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Das wichtigste Buch 2008: Minqi Li – A Must Read

The Rise of China and the Demise of the Capitalist World-Economy“, so lautet der Titel von Minqi Li’s Erstlingswerk, das im November 2008 bei Pluto Press erschienen ist. Nicht, dass Li ein Unbekannter wäre. Hat der aus China stammende Ökonom, der eine Assistenzprofessur an der University of Utah bekleidet, doch bereits in Science & Society, zuletzt auch im Sammelband “Coming to terms with Nature”, Socialist Register, publiziert.

Li vereint zwei Qualitäten, die einzeln häufig, in Kombination jedoch selten sind: einen marxistischen Zugriff auf Gesellschaft und ein breites ökologisches Wissen.

Und er wagt, was – bis dato – selten jemand tut: das Ende des Kapitalismus denken.

Die Art, wie Li sein Argument entwickelt, beeindruckt durch theoretische Klarheit und quantitative Präzision. Wie ein Architekt fügt Li einen Baustein neben den anderen. In Summe ergibt das einen Gedankenbau, von dem aus man weit in unsere Zukunft blickt.

Li’s Art zu schreiben besticht durch seine Nüchternheit. Die für das herrschende Bewusstsein nachgerade ungeheuerliche Aussage, wonach die scheinbar endlose Akkumulation des Kapitals sich im Verlauf der kommenden Jahrzehnte in ihr Gegenteil verkehren wird, kommt ihm – trotz der in mancher Hinsicht durchaus katastrophischen Entwicklung – ohne den katastrophischen Tonfall über die Tasten, der einen Gutteil der ökologischen Literatur in diesen Dingen charakterisiert.

Dennoch ist das Buch alles andere als unpersönlich.

In my case, soon after the failure of the 1989 “democratic movement”, I reflected upon this failure and tried to understand the underlying causes. I became a leftist, a socialist, a Marxist, and eventually, a Marxist-Leninist-Maoist. A year later, I gave a political speech on the campus of Beijing University, which cost me two years of imprisonment. However, there were two advantages concerning incarceration. For the first time in my life, I had the opportunity to live with people from various underprivileged social strata. This experience was of immeasurable value. Secondly, in prison, I had ample time to read, a privilege I have not been able to enjoy since then. I read Marx’s three volumes of Capital three times, in addition to many other classical writings …

Li wendet sich ab vom neoliberalen Denken, das seine Studienzeit am Economic Management Department der Universität Beijing vor den Unruhen von 1989 geprägt hatte und wird Marxist.

A person who grows up in a materially privileged environment, like myself, does not naturally tend to unterstand and appreciate the interests of the working class.

Die Niederschlagung der Unruhen und seine Inhaftierung markieren für Li nicht nur einen biografischen, sondern auch einen intellektuellen Richtungswechsel.

2001 lernt Li die Wallersteinsche Theorie des kapitalistischen Weltsystems kennen. Bald darauf nähert er sich der Frage, wie man den Aufstieg Chinas mit der These vom Niedergang des kapitalistischen Weltsystems, die Wallerstein aufstellt, ins Verhältnis setzen muss. Seine Konklusio:

I argued that China’s economic rise would in fact greatly destabilize the capitalist world-economy in various ways and contribute to its final demise.

Und aus dieser Kernthese ergibt sich die Struktur des Buches.

Im ersten Teil rollt Li im Schnellschritt die chinesische Geschichte auf, um Chinas industriellen Aufstieg in die Hegemoniezyklen einordnen zu können, die das Weltsystem seit seinem Beginn vor rund 500 Jahren bestimmen. Li argumentiert, dass China ein wesentliches Moment der neoliberalen Epoche war. Ohne China wäre das US-Zahlungsbilanzdefizit nicht denkbar gewesen; und ohne dieses Defizit nicht die neoliberale globale Ökonomie. Die Instabilität dieses schuldenbasierten Regimes muss in den Abstieg der USA einmünden. Die Frage freilich ist, ob China die USA nach dem Muster bisheriger hegemonialer Transitionen beerben können oder nicht.

