Studie: Solidarische Ökonomie in Österreich

von Andrea*s Exner [via]

Im Auftrag von Südwind habe ich eine Studie zur Solidarischen Ökonomie in Österreich erstellt. Die Arbeit erfolgte im Rahmen des EU-Projekts SUSY – Sustainable and Solidarity Economy. Die Studie steht als Langfassung und als Kurzfassung auf Deutsch bereit. Die Kurzfassung gibt es auch auf Englisch. Siehe dafür auch die Projektlinks für Lang- und Kurzfassung.

Sie beinhaltet

1. eine Abgrenzung des für das Thema Solidarische Ökonomie charakteristischen Transformationsdiskurses

2. eine Systematisierung von Sichtweisen und Erfahrungen wichtiger Akteur*innen zum Thema

3. einen selektiven Überblick solidarökonomischer Initiativen in Österreich

4. persönliche Schlussfolgerungen und Handlungsempfehlungen auf Basis der Studienergebnisse.

Zusammenfassung

Aus 27 Interviews zum Thema ergibt sich: Solidarische Ökonomie ist kein fest definierter Gegenstand. Die Bedeutung Solidarischer Ökonomie liegt in der Perspektive einer umfassenden gesellschaftlichen Transformation. Diese Transformation geht von Nischen aus, in denen Menschen darauf zielen gleichberechtigt, demokratisch, solidarisch, für die ganze Welt und kommende Generationen verantwortlich miteinander umzugehen. Dazu zählen etwa Food Coops, Kostnixläden, Volxküchen und gemeinschaftliches Wohnen. Die Bewegung für Ernährungssouveränität, für das Recht von Menschen über ihre Lebensmittelproduktion und Ernährung selbst bestimmen zu können, ist ein gutes Beispiel für Solidarische Ökonomie als Transformationsbewegung. Die Nischen existieren im Rahmen eines Herrschaftssystems: von Kapitalismus, Sexismus, Rassismus und anderen Formen der Ungleichheit und Rücksichtslosigkeit. Die Nischen sind widersprüchlich und können nur Teilbereiche für sich besser regeln als im System üblich. Solidarische Ökonomie aus ihren Widersprüchen heraus weiterzuentwickeln ist der Motor der Transformation. Dabei müssen Projekte multipliziert, Attraktivität für breitere Schichten der Gesellschaft entfaltet und Unterstützung für Initiativen organisiert werden. Entscheidend ist der Kontext einer sozialen Bewegung, die Raum für Austausch und eine beständige (selbst)kritische Reflexion der eigenen Praxis bietet. Längerfristig sind eine Politisierung und die Stärkung der sozialen Bewegungen für Solidarische Ökonomien entscheidend. Sie müssen Ressourcen vom Staat einfordern, konventionelle in solidarökonomische Betriebe überführen helfen und verschiedene Formen der solidarischen Vernetzung zwischen Initiativen und Betrieben entwickeln. Ziel ist der eigenständige Aufbau neu definierter Regionen in einem wirtschaftsdemokratischen Kontext.

Als persönliche Wertung ergibt sich: Momentan bestehen Wissensdefizite in der Diskussion zu Solidarischer Ökonomie. Wissen über die Erfolgsbedingungen solidarökonomischer Betriebe sollte stärker vermittelt werden, ebenso wie das Wissen über angepasste Rechtsformen Solidarischer Ökonomien. Soziale Absicherung, eine betriebsrätliche Interessensvertretung und demokratische (z. B. soziokratische) Organisationsmodelle können im Rahmen einer Genossenschaft umgesetzt werden, unabhängig von der Belegschaftsgröße.

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Gemeinschaftsgärten als räumlicher Ausdruck von Organisationsstrukturen

von A. Exner und I. Schützenberger [via]

Abstract:

