Ungleichheit zerstört unsere Umwelt. Warum Verzicht falsch und ein ökologischer Lebensstil zuwenig ist

von Andreas Exner

Die bahnbrechenden Arbeiten von Richard Wilkinson und Kate Pickett in “The Spirit Level” (2009) zeigen: Gesundheit und Wohlbefinden hängen in reichen Ländern nicht vom absoluten Niveau des Durchschnittseinkommens ab. Mit einer Vielzahl an Daten wird belegt, dass statistisch betrachtet vor allem die Ungleichheit der Einkommen darüber entscheidet, wieviele Menschen psychisch erkranken, fettleibig oder übergewichtig sind. Das steht der herrschenden Sicht diametral entgegen.

Noch überraschender ist vielleicht, dass Ungleichheit auch unserer Umwelt schadet. Nicht nur das. Soziale Ungleichheit ist in der Tat die wichtigste Ursache der ökologischen Krise, wie neue Forschungsergebnisse zeigen.

Ungleichheit schadet der Gesundheit

Je größer die Einkommensungleichheit, desto kürzer die Lebenserwartung und desto schlechter der Gesundheitszustand gemessen an Indikatoren wie Fettleibigkeit oder Kindersterblichkeit. Auch Bildungsleistungen, soziale Mobilität, die Inhaftierungsquote und die Mordrate, der Anteil an Geburten bei Teenagern oder das Wohlergehen von Kindern werden hauptsächlich durch die Ungleichheit der Einkommen bestimmt. Dabei gilt: je ungleicher ein Land, desto schlechter schneidet es bei Sozialindikatoren ab.

Zusammenhang von Lebenserwartung (life expectancy), Fettleibigkeit (obesity), psychischer Erkrankung (mental illness) und Kindersterblichkeit (infant mortality) mit der Einkommensungleichheit, gemessen am Verhältnis der Einkommen zwischen den reichsten und den ärmsten 20% in den Industrieländern. Länder mit großer Ungleichheit (gegen 10) schneiden schlechter ab als Länder mit großer Gleichheit (gegen 3). Alle Daten nach Wilkinson und Pickett (2009; siehe auch http://www.equalitytrust.org.uk/).

Kausal verantwortlich ist dafür der negative Einfluss der Statuskonkurrenz auf die menschliche Gesundheit. Ein Review von mehr als 200 sozialmedizinischen Experimenten durch Dickerson und Kemeney ergab, dass die Angst vor der Bewertung des eigenen sozialen Status im Vergleich mit anderen Stress-Situationen die stärkste Stress-Reaktion auslöst, wie man anhand der Konzentration des Stress-Hormons Cortisol im Blut messen kann. Dauerstress schadet der Gesundheit auf vielfältige Weise, unter anderem auch dem Fötus, womit sich einige Stress-Schäden quasi vererben. Dauerstress verursacht nicht nur die Angst vor dem Verlust des eigenen sozialen Status, sondern bereits die Angst, sozial bewertet zu werden, die Demütigung, eine niedrigere soziale Stufenleiter als das Gegenüber einnehmen zu müssen. Hierarchien sind eine strukturelle, physiologisch messbare Verletzung.

Die Statuskonkurrenz erhöht sich bei steigender sozialer Ungleichheit. Denn in einer ungleichen Gesellschaft ist die Angst vor dem Fall in der Statusleiter, das Ausmaß der Demütigung durch soziale Herrschaft größer als in einer gleicheren. Statuskonkurrenz vermindert auch die sozialen Kontakte, was seinerseits negative Gesundheitseffekte nach sich zieht. In einer ungleichen Gesellschaft sinkt das Vertrauen, wie Umfragen zeigen. Das reduziert Freundschaften. Die Zahl an Freundschaften ist jedoch sehr eng mit dem Gesundheitszustand korreliert, wie Experimente nachweisen. Auch hier wirkt sich soziale Ungleichheit erneut negativ auf uns aus.

Zusammenhang von Vertrauen sowie einem Wohlstandsindex mit der Einkommensungleichheit, gemessen am Verhältnis der Einkommen zwischen den reichsten und den ärmsten 20% in den Industrieländern. Länder mit großer Ungleichheit (gegen 10) schneiden schlechter ab als Länder mit großer Gleichheit (gegen 3). Alle Daten nach Wilkinson und Pickett (2009; siehe auch http://www.equalitytrust.org.uk/).

Schadet Ungleichheit auch der Umwelt?

Schon Wilkinson und Pickett geben in ihrem Buch “The Spirit Level” einige Hinweise darauf, dass Ungleichheit auch in ökologischer Hinsicht problematische Auswirkungen zeitigt. So korreliert etwa der Anteil des recyclierten Abfalls sehr eng mit der Einkommensungleichheit. Eine Studie von De Vogli und Gimeno ergab, dass Manager in Ländern mit größerer Gleichheit internationale Umweltverpflichtungen stärker unterstützen.

Zusammenhang von Recyclinganteil (Ranking von 1-10) sowie dem Anteil von Werbeausgaben (Advertising) am Bruttoinlandsprodukt eines Landes mit der Einkommensungleichheit, gemessen am Verhältnis der Einkommen zwischen den reichsten und den ärmsten 20% in den Industrieländern. Länder mit großer Ungleichheit (gegen 10) schneiden schlechter ab als Länder mit großer Gleichheit (gegen 3). Alle Daten nach Wilkinson und Pickett (2009; siehe auch http://www.equalitytrust.org.uk/).

Einiges deutet darauf hin, dass soziale Gleichheit das Gefühl der Verantwortlichkeit zwischen den Menschen erhöht. Und dieses Gefühl führt tendenziell auch zu mehr Umweltbewusstsein. Es scheint so zu sein, dass soziale Ungleichheit die Beziehung des Menschen nicht nur zur Gesellschaft, sondern zur Welt im Allgemeinen angreift wie ein Virus und zersetzt. Die Werbung nutzt diesen Virus weidlich aus. Sie hat in ungleicheren Ländern eine größere Bedeutung als in gleicheren.

Zusammenhang von Entwicklungshilfeanteil (foreign aid) am Bruttoinlandsprodukt und einem Index für den Grad der Militarisierung eines Landes (Ranking von 1-10) mit der Einkommensungleichheit, gemessen am Verhältnis der Einkommen zwischen den reichsten und den ärmsten 20% in den Industrieländern. Länder mit großer Ungleichheit (gegen 10) schneiden schlechter ab als Länder mit großer Gleichheit (gegen 3). Alle Daten nach Wilkinson und Pickett (2009; siehe auch http://www.equalitytrust.org.uk/).

Dazu passt, dass gleichere Länder am Global Peace Index besser abschneiden als ungleiche. Auch geben gleichere Länder einen höheren Anteil ihres Bruttoinlandsprodukts für Entwicklungshilfe aus – ungeachtet der Frage, ob Entwicklungshilfe wirklich der Entwicklung hilft, darf man darin doch ein höheres Ausmaß an Verantworungsgefühl und Kooperationsbereitschaft erkennen.

