Wissenschaft und Emanzipation
Franz Nahrada | 10. März 2010 | 17:20 | Alle Einträge | No comments

Wolfram Pfreundschuh aus München hat einen interessanten Versuch publiziert, die inhaltliche Kritik an bürgerlicher Wissenschaft zusammenzufassen. Ein Beitrag zur Diskussion um die Grundlegung einer kritisch – solidarischen Universität

Wissenschaft und Emanzipation –
Begriffsbildung einer kritischen Theorie

Read more »

Schicksal Avatar? Ökokrieg, das Fremde und die Perspektive

Die Macht der Bilder bringt Gewalt zum Ausdruck. Riesenhafte Schaufelbagger, überwältigende Kraterwunden in der Erde, ein Raumschiff ist im Anflug. Rundum Tropenwald. Eine idyllische Landschaft umgibt grünwuchernd eine Militärbasis in Grau und Schwarz. Das Raumschiff entlässt Soldaten auf die Landebahn. Zuletzt gleitet ein Mann im Rollstuhl hinaus auf Pandora.

So beginnt Avatar. Wir befinden uns auf einem fremden Planeten. Doch wie es anders gar nicht sein kann: Der Film handelt von der Erde.

Der Avatar ist das Zwischenwesen – halb extraterrestrischer Indigener, halb Mensch – mit dem eine Handvoll Wissenschafter_innen, die auf der Militärbasis arbeiten, das Vertrauen der Ureinwohner_innen gewinnen und sie zur freiwilligen Umsiedelung bewegen wollen. Denn die Menschen tun auf dem Planeten Pandora genau dasselbe wie hier auf Erden: sie beuten die Natur nach Strich und Faden aus. Dem stehen die Eingeborenen wehrhaft im Weg.

Als die Avatare ins Bild rücken und unser Handicap-Held, ein Soldat im Rollstuhl, mit technischer Hilfe in den übergroßen, kraftvoll-eleganten Avatar schlüpft, von dessen Hinterhaupt ein Asiatenzopf baumelt, verdichtet sich das Bild der US-Marines im Tropenwald zu einer Assoziation: Vietnam. Viel deutlicher noch ist allerdings die Anspielung auf die Native Americans, die den Eingeborenen viele Züge leihen. Freilich entspricht das Militär auf Pandora – eine Privatarmee im Dienst des business – eher postfordistischer Kriegführung im Irak als den Hippie-Marines in Vietnam.

Der Held, in real life gelähmt, entdeckt als Avatar an der Seite einer Eingeborenen die Wunder des Science Fiction-Dschungels. Der Wald wirkt wie ein Hollywood-Abklatsch vom Paradies: Farbeffekte, unerhört eindrucksvoll, treten zur fantastischen Formenvielfalt der Computeranimation – ein Märchenzoo, getaucht in Lichtstimmungen, die zuweilen fast überirdisch anmuten. Diese Bilder im Kopf wirkt der businessman auf der Militärbasis, der die geschäftliche Seite des Rohstoffprojekts verkörpert, nachgerade grotesk, als er einen Stehsatz westlicher Zivilisation, die ihre segensreichen Früchte von den unbelehrbaren „Wilden“ verschmäht sieht, von sich gibt: „Sollen sie doch in ihrem Dreck verrecken“.

Der Held derweil erkennt, dass die Eingeborenen kein gutes Zureden und kein „Zivilisierungsangebot“ dazu bewegen wird ihre Lebensweise aufzugeben – was sollen sie von uns wollen, sagt er den Militärs: Jeans, alkoholfreies Bier?

Und in der Tat. Nachdem die Strategie der Wissenschafter_innen nicht aufgeht, das Vertrauen der Eingeborenen zum Zweck von „Herrschaft durch Konsens“ zu gewinnen, kommt die harte Faust der Militärmaschinerie zum Einsatz. Der Held, anfänglich ein eingeschworener Diplomat, erkennt, dass in der Logik von Militär und Geschäft eine friedliche Koexistenz mit einer davon unberührten Kultur unmöglich ist. Während er eine Rede vor den Eingeborenen schwingt, stellt er fest: Die Angreifer kennen keine Grenzen, sie werden das machen, was sie auch auf der Erde machten – alles zerstören, was sich ihrer Logik der Expansion und Ausbeutung in den Weg stellt.

Es wirkt wie ein impliziter Kommentar auf die abgeschmackten NGO-Predigten der „Win-Win-Situationen“ zwischen Umweltschutz und Kapital, als die Eingeborenen zu den Waffen greifen, ermutigt noch durch einen Erdling, der seinen Kampfaufruf mit den Worten unterstreicht: Er wisse, wovon er spreche.

Der Rest ist Vietnam. Die Eingeborenen schlagen die Übermacht der Erdlinge im Dschungelkrieg. Dort wo die Gerätschaften der Angreifer versagen, lukriert die Guerilla ihren Heimvorteil. Die blaugetönten Native Americans dieses fremden Regenwaldplaneten erfahren eine selbst filmisch seltene Genugtuung, fast so als hätte der Regisseur den Ausspruch „es ist nie zu spät, eine schöne Kindheit gehabt zu haben“ auf die Geschichte des amerikanischen Kontinents umlegen wollen: die US-Marines werden geschlagen und das Korps wird, extraterrestrische Humanität verpflichtet, feinsäuberlich nach Haus geschickt. Ein Happy End, das, wie bekannt, zur Realgeschichte in genauem Gegensatz steht. Folgerichtig kommentiert ein konservativer Filmkritiker: „If you can get a theater full of people in Kentucky to stand and applaud the defeat of their country in war, then you’ve got some amazing special effects” (Quelle: Wikipedia).

Im Showdown zwischen dem in Vietnamfilmtradition halb durchgeknallten Kommandanten und unserem an den Rollstuhl gefesselten Helden, der nur durch den Kunstkörper des Avatars, der mit seinem Geist funktioniert, volle Beweglichkeit erhält, kommt die Ökostory auf den Punkt. Kurz vor seinem Tod schleudert der Kommandant dem Helden ins Gesicht: Nie hätte er sich gedacht, dass der Marine die eigene Rasse verraten würde.

