Was ist “Verschulung”?

Die Grenzen sozialer Differenzierung

Die erste Forderung der Studierendenproteste lautet derzeit “Bildung statt Ausbildung!”. In Reaktion darauf ist eine kritische Debatte entstanden, die sich einerseits mit den Studierenden solidarisch erklärt und andererseits gegen die Forderung nach einem Mehr an Bildung den Aufruf hält: “Zerschlagt die Universitäten!” Andreas Exner von SINET und Martin Birkner von den Grundrissen schließen damit an frühere soziale Bewegungen an. Ich denke, es ist wichtig diese Debatte weiterzuführen und die Frage nach sozialer Arbeitsteilung und Differenzierung inner- und außerhalb der Universitäten zu stellen.

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“Bildung statt Ausbildung” meint konkret die Rücknahme von Maßnahmen des neoliberalen Umbaus im Zuge des Bologna Prozesses, die von den Studierenden als “Verschulung” der Universitäten bezeichnet werden. Die Analyse, dass die Reformen, wie Einfühurung der Bachelor- und Masterstudien oder von verpflichtenden Einführungsphasen das wahrhaftig Universitäre zum Verschwinden bringen, beruht aber auf einem Irrtum: Verschulung bedeutet im Gegenteil ein Mehr an Universität. Universitäten sind soziale Institutionen, die auf bürokratische Art die Produktion und die Anerkennung von Wissen organisieren. Von den Studierenden gefordert wird hingegen ein selbstbestimmtes Studium. Die konkreten Forderungen sind insofern nicht als als ein Einsatz für ein Mehr an Universität zu beschreiben, als um ein Einsatz gegen mehr Universität.

Zerschlagung oder Ausbau der Universitäten?

Das soziale Realität an den Universitäten ist jedoch widersprüchlicher und geht über institutionell reglementierte Wissensproduktion weit hinaus. In der Tat findet auch selbstbestimmte Wissensproduktion statt. Es handelt sich um komplexe Gebilde aus verschiedenen Produktionsformen nicht nur von Wissen, sondern auch von Erfahrung, Essen, Gebäuden, Freundschaften u.v.a.m. Wichtige dieser Produktionsformen können als neoliberal, feudalistisch, staatssozialistisch, kommunitär und individualanarchistisch bezeichnet werden. Erstere drei beruhen auf Regulierung und schaffen einen Großteil der gesamten Struktur. Letztere sind eher in informellen Räumen anzutreffen. Für wissenschaftliche Innovationen sind erstere eher dysfunktional, während letztere tendenziell funktional sind. Die Krise der Universitäten besteht unter anderem darin, dass unter dem Druck wirtschaftlicher Effizienz dies übersehen wird und auf eine Ausweitung neoliberaler, staatsfeudalistisch und staatssozialistischer Produktionsweisen gesetzt wird. Dadurch werden jedoch weitere Probleme produziert, welche wiederum nach mehr Reglementierung rufen.

Zerschlagung und Ausbau der Universitäten

Wie kann der widersprüchlichen Realität, die v.a. in der Gemengellage verschiedener Produktionsweisen besteht, politisch Rechnung getragen werden? Von den Universitäten ist vor allem eine Anerkennung der informellen und freien Wissensproduktion zu fordern, die bereits existiert, sowie die Zurverfügungstellung zusätzlicher Ressourcen. Zu fordern ist des weiteren eine Rücknahme neoliberaler, feudalistischer und staatsozialistischer Regulierung. Wie diese Analyse allerdings in einen öffentlichen Diskurs umgesetzt werden kann, weiß ich nicht. Die Gleichzeitigkeit von widersprüchlichen Dingen und die Doppeldeutigkeiten der verschiedenen Begriffe bedeuten erhebliche Schwierigkeiten.

Die Entbettung des wissenschaftlichen Systems

Verschult werden aber nicht nur die Universitäten, sondern die gesamte Gesellschaft. Die Entstehung der Universitäten, das heißt die Abtrennung einer Sphäre des Wissens vom Rest der Gesellschaft, geht den immerneuen Universitätsreformen voran. Die letztlich entscheidende Frage ist, an welchem Ort Wissen entsteht. Die dominierenden Systeme beruhen auf der Illusion, dass es in Vorlesungen und aus Texten angeeignet werden kann. Dies ist eine Illusion und zwar deswegen, weil Wissen nicht konsumiert werden kann. Wissen kommt nicht aus einem Text oder dem Mund eines Vortragenden, sondern entsteht in den Köpfen der Menschen. Die zentrale Herausforderung eines Studiums besteht darin, einerseits seine eigenen Interessen zu entwickeln und andererseits den Anschluss an die bürokratischen Systeme zu erlangen. Dieses Problem wird an den Universitäten allerdings weitgehend verdrängt. Im Gegenteil, viele der Reformen beruhen auf der Auffassung, dass etwa in verpflichtenden Einführungsveranstaltung herausgefunden werden könnte, ob das Studium wirklich interessiert.

