In der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung Jungle World findet sich eine Debatte zwischen Winfried Hermann, dem verkehrspolitischen Sprecher der deutschen Grünen und Ivo Bozic, einem der Redakteure der Zeitung (nachzulesen hier). Thema ist die sogenannte Flugverkehrsabgabe, die Bestandteil des von der deutschen Bundesregierung geplanten Sparpakets ist. Durch die Abgabe möchte der klamme deutsche Staat zusätzlich eine Milliarde Euro pro Jahr einnehmen, ein Flugticket wird dadurch vermutlich um acht bis 14 Euro teurer.

Der Abgeordnete der Grünen Hermann begrüßt diese Abgabe grundsätzlich, er hält sie nur zu niedrig angesetzt und fordert eine Staffelung des Aufschlags nach Economy-, Business und First-Class-Tickets. Wenig überraschend begründet er diese Zustimmung vor allem umwelt-, speziell klimapolitisch: Obwohl der weltweite Anteil des Flugverkehrs an den CO2-Emissionen derzeit lediglich drei bis fünf Prozent betrage, sei der Klimaeffekt wegen der durch die Abgase ausgelösten Bildung von Cirruswolken mindestens doppelt so hoch. Vor allem aber wachse der Flugverkehr so schnell wie kein anderer Wirtschaftszweig und drohe damit, „sämtliche CO2-Einsparungen im Straßenverkehr, der Wirtschaft, der Energiewirtschaft und den Haushalten“ aufzuzehren, so Hermann.

Ivo Bozic hält in seinem Artikel dagegen, dass es unsozial sei, das Fliegen mit einer solchen Abgabe teurer zu machen. Erst mit der Einführung von Billigflügen in Europa durch die Fluggesellschaft Ryanair im Jahr 1991 seien – glücklicherweise – Flugreisen für jeden und jede leistbar geworden. Als gesellschaftlichen Fortschritt feiert diese Entwicklung Bozic nicht nur, weil damit „hinsichtlich der Flugreisen fast alle Klassenschranken gefallen“ seien sondern auch, weil damit „eine Szene von Easyjetsettern zwischen Barcelona und London, New York und Istanbul, Paris und Amsterdam, Hongkong und Beirut die Welt mit jedem Wochenende ein bisschen kosmopolitischer macht“.

Ohne so richtig zu wissen, was Dialektik ist, stelle ich mir These und Antithese ungefähr so vor, wie die Positionen von Hermann und Bozic. Beide irgendwie richtig aber auch falsch.

Dem verkehrspolitischen Sprecher der Grünen auf der einen Seite ist durchaus zuzustimmen, wenn er meint, dass der Trend beim Luftverkehr in den Industrieländern nicht ungebrochen anhalten könne. Ich möchte das anhand einer Rechnung illustrieren, die Hermann zwar so nicht aufmacht, die aber zu aufzustellen durchaus Sinn macht: Was würde es bedeuten, wenn im Jahr 2050 alle Menschen zur von Bozic erwähnten „Szene der Easyjetsettern“ gehören würde, die zwischen den Weltstädten hin- und herpendeln? Diese Frage muss deshalb gestellt werden, weil gerade eine linke Position das Ziel eines gleichen Zugang zu Errungenschaften des modernen Lebens zur Grundlage haben muss.

Eine einfache Überschlagsrechnung, die von 9 Milliarden Menschen, einem Treibstoffverbrauch von technologisch optimistischen zwei Litern Kerosin pro Person und 100 km (derzeit gut vier Liter) sowie einer mit dem Flugzeug pro Person und Jahr zurückgelegten Strecke von insgesamt 20′000 km ausgeht (was bei Vielfliegern nicht schwer zu erreichen sein sollte), ergibt einen Kerosinverbrauch von 3′600 Milliarden Litern pro Jahr.