So funktioniert der Film wie auf zwei Ebenen: oberflächlich gesehen eine Kitsch-Geschichte voller Klischees, die in der Tat weitgehend vorhersehbar abläuft (Lovestory zwischen der amazonenhaften Eingeborenen und dem wie in einer Comicversion griechischer Tragödie verletzt-verletztlichen US-Soldaten inklusive). Auf einem Stockwerk tiefer jedoch gibt es Brüche, und zwar mehrfach. Zum Einen funktioniert der Streifen aus der Perspektive der Unterdrückten, was angesichts der Vietnam- und Westernfilme herkömmlicher Bauart ungewöhnlich ist. Zum Anderen erteilt er der Ökodiplomatie eine Absage, fast so als wäre Avatar eine Parallelerzählung zum Klimagipfel in Kopenhagen.

Am stärksten aber irritiert der Subtext dort, wo die Lösung der Ökokrise auf Pandora und die Versöhnung der „Menschen“ miteinander und der Natur impliziert, dass der Held – am Endpunkt des Films – seine bisherige Existenz aufgibt und buchstäblich zum „Wilden“ wird; nicht zum Weißen, der zum „besseren Wilden“ wird, sondern zu genau dem, und zwar mit Haut und Haar, was Inbegriff des „Alien“ ist.

Denn zweierlei ist daraus zu lesen: Eine Alternative zu Kapital und Staat, zu businessmen und Militär, erfordert, dass wir zu „ganz Anderen“ werden, dass sich die westlich-kapitalistische Scheinzivilisation in das auflöst, was ihr als das Fremdartigste, Gefährlichste und Verabscheuenswürdigste überhaupt gilt – oder aber: dass eine Lösung der ökologischen Krise nur im Traum, in Gestalt eines Science Fiction-Films noch denkbar scheint; als eine rein halluzinatorische Auflösung des Widerspruchs zwischen Kapital und gutem Leben, die lediglich die fortgeschrittene Filmtechnik des 21. Jahrhunderts fiktiv möglich macht.

Avatar erlaubt beiderlei Interpretation. Es bleibt zu hoffen, dass die erste zutrifft.

Dabei ist der Film selbst eine fast schon monströse Ausgeburt jenes Widerspruchs, den er implizit kritisiert. Die schier endlose Reihe der beteiligten Firmen und Personen, die im Nachspann minutenlang über die Leinwand flimmert, Zeugnis der enorm komplexen Kooperation in den fortgeschrittensten Bereichen kapitalistischer Produktion, bricht sich an der bis auf den Gipfel getriebenen Verwertungslogik des kulturindustriellen Kapitals: Noch nie ist ein Film so sehr auf das Marketing am Spielemarkt getrimmt worden wie Avatar.

Beitrag für RLS: “Wie wir am Wachstum scheitern. Die Grenzen des Kapitalismus”

Beitrag von Andreas Exner für “Klima-Crash und Wirtschaftskrise? Wie weiter mit dem Wachstum” (Fritjof Capra, Hazel Henderson, Andreas Exner, Sabine Reiner; Hg. Rosa Luxemburg-Stiftung, Berlin 2009).

Zweck kapitalistischer Produktion ist der Profit. Geld wird investiert, um Arbeitskraft und Produktionsmittel zu kaufen. Der Verkauf der damit produzierten Waren ergibt einen Profit, der sich in Unternehmergewinn, Dividende, Zins und Rente aufspaltet. Gesamtgesellschaftlich gesehen ist seine Quelle unbezahlte Mehrarbeitszeit, jene Zeit also, die über die für den Lebensunterhalt der Arbeitenden notwendige Arbeitszeit hinausgeht.

Der Kapitalismus ist die einzige Produktionsweise, in der sich die Menschen primär als Geld- und Warenbesitzende gegenübertreten. Geldwirtschaft und Kapitalismus sind Synonyme. Die Geldwirtschaft ist Folge einer Gesellschaftsform, in der Menschen nicht direkt und gleichberechtigt darüber kommunizieren, was sie brauchen und herstellen wollen.

Kapitalistische Produktionsweise bedeutet Produktion für einen gesellschaftlichen Bedarf. Diese erfolgt jedoch in privater Form. Der Widerspruch zwischen gesellschaftlichem Charakter der Produktion und fehlender Absprache der Produzierenden löst sich im Geld. Unser sozialer Zusammenhang trennt sich von uns und erscheint als fremde Macht, als Geld. Wir projizieren ihn in unsere Produkte, die deshalb als „Sachzwang“ auf uns zurückwirken.

Drang und Zwang zum Wachstum

Das Geld verkörpert abstrakten Wert. Es ist ein „allgemeiner Reichtum“, das heißt, es kann alles aneignen; andererseits kann sich etwas nur aneignen, wer über Geld verfügt. Geld ist deshalb das wichtigste Produkt jeder Tätigkeit in einer Geldwirtschaft, mehr Geld ist besser als weniger Geld oder bloße Kostendeckung.

Weil sich Geld im Ganzen betrachtet nur durch Warenproduktion vermehrt, geht Kapitalakkumulation immer mit wachsendem Verbrauch von Stoffen und Energien einher. Wachstumsdrang und -zwang resultieren dabei aus den Eigenschaften des Geldes selbst:

Erstens ist der Wert, der sich im Geld darstellt, völlig abstrakt; er befriedigt kein konkretes, sinnliches Bedürfnis. Mit 100 Euro 100 Euro zu machen ist deshalb sinnlos. An sich selbst findet das Geld jedoch keine Schranke. Mit 100 Euro kann man 1.000 Euro machen usw.

Zweitens stehen Menschen, die sich über das Geld in Beziehung setzen, in Konkurrenz zueinander. Wer sein Einkommen oder seinen Profit nicht maximiert, hat ein höheres Risiko, vom Markt zu verschwinden. Die Konkurrenz erzwingt also die Kapitalakkumulation.

