Auf gemeinsamem Boden. Bericht einer Commoning-Erfahrung

Ich sitze im Zug nach Klagenfurt, betrachte die Weingärten, die am Fenster vorüberziehen, links der Rhein, rechts kleine Orte und zerstreute Häuser. Muster menschlicher Kultur, die sich in die Landschaft eingeschrieben haben, als lebendige Synthese der natürlichen und der menschlichen Welt.

Ich bin auf dem Rückweg vom bemerkenswertesten Treffen, das ich in den letzten Jahren erleben durfte, in einem Wasserschloss in Crottorf bei Siegen, zusammen mit 21 Leuten aus den unterschiedlichsten intellektuellen und politischen Zusammenhängen: Historiker, NetzwerkerInnen, Projektmanager, MarxistInnen, Software-Leute, Feministinnen, politische ÖkologInnen und soziale AktivistInnen:

Andoni Alonso (Technologie-Philosoph), Michel Bauwens (P2P Foundation), Iain Boal (Retort), David Bollier (On the Commons-Blog), Nicola Bullard (Focus on the Global South), George Caffentzis (Midnight Notes Collective), Massimo de Angelis (The Commoner), Andreas Exner (der das hier schreibt), Silvia Frederici (International Feminist Collective), Hermann Hatzfeldt (der Schlossbesitzer, der uns großzügig den Ort für das Treffen zur Verfügung stellte, und eine Exkursion in die naturnah bewirtschafteten Wälder der Umgebung führte), Silke Helfrich (Publizistin), Prashant Iyengar (Alternative Law Forum), Peter Linebaugh (der Commons-Historiker par excellence), Stefan Meretz (Keimform-Blog), Pat Roy Mooney (ETC group, früher RAFI), Franz Nahrada (GIVE), Richard Pithouse (Rhodes University, politischer Aktivist), Christian Siefkes (Peer economy, Keimform-Blog), Wolfgang Sachs (Wuppertal Institute), Miguel Vieira (Epidemia).

Ausführliche biographische Informationen gibt es hier.

Unser Thema war “The Future of the Commons”, die Zukunft der Gemeingüter. Dabei drehten sich unsere Debatten um die Frage, wie die Gemeingüter eine Welt bilden können, in dem Wohl-Sein für alle möglich ist.

Wenn ich über das Treffen nachdenke, so erinnere ich mich an die Zeit als ich von Wien, wo ich 15 Jahre lange gelebt und studiert hatte, nach Klagenfurt gezogen bin, in den Süden Österreichs. Damals hatte ich immer wieder den enormen Reichtum von Natur wie Kultur erlebt. Ich war arbeitslos für ein halbes Jahr, fühlte mich jedoch sehr erfüllt. Im Verlauf der vielen Spaziergänge mit meiner Freundin durch die schönen Landschaften in Kärnten wurde ich der Vielfalt der Natur wirklich gewahr – als jemand, der in Vegetationsökologie ausgebildet worden ist, habe ich dafür das nötige intellektuelle Sensorium, aber in diesen Momenten begann ich die Vielfalt auch emotionell so richtig zu schätzen, als eine ästhetische Erfahrung. Um Reichtum zu erfahren ist Sensitivität erfordert ebenso wie die Fähigkeit zur Differenzierung.

Unser Treffen belebte in mir den Sinn für diesen Reichtum, indem wir die Gemeingüter, die Commons als einen neuen Ansatz der gesellschaftlichen Transformationen erkundeten – indem wir einander konfrontierten, widersprechende Positionen in eine Synthese brachten und Ideen und Emotionen miteinander verwoben. Im Verlauf dieses Prozesses entstand so etwas wie eine geteilte Sicht der Wirklichkeit, im Reden, aber auch im Singen, Spazierengehen, Lachen.

Silke Helfrich, David Bollier, Massimo de Angelis und Stefan Meretz lernten einander letztes Jahr beim Elevate Festival in Graz kennen. Sie gaben Inputs zum Thema “Commons” und entschieden nach dem Festival, ein Treffen mit Freundinnen und Freunden zu organisieren, um die Diskussion voranzubringen.