Der Artikel untersucht Gemeinschaftsgärten in Wien unter dem Blickwinkel einer grundlegenden Transformation der Matrix des gegenwärtigen urbanen Raums hin zu einem differenziellen Raum (Lefebvre). Dies geschieht, indem wir anhand von acht Fallstudien Projekte mit unterschiedlich starkem staatlichem Einfluss vergleichen. Wir untersuchen, inwiefern die lokalstaatlich beeinflussten Gärten Anforderungen an die Lesbarkeit sozial-räumlicher Verhältnisse durch den Staat erkennbar verkörpern, und sich damit in die Matrix des abstrakten, bürokratisch geprägten Raums bruchlos einfügen. Im Gegensatz dazu zeigen die vom Staat nicht direkt beeinflussten Gärten einen geringeren Grad von Lesbarkeit und widersprechen der umgebenden Raummatrix deutlicher. Wir arbeiten heraus, dass Gärten, in denen der staatliche Einfluss stärker ist, in ihrem Binnenraum sowie im Vergleich miteinander homogener sind als Gärten, in denen staatlicher Einfluss keine oder eine geringe Rolle spielt. Es wird deutlich, dass eine bloße Ästhetisierung des Raums über die Markierung von Differenzen für eine Überwindung des abstrakten Raums nicht ausreicht.

Weiterlesen hier.

Referenz:

Exner, Andreas; Schützenberger, Isabelle (2015): Gemeinschaftsgärten als räumlicher Ausdruck von Organisationskulturen. Erkundungen am Beispiel Wien. sub/urban 3 (3), S. 51-74. http://www.zeitschrift-suburban.de/sys/index.php/suburban/article/view/203/345

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Commons: ein nomadisierender Begriff im Wandel von Bedeutungsfeldern. Anmerkungen zur theoretischen Analyse des Werks von Elinor Ostrom und linksalternativer Bezüge darauf

von Andreas Exner [via]

In der neuen Nummer der Zeitschrift “Emanzipation” ist ein Artikel von mir erschienen, der das Werk von Elinor Ostrom zu der Funktionsweise von Commons kritisch analysiert.

Volltext hier.

Hier das abstract:

Der Artikel untersucht die Bedeutung des Begriffs der Commons aus der Perspektive der Theorie kollektiver Selbstorganisation zur Nutzung von Allmenderessourcen von Elinor Ostrom. Dieser Ansatz ist in der linksalternativen Commonsdebatte prominent. Der Ansatz von Elinor Ostrom wird auf sein spezifisches Erkenntnisinteresse hin befragt und die Architektur ihres theoretischen Gebäudes dargestellt. Ostrom steigert die Komplexität vorangegangener Theorien rationaler Wahl durch die Berücksichtigung von kulturellen, psychologischen und sozialen Faktoren. Dem Erklärungsmodus des Paradigmas rationaler Wahl, das Institutionen aus individuellen Kosten-Nutzen-Kalkülen ableitet und deren Messbarkeit voraussetzt, wird dies jedoch nicht gerecht. Die linksalternative Debatte unterscheidet sich von diesem Paradigma durch eine weitgehende Ablehnung seiner Kernannahmen. Dennoch sind die meisten Bezüge auf Ostrom in dieser Debatte positiv. Neben einer Schwäche der Rezeption zeichnet für diese Paradoxie der Entwicklungsstand genuin linksalternativer Theoriebildungen zu Fragestellungen der Commonsdebatte verantwortlich.

Schlüsselworte: Commons, Institution, Kapitalismus, rationale Wahl

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Ö1-Sendung zum Projekt Green Urban Commons: “Soziales Grün. Parks und Freiräume als Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen.”

[via]

Städtisches Gartenprojekt Am 17. Juni strahlt Ö1 in der Sendereihe “Dimensionen. Welt der Wissenschaft” ab 19.05 ein Interview von Ilse Huber mit Projektmitarbeiter Andreas Exner zu Gemeinschaftsgärten in Wien aus.

Aus der Sendungsbeschreibung:

Grün- und Freiräume in Wien unterliegen permanenten Veränderungen. Abhängig von Gesellschaft, Politik und Wirtschaft wandeln sich die Ansprüche, aber auch die Nutzungen im öffentlichen Raum. Das lässt sich nicht nur in der gebauten Szenerie der Stadt erkennen, sondern auch in den weichen Stadtformen. Die vielen “grünen” Initiativen sind an der Stadt nicht spurlos vorübergegangen, siehe Gemeinschaftsgärten, urbane Ernteflächen oder bepflanzte Baumscheiben. Historische Plätze, aber auch ganz gewöhnliche Freiflächen befinden sich in permanenter Transformation.

Wie sich eine Gesellschaft verändert, lässt sich auch an dem Erscheinungsbild von Gärten und Parks ablesen. Das wird zumindest in einigen Wiener Forschungsprojekten untersucht. Sie legen ihren Schwerpunkt auf die Wechselwirkung Gesellschaft, Zeit und Raum. Wie das alles zusammenhängt, fasst Ilse Huber zusammen.