Dieser Zwang ist auch die Basis für den Wachstumspakt zwischen Kapital und Arbeit. Denn nur rentable Betriebe schaffen Arbeitsplätze und Einkommen. Auch der Staat sichert und fördert das Kapitalwachstum, weil seine Steuereinnahmen und Legitimität davon abhängen. Aus diesem Grund ist der Staat Teil des ökologischen Problems und nicht Teil der Lösung.

Langfristige Wachstumszyklen

Langfristig betrachtet wechseln im Kapitalismus materielle und finanzielle Expansionsphasen miteinander ab (Arrighi 1994). Während einer materiellen Expansionsbewegung wie nach dem Zweiten Weltkrieg wird Profit vor allem in der Warenproduktion lukriert. Mit der Zeit erschöpfen sich die Möglichkeiten, die akkumulierte Masse von Profit auf diesem Weg weiter mit derselben Rate zu vermehren. Es existiert dann ein Übermaß an Kapital im Verhältnis zu den Möglichkeiten der rentablen Reinvestition. Ende der 1960er Jahre zeigte sich diese Überakkumulation in weltweit sinkenden Profitraten.

Solche materielle Expansionsphasen finden immer unter der Hegemonie einer Weltmacht statt – in der Phase nach dem Zweiten Weltkrieg waren das die USA. Die Hegemonialmacht reguliert das kapitalistische Welt-System und generiert eine relative internationale Stabilität. An den Grenzen der materiellen Expansion bauten alle bisherigen Hegemonialmächte eine finanzielle Vormacht auf, so auch die USA seit den 1970er Jahren.

Finanzielle Ansprüche in Form von Besitztiteln auf Profite und Steuerflüsse übersteigen im Verlauf der finanziellen Expansionsphase die Investitionen in der Warenproduktion immer mehr. Die finanziellen Ansprüche laufen dem Umfang der Profitmasse, die der Warenproduktion in absehbarer Zeit entspringen kann, immer weiter voraus. Werden diese Ansprüche aus Angst vor Verlusten einmal geltend gemacht, wird schlagend, dass die reelle Masse an Profit sie nicht befriedigen kann. Es kommt zur Krise.

In dieser Situation befinden wir uns jetzt. Die USA haben seit den 1980ern quasi auf Pump gelebt. Das ermöglichte nicht zuletzt Europa und Südostasien, ihre Waren abzusetzen. Dieser Wachstumsmotor war jedoch fast ausschließlich schuldenfinanziert. Seit 2007 werden die angehäuften finanziellen Ansprüche vermehrt geltend gemacht und die Sicherheiten für Kredite brechen weg. Da die Profitmasse, die der Ausbeutung von Arbeitskraft entstammt, nicht für alle Ansprüche darauf reicht, setzt eine massive Kapitalvernichtung ein.

Die ökologische Krise des Kapitals

Zugleich entfaltet sich ein ökologischer Krisenstrang, der aus der bereits sichtbaren Verknappung fossiler und metallischer Ressourcen resultiert. Mit zunehmender Verknappung von Ressourcen steigt der Kapital- und Arbeitsaufwand, um sie zu fördern, zu reinigen, zu transportieren und zu verarbeiten. Weniger die absolute Verfügbarkeit, das heißt z. B. die Gesamtmenge Erdöl, die weltweit gefördert werden kann, ist hier das Problem. Entscheidender ist der Punkt, ab dem die Fördermenge pro Jahr unaufhaltsam sinkt und der Energie- und Arbeitsaufwand für die Gewinnung einer bestimmten Energiemenge steigt, der Nettoenergieertrag also sinkt. Bei Erdöl ist dieser Peak Oil genannte Punkt vielleicht schon erreicht, bei Erdgas und Kohle ist er um 2025 zu erwarten (www.energiekrise.de).

Gesamtgesellschaftlich gilt nach Peak Oil: Der Arbeitsaufwand für die Herstellung der Produktionsmittel und den Lebensstandard der Lohnabhängigen steigen. Die Kapitalkosten steigen, die für den geltenden warenförmigen Lebensstandard nötige Arbeitszeit nimmt zu, der Anteil der Mehrarbeit fällt. Masse und Rate des Profits gehen zurück, was die Akkumulation verlangsamt. Arbeitslosigkeit und Verelendung sind die Folge.

Drei Krisentendenzen sind somit absehbar (Exner et Lauk 2008): Erstens wird das Kapital versuchen, den warenförmigen Lebensstandard der Lohnabhängigen abzusenken. Je weniger sie für sich produzieren, desto mehr Arbeitszeit kann in Form von Profit abgeschöpft werden.

Zweitens wird die Ressourcenverknappung relativ wettbewerbsschwache Kapitalien nicht nur entwerten, sondern dauerhaft vom Markt entfernen. Da sich die Knappheit fortschreitend intensiviert, solange der Konsum nicht auf Null zurückgeht, wird diese „Bereinigung“ vielleicht zu kurzen Mikrobooms, aber nicht zu einem neuen großen Aufschwung führen.

Drittens wird schlagend, dass der Übergang zu einem erneuerbaren Energie- und Stoffsystem auf absehbare Zeit selbst auf nicht-erneuerbare Ressourcen angewiesen ist. Ab einem gewissen Punkt der Erschöpfung von Ressourcen ist es physisch unmöglich, ein auch nur annähernd so hohes Konsumniveau wie heute auf erneuerbarer Basis zu erreichen. Die dafür nötigen nicht-erneuerbaren Ressourcen sind verbrannt oder stecken in Infrastrukturen fest.

„Green New Deal“: eine gefährliche Illusion

Die Idee des „Green New Deal“ ist deshalb naiv. Ökologisch gesehen ist er nicht akzeptabel, weil die erste Aufgabe einer ökologischen Transition darin bestehen muss, einen großen Teil der Weltwirtschaft ersatzlos still zu legen. Die aktuelle Kapitalvernichtung müsste also noch beschleunigt erfolgen ohne dass ein erneuter Nettokapitalaufbau sie kompensiert. Politisch gesehen ist ein solcher „Deal“ nicht akzeptabel, weil er Ressourcen für den Ökoumbau zugunsten des globalen Nordens monopolisieren muss.

