneinheit nimmt zu, während der Gesamtwert dieser Einheit abnimmt – das stellt Ortlieb in der Grafik in seinem Artikel dar. Wenn aber zugleich die Zahl der stofflichen Produkteneinheiten pro Zeiteinheit zunimmt, so muss die Mehrwertmasse nicht abnehmen, kann sogar zunehmen.

Ortlieb hat recht, dass bei unendlich steigender Produktivkraft der Wert des einzelnen Produkts gegen Null gehen muss und dann auch kein Mehrwert existiert. Allerdings wird die Produktivkraft in der realen Welt nicht unendlich steigen. Das heißt, der Punkt, an dem der Gesamtwert des einzelnen Produkts gegen Null geht, wird realiter nie erreicht, sondern existiert lediglich als mathematische Fiktion. Davon abgesehen müsste Kurz seiner These gemäß ja zeigen können, dass wir seit den 1980er Jahren oder seit den 1990er Jahren bei einem Punkt angelangt sind, ab dem die Mehrwertmasse global schrumpft. Oder man müsste wenigstens zeigen können, dass man diesen Punkt in naher Zukunft notwendig erreicht. (Womit die ursprüngliche These von Kurz jedoch schon nicht mehr haltbar wäre, bezieht er doch von der “Deindustrialisierung” bis zur Finanzmarktdynamik viele kontemporäre Phänomene auf die “Fundamentalkrise”, die er unterstellt. Sollte letztere noch nicht eingetreten sein, so können erstere auch nicht als Belege herhalten; sofern ein theoretischer Zusammenhang denn gezeigt werden könnte.)

Fiktives Kapital

Im Ansatz von Robert Kurz spielt die Ausdehnung des fiktiven Kapitals eine entscheidende Rolle als Beleg für die These der Fundamentalkrise. Ich halte an diesem Punkt Heinrichs Einwand für berechtigt, dass Kurz vom Marxschen Begriff des fiktiven Kapitals abweicht und nicht nur das in diesem Sinn fiktive Kapital meint, sondern auch “fiktive Anlagemöglichkeiten” hinzuzählt, etwa wenn er 1995 schreibt, dass auch Kredite an nicht-rentable Unternehmen “fiktives Kapital” darstellen.

Die Schwierigkeit besteht in der Debatte meinem Eindruck nach darin, dass die Ausdehnung fiktiven Kapitals (1) tatsächlich krisenverstärkend wirkt und (2) die Realakkumulation zu einem bestimmten Teil von fiktivem Kapital abhängt. Das heißt aber nicht umstandslos, dass die These der “Fundamentalkrise” bestätigt ist in dem Sinn, dass es keine Akkumulation von Realkapital mehr geben könne.

Wie Michael Heinrich halte ich auch die Ausdehnung der Kreditsphäre als solcher nicht für ein Krisenphänomen, sondern für ein Merkmal eines “entwickelten Kapitalismus”. Akkumulation ist ohne Kredit nicht möglich und wird durch ein ausgedehntes Kreditsystem beschleunigt. Damit verschärfen sich auch die Krisenpotenzen, was aber nicht heißt, dass die Akkumulation des Kapitals an Grenzen stößt.

Kurz versucht seine Auffassung der zunehmenden Bedeutung des kreditären Sektors für die Realakkumulation unter anderem mit dem Verweis auf die steigende Staatsverschuldung im Fordismus zu belegen. Meines Erachtens wird dabei aber die ökonomische Bedeutung der Staatsverschuldung zu dieser Zeit überschätzt. Ich halte die Argumentation von Glyn et al. (siehe oben) für plausibel, wonach der eigentliche Motor des Nachkriegsfordismus eine hohe Profitrate war. Staatsverschuldung hatte antizyklische Wirkung, aber keine ökonomisch konstitutive Bedeutung. In den 1970er Jahren schließlich war die Macht der Gewerkschaft meinem Dafürhalten nach ein wesentlicher Faktor für die Ausweitung der Staatsschuld. Es war politisch viel riskanter als noch im 19. Jahrhundert und zugleich institutionell machbar geworden – im Unterschied zur Zwischenkriegszeit – die Krise der Akkumulation zu regulieren, indem man unrentable Unternehmen zuerst subventionierte, später stückweise bankrottieren ließ und die sozialen Transferleistungen ausdehnte, und ab den 1980er Jahren schließlich einen “Vermögenskapitalismus” möglich machte.