Während das erstere viele hoffen oder fürchten – jedenfalls erwarten – vertritt Li die andere Position. “China’s internal social transformation and ascendancy in the world-system threaten to undermine the stability of the semi-periphery and therefore the entire three-layered structure” – will heißen: das kapitalistische Weltsystem kann nur existieren, wenn eine mittlere Schicht der Semiperipherie das Zentrum von den sozialen Spannungen und Ansprüchen der Peripherie abschirmt. “The middle stratum is both exploiter and exploited. By providing the middle stratum with the access to a portion of the surplus product, the ruling elites buy off the potential political leadership of the exploited majority.” Mit dem Wechsel Chinas in die Kategorie der “well-to-do semiperiphery” würden, so Li, die globalen Machtverhältnisse massiv verändert – zum Nachteil des Zentrums, das nun einen immer größeren Teil des globalen Surplus mit der drastisch gewachsenen oberen Hälfte des mittleren Stratums teilen muss, und zu Ungunsten der Stabilität des Weltsystems, da die addierten Ansprüche von Zentrum und erweiterter Semiperipherie immer schwerer auf der Peripherie lasten. Auch in einem “downward conversion scenario”, wonach Chinas industrieller Aufstieg die “well-to-do semiperiphery” unter Konkurrenzdruck und zum ökonomischen Abstieg bringt, wäre der Effekt destabilisierend, “as the core states at the top face potentially unified resistance and rebellion from the periphery and poor semi periphery”.  Der relativ “beste Fall” vom Standpunkt des kapitalistischen Weltsystems aus wäre so gesehen ein ökonomischer Abstieg Chinas (dann allerdings – möchte ich ergänzen – wäre zugleich die grundsätzliche Chance auf eine neue hegemoniale Macht auf mittlere Sicht zerstört; sieht man von den ökologischen Grenzen der Akkumulation an dieser Stelle einmal ab).

Li hält daher im Anschluss an Wallerstein fest, dass das Weltsystem durch seine inneren Tendenzen über die Grenzen seiner Selbstregulationsfähigkeit hinausgetrieben wird, mit anderen Worten: “that the existing world-system is approaching its terminal crisis”. Das Weltsystem hängt von billigen Löhnen, niedrigen Steuern und geringen Umweltkosten ab. Alle drei Parameter zeigen jedoch eine steigende Tendenz. Der Profit verringert sich, und die Akkumulation lässt nach.

Bisher konnten Akkumulationskrisen durch den Übergang der Hegemonie auf eine jeweils mächtigere Herrschaftsstruktur, geeignet die wachsende Komplexität des Systems zu regulieren – vom genoesisch-spanischen Machtkomplex auf Holland, anschließend auf das englische Empire, und von dort auf die USA – gelöst werden.

However, with the decline of the US hegemony, none of the other major powers (including China) has a credible chance to replace the US and become the next hegemony. To the extent that the existing world-system has exhausted its ability to renew and restructure itself through the construction of a new hegemonic power, it has reached its own historical limit.

Zuletzt geht Li ausführlich auf die ökologischen Grenzen der Akkumulation des Kapitals ein. Dabei fokussiert er vor allem auf die Erschöpfung der fossilen Ressourcen und den Klimawandel. Kritisch diskutiert er die Potenziale erneuerbarer Energien. Der Aufstieg Chinas zu einer neuen Hegemonialmacht sei, so Li, nicht zuletzt aus ökologischen Gründen unmöglich.

Alles in allem ergibt sich das Bild eines gesellschaftlichen Systems, das erstens in Hinblick auf seine natürlichen Produktionsgrundlagen, zweitens aber auf der Ebene seiner hegemonialen Struktur in seine Endkrise eingetreten ist. Li gelingt es, ökologische Fragestellungen in seine Betrachtung wirklich zu integrieren. Das zeigt nicht nur seine Kenntnis der Materie, sondern nicht zuletzt auch die politische Schlussfolgerung, die er zieht:

First of all, humanity must work for the overthrow of the global capitalist system as soon as possible. From the point of view of avoiding humanity’s total self-destruction, even feudalism is better than capitalism, and certainly some form of socialism would be preferred. Failing that, as is argued in this book, the capitalist world-economy will fall apart due to its own laws of motion probably no later than the mid-twenty-first century. However, by that time, too much time would have been lost to prevent global catastrophes. There will probably be socialist governments throughout the world by the mid-twenty-first century. But the task for the future socialist governments will no longer be about preventing the catastrophes but trying to survive them as they are taking place.