Schon diese vier Leute allein bilden einen wahren Blumenstrauß an Aktivitäten und Ideen. Silke Helfrich hat in Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll-Stiftung, dem “Think Tank” der deutschen Grünpartei, einen sehr interessanten Sammelband zur Commons-Debatte mit dem Titel “Wem gehört die Welt” herausgegeben, den man in der Vollversion im Netz downloaden kann. David Bollier hat mehrere Bücher zu Commons publiziert und verfolgt eine breite Palette an Aktivitäten in diesem Bereich, wie man schon sein Commons-blog illustriert. Massimo de Angelis hat 2000 das online-journal “The Commoner” zusammen mit ein paar anderen “verrückten Marxisten”, wie er mir lachend erzählt, mitbegründet. (Die aktuelle Ausgabe ist eine besondere Empfehlung.) Stefan Meretz arbeitet als Software-Programmierer und Theoretiker, der regelmäßig im Keimform-blog schreibt und das Konzept der Keimformen als Ausgangspunkte für eine post-kapitalistische Gesellschaft exploriert.

Unsere Diskussionen während dieser vier Tage, die wir “im Schloss gefangen” waren, wie es jemand ausdrückte, entfalteten sich ohne fixes Programm. Sie waren selbst ein Beispiel welche Freiheit das Commoning ermöglicht, wenn die Bedingungen stimmen. Nach einem gemeinsamen Brainstorming zu den Fragen, die uns im Zusammenhang mit den Commons interessieren – von der Kriminalisierung von Commonern über die politische Ökonomie der Commons bis hin zum Grundeinkommen – arrangierten Stefan und Silke die Schlagwörter unter ein paar Überschriften. Die folgenden Tage widmeten wir der Debatte dieser Themen, mit zumeist kurzen, ziemlich spontanen Inputs, die oft entgegengesetzte Blickwinkel auf einen spezifischen Aspekt der Commons darstellten.

Aufregend waren viele Momente, wenn die Gruppe die politische Ökonomie der Commons debattierte, ihren strategischen Wert in der entstehenden “Bewegung der Bewegungen”, die sich darum bemüht, das Alte gehen zu lassen, damit das Neue Raum bekommt. Es ist schwer, die Vielfalt an Argumenten und Weltsichten zusammenzufassen, die unsere Debatten sichtbar machten. Dennoch gibt es eine einfache Formel, die jemand in der Schlussrunde mit uns teilte, die für mich den Herz des Prozesses am besten ausdrückt: “Die Gemeingüter sind der Sozialismus des 21. Jahrhunderts”.

Ich möchte an dieser Stelle kein Protokoll unserer Diskussionen geben. Zum Einen deshalb, weil Massimo de Angelis Video-Interviews mit uns gemacht hat, die Stefan Meretz noch durch Interviews auf Deutsch ergänzte, die besser als eine Niederschrift illustrieren, welche Vielfalt und welche “hybridisierende” Qualität unsere Bemühung hatte. Jemand hat dafür den Vergleich des “Pflanzenzüchtens” gemacht, und ich denke, das ist als eine ironische Beschreibung treffend. Zweitens hat Stefan die gesamte Debatte aufgezeichnet, und es dürfte eine Auswahl von Gesprächen online verfügbar gemacht werden.

Fürs erste belasse ich es mal dabei und hoffe, dass ihr dieselbe Freude in der Erkundung der Commons erlebt wie wir in Crottorf, als einer neuen Weise unsere Welt zu sehen, zu empfinden und zu denken.

Zum Weiterlesen: p2p foundation

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2 Responses to Auf gemeinsamem Boden. Bericht einer Commoning-Erfahrung

  1. Silke says:

    nur zur Berichtigung: ich bin selbständig und vertrete nicht die Heinrich Böll Stiftung
    ansonsten: DANKE!

  2. Georg says:

    Ausgezeichnete Artikel! Danke!
    Grüße!
    Georg

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