Es fällt auf, dass Kurz keinen Bezug auf die Theorie der systemischen Akkumulationszyklen nimmt, die von Giovanni Arrighi und anderen ausgearbeitet worden ist (Arrighi, 1994, “The long twentieth century”; Arrighi & Silver (Hg.), 1999, “Chaos and governance in the modern world system”). In dieser Perspektive würde sich der postfordistische Vermögenskapitalismus der 1980er und 1990er Jahre durchaus in ein übergreifendes historisches Muster einordnen. Arrighi und KollegInnen verstehen die exorbitante Ausdehnung des Finanzsektors als Effekt einer Überakkumulationskrise. Zugleich zeige sich darin das wiederkehrende Phänomen, dass eine absteigende Hegemonialmacht – in diesem Fall die USA – ihre Stellung dazu nutzt, durch finanzielle Macht ihren Vorrang gegen schwindende militärische und industrielle Macht zu verteidigen. Arrighi zeigt 1994 auf eindrucksvolle Weise, wie dieses Muster in Abwandlungen seit über 500 Jahren die Basisbewegung des kapitalistischen Weltsystems beschreibt. Der an die finanzielle Aufblähung anschließende hegemoniale Übergang ist immer mit weitreichenden Krisen und militärischen Auseinandersetzungen verbunden.

Ökologische Grenzen

In seiner jüngsten im VSA-Verlag auf deutsch übersetzten Studie “Adam Smith in Bejing” (2008), bezieht Arrighi verstärkt ökologische Aspekte in seine Überlegungen ein und meint, dass der potenzielle Nachfolgerhegemon China nicht mehr wie die USA auf steigende Naturausbeutung setzen könne (S. 469ff.). Arrighis Zugang ist originell und bezeugt einen beeindruckenden Horizont. Er zeigt vieles in ganz neuer Perspektive. Allerdings bleiben seine ökologischen Überlegungen kursorisch und auch sein allgemeiner kapitalismustheoretischer Zugang, der sich ausschließlich auf der Ebene von Preisen und Konkurrenz bewegt, ist für mich in gewissen Punkten unzureichend. Ungerechtfertigte Hoffnung setzt Arrighi meiner Meinung nach in den Staat, insbesondere den chinesischen, was eigenartig mit seiner Analyse der “Logik der Staatsmacht” kontrastiert. (Er zieht allerdings auch in Erwägung, dass der hegemoniale Übergang in Richtung China an internem sozialen und politischen Chaos scheitert und die Vorherrschaft des globalen Nordens in der Folge fortbesteht.)

Dass der theoretische Ansatz der systemischen Akkumulationszyklen als solcher jedoch entscheidende Erkenntnisse bringt (die übrigens bei Marx angelegt sind), ist für mich unbestreitbar. Eine aktuelle Arbeit des Ökonomen Minqi Li versucht diesen Ansatz offenbar mit einer Analyse der Ökologie des chinesischen Kapitalismus und seiner Entwicklungsmöglichkeiten zu verbinden. Das Buch mit dem Titel “The Rise of China and the Demise of the Capitalist World-Economy” erscheint dieser Tage. Die These ist nach Vorinformationen, dass (1) aufgrund der Ressourcenbeschränkungen ein hegemonialer Übergang auf China nicht mehr möglich ist und (2) der Kapitalismus insgesamt aufgrund ökologischer Grenzen in eine Fundamentalkrise gerät.