 

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+ + + RESILIENZ GEGENÜBER ENERGIEKRISEN + + + ÖSTERREICH IM MITTELFELD + + + SUFFIZIENZ UND SUBSISTENZ SIND WICHTIG

PR Aussendung zum Abschluss des KLIEN-Projekts „Resilienz Österreich“

+ + + RESILIENZ GEGENÜBER ENERGIEKRISEN + + + ÖSTERREICH IM MITTELFELD + + + SUFFIZIENZ UND SUBSISTENZ SIND WICHTIG

Klagenfurt und Wien, 15.6. 2015

Das vom Österreichischen Klima- und Energiefonds (KLIEN) der Österreichischen Bundesregierung geförderte Forschungsprojekt „Resilienz Österreich“ untersuchte, wie krisenfest die österreichischen Regionen angesichts mittelfristig weltweit rückläufiger Erdölförderung (Stichwort „Peak Oil“) sind. Die Projektergebnisse sind nun auf http://www.umweltbuero-klagenfurt.at/resilienz/ verfügbar. Beteiligt waren EB&P Umweltbüro GmbH, energieautark consulting gmbH, Energy Economics Group (TU Wien), Universität für Bodenkultur Wien, Institut für Raumplanung und Ländliche Neuordnung (BOKU-IRUB), DI Dr. Rosemarie Stangl, ÖGUT GmbH, Institut für Multilevel Governance and Development (WU), Bundesanstalt Statistik Österreich (Statistik Austria).

Sowohl der Klimaschutz als auch die Erdölknappheit nach dem Gipfelpunkt der Erdölförderung machen die Energiewende hin zu erneuerbaren Energieträgern[1] unausweichlich. Erdölknappheit kann diese jedoch zugleich erschweren, da Erdöl ein wichtiger Input jener Infrastruktur ist, die zur Produktion erneuerbarer Energieträger erforderlich ist. Zudem hängen Wirtschaftswachstum und daran gebundene Investitionen bislang von Erdöl ab.

Die Ergebnisse zeigen: Die Resilienz als flexible Krisenfestigkeit der österreichischen Regionen liegt im Mittelfeld. Zwar ist der Unterschied in der Resilienz zwischen den urbanen bis ländlichen Regionstypen in Österreich eher gering, dennoch lassen sich spezifische Stärken und Schwächen ausmachen. Während Städte Vorteile bezüglich energiesparender Lebensstile und Wirtschaftsweisen haben, können ländliche Räume durch ein großes Angebot an erneuerbaren Energien und die lokale bzw. regionale Nahrungsmittelproduktion punkten.

Bei einer unterschiedlichen Ausgangsbasis für Resilienzstrategien haben die Regionen Österreichs deutliches Potenzial zur Verbesserung: Eine geringe Resilienz weist erwartungsgemäß der Verkehrssektor auf. Verkehrssparende Siedlungsentwicklung, die das zu Fuß gehen und Radfahren erleichtert, und ein leistungsfähiger öffentlicher Verkehr würden die Resilienz erhöhen. In urbanen Räumen ist die Abhängigkeit von fossiler Wärmeversorgung derzeit problematisch. Die Dichte und Qualität menschlicher Beziehungen (Sozialkapital) dürfte in ländlichen Räumen besser ausgeprägt sein und Resilienz erhöhen. Die massive Abhängigkeit der Nahrungsmittelproduktion von fossilen Energiequellen ist sehr problematisch. Resilienzstrategien sollten die Lebensqualität anstelle quantitativen Wachs­tums ins Zentrum rücken. Lebensqualität hängt nicht nur von der Wirtschaftsleistung ab.

Besonders problematisch ist ein alleiniger oder hauptsächlicher Fokus auf ökonomische Effizienz. Diese führt zu einer übertriebenen Spezialisierung, die eine Grundversorgung mit überwiegend regionseigenen Mitteln im Krisenfall erschweren kann. Redundante und daher weniger effiziente Systeme sind resilienter, d.h. krisenfester. Subsistenzmöglichkeiten und eine Orientierung am rechten Maß (Suffizienz) sollten gestärkt werden.

