Vivir Bien – Gut leben! Brief aus Bolivien und Ecuador (I)

von Veronika Bennholdt-Thomsen

Seit 2007 und 2008 haben Bolivien und Ecuador neue Verfassungen, in denen “gut leben” (vivir bien) und das “Recht von Mutter Erde” (Madre Tierra, Madre Naturaleza, Pachamama) als Inhalte dieses neuen staatlichen Gesellschaftsvertrags festgeschrieben sind. Einige Wochen schon reise  ich nun durch Bolivien und bin sehr beeindruckt  von dem gesellschaftlichen  Prozess, dem “proceso social”, wie man hier  sagt, der auf allen Ebenen  spürbar stattfindet.

Die beiden zentralen Pfeiler des Vertrags haben ihre Wurzeln im Weltverständnis der indigenen Völker (“cosmovision”). Buen Vivir und der Respekt vor Pachamam  richten sich explizit gegen das Wachstumsparadigma der Entwicklungspolitik und besonders gegen die Mechanismen der neoliberalen Globalisierung. Wir brauchen weltweit ein neues zivilisatorisches Paradigma, sagt man, und uns hier in Bolivien gibt die nach wie vor bestehende nicht-okzidentale Orientierung der indigenen Völker (“pueblos originarios”) die Richtung an. Obwohl nicht der Anspruch erhoben wird, dass die Weltsicht der andinen und amazonischen Voelker auch fuer alle anderen die gleiche erkenntnisleitende Bedeutung haben sollte – man glaubt an die Vielfalt und hat  genug von der einzig seligmachenden, aufgezwungenen Entwicklungsvision – so ist man doch der Meinung, dass der Rest der Welt durchaus etwas davon lernen kann. Der Meinung bin ich auch.

Prinzipien einer anderen Weltanschauung

“Gut leben” heißt im Konkreten jeweils fuer die Leute im Hochland etwas anderes als fuer die im Tiefland, in der Stadt, fuer Junge, fuer Alte, fuer Leute auf dem Land. Aber es gibt einige grundlegende, alle verbindende Ueberzeugungen.

  • Die Menschen sind ein Teil des Ganzen des Lebensprozesses. Weder stehen sie im Zentrum (Anthropozentrismus), noch koennen sie die Herrschaft ueber die anderen Wesen und Naturgegebenheiten beanspruchen.
  • Die Erde ist ein Lebewesen und ihre Unversehrtheit ist ein Recht, genauso wie es das Menschenrecht gibt.
  • Es gibt nicht nur eine einzige Wahrheit, sondern vielfaeltige Wahrheiten, abhaengig vom jeweiligen gesellschaftlichen und oekologischen Umfeld. Damit wendet man sich gegen das Modelldenken, den Monokulturalismus sowie den Monotheismus und spricht sich fuer die Vielfalt der Kulturen und der Naturgegebenheiten aus (siehe die Biodiversitaet).
  • Die Menschen denken sich nicht als Individuen sondern als Gemeinschaften; zumindest  bemuehen sich auch die anderen, es darin den Indigenen in den ‘comunidades’ gleichzutun.

Das sind große Worte, mag man denken, auch dass man Aehnliches schon mal gehoert hat. Und: Wie wollen die das wohl umsetzen? Tatsaechlich weisen westliche BeobachterInnen gerne auf die Ungereimtheiten in den Verfassungen sowie die Widersprueche zur politischen Praxis hin, nach dem Motto: Sowas kann gar nicht funktionieren. M. E. wirft diese Reaktion mehr Licht auf die Psyche und die Denke von uns Westlern als auf das, was in Bolivien – und auch in Ecuador, wo ich inzwischen angekommen bin – vor sich geht. Womoeglich schimmert da die weiße Ueberheblichkeit durch? Oder der Mono-Anspruch linken Avantgardedenkens? Oder schlicht der eingefleischte Glaube an die Entwicklung und den Fortschritt, was im Endeffekt alles dasselbe ist.

Das absolut Spannende aber hier in den Anden ist, dass wirklich alle Menschen die Fragen diskutieren und fuer sich hin- und herwaelzen. Ich habe den Eindruck, einem Volk von PhilosophInnen zu begegnen. Beeindruckend ist dabei, wie gelaeufig jede und jeder tiefschuerfende Gedanken aeußert, mit welch ungetruebtem Selbstverstaendnis, mit eigenwilligen, bildreichen Worten. Die Debatte wird in gar keiner Weise irgendwelchen ExpertInnen ueberlassen.

