Was bislang kaum ein Mensch für möglich hielt, es ist tatsächlich eingetreten: ausgerechnet im verschlafenen Österreich hat eine internationale Welle von Studentenprotesten gegen die Verwandlung von Wissenschaft und Universität in einen totalen Sub-Markt begonnen. Die Forderungen, die die Studenten erheben klingen so utopisch und unerfüllbar, dass selbst wohlmeinende Kommentatoren Zweifel an ihrer Wirkung haben. “Bildung statt Ausbildung” und “Selbstbestimmtes Studium” stellen sich diametral gegen das neue Zeitregime der marktkonformen Akademikerproduktion. Politiker und Öffentlichkeit verlassen sich auf die heilsame Kraft des Zwangs zur Anpassung, dem auch diese Studentengeneration letztlich unterliegen wird.
In dieser Situation kommt ein Büchlein zur rechten Zeit, das sich mit der lange vernachlässigten theoretischen Dimension der Kritik am Wissenschafts- und Meinungsbetrieb, an der unheiligen Allianz von pluralistischer Beliebigkeit und gedankenlosem Nachplappern populärer Gedanken beschäftigt. “Unsichtbare Intelligenz” war der Titel einer Konferenz im letzten Jahr in der neuen Galerie in Graz, initiiert von Peter Weibel und Franz Nahrada, bei der es um jene unangepasste Strömung des Denkens gehen sollte, der es mehr auf die Stimmigkeit und Integrität des Gedachten ankommt als auf akademische und öffentliche Anerkennung.
“Der vernünftige Mensch passt sich der Welt an; der unvernünftige besteht auf dem Versuch, die Welt sich anzupassen. Deshalb hängt aller Fortschritt vom unvernünftigen Menschen ab” sagte George Bernard Shaw, und diese gern zitierte Aussage könnte als Motto über dem Buch stehen. “Unsichtbare Intelligenz” ist eine Anthologie von QuerdenkerInnen, die sich mehr oder weniger erfolgreich ihr eigenes Biotop geschaffen haben, von Öffentlichkeit und Medien nicht beachtet und im unaufhörlichen Strom des Tagesgeplärres totgeschwiegen. Es gibt Einblicke in radikal andere Befunde und Forschungsprogramme, die der neoliberale Wahn und die Diktatur der Konkurrenz an die Wand gedrückt hat. Es will einen Beitrag leisten zur Wiedergewinnung einer Theoriekultur, in der wir die Fülle ungelöster Aufgaben des Denkens für eine Welt “sinnlicher Vernunft” (Robert Kurz) zu erkennen und denen Anerkennung zu geben vermögen, die sie lösen.
Es ist aber noch mehr damit beabsichtigt: das Buch ist auch ein Versuch ein Heilmittel gegen die fatale Selbstisolierung von Intellektuellen zu finden, mit denen sich kritische Theorie wider besseres Wissen ihrer Wirkmächtigleit und Diesseitigkeit beraubte. Exemplarisch wird gezeigt, wie sehr das Zulassen von visionären Dimensionen und das Kombinieren mit praktischer Intervention überhaupt erst jenes Feld erzeugt, das der Theorie selbst ihr Leben gibt. Theorie, die ihren Anspruch auf Wahrheit und ihre Kopplung mit einem normativen Lebensentwurf aufgibt, landet nicht nur in dogmatischer Skepsis, wie der Buchbeitrag von Christian Christiansen am Beispiel des Pluralismus in der Wissenschaft zeigt, sie leistet auch einem Pluralismus der Dogmen und einer zunehmend pandemischen Unfähigkeit der gesamten Gesellschaft zu rationellem Diskurs Voschub, was in einer Zeit akkumulierter Krisenpotentiale fatale Folgen hat.
Dem hält das Buch entgegen, dass Theorie, Vision und Praxis neue Potentiale der wechselseitigen Bezugnahme haben und anscheinend gerade im Begriff sind, einander wiederzufinden.
NAHRADA, Franz (Hg.)