Derzeit liegt der globale Kerosinverbrauch bei etwa 300 Milliarden Litern pro Jahr, der Treibstoffverbrauch durch sämtliche Transportmittel etwa beim zehnfachen. In einem Szenario, in dem alle Menschen zu Vielfliegern werden, würde sich also der Kerosinverbrauch relativ zum gegenwärtigen um den Faktor 12 erhöhen und den derzeitigen Treibstoffverbrauch durch sämtliche Transportmittel übertreffen. In der vor uns stehenden historischen Phase, in der sowohl wegen der zunehmenden Erschöpfung der Erdölquellen als auch wegen des Klimawandels der Verbrauch von Erdöl deutlich zurückgehen muss, ist eine solche Entwicklung nicht wirklich denkbar.

Dennoch ist Bozic zuzustimmen, wenn er eine Flugverkehrsabgabe als unsozial kritisiert, weil damit tendenziell jene vom Fliegen ausgeschlossen würden, die wenig Geld zur Verfügung haben. Diese im Kern richtige Kritik gilt im Prinzip für jede Ökologisierung, die auf der Veränderung der Preise beruht, so auch die ökologische Steuerreform, die zu einer Umverteilung von Arm zu Reich führte. Das Gegenargument von Hermann, dass auch bei einer Verteuerung der Flugtickets um acht Euro sich jeder weiterhin den Flug nach Mallorca leisten könne, ist schwach. Denn wenn es so ist, dann ist die Abgabe genau aus jenem umweltpolitischem Grund, aus der sie von den Grünen gefordert wird, völliger Nonsens, denn sie hätte ja anscheinend gar keine Wirkung. Hat die Abgabe also einen umweltpolitischen Sinn, wie von Hermann argumentiert, dann hat sie letztlich genau das Ziel des Ausschlusses vom Fliegen über einen höheren Preis.

Doch wie diesem Dilemma zwischen Ökologie und Sozialem entkommen, das sich hier exemplarisch an der Debatte zwischen Hermann und Bozic zeigt? Die Linken hatten und haben darauf im Prinzip zwei Antworten: Ein kleinerer Teil bestreitet die ökologischen Grenzen, in diesem Fall Peak Oil oder den Klimawandel, ein größerer Teil setzt darauf, dass durch die fortschreitende Technologie der Gesamtreichtum der Gesellschaft immer weiter erhöht werden kann, so dass nach und nach auch schlechter gestellte Gruppen Zugang zu diesem Reichtum bekommen, wie das im Fall der Billigflüge für die Arbeiter der reicheren Industriestaaten der Fall war. Der ganz progressive Teil darunter schließlich erhofft sich, dass am Ende dieses Prozesses abnehmender Knappheit der Übergang zum Kommunismus erfolgen kann.

Die Auseinandersetzung mit der ersten Antwort (kein Problem da keine Ressourcenbegrenzung) erspare ich mir heute, die zweite Antwort (technologischer Fortschritt löst das Problem) ist nochmal unter die Lupe zu nehmen: Ist es wirklich denkbar, dass in einer postfossilen Welt alle zu Vielfliegern werden? Es gibt zwei technologische Optionen, die zum Betrieb der Flugzeuge fossile Treibstoffe potentiell ersetzen könnten. Erstens den Einsatz von Agrotreibstoffen und zweitens die Verwendung von Wasserstoff, der unter Einsatz von Strom durch Elektrolyse von Wasser erzeugt wird. Die Erzeugung der notwendigen Mengen Wasserstoff würde so gewaltige Mengen an elektrischer Energie benötigen, dass das kaum denkbar ist. Zudem würde Wasserstoff einen völligen Umbau der Flugzeugarchitektur und Infrastruktur erfordern, so dass diese Option kaum verfolgt wird.

Ganz anders sieht es aus beim Einsatz von Agrotreibstoffen. Treibstoffe aus Biomasse werden bereits heute von einigen Fluggesellschaften getestet und als realistische Option in den kommenden Jahrzehnten gehandelt. Der massive Preisanstieg bei Nahrungsmitteln im Jahr 2008, der ganz wesentlich durch Agrotreibstoffe verursacht wurde, zeigt jedoch, dass diese Option alles andere als unproblematisch ist. Die Verwendung von Agrotreibstoffen für den Flugverkehr würde die bereits existenten Landnutzungskonflikte zwischen dem Anbau von Nahrungsmittel- auf der einen und von Energiepflanzen auf der anderen Seite weiter verschärfen.