Bedeutung der Sprache

Die breite Beteiligung wird durch die Praesenz der einheimischen indigenen Sprachen gestaerkt. Die Schluesselbegriffe des neuen Verfassungs- und Gesellschaftsvertrages stammen aus dem Quechua (Sumak Kawsay), Aymara (Suma Qamaña), dem Guarani (tekoporâ) und werden auch in den vielen anderen einheimischen Sprachen der weniger volkreichen Gruppen ausgedrueckt. In Bolivien gilt ueber die Haelfte der Bevoelkerung als indigen, in Ecuador sind es knapp ein Viertel. Dadurch dass die Verfassungen der beiden Laender die Weltanschauung(en) der originaeren Voelker als richtungsweisend anerkennen, sind diese sozusagen zum historischen Subjekt des Wandlungsprozesses geworden. Sie uebernehmen diese Aufgabe mit großem Verantwortungsbewusstsein. Eingelaeutet hat den Prozess die breite Rekrutierung fuer die verfassungsgebende Versammlung. Alle Gruppen der Gesellschaft wurden aufgefordert, VertreterInnen in die Constituyente zu entsenden. Das gelang in Bolivien noch besser als in Ecuador. Nichtsdestotrotz war die Empoerung mancher weißer und mestizischer Bildungsbuerger mal wieder gross, als indigene Gemeinden ihre traditionellen Autoritaeten entsandten, manche erstaunlich jung, viele weiblich und die meisten in der oralen Tradition ihrer indigenen Gruppe erzogen. Gerade sie aber haben, gestaerkt durch indigene und mestizische Intellektuelle die entscheidenden Akzente gesetzt.

Die Welle dieser quasi plebiszitaeren neuen Verfassungen hatte sich von Venezuelas Praesident Hugo Chavez ausgehend, nach Ecuador und Bolivien fortgesetzt. Es spricht allerdings einiges dafuer, dass die Regierenden anders als die Mehrheit der BuergerInnen den Verfassungsprozess weit mehr vom Staat her gedacht hatten, sozusagen als Bestaetigung ihrer Machtbasis. Die inhaltliche Aussage der indigenen Weltanschauung aber ist ‘down to earth’ und schließt ‘top down’ Methoden  aus.

Sumak Kawsay / Suma Qamaña meinen die konkreten Ebenen des Lebens: essen, feiern, frisches Wasser, usw. Sie sind in einem sehr elementaren Sinne materiell, der weit entfernt ist vom so genannten Materialismus des Geldes. Denn in Wirklichkeit ist nichts materiell unkonkreter und abstrakter als das Geld. In den Anden weiß man das. “Geld kann man nicht essen”, sagen Indígenas vom Titicacasee, die sich gegen den Bergbau in ihrem Gebiet zur Wehr setzen, “der nur Geld bringt, aber kein gutes Leben”(http://vimeo.com/29369576). “Das Geld ist eine perverse menschliche Erfindung”, sagt Oswaldo, ein Cayambi aus dem Hochland von Ecuador. “Jetzt fliegen sie zum Mond, um dort Rohstoffe ausbeuten zu koennen. Aber der Mond gehoert niemandem, wie kann man daraus Geld machen? Das Geldsystem ueberrollt alles wie eine riesige Gehirnwaesche-Maschine”. “Sumak Qamaña aber ist ganz alltaeglich, unmittelbar gemeint”, sagt Javier Medina aus La Paz, “und hoechst spirituell zugleich, naemlich in einem animistischen Sinn, als der Geist in den Dingen, Elementen, Pflanzen, Tieren, Wolken und den menschlichen Koerpern.”

Anders leben im 21. Jahrhundert

Dass die indigenen Gemeinden und Organisationen alles andere als rueckwaertsgewandt von einer mystischen Vergangenheit traeumen, wie manche meinen, sondern fest in der Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts verankert sind, zeigt ihr politischer Realitaetssinn. Sie haben dafuer gesorgt, dass ihre Rechte grundgesetzlich festgeschrieben werden: Bolivien wie auch Ecuador wurden durch die Verfassungen zu “plurinationalen” und “plurikulturellen” Staaten erklaert, die den indigenen Voelkern eigene Territorialitaet, eigene Gerichtsbarkeit und Entfaltung der eigenen Kulturen (Sprache, Kommunikationsmittel) zusprechen. Wie ernst es ihnen mit der Verwirklichung dieser Rechte ist, beweisen die amazonischen Voelker aus einer Region des Tieflandes von Bolivien gerade. Sie ziehen mit einem Protestmarsch gegen den Bau einer Straße durch ihr Territorium – zu allem Ueberfluss ist es auch noch ein zum Naturpark erklaertes Gebiet (TIPNIS) – gen La Paz. Die Argumente gegen die Straße sind zum einen rechtlicher Art – die indigene Bevoelkerung ist nicht konsultiert worden, wie die Verfassung es vorschreibt. Zum anderen sind sie oekologischer und oekonomischer Art – man wehrt sich gegen die weitere monokulturelle landwirtschaftliche Kolonisierung (Kokaanbau) des indigenen Territoriums. Und halb, wenn nicht ganz Bolivien gibt ihnen Recht: “Wir stuetzen unsere indigenen Brueder und  Schwestern.”

