Nymph()maniac: If you have wings to fly, why not fly?

von Andreas Exner

Der neue Lars van Trier überrascht. Zuerst einmal weil er lustig ist. Zweitens, weil er unter den Erwartungen bleibt. Vielleicht löst der zweite Teil des mit pornographischen Szenen durchsetzten Streifens noch ein, was der erste bloß fragmentarisch in den Zuschauraum projiziert, als Andeutung einer möglichen Botschaft, die unklar bleibt.

Die spannendste Frage im ersten Teil des Films ist die nach dem Wesen der Liebe. Sie wird offen nicht gestellt, vielmehr implizit. Die Protagonistin Joe erzählt Herrn Seligman von ihrer Zeit in einer jungen Frauengang, die dem Kultus der “großen Vulva” huldigt und dazu den im Mittelalter verteufelten Tritonus intoniert. Niemals wird mit einem Mann ein zweites Mal im Bett verkehrt, so die Regel. Wozu das Ganze? Joe erklärt Seligman, dass sie gegen die Liebe rebellierten. Nur kurz sieht man dazu eine Szene, in der die Frauen die Scheibe eines Schaufensters einschlagen, in dem offenbar Backwerk oder ähnliches in Herzform ausgestellt steht – ich erinnere es aus dem Kinosaal heraus nicht exakt; jedenfalls ein Symbol der versüßlichten Ideologisierung von Liebe.

Man denkt unwillkürlich an bestimmte Strömungen des Feminismus Anfang der 1970er Jahre.

Die zweite, in meinen Augen beste Szene des ersten Teils handelt von dem Bedeutungsfeld, das der Diskurs der Liebe aufspannt, und dem eigentümlichen kulturellen Charakter der damit verbundenen Gefühle.

Joe hat ein erwartungsgemäß anspruchsvolles Sexleben. Mehrere Männer besuchen sie allabendlich hintereinander. Das will ordentlich geplant sein, damit sich die offenbar mononormativ geprägten Liebhaber auch nicht in die Quere kommen. Es ist ein Herr zu sehen, der in Joes Küche sitzt, gutbürgerlich und deutlich älter als Joe. Der Herr erklärt ihr seine Liebe. Doch Joe denkt schon an den nächsten und überlegt, wie sie den allzu anhänglichen Bettgenossen nun am schnellsten hinausbegleiten könnte. Sie liebe ihn auch, sagt Joe. Doch er würde sich doch niemals von seiner Frau trennen können. Keine Chance also. Der Herr verlässt die Wohnung.

Nach einer kurzen Verschnaufpause taucht er wieder auf und erklärt freudestrahlend, er habe sich soeben von seiner Frau getrennt, nun sei er ganz für sie da. Joe wirkt etwas perplex ob dieser Wendung, rückt doch der Anschlussliebhaber immer näher. Da drängt auch schon die soeben Verlassene mit drei Buben in die Wohnung, tränenüberströmt und voll beißendem Sarkasmus. Die Kinder sollen das Bett der “Hurerei” ansehen, ja, hier hätte der Vater seinen Spaß gehabt, aber den müsse man ihm doch gönnen… und so weiter eine ganze Zeit lang, während derer Joe nur ausdruckslos dem Verhalten von Frau, Mann und Kindern folgt. Schließlich taucht der erwartete Liebhaber auf und Joe meint zum Herrn, sie liebe ihn nicht. Die Frau findet, nun müsse sie aber gehen, bevor alles völlig skurril werde.

Das war es natürlich schon längst und die Zuschauerinnen und Zuschauer bekommen hier auf eindrucksvolle Weise vorgeführt, dass Joe zu dieser Zeit das Bedeutungsfeld der Liebe nicht anerkennt oder versteht. Die Gebärden, Worte und Gefühle der Frau und ihres Ehemannes kann sie daher nicht begreifen. Es entwickelt sich kein Konflikt, weil sie schlicht vollkommen außerhalb dessen steht, was alle anderen Liebe nennen.

Die Liebe erscheint hier als sozialer Zwang, den der Film in Frage stellt – ein Leben ohne Liebe als Tabu, das es zu brechen gilt. Muss denn Liebe sein? Und wenn ja, warum? Ergibt sich das, was Liebe ist oder sein kann, vielleicht aus ihrer Negation, die nur der Film darzustellen vermag?

Doch Lars van Trier bleibt dieser Fragestellung keineswegs treu, sondern diese nur Fragment.

