In einem Weblog-Eintrag von Julian wurde ich auf ein Schmankerl aufmerksam: Auf der Website der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erklärt uns Karen Horn, Leiterin des Hauptstadtbüros des Instituts der deutschen Wirtschaft, die Welt. Zur Frage: “Warum ist das Wachstum grenzenlos?”

"Es wächst und gedeiht"

Dieses Pflänzchen sollte offenbar zur Illustration dienen, dass Wachstum nichts so schlechtes sein kann. Denn “es wächst und gedeiht”, wie unter dem Bild steht. Obwohl Gesellschaften natürlich etwas anderes sind als Pflanzen, hätte Karen beim Anblick dieses Bildes auf Fragen kommen können, die sie auch beim Thema Wirtschaftswachstum auf die richtige Fährte geführt hätten. Zum Beispiel: Was macht die Pflanze, wenn die Nährstoffe im Boden aufgebraucht sind. Oder: Ist das Wachstum einer Pflanze wirklich grenzenlos? Lassen wir uns also von Karen erklären, warum das (Wirtschafts-)Wachstum grenzenlos ist:

Warum reden eigentlich Politiker und Ökonomen immer von Wirtschaftswachstum? Haben wir nicht schon genug Wohlstand, muss es denn immer mehr sein?

Ja, warum eigentlich? Klarerweise deshalb:

Wir alle wünschen uns mehr, streben nach mehr. Mehr Arbeitsplatzsicherheit, einen höheren Lebensstandard, mehr Geld. Oder zumindest mehr Zeit – was bei Lichte betrachtet auch nichts anderes bedeutet als mehr Geld.

Mehr Zeit bedeutet mehr Geld? Anscheinend mache ich etwas falsch, wenn bei mir der Verzicht auf den Verkauf meiner Lebenszeit dazu führt, dass am Ende weniger in der Kasse ist. Vielleicht hab ich’s aber auch nur noch nie bei dem Lichte betrachtet, das in Karens Welt leuchtet.

“Wir alle streben nach mehr”? Wen meint Karen damit? Es gibt in meinem Leben einige Dinge, mit denen ich nicht gerade zufrieden bin. Zum Beispiel, dass ich mich morgen für acht Euro pro Stunde verdingen muss. Aber mit dem, was ich habe, bin ich ganz zufrieden.

Tatsächlich gibt es natürlich genügend Menschen, bei denen das anders aussieht, zum Beispiel dem durchschnittlichen Afrikaner. Viele Menschen brauchen mehr. Vielleicht nicht mehr Geld aber mehr Nahrung, mehr Kleidung und eine bessere medizinische Versorgung. Bei Karens Licht betrachtet bedeutet das natürlich auch nichts anderes als mehr Geld, das hab ich inzwischen begriffen. Doch gibt’s da nicht eine Grenze? So ca. nach dem zweiten Porsche? Das kann nur ein verkappter Moralist wie ich fragen. Die wahre Antwort darauf gibt uns die Philosophie:

Aber zurück zu den Bedürfnissen. Wenn also tatsächlich Wirtschaftswachstum nötig ist, solange unsere Bedürfnisse nicht gedeckt sind – dann fragt sich: Wo ist die Grenze? Wann werden wir endlich zufrieden sein? Die philosophische Antwort darauf muss weiter lauten: nie. Das hat nichts mit unendlicher Gier oder frivolen Wünschen zu tun, wie verkappte Moralisten vermuten könnten, sondern gleichsam damit, dass die Menschheit aus dem Paradies vertrieben worden ist. Ökonomische Knappheit ist nun einmal eine grundlegende Bedingung unserer menschlichen Existenz. Die Kennziffer des weltwirtschaftlichen Wachstums zeigt folglich bloß an, wie gut wir mit der Knappheit umgehen. Überwinden werden wir die Knappheit freilich nie, denn unsere Mittel sind endlich.

Versuchen wir also mal, das bisher gelernte zusammenzufassen. Wir alle wollen ständig mehr.
Zufrieden mit dem, was wir haben, sind wir nie. Das sagt uns ja schon die Philosophie. Dass wir aber – das hab ich ja inzwischen gelernt – ständig das Gefühl der Knappheit haben, liegt nicht etwa in unseren Köpfen, sondern an unserer Umwelt. Irgendwie krieg ich das noch nicht in meinen Kopf rein.

Ich muss wohl schwer von Begriff sein, wenn mir folgende Frage in den Sinn kommt: Welcher Idiot hat sich bloß ausgedacht, dass die Bedürfnisse unendlich sind? Ein niemals gestillter Hunger nach mehr durchdringt anscheinend den Menschen. In der “Anleitung zum Unglücklichsein” von Watzlawick ist das eine wesentliche Anweisung. Unglück als Grundverfassung des Menschen?

Und doch: Muss nicht auch der notorisch unzufriedene Mensch einsehen, dass er nicht immer mehr haben kann? Dass die natürlichen Ressourcen begrenzt sind? Wer das glaubt, hat wieder gar nichts abgecheckt und ist bestimmt wieder ein verkappter Moralist, denn:

Die Bevölkerung wächst, die Erdölvorräte reichen nach aktuellen Schätzungen der Vereinten Nationen nur noch 45 Jahre aus, um den Energiehunger der industrialisierten Welt in der herkömmlichen Form zu decken, und auch die Klimaerwärmung wird neue Herausforderungen schaffen. Bisher ist es der Menschheit aber noch immer gelungen, im Streben nach einer Besserung ihrer Lage mit immer neuen Lösungen aufzuwarten.

Verstehe. Dann stimmt es also gar nicht, dass die Erdölvorräte schon jetzt nicht mehr den Energiehunger der industrialisierten Welt decken? Glück gehabt. Und dank der Belehrung von Karen weiß ich jetzt auch, dass der Klimawandel nicht etwa ein riesiges Problem ist, sondern nur neue Herausforderungen schafft. Womöglich gingen uns sonst die Knappheiten aus. Dass letztes Jahr so viel Menschen wie nie zuvor zu wenig zu essen hatten, liegt dann wahrscheinlich an deren mangelndem Erfindungsreichtum. Dabei dachte ich schon, das könnte zum Beispiel damit zusammenhängen, dass die USA ihr Wachstum mit Agroethanol aus Mais befeuern, statt wie bisher die Weltmärkte zu beliefern. Wie dumm von mir.

So also erklärt uns eine Ökonomin die Welt. Wahrlich ein Wahnsinn, dass sich das Theoriegebilde der Neoklassik so in den Köpfen ausbreiten konnte.