Der grundlegende Mechanismus der umweltschädlichen Wirkung von Ungleichheit ist erneut die Statuskonkurrenz. Allerdings muss man ihre Wirkungsweise tiefer erfassen als Wilkinson und Pickett dies tun, die sich auf den Statuskonsum beschränken. Die Ungleichheit ist nämlich erstens nicht erst für ein Übermaß an Konsum, sondern schon für die Akkumulation von Kapital verantwortlich, von der alles andere, auch der Konsum, abhängt. Die Kapitalisten und Unternehmer müssen nämlich, um ihre herausgehobene Statusposition zu halten, dem Wachstumsimperativ gehorchen, den die Konkurrenz am Markt ihnen setzt. Die kapitalistische Statusleiter ist dabei nach oben offen, denn das Geld kann an sich selbst keine Grenze finden. Das kapitalistische Wachstum findet daher außer an einer sozialen Bewegung, die eine Postwachstumsökonomie ins Werk setzt, kein Ende.

Dabei muss klar sein: was wir “Kapital” nennen, ist selbst bereits der Ausdruck einer tief in die heutige Gesellschaft eingelassenen Ungleichheit. Diesen Umstand betonen auch Wilkinson und Pickett ganz zurecht. Die Spaltung der Menschen in Eigentümer von Produktionsmitteln und denen, die nicht darüber verfügen und sich stattdessen verkaufen und unterwerfen müssen, ist die eigentliche Wurzel der sozialen Ungleichheit.

Sicherlich spielt an zweiter Stelle jedoch die Statuskonkurrenz der Lohnabhängigen untereinander und mit der Kapitalistenklasse eine Rolle für den Umweltschaden, den Ungleichheit verursacht. Zweitrangige Waren signalisieren zweitrangige Menschen, so bringen Wilkinson und Pickett die Lage im Kapitalismus auf den Punkt. Dieses soziale Faktum, das physiologisch messbar zu dauerhaftem Stress führt, bedingt den Konsum von möglichst hochrangigen Waren, und zwar von möglichst viel davon, womit der Gesamtkonsum steigt.

Von diesen theoretischen Prämissen ausgehend muss sich also Ungleichheit in größerem Umweltverbrauch niederschlagen. All jene ökologischen Indikatoren, die innerhalb eines Landes einen sozialen Gradienten aufweisen, also bei Armen anders ausgeprägt sind als bei Reichen, sollten demnach auch im Vergleich zwischen den Ländern einen Zusammenhang mit dem Ausmaß der sozialen Ungleichheit zeigen.

Ungleichheit ist das Umweltproblem Nr. 1

Eine Forschergruppe der Universität Sheffield präsentierte unlängst einige Analysen zum Zusammenhang von Ungleichheit und ökologisch schädlichem Verhalten. Die Ergebnisse sind gemischt. Während in den meisten Datensätzen Ungleichheit tendenziell mit einer stärkeren Schädigung der Umwelt einhergeht, sind die Korrelationen jedoch zumeist schwach. Nur der Wasserverbrauch korreliert recht deutlich mit der sozialen Ungleichheit. In den Darstellungen der Gruppe kommt der statistisch eher schwache Zusammenhang allerdings nicht so stark zum Vorschein. Denn in ihren Grafiken stellen sie die einzelnen Länder in unterschiedlich großen Punkten je nach Einwohnerzahl dar, womit unter anderem die USA als großer Umweltsünder stark in den Blick fallen.

Zusammenhang verschiedener ökologischer Indikatoren (von links oben nach links unten: Fleischkonsum, Wasserverbrauch, Abfallmenge, Zahl an Flügen, ökologischer Fußabdruck) eines Landes mit der Einkommensungleichheit, gemessen am Verhältnis der Einkommen zwischen den reichsten und den ärmsten 20% in den Industrieländern. Länder mit großer Ungleichheit (gegen 10) schneiden tendenziell zumeist schlechter ab als Länder mit großer Gleichheit (gegen 4). Alle Daten nach SASI-Group, Sheffield (siehe auch http://www.equalitytrust.org.uk/). Anmerkung: die Daten der Einkommensungleichheit stammen aus einer anderen Periode als in Wilkinson und Pickett (2009). Das Länderset ist das gleiche.

Zumeist sind die Korrelationen in den Sheffield-Datensätzen deutlich niedriger als der Zusammenhang wesentlicher Indikatoren von Gesundheitszustand und Wohlstand mit der Einkommensungleichheit.

Freilich, die Wahl von Indikatoren des Umweltzustands ist keineswegs einfach. Häufig liegen Daten nicht in der erforderlichen Genauigkeit vor. Anstatt beispielsweise den ökologischen Fußabdruck zu verwenden, um den Umweltverbrauch zu indizieren, wie das die Sheffield-Gruppe macht, wäre es daher besser, den Inlandsmaterialverbrauch heranzuziehen. Der Inlandsmaterialverbrauch misst, soweit es die Daten zulassen, den physischen Verbrauch an Ressourcen in einem Land, zuzüglich physischer Importe, abzüglich physischer Exporte.

Im Rahmen des Forschungsprojekts “Feasible Futures” konnten mit anderen, vermutlich angemesseneren Datensätzen nun stärkere Belege einer negativen Umweltwirkung von sozialer Ungleichheit aufgewiesen werden. Die Untersuchungen stehen erst am Anfang, dennoch sollen an dieser Stelle einige Ergebnisse präsentiert werden, die auch in einer Powerpoint-Serie für den Klima- und Energiefonds dargestellt worden sind.

Dabei zeigt sich: der Anteil von Radfahrten gemessen in Kilometer pro Person und Jahr (aber auch gemessen in Zahl der Radfahrten an allen Fahrten) korreliert stark und statistisch signifikant mit Einkommensungleichheit. Je gleicher die Einkommensverteilung, desto größer ist die Bedeutung des Radfahrens, und zwar unabhängig vom Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in einem Land. Umgekehrt hängt auch die Kfz-Dichte stark und signifikant von der Einkommensverteilung ab. Je größer die Gleichheit, desto weniger Kfz.

Zusammenhang des Anteils von Radfahren am Gesamtverkehr eines Landes (links: Kilometer Radfahrten pro Person und Tag; rechts: Prozentanteil Radfahrten an allen Fahrten) mit der Einkommensungleichheit, gemessen am Verhältnis der Einkommen zwischen den reichsten und den ärmsten 20% in den Industrieländern. Länder mit großer Ungleichheit (gegen 8) schneiden tendenziell schlechter ab als Länder mit großer Gleichheit (gegen 3). Daten zum Radfahranteil nach ECMT 2004, Länderset und Daten der Einkommensgleichheit nach Wilkinson und Pickett (2009; siehe auch http://www.equalitytrust.org.uk/).

Links: Zusammenhang des Anteils von Kfz je 1.000 Personen eines Landes (links: Kilometer Radfahrten pro Person und Tag; rechts: Prozentanteil Radfahrten an allen Fahrten) mit der Einkommensungleichheit, gemessen am Verhältnis der Einkommen zwischen den reichsten und den ärmsten 20% in den Industrieländern. Länder mit großer Ungleichheit (gegen 8) schneiden tendenziell schlechter ab als Länder mit großer Gleichheit (gegen 3). Rechts: Zusammenhang von Kfz-Dichte und jährlichem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf. Daten zur Kfz-Dichte nach World Bank Database, Länderset und Daten der Einkommensgleichheit nach Wilkinson und Pickett (2009; siehe auch http://www.equalitytrust.org.uk/). Anmerkung: Israel ist als Ausreißer mit einer extrem geringen Kfz-Dichte aus dem Set exkludiert worden.