Problematisch scheint mir, dass Li offenbar ein Weiterbestehen des Staates voraussetzt. Auch bleibt sein Bild der sozialistischen Alternative vage, was damit zu tun hat, dass Li zwar im Unterschied zu Wallerstein einen marxistischen Ansatz verfolgt, diesen jedoch in traditioneller Weise ohne Bezug auf eine Kritik des Werts versteht. In einem online verfügbaren Text mit dem Titel “Capitalism with Zero Profit Rate?” geht Li allerdings etwas näher auf seine Sicht der Alternative zum Kapitalismus ein und meint – ich würde zustimmen – dass eine nicht-monetäre (nicht-wertförmige) Vermittlungsweise an sich gut denkbar ist; siehe Fußnote 23 a. a. O.:

Of course, the planning may be centralized or decentralized (with local communities being the planners) and the planning process may be democratic, undemocratic, or bureaucratic but subject to some democratic checks. It can be debated wether market relations should continue to play an insignificant [recte: a significant, A.E.] role in the economy. I personally do not consider market relations indispensable for delivering high quality of life in the post-capitalist society.

Ausgesprochen heikel ist die Bevölkerungsdebatte, auf die Li an manchen Stellen Bezug nimmt. Wenngleich es offenkundiger Unsinn wäre, zu behaupten, die Anzahl der Erdbewohnenden spiele für die Möglichkeit ihres auskömmlichen Lebens keine Rolle, so scheint mir die Annahme, eine drastische Reduktion der Bevölkerungszahl sei vonnöten, ebenso problematisch (wie in “Ressourcenkrise als Formationsbruch” skizziert) – die eventuelle Notwendigkeit, die Frage nach der “Bevölkerungszahl” überhaupt zu verneinen, stelle ich an diesem Punkt einmal in den Raum. Li jedenfalls stützt sich unkritisch, wie ich denke, auf Quellen, die davon ausgehen, dass die Weltbevölkerung dramatisch sinken muss, um unter veränderten natürlichen Bedingungen einen annehmbaren Lebensstandard gewährleisten zu können.

Die Generallinie der Argumentation von Li beeinträchtigen diese Einwände freilich nicht. Und so ist ihm – mit Ausnahme der Hoffnung auf eine “Welt-Regierung” – darin beizupflichten:

If the catastrophic consequences from climate change cannot be prevented, all of humanity will have to struggle for survival. However, if the struggle for survival would unleash our best intellectual and moral potentials, then humanity, under a socialist world-government, may survive the crisis in a relatively orderly manner while preserving the most important accomplishments of the capitalist civilization, not least the achievements of modern science and technology.

Li hält es sogar für möglich, dass in einer Zukunft nach der Bewältigung der schlimmsten Folgen der Umweltkrise die Arbeitsproduktivität wieder steigen könnte, womöglich über das Niveau des Kapitalismus – freilich auf völlig veränderter gesellschaftlicher Grundlage und in anderer Gestalt.

In that event, humanity will be in a position to resume the great historical march to the realm of freedom.

Li’s hervorragende Untersuchung ist thematisch weitgespannt und reich an ungewöhnlichen Einsichten. Gesondert erwähnen möchte ich hier nur, dass Li die Theorie der systemischen Akkumulationszyklen mit weit zurückreichenden Zeitreihen der Profitraten und -quoten, der Zinsraten und anderen Schlüsselparametern des kapitalistischen Weltsystems quantitativ präzisiert.

Meines Erachtens bestätigt Li mit “The Rise of China and the Demise of the Capitalist World-Economy” zentrale Schlussfolgerungen unseres Buches “Die Grenzen des Kapitalismus”. Die Parallelen, die meiner Meinung nach zwischen seinem Ansatz und dem unseren bestehen, erklären sich aus dem – bis dato ausgesprochen seltenen – Versuch, die Auswirkungen einer veränderten Ressourcenbasis auf die Akkumulation mithilfe eines marxistischen theoretischen Zugangs zu analysieren und zusammen mit den langfristigen ökonomischen und politischen Tendenzen des kapitalistischen Weltsystems zu betrachten. Kein Wunder, dass Li sich ebenfalls stark am Ansatz von Wallerstein und Arrighi orientiert, der eine solche Zusammenschau ermöglicht.