Der „Green New Deal“ will im Sinne einer Ökologisierung Effizienzsteigerung und Erneuerbare forcieren ohne den Kapitalismus anzugreifen. Doch ist die Effizienzsteigerung dem Kapital inhärent, weil sie Kosten reduziert. Kostenersparnis aber vermehrt die investiven Mittel für eine Produktionsausweitung, weshalb Effizienz im Kapitalismus ineffektiv ist.

Der Umstieg auf erneuerbare Energie- und Stoffsysteme benötigt große Flächen (Agrofuels, Nawaros); seltene Metalle für Speichertechnologien und große Backup-Kapazitäten (Solar- und Windkraft); ganz allgemein viele Ressourcen, die sich in den hohen Kapitalkosten der erneuerbaren Technologien niederschlagen. Die Kapitalkosten steigen noch, wenn nicht-erneuerbare Vorleistungen sich verteuern. Selbst wenn ein solcher Umbau gelingt, so würde er der Kapitalakkumulation kaum mehr Spielraum lassen. Keinesfalls aber deckt er einen so hohen Ressourcenbedarf wie vor der Krise (Exner et al. 2008, Li 2008).

Freizeit-Genuss statt Sinnlos-Produktion

Eine Alternative muss vor allem anderen erlauben, einen großen Teil der Produktion ersatzlos stillzulegen und diesen Zugewinn an freier Zeit als einen Freiheitsgewinn für alle verfügbar zu machen. Die erste Voraussetzung dafür ist, die soziale Anerkennung vom Besitz eines Arbeitsplatzes zu entkoppeln. Zugleich muss der Wohlstand vom Kapital entbunden werden, indem möglichst alle Güter und Dienste öffentlich und frei zugänglich werden. Ein tragfähiger Wohlstand erfordert auch, die Verselbstständigung des Konsums aufzuheben, indem die Produzierenden ihre Produktion selbst verwalten und damit auch ihren Konsum.

Die Trennung zwischen Politik und Ökonomie ist eine Kernstruktur des Kapitalismus. Sie wird überwunden, wenn funktionell gestaffelte und egalitär ausgestaltete Gremien bewusster Entscheidungsfindung und Stoffwechsel-Steuerung den verselbstständigten Charakter der Ökonomie ebenso wie die Politik ersetzen. Dieser Prozess muss zugleich im und gegen den Staat verlaufen. Je stärker wir Ökonomie und Politik, Arbeit und Freizeit, Produktion und Konsum in seinem Verlauf integrieren, desto mehr wird der Kapitalismus zur Vergangenheit (Exner et al. 2008, Trainer 2007, www.keimform.de).

Konkrete Elemente einer Perspektive

Die Schwierigkeiten einer solchen Transformation wurzeln darin, dass die Reproduktion der Individuen die Reproduktion der Formen, in denen sich ihr gesellschaftlicher Stoffwechsel bewegt, voraussetzt. Der Formzwang verdichtet sich in der Lohnabhängigkeit, der Notwendigkeit, sich dem Kommando des Kapitals (oder des Staatsapparats) zu unterwerfen, um am Warenuniversum teilzuhaben. Sein Pendant ist das Fehlen alternativer Strukturen der Reproduktion und der für ihr Funktionieren notwendigen Subjektivitäten.

Nicos Poulantzas hat in seiner „Staatstheorie“ (1977) die Verbindung aus zunehmender Selbstverwaltung und Kämpfen auf dem Terrain des Staates und gegen seine autoritäre Wendung (die im aktuellen Krisenverlauf wieder zu erwarten ist), als den Weg der „radikalen Transformation“ des Staates beschrieben, die er in die „Globalperspektive des Absterbens des Staates“ stellt. Überlegungen, wie Selbstverwaltung als Kern genossenschaftlicher Produktionsweisen zum Ansatzpunkt einer radikalen Transformation werden kann, erhalten erneut Aktualität vor dem Hintergrund der Bewegungen für eine Solidarische Ökonomie, die sich in den letzten Jahren, ausgehend von Lateinamerika, verstärkten.

So zeigt etwa das Beispiel Brasiliens, dass soziale Bewegungen zu Veränderungen im Staatsapparat führen können, die in die von Poulantzas angedeutete Richtung weisen – in Brasilien (bei allen Begrenzungen und Schwierigkeiten) durch die Einrichtung eines Staatssekretariats für Solidarische Ökonomie, das diese unterstützt. Darüberhinaus fördert die Verknüpfung mit universitären und gewerkschaftlichen Institutionen eine expansive Dynamik dieser Wirtschaftsweise.

Zentrales Moment einer Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise ist die schrittweise Vergenossenschaftlichung der Produktionsmittel und die Entwicklung übergreifender, demokratischer Zusammenhänge der Regulierung des gesellschaftlichen Stoffwechsels. Dass Solidarische Ökonomie tatsächlich in diese Richtung weisen könnte, zeigt sich in der Debatte um die Ausweitung solidarökonomischer Produktionsketten. Darunter wird eine Form des Stoffwechsels zwischen solidarökonomischen Betrieben verstanden, die zumindest teilweise die Marktbeziehung überschreitet und die egalitär-kooperativen Potenzen der solidarökonomischen Zusammenhänge für ihre wechselseitige Unterstützung und weitere Expansionsbewegung fruchtbar machen würde. Wo Genossenschaftsverbände und vergleichbare institutionelle Ankerpunkte existieren, fände ein solcherart bewusst regulierter, solidarökonomischer Binnen-Stoffwechsel grundsätzlich gute Bedingungen vor – vorausgesetzt die Herausforderung wird von den Akteuren auch erkannt.