Ein ähnliches Ergebnis ergibt sich, wenn man einen Indikator für die Wohnungsgröße heranzieht. International vergleichbare Daten sind dazu kaum zu finden. Allerdings gibt es ein Datenset, das den Anteil an Wohnungen mit fünf oder mehr Räumen am Gesamtbestand der neueren Wohnungen angibt. Hier zeigt sich eine starke und signifikante Korrelation: je ungleicher ein Land, desto mehr Räume haben die neueren Wohnungen und – so lässt sich schließen – desto größer sind sie. Die Wohnungsgröße wiederum hängt mit dem Energieverbrauch zusammen. Für einen ökologisch tragfähigen Lebensstil sollte der Wohnraum pro Person eher klein sein.

Zusammenhang des Anteils von Wohnungen bzw. Häusern mit 5 oder mehr Räumen am neueren Wohnungs- bzw. Hausbestand mit der Einkommensungleichheit, gemessen am Verhältnis der Einkommen zwischen den reichsten und den ärmsten 20% in den Industrieländern. Länder mit großer Ungleichheit (gegen 9) schneiden tendenziell schlechter ab als Länder mit großer Gleichheit (gegen 3). Daten nach Nationmaster, basierend auf einer Erhebung von euromonitor. Länderset und Daten der Einkommensgleichheit nach Wilkinson und Pickett (2009; siehe auch http://www.equalitytrust.org.uk/).

Ungleichheit zwischen den Klassen: Inlandsmaterialverbrauch steigt

Ein bemerkenswertes Resultat zeigt der Vergleich von Inlandsmaterialverbrauch und Einkommensungleichheit. Während hier zwar ein Zusammenhang besteht, ist er im Vergleich mit der Lohnquote deutlich stärker. Die Lohnquote ist ein weiteres Maß der Ungleichheit, das Wilkinson und Pickett jedoch nicht verwenden. Dennoch ist es in diesem Fall offenbar aussagekräftiger als die Einkommensungleichheit. Die Lohnquote mit dem Inlandsmaterialverbrauch zu vergleichen unterlag die These, dass für den physisch gemessenen Verbrauch von Ressouren weniger die generelle Ungleichheit der Einkommen, sondern eher die spezifische Ungleichheit zwischen Kapitalisten- und Arbeiterklasse verantwortlich sein könnte, und zwar über das Ausmaß der Investitionen, die die Kapitalisten tätigen und damit Material und Energie verbrauchen oder (auch) über den Luxuskonsum.

Zusammenhang des Inlandsmaterialverbrauchs (Domestic Material Consumption, DMC) gemessen in Tonnen pro Person und Jahr mit der Lohnquote, der Einkommensungleichheit, gemessen am Verhältnis der Einkommen zwischen den reichsten und den ärmsten 20% in den Industrieländern, sowie dem Bruttoinlandsprodukt und dem jährlichen Durchschnittseinkommen. Länder mit großem Lohnanteil am Volkseinkommen (gegen 65) schneiden tendenziell besser ab als Länder mit geringer Lohnquote (gegen 45). Länderset und Daten der Einkommensgleichheit nach Wilkinson und Pickett (2009; siehe auch http://www.equalitytrust.org.uk/). DMC Daten nach Steinberger et al. (2011), Lohnquote nach ILO (2009), Bruttoinlandsprodukt nach Maddison (2008), Jahresdurchschnittslohn nach OECD statistical database. Anm.: Australien und Kanada wurden aus dem Datenset als Ausreißer mit extrem hohem DMC-Wert exkludiert. Werden sie beibehalten, bleibt eine starke Korrelation jedoch bestehen. Für den außergewöhnlich hohen Materialverbrauch dürfte der große Bergbauanteil in diesen beiden Ländern ausschlaggebend sein. Den Abraum schlägt die DMC dem Inland zu.

Die Daten bestätigen zumindest eine größere Bedeutung der Lohnquote für den physischen Verbrauch als der Einkommensungleichheit. Dagegen weisen weder das Bruttoinlandsprodukt noch der nationale Durchschnittslohn eine Korrelation mit dem Inlandsmaterialverbrauch auf.

Die Lohnquote misst den Anteil der Löhne am gesamtem Volkseinkommen. Sie drückt näherungsweise das Kräfteverhältnis zwischen Kapital und Arbeit aus und ist eine Analogie zur Marxschen Mehrwert- bzw. Ausbeutungsrate, das heißt des Verhältnisses von unbezahlter Mehrarbeit zu Lohnkosten (m/v). Je höher die Lohnquote desto stärker die Position der Arbeiterklasse und umgekehrt.

Warum die Lohnquote so stark mit dem Inlandsmaterialverbrauch korreliert – und sogar stärker als die Einkommensgleichheit – ist noch nicht ganz klar. Nachdem nur Industrieländer verglichen werden, können Unterschiede der Wirtschaftsstruktur, etwa unterschiedliche Anteile eines ressourcenextensiven Dienstleistungssektors, nicht verantwortlich gemacht werden. Zwei Erklärungen sind möglich: erstens könnte der Luxuskonsum der Kapitalisten und Unternehmer bei steigender Profitquote steigen, etwa durch eine wachsende Statuskonkurrenz innerhalb der Kapitalistenklasse und den Ressourcenverbrauch in die Höhe treiben; zweitens könnten bei wachsendem Profitanteil die Investitionen zunehmen, die vermehrt Ressourcen verbrauchen.

Eine erste Prüfung des Zusammenhangs zwischen inländischer Bruttokapitalbildung pro Kopf und dem Inlandsmaterialverbrauch ergab zwar keine Korrelation. Allerdings müsste man von der Bruttokapitalbildung jene Investitionen abziehen, die der Produktion von Waren für den Export dienen. Das dürfte jedoch aufgrund der mangelhaften Datenlage nicht oder nur schwer möglich sein.

Führt Ungleichheit zu Klimawandel?

Während es in einigen Bereichen, die für den Klimawandel bzw. für den Klimaschutz relevant sind, enge Zusammenhänge mit der sozialen Ungleichheit gibt, gilt das für die Treibhausgasemissionen selbst offenbar nicht.

Eine erste Prüfung des Zusammenhangs von CO2-Emissionen und anderer Emissionskennzahlen zeigt keine oder nur eine schwache Korrelation mit Einkommensungleichheit. Diese Korrelation bleibt auch dann schwach, wenn man um die in den Waren verkörperten CO2-Emissionen bereinigte Länderdaten verwendet. Weder die territorialen Emissionen noch die konsumbasierten Emissionen zeigen einen deutlichen Zusammenhang mit sozialer Ungleichheit.

Dies scheint auch nicht unplausibel. Denn der Anteil von zum Beispiel erneuerbaren Energien hängt wohl kaum von sozialer Ungleichheit, sondern eher von naturräumlichen Voraussetzungen und technischen Traditionslinien ab. So benötigen Wasserkraftwerke vor allem Berge und genug Niederschlag, die Gleichheit spielt dafür keine Rolle. Tatsächlich lässt sich kein Zusammenhang zwischen dem Anteil erneuerbarer Stromproduktion und der Ungleichheit der Einkommen in einem Land erkennen – und wäre auch nicht zu erwarten.

