Posts by author: Markus Schallhas
Welche Uni?

Zugang zum und Unabhängigkeit vom herrschenden System
Thesen für den Workshop “Vom Uniprotest zur Solidarischen Ökonomie der Bildung”
Universität  Wien, Audimax, 15. 11. 2009, 14 Uhr.

Universität ist ein sozialer Ort des Wissens.
Soziale Orte der Erzeugung von Wissen sind notwendig.

Universität ist eine Institution, die die Produktion und Anerkennung von Wissen reglementiert.
Universität ist ein Gemenge verschiedener Produktionsweisen.
Universität ist ein vom Rest der Gesellschaft differenzierter Bereich.

Die herrschende Universität ist gekennzeichnet durch ein Vorherrschen der neoliberalen Produktionsweise, aber auch patriarchalischen, feudalistischen und staatssozialistischen.

Repräsentative Demokratie, Basisdemokratie, sowie kommunitäre und individualanarchistische Produktion wird zurückgedrängt.

Verschulung besteht in der Verstärkung der ersteren.
Die Verschulung wirkt selbst für die ersteren zunehmend dysfunktional.

Es gibt eine Grenze der Entbettung, eine Grenze der Differenzierung, so wie es für den Kapitalismus auch Grenzen des Wachstums gibt.

Die Produktion von Wissen erfolgt individualisiert und in vorgegebenen sozialen Räumen.
Die Beteiligten können nicht über die sozialen Räume entscheiden im Rahmen derer sie Wissen produzieren möchten. Ausnahme sind Nischen.

Die Anerkennung betrifft das in der Universität selbst produzierte Wissen.
Eine Anerkennung von außerhalb der Universität produziertem Wissen ist nicht möglich. Ausnahme sind Nischen.

Eine freie Universität beruht auf einer Solidarischen Ökonomie.

Solidarische Ökonomie bedeutet:

1. Ein Recht auf Zugang und Unabhängigkeit vom herrschenden System.
2. Den Ausbau solidarischer Produktionsweisen von Bildung.

Ad 1)

Die Verkehrung des Verhältnisses von Gesellschaft und Universität.
Die Entwicklung einer angemessenen Struktur für Teilzeitstudien und Teilzeitlehre.
Das teilweise Zusammenfallen der Subjektpositionen Studierende, Forschende und Lehrende.
Die vollständige Transparenz der Lehrinhalte durch öffentliche Skripten.
Das Recht auf Ablegen von Prüfungen für alle Menschen der Gesellschaft.
Die Anerkennung von außerhalb der Universität geschaffenen Wissens, sowie von Wissen welches an den Universitäten selbstbestimmt geschaffen wurde.

Ad 2)

Das Verfügen über Ressourcen zur selbstbestimmten Gestaltung von sozialen Räumen des Wissens.
Das Ausdehnen basisdemokratischer, kommunitärer, individualanarchistischer und repräsentativ demokratischer Produktionsweisen.
Die Zusammenlegung von Volkshochschulen und Universitäten.
Die Existenz von Wissenscommons.

Die aktuelle Entwicklung

Der Neoliberalismus wird für sich selbst dysfunktional.
Solidarische Ökonomie wird für den Neoliberalismus funktional.
Die postfordistische Ökonomie führt zu einer Gesellschaftsstruktur, die in Widerspruch zur Struktur der heutigen Universität steht.
Eine Politik der Verteidigung von Festungen gerät in Widerspruch sowohl zur neoliberalen Produktionsweise, als auch auch zur selbstbestimmten Tätigkeit freier ProduzentInnen.
Die öffenltichen Institutionen erweisen sich als unfähig eine neoliberale Universität 2.0 zu entwickeln.

Unmittelbare Ansatzpunkte sind:

Die Erzeugung von undifferenzierten Räumen der Wissenssproduktion in denen die Trennungen zwischen Lehrenden, Studierenden, Forschenden und Menschen außerhalb der Universität aufgehoben werden. (Deschooling, Entdifferenzierung)

Auf der Mikroebene die Verbindung von konkreten Entscheidungen über den Besuch von Lehrveranstaltungen, die Führung von Diskussionen, die Teilnahme an Partys, uam. mit politischem Diskussionen, die diese Entscheidungen reflektieren.

Der Erfolg der aktuellen Proteste erklärt sich daraus,

dass die Bewegung die genannten Punkte zum Teil schon realisiert.