Joe liebt ja doch. Und erfährt noch dazu ganz klassisch, was eins dabei eben so erfährt: die Selbstaufgabe, das mitunter auch durchaus schreckliche Leiden daran; und später dann die Erfüllung. Eine Freundin aus der jungen Frauengang hatte ihr es ja schon ins Ohr geflüstert, wie eine Verräterin: die Liebe ist die geheime Zutat zum Sex, die erst alles in die höchsten Höhen treibt. So also letztlich auch für Joe. Eine Zeitlang zumindest.

Denn der erste Teil endet damit, dass Joe ihrem Geliebten im Bett erschrocken sagt, sie fühle plötzlich nichts mehr. Die Vorschau auf den zweiten Teil lässt befürchten, dass der Regisseur ein eher vorhersehbares Muster zeigen wird, wonach auf die Gefühllosigkeit der Nymphomanin der notwendige Sprung in die Welt des Sado-Maso folgt, so als müsse die Zartheit des “normalen” Sex mangels nervlichem Erregungspotential, das abstumpft, wenn nymphomanisch ausgereizt, vom Schmerz wie physiologisch vorgezeichnet abgelöst werden.

Während also in einzelnen Abschnitten die spannende Frage nach dem “Was” und “Wie” der Liebe auftaucht und die Rebellion gegen die Liebe als eine zumindest filmisch mögliche Option skizziert wird, welche die ganze Last oder Architektur, das Schwerefeld oder die Schwingen der Kultur der Liebe, die die westlichen Gesellschaften zu ihrem Glück oder Unglück prägt, für kleine Momente fühlbar macht, sind die pornographischen Szenenfolgen dagegen in keiner Weise (mehr) skandalös. Sie sind in den letzten Jahren immer mehr von einem Stilmittel und einer Transgression zu einer fast schon gewohnten Form der Darstellung von Sexualität auch im cineastisch anspruchsvollen Kino geworden.

Was angeblich vor der Premiere noch für Aufregung gesorgt hat, kann man nur als eine künstlich inszenierte im Sinn eines Werbeeffekts verstehen. Viel gewichtiger scheint die Frage, was die Pornographisierung von Sex im Film eigentlich bedeutet. Verkoppelt sich damit die Idee einer Authentizität von Sexdarstellungen? Das wäre wohl kaum plausibel, denn was meint denn schon authentisch? Zudem: Es ist nicht allein an mir zu behaupten, dass das Faszinierende am Sex – nicht richtig gesagt, aber sprachlich so sehr eingeschliffen: “im Kopf” stattfindet und nicht schon in bestimmten Handlungen begründet liegt.

Als Reflexion darüber, was Pornographie eigentlich ist oder bedeutet, kann man Nymphomaniac aber auch nicht wirklich verstehen. Dazu verbleibt der Streifen zu sehr in dem Schema einer Heldinnenerzählung, die von Reifung berichten will und nicht eine bestimmte Form von Darstellung thematisiert, sondern die Liebes- und Leidensgeschichte von Joe.

Auffällig dabei ist indes, dass die Biographie der Protagonistin keinerlei Anhaltspunkt für die Entwicklung ihres ungewöhnlichen Begehrens bereit hält. Das ist vielleicht der zweite interessante Aspekt des Films. Wo eins inzwischen fast unwillkürlich psychoanalytisch denkt und das Wesen eines Menschen – zumal im Film – mit Ereignissen in seinem früheren Leben in Verbindung bringt, verschließt sich Nymphomaniac dieser Deutungsschablone, obwohl die Kindheit von Joe immer wieder Thema wird und eine solche suggerieren würde.

Der dritte interessante Punkt des Films ist – allen Einwänden zum Trotz – daher vielleicht auch noch die eigenwillige Deutung, die Joe ihrem Sexleben gibt. Denn sie konstruiert dieses und sich selbst im Narrativ der Schuld, das, Herr Seligman bemerkt es auch, auf destruktive Weise anachronistisch wirkt. Warum auch sollte Joe gerade den fragwürdigsten Teil der Religion nach dem Tod Gottes beibehalten? Aber auch dafür bietet der Film im ersten Teil keine Antwort und Joes Sichtweise bleibt folglich unerklärlich – also warten wir mal auf den zweiten…

…und erinnern uns bis dahin eines schönen Satzes, den Herr Seligman Joes Selbstvorwürfen entgegen hält, und der sich beleibe nicht nur oder nicht notwendig auf die Nymphomanie beziehen muss:

If you have wings to fly, why not fly?

 

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