Versorgungseinbrüche und Angriffe auf verbliebene soziale Sicherheiten werden im Kisenverlauf zunehmen. Die offensive Ausweitung „kollektiver Produktionsautonomien“ ist schon allein deshalb ein wichtiges Element jeder Gegenbewegung. Sie kann zudem indirekt die Transformation der Lohnarbeitsverhältnisse und des Staates vorantreiben, indem sie Arbeitskämpfe ebenso wie Kämpfe um eine allgemeine und bedingungslose soziale Sicherung ermöglicht, die andernfalls aufgrund fehlender Subsistenzmöglichkeiten und kooperativer Fähigkeiten an enge Grenzen stoßen dürften.

Zur Produktionsautonomie gehören der Aufbau von Strukturen lokaler, vom Weltmarkt unabhängiger Nahrungsmittelproduktion, wie sie etwa Gemeinschaftsgärten und Erzeuger-Verbraucher-Initiativen illustrieren, die seit einigen Jahren an Bedeutung gewinnen; die Entwicklung von Energiegenossenschaften auf Basis erneuerbarer Energie; Übernahmen von für die Daseinsvorsorge und allgemeinen Produktionsgrundlagen wesentlichen Betrieben durch die Belegschaften; die Neuorganisation „reproduktiver“ Tätigkeiten der „Haushalte“, die aus ihrer Trennung von der „Produktion“ zu lösen sind, indem sie kollektiviert und demokratisiert werden, während das patriarchale Geschlechterverhältnis abgebaut wird.

Entscheidend wäre in der Folge, die Selbstorganisation der aus der Verwertung herausfallenden oder emigrierenden Menschen und Lebensbereiche zum Einen gegen Angriffe des Staates zu schützen, wofür der Aufbau von „Brückenköpfen“ in seinen Apparaten von dringlicher Bedeutung ist; zum Anderen aber eine offensive Strategie der Verwandlung staatlicher Apparate in Institutionen demokratischer Selbstorganisation, entlang des Expansionsrhythmus der Produktionsautonomien breiter Massen, zu forcieren. Nur so kann sich das Verhältnis zwischen dem nicht-kapitalistischen Sektor und der vorerst weiter existierenden kapitalistischen Produktionsweise deutlich zugunsten des ersteren verschieben und die Solidarische Ökonomie, anstatt zum Moment staatlich-kapitalistischer Krisenbewältigungsstrategien zu verkommen, die Hegemonie des Kapitals ansatzweise zerstören.

Literatur

Arrighi, G. (1994): The Long Twentieth Century. Money, Power, and the Origins of Our Times. Verso.

Exner, A.; Lauk, C. (2008): Die ökologische Krise des Kapitals. Streifzüge 44. www.streifzuege.org

Exner, A.; Lauk, C.; Kulterer, K. (2008): Die Grenzen des Kapitalismus. Wie wir am Wachstum scheitern. Ueberreuter. www.social-innovation.org

Li, Minqi (2008): The Rise of China and the Demise of the Capitalist World-Economy. Pluto Press.

Trainer, Ted (2007): Renewable Energy Cannot Sustain a Consumer Society. Springer. http://ssis.arts.unsw.edu.au/tsw/

Poulantzas, Nicos (1977/2002): Staatstheorie. Politischer Überbau, Ideologie, Autoritärer Etatismus. VSA.

Das ganze Heft gibt es hier zum Download.

Für eine Linke mit gesellschaftlicher Dimension! – “superlinke” jetzt
Andreas Exner | 19. Februar 2010 | 19:30 | Politisches | No comments

Einige Leute haben den Versuch gestartet, eine linke Organisation jenseits von loser Plattform und rigider Partei aufzubauen. Die Grundsätze sind einfach: (1) gegen Staat und Kapital, (2) für eine Emanzipation von vermeintlichen “Sachzwängen”, feministisch, für freie Tätigkeit und Assoziation, (3) wir bilden keine Partei.

Aufruf unterzeichnen hier: organisieren *ät* lnxnt .org

Derzeit bereiten 2 Arbeitsgruppen, die offen für Mitarbeit sind, einen Kongress im Frühsommer vor. Die Organisierungsinitiative trifft sich regelmäßig.

Stand der Unterzeichnenden (16.2.2010): Amanshauser Bernhard, Apprich Clemens, Baiculescu Michael, Bargehr Gabriele, Bartenberger Martin, Beneder Beatrix, Bernat Regina, Birkner Martin, Bratic Ljubomir, Dimitrova Petja, Dorfer Bernhard, Eckhart Walter, Eder Barbara, Exner Andreas, Fleissner Peter, Forster Franziskus, Gangl Georg, Glatz Lorenz, Grass Markus, Haumer Peter, Hörtner Pablo, Isop Utta, Jauk Daniela, Jesenitschnig Tobias, Keller Fritz, Kerschbaum Thomas, Kranebitter Andreas, Kratzwald Brigitte, Krondorfer Birge, Kumrow David, Lambrecht Wolfgang, Lauk Christian, Leder Anna, Lehner Peter Ulrich, Mende-Danneberg Bärbel, Mercnik Manfred, Mokre Monika, Monk Rainer, Naetar Franz, Nahar Renate, Neuhold Petra, Nöstlinger Franz, Oberscheider Rainer, Pfeiffermann Karl, Pichl Peter, Presch Hedwig, Reinprecht Karl, Reitter Karl, Ressler Oliver, Rieger Ralph, Riva Gianni, Rosenberg Laurin, Schäfer Franz, Schandl Franz, Schmidt Wolfgang, Schneider Günter, Schönberger Klaus, Spörl Andreas, Strutz Helmut, Taucher Philip, Wallner Gerold, Weiss Stephanie, Weissenborn Elke, Wollner Eveline, Ziegler Petra, Zoister Klaus

Aus dem Aufruf:

Die Linke in Österreich 2010 – Stärken und Schwächen

Die radikale Linke ist heute meist in unterschiedlichsten Netzwerken tätig. Sie stellen insofern den „modernsten“ Flügel der gesellschaftlichen Veränderung dar als sie die Überwindung des „klassischen Typus der Partei“ (mit umfassendem Anspruch der Organisation aller Lebensbereiche) verkörpert. Die Vielfalt dieser Linken drückt sich u.a. durch Themenreichtum, Selbstverständnis, Geschlecht, Generation, Handlungsebene und -weise, Milieu aus.