Sie schließt Kämpfe für den Zugang zum herrschenden System mit Kämpfen für Unabhängigkeit vom herrschenden System kurz.
Die Bewegung beruht auf einer Gleichzeitigkeit von Protest und Studium.
Dies passiert durch Entdifferenzierung in den besetzten Hörsälen.
Im sozialen Raum der Proteste wird die Unterscheidungen zwischen Studierenden und Lehrenden, Universität und Gesellschaft teilweise aufgehoben.
Die Hörsäle sind ein quantitativ und symbolisch ein bedeutender Teil der Raum und Zeitstruktur der Universitäten, sowie der gesamten Gesellschaft.
Es kommt nicht zu einer Verdoppelung der Gesellschaft durch Schaffung zusätzlicher Räume, sondern zur vollständigen Aneignung eines Teils des bestehenden Alltags.

Die Bewegung setzt auf selbstbestimmte Produktionsweisen von politischem Wissen.
Sie schafft politische Commons, zu welchem freier Zugang besteht.
Die neoliberalen Medien bedienen sich dieses Commons.
Die Studierenden sind für diese eine wichtige Zielgruppe.

Die aktuelle Strategie der Gegner überlappt sich mit der Strategie der Bewegung.
Einige parteipolitische Akteure setzen auf eine krisenhafte Zuspitzung zur Stimmungsmache für weiterer neoliberale Reformen.
In der neoliberalen Organisationsentwicklung ist in „Change Prozessen“ eine Phase des Protests und der Entdifferenzierung üblich.

Besetzungsökonomie

Wie egalitäre Produktionsweisen über neoliberale und parteiförmige Politikformen triumphieren.

Des Neoliberalismus hat sich als Kriegsökonomie durchgesetzt. Wie Naomi Klein gezeigt hat beruht er er auf einer Schock-Doktrin. Verlief es in Österreich zwar nicht in der Form eines militärischen Krieges oder politischen Putsches, so in der Form des Aushungerns, Stigmatisierens und Androhens der Zerschlagung der gegnerischen Kräfte. Die Universitäten wurden an die Wand gefahren und in der entstehenden Krise die neoliberale Produktionsweise durchgesetzt. Die aktuellen Besetzungen haben die Lage grundlegend verändert. Sie haben eine egalitäre Form von Ökonomie erfunden, welche im Moment der politischen Auseinandersetzung in der Lage ist gegen die neoliberale und parteiförmige Ökonomie politischer Kampagnen zu gewinnen.

Entdifferenzierung

Doch bevor ich meinen Gedankengang fortsetze, ein paar Korrekturen. Handelt es sich bei den Protesten überhaupt um ein ökonomisches Phänomen, sind sie nicht vielmehr Gegenstand etwa der Politikwissenschaft oder Publizistik- und Kommunikationswissenschaft? Ich vertrete die Auffassung, dass sie sowohl politischen, ökonomischen, kulturellen, als auch wissenschaftlichen Charakter besitzen, sowie andere Aspekte mehr. Soziale Bewegungen verlaufen zu einem großen Teil unter- und außerhalb der in kapitalistischen Gesellschaften ausdifferenzierten Funktionssphären. Sie entsprechen in dieser Frage auch indigenen Gesellschaften. Durch ihre vielfältigen und überlappenden Eigenlogiken gewinnen sie die Möglichkeit verschiedene Aspekte zu kombinieren. Durch diese Entdifferenzierung werden Kräfte frei, die in kurzer Zeit in der Lage sind herrschende Institutionen zu überwälzen.

Solidarische Ökonomien

Das Nachdenken über diese verschiedenen Formen von Wirtschaft und ozialen Zusammenhalts steht an den Ursprüngen der Sozialwissenschaft. Durkheim suchte etwa mit seiner “organischen Solidarität” nach Formen der Kooperation, welche der individualisierenden Logik des Marktes und der Konkurrenz entgegenzutreten vermögen. Wie so oft wurden die Antriebe, die am Anfang von wissenschaftlichen Traditionen stehen, übergangen und die entstandene Kreativität für andere Zwecke verwendet. Wer zählt nicht nach wie vor Durkheim zu seinen Ahnen, oder wer referiert überhaupt das Interesse an Anarchismus anderer vermeintlicher “Autoritäten”? Die rundlegende Problem der Moderne besteht darin, dass es zu einem Ausschluss alternativer Wirtschaftsformen und anderer Formen von Politik kam, auf derern Kosten sie sich gleichzeitig errichtete. In ihren Krisen tritt das Ausgeschlossene aber immer wieder hervor. Der patriarchale Kapitalismus erreicht in seinem Fortgang immer wieder Grenzen, v.a. des Wachstums und sozialer Differenzierung. Er überschreitet diese, stürzt in Krisen. Seine Systeme werden dysfunktional.

