Redaktionelle Anmerkung: Dieser Eintrag wurde ursprünglich veröffentlicht auf: Grüne/UG – Arbeiterkammerblog von Andreas Exner. Der Bezug ist kärntenspezifisch, die Argumentation der BZÖ-Gemeinderätin ist allerdings symptomatisch.

Zur ideologischen Zusammensetzung der in untenstehender Intervention in einer zentralen Rolle in Erscheinung tretenden Brennesselsuppe siehe hier und hier.

Als „sinnlos und lärmend“ bezeichnet die Klagenfurter BZÖ-Gemeinderätin und Studentin Sandra Wassermann den Studierendenprotest. Der Streik müsse ein Ende haben (Info hier). Die Gemeindrätin appelliert an die Streikenden, die Hörsäle „endlich wieder den willigen Studierenden zurück zu geben“.

Vertraulichen Informationen zufolge wollte Wassermann ein Seminar zur männergerechten Fabrikation von Brennesselsuppe besuchen, das Landeshauptmann Dörfler als externer Lektor an der Universität Klagenfurt in geheimer Mission („Bildungsoffensive BZÖ“) leitet. Dabei wurde die BZÖ-Gemeinderätin laut unbestätigten Gerüchten von wütenden Protestierenden, die lieber Spaghetti machen wollten, am Zutritt zur Herdplatte mit Sprüchen wie „Rettet die Brennessel“ und „Warum hat uns Landeshauptmann Haider kein Kochbuch hinterlassen“ gehindert.

Diesen Absatz als eine ironische Paraphrase politischer Positionierungen des BZÖ dechiffrieren zu können, ist eine wichtige Fähigkeit, die durch Bildung angeeignet wird.

Wird Sandra Wassermann nach Abschluss ihrer Studien dazu in der Lage sein? Wir können es nur hoffen.

Denn jede und jeder, die und der einmal eine Lernerfahrung durchgemacht hat weiß, dass Wissen nicht eingetrichtert werden kann.

Das ist einer der Ausgangspunkte der Studierendenproteste: Bildung beruht auf der Eigentätigkeit von Studierenden und kann nicht in einem verschulten System des geistigen Duckmäusertums „erzeugt“ werden. Die studentischen Proteste bleiben aber nicht bei Kritik stehen. Sie zeigen darüberhinaus, dass Selbstverwaltung von Bildung möglich ist: mit selbstorganisierten Workshops, Arbeitsgruppen und Lehrveranstaltungen (siehe z.B. die unibrennt-Seite). Lehrpläne können und sollen durch Studierende und Lehrende gemeinsam erarbeitet werden; Studierende haben häufig ein feines Sensorium für gesellschaftliche Bedarfslagen und müssen ihre Studien entscheidend mitgestalten können.

Aussagen wie die von BZÖ-Wassermann zeigen, dass die Bildungsinitiativen, die viele Studierende in ganz Österreich nun so kraftvoll setzen, in manchen Köpfen noch einen weiten Weg zurückzulegen haben. Bildung braucht Zeit, und die wollen wir auch Sandra Wassermann zugestehen. Allerdings sollte sie dabei andere Studierende nicht hindern, Bildung anzueignen und zu verteidigen.

Kurzum: Unüberlegte Kritik an der hochnotwendigen, durch die Studierenden eingeleiteten Neuorientierung der österreichischen Universitäten, wie sie BZÖ-Wassermann äußert, ist fehl am Platz. Wir können es uns schlicht nicht leisten, weiterzustrudeln wie bisher.

Denn die Gesellschaft steckt in einer mehrfachen Krise: ökonomisch, ökologisch, sozial und bildungspolitisch. Wir brauchen dringend Studierende, die denken können. Befehlsempfängerinnen und Leute, die nach dem Nürnberger Trichter schreien, sind dabei wenig hilfreich. Sandra Wassermann ist herzlich dazu eingeladen, eigenständige Gedanken zu entwickeln und sich in die studentischen Debatten einzubringen. Brennesselsuppe ist zu wenig.

Nachdenklich stimmt uns freilich die Mitteilung der BZÖ-Gemeinderätin, die Hörsäle seien durch die Proteste der Studierenden entwendet worden. Denn tatsächlich besetzt ist lediglich die Aula. Müssen wir Frau Wassermann dazu animieren, wieder einmal die Uni zu besuchen? Nein, müssen wir nicht und wollen dies auch gar nicht. Sie hat sicherlich genug daheim zu büffeln.

Eine persönliche Anmerkung sei jedoch erlaubt: ich halte die derzeitigen Studierendenproteste in Klagenfurt nur für einen Anfang. Sie sind viel zu angepasst, als dass sie wirkliche Verbesserungen bewirken könnten. Es ist an der Zeit, Augen und Ohren aufzusperren. Wir müssen nach Alternativen zu einer geisttötenden Abfertigungsagentur suchen, die scheinbar auf die Bedürfnisse von Studierenden gut zugeschnitten ist, die sich „willig“ (O-Ton Wassermann) kommandieren und mit „sinnlosem“ Faktenwissen befüllen lassen, um uns dann „lärmende“ Presseaussendungen „zuzumuten“. Wir brauchen vielmehr Bildungseinrichtungen, die für jene da sind, die mit Neugier und innovativem Geist die Probleme unserer Zeit lösen wollen.

Selbstverantwortung, Flexibilität und Eigenständigkeit, Frau Wassermann, gehen anders. Vielleicht schauen Sie ja wieder mal an die Uni.