Diese Stärke ist zugleich aber ihre Schwäche. Durch diese Ausrichtung besitzen diese Gruppen nämlich spezifisches Wissen und Erfahrung und organisieren sich oft ausschließlich  nach den sie bestimmenden Parametern. Das kann einen reduzierten Szene-Blick fördern und engt oftmals sowohl hinsichtlich inhaltlicher wie organisatorischer Gesichtspunkte die Erweiterungsfähigkeit des eigenen Tätigkeitsbereichs ein

Mehr hier.

Buch NEU: “Mythen der Krise” (BEIGEWUM/Attac) – Artikel Exner zum Zins
Andreas Exner | 14. Februar 2010 | 11:58 | Buch- und Filmbesprechungen | No comments

Mythen der Krise. Einsprüche gegen falsche Lehren aus dem großen Crash

Herausgegeben von BEIGEWUM in Kooperation mit Attac

Autor_innen: Joachim Becker, Andreas Exner, Georg Feigl, Franziskus Forster, Klemens Himpele, Johannes Jäger, Karin Küblböck, Sebastian Leitner, Markus Marterbauer, Gabriele Michalitsch, Taha Nasr, Claus Puhr, Raul Ramskogler, Werner Raza, Vanessa Redak, Christa Schlager, Helene Schuberth, Martin Schürz, Elisabeth Springler, Engelbert Stockhammer, Beat Weber.

Zu Beginn der Wirtschafts- und Finanzkrise schien der Neoliberalismus, ja der Kapitalismus insgesamt, in der Defensive. Doch mittlerweile haben sich seine Apologeten erholt und versuchen mit allen Mitteln, ihre Lehren und Interessen zu verteidigen. Krisen-Mythen haben Konjunktur. “Mythen der Krise”, herausgegeben vom BEIGEWUM in Kooperation mit Attac, entlarvt nun die falschen Lehren aus dem großen Crash.

Die Autor_innen nehmen sich kursierende Mythen rund um Krisenursachen, Krisendynamiken sowie Krisenlösungen vor und prüfen sie auf ihre Richtigkeit. Dabei kommen Alternativen nicht zu kurz. Die auch für Nicht-Ökonom_innen eingängige Darstellung macht dieses Buch zur willkommenen Argumentationshilfe für alle, die dem herrschenden Krisen-Management kenntnisreich entgegentreten wollen.

Mit Mythen wie “Die Amerikaner_innen haben über ihre Verhältnisse gelebt” oder “Die Einkommensverteilung war nicht das Problem” wird Ursachenverleugnung betrieben.Mit Ansagen wie “Die ‘braven’ Banken sind unschuldige Opfer” oder “Protektionismus ist die größte Gefahr” wird versucht, eine Abkehr von der dominierenden wirtschaftspolitischen Doktrin zu verhindern. Mit Warnungen wie “Jetzt droht die Hyperinflation” wird beschleunigt in Sackgassen gesteuert. Doch auch antineoliberale Ansätze wie die Zinskritik erweisen sich als wenig weiterführende Alternativen.

Inhaltsverzeichnis & Leseprobe:

==> http://www.attac.at/uploads/media/Mythen-der-Krise-_Inhalt-Autoren.pdf

Inhaltsverzeichnis, Textprobe & Bestellmöglichkeit:

==> http://www.beigewum.at/2010/01/mythen-der-krise/

KriSU-Workshop “Mapping Solidarische Ökonomie”, Fr., 15.1., 16.00, Hotel Karolinenhof

Weitere Infos hier

Thesen zur Kritischen & Solidarischen Universität (KriSU)

Funktion der Universität

Die bestehende Form der Universität hat vier wesentliche Funktionen: sie qualifiziert Arbeitskräfte für Kapital und Staat; produziert Ideologien, das heißt Lehren von der Naturgegebenheit der kapitalistischen Verhältnisse; organisiert Forschung zum Zwecke der Steigerung der Profitabilität der Wirtschaft; und vermittelt ganz allgemein die Illusion der “Beherrschbarkeit”. Kritische Erkenntnis ist dabei in gewissem Ausmaß notwendig.

Erstens bildet sie den Pool an kreativen Ideen, die zuerst einmal relativ unbefangen entwickelt werden müssen, bevor eine verwertungs- und staatskonforme Selektion im Dienste der Wettbewerbsfähigkeit einsetzen kann. Nicht zuletzt sind kritische Studierende flexibler und ideenreicher als Lernstoffpauker_innen und also brauchbarer für die Verwertung.

Zweitens stabilisiert der bewusst eingeräumte Platz kritischer Erkenntnis das Objekt der Kritik: die kapitalistische Gesellschaft. Das Spiel der Meinungen hat nämlich ebenso wie die parlamentarische Demokratie eine wichtige Funktion. Das geistige Glasperlenspiel suggeriert und ersetzt eine Wahlfreiheit, die materiell nicht besteht. Dabei lebt die innere Dynamik der bürgerlichen Wissenschaft von ihrem Widerspruch, die Möglichkeit einer absoluten Erkenntnis (wie immer auch Popperianisch relativiert) vorauszusetzen und darauf hinzuzielen, und dabei doch nur ständig wechselnde Paradigmen, Theorien, Thesen und Theoreme zu produzieren – verkleidet in einer projektiv erzeugten, von Aristoteles bis zur Quantenphysik reichenden Scheinkontinuität “fortschreitenden Wissens”. (Dieser Widerspruch zeigt sich in den Geistes- ebenso wie in der Naturwissenschaften, macht sich in letzteren jedoch aufgrund ihrer technischen Anwendbarkeit nach dem Motto “was funktioniert ist wahr” weniger bemerkbar.) Bürgerliche Wissenschaft ist entgegen ihrem eigenen Anspruch für immer Stückwerk – ohne dass sie dies je wirklich auf die gesellschaftliche Basis jeder Erkenntnis und damit auf deren historische Bedingtheit und Veränderbarkeit beziehen dürfte.

