„Naturschutz ist Krieg“. Zu einer Oscar-nominierten Verdrehung von Kämpfen um Land

von Stephan Hochleithner, Februar 2015

„Conservation is War“, Naturschutz ist Krieg, behauptet der martialisch klingende Untertitel des Dokumentarfilms „Virunga, the movie“, der nun für einen Oscar in seiner Genrekategorie nominiert ist. Bildgewaltig erzählt der britische Regisseur Orlando von Einsiedel die Geschichte der Ranger des Virunga Nationalparks im krisengeschüttelten Osten der Demokratischen Republik Kongo: Traumhafte Landschaften wechseln sich ab mit gefühlsgeladenen Szenen der berühmten und bedrohten Berggorillas. Und mit rasant geschnittenen Bildern von Feuergefechten, waffenstarrenden Gruppen Uniformierter, Wilderer und Ranger. Eine besondere Rolle spielt unter anderen der belgische Direktor des Parks, Emmanuel DeMerode, der im Film wie in der Realität viel riskiert um zu verhindern, dass das britische Unternehmen SOCO, bekannt für seinen Einsatz in schwierigen Situationen, im Park nach Öl bohrt. Letztlich wurde er nach Ende der Dreharbeiten sogar Opfer eines Attentats, das er schwer verletzt überlebte.

Der Film stellt die Ranger als Helden dar, als Kämpfer für die Erhaltung eines scheinbar unberührten und freilich wunderschönen Stücks Natur, das von der UNESCO sogar zum Weltnaturerbe erhoben wurde. Dass dies in einer Region wie dem Ostkongo eine enorme Herausforderung darstellt, steht außer Frage. Seit etwa 20 Jahren ist die Provinz Nord-Kivu, in der sich der Park befindet, von teils unfassbar grausamen gewaltsamen Konflikten geprägt, die noch immer anhalten und die Vereinten Nationen sogar dazu bewegt haben, zum ersten Mal in ihrer Geschichte ein Offensivmandat zu vergeben. Bewaffnete Gruppen, von denen es allein in Nord-Kivu etwa 25 gibt, schätzen die dichten Wälder des Parks als Rückzugsgebiete und auch Wilderer sind teils schwer bewaffnet. In diesem Kontext scheint es gerechtfertigt, dass die Parkwärter militärische Ausbildung und Ausrüstung erhalten, und gegen Personen, die den Park unberechtigt betreten, recht grob vorgehen.

Da die Demokratische Republik Kongo zu den Staaten mit dem geringsten BIP der Welt gehört, ist es auch nicht verwunderlich, dass die kongolesische Naturschutzbehörde, ICCN, und insbesondere das Management des Virunga Nationalparks auf Spenden angewiesen sind, um ihre Mission zu erfüllen. Die Naturschutzorganisation WWF beteiligt sich zum Beispiel mit Projekten und ruft zu Spenden auf, um die Ausbildung von Schutzgebietspersonal und Anti-Wilderer-Einheiten zu finanzieren. Die größte Spenderin an den Park ist die Europäische Kommission, aus deren Mitteln auch die Ausrüstung der Ranger finanziert wird – abgesehen von den Waffen, um die muss sich der kongolesische Staat kümmern.

Was sowohl der Dokumentarfilm als auch die allgemeine mediale Berichterstattung jedoch vernachlässigen, ist, dass die bewaffneten Konflikte nicht nur das Naturschutzgebiet bedrohen. Leidtragende sind vor allem jene Menschen, die seit 20 Jahren mit dem Krieg leben müssen. Als Resultat der Gewalt befinden sich momentan etwa 2,5 Millionen Menschen auf der Flucht, eine Million davon allein in Nord-Kivu. Die meisten der gewaltsam Vertriebenen suchen Zuflucht innerhalb der Grenzen der DR Congo, werden zu Binnenvertriebenen, und nur ein kleiner Teil von Ihnen lässt sich in klassischen Flüchtlingslagern nieder. Das Gros der Internally Displaced Persons (IDPs) kommt in bestehenden Gemeinschaften unter, bei Familie, Freunden, oder im Rahmen eines Mietverhältnisses. Sie müssen sich nicht nur selbst versorgen, sondern auch versuchen ihr Leben über bloßes Überleben hinaus zu gestalten, denn die Chancen auf Rückkehr sind relativ gering.

Diese Situation führt zu einer äußert prekären Lage. IDPs suchen oft die Nähe zu Räumen, die relative Sicherheit und Zugang zu Möglichkeiten versprechen, zu Märkten und Arbeitsplätzen, aber vor allem zu fruchtbarem Land. Solche Räume sind beispielsweise größere Ansiedlungen, Städte und Camps der staatlichen Armee. Aber auch und in manchen Regionen besonders der Virunga Nationalpark, dessen reichhaltiger Boden reiche Ernte und dessen Wälder Holz zur Herstellung von lebenswichtiger Holzkohle bieten. So stellen auch die Flüchtlinge eine Bedrohung für das Naturschutzgebiet dar, und die Ranger des Parks gehen auch hier nicht gerade zimperlich vor.