Die Grenzen der Differenzierung

Nicht geschaffen und angeeignet kann Wissen außerhalb der Universitäten werden. Wenn es das dennoch kann, dann wird es nicht anerkannt. Dies ist zumindest die häufige Konsequenz der gängigen Praxis. Dem ist entgegenzuhalten, dass die Differenzierung des wissenschaftlichen Systems kein selbstverständliches Phänomen ist. Sie erfolgt im Rahmen einer bestimmten politischen Ökonomie und ist geprägt von unterschiedlichen Formen der Unterdrückung. So zerstörerisch die Universitäten auf außeruniversitäre Formen der Wissensproduktion wirken, etwa im Hinblick auf den Niedergang des intellektuellen Lebens oder das Verschwinden oraler Traditionen, indigener Kosmosvision oder bäuerlichem Handwerks, so zerstörerisch wirkt auch ihre fortlaufende “Verschulung” auf sie selbst. Es gibt nicht nur Grenzen kapitalistischen Wachstums, sondern auch “Grenzen der Differenzierung”.

Die inneruniversitären Konsequenzen

Viele der beklagten Missstände an den Universitäten markieren eigentlich diese Grenzen. Wenn keine Zeit mehr bleibt für selbstbestimmte Gespräche und Lektüre, für Spontaneität und Änderungen im Curriculum, dann wird selbst noch das beste Regelwerk dysfunktional. Eine Flut an immergleichen Publikationen, an desinteressierten Menschen und psychischen Problemen ist die Folge. Ganz abgesehen davon, ob das wissenschaftliche System Relevantes zu seiner “Funktion” für die Gesellschaft beizutragen hat. Das hieße etwa zur Lösung der Wirtschafts-, Energie- und Klimakrise.

Zu einer Solidarische Ökonomie öffentlicher Dienste

Vieles des Obengesagten gilt auf die eine oder andere Weise auch für andere öffentliche Dienste und für die Funktionen, die sie erfüllen sollen. Die Gemengelage verschiedener Produktionsweisen und die Frage der Differenzierung / Entdifferenzierung stellen erheblich theoretische und praktische Probleme. Zentrale Elemente früherer sozialen Bewegungen, wie die Kritik am medizinischen System, an Gefängnissen und Schulen, sind unverständlich geworden. Hinter deren “Anti-”Haltung verbergen sich jedoch wichtige Einsichten.

About Markus Schallhas

Markus Schallhas, geb. 1976, lebt in Wien. Studium der Rechtswissenschaften in Linz und Tätigkeit als Patientenanwalt im Bereich Psychiatrie; aktuelles Studium der Kultur- und Sozialanthropologie, seit 2000 bei Attac Österreich; Mitglied des Netzwerks Grundeinkommen; Engagement zum Thema Solidarische Ökonomie.
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One Response to Was ist “Verschulung”?

  1. Klaus says:

    (…) keine Zeit mehr bleibt für selbstbestimmte Gespräche und Lektüre (…)?

    Zur Frage, was denn eigentlich unter “Verschulung” zu verstehen sei, lese ich hier nur Wischiwaschi, nicht Konkretes, dafür umso mehr Hochtrabendes.

    Die Effizienz, die Ernsthaftigkeit, Intensität und die Dauer des Studiums allein der Eigenverantwortung des Studierenden zu überlassen ist in seiner Konsequenz mit dem vergleichbar, was in der Politik von Unternehmern an Eigenverantwortung hinsichtlich deren sozialen Mitverantwortung erwartet wird. Forderung der Unternehmer hier: Keine staatliche Gängelung, hoffen der Gesellschaft auf einsichtige Eigeninitiativen seitens der Unternehmer. Diese blauäugigen Erwartungen seitens der Politiker sind bislang jedenfalls mächtig in die Hose gegangen. Bezahlt werden muss die Rechnung jedes Mal der Steuerzahler, der Bürger. Die Unternehmen brauchen ständig Druck, wenn sie sich an ihren gesamtgesellschaftlichen Verantwortlichkeiten ehrlich und effizient beteiligen sollen.

    Also, was soll das Gefasel um die Unannehmbarkeit der „Verschulung“ an den Universitäten. (…) keine Zeit mehr bleibt für selbstbestimmte Gespräche und Lektüre (…) Hierfür ist außerhalb der Vorlesungen sicher noch Zeit genug. Es müssen z. B. nur weniger Parties gefeiert werden. Bei Lehrlingen sagt man, „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“. Das gleich sollte endlich auch für diejenigen gelten, die statt einen ehrbaren, nichtakademischen Beruf zu erlernen, eben studieren: „Studierjahre sind keine Herrenjahre“. Beherzigen wir diese Erkenntnis, wird damit gleichzeitig dem dekadenten, elitären und asozialen Gehabe einer Minderheit in unserer Gesellschaft gegengesteuert.

    Jeder Mensch in einer gerechten Gesellschaft ist gleich viel wert und hat das gleiche Recht auf die Respektierung seiner menschlichen Würde und eines zeitgemäßen Anspruches auf Wohlstand, mit allem, was dazu gehört …

    Die Studentenproteste u.a. gegen die “Verschulung” der Universitäten und der damit verbundenen Anwesenheitspflicht bei Vorlesungen ist für mich nichts anderes, als die Forderung, als Studierende weiterhin machen können zu dürfen, was sie wollen. Die “Anwesenheitspflicht” ist nur recht und billig. Schließlich finanzieren die Steuerzahler – vor allem auch diejenigen in den nichtakademischen Berufen, den teuren Studierbetrieb. Da können die Leistungsträger unserer Gesellschaft doch wenigstens erwarten, dass ein Studium konsequent und zügig, aber auch respektvoll gegenüber jenen, die es finanzieren, absolviert wird.

    Klaus R.

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