PR-Rückfragen: Mag. Andreas Exner –+43-0699 12 72 38 87, andreas.exner@umweltbuero.at, andreas.exner@aon.at

[1] Brennbare Abfälle, Brennholz, Biogene Brenn- und Treibstoffe, Umgebungswärme, Wasserkraft, Wind, PV.

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Inseln im kapitalistischen Meer? Nicht alle Formen alternativer Landwirtschaft hinterfragen die Eigentumsordnung

[via ak - analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 605 / 19.5.2015]

von Andreas Exner

Linksalternative Kreise erproben vermehrt Wege aus der industriellen Landwirtschaft. In Abgrenzung zum konventionellen Biolandbau geht es dabei auch um die Reorganisation sozialer Verhältnisse in der Landwirtschaft.

Solidarische Landwirtschaft, Community-Supported Agriculture oder Community-Made Agriculture, Food-Coops und Gemeinschaftsgärten bezeichnen prominente Konzepte und konkrete Organisationstypen, die unter anderem den Anspruch verfolgen, den Bezug zur Produktion von Lebensmitteln sowie zu deren Verteilung neu zu gestalten.

Community-Supported Agriculture (CSA) meint eine Landwirtschaft, die von einer Gemeinschaft von Konsumierenden unterstützt wird (siehe den Beitrag auf Seite 27). Als Community-Made Agriculture bezeichnen sich manche kollektive Landwirtschaftsprojekte mit Selbstversorgungsfokus. Food-Coops sind meist Initiativen von Konsumierenden, die mit unbezahlten Eigenleistungen eine sozial verträgliche und umweltgerechte Landwirtschaft abseits von und in Opposition zu Supermärkten etablieren wollen.

Gemeinschaftsgärten verfolgen vielfältige Zielsetzungen, die allerdings häufig auch eine Neuordnung des Bezugs zu Lebensmitteln und pflanzenbaulicher Produktion umfassen, zusammen mit einer stärker kollektiven Organisation von gartenbaulicher Tätigkeit. All diese Aktivitäten können als Komponenten einer Perspektive solidarischer Landwirtschaft verstanden werden.

Das Ideal kleinbäuerlicher »Unabhängigkeit«

Die industrielle, von Supermärkten dominierte Landwirtschaft ist integraler Bestandteil des Kapitalismus, auch wenn die landwirtschaftlichen Betriebe selbst nicht unbedingt kapitalistisch, das heißt unter Einsatz von Lohnarbeit, produzieren. Wesentlich aber ist die Produktion auf Grundlage von Privateigentum, was eine Abhängigkeit von Märkten mit sich bringt und eine auf Profit hin orientierte Produktion ermöglicht.

Die Rolle von Privateigentum freilich wird in der linksalternativen Debatte vergleichsweise wenig beleuchtet und ist Gegenstand konträrer Perspektiven. Vielfach beruhen Visionen einer kleinbäuerlichen Landwirtschaft, die von einem guten Teil der Bewegungen für Ernährungssouveränität propagiert werden, auf einer »kleinen Warenproduktion« auf Basis von Privateigentum an Produktionsmitteln.

So schreiben solche Visionen das Kernelement des Kapitalismus fort. Sie tendieren dann zur Annahme, dass es eine Produktionsweise mit Privateigentum und Markt, aber ohne Profitorientierung und Kapitalismus geben könnte. Damit verbindet sich mitunter auch eine Ablehnung des gesellschaftlichen Charakters der Produktion im Kapitalismus, in gewisser Hinsicht etwa, wenn ein Ideal kleinbäuerlicher »Unabhängigkeit« gegen das »Subventionswesen« in Anschlag gebracht wird.

Solche Komponenten einer Kritik der industriellen Landwirtschaft können verschiedene Bedeutungen transportieren. Eine davon ist eine Kritik staatlicher Herrschaft, eine andere allerdings auch das kleinbürgerliche Ideal eines von gesellschaftlichen Steuerungsmechanismen »unbehelligten« und scheinbar »nur auf der eigenen Hände Arbeit« beruhenden Agierens am Markt.

Initiativen solidarischer Landwirtschaft thematisieren zumindest implizit die Eigentumsfrage in einem etwas weiterreichenden Sinn als die Vorstellung einer kleinbäuerlichen Warenproduktion und eine primär auf das Privateigentum bezogene Interpretation von Ernährungssouveränität. Dabei sind zwei Ebenen zu unterscheiden: das Eigentum an Produktionsmitteln und das Eigentum an den Konsumgütern, den Lebensmitteln.