Nicht nur Minqi Li, sondern allen in sozialen Bewegungen und darauf bezogenen Debatten Engagierten ist eine breite Rezeption des Buches zu wünschen.

Der Krisenkompass – wo sind wir, was wollen wir, wie kommen wir ans Ziel?

Die Krisendebatte beherrscht derzeit das Rätselraten. Bei Rätseln hilft üblicherweise der Experte. Doch der macht heutzutage immer schlechtere Figur. Ratlos befragen Moderatoren in Radio und TV ihn über den letzten Stand der Krise. Einer der Experten beispielsweise versichert in einem Wirtschaftsmagazin: Ja, die Börse wird es auch künftig geben, davon ist er überzeugt. Die Moderatorin ist beruhigt und lacht – wie seltsam, dass man daran auch nur denkt, die Börse könnte dereinst nicht mehr sein. Mit Anlagetips allerdings tut er sich gerade schwer, meint der Experte.

Letzthin gab auch der ZIB2 des Österreichischen Fernsehens ein Experte Auskunft. Der arbeitet bei einer Bank und muss es daher wissen. Nämlich wie’s weitergeht. Der Kerl verbrannte sich keinen Finger. Ja, die nächsten zwei Jahre würden die Kurse an den Börsen noch gehörig rauf und runter gehen. Aber dann wär alles wieder roger, so der Banker. Frei nach dem Motto: Wen kümmert heute schon, was in zwei Jahren ist.

Uns sollte es kümmern. Allerdings darf es nicht bei den kommenden zwei Jahren bleiben. Wir müssen unseren Horizont erweitern. Die Krise wird in zwei Jahren nicht ausgestanden sein.

Immanuel Wallerstein hat schon vor vielen Jahren folgende These formuliert: das kapitalistische Weltsystem erreicht das Ende seiner Laufbahn. Nach 500 Jahren haben sich laut Wallerstein vier Trends aufgebaut, welche die Profitrate nach unten zwingen:

1. steigende Reallöhne
2. steigende soziale Kosten
3. steigende ökologische Kosten
4. eine Aushöhlung der Staatsmacht

Deshalb, so Wallerstein, wird zweierlei eintreten: die Kapitalakkumulation schwächt sich ab; ohne eine Aussicht, dass der Staat diese strukturelle Krise bereinigen könnte.

Die Konsequenz, falls diese These zutrifft, wäre klar. Die Eliten werden versuchen, ihre Herrschaft neu zu strukturieren. Also nicht mehr das alte System verteidigen, sondern die Flucht nach vorne antreten. Dabei wird es ihnen darum gehen, ein neues Herrschaftsprojekt in schöne Worte zu kleiden, um es der globalen Mittelklasse schmackhaft zu machen – falls deren borniertes Eigeninteresse für eine Kollaboration nicht ausreicht.

Diese vier Thesen Wallersteins haben wir in Die Grenzen des Kapitalismus diskutiert. Grundsätzlich kann man die genannten Trends, so denke ich, belegen.

Die Reallöhne steigen im langfristigen Vergleich seit der industrielle Kapitalismus existiert. Zugleich hat die Arbeitermacht weltweit zugenommen. Die Exit-Option, in nicht-kapitalisierte Regionen mit unerfahrenen Arbeitern und Arbeiterinnen zu fliehen, hat das Kapital im Wesentlichen ausgespielt. China war so gesehen sein letzter Trumpf. Auch dort jedoch nehmen Arbeiterunruhen in den letzten Jahren deutlich zu. Die neoliberale Konterrevolution gegen die Bewegungen nach 1968 hat nur einen Teilsieg errungen. Die Reallöhne stagnieren und die Lohnquote geht seit den siebziger Jahren zurück, doch sind die Reallöhne insgesamt betrachtet bis jetzt kaum unter Abwärtsdruck gekommen.