Dazu kommt, dass ein gewisser Anteil der Treibhausgas-Emissionen der gesellschaftlichen Infrastruktur zuzuschreiben ist, die alle Einkommensgruppen in allen Ländern nutzen – egal wie groß die Ungleichheit ist. Deshalb wohl korreliert das Niveau der CO2-Emissionen viel stärker mit dem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf.

Erwarten könnte man eher einen Zusammenhang von CO2-Emissionen einzelner Sektoren, vor allem bei Transport und Wohnen, mit sozialer Ungleichheit. Auch die Entwicklung der CO2-Emissionen über die Zeit in einem einzelnen Land könnte in gewissem Maß von der sozialen Ungleichheit abhängen.

Ohne Gleichheit keine Solidarische Postwachstumsökonomie

Dass Ungleichheit mit umweltschädlichen Effekten in wichtigen Bereichen von Mobilität, Recyclierungsverhalten oder Wohnen viel stärker korreliert als das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, verweist darauf, dass die Statuskonkurrenz tatsächlich ein bedeutender Faktor einer nicht tragfähigen Lebensweise ist.

Die enge Korrelation des physischen Inlandsmaterialverbrauchs mit sozialer Ungleichheit, insbesondere jener zwischen Arbeiter- und Kapitalistenklasse, zeigt, dass das Kräfteverhältnis zwischen Kapital und Arbeit höchst umweltrelevant ist: je besser für das Kapital, umso schlechter für die Umwelt, ließe sich hier sagen.

Und in der Tat: konsumierten die Lohnabhängigen ihr gesamtes Produkt, so bliebe kein Profit mehr für Investitionen, die ihrerseits Energie und Material in erweitertem Umfang nachfragen und verbrauchen.

Gleichheit hat also eine dreifache Bedeutung für eine Solidarische Postwachstumsökonomie:

Erstens ist Gleichheit selbst der wichtigste Weg zu Gesundheit und Wohlstand zumindest in den reichen Ländern – und dies vollkommen ressourcenneutral

Zweitens ist ein höheres Maß an Gleichheit notwendig, um die Statuskonkurrenz zu mildern und damit den unnötigen Ressourcenverbrauch, der lediglich der Markierung von sozialem Status dient.

Drittens geht mehr Gleichheit nachweislich mit einem höheren Niveau an Vertrauen einher. Vertrauen aber ist der wichtigste Einzelfaktor für Kooperation. Und nur mit ihr wird eine Postwachstumsökonomie, eine bewusste Abkehr vom Kapitalwachstum zum Wohle aller Menschen möglich werden.

Ein hohes Maß an Gleichheit wäre nicht nur mit der Klassenspaltung unverträglich. Denn aus der Klassenspaltung resultiert die Marktwirtschaft. Nur weil eine Klasse keine Produktionsmittel hat und sich einer anderen verkaufen muss, die darüber verfügt, kommt es zur Herrschaft des Marktes. Die Arbeitskraft erscheint dann wie eine Ware und muss all ihre Lebensmittel gegen Geld erwerben.

Eine Gesellschaft der Gleichen wäre dagegen auch eine ohne Markt.

Postwachstum statt Verzicht und Lebensstiländerung

Die Erkenntnisse über die Bedeutung sozialer Gleichheit führen noch zu einem weiteren Schluss: Verzicht, den manche in der Ökoszene predigen, ist eindeutig der falsche Weg. Es ist nicht die Gier, die zu übertriebenem Konsum führt. Weder bei den Kapitalisten, die ihre Statusposition nur durch Ausweitung von Kapital erhalten können, weil das die Konkurrenz erzwingt; und die niemals “satt” werden können, weil ihre Position auf einer Statusleiter, die das Geld definiert, schlichtweg kein “on top of all and forever” kennt. Noch bei den Lohnabhängigen, die der Statuskonkurrenz mit der Härte eines physiologischen Zwangs ausgesetzt sind.

Dem Leiden dieser Gesellschaft und ihren Zwängen zu entkommen ist eben keine bloße Willensentscheidung. Aus diesem Grund hat auch der so genannte Lebensstil, eine Lieblingshoffnung der Ökoszene, offenbar keine besondere Bedeutung für den Energieverbrauch, wie eine Studie von Energy Economics Group in Wien, Kompetenzzentrum KERP und Österreichischer Energieagentur zeigt. Bemerkenswerterweise haben dieser Untersuchung zufolge die “Alternative” sogar einen besonders hohen Stromverbrauch. Eine Studie des Instituts für soziale Ökologie zur autofreien Siedlung in Wien ergab 2008, dass die Bewohner kaum besser als eine Referenzsiedlung abschneiden. Zwar verbrauchen sie Energie effizienter, jedoch mehr davon. Allerdings schneidet die autofreie Siedlung besser als der Österreich-Durchschnitt ab.

Solche Befunde zeigen jedenfalls: der individuelle Lebensstil ist schwerlich der richtige Angelpunkt für eine Veränderung.

Tatsächlich wird unser Leben und der scheinbar individuelle Lebensstil von dem geprägt, was diese Gesellschaft im Kern ausmacht. Man mag es drehen und wenden, wie man will: Ungleichheit ist ihre Grundstruktur. Sie setzt uns krankmachenden Hierarchien aus, im Arbeitsleben, im öffentlichen Raum, selbst daheim in den vier Wänden, über die Botschaften der Medien von der “Welt da draußen” und über unsere Kontakte mit Nachbarn, Freunden, Verwandten und Bekannten – häufig auch noch in den scheinbar intimsten Beziehungen.

Diese Hierarchien der Herrschaft wirken wie ein Virus. Als Gegenmittel wird akkumuliert und konsumiert.

Der einzige Weg aus dieser Misere ist die vielfältige Veränderung der Produktionsweise: hin zu einer Solidarischen Postwachstumsökonomie, die auf Gemeingütern, Gleichheit und Demokratie beruht.

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CROSSROADS: Festival für Dokumentarfilm und Diskurs / 18.-27. Mai 2012. Forum Stadtpark, Graz

CROSSROADS. Festival für Dokumentarfilm und Diskurs

18.-27. Mai 2012. FORUM STADTPARK, Graz

Mit einem spannenden, aktuellen Filmprogramm sowie zahlreichen Vorträgen und Podiumsdiskussionen setzt sich das neue Festival Crossroads 2012 schwerpunktmäßig mit der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen und dem weltweiten Widerstand dagegen auseinander. Anlass dafür ist u.a. der große UNO-Erdgipfel „Rio+20“, der vom 20. bis 22. Juni in Rio de Janeiro stattfinden wird. Behandelt werden darüber hinaus auch Themen wie etwa Migration, Geschlechtergerechtigkeit und der Einfluss neuer Technologien auf unser Leben.

Sichtbar machen soll das Festival vor allem Entwicklungen, die in den Mainstream-Medien nicht ausreichend oder zu unkritisch behandelt werden. Der Fokus ist dabei stark auch auf Perspektiven aus dem globalen Süden und insbesondere auf jene mutigen Menschen gerichtet, die tagtäglich für den Erhalt unserer Lebensgrundlagen kämpfen.