Plurale Ökonomien

Ich plädiere dafür sich bei der Analyse einer derartigen Situation nicht von ideologischen Vorlieben einschränken zu lassen. Zunächst fügt das Auftreten alternativer Ökonomien dem bestehenden Gemenge an neoliberalen, staatsozialistischen, feudalen und patriarchalen Produktionsweisen nur einige mehr hinzu. Wie diese interagieren, welche Mischformen sie eingehen, in welcher Richtungen Hybride wirken, wie sie sich verändern und welche sich durchsetzen ist nicht abzusehen. Mitentscheidend wird meiner Auffassung nach aber sein, welche Produktionsweisen von Politik, etwa neoliberale Kampagnenökonomie oder solidarische Besetzungsökonomien sich als produktiver, flexibler, dauerhafter erweisen. Es ist dies auch eine Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Raumstrukturen und zeitlichen Rhythmen, die völlig unklar erscheinen lässt, wann und wo es zu entscheidenden Verschiebungen kommt.

Wien

In Wien fand im März 2009 an der Universität für Bodenkultur ein Kongress zu Solidarischer Ökonomie statt. Mehr als 1000 Menschen diskutierten in insgesamt 120 Workshops drei Tage lang eine Unzahl verschiedenster ökonomischer Logiken. Ein halbes Jahr später werden an verschiedenen Universitäten die großen Hörsäle besetzt und neue Formen der Produktion von Politik entstehen innerhalb weniger Tage. Peer-to-Peer Ökonomie, Basisdemokratie, anarchistische Selbstorganisation, Politikverdrossenheit breiter Studierendenkreise, Umsonstökonomie, Volksküchen uvam. verbinden sich und setzen ihre Themen auf die politische Agenda der nationalen Politik. Hohe Funktionäre sehen sich veranlasst zu den Studierenden vor Ort zu kommen. Minister Hahn stellt unvermittelt 34 Millionen Euro in Aussicht, die bei den Studierenden ankommen sollen.

Wer gewinnt?

Eine Überlegung zur Möglichkeit, dass die Proteste ihr Ziel erreichen. Wie lange können die Mobilisierungen aufrecht erhalten werden? Wer wird den längeren Atem haben? Ich denke gewinnen werden diejenigen, die die Interaktion, die Schnittstelle zwischen den verschiedenen Produktionsweisen von Politik bestimmen. Es gibt eine Tendenz, die zu Gunsten der Studierenden wirkt.

Was ist “Verschulung”?

Die Grenzen sozialer Differenzierung

Die erste Forderung der Studierendenproteste lautet derzeit “Bildung statt Ausbildung!”. In Reaktion darauf ist eine kritische Debatte entstanden, die sich einerseits mit den Studierenden solidarisch erklärt und andererseits gegen die Forderung nach einem Mehr an Bildung den Aufruf hält: “Zerschlagt die Universitäten!” Andreas Exner von SINET und Martin Birkner von den Grundrissen schließen damit an frühere soziale Bewegungen an. Ich denke, es ist wichtig diese Debatte weiterzuführen und die Frage nach sozialer Arbeitsteilung und Differenzierung inner- und außerhalb der Universitäten zu stellen.

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“Bildung statt Ausbildung” meint konkret die Rücknahme von Maßnahmen des neoliberalen Umbaus im Zuge des Bologna Prozesses, die von den Studierenden als “Verschulung” der Universitäten bezeichnet werden. Die Analyse, dass die Reformen, wie Einfühurung der Bachelor- und Masterstudien oder von verpflichtenden Einführungsphasen das wahrhaftig Universitäre zum Verschwinden bringen, beruht aber auf einem Irrtum: Verschulung bedeutet im Gegenteil ein Mehr an Universität. Universitäten sind soziale Institutionen, die auf bürokratische Art die Produktion und die Anerkennung von Wissen organisieren. Von den Studierenden gefordert wird hingegen ein selbstbestimmtes Studium. Die konkreten Forderungen sind insofern nicht als als ein Einsatz für ein Mehr an Universität zu beschreiben, als um ein Einsatz gegen mehr Universität.

Zerschlagung oder Ausbau der Universitäten?

Das soziale Realität an den Universitäten ist jedoch widersprüchlicher und geht über institutionell reglementierte Wissensproduktion weit hinaus. In der Tat findet auch selbstbestimmte Wissensproduktion statt. Es handelt sich um komplexe Gebilde aus verschiedenen Produktionsformen nicht nur von Wissen, sondern auch von Erfahrung, Essen, Gebäuden, Freundschaften u.v.a.m. Wichtige dieser Produktionsformen können als neoliberal, feudalistisch, staatssozialistisch, kommunitär und individualanarchistisch bezeichnet werden. Erstere drei beruhen auf Regulierung und schaffen einen Großteil der gesamten Struktur. Letztere sind eher in informellen Räumen anzutreffen. Für wissenschaftliche Innovationen sind erstere eher dysfunktional, während letztere tendenziell funktional sind. Die Krise der Universitäten besteht unter anderem darin, dass unter dem Druck wirtschaftlicher Effizienz dies übersehen wird und auf eine Ausweitung neoliberaler, staatsfeudalistisch und staatssozialistischer Produktionsweisen gesetzt wird. Dadurch werden jedoch weitere Probleme produziert, welche wiederum nach mehr Reglementierung rufen.