Kollektivistische Projekte einer Community-Made Agriculture tendieren dazu, Arbeitsleistung und Ernte zu entkoppeln oder den Zusammenhang zu lockern. Mitunter, freilich keineswegs durchgehend betonen solche Projekte auch den nichtkommerziellen Charakter ihrer Aktivitäten. Damit ist gemeint, dass sie den Verkauf ihrer Produkte ausschließen und Menschen oder Projekte, die nicht zur Arbeit am Feld beigetragen haben oder beitragen können, mit einem gewissen Teil der Ernte versorgen.

Viele Gemeinschaftsgärten verfügen über kollektive Produktionsflächen, die häufig frei nach Maßgabe von Bedürfnissen beerntet werden können. Allerdings dominieren in diesen Initiativen meist individuelle Parzellen. Manche CSA-Gruppen lockern den Zusammenhang zwischen Bezahlung und individueller Bezugsmenge. In solchen Fällen kommt es also zu einer ansatzweisen Veränderung von Eigentumsverhältnissen auf der Ebene des Zugangs zu Lebensmitteln.

Diese Veränderungen bleiben freilich beschränkt – sei es durch den fehlenden kollektiven Willen, wirklich zu einer deutlichen Umverteilung von Kaufkraft zwischen den Konsumierenden zu kommen, sei es, weil der Zugang zu den Projekten sehr selektiv ist, wodurch diese sozial relativ einheitlich sind und Nischencharakter haben.

Kollektivierung von Produktion und Landbesitz

Auch auf der Ebene des Zugangs zu Produktionsmitteln gibt es Ansätze einer praktischen Hinterfragung der kapitalistischen und der kleinbäuerlichen Eigentumsordnung als eines Teils der kapitalistischen Produktionsweise, die frühere Allmenden vielfach privatisiert und den Charakter bäuerlicher Produktion seit dem Feudalismus tiefgreifend verändert hat. Solche Bestrebungen sind in der Regel seltener als Veränderungen auf der Konsumseite.

Food-Coops betreiben Lagerräume kollektiv, diese werden allerdings zumeist angemietet. CSAs kollektivieren manche Aspekte der Produktion, allen voran das Risiko der Ernte. Dies geschieht jedoch auf eingeschränkte und potenziell problematische Weise, weil die Konsumierenden nun einem weiteren Risiko ausgesetzt werden anstelle einer übergreifenden, gesellschaftlichen Regulierung der Produktionsrisiken in Form von Versicherungen.

Selbst wo die formelle Privateigentumsordnung in CSAs aufrechterhalten bleibt, tendieren diese in einigen Fällen allerdings zu einer Aufweichung dieser Ordnung und der damit einhergehenden Trennung von Produzierenden und Konsumierenden. Dies ist vermutlich eher dann der Fall, wenn die Betriebe ohne substanzielle Finanz- und Arbeitsleistungen der Konsumierenden nicht marktfähig wären und daher Macht an die Konsumierenden abgeben müssen und auch teilen wollen.

Initiativen wie die französischen AMAPs (Verbrauchervereinigungen für die Beibehaltung der bäuerlichen Landwirtschaft) und vergleichbare Bestrebungen etwa in Österreich und Deutschland gehen demgegenüber einen Schritt weiter und kollektivieren Landbesitz in Gestalt von Stiftungen oder Vereinen. Hier gilt es allerdings zu fragen, ob sich lediglich ein neuer Privateigentümer (etwa in Form einer Stiftung) etabliert, der Pacht von den Produzierenden verlangt, auch wenn die Pacht geringer sein mag als am Bodenmarkt, und der kaum Mitsprache bei Entscheidungen ermöglicht. Oder ob es sich um substanziell kollektivistische Projekte handelt, welche die Egalität aller Beteiligten in Entscheidungsprozessen anstreben, die die gemeinschaftlich verwalteten Flächen und andere Produktionsmittel betreffen.

Wie an diesen Beispielen zu sehen ist, treffen Versuche einer Veränderung von Eigentumsverhältnissen in der alternativen Landwirtschaft auf mannigfaltige Hindernisse. In demselben Maße, wie solche Versuche kleine Brüche mit der Marktwirtschaft darstellen, werden sie immer auch dadurch limitiert, dass die Lebensreproduktion bisher von eben dieser Wirtschaftsweise abhängig ist.