Immer wieder tauchen Berichte über Zusammenstöße zwischen Zivilbevölkerung und Parkwärtern auf, den Rangern wird teils grobe Missachtung der Menschenrechte vorgeworfen. Manche Vorfälle sind genau dokumentiert, auch von den in der Region stationierten UN Truppen der MONUSCO Mission. So etwa das Niederbrennen und die Vertreibung der Bewohnerinnen und Bewohner einer Siedlung auf umstrittenem Parkland am Rande der Stadt Lubiriha im Jahr 2013. Andere Berichte, wie Gruppenvergewaltigungen und Hinrichtungen durch Ranger nahe der Park-Enklave Kavinyonge stammen von Betroffenen.

Die ICCN und mit ihr assoziierte Organisationen versuchen zwar auch mithilfe verschiedener gewaltloser Maßnahmen, wie etwa Projekten zur Erschließung alternativer Ressourcen außerhalb des Parks, Sensibilisierungsprogrammen, und der Errichtung kleiner hydroelektrischer Kraftwerke, die an den Grenzen des Parks lebende Bevölkerung davon zu überzeugen, dass Naturschutz Sinn macht. Doch diese Projekte zeigen nur begrenzt Wirkung, vor allem im Angesicht der drängenden Not der Binnenvertriebenen. Insbesondere Argumente, die zu überzeugen versuchen, dass auch die Bevölkerung von der Existenz des Parks profitiere, greifen nicht. Denn Tourismus findet lediglich marginal und auch hauptsächlich nur im Süden des etwa 8.000 km2 großen Parks statt, und die hydroelektrischen Kraftwerke liefern im Moment nur wenig bis keinen Strom. Dass der Virunga Nationalpark „die einzige Hoffnung der Region“ sei, wie es im Film heißt, ist schon mit Blick auf das kolportierte ökonomische Potential mehr als nur fragwürdig.

Das Verhältnis der Bevölkerung zum Nationalpark hat sich zweifellos verändert. In der Vergangenheit betrachteten die Anwohnenden den Schutz des Gebietes durchaus als ihr eigenes Anliegen und kooperierten mit der Parkverwaltung, auch gegen Wilderer. Zwar nutzten sie Ressourcen innerhalb des Parks, waren dabei jedoch darauf bedacht die Biodiversität nicht zu stören oder gar zu zerstören. Die Jahrzehnte des Krieges haben diese Situation verändert. Die große Zahl an IDPs trägt sicherlich dazu bei, dass die Menschen immer weniger Sinn hinter der Konservierung von Natur im bestehenden Ausmaß sehen. Und die strikte und teils gewaltsame Durchsetzung der Undurchdringlichkeit der Parkgrenzen durch die ICCN sorgt nicht gerade für mehr Verständnis.

Der Virunga Nationalpark ist zweifelsohne schützenswert. Zwar ist die Natur dort nicht unberührt, denn zur Zeit seiner Gründung unter belgischer Kolonialherrschaft 1925 und im Rahmen seiner sukzessiven Erweiterung im Laufe des 20. Jahrhunderts musste zuerst ansässige Bevölkerung umgesiedelt werden, was teils durch Landkäufe, teils aber auch durch Zwangsumsiedlungen aufgrund dubioser Seuchenausbrüche oder durch schlichte Vertreibung geschah. Doch heute findet sich innerhalb der Parkgrenzen eine reiche Vielfalt an bedrohter Flora und Fauna, für die Berggorillas nur das möglicherweise bekannteste Beispiel sind.

Das (zumindest vorläufige) Verhindern von Ölbohrungen war in dieser Hinsicht ein großer Erfolg für die ICCN und insbesondere für DeMerode, der sich damit auch gegen den kongolesischen Staat stellte, denn dieser hatte ja immerhin die Konzession an SOCO vergeben. Wie schwierig dieser Erfolg zu erreichen war und auch wie groß die Leistungen zum Erhalt der bedrohten Arten sind, stellt der Dokumentarfilm eindrücklich dar. Kongolesen oder Kongolesinnen kommen allerdings kaum zu Wort und stehen darüber hinaus meist offensichtlich unter DeMerodes Befehl. Das befördert durchaus gefährliche Vorstellungen von einem hilflosen Afrika, gefangen in den Klauen räuberischer Willkür, nur zu retten von Helden und Heldinnen aus dem globalen Norden.

Die Nominierung des Films für einen Academy Award und auch der Einstieg von Leonardo DiCaprio als Executive Producer in einer späten Produktionsphase tragen sicherlich nicht nur zur Bekanntheit der Dokumentation, sondern auch zu erhöhter (vor allem finanzieller) Unterstützung des Parks selbst bei. Offen bleibt jedoch, ob der Plot des Films auch Aufmerksamkeit für die generellen Probleme der Region abseits von Naturschutz, insbesondere für die Situation der Millionen von Binnenvertriebenen zulässt. Denn was der Film nicht ist, ist eine kritische Auseinandersetzung mit der Vorgehensweise der Ranger, deren Ausbildung vor allem aus Europa finanziert wird. Es mag sein, dass Naturschutz im Osten der DR Kongo Krieg ist, doch er ist nicht nur Krieg gegen Wilderer und marodierende bewaffnete Gruppen. Der Krieg, den die ICCN führt, richtet sich auch gegen Teile der ohnehin bereits stark bedrängten Zivilbevölkerung.

Stephan Hochleithner ist Research Assistant an der Universität Zürich und schreibt derzeit Dissertation in politischer Geographie. Seine Feldforschung machte er in der Provinz Nord-Kivu im Osten des Kongo. Er ist Mitarbeiter im Projekt “Green Urban Commons” am Inst. f. Politikwissenschaft der Universität Wien.

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