Einfach nur zu begrüßen, dass die Preise der Flugtickets weiter sinken und so immer mehr Leute das Flugzeug benutzen können greift also wesentlich zu kurz. Denn in den kommenden Jahrzehnten wird die Auseinandersetzung um die verbleibenden fossilen Ressourcen in verschärfter Weise auf dem ökonomischen und zwischenstaatlichen Feld stattfinden, zwischen Staaten, Einzelkapitalien und Arbeitern. Etwa mit der unangenehmen Konsequenz, dass mehr Flüge für den Einen unter Umständen weniger Nahrungsmittel für den Anderen bedeuten.

Eine emanzipatorische Position muss sich in einer solchen Situation knapper werdender Ressourcen also verändern. Sie muss die stofflichen Bedingungen der Ökonomie in den Blick nehmen und vor allem anerkennen, dass in einer solchen Phase die Frage der Verteilung jedenfalls nicht ausschließlich entschärft werden kann, indem die Produktion oder die Aktivitäten insgesamt ausgeweitet werden. Für den Flugverkehr könnte das heißen, zunächst anzuerkennen, dass es im Prinzip sinnvoll wäre, ihn auf solche Strecken zu begrenzen, die mit Bahn oder Bus nicht in, sagen wir, zwölf Stunden erreichbar sind. Und zwar aus sozialen Gründen für jede und jeden. Klar ist, dass dann gleichzeitig vor allem Bahnreisen wieder leistbar werden müssten. Darüber hinaus wird es langfristig, wenn ich mir diese Überlegung erlauben darf, unvermeidlich sein, längere Flugreisen in demokratischer Weise zu vergeben und so allen zu ermöglichen – was für manche im Vergleich zum Status Quo eine Einschränkung bedeuten dürfte.

Dem Aufschrei, dass dies nach kriegswirtschaftlicher Rationierung riecht, möchte ich entgegnen: Rationierung im Sinne einer „Zuteilung nur beschränkt vorhandener Güter oder Dienstleistungen“ (Wikipedia) ist allgegenwärtig. Nur läuft diese heute hinter unserem Rücken und zwar vor allem über zwei Institutionen, nämlich über Markt und Staat, auch die Familie könnte man noch nennen. In diesem Zusammenhang muss auch erwähnt werden, dass Bozic mit seiner Aussage, wonach „sich fast jede und jeder heute einen Trip ins Aus-, Saar- oder Sauerland leisten kann“ vergisst, dass weltweit nur etwa sieben Prozent der Weltbevölkerung jemals in einem Flugzeug saßen. Der Grund dafür dürfte in vielen Fällen nicht das fehlende Bedürfnis sein, sondern die Tatsache, dass die meisten Menschen für so etwas von den Rationierungsscheinen namens Geld zu wenig zugeteilt bekamen.

In einer Phase sich verknappender fossiler und und sonstiger Ressourcen wird sich eine solche über Markt und Staat regulierte Rationierung verschärfen. Das Ziel, allen Menschen Zugang zum gesellschaftlichen Reichtum zu verschaffen, bleibt damit zwar richtig, es muss aber vor dem Hintergrund des Wissens um die Begrenzung natürlicher Ressourcen ergänzt werden. Nämlich einerseits um die Kritik an der momentanen Regulierung der Aufteilung dieser Ressourcen über Markt und Staat, die ganz offenbar riesige Ungleichheiten schafft. Und andererseits um die Überlegung, wie, das heißt durch welche Institutionen eine solche Aufteilung anders und das heißt auf demokratische Weise bewerkstelligt werden könnte. Der Flugverkehr ist dafür nur ein Beispiel.