Die sozialen Kosten steigen stetig, weil die Menge Druck auf den Staat ausübt. Der reagiert mit Zugeständnissen. Das heißt, er verausgabt einen Teil des Gesamtprodukts der Wirtschaft in Gestalt sozialer Leistungen. Kapitalistisch unproduktiv – aber menschlich sinnvoll. Inzwischen verwalten die Staaten der OECD-Welt jeweils knapp die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts. Der Neoliberalismus hat diesen Trend der langen Frist nicht umgekehrt.

Auch die ökologischen Kosten steigen. Wallerstein weist darauf hin, dass Umweltschutz Geld kostet, das einen Abzug vom Profit darstellt. Das trifft zu. Viel stärker noch aber wiegt, dass die fossilen Quellen ihr Fördermaximum erreichen und sich auch die ertragreichen, leicht ausbeutbaren Lagerstätten vieler Erze und Mineralien erschöpfen. Die Verknappung von Ressourcen hat Wallerstein zwar nicht im Blick. Sein Argument hat in dieser Hinsicht jedoch sogar ein sehr viel höheres Gewicht. (Schon allein der Trend zur Verteuerung von Energie und Rohstoffen führt zu einer strukturellen Krise des Profits, die nicht mehr dem idealtypischen kapitalistischen Krisentyp entspricht, wie wir in Ressourcenkrise als Formationsbruch skizzieren.)

Der Staat schließlich ist ein Opfer der linken Staatskritik von 1968 auf der einen Seite, und der ökonomischen Globalisierung auf der anderen. Auch das lässt sich nachvollziehen. Sein Handlungsspielraum ist tatsächlich enger als in früheren Jahrzehnten. Zwar scheint es so, als würde der Staat zur Zeit das Heft an sich reißen und auf dem geraden Weg sein, einen Staatskapitalismus neuer Art zu kreieren. Doch muss man das in zweifacher Hinsicht problematisieren.

Erstens waren Politik und Ökonomie niemals so strikt getrennt, wie das die liberale Ideologie proklamiert. Nicht zuletzt die Arbeiterbewegung und die beiden Weltkriege haben alle Staaten der OECD-Welt dazu gebracht, die Wirtschaft stark zu regulieren. Das bedeutet nicht, dass der Staat die Wirtschaft steuert, sondern, dass er in ihren Ablauf aktiv interveniert.

Daran hat auch der Neoliberalismus nichts geändert. Im Gegenteil: Am Neoliberalismus war in etwa soviel liberal wie am Nationalsozialismus sozialistisch. Staatsintervention war von Anbeginn sein harter Kern. Tatsächlich handelt es sich beim “Neoliberalismus” vor allem um eine strategische Erfindung der Globalisierungskritik. Als Begriff adäquat war er für den Kapitalismus der letzten beiden Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts nicht. So gesehen ist die vermeintliche “Rückkehr” des Staates kein Bruch im Trend.

Zweitens aber bedeutet das aktuelle Drama, worin der Staat als Retter in der Not des Kapitals auftritt, beileibe nicht, dass die Apparatur des Staates die Entwertung tatsächlich blockiert und die Kapitalakkumulation erneut vorantreibt. Allerdings reguliert der Staat de facto die Entwertung und wird versuchen, die Bedingungen der Akkumulation zu verbessern, auch wenn das kaum gelingen wird.

In Wahrheit hat der Interventionismus des 20. Jahrhunderts den Staat eng an das Schicksal der Verwertung gebunden. Ökonomisch hängt er von Steuereinnahmen ab, die er, gesamtwirtschaftlich gesehen, vom Mehrwert abzieht, der in der Krise aber schrumpft. Auch vom politischen Standpunkt aus ist es nicht mehr denkbar, einer Krise völlig frei die Zügel schießen zu lassen. Der Druck der weltweiten Arbeiterbewegung hat zudem Einrichtungen der internationalen Wirtschaftsregulation aus dem Staatsapparat, das heißt in Konfrontation mit dem Kapital hervorgetrieben, wie John Holloway zeigt. Damit wurde auch die institutionelle Möglichkeit geschaffen, die Krise in gewissem Maß zu managen.