In Ecuador protestierten die indigenen Organisationen 2006 gegen den geplanten Freihandelsvertrag suedamerikanischer Staaten, einschließlich Ecuadors, mit den USA (ALCA/TLC). Sie marschierten zu Tausenden nach Quito und blockierten Straßen und die Zugaenge zu verschiedenen Staedten. Die Argumente waren u.a.: Wir lassen nicht zu, dass unsere Territorien mit hybridem und GMO-Saatgut verseucht werden und dass unsere Handwerkserzeugnisse von importiertem Billigramsch verdraengt werden. Benjamin Inuca, einer der aktivsten Streiter gegen den Freihandelsvertrag, sagt, dass die dem Protest voraufgehende Diskussion ueber die Werte der eigenen materiellen und spirituellen Kultur in den indigenen Gemeinschaften fuer die Selbtbesinnung entscheidend war. “Wir haben analysiert, was wir haben und nicht, was wir nicht haben, wie es die Entwicklungsorganisationen tun, die uns zu Armen erklaeren”. So tauchte in den Diskussionen immer wieder die Beobachtung auf, dass die Alten wesentlich gesuender waren, als die juengere Generation, die angeblich dank der internationalen und nationalen Entwicklungsleistungen weniger arm ist. “Die Bedeutung der eigenstaendigen Versorgung mit Lebensmitteln von unseren Feldern und aus unserem Saatgut wurde uns bewusst. Das Essen war absolut zentral in unserer Diskussion”.

Gedanken und Bilder, die in mir aufsteigen …….

Schon laenger sprechen einige von uns vom Ziel des ¨guten Lebens¨ anstelle der wachstumsoekonomischen Fixierung unserer Gesellschaft. Dennoch enthaelt der Begriff laengst nicht die magische Kraft, die fuer die Leute in Bolivien und Ecuador von Sumak Kawsay und Suma Qamaña ausgeht. Uns in Europa ist die kulturelle, d.h. spirituelle wie materielle Verbindung zum großen Ganzen der Erde verloren gegangen. Ausrufe wie “eine andere Welt ist moeglich” oder Begriffe wie “Postwachstumsoekonomie” sind zwar richtig, aber mit so viel kalkulierendem Rationalismus beladen, dass sie kaum unsere Herzen wirklich hoeher schlagen lassen. Da beruehrt der Ausdruck “indignados” schon eher den ganzen Menschen und seine menschliche Integritaet, denn er enthaelt ein Bild von der Wuerde – dignidad – der Menschen, die durch die Reduzierung auf geldkalkulierende Idioten verletzt wird, und zwar sowohl die Wuerde derjenigen, die glauben davon zu profitieren, als auch derjenigen, die politisch dazu gezwungen werden sollen, an der Idiotie mitzuwirken. Auch in uns steckt Anderes! Vermutlich taete uns ebenfalls ein gesellschaftlicher Diskussionsprozess gut, der die Frage nach dem Sinn des Lebens auf diesem Planeten in den Mittelpunkt stellt. Das Geld kann es nicht sein.

 

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2 Responses to Vivir Bien – Gut leben! Brief aus Bolivien und Ecuador (I)

  1. Gerd Schnepel says:

    “… in Ecuador angekommen”. Da sind wir gespannt. Und wohin geht es danach? Falls nach Nicaragua, sind wir noch gespannter auf das Ergebnis. Oder komm’ doch vorbei!

    Gerd Schnepel, Nueva Guinea, Región Autónoma Atlántico Sur, Nicaragua

  2. Ach so, wer wir sind:

    FJAC – Fundación Jan Amos Comenius – Educación y Ecología
    emJAC – escuela montessori Jan Amos Comenius
    Fundación La Esperanzita – Escuela Campesina de Agricultura Ecológica en el Trópico Húmedo
    Sano y Salvo – Safe and Sound, Primera Asociación Campesina de Cultura y Producción Ecológicas en la Región Autónoma del Atlántico Sur

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