Und damit wären wir zugleich bei der These angelangt, die wir in “Die Grenzen des Kapitalismus” erkunden (siehe auch “Ressourcenkrise als Formationsbruch” und “Die ökologische Krise des Kapitals” in der kommenden Nr. 44 der Streifzüge; Minqi Li argumentiert in “Capitalism with zero growth rate?” ähnlich.) Insofern lässt sich an Claus Peter Ortlieb durchaus anschließen, wo er ökologische Grenzen als Ursache einer Fundamentalkrise des Kapitalismus ansieht (siehe jedoch auch die kritischen Anmerkungen dazu weiter oben). Allerdings haben wir damit nicht nur den Betrachtungshorizont von Michael Heinrich überschritten, sondern auch die Kurzsche These von 1986 und 1995 hinter uns gelassen.

Der Stehpinkler. Henryk M. Broders Krisenerektion als Prototyp
Andreas Exner | 10. Oktober 2008 | 12:32 | Alle Einträge, Peak Oil, Zu Personen | 6 Comments

In der österreichischen “Kleinen Zeitung” vom 8. Oktober war Henryk M. Broder am Wort, seines Zeichens “Spiegel”-Reporter und Buchautor. “Warum aus dem Mann ein Sitzpinkler wurde” fragt Broder im Untertitel und weiß eine unterdrückte Mannheit hinter sich. Das harmlose Fäkalproblem dient Mann Broder dazu, die aktuelle Krise als Potenzmittel für die schlaffe Machoklasse anzupreisen.

Broder versteht sein Handwerk. So beruft er sich auf eine angebliche Feministin namens Fay Weldon, die vor kurzem den “Rollenwechsel” zwischen Mann und Frau beklagte. Ganze Nationen, so Broder, seien “feminisiert”. Den Islam greife man nicht an, sondern versuche ihn zu verstehen. Broder versteht die Welt nicht mehr. Doch versteht Broder gut, wo der Hund begraben liegt:

Kaum ein Mann, der nicht gepierct wäre, keine Drogerie oder Parfümerie, die nicht spezielle Produkte für den Mann anbieten würde. Die Cafes sind voll mit parlierenden Männern, die offenbar weder einer geregelten Arbeit nachgehen noch eine Familie ernähren müssen.

Wahrlich, wie kann sich der deutsche Mann da ernsthaft gegen Mullahs wehren?

Dass die Feminisierung des Alltags in Deutschland sich dermaßen flächendeckend durchsetzen konnte, hat mit der deutschen Sprache zu tun

weiß Broder. Das Binnen-I ist nämlich schuld. Was ihn daran stört ist weniger, dass es nun PolitikerInnen und deren WählerInnen gibt. Vielmehr klagt Broder:

Die sprachlichen Verrenkungen finden dort eine Grenze, wo es um ein sozial verwerfliches Verhalten geht. Spekulanten und Verbrecher bleiben exklusiv männlich, ebenso Antisemiten und Kinderschänder.

Da ist Schluss mit lustig. Dass sich an der Börse nicht SpekulantInnen, sondern vor allem Spekulanten tummeln, ist Broder offenbar entgangen. Auch von KapitalistInnen zu sprechen, macht wenig Sinn, detto von KinderschänderInnen. Lediglich die AntisemitInnen und VerbrecherInnen dieser Welt dürften dem Gleichverhaltensgrundsatz Broders nahe kommen.

Dass Broder sich über “Latzhosen” und “Piercing” beklagt ist freilich nur das Vorspiel. Denn jetzt geht’s um’s Ganze. Endlich ist die Krise da. Echte Männer, handelt.

Eine Gesellschaft, in der mit großer Leidenschaft über das Kilometerpauschale diskutiert wird, kann sich solche Eskapaden leisten – so lange, wie sie nicht mit existenziellen Problemen konfrontiert wird. Dann aber stehen die Sitzpinkler aller Disziplinen auf und erklären das Ende der Gemütlichkeit.