Unsichtbare Intelligenz
Kritik, Vision und Umsetzung – Bausteine einer neuen Theoriekultur
224 Seiten Format 12 x 18
17.80 € | 26.90 Chf
ISBN: 978385476-312-3
lieferbar an alle Buchhandlungen über:
Mandelbaum Verlag: http://www.mandelbaum.de/books/761/7296
Es gibt zur weiteren Evolution des Projektes ein eigenes Social Network: http://unsichtbareintelligenz.mixxt.at/

Ich hab das Buch begonnen zu lesen und find’s sehr spannend! Bei Gelegenheit will ich ausführlicher vor allem auf den Beitrag von Christian Christiansen eingehen, der mir Gelegenheit gibt, den radikalen Konstruktivismus gegen den Vorwurf zu verteidigen, dass er zur Beliebigkeit führen würde.
Kurz vorweg schonmal folgender Kritikpunkt, der in die Richtung weist, die ich einschlagen würde. Du schreibst: “Theorie, die ihren Anspruch auf Wahrheit und ihre Kopplung mit einem normativen Lebensentwurf aufgibt, landet nicht nur in dogmatischer Skepsis [...]”
Ich behaupte, in der gleichzeitigen Forderung eines Wahrheitsanspruchs und der Kopplung von Theorie mit einem normativen Lebensentwurf steckt ein Widerspruch. Ich stimme letzterem voll und ganz zu, also dem, dass Theorie immer mit normativen Elementen verknüpft ist, verknüpft sein muss, ob sie sich dessen bewusst ist oder nicht (besonders schlimm wird’s nämlich dann, wenn sie sich dessen nicht bewusst ist). Aber genau deshalb kann sie nicht wahr in einem objektiven Sinn sein, sondern nur viabel im Rahmen eines bestimmten Kontexts (also bestimmter normativer Annahmen, Ziele, Umwelten). Klarerweise stellt sich dann die Frage: Auf welcher Grundlage kann ich eine Theorie kritisieren? Fortsetzung folgt…
Vorweg schon mal: Vielleicht muss ich das klarer ausdrücken, denn das Wort “normativ” hat so seine Tücken.
1. Im Prinzip ist die Geistes- und Gesellschaftswissenschaft ja ein lebender Widerspruch, denn in den gesellschaftlichen Gegenständen soll ja unsere eigene Identität liegen. Wenn uns diese fremd und zum Forschungsobjekt geworden sind, kann eine Wissenschaft nicht umhin die Frage zu stellen “warum ist das so?” – sie muss sich also, wie Wolfram Pfreundschuh das ausgedrückt hat, “gegen sich selbst wenden”.
2. Das tut aber auch die Aufklärung nicht, die sozusagen die Mutter der modernen Wissenschaft ist. Sie hat sich ihr Existenzrecht erkauft, indem sie das Normierungsmonopol den Theologen überließ und ihren Gegenstand als “Res” bezeichnete, als Sache, entweder “Res Extensa” oder “Res Cogitans”. Diese Versachlichung des Gesellschaftlichen, die Verwandlung in zweite Natur, war der Preis den die Wissenschaft zahlte für ihre Anerkennung. Als dann die Kirche wegfiel, wurde die Konstruktion nicht mehr revidiert – das tun erst heute Leute wie Christopher Alexander – und stattdessen ein sekundäres Deutungsmonopol basierend auf “Sachzwanghaftigkeit” etabliert. Das ist die etwas verrückte Geschäftsgrundlage der gesamten modernen Wissenschaft und ich bin gerne bereit, an einzelnen Fällen den Beweis für diese “Hypothese” anzutreten.
3. Das Buch, wenn Du es genau liest, enthält auch eine Würdigung und Ehrenrettung des Konstruktivismus in Gestalt von Nicole Lieger, das ist mir keineswegs zufällig passiert. Nur saollte man Konstruktivismus dort anwenden, wo es um Konstruktion geht, das ist mein simples Argument. Näheres folgt!