Zerschlagung und Ausbau der Universitäten

Wie kann der widersprüchlichen Realität, die v.a. in der Gemengellage verschiedener Produktionsweisen besteht, politisch Rechnung getragen werden? Von den Universitäten ist vor allem eine Anerkennung der informellen und freien Wissensproduktion zu fordern, die bereits existiert, sowie die Zurverfügungstellung zusätzlicher Ressourcen. Zu fordern ist des weiteren eine Rücknahme neoliberaler, feudalistischer und staatsozialistischer Regulierung. Wie diese Analyse allerdings in einen öffentlichen Diskurs umgesetzt werden kann, weiß ich nicht. Die Gleichzeitigkeit von widersprüchlichen Dingen und die Doppeldeutigkeiten der verschiedenen Begriffe bedeuten erhebliche Schwierigkeiten.

Die Entbettung des wissenschaftlichen Systems

Verschult werden aber nicht nur die Universitäten, sondern die gesamte Gesellschaft. Die Entstehung der Universitäten, das heißt die Abtrennung einer Sphäre des Wissens vom Rest der Gesellschaft, geht den immerneuen Universitätsreformen voran. Die letztlich entscheidende Frage ist, an welchem Ort Wissen entsteht. Die dominierenden Systeme beruhen auf der Illusion, dass es in Vorlesungen und aus Texten angeeignet werden kann. Dies ist eine Illusion und zwar deswegen, weil Wissen nicht konsumiert werden kann. Wissen kommt nicht aus einem Text oder dem Mund eines Vortragenden, sondern entsteht in den Köpfen der Menschen. Die zentrale Herausforderung eines Studiums besteht darin, einerseits seine eigenen Interessen zu entwickeln und andererseits den Anschluss an die bürokratischen Systeme zu erlangen. Dieses Problem wird an den Universitäten allerdings weitgehend verdrängt. Im Gegenteil, viele der Reformen beruhen auf der Auffassung, dass etwa in verpflichtenden Einführungsveranstaltung herausgefunden werden könnte, ob das Studium wirklich interessiert.

Die Grenzen der Differenzierung

Nicht geschaffen und angeeignet kann Wissen außerhalb der Universitäten werden. Wenn es das dennoch kann, dann wird es nicht anerkannt. Dies ist zumindest die häufige Konsequenz der gängigen Praxis. Dem ist entgegenzuhalten, dass die Differenzierung des wissenschaftlichen Systems kein selbstverständliches Phänomen ist. Sie erfolgt im Rahmen einer bestimmten politischen Ökonomie und ist geprägt von unterschiedlichen Formen der Unterdrückung. So zerstörerisch die Universitäten auf außeruniversitäre Formen der Wissensproduktion wirken, etwa im Hinblick auf den Niedergang des intellektuellen Lebens oder das Verschwinden oraler Traditionen, indigener Kosmosvision oder bäuerlichem Handwerks, so zerstörerisch wirkt auch ihre fortlaufende “Verschulung” auf sie selbst. Es gibt nicht nur Grenzen kapitalistischen Wachstums, sondern auch “Grenzen der Differenzierung”.

Die inneruniversitären Konsequenzen

Viele der beklagten Missstände an den Universitäten markieren eigentlich diese Grenzen. Wenn keine Zeit mehr bleibt für selbstbestimmte Gespräche und Lektüre, für Spontaneität und Änderungen im Curriculum, dann wird selbst noch das beste Regelwerk dysfunktional. Eine Flut an immergleichen Publikationen, an desinteressierten Menschen und psychischen Problemen ist die Folge. Ganz abgesehen davon, ob das wissenschaftliche System Relevantes zu seiner “Funktion” für die Gesellschaft beizutragen hat. Das hieße etwa zur Lösung der Wirtschafts-, Energie- und Klimakrise.

Zu einer Solidarische Ökonomie öffentlicher Dienste

Vieles des Obengesagten gilt auf die eine oder andere Weise auch für andere öffentliche Dienste und für die Funktionen, die sie erfüllen sollen. Die Gemengelage verschiedener Produktionsweisen und die Frage der Differenzierung / Entdifferenzierung stellen erheblich theoretische und praktische Probleme. Zentrale Elemente früherer sozialen Bewegungen, wie die Kritik am medizinischen System, an Gefängnissen und Schulen, sind unverständlich geworden. Hinter deren “Anti-”Haltung verbergen sich jedoch wichtige Einsichten.


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