(Die Debatte um den Konstruktivismus ist hier nur gestreift. In Hinblick auf das marxistische Dogma, eine absolute Erkenntnis von Gesellschaft sei möglich und für deren Transformation erfordert, sei als These festgehalten: Die ökonomische Wissenschaft als Systematisierung und Ausdifferenzierung der in der bürgerlichen Gesellschaft herrschenden Alltagsvorstellungen ist nicht durch eine “positive Wissenschaft des Kapitals” von links zu ersetzen, sondern kann nur radikal destruiert werden. Das heißt, sie ist auf historisch bestimmte menschliche Beziehungen zurückzuführen und damit ihrer “reellen Scheingegenständlichkeit” zu entkleiden. Damit ist keine “objektive Theorie der Gesellschaft” impliziert, sondern es wird die “reelle Scheinobjektivität” des Systems der ökonomischen Wissenschaft verständlich gemacht und im selben Schritt zerstört – Darstellung des Systems als seine Kritik.)

Form der Theorie

Zusammengefasst gilt für die Universität: Alles ist erlaubt – nur nicht, dass sich an Kapitalverwertung, Staatsmacht und Marktbeziehung etwas ändert. Der wesentliche Punkt, an dem Wissensproduktion mit der herrschenden Form von Universität bricht, liegt deshalb in der praktischen Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse.

Theorie im herkömmlichen Sinn setzt ein von ihr getrenntes Objekt voraus. Sozialwissenschaft als Theorie der Gesellschaft muss Gesellschaft als einen ihr äußerlichen Gegenstand betrachten. Sie hat sich um die Möglichkeit der radikalen Veränderung von Gesellschaft damit bereits gebracht. Naturwissenschaft als “reine” Theorie der Natur muss Natur als einen ihr äußerlichen Gegenstand betrachten. Sie hat sich um die Möglichkeit der Reflexion ihrer Vorannahmen, gesellschaftlichen Bedingtheit und bewussten Entfaltung damit bereits gebracht.

(Damit ist nicht gesagt, dass es Natur nicht gibt – sie ist das Widerständige, das in unseren Konstruktionen nicht aufgeht. Auf die Debatte über den Unterschied zwischen Geistes- und Naturwissenschaften gehe ich hier nicht ein. Thesenhaft auf den Punkt gebracht wäre die emanzipative Funktion der Geisteswissenschaft zum Großteil in der Destruktion zu suchen, die Annahmen und Bedingungskonstellationen von Wissensproduktion und ihres Inhalts freilegt; Naturwissenschaft ist dagegen konstruktiv. Destruktion und Konstruktion wären zu synthetisieren, um reflexive Wissenschaft zu ermöglichen. Die Frage der Disziplinierung der Wissenschaften und der faktisch auf dem Niveau der Phrase verbleibenden Inter- und Transdisziplinarität sei hier nur als Stichwort einer weiteren notwendigen Debatte in den Raum gestellt.)

Die Universität und ihre Subjekte

Studierende beginnen zum größten Teil und in aller Regel ein Studium, um sozial aufzusteigen oder die soziale Position ihrer Familie zu reproduzieren. Der Arbeitsmarkt erfordert eine Ausbildung, und die Universität bietet eine solche ja durchaus. Ihr zusätzlicher sozialer Nutzen und ihre Daseinsberechtigung als Institution liegen jedoch in der Verteilung symbolischen Kapitals. Die Lehrenden qualifizieren die Studierenden zum größten Teil und in aller Regel in diesem Sinn. Die Akkumulation symbolischen Kapitals zum Zwecke sozialer Unterscheidbarkeit auf einer Leiter der Herrschaft und des Kommandos hat zur Voraussetzung, dass der Zugang zur Universität beschränkt ist und Diplome knapp sind. Daher der Wildwuchs an Studiengängen, daher die „künstliche“ Verengung des Studienzugangs.

Diese ihre Funktion erfüllt die Universität jedoch nicht reibungslos. Es gibt in ihr zum Einen ein überkommenes „Bildungsideal“, das sich der Verwertbarkeit oberflächlich verweigert und von einem altbürgerlichen Standpunkt des „noblen Luxus der reinen Erkenntnis und des Wissens um seiner selbst willen“ argumentiert. Zum Anderen aber Studierende, die sich für ihre Verwertung nicht oder nicht ausschließlich interessieren und stattdessen Erkenntnis, Kritik und inspirierende Erfahrungen suchen. Diese beiden Momente geraten mit den neoliberalen Reformen, die „Bologna“ symbolisiert, in Widerspruch.

Ursprung und Grenze der Revolte

Die Fortführung der neoliberalen Reformen und die Weltkrise des Kapitals bilden den zweifachen Hintergrund der aktuellen Uniproteste: der eine gut sichtbar, der andere verdeckt. Einerseits fühlen viele Studierende ihre Verwertbarkeit bedroht, durch Selektion, Arbeitsüberlastung und zunehmende bürokratische Hürden. Andererseits wird untergründig spürbar, dass die Weltkrise des Kapitals den Arbeitsmarkt verengt und (noch) viele Studierende (mehr) in die Armut drängen wird.

Jene, die den Betrieb der Universität grundsätzlich kritisch sehen und nolens volens zwar eine Ausbildung absolvieren, dies aber im ständigen Widerspruch zum Wunsch nach einem besseren Leben ohne Verwertungszwang, gab es schon immer. Ihre Aktion entzündete den Unmut. Der aber hatte zum Gutteil ganz andere Ursprünge als den Wunsch nach Freiheit.

Ende und Perspektive der Revolte

Die Perspektive der Revolte beginnt dort, wo ihre unmittelbare und vorherrschende Motivation, Verwertbarkeit zu sichern und den Verwertungsdruck für die Zeit des Studiums zu sistieren, endet. Mehr als einen Anstoß dazu konnte sie nicht geben.