Andreas Exner lebt in Graz und arbeitet zu den Themen Ökologie, solidarische Ökonomie und Commons.

 

 

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CROSSROADS: Festival für Dokumentarfilm und Diskurs. 03.-13.06. 2015, FORUM STADTPARK, Graz

Vor dem Hintergrund der sich verschärfenden sozial-ökologischen Krise und fortschreitenden Entdemokratisierung lädt das Forum Stadtpark mit der vierten Ausgabe des Crossroads Festivals erneut zur Auseinandersetzung mit entscheidenden Entwicklungen der Gegenwart ein. Neben aktuellen Krisenfolgen macht die Auswahl prämierter Dokumentarfilme vor allem auch Menschen, Initiativen und Bewegungen sichtbar, die sich für gesellschaftliche Alternativen und ein gutes Leben für Alle einsetzen. Mit beeindruckenden Bildern werden inspirierende Geschichten erzählt, die Handlungsmöglichkeiten aufzeigen und zum Aktivwerden ermutigen.

Filmgespräche im Anschluss an die Screenings ermöglichen es, persönlich mit Filmemacher_innen und Protagonist_innen ins Gespräch zu kommen und die in den Filmen behandelten Themen zu diskutieren. Zusätzliche Diskursformate mit kritischen Denker_innen und Aktivist_innen vervollständigen das Programm und laden zur Partizipation ein. Diese kann im Rahmen verschiedener Workshops, Exkursionen und Vernetzungstreffen weiter vertieft werden. Interessierte können Gleichgesinnte kennenlernen und den nächsten Schritt zum gemeinsamen Handeln machen.

Themenschwerpunkte:
- Klimawandel und Energiewende (3.-6.6.)
- Zukunftsfähige Landwirtschaft und Ernährungssouveränität (6.-7.6.)
- Brennpunkte der sozial-ökologischen Krise (8.6.)
- Frauen und der Einsatz für Geschlechtergerechtigkeit (9.6.)
- Mensch-Tier-Beziehungen (10.6.)
- Festung Europa (11.6.)
- Wirtschaftskrise, Gegenstrategien, Alternativen (12.6.)

Eintritt frei! Freiwillige Unkostenbeiträge sehr willkommen!

http://crossroads-festival.org/


CROSSROADS

Festival for documentary film and discourse

JUNE 3rd – 13th, 2015

FORUM STADTPARK, Graz, Austria

Crossroads warmly invites you to engage with current social, ecological, economic and political developments. As the global socio-ecological crisis intensifies (think climate change, peak everything, economic and social disintegration, etc.) and governments fail to bring about the transformations we need, our program focuses on the courageous people and inspiring movements and initiatives who fight for social justice and for the preservation of our natural means of livelihood worldwide.

A selection of award-winning films offers the audience intimate insight into personal and collective efforts to make the world a better place. Impressive stories about the most important issues of our times are told with arresting images. The festival’s aim is not only to raise awareness, but also to empower people to get active and join the struggle for a sustainable future in which everybody is able to live well.

Many film screenings are followed by q&a sessions and debates with filmmakers, protagonists, activists and critical thinkers to deepen the engagement with the issues covered in the films. Additional talks, panel discussions, teach-ins and workshops complete our program.

Topics:
– Climate Change & Energy Struggles (June 3rd-6th)
– Food Sovereignty, Solidarity Agriculture & Urban Gardening (June 6th-7th)
– Confronting the Socio-ecological Crisis (June 8th)
– Wimmin* & Gender Justice (June 9th)
– Human-animal Relations (June 10th)
– Fortress Europe (June 11th)
– Economic Crisis, Counter-Strategies, Alternatives (June 12th)

Free Entry! Donations very welcome!

http://crossroads-festival.org/en/

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Anja Ibes: Kann Solidarische Landwirtschaft als eine Form von Peer Production gesehen werden?

von Andreas Exner

Anja Ibes hat eine lesenswerte Studie zur Frage des Verhältnisses zwischen Solidarischer Landwirtschaft und Peer Production vorgelegt. Sie steht hier zum Download bereit.