Also wird Broder ungemütlich. Keinen Spaß versteht die Krise. Da muss man schon unterscheiden können zwischen harten Zahlen und dem Wohlgefühl der Kuschler. Weicheier, Warmduscher und Latzhosenträger, Gepiercte und Parfümierte, kurz: alles was echten Männern wie Broder seit den Siebzigern ein Dorn im Auge ist – blamiert sich nun vor dem unbarmherzigen Urteil der Ökonomie. Man könnte sicher sein, dass der echte Mann sich daran erigiert, wäre da nicht das Binnen-I:

Die Krise rast auf den Abgrund zu, nur die politisch korrekte Idiotie bewegt sich nicht von der Stelle.

Mit Broder lässt sich illustrieren, was angesichts der historischen Gesellschaftskrise droht: Der monotone Heteromann, angeknackst, aber noch lange nicht Vergangenheit, wird versuchen, verlorene Positionen wieder einzunehmen. Er will die Krise nicht als Resultat des Kapital und Arbeit gewordenen Männertums begreifen, sondern projiziert sie auf ihr genaues Gegenteil. Plötzlich sollen die Befreiung von öden Rollenbildern, der Kampf gegen die geregelte Arbeit und die Flucht aus der Familie Schuld am Elend haben.

Tatsächlich gibt es davon nicht zuviel, sondern zuwenig. Die Befreiung ging nicht weit genug. Sie kam über erste Schritte nicht hinaus. Vor allem aber konnte sie keine tragfähige Perspektive entwickeln, die ein Leben jenseits von Lohnarbeit, Geld, Ware, Staat und Kapital möglich macht. Und genau das ist der Grund, warum nun die Krise kommt.

In der Krise von Mann-Kapital wird eine umfassende Befreiung möglich. Das heißt aber noch lange nicht, dass diese Chance auch genutzt wird. Der autoritäre Charakter sucht Halt für sein schwaches Ich in der Identität mit einem phantasierten Kollektiv und eingebildeter Natürlichkeit. Die Stehpinkler aller Länder holen aus zum Gegenschlag, sobald die Gelegenheit sich bietet. Schon ist etwa abzusehen, wie echte Männer versuchen werden, ihren Herrschaftsanspruch mit einer “natürlichen Arbeitsteilung” zu begründen.

Das wird klar, wenn man James Howard Kunstler liest. Kunstler gelang in den USA ein Buch-Hit mit dem Titel: “The Long Emergency. Surviving the End of Oil, Climate Change, and Other Converging Catastrophes of the Twenty-First Century”, sinngemäß übersetzt: “Der lange Notfall. Wie wir das Ende des Öls, den Klimawandel und die Katastrophen des 21. Jahrhunderts überleben.” Kunstler begreift die große Krise in vielen Punkten richtig als die Krise eines Zivilisationsmodells, das nicht zuletzt auf unbeschränktem Ressourcenverbrauch beruht. Doch wo Kunstlers politischer Horizont sichtbar wird, schlägt seine Analyse um in Ideologie.

Mehrmals betont Kunstler, dass seine katastrophische Sicht der kommenden Entwicklung in den USA nicht seinem Wunsch entspreche. Er beschreibe lediglich das wahrscheinliche Szenario. Da wird man stutzig. Kann es sein, dass Kunstler das Bild, das er malt, vielleicht insgeheim gar nicht so schlecht gefällt?

Der Verdacht erhärtet sich, wenn Kunstler gegen Ende plötzlich gegen Schwarze schimpft. Als Vorbereitung dient ihm dazu, ähnlich wie bei Broder, der Angriff auf das, was er “politische Korrektheit” nennt. Und dann kommt es dick. Gegen Black Power gewandt, schreibt Kunstler

Weiße ‘Progressive’ haben tragischerweise diese Ideologie unterstützt, zusammen mit einer Ablehnung der Mainstream-Kultur selbst, und zwar vor allem um die Assimilation in diese Kultur zu entwerten. Das Resultat war extrem unglücklich.

Folglich, so Kunstler, sei es nicht verwunderlich, dass Schwarze nicht mehr in die Mittelklasse aufsteigen wollten und deshalb in der Armut hängen blieben. Das Problem liegt für Kunstler auf der Hand:

Es gibt wirkliche politische Probleme hinsichtlich der schwarzen Unterklassen-Minderheit in Amerika, und das bedeutendste davon scheint zu sein, wie lange es noch für eine signifikante Zahl von ihnen leistbar sein wird, es abzulehnen, erwachsen zu werden.

Denn die Schwarzen sind im Grunde Kinder, muss man daraus schließen. Bis jetzt füttere der US-Staat sie durch, meint Kunstler. Aber nach Peak Oil nicht mehr lange. Dann müssen sie endlich arbeiten.

Der Lange Notfall wird in Hinblick auf persönliche Verantwortlichkeit, zivile Kooperation und die Fähigkeiten eines Erwachsenen derart viel von den Individuen verlangen, sodass eine große Zahl von Menschen nicht in der Lage sein wird, damit umzugehen, und der Rest wird nicht dazu geneigt sein, die Grausamkeit oder das Fehlverhalten jener, die das nicht können, zu entschuldigen. Sie werden zu beschäftigt sein für ihr Essen zu arbeiten und dafür, es warm zu haben.

Kunstlers Krisenkonservativismus tritt, wie bei Broder, zusammen mit dem Haß gegen die Fahnenflüchtigen der Arbeit auf:

Im Langen Notfall wird niemand etwas für nichts bekommen.

Und für den Fall, dass jemand dennoch auf dumme Gedanken kommt, warnt Kunstler gleich im Anschluss:

Erwartet nicht mehr soziale Gleichheit – erwartet davon sehr viel weniger.

Und weiter:

Moralische Standards werden das therapeutische Gejammer ersetzen. Wir werden nicht mehr an den ‘Grundursachen’ von Fehlverhalten interessiert, sondern rasch bei der Hand damit sein, mit Fehlverhalten praktisch umzugehen, was nichts anderes heißt als dass die Gerechtigkeit wahrscheinlich hart und schnell sein wird.

Als sprächen Katastrophen-Kunstler und Ureto-Broder über den großen Teich hinweg aus einem Mund, heißt es im “Langen Notfall”:

Wiedereingeführte traditionelle Arbeitsteilungen dürften viele der vermeintlichen Siege der feministischen Revolution zunichte machen. Im Kontext der gewandelten Umstände werden diese veränderten Beziehungen als normal und unausweichlich angesehen werden.

Also: Frauen, zurück an den Herd und auf das Feld. Nur Kinder dürft ihr keine kriegen. Da sieht Herr Kunstler nämlich ein Bevölkerungsproblem. Nichts anderes als der enttäuschte Spießbürger spricht da aus dem Ex-Rolling Stones-Journalisten, der, wie er sagt, “nominell Teil der Hippie-Bewegung war” und natürlich demokratisch wählt. Kein “wirkliches Geld” gibt es mehr in den USA, und auch keine “wirkliche Arbeit”, klagt er. Das wird die Krise endlich wieder richtig stellen. Echtes Geld für echte Arbeit von echten Männern. Man kann sich vorstellen, wie Broder dazu nickt.

Dieser Weg ist falsch. Der Kapital- und Arbeits-Mann ist der Krise tiefste Wurzel. Für einen Ausweg muss diese Charaktermaske fallen. Schwule und Lesben, Transgenders und Anti-Männer aller Länder, vereint und vereinigt Euch, parliert. Für eine freizügige Ökologie jenseits der Sittenwächter.


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