Eine Perspektive entsteht, wo die Form der Theorie und ihr institutioneller Körper: die Universität – praktisch in Frage gestellt werden. Dies geschieht theoretisch, indem die Universität und das dort produzierte Wissen analysiert werden als eine Methode ihrer Auflösung und seiner Kritik. (Die Aufnahme der für eine nicht-kapitalistische Produktions- und Lebensweise brauchbaren Wissensbestände und deren Fortentwicklung eingeschlossen.) Die Theorie wendet sich gegen sich selbst. Zugleich geschieht dies praktisch, indem die Auszubildenden ihre Reproduktion vom Arbeitsmarkt zu entkoppeln beginnen. Beide Momente müssen ineinandergreifen.

Solidarische Ökonomie der Bildung

Eine Solidarische Ökonomie ist Praxis gegen den Kapitalismus und für eine Alternative. Ihr Kernmoment ist Selbstverwaltung, ihre Organisationsweise ist die egalitäre Kooperation. Partziell und mehr noch perspektivisch bietet sie die Möglichkeit, Gemeingüter herzustellen, die ohne Marktzwang zur Verteilung kommen. Je mehr Gemeingüter, desto besser für die Solidarische Ökonomie – je umfangreicher und tiefer entwickelt die Solidarische Ökonomie, desto mehr Gemeingüter produziert sie.

Die Produktion von Wissen, das dem Aufbau der Solidarischen Ökonomie von Nutzen ist, muss sich vom Wissen um die Produktivkraftsteigerung der Arbeit unter der Herrschaft des Kapitals unterscheiden. Es muss sich auch von den Lehren der Gesellschaft als Objekt und ihrer Verhältnisse als Naturgegebenheit unterscheiden. Es muss sich von der Naturwissenschaft in ihrer reflexionslosen Form vermeintlich apersonaler, ungesellschaftlicher, absoluter Objektivität abheben. Kurzum: Es geht um eine Verschränkung der Produktion von Wissen mit der Produktion einer anderen Gesellschaft, jenseits von Herrschaft über Mensch und Natur, Ausschluss und Unterdrückung, jenseits von Markt, Staat und Kapital.

Infos zum Projekt “Kritische & Solidarische Universität – KriSU” hier.

Neu: “Jenseits von Humboldt” – Kritik & Perspektive – Plattform “Massenuni”

Die Plattform “Massenuni” – ein lockerer Diskussionszusammenhang anti-kapitalistischer Initiativen, Redaktionen und Einzelpersonen – hat soeben die Broschüre “Jenseits von Humboldt. Von der Kritik der Universität zur globalen Solidarischen Ökonomie des Wissens” herausgegeben.

Ausgangspunkt der Veröffentlichung war der Workshop “Vom Uniprotest zur Solidarischen Ökonomie der Bildung” im besetzten Audimax der Universität Wien. Die Broschüre dokumentiert die Workshop-Inputs, liefert Hintergrundanalysen zu Wissensgesellschaft, Kapitalismus und Solidarische Ökonomie und veröffentlicht Texte der universitären Protestbewegung 2009.

Hier gibts die Broschüre zum Download.

Bestellung zum Selbstkostenpreis unter anderem bei redaktion*ÄT*streifzuege.at möglich

“Klima in der Krise” – Radikale Gewerkschaftsbroschüre – AUGE/UG
Andreas Exner | 14. Dezember 2009 | 19:17 | Alle Einträge, Klimawandel | No comments

Angesichts der hoffnungslosen Klimapolitik von NGOs und Staat ist es von entscheidender Bedeutung, die Kapitalismusfrage erneut und vehement zu stellen. Die vorliegende Broschüre der AUGE/UG (Autor_innen: A.Exner, E.Eigenbauer, U.Stein, M.Koza) tut dies.

Zuerst wird der Zusammenhang zwischen Kapitalismus – dem System von Lohnarbeit, Markt und Staat – und der ökologischen Krise leicht verständlich skizziert. In den folgenden Abschnitten werden erste Schritte eines Lösungswegs umrissen. Die Broschüre versteht sich als ein erster Diskussionsinput jenseits des Diskurses von “Nachhaltigkeit” und “Win-Win-Situationen” aus gewerkschaftlicher Sicht.

Im Folgenden das Inhaltsverzeichnis und der Link zum Download.

Klima in der Krise
Broschüre, 32 Seiten

Der Klimawandel ist längst bedrohende Gewissheit geworden. Das Versprechen, über scheinbar grenzenloses Wachstum Wohlstand für alle schaffen zu können ist spektakulär gescheitert – ökonomisch und ökologisch. Es braucht einen grundlegenden Umbau unseres Wirtschaftssystems nach ökologischen Kriterien. Mit dieser Broschüre wollen wir aus alternativ-gewerkschaftlicher Sicht einen Beitrag zur Klimadebatte leisten.

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Wachstumsspirale in den Klimawandel

Wachstum des Kapitals = Wachstum des Umweltproblems
Weniger ist Mehr: Wirtschaftsdemokratie statt Wachstumszwang
Solidarische Ökonomie für Umverteilung und Ökologie

„Grüner“ Systemwechsel: Wann, wenn nicht jetzt?

Konjunkturpakete – Klimaschutz lässt auf sich warten
„Grüne“ Investitionen bringen’s – gerade auch in Österreich
Und die Gewerkschaften?
Ökologisch und sozial umsteuern – Jetzt!

Der Arbeitsplatz: ein Handlungsfeld für die Klimapolitik

Veränderungen sozial und demokratisch gestalten
Klimaschutz im Betrieb
Gewerkschaftliche Bildungsarbeit – Klimaschutz und Klimawandel müssen Thema werden!
ArbeitnehmerInnen- und Informationsrechte stärken

Literatur und Links

Fraktion UG im ÖGB
Fraktion AUGE/UG in der AK

Zu bestellen unter auge[at]ug-oegb.at (gegen Versandkosten)

Unterstützt die “Kritische & Solidarische Universität” (KriSU)!

Die “Kritische & Solidarische Universität” (KriSU) braucht Unterstützung. Alle Informationen hier. Online-Petition hier. Der Prozess der Organisierung braucht Ressourcen, Leute, Ideen. Mail an krisu*ÄT*riseup.net. Danke.


blank info