“Die bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft. Eine alternative zur Marktwirtschaft.” Von Alfred Fresin.

Fresin, Alfred (2005): Die bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft. Eine Alternative zur Marktwirtschaft, Frankfurt: Peter Lang Verlag, 304 Seiten, 29.90 Euro.
ISBN: 3-631-54446-4

Die heutige ökonomische Literatur beschäftigt sich damit, wie die Marktwirtschaft effektiver oder sozialer gestaltet werden kann. Völlig ausgeblendet bleibt dabei, wie eine Wirtschaft organisiert sein könnte, die nicht auf den marktwirtschaftlichen Prinzipien Markt, Preis, Lohnarbeit aufgebaut ist. Das zentrale Kapitel des Buches versucht folgende Frage zu beantworten: Wie könnte eine Ökonomie beschaffen sein, die ohne Geld auskommt und deren Zweck eine bedürfnisorientierte Versorgung ist? Die bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft (BVW) wird dargestellt und der Marktwirtschaft mit ihren Auswirkungen auf Wohlstand, Arbeit, Gesundheit und Umwelt gegenübergestellt. Ausführlich wird auch auf mögliche Gegenargumente bezüglich dieser alternativen Wirtschaft und Gesellschaft eingegangen. Ein eigenes Kapitel ist der Fragestellung gewidmet, wie ein Übergang von der Marktwirtschaft zu einer BVW vonstatten gehen könnte. Schließlich werden auch andere bekannte alternative Wirtschaftsmodelle und realisierte Alternativen, die einen ähnlichen Ausgangspunkt wie die BVW hatten, näher erläutert, und die Unterschiede zur BVW herausgearbeitet. (Verlagsinformation).

“Eine andere Welt ist möglich” – ein in der globalisierungskritischen Bewegung höchst beliebter Slogan. Doch auf die Frage, wie diese andere Welt aussehen könnte, bekommt man zumeist nur vage und reformistisch gefärbte Antworten. Alfred Fresin wagt sich in seinem Buch “Die bedürfnisorienterte Versorgungswirtschaft” sehr weit hinaus bei der Beantwortung der Frage, wie denn diese andere Welt aussehen könnte. Und es geht ihm tatsächlich um eine andere Welt, um eine Wirtschaftsweise ohne Markt und Geld, mit vergesellschafteten Betrieben, die aber nicht von einem Staat geführt werden (es gibt aber zentrale Institutionen in Form von Planungskomitees) . Das klingt zunächst einmal sehr spannend und regt zum Nachdenken und Diskutieren an. Bei einer ersten Durchsicht des Werkes lässt sich jedoch bereits rasch feststellen, dass einer der großen Schwachpunkte in der vorliegenden Version des Konzeptes der bedürfnisorienterten Versorgungswirtschaft (BVW) die mangelnde ökologische Sensibilität darstellt.

Ein technologisches Niveau wie momentan existent mit der Option weiterer Produktivitätsfortschritte wird offensichtlich als beliebig perpetuierbar angesehen. Mit Öko-Regionalismus hat der Autor wenig am Hut: “Schließlich lässt sich die BVW nicht ‘in kleinem Rahmen’, lokal begrenzt, praktizieren. Es sind möglichst viele Ressourcen miteinzubeziehen. [...] Dies setzt die Ressourcenbeschaffung und Arbeitsteilung im großen, idealerweise weltweiten Maßstab voraus.” (S. 63). Ähnliches gilt auch für das Niveau an Gebrauchsgütern, die den Einzelnen zugestanden, bzw. präziser formuliert, in der BVW zugeteilt werden: “Die Arbeitenden in der Allgemeinstufe haben die Möglichkeit, sich pro Haushalt ein Fahrzeug zu beschaffen” (S. 103). Automobilismus also für alle forever und vielleicht noch auf globalem Niveau?

Der Umstieg auf erneuerbare Energieformen sollte in der BVW leichter möglich sein als in der Marktwirtschaft, da das Wirtschaftlichkeitskalkül wegfällt, aber es wird quasi vorausgesetzt, dass ein vergleichbares oder sogar höheres Produktivitätsniveau wie jetzt, gepaart mit relativ geringem Dezentralisierungsgrad der Produktion, mit der Nutzung erneuerbarer Energieträger ermöglicht werden kann.

Letztlich reiht sich der Autor nahtlos in die Riege der zumeist marktwirtschaftlich orientierten Technologie-OptimistInnen ein (denen auch der Großteil der ProponentInnen der ökosozialen Marktwirtschaft angehört). Er reiht sich auch ein in die gängige Vorstellung vieler Linker, dass, wenn das Profitmotiv wegfiele, ein in ökologischer Hinsicht nachhaltiges Wirtschaften kein Problem sei. Das Wegfallen der Profitorientierung ist jedoch nur eine notwendige Voraussetzung für eine ökologisch nachhaltige Wirtschaft und Gesellschaft, aber bei weitem nicht hinreichend.

Immerhin, eine BVW hätte keinen inhärenten Wachstumszwang. Und welches Technologieniveau möglich ist, wäre Gegenstand gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse, die einen realistischen Blick auf das Wechselspiel von Ressourcenrestriktionen, Technologie und Verbrauchsniveau werfen sollten.

Resümee: Trotz der aufgezeigten Schwachstellen ist das Buch für alle, die sich für Wirtschafts- und Gesellschaftsformen jenseits der Marktwirtschaft interessieren, auf jeden Fall zu empfehlen. Neben der Darstellung der bedürfnisorientieren Versorgungswirtschaft selbst machen auch Analysen von in der Vergangenheit realisierten Versuchen alternativer Ökonomien das Buch zur wertvollen Lektüre. (Ernst Schriefl)

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