Aus dem Fazit:

Die vorliegende Arbeit widmete sich der Frage, ob die Solidarische Landwirtschaft als eine Form von Peer Production gesehen werden kann. Um eine Antwort darauf finden zu können, wurden zunächst die grundlegenden Merkmale der Peer Production identifiziert und in Vergleichskategorien eingeteilt. Dadurch wurde ein analytischer Rahmen erstellt, mit dem die beiden Konzepte vergleichbar gemacht werden sollten. Im Anschluss wurden die Kategorien auf ihre Kongruenz mit dem Konzept der Solidarischen Landwirtschaft hin überprüft.

Mit Hilfe dieser Vorgehensweise konnten zahlreiche Überschneidung der Merkmale beider Konzepte ermittelt werden. Fast alle Aspekte der Peer Production finden sich in verschieden ausgeprägter Form im Konzept der Solidarischen Landwirtschaft wieder: Beide setzen sich eine sozial gerechte und ökologisch nachhaltige Wirtschaftsweise zum Ziel. Sie gehen davon aus, dass Menschen freiwillig kooperieren, um in einem gemeinsamen, selbstbestimmten und effizienten Produktionsprozess Gemeingüter herzustellen, die ihre Bedürfnisse befriedigen.

Über diese grundlegenden Gemeinsamkeiten hinaus, finden sich weitere Kriterien der Peer Production in der Solidarischen Landwirtschaft wieder, die jedoch nicht von allen Gemeinschaften unterstützt werden. Das steht im Zusammenhang mit der Definition von Solidarischer Landwirtschaft, laut der es Bestandteil des Konzepts ist, dass sich jede Gemeinschaft den jeweiligen lokalen Begebenheiten und Bedürfnissen seiner Mitglieder anpasst. Zusätzliche Überschneidungsmerkmale finden sich vor allem in Gemeinschaften mit grundlegender Kritik am waren- und tauschbasierten Wirtschaftssystem. Diese kritisieren grundlegend die Profitorientierung und die Äquivalenztauschlogik und versuchen durch Mechanismen wie das Bietverfahren oder die selbstausgehandelten Entnahmeregeln Alternativen aufzubauen. Die Aufhebung des Äquivalenztauschs, wie von der Peer Production formuliert, übertrifft in der Praxis einiger Projekte der Solidarischen Landwirtschaft oft die Theorie: Das Verständnis, dass die Produktion und nicht das Produkt finanziert wird, sowie durch die Entkoppelung von Beiträgen und Bezügen innerhalb der Gemeinschaften könnte einen ersten Schritt bei der Auflösung des marktwirtschaftlichen Äquivalenztauschprinzips und einer potenziellen Entmonetarisierung darstellen. Auch die klassischen Rollen von Produzent_innen und Konsument_innen und daraus resultierende Hierarchien im Produktionsprozess sowie das klassische Eigentumverständnis werden in beiden Fällen bewusst hinterfragt und sollen bestmöglich aufgehoben werden (z.B. durch Formen der kollektiven Nutzung der Produktionsmittel).

Die fortbestehende Trennung zwischen Produzent_innen und Unterstützer_innen bleiben voraussichtlich eine Differenz zwischen den beiden Konzepten, die für die landwirtschaftliche Produktion nicht überwunden werden kann. Ihre Vergegenwärtigung und Reflexion kann jedoch der Vermeidung von Herrschaftsstrukturen und Machtkonzentration dienen. Die Annahme der Peer Production, dass eine Aufhebung der Unterscheidung zwischen Produzent_innen und Verbraucher_innen für die materielle Produktion rivalisierender Güter möglich ist, bedarf einer weiterführenden Auseinandersetzung.

Die meisten Differenzen zwischen den Merkmalen der Peer Production und der Solidarischen Landwirtschaft ergeben sich aus der grundlegend unterschiedlichen Wesensart der beiden Konzepte und der Notwendigkeit zur Interaktion mit dem bestehenden Wirtschaftssystem. So ist eine entmonetarisierte Solidarische Landwirtschaft nur in einer gesamtgesellschaftlichen Ausdehnung des Konzepts möglich, in dem sämtliche Wirtschaftsbereiche miteinander vernetzt sind. Dann kann auch ermittelt werden, ob ein Verteilungspool in der Lage wäre, überregionale und existenzbedrohende Versorgungsengpässe auszugleichen.