30 preisgekrönte Filme (davon mehr als die Hälfte als Österreich-Premieren) und zahlreiche renommierte Vortragende und Diskussionsteilnehmer_innen sollen zur Auseinandersetzung mit alternativen gesellschaftlichen und ökonomischen Konzepten und Strategien anregen, Handlungsmöglichkeiten aufzeigen und zu persönlichem und kollektivem Engagement ermutigen.

Filmprogramm:
A Fierce Green Fire – The Battle for a Living Planet (USA/2012), A Wild Idea (Ecuador/USA/2011), A Few Brave People (Tuürkei/2011), Raising Resistance (Deutschland/Schweiz/2011), Die Ökonomie des Glücks (USA/2011), Five Star Existence (Finland/2011), A River Runs Through Us (Mexico/USA/2011), Call of Life: Facing the Mass Extinction (USA/2010), Ekümenopolis: Stadt ohne Grenzen (Türkei/2011), Just Do It: A Tale of Modern-day Outlaws (UK/2011), LoveMEATender (Belgien/2011), The Last Mountain (USA/2011), Pink Saris (Indien/UK/2010), Planeat (UK/2011), The Broken Moon (Brasilien/2010), The Big Fix (USA/2011), The Crisis of Civilization (UK/2011), The Man Who Stopped the Desert (UK/2010), Up in Smoke (UK/2011), Waking the Green Tiger (Canada/2011), When The Water Ends: Africa’s Climate Conflicts (USA/2010) uvm.

Diskursprogramm:
18.-20.5. 2012: Die sozial-ökologische Krise/Wende und Rio+20
25.-27.5. 2012: Green Economies, zukunftsfähige Ökonomien

Teilnehmer_innen:
Ricardo Navarro (Ehem. Vorsitzender von Friends of the Earth International und Träger des Goldman Prize, der als „Nobelpreis für Umweltschutz“ gilt / El Salvador), Birgit Mahnkopf (Professorin für Europäische Gesellschaftspolitik an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin), James Hansen (Direktor des Goddard Institute for Space Studies der NASA und Professor für Erd- und Umweltwissenschaften an der Columbia University), Verónica Moscoso Cordero (Filmemacherin und Journalistin / Ecuador, USA), Mark Kitchell (Filmemacher, Sundance Gewinner / USA), Ulrich Brand (Professor für Internationale Politik, Universität Wien), Rebecca Harrel Tickell (Filmemacherin, Sundance Gewinnerin / USA), Bernhard Obermayr (Greenpeace), Irmi Salzer (Via Campesina), Mario Matzer (Arbeiterkammer Steiermark), Barbara Ettinger (Filmemacherin, Niijii Films / USA), Andreas Exner (Social Innovation Network), Brigitte Kratzwald (Sozialwissenschaftlerin und Aktivistin, commons.at), Ernst Schriefl (energieautark consulting), Franziskus Forster (AgrarAttac), uvm.

*Alle Wissenschaftler_innen, Aktivist_innen und Filmemacher_innen, die außerhalb Europas leben, beteiligen sich aus ökologischen Gründen via Live-Videostream am Festival.*

Weitere Infos und Updates:
http://www.crossroads-festival.org

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Warum Besetzung? SoliLa und die vielen Schichten einer höchst notwendigen Aktionsform

von Andreas Exner

Die Ereignisse rund um das für österreichische Verhältnisse innovative und vielversprechende Projekt “Solidarische Landwirtschaft” (SoliLa) in Jedlesdorf (Wien), haben sich gewissermaßen überschlagen.

Die Besetzung ist vorerst geräumt worden – gewaltsam. Die BOKU setzte ihre private (Un)sicherheitsfirma Hel-Wacht ein, um die friedlichen Besetzer_innen auf die Straße zu zerren. Selbst eine Mitarbeiterin der BOKU wurde ungeachtet ihres bestehenden privateigentumskonformen Nutzungsrechts zu Boden geworfen und von (Un)sicherheitspersonal auf dem Rücken liegend aus dem Garten geschliffen.

Soweit so schlecht. Braches Ackerland, das trotz mehrfacher Versuche auf legalem Wege nicht weiter bewirtschaftet werden konnte, weil die BOKU sich schlichtweg taub stellte. Es soll also nach dem Willen der BOKU-Leitung weiter verbrachen und, das ist absehbar, der Immobilienspekulation zum Opfer fallen. Allein in Wien stehen rund 30% des Büroraums leer. Laut Daten der Statistik Austria gibt es in Österreich mehr als 500.000 Zweitwohnsitze.

Mit ihrem nicht nur unverständigen und widersprüchlichen, sondern blank gewaltsamen Vorgehen treibt die BOKU, angeblich eine “Universität des Lebens” die Flächenversiegelung voran, die ihre eigenen Wissenschafter_innen kritisieren. Weiß hier die eine Hand, was der andere Kopf denkt? Jeder Hektar versiegelter Fläche bedeutet einen Hektar weniger Möglichkeiten, Nahrungsmittel zu produzieren und ein gutes Leben für alle zu garantieren. Denn nach Peak Oil wird Ackerfläche zur wichtigsten Ressource. Das sollte wenigstens eine “Universität des Lebens” begriffen haben.

Hat sie aber nicht. Und hier beginnen die Probleme, die sich in vielen Schichten in einer Initiative wie “SoliLa” verdichten. Ist SoliLa nun “gescheitert”, war sie gar ein “Fehler”? Das jedenfalls meint Franz Nahrada in seinem Blogpost “Fehler korrigieren, bevor ihre Konsequenzen schmerzhaft erfahren werden müssen?”

Beginnen wir in unserer Antwort mit…

Schicht 1: Theoretischer und aktivistischer Hintergrund

Die Annahme, die SoliLa-Aktivist_innen könnten quasi Brasilien von Österreich nicht unterscheiden, was der angesprochene Blogpost ihnen unterstellt, ist wohl auf Unwissenheit zurückzuführen. Sind die bei SoliLa Aktiven doch seit vielen Jahren in einem der vermutlich produktivsten gesellschaftskritischen Milieus Österreichs engagiert, das sich um AgrarAttac, Via Campesina, FoodCoops und diverse autonome Initiativen gruppiert. Dieses Milieu hat etwas zustande gebracht: eine organische Integration von kritischen Bäuerinnen und Bauern, von Studierenden, freien Aktivist_innen, von Theoretikerinnen wie Praktikern, von NGOs, Vereinen und autonomer Szene. Von einer solchen inhaltlichen Breite sind viele andere Initiativen noch weit entfernt.

Das gilt es zu würdigen und zu unterstützen.

Schicht 2: Der Anlass 17.April – das globale Ernährungssystem – und der Stop des Land Grabbing

Die Besetzung startete am 17. April. Dieses Datum wurde nicht aus Willkür gewählt. Es handelt sich dabei vielmehr um den internationalen Tag des bäuerlichen Widerstands, den die globale Kleinbauernbewegung La Via Campesina, die auch in Österreich vertreten ist, ausgerufen hat, und zwar mit der Botschaft: Stop Land Grabbing! Am 17. April 1996 wurden Landlose in Brasilien ermordet, die sich für Land in den Händen der Bewirtschafter ausgesprochen und engagiert hatten. Der 17.April ist einer der beiden großen Jahrestage von Via Campesina – der zweite am 10.September gedenkt des politisch motivierten Freitods des koreanischen Bauernsprechers Lee Kyung Hae anlässlich der WTO-Konferenz in Cancún 2003. Seine letzten Worte waren: “WTO kills farmers“.