Es war auch der Druck der Arbeiterinnen und Arbeiter weltweit, der verhinderte, dass man in der Profitkrise der 1970er Jahre den Lebensstandard zu Boden prügelte. Allein schon die bornierte Existenz der Arbeiterorganisationen macht es heute politisch unmöglich, die Gesellschaft weltweit und gleichzeitig ins Elend stürzen zu lassen. Der Staat ist nach allen Richtungen abhängig geworden.

Der Staat war schon im 20. Jahrhundert ein Teil des Kapitalkreislaufs geworden. Die Ereignisse der letzten Wochen und Monate zeigen das inzwischen auch ohne tiefe Analyse schlagend. Allerdings gewinnt die Verschlingung von Staatsaktion und Kapitalbewegung einen neuen Charakter insofern, als nicht mehr der Staat das Kapital verstaatlicht, sondern das Kapital den Staat kapitalisiert. Joachim Hirsch greift, um das zu benennen, den unglücklichen Begriff des “Finanzfaschismus” auf. Die gegenwärtige Entwicklung hat freilich mit der Zeit der Weltwirtschaftskrise kaum etwas gemein.

Tatsächlich, und damit kehre ich zu Wallersteins Thesen zurück, sind wir in den Übergang in eine neue Epoche eingetreten. Inzwischen wird allerorten der Vergleich mit den 1930er Jahren gezogen. Aber die Bedingungen sind heute wesentlich anders. Wollen wir die Tragweite der Krisendynamik in das historisch passende Licht rücken, so wäre eher an das Ende des Feudalismus zu denken.

Vor mehr als 500 Jahren nämlich führte eine Trias aus rückläufigen Produktivitätszuwächsen, verschärfter Ausbeutung und einer Zunahme unproduktiven Konsums von wirtschaftlichem Überschuss zu einer tiefen Gesellschaftskrise. Die Produktivität der Landwirtschaft konnte im feudalen Rahmen nicht mehr wesentlich gesteigert werden. Dazu kam eine Klimaverschlechterung, welche die Erträge reduzierte und die Anfälligkeit für Seuchen – damals die Pest – erhöhte. Zugleich wuchs der unproduktive Konsum, in der feudalen Gesellschaftsform also in erster Linie der Konsum der Herrscherklasse. Das führte dazu, den Druck der Ausbeutung der Bauern zu verstärken. Im Verlauf einer langen Krise nahm die politische Konkurrenz der Eliten, aber auch die Rebellion der Unterdrückten zu. Dabei bildete sich schließlich der Kapitalismus heraus.

In einigen wichtigen Punkten weist die Krisendynamik, die sich seit den 1970er Jahren entwickelte und inzwischen auf einen ersten Kulminationspunkt hinsteuert, Parallelen dazu auf. Die Produktivität wächst immer langsamer und wird ab einem bestimmten Punkt nach Peak Oil & Co. zurückgehen. Das globale Klima verschlechtert sich – diesmal aufgrund der kapitalistischen Naturzerstörung. Das wird wahrscheinlich zu sozialen und politischen Erschütterungen führen und die Produktivität der Landwirtschaft einschränken. Möglicherweise sinkt die Lebenserwartung, vielleicht breiten sich Krankheiten aus. Der unproduktive Konsum von Überschuss, welcher per definitionem der Verwertung Kapital entzieht, wächst ebenfalls – ein steigender Produktanteil wird heute allerdings nicht allein für Herrschaftsaufgaben verausgabt, sondern auch für soziale Leistungen, die kapitalistisch jedoch gleichermaßen als unproduktiv zu Buche schlagen.

Die heutige Situation ist natürlich in vielerlei Hinsicht anders als die Krise des Feudalismus. Betrachtet man die vielen Unterschiede der beiden Krisen und der Reaktionen darauf, so sticht eine Differenz heraus: die Stärke der sozialen Bewegungen. Das festzustellen beruht nicht auf blankem Optimismus. Tatsächlich ist die Linke im Moment deutlich schwächer als in den 1970er Jahren. Dennoch findet eine Alternative, die auf Befreiung zielt, heute wahrscheinlich bessere Bedingungen vor als vor 500 Jahren.

Worin besteht die Verbesserung? Erstens ist das Bildungsniveau unvergleichlich höher, was auch die Widerstandskraft gegen Herrschaft tendenziell erhöht. Zweitens sind die Organisationen der Unterdrückten und der Untergeordneten weitaus stärker als noch im 19. Jahrhundert, und sehr viel stärker als im Mittelalter. Drittens stehen sozialen Bewegungen, die tendenziell herrschaftsfeindlich agieren, viel bessere technische Mittel zur Verfügung als früher. Viertens ist Herrschaft tiefer in die Gesellschaft eingesunken, was nicht nur den Leidensdruck erhöht, sondern auch die Verwundbarkeit von Herrschaft. Fünftens schließlich ist die theoretische Kritik von Herrschaft sehr stark angewachsen, hat sich enorm differenziert und ist trotz vieler Defizite und Rückschläge breiter in der Gesellschaft verankert als im 19. Jahrhundert (ganz zu schweigen vom Mittelalter). Zudem verfügen soziale Bewegungen heute über ein historisches Bewusstsein gesellschaftlicher Kämpfe und sozialer Utopien, selbst wenn vieles nur diffus erinnert wird und es keine ungebrochenen Kontinuitäten gibt. Die Erfahrung von 1968, der Feminismus oder die Umweltbewegung lassen sich nicht einfach ungeschehen machen. Sie sind in die gesellschaftlichen Konflikte gewissermaßen eingesunken. Keine Niederlage bleibt ohne Spuren. Aber auch kein Erfolg lässt sich gänzlich ausradieren. (Ähnliche Überlegungen stellt Minqi Li in einem spannenden Artikel an.)

Diese Stärken müssen wir erkennen und nach Kräften nützen. Dabei ist die gemeinsame Reflexion entscheidend, ebenso wie die Konfrontation unterschiedlicher Perspektiven. Das erlaubt, sich im Geschehen zu verorten und Entwicklungen einzuschätzen. Nur so können Strategien wirksam werden.

Wallerstein schätzt, dass der Übergang in ein neues Weltsystem vielleicht fünfzig Jahre dauern wird. Eine solche Einschätzung hat keine theoretische Grundlage. Dennoch ist die Aussage klar und plausibel: Dieses System wird nicht mehr kapitalistisch sein; und es wird mehrere Jahrzehnte dauern, bis sich aus dem Chaos der Auflösung des Alten ein prozessierendes Neues herausgebildet haben wird, das sich selbst trägt.

Der Vergleich mit der Krise des Feudalismus lässt die Tragweite der Entwicklung ermessen. Damit wird allerdings auch deutlich, dass ein nachfolgendes System keineswegs besser sein muss als der Kapitalismus. Alles hängt ab von unserem Engagement, das in einer Periode der Auflösung überkommener Regelmäßigkeiten das Geschehen weitaus stärker bestimmt als in Zeiten der Stabilität.

“Was lässt sich also über eine Politik des Übergangs sagen”, fragt Wallerstein. “Zunächst, dass Klarheit Vorrang hat gegenüber Mobilisierung. Wenn wir mobilisieren, müssen wir wissen, warum, und nicht bloß wie. Und das Warum ist eine intellektuelle sowie eine moralische Frage, nicht bloß eine politische” (Absturz oder Sinkflug des Adlers, 2004, S.170). Im Buch World Systems Analysis fasst Wallerstein die Aufgabe wie folgt zusammen: “Zuallererst müssen wir versuchen, Klarheit darüber zu bekommen, was los ist. Dann gilt es, zu entscheiden, in welche Richtung die Welt unserer Meinung nach gehen soll. Und schließlich müssen wir herausfinden, wie wir jetzt agieren können, damit wir mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit die Richtung einschlagen, die wir für gut halten. Wir können das die intellektuellen, die moralischen und die politischen Aufgaben nennen. Sie sind jeweils andere, aber eng miteinander verbunden. Niemand von uns kann ihnen entkommen. Wenn wir es versuchen, so machen wir nur eine Entscheidung, die wir uns nicht eingestehen” (2004, S.90).


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