Angesichts der beachtlichen Menge an sich überschneidenden Merkmalen sowie der Annahme, dass die existierenden Differenzen mit dem Grad der Ausbreitung des Konzepts der Solidarischen Landwirtschaft, nicht aber mit seinen grundlegenden Eigenschaften in Verbindung steht, kann die dieser Arbeit zugrundeliegende
Fragestellung für Hofgemeinschaften der Solidarischen Landwirtschaft, die eine grundlegende Kritik am marktbasierten Wirtschaftssystem üben und umzusetzen versuchen, bestätigt werden. Von diesem Ergebnis ausgehend können diese Projekte der Solidarischen Landwirtschaft als eine praktische Ausformung der Peer Production für den Wirtschaftssektor der Landwirtschaft gewertet werden.

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Karl Marx. Philosoph der Befreiung oder Theoretiker des Kapitals?

von Andreas Exner

Cover: Karl MarxSoeben ist der von Karl Reitter herausgegebene Sammelband “Karl Marx. Philosoph der Befreiung oder Theoretiker des Kapitals?” im Mandelbaum-Verlag zu Wien veröffentlicht worden. Der Untertitel verweist darauf, dass der Band einen Beitrag “Zur Kritik der ‘Neuen Marx-Lektüre’” liefert. Darin findet sich unter anderem ein Artikel aus meinen Handen mit dem Titel “Zur Relevanz von klassentheoretischen Analysen heute. Reflexionen einer wertformkritischen Perspektive”.

Verlagsinformation:

Der Ausdruck »neue Marx-Lektüre« wird von ihren ProtagonistInnen als positive Selbstbezeichnung verwendet. Vorgeblich soll es sich dabei um jene Marx-Rezeption handeln, die vorhergehende Irrtümer und Unzulänglichkeiten überwindet und den heutigen Standard einer niveauvollen Beschäftigung mit Marx darstellt. Im vorliegenden Band wird dieser Anspruch methodisch und inhaltlich in Frage gestellt.

Der Klassengegensatz wird in der »neuen Marx-Lektüre« zugunsten eines klassenübergreifenden Strukturzusammenhangs des automatischen Subjekts Kapital relativiert. Dass im Marxschen Kapital eine »Theorie des Drängens gegen die Herrschaft« vorliegt, so John Holloway in seinem Beitrag, wird zugunsten einer bloßen Beschreibung der Verhältnisse, die sich zumeist an den Phänomenen der Oberfläche der Zirkulation orientiert, aufgegeben. Kritik ist aber nur ein Aspekt der hier publizierten Texte, sie wird um positive Bestimmungen des Kapitalverhältnisses, nicht zuletzt hinsichtlich der Möglichkeit seiner Überwindung, erweitert und ergänzt.

Mit Beiträgen von: Jürgen Albohn, Johann-Friedrich Anders, Roland Atzmüller, Tobias Brugger, Andreas Exner, Christoph Henning, John Holloway, Georg Klauda, Christoph Lieber, Fritz Reheis, Karl Reitter

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Gemeinschaftsgärten – Krisengärten? Weimar, 4.3., 20.00 Uhr

von Andreas Exner

Vortrag plus Diskussion.

Zeit und Ort: 4.3.2015, 20:00 Uhr, Weimar, Wilma/ Transition Town-Initiative (Thälmannstraße 67).

Eine erste Veranstaltung gleichen Inhalts gibts in Erfurt.

Inhalt: Gemeinschaftsgärten verknüpfen Naturbezug mit sozialer Interaktion. Das Schreiben über diese Art von Gärten ist dabei mindestens ebenso wichtig wie das Gärtnern selbst. Darin fallen drei wiederkehrende Zuschreibungen ins Auge: Gemeinschaftsgärten fördern ein ökologisches Bewusstsein, stärken demokratische Orientierungen und verbessern das Zusammenleben von Menschen verschiedener Kulturen, Altersstufen und sozialer Hintergründe. Sie sollen ein Ort des Experimentierens sein und eine positive Aneignung öffentlichen Raums durch Kollektive ermöglichen. Zwar ist die Prominenz dieser Gärten groß, doch materiell spielen sie kaum eine Rolle. Wie lässt sich das erklären?

Andreas Exner (Institut für Politikwissenschaft der Uni Wien, Projekt Green Urban Commons) hat sich eingegend mit Gemeinschaftsgärten beschäftigt und stellt dazu Thesen zur Diskussion.

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