Gröbliche Unwissenheit wäre freilich, diese Jahrestage mit dem Bild vermeintlich ferner Kämpfe im Süden abzutun, oder als eine “Revolutionsromantik” abzuqualifizieren. Es ist immer noch nicht allgemein bekannt: Wie wir hier mit unseren Flächen umgehen, was wir hier konsumieren, das treibt Bäuerinnen und Bauern im globalen Süden buchstäblich in den Tod. Freihandelsabkommen der EU etwa zerstören massenhaft Existenzen. Sie sollen die Aneignung von Ressourcen aus dem globalen Süden ermöglichen: von Biomasse, von Nahrungsmitteln und Metallen, die wir hier zwar verbrauchen, aber nicht produzieren.

Es ist ein ebenso trauriges Faktum wie bei jenen, die sich mit diesen Themen auseinandersetzen wohl bekannt, dass “Bauernsterben” nicht nur sinnbildlich zu verstehen ist. Via Ermordung und Selbstmordwellen im Gefolge von Agrarmarktliberalisierungen im Süden nimmt dies eine ganz brutal konkrete Form an. Der Biotreibstoff, den die EU zwangsweise den KfZ beimischen lässt, wird zu einem großen Teil im Süden produziert. Dort vertreibt die hier vorherrschende Art von Mobilität die Bäuerinnen und Bauern von ihrem Land, stürzt sie in Elend und Hunger.

Ist etwa der Versuch, darauf aktivistisch hinzuweisen, mit einem Statement der Körper und der Herzen, der Hände und der Köpfe “Revolutionsromantik”? – Die Frage ist rhetorisch. Nein, es ist die Misere dieses Systems, die hier sichtbar wird. Anders als ein politischer “Karneval”, als den Franz Nahrada seine Erfahrungen aus den 1970er Jahren interpretiert – ob zurecht, sei hier dahingestellt – handelt es sich bei SoliLa um eine Aktion, die auf diese ebenso schlichte wie harte Tatsache hinweist. Karnevalesk ist das beileibe nicht.

Das gilt es zu bedenken und zu beherzen, das heißt: es wirklich zu begreifen.

Schicht 3: die kapitalistische Vielfachkrise auf den Punkt bringen – Privateigentum an Land

Eine politische Aktion thematisiert üblicherweise einen einzigen kleinen Problempunkt. Zum Beispiel: Greenpeace besteigt einen Schornstein, um auf zu hohe Schadstoffemissionen hinzuweisen. Solche Aktionen sind sinnvoll, allerdings auch strukturell eng beschränkt. Das wirkt sich bei einem eingrenzbaren Thema wie zu hohen Schadstoffemissionen noch nicht negativ aus. Der Schornstein bekommt einen Filter und das war’s.

Wie aber können wir die kapitalistische Vielfachkrise von Ernährung, Energie, Klima, Politik, Ökonomie und den sozialen Verhältnissen im Allgemeinen aktionistisch bearbeiten? Einfach viele themenspezifische Aktionen neben- oder hintereinander machen? Das ist wohl kaum angemessen, das Problem der Verknüpfung bleibt.

Nun verknüpfen sich die einzelnen Stränge der Vielfachkrise freilich in der Landfrage schon wie von selbst. Die Art, wie mit dem Land umgegangen wird, bildet, so kann man sagen, tatsächlich eine wesentliche Wurzel der heutigen Vielfachkrise. Das ist auch der Grund, warum Landkonflikte DAS Thema des beginnenden 21. Jahrhunderts schlechthin sind. Selbst das ist offenbar immer noch viel zu wenig bekannt, auch in “linken” oder an “Alternativen” interessierten Kreisen nicht:

Das Land Grabbing durch profitorientierte Konzerne im Süden, aber selbst in Europa, resultiert aus unserer kapitalistischen Produktions- und Lebensweise. Dabei geht es nicht nur um Land für Biomasse oder Nahrungsmittel, sondern etwa auch um Bergbau für Metalle, die schlussendlich zu einem erheblichen Teil in unsere Gebäude und andere Infrastrukturen wandern. Und es geht um Land Grabbing für Immobilien, die Profite bringen sollen.

Woher rührt diese Vielfachkrise?

Wenn man es ein wenig vereinfachen will: Sie rührt aus dem Privateigentum. Daher also, dass nicht “die Erde niemandem und ihre Früchte allen gehören“, wie die Besetzer_innen der SoliLa auf ein Plakat geschrieben hatten.

Wie thematisiert man das Privateigentum? – Indem man es praktisch negiert. Nicht durch Sonntagsreden.

Wo beginnt man damit am Besten? – Dort, wo sich die Existenz des Privateigentums sichtbar in auf die Spitze getriebener Absurdität ausdrückt: in der Verbrachung und dem Leerstand von Ressourcen für Solidarische Lebensweisen, die nur aufgrund von Profit und Kontrollmacht nicht für ein gutes Leben genutzt werden können.

Viele andere Projekte wie das räumlich benachbarte Wiener “Sprungbrett Aspern” oder die derzeit vorherrschende Form von “Transition Town“-Initiativen machen kleine, doch wichtige Fortschritte. Nur behandeln sie andere Fragestellungen. “Sprungbrett Aspern” zeigt zum Beispiel, wie man mit Stroh schöne Häuser bauen kann. Eine “Transition Town” in England zeigt, dass Menschen Peak Oil als eine Chance zum Besseren begreifen können. All das ist wichtig. Nur rührt es bislang nicht an die Tabuzone, die überhaupt erst schlechte, nicht-erneuerbare Architektur oder die Problematik des Peak Oil generiert.

Warum rühren diese Initiativen bislang in Summe nicht an die zentrale Tabuzone des Privateigentums?

Weil hier soziale Auseinandersetzungen beginnen, die konkreten Schmerzen also, die in der Veränderung einer auf Schmerz gebauten Gesellschaft wohl nicht vermieden werden können. Hier wird die Gewalt des Staates und seiner Einrichtungen sichtbar. Hier wird deutlich, was das Privateigentum und seine Fürsprecher und Bewacher alles unmöglich machen – und zwar systematisch.

Dies gilt es nicht rosafärbend wegzuwischen, sondern mit klarem Blick mutig offen zu legen.

Schicht 4: Produktionsverhältnisse praktisch ändern

Eine letzte Schicht in der Aktion ist die konkrete Fläche vor Ort. Der 17.April ruft zum bäuerlichen Widerstand auf, und zwar weltweit. Denn diese Welt ist eine, und vom Kapitalismus ganz konkret stofflich vernetzt. Es ist kein Hirngespinst wie die Mao-Bibel in der Hand von österreichischen Kaderlinken, sondern eine ökologische Tatsache, dass eine Fahrt mit dem Auto in Wien einen Beitrag zu Peak Oil, Klimawandel, Hunger im Süden und der Stabilisierung des Kapitalismus leistet.

Solange das nicht begriffen und vor allem praktisch verändert worden ist, wird es viele solcher Aktionen geben müssen. Und zwar nicht nur, weil das für einen wirklichen Bewusstseinswandel notwendig ist. Sondern auch, weil es darum geht, Produktionsverhältnisse hin zu einer Solidarischen Ökonomie grundlegend neu zu gestalten. Dabei geht es, jedenfalls aus meiner Sicht, nicht um eine ” geduldete Nutzung”, wie es im Kontrolljargon heißt. Es geht auch nicht um eine “temporäre” oder “Zwischennutzung” in einer netten Nische von drei Jahren. Es geht eben nicht um eine Nische in diesem System, sondern um Nischen, die dieses System überwinden.

Dies muss irgendwo beginnen. Erzeuger-Verbraucher-Initiativen sind ein Schritt dahin. Solange sie jedoch nicht die Verfügung über das Land, die Mittel es zu bewirtschaften und die Produkte, die damit erzeugt werden, nicht vom Geld, das heißt vom Privateigentum entkoppeln, werden sie keine Alternative bilden können. Denn dafür ist eben eine kräftige Verschiebung der Eigentumsverhältnisse notwendig, die einen wachsenden Sektor kollektiver, solidarischer und egalitärer Produktionsweisen, auch in der Landwirtschaft, praktisch möglich macht.

Schluss

Zwei gute Projekte wie Sprungbrett Aspern und SoliLa gegeneinander auszuspielen ist weder solidarisch noch inhaltlich sinnvoll. Festzuhalten aber ist: Sprungbrett Aspern floriert nicht aufgrund “geschickter Allianzen”, wie behauptet wird, sondern auf der eher banalen Basis, dass ein TU-Professor über eine temporäre Nutzungsgenehmigung verfügt und mangels interessierter Studierender seine Fläche dem “Sprungbrett” überlassen hat. Eine schöne Gelegenheit, fürwahr. Aber doch kein Anlass, dies zur neuen Strategie der Überwindung des Kapitalismus hochzustilisieren.

Historisch ist zu zeigen: soziale Veränderungen zum Besseren sind niemals durch Anpassung, sondern immer nur durch Widerständigkeit entstanden. Der fatalste Mechanismus diese Veränderungen zu blockieren oder zur Stabilisierung des Systems einzuhegen ist dabei, die Widerständigkeiten anzupassen.

Das zumindest sollten uns 30 Jahre Neoliberalismus gelehrt haben.

Für diejenigen, die ihn überlebt haben: unter großen Schmerzen.

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soliLa Jedlersdorf soll geräumt werden!!!

[via]

LEUTE MACHT EUCH AUF DEN WEG NACH JEDLERSDORF, Gerasdorferstraße 105 im 21. Bezirk!

Gerüchten zufolge sollen wir morgen früh geräumt werden können! wir brauchen alle Hände und Köpfe !!!

Schwingt euch in die UBahn und aufs Radl und mobilisiert alle die ihr kennt!!!

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SoliLa! Jedlersdorf bleibt!

- Bitte unterzeichnen! - [via]

Unterstützungserklärung

Seit 17. April, Tag des kleinbäuerlichen Widerstands, besetzen ca. 100 Landlose, Studierende und Aktivist*innen den ehemaligen Boku-Versuchsgarten in Wien 21, Jedlersdorf, um hier Gemüse anzubauen und solidarisch zu landwirtschaften. Das Land wurde bisher bereits von Stadtlandwirtschaftsinitiativen genutzt. Die vier Hektar fruchtbaren Lands sind jedoch bedroht, verbaut zu werden. Dabei kommt aktuell der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG), der Universität für Bodenkultur (Boku) und auch der Stadt Wien eine wichtige Rolle im Zusammenhang mit der möglichen Verbauung zu. Wir unterstützen das auf der Fläche entstehende Projekt „Solidarisch Landwirtschaften“, kurz SoliLa! Jedlersdorf und setzen uns hiermit für dessen Fortbestand ein.

Wir kritisieren, dass

  • unsere Stadt täglich weiter zubetoniert wird, obwohl 80.000 Wohnungen und 30 % der Büroflächen in Wien leer stehen. Allein zwischen 1997 und 2003 wurden in Wien 2.420.000 m² Grünflächen verbaut. Dabei handelte es sich großteils um landwirtschaftlich genutztes Land. Jeden Tag werden in Österreich 15 Hektar Land durch Verbauung oder Verkehr nahezu unwiederbringlich gefressen.
  • gleichzeitig der Zugriff auf enorme Flächen in anderen Ländern steigt (zB Landgrabbing, Spekulation). Auf diesen Flächen werden Nahrungsmittel, Futtermittel, Agrartreibstoffe und Ressourcen für Wien produziert bzw. abgebaut. Das verschärft globale Land- und Ressourcenkonflikte immer weiter.
  • es absurd ist, dass in Zeiten von Klimawandel, Energie- Ernährungs-, Finanz- und Wirtschaftskrise, „peak oil“ und „peak soil“ fruchtbares Land immer weiter verbaut und spekulativen Interessen zugeführt wird.
  • wenige finanzkräftige Akteure, „Experten“ und Eliten über zentrale demokratische Fragen bestimmen. In der Krise der Demokratie brauchen wir freie, selbstbestimmte und solidarische Räume, in denen Demokratie neu gelebt werden kann und Menschen auf Augenhöhe zusammenleben und -arbeiten können.

Wir stellen uns gegen die weitere Verbauung (zB über die Bundesimmobiliengesellschaft, BIG). Denn eine nachhaltige, bedürfnisorientierte und solidarische Lebensmittelproduktion und -versorgung ist eine wichtige Antwort auf die ökologische und soziale Krise.

Deshalb unterstützen wir die SoliLa,

  • eine selbstbestimmte, solidarische, bedürfnisorientierte und lokale Landwirtschaft aufzubauen, über die Menschen mit gesunden und ökologisch nachhaltigen Lebensmitteln versorgt werden können.
  • einen Ort zu schaffen, der den Austausch und die Weitergabe von Wissen ermöglicht und der allen Menschen offen steht, die sich aktiv an diesem Projekt auf Augenhöhe beteiligen wollen.
  • weil es emanzipatorische und kreative Ansätze in Bildung, Forschung und Lehre, sowie im politischen und sozialen Zusammenleben und im Verhältnis zur Natur braucht.
  • landwirtschaflichen Grund vor Verbauung zu schützen, zu erhalten und eine zukunftswürdige und emanzipatorische Stadtentwicklung zu ermöglichen.
  • weil dieses Projekt gerade in Wien eine wichtige und zukunftsweisende Form der Landnutzung ist. Land ist Gemeingut und die sozial und ökologisch nachhaltige Bewirtschaftung ist eine zentrale Zukunftsperspektive. Dafür braucht es eine gesellschaftliche Wende, für die Projekte wie SoliLa einen wichtigen Beitrag leisten.
  • gemeinsam mit vielen anderen emanzipatorischen Kräften für eine Gesellschaft ohne Unterdrückung und Ausbeutung einzutreten.

Unterstüzungserklärung verbreiten:

Als PDF zum Download und verteilen

Online unterzeichnen: http://www.change.org/petitions/universit%C3%A4t-f%C3%BCr-bodenkultur-bundesimmobiliengesellschaft-stadt-wien-bebauungsstopp-und-solila-bleibt#

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17.April: Besetzt Wien! Rückkehr der Siedlerinnen, Einzug der Gärtner

von Andreas Exner

Besetzungen gab es in Österreich schon einige. Nicht so viele wie in Berlin oder Amsterdam. Aber doch welche. Das aber hat es in Österreich noch nie gegeben: eine Landbesetzung um Gemüse anzubauen. Land to the Tiller! Land denen, die es bewirtschaften! Das war der Schlachtruf vieler großer Kämpfe um Land in der Geschichte bäuerlicher Bewegungen. Angesichts einer unglaublichen Welle neuer Landnahme für Spekulation und Biofuelproduktion seit der Finanzkrise 2008 erhält er eine brennende Dringlichkeit wie nie zuvor. Continue reading

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Peak Metal

von Andreas Exner

Allerorten wird Knappheit beklagt. Von der EU allen voran. Ihre Rohstoffinitiative argumentiert, dass Metalle knapp seien, die man doch gerade für den angeblich ökologischen Umbau des Energiesystems benötige. Ein Forschungsprojekt des Österreichischen Klima- und Energiefonds (KLIEN) namens Feasible Futures for the Common Good geht der Frage nach, wie Versorgungskrisen bei fossilen und metallischen Stoffen die Wende hin zu erneuerbaren Energien beeinflussen und ob sie diese vielleicht gefährden könnten. Continue reading

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Intro: Solidarische Ökonomie & Commons


KRATZWALD, Brigitte / EXNER, Andreas

Finanz- und Schuldenkrise, Klima­Krise, Krise der Energieversorgung und Hunger – all dies zeigt: Das Marktsystem ermöglicht keine zukunftsfähige Lebensweise. Krisenlösungen müssen einer anderen Logik folgen als der von Konkurrenz, Profit und Wachstum. Die weltweit bereits praktizierten neuen Wirtschafts- und Lebensweisen zeigen, dass es anders geht: Commons und Solidarische Ökonomie sind zwei der Kernbegriffe für diese Nischen abseits von Markt und Staat.

Dieses INTRO ist einerseits eine Momentaufnahme der sich rasch entwickelnden theoretischen Diskussion um gesellschaftliche Alternativen, es werden aber auch die grundlegenden historischen und begrifflichen Eckpunkte der Debatte um ein nicht-profitorientiertes Wirtschaften nachgezeichnet.

 

Mandelbaum-Verlag

140 Seiten
Format 12×19
englische Broschur
9.90 €
ISBN: 978385476-607-0
Erscheinungstermin April 2012
in Vorbereitung

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Land and Resource Scarcity. Capitalism, Struggle and Well-being in a World without Fossil Fuels

To Be Published 31st December 2012 by Routledge – 224 pages

Series: Routledge Studies in Environmental Policy

Edited by Andreas Exner, Peter Fleissner, Lukas Kranzl, Werner Zittel

This book brings together geological, biological, radical economic, technological, historical and social perspectives on peak oil and other scarce resources. The contributors to this volume argue that these scarcities will put an end to the capitalist system as we know it and alternatives must be created. The book combines natural science with emancipatory thinking, focusing on bottom up alternatives and social struggles to change the world by taking action. The volume introduces original contributions to the debates on peak oil, land grabbing and social alternatives, thus creating a synthesis to gain an overview of the multiple crises of our times.

The book sets out to analyse how crises of energy, climate, metals, minerals and the soil relate to the global land grab which has accelerated greatly since 2008, as well as to examine the crisis of profit production and political legitimacy. Based on a theoretical understanding of the multiple crises and the effects of peak oil and other scarcities on capital accumulation, the contributors explore the social innovations that provide an alternative.

Using the most up to date research on resource crises, this integrative and critical analysis brings together the issues with a radical perspective on possibilites for future change as well as a strong social economic and ethical dimension. The book should be of interest to researchers and students of environmental policy, politics, sustainable development and natural resource management.

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The Well from Hell

Die Explosion der im Auftrag von BP betriebenen Ölplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko dürfte den meisten noch gut im Gedächtnis sein. Um die 10 Millionen Liter Erdöl ergossen sich zwischen April und Juli 2010 aus dem außer Kontrolle geratenen Bohrloch ins Meer, mit bis heute unabsehbaren ökologischen Folgen. Die Ursache dafür war eine Gasexplosion – die jetzt, keine zwei Jahre später, wieder im Fall der Havarie der durch den französischen Ölkonzern betriebenen Elgin Wellhead Platform in der Nordsee droht. Dort strömt seit vergangenen Sonntag unkontrolliert Erdgas aus, während gleichzeitig am oberen Ende der Plattform eine Gasfackel brennt. Bisher hat nur der in eine glückliche Richtung wehende Wind eine Explosion verhindert.

Doch selbst wenn die Explosion vermieden werden kann, beruhigt das nur begrenzt. Nicht nur, weil der im Erdgas enthaltene Schwefelwasserstoff die marinen Ökosystemen schwer schädigen kann sondern auch, weil mit dem Erdgas das Treibhausgas Methan entweicht, das seinen wesentlichen Bestandteil bildet. Bezogen auf eine bestimmte Menge ist Methan ein wesentlich stärkeres Treibhausgas als das in großen Mengen ausgestoßene Kohlendioxid. Über 100 Jahre gerechnet bewirkt ein kg Methan eine 25 mal stärkere Erderwärmung als ein kg Kohlendioxid, berücksichtigt werden kann das in eine dem Erwärmungspotential entsprechende Umrechnung des Methans in CO2-Äquivalente.

Wie relevant ist die austretende Methanmenge in dieser Hinsicht? Ein Manager von Total schätzt, dass zur Zeit zwei Kilogramm Erdgas pro Sekunde aus dem Leck der Plattform austreten. Geht man von einem Methangehalt von 90% aus, würde das über ein Jahr gerechnet einen Methanausstoß von rund 57 Tausend Tonnen bedeuten, was dem Treibhausgaspotential von rund 1,4 Millionen Tonnen Kohlendioxid entspricht. In Deutschland kommt auf eine Person derzeit ein Ausstoß von 10 Tonnen CO2-Äquivalenten. Die zur Zeit austretenden Treibhausgase entsprechen dieser Hochrechnung nach jenen von etwa 140’000 Menschen in einem Industrieland wie Deutschland – wenn man der Schätzung des Total-Managers glauben kann.

Der Vorfall in der Nordsee verdeutlicht erneut, dass wir beim Abbau von Rohstoffen in eine neue Ära eingetreten sind. Das gilt nicht nur aber in besonderem Maße für die bei der Energieversorgung zentralen fossilen Rohstoffe. Bereits seit 2005 bleibt die Menge der weltweit verfügbaren Flüssigtreibstoffe (inkl. Agrosprit und Flüssiggas!) konstant und Erdöl und -Gas müssen unter immer wiedrigeren Bedingungen gefördert werden. Dass nur zwei Jahre nach Deepwater Horizon die nächste Katastrophe droht, ist somit kein Zufall sondern Konsequenz einer Entwicklung, die unvermeidlich ist, wenn der Öl- und Gasverbrauch nicht drastisch zurückgeht und so die fossilen Ressourcen aus immer unzugänglicheren